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Vlämische Legenden

Charles de Coster: Vlämische Legenden - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
authorCharles de Coster
titleVlämische Legenden
publisher
printrunDrittes und viertes Tausend
editorEugen Diederichs
year1916
translatorMarie Lamping und Friedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140206
projectid5c088691
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Die Masken

An einem Abend im Monat März bei sehr schlechtem Wetter feierte man im »Haus ohne Laterne« bei Vleurgat Fastnacht. Das Haus lag im spitzen Winkel zweier von kleinen Säumen eingefaßter Straßen und war nicht von Gespenstern bevölkert, sondern von einem braven, alten Baes (Wirt), dessen Frau und zwei Töchtern, von Bauern, Künstlern und Dichtern, von Einfalt und Verschlagenheit, Harmlosigkeit und Bosheit, von Klugheit und ihrem Gegenteil, Gott und Teufel, Gut und Böse, wie überall.

Einige Personen fielen besonders auf: ein junger Fabrikant, der reich werden wollte, ein blasser, hypochondrischer, phlegmatischer Genremaler, ein junger, schweigsamer Gottesgelahrter, der sich in den Ecken herumdrückte und Priester werden wollte, und schließlich ein Offizier, dessen höfliche Manieren jenen schneidigen Klingen glichen, die selbst mit Vorsicht gehandhabt verletzen. Der angehende Priester und der Offizier waren wenig beliebt, der eine wegen seines Hochmuts und der andre wegen seines falschen Lachens.

Diese ohnehin lärmende Gesellschaft ward noch lebendiger durch die geräuschvolle Gegenwart eines witzigen Lärmmachers und boshaften Kopfes, der sein gutes Herz weislich verbarg. Meister Job war eine anerkannte Wetterfahne, drehte sich aber nur bei dem Wind aus dem Goldlande, worin die Napoleons, Wilhelms, Friedrichs und Guineen wachsen und sich bei bloßer Berührung vermehren. Meister Job war Handlungsreisender in allen Branchen; trotzdem hatte er bereits vier Trabanten: einen Laufburschen, einen Volontär, einen halben Winkelmakler und einen Anwärter, der eben im Begriff war, durch sein juristisches Doktorexamen zu fallen.

 

Am besagten Abend war der große Saal des »Hauses ohne Laterne« mir Girlanden und Verzierungen aus Zweigen von Stechpalmen, Zypressen, Tannen, Heidekraut und Ziersträuchern geschmückt. Ein ganzes improvisiertes Museum von Bildern, Reiterhelmen, Innungsfahnen, Hellebarden, Lanzen und Morgensternen hob sich von diesem schönen Hintergrunde von Blumen und duftendem Grün ab.

Alsbald erfüllte den Saal ein Schwarm von Masken, darunter der Offizier als Kroat, der Gottesgelahrte als Kapuziner, der Fabrikant als Fuhrmann, Meister Job als Bajazzo, seine Trabanten als Musikanten und endlich ein hohes Uhrgehäuse, das die Stunden schlug und schwermütig Kuckuck rief.

Nachdem das Uhrgehäuse den Kroaten gepufft, den Kapuziner gerempelt und Meister Job auf die Füße getreten hatte, setzte es sich in eine Ecke und wartete die Essenszeit ab. Als der Braten mit seinem Gefolge von Kartoffeln, Sauce und Gurken erschien, ward es in dem Kasten lebendig; der Kuckuck schrie siebenmal, die Uhr schlug vierundzwanzig, und das Gehäuse erhob sich langsam bis zur Decke des Saales, während darunter ein paar große Füße, ein paar dünne Beine, eine weiße Hose, ein kurzer, schwarzer Paletot und schließlich das blasse Gesicht, die hohe Stirn und das aschblonde Haar des Malers Hendrik Zantas zum Vorschein kamen. Hendrik setzte sich zu Tische, schüttelte seine Haarlocken und aß mit Wolfshunger.

