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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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3

Der Frühling war gekommen. In den nassen Straßen der Stadt rieselten zwischen den kotdurchsetzten Eisklumpen hurtige Bächlein; die Farben der Kleider und die Stimmen der Leute auf den Straßen schienen ungewöhnlich hell. In den Gärtchen hinter den Zäunen schwollen die Knospen der Bäume, und die Zweige wiegten sich kaum hörbar im frischen Winde. Überall flossen und tropften durchsichtige helle Tropfen . . . Die Spatzen piepsten und flatterten mit ihren kleinen Flügeln. Auf der Sonnenseite, auf Zäunen, Häusern und Bäumen war alles voller Bewegung und Licht. Der Himmel, die Erde und die Herzen der Menschen waren von einer fröhlichen, jugendfrischen Stimmung erfüllt.

In einer der Hauptstraßen war vor einem großen herrschaftlichen Hause auf dem Fahrdamm frisches Stroh ausgebreitet; im Hause lag dieselbe Kranke, die ins Ausland reisen wollte, im Sterben.

Vor der geschlossenen Tür des Krankenzimmers standen der Gatte und eine ältere Dame. Auf dem Sofa saß ein Geistlicher; er hatte die Augen gesenkt und hielt in den Händen das Beichttuch, in das etwas eingewickelt war. In einer Ecke lag in einem großen Lehnstuhl eine Greisin, die Mutter der Kranken, und weinte bitterlich. Neben ihr hielt ein Dienstmädchen ein sauberes Taschentuch bereit, um es ihr zu geben, wenn sie danach verlangte; ein zweites Dienstmädchen rieb der Alten die Schläfen und blies ihr unter die Haube auf dem greisen Kopf.

»Nun, der Heiland helfe Ihnen, liebe Freundin!« sagte der Gatte zu der älteren Dame, mit der er vor der Tür stand. »Sie hat ja solches Vertrauen zu Ihnen; Sie verstehen es so gut, mit ihr zu sprechen: versuchen Sie doch, es ihr zu sagen, meine Liebe, gehen Sie doch zu ihr hinein!« Er wollte ihr schon die Tür öffnen, die Cousine hielt ihn aber noch zurück, drückte das Tuch einigemal an die Augen und schüttelte den Kopf.

»So, jetzt sieht man wohl nicht, daß ich geweint habe?« fragte sie. Dann öffnete sie selbst die Tür und trat ins Krankenzimmer.

Der Gatte war stark erregt und schien gänzlich verstört. Er wollte zuerst auf die Greisin zugehen; als ihn aber nur noch wenige Schritte von ihr trennten, kehrte er um, ging durch das Zimmer und näherte sich dem Geistlichen. Der Geistliche blickte ihn an, hob die Augenbrauen und seufzte. Auch sein dichtes, leicht ergrautes Bärtchen hob und senkte sich.

»Mein Gott! Mein Gott!« sagte der Gatte.

»Was soll man machen?« sagte seufzend der Geistliche, und seine Augenbrauen und das Bärtchen hoben und senkten sich wieder.

»Auch Mamachen ist hier!« sagte der Gatte fast verzweifelt. »Sie wird es nicht überwinden. Denn wie sie sie liebt und wie sie an ihr hängt . . . ich weiß wirklich nicht. Hochwürden, wenn Sie wenigstens versuchen wollten, sie zu beruhigen und ihr zuzureden, daß sie von hier fortgehe.«

Der Geistliche erhob sich vom Sofa und ging auf die Greisin zu.

»Ein Mutterherz kann wahrlich niemand ergründen,« sagte er, »doch Gott ist barmherzig.«

Über das Gesicht der Greisin ging plötzlich ein Zucken, und sie bekam einen Anfall von hysterischem Schluchzen.

»Gott ist barmherzig,« fuhr der Geistliche fort, als sie sich etwas beruhigt hatte. »Ich will Ihnen sagen: in meiner Gemeinde war ein Kranker, mit dem es noch viel schlimmer stand als mit Maria Dmitrijewna; und was glauben Sie? Ein einfacher Kleinbürger hat ihn in kürzester Zeit mit Kräutern gesund gemacht. Und dieser selbe Kleinbürger hält sich jetzt zufällig in Moskau auf. Ich habe schon mit Wassili Dmitrijewitsch davon gesprochen, man könnte doch versuchen . . . Das wäre immerhin ein Trost für die Kranke. Bei Gott ist alles möglich.«

»Nein, sie wird nicht am Leben bleiben,« sagte die Greisin. »Statt mich zu sich zu nehmen, läßt Gott sie sterben.« Das hysterische Schluchzen wurde so stark, daß sie das Bewußtsein verlor.

Der Gatte der Kranken bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief aus dem Zimmer.

Im Korridor stieß er auf seinen sechsjährigen Jungen, der im Galopp dem jüngeren Schwesterchen nachlief.

»Befehlen Sie nicht, daß ich die Kinder zur Mama führe?« fragte die Kinderfrau.

»Nein, sie will sie nicht sehen. Es wird sie zu sehr aufregen.«

Der Knabe blieb einen Augenblick stehen, musterte aufmerksam das Gesicht des Vaters, schlug dann mit dem Fuße aus und lief lustig weiter.

»Sie ist der Rappe, Papachen!« rief der Knabe, auf die Schwester zeigend.

Die Cousine saß unterdessen im andern Zimmer neben der Kranken und suchte sie durch klug berechnete Worte auf den Tod vorzubereiten. Der Arzt stand am Fenster und mischte einen Trank.