Dann kam der Nachtisch mit dem duftenden Burgunder; Gesang stieg aus den Gläsern auf; ein Klavier spielte lustige Weisen; Frohsinn lachte aus aller Augen; der Kroat und der Bajazzo, der Fuhrmann und der Kapuziner warfen sich Witze und Einfälle wie Bälle zu; der Weindunst bevölkerte den Saal mit fröhlichen Phantomen; die Blässesten wurden rot, die Kältesten tauten auf, und die Schwermut hinkte auf ihren Krücken davon.

Hendrik trank für vier, war lustig für zehn, sprang auf den Tisch und fiel darunter. Dann fühlte er, daß seine Stunde gekommen war, kroch wieder in sein Gehäuse, schlug ein Uhr morgens, rief Kuckuck und ging phlegmatisch von dannen.

Der arme Kerl war das Weintrinken nicht gewöhnt. Kaum hatte er den Fuß vor die Tür gesetzt, so vollendete die frische Luft seinen Rausch. Er wollte gerade stehen und schwankte, geradeaus gehen und schlug einen Haken. Was sollte er tun? Ins »Haus ohne Laterne« zurückkehren oder weitergehen? Er entschloß sich tapfer zum letzteren, doch je länger er ging, desto größer, häufiger und schärfer wurden die Kurven.

An einer Straßenbiegung erblickte er in nebliger Ferne eine der Laternen von Bas-Ixelles. Voller Dankbarkeit heftete er den Blick auf das Licht, das wie ein Stern funkelte. Der Schiffer, den der Sturm des Rausches umherwarf, hatte seinen Leuchtturm gefunden! Doch seine Freude war verfrüht; denn alsbald sah er, daß sein Leuchtturm ihm jede Bewegung nachmachte und am Himmel die gleichen Haken schlug, wie er auf der Straße. Das Licht fuhr von Süden nach Norden und von den Wolken zur Erde, lief über die Dächer, sprang über das Pflaster, glitt über die Bäume und Mauern und bis unter Hendriks Füße mit toller, unerhörter, schrecklicher Geschwindigkeit. Er machte halt, und der Leuchtturm desgleichen, doch nur um mit feurigen Buchstaben diese drei Worte an den Nachthimmel zu werfen: »Gy zyt zat« (Du bist betrunken). »Schon möglich«, dachte Hendrik; »ich glaube, ich täte gut, mich zu setzen.« Und sogut er konnte, steuerte er auf ein Häuschen an der Straße zu, hob sein Uhrgehäuse bis an die Hüften hoch, fiel hin, streckte die Beine aus, schlug ein Loch in die Pappe, um atmen zu können, steckte den Kopf durch und guckte ...

 

Am Tage war die Landschaft schön: Felder, ein gefrorner Teich, von schönen Blumen umsäumt, rechts im Hintergrunde die Wipfel der Wälder von Soignes und der Cambre.

Dichter und dichter umnebelte sich Hendriks Hirn, Er schloß die Augen und sah die beiden Wälder näherrücken und den Teich einfassen. Das Eis sprang, zerbarst, verschwand und machte einem weiten tiefen Tale Platz; das Straßenpflaster hob sich und spie seltsame Dinge aus, Wurzeln, Taue oder Schlangen, die krochen, wimmelten, sich wanden und sich verstrickten, um sich schließlich zu einem dicken Seil zu vereinen, das über das Tal gespannt war.

Wie straff war dieses Seil gespannt! Und welche Freude für einen Seiltänzer von Ruf, seine Künste auf einem so außerordentlichen Seil und vor so vielen Zuschauern zu zeigen! Denn viele Menschen erfüllten das Tal, das die mäßige Lebensstellung der meisten versinnbildlichte; und diese Niedrigstehenden konnten nicht umhin, die hohen Personen zu sehen, die auf dem Seil tanzten, und ihren Kunststücken Beifall zu zollen ...

Plötzlich hatte er allerlei merkwürdige Empfindungen. Zunächst fühlte er sich nach der Stelle versetzt, von wo die Seiltänzer zu ihrem gefährlichen Zeitvertreib antreten mußten. Diese Wächterrolle gefiel ihm. Doch etwas andres verblüffte ihn noch mehr. Sein Fleisch, seine Muskeln und Knochen schmolzen. Er fühlte sich leicht wie Gazeschleier und flüchtig wie Weihrauch; er suchte sich und fand sich nicht mehr. Trotzdem meinte er, einen Körper zu haben. Ein neues Gesicht war an Stelle des alten getreten, ein bildschönes Gesicht mit riesiger Stirn; und die Augen, die darin glühten, deuchten Hendrik funkelnd von Geist und Bosheit. Sein Verstand schien ihm ins Ungemeßne gewachsen. »Ich brauche nur zu wollen,« sagte er sich, »und ich kenne die verborgensten Gedanken, und die tiefsten Geheimnisse werden mir klar.«

Diese Überlegung hob ihn in seinen eignen Augen sehr hoch; er verglich sich mit Satan, fand sich diesem gestürzten Erzengel überlegen, war höchst zufrieden mit sich und meinte, Gott habe ihn neben das Seil gestellt, damit er die Herzen der Seiltänzer ergründen könne. »Seltsam,« dachte er, indem er streng in das Tal blickte, »ich sehe unter den braven Leuten ohne Ehrgeiz den hochmütigen Kroaten und den scheinheiligen Kapuziner. Doch nein, da klettern sie mühsam die Länder des Tales empor, hinter dem habgierigen Fuhrmann und gefolgt von Meister Job und seinen vier Trabanten, die wie dumme Lastkähne hinter ihrem Schlepper einherziehen. Ich werde sie tüchtig anfahren, wenn sie die Dreistigkeit haben, hierher zu kommen.«

Damit nahm er eine drohende Miene an, stemmte die Faust in die Hüfte, zwirbelte sein Schnurrbärtchen hoch und zog die vier Haare seines Knebelbartes, die sonst kaum zu sehen waren, einen halben Kuß lang aus.

 

Der Fuhrmann war der erste am Seil und bei Hendrik.

»Geheimnisvolles Phantom,« sprach er zu ihm, »wer du auch seist, ob Engel oder Teufel, geruhe, mir zu antworten: Kann man auf diesem Seil tanzen?«

Durch die Anrede Phantom und Teufel besänftigt, antwortete Hendrik in würdigem Tone: »Du kannst es.«

Da betrat der Fuhrmann das Seil, und Hendrik sah ihn tanzen, so gut er konnte. Dabei sprach er:

»Ich bin ehrlich, sehr ehrlich, der ehrlichste Mensch.«

Und die guten Leute im Tal klatschten ihm Beifall.

»Ich treibe zwar Wucher,« sprach er für sich, »ich leihe Geld zu hohen Zinsen auf kurze Frist, ich bin hart gegen die Armen, erbarmungslos gegen jedermann, doch ich stehle nicht, ich töte nicht und ehebreche nur im geheimen.«

Und die guten Leute, die ihn nur tanzen sahen, aber nicht reden hörten, klatschten ihm von Herzen Beifall. Und die Gold- und Silberstücke flogen ihm von allen Seiten zu. Und er machte große Luftsprünge. Und da er gut getanzt hatte, ward er dick und behäbig, gut gekleidet und setzte sich auf das Seil, um sein Geld zu zählen. Und die guten Leute grüßten ihn von unten und riefen ihm zu: »Sei glücklich, ehrlicher Mann.«

Und Hendrick murmelte: »O, ihr guten Leute, wie seid ihr dumm.«

Dann kam der Kapuziner.

»Was willst du?« sprach Hendrik.