Die Kranke saß in weißem Morgenkleid, ganz von Kissen umgeben, im Bett und blickte die Cousine schweigend an.

»Ach, meine Liebe,« unterbrach sie sie plötzlich, »Sie brauchen mich gar nicht vorzubereiten. Halten Sie mich doch nicht für ein Kind. Ich bin eine Christin. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange zu leben habe, und ich weiß, daß ich jetzt in Italien wäre, wenn mein Mann früher auf mich gehört hätte; dann wäre ich vielleicht, oder sogar bestimmt, gesund. Das haben ihm alle gesagt. Jetzt ist aber nichts zu machen. Gott hat es offenbar so gewollt. Wir alle haben viele Sünden, ich weiß es; ich hoffe aber auf Gottes Barmherzigkeit: es wird allen verziehen werden, ja, ich bin davon überzeugt. Ich bemühe mich jetzt, mein Innerstes zu erforschen. Auch ich hatte viele Sünden auf dem Gewissen, meine Liebe. Doch wieviel habe ich dafür gelitten! Ich war immer bestrebt, meine Leiden geduldig zu ertragen . . .«

»Soll ich also den Geistlichen hereinrufen, meine Liebe? Wenn Sie die heiligen Sakramente empfangen, wird es Ihnen sicherlich leichter werden,« sagte die Cousine.

Die Kranke neigte zustimmend den Kopf.

»Gott sei mir Sünderin gnädig!« flüsterte sie.

Die Cousine ging hinaus und winkte dem Geistlichen.

»Sie ist ein wahrer Engel!«sagte sie mit Tränen in den Augen zu dem Gatten. Der Gatte begann zu weinen, der Geistliche ging ins Krankenzimmer, die Greisin war noch immer bewußtlos, und im ersten Zimmer wurde es vollkommen still. Nach fünf Minuten kam der Geistliche zurück, nahm sich das Beichttuch von der Schulter und strich sich mit der Hand das Haar zurück.

»Gott sei Dank, sie ist jetzt ruhiger,« sagte er, »sie wünscht Sie zu sehen.«

Die Cousine und der Gatte gingen hinein. Die Kranke weinte still in sich hinein, die Augen auf das Heiligenbild gerichtet.

»Gratuliere zum Empfang der heiligen Sakramente, meine Liebe!« sagte der Gatte.

»Hab Dank! Wie wohl ich mich jetzt fühle, welch unbegreifliche Süße ich empfinde!« sagte die Kranke, und ein leises Lächeln spielte um ihre seinen Lippen. »Wie Gott barmherzig ist! Nicht wahr? Er ist barmherzig und allmächtig!« Sie richtete ihre tränenvollen Augen wieder mit heißem Flehen auf das Heiligenbild.

Dann schien sie sich auf etwas zu besinnen. Sie winkte den Gatten näher zu sich heran.

»Du willst niemals tun, worum ich dich bitte«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Der Mann reckte den Hals und hörte ihr gespannt zu.

»Was denn, meine Liebe?«

»Wie oft habe ich dir gesagt, daß die Ärzte alle miteinander nichts verstehen; es gibt aber einfache Frauen aus dem Volke, die die schwersten Krankheiten heilen . . . Hochwürden hat mir eben von einem Kleinbürger erzählt . . . laß ihn holen.«

»Wen, meine Liebe?«

»Mein Gott, er will mich nicht verstehen! . . .« Die Kranke verzog das Gesicht und schloß die Augen.

Der Arzt trat an sie heran und ergriff ihre Hand. Der Puls wurde merklich schwächer und schwächer. Er winkte dem Gatten mit den Augen. Die Kranke bemerkte es und sah erschrocken auf. Die Cousine wandte sich weg und begann zu weinen.

»Weine nicht, quäle nicht dich selbst und mich,« sprach die Kranke, »das nimmt mir meine letzte Ruhe.«

»Du bist ein Engel!« sagte die Cousine, ihr die Hand küssend.

»Nein, küsse mich hier, nur den Toten küßt man die Hand. Mein Gott! Mein Gott!«

Am selben Abend war die Kranke eine Leiche, und die Leiche lag im Sarg im Saal des großen Hauses. Im großen Zimmer saß hinter verschlossenen Türen ganz allein der Küster und las näselnd und eintönig die Psalmen Davids. Das helle Licht der Wachskerzen in den hohen silbernen Leuchtern fiel auf die bleiche Stirn der Entschlafenen, auf ihre schweren wächsernen Hände und auf die gleichsam versteinerten Falten des Bahrtuches, unter dem sich die Kniee und die Fußspitzen unheimlich abzeichneten. Der Küster las eintönig, ohne ein Wort zu verstehen, und die Worte hallten seltsam durch den stillen Raum und erstarben. Ab und zu klangen aus einem entfernten Zimmer Kinderstimmen und Kinderschritte herüber.

»›Verbirgest du dein Angesicht, so erschrecken sie‹«, lautete der Psalm. »›Du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du lässest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und erneuerst die Gestalt der Erde. Die Ehre des Herrn ist ewig.‹«

Das Antlitz der Verstorbenen war streng und majestätisch. Weder auf der klaren kalten Stirn noch auf den fest geschlossenen Lippen regte sich etwas. Sie war ganz Spannung. Aber verstand sie wenigstens jetzt diese erhabenen Worte?

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