»Antworte selber«, erwiderte jener. »Wer bist du? Woher kommst du? Was willst du von mir?«

»Ich bin ein Geist. Ich komme aus der Hölle und will nichts Gutes.«

»Was bedeutet dieses Seil?«

»Du weißt es so gut wie ich. Wenn du gut tanzest, führt es dich zur Priesterwürde, zum Bischofshut, zur Nunziatur, wohl gar zur Tiara. Würdest du einen Menschen töten, um die dreifache Krone zu tragen? Nein? Würdest du ein Volk knechten, um deine weltliche Macht zu sichern? Du gibst keine Antwort.«

»Welches Verbrechen beging ich, um solche Fragen zu verdienen?«

»Keine andern als deine Gedankensünden.«

»Könntest du in meinem Gewissen lesen!«

»Dein Gewissen ist das aller Machtlüsternen, eine dunkle Kammer mit angelehnter Tür, damit des Nachts auf Filzschuhen alle Laster hineinkönnen. Ein jegliches hat die Tugend ermordet, die ihm im Wege war, und alle tun sie, als schliefen sie, bis der Herr ihrer bedarf und sie sagen: Hier bin ich.«

»Gott vergebe dir deine Schmähungen.«

»Er hat hier nichts zu schaffen. Ich bin ein Geist der Finsternis, eine Erscheinung aus den Tiefen der Hölle, ich bin das Böse, ich bin das Verbrechen, und ich spannte das Seil dort, damit du darauf tanzest. Gott ist drunten bei den Kindern und den guten Leuten; das Böse ist hier. Wähle denn: tanze oder steige hinab.«

»Du willst mich irreführen«, sprach der Kapuziner. »Ich tanze!«

Und er tanzte einen schönen Tanz, ernst und feierlich. Und die guten Frauen drunten weinten, da sie diesen heiligen Tanz sahen. Und der Kapuziner tanzte oft auf den Knien, betete und weinte und warf Fähnlein aus geweihtem Papier und geweihtes Brot und Weihwasser in die Menge. Und man warf ihm ungeweihtes Gold zu und Ehren, die nicht von dieser Welt waren. Und er heimste alles ein, im Namen des armen unschuldigen Opfers am Kreuze. Und die guten Leute klatschten Beifall, und er lachte in seine Kapuze hinein, und Hendrik wiederholte: »O, ihr guten Leute, wie seid ihr dumm!«

 

»Siehe da,« sprach Hendrik, »da kommt der hochmütige Kroat. Wer ruft dich?« herrschte er ihn an.

»Der Priester.«

»Warum verließest du die Landstraße?«

»Sie ist zu eng.«

»Was brauchst du?«

»Die Welt.«

»Und dann?«

»Das Jenseits, wenn es eines gibt.«

»Bist du glücklich?«

»Ich frage nicht danach.«

»Lachst du bisweilen?«

»Kaum.«

»Singst du?«

»Nie.«

»Armer Ehrgeiziger, du möchtest eine Krone, gelt?«

»Das ist meine Sache.«

»Was hältst du von den Menschen?«

»Sie verdienen, daß man sie benutzt.«

»Tätest du ihnen viel Leid an, um hochzukommen?«

»So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig.«

»Werden die Menschen dich hassen?«

»Sie werden mich vergöttern.«

»Warum?«

»Weil ich sie verachte.«

»Tanze, du wirst groß werden.«

»Ich bedurfte deiner Meinung nicht, um das zu wissen.«

Der Kroat tanzte herrlich. Dann, als ersah, daß man ihm Beifall klatschte, fragte er: »Meint ihr nicht, ich sei würdig, euer Hauptmann zu sein? Und findet ihr nicht, daß es Zeit sei, den Mond zu erobern?«

Zahlreiche Stimmen von unten antworteten: »Ja, ja, erobern wir den Mond! Die Zivilisation erheischt es, der Priester will es, gebieterische Stimmen verlangen es! Erobern wir den Mond!«

Und Hendrik sah, wie der Mond erobert ward. Myriaden von Kriegern drangen auf den armen Planeten. Auf dem Monde lebten Menschen wie wir, schlecht und recht; doch die Zivilisation erforderte es, daß sie hingeschlachtet wurden. Und es regnete Blut auf die Erde.

Diese Schlächterei nützte nur einem, und das war der Kroat. Hendrik sah ihn wieder auf dem Seil, in der glänzendsten Tracht, die man sich träumen kann. Und er tanzte majestätisch und sprach von Fortschritt, Wohlfahrt, Zivilisation, Unterstützung der Armen und von lauter holden und erbaulichen Dingen. Und die guten Leute drunten klatschten; und die, welche ihn groß gemacht hatten, sprachen: »Seht, wie riesenhaft er ist; bewundert den außerordentlichen Mann; er hat mehr als zweieinhalb Millionen Mondbewohner und anderthalb Millionen Erdgeborene getötet. Hurra dem großen Manne!«

Und der Kroat grüßte das gute Volk mit einem Gruße voller Majestät, Fortschritt und Zivilisation. Und das Volk klatschte Beifall, und er rieb sich die Hände und sagte ganz leise: »O, ihr guten Leute, wie seid ihr dumm.«

 

Doch schon nahten andre Seiltänzer, Meister Job mit seinen vier Gesellen. »Herbei!« rief Hendrik, »und keine Angst, Bajazzo! Komm her, sag ich dir. Und ihr Trabanten, ahmt ihn nach! Euer Kleid ist schäbig, doch eure Würde ist noch schäbiger als euer Kleid!«

»Zum Teufel,« begann Job nähertretend, »dürfte ich Sie bitten, die jungen empfindlichen Leute nicht so anzufahren. Sehen Sie, sie weinen schon fast. Tröstet euch, Jungens, dieser Geist will euch nicht schmähen. Wißt ihr denn, vor wem ihr steht? Nein ... Wie? An dieser edlen Haltung, diesem durchdringenden Blick, dieser hohen Stirn und dem Ausdruck hoffärtiger Schwermut, der sein schönes Antlitz verdüstert, erkanntet ihr nicht den stolzesten, unglücklichsten, traurigsten und schönsten Engel, ihren König Luzifer?«

»Hör auf,« gebot Hendrik, »hör auf, Bettler, mit deinen Lobhudeleien.«

»Gnädiger Herr, wären Ihre Worte Fünffrankenstücke, so hörte ich ihren harmonischen Tonfall noch lieber!«

»Schweig und schau: siehst du die drei auf dem Seile tanzen?«

»Ja, Hoheit!«

»Lauf ihnen nach, schmeichle ihnen, lobhudle ihnen; du verstehst dich ja aufs Reden. Rede für die, die dich bezahlen. Tanze für die, die du fürchtest. So kommst du zu Ordensbändern und Gunstbeweisen und wächst wie ein Ölfleck.«

»Jawohl, gnädiger Herr, ich danke Euer Hoheit für Ihren wohlmeinenden Rat.«

»Tritt denn näher und empfange eine Gabe, dergleichen du viele im Leben bekommen wirst.«

Job gehorchte, und Hendrik gab ihm einen gewaltigen Fußtritt. Job machte einen Bückling, hielt die Hand hin und sagte:

»Das macht zwanzig Franken, Herr.«

Meister Job hüpfte auf dem Seil wie eine Katze oder wie ein Kautschukmann; seine Trabanten ahmten all seine Schritte nach, doch ohne die Geschmeidigkeit, Promptheit und Behendigkeit, die Jobs Seiltanzen auszeichnete. Immerhin war vorauszusehen, daß sie es mit der Zeit zu etwas Staunenswertem bringen würden. Nachdem Meister Job mehrmals vortrefflich getanzt hatte, nahm er seinen Hut ab und näherte sich springend und tänzelnd dem Kroaten. »Cäsar,« sprach er, »Saladin und Karl der Große sind klein neben dir. Wen soll ich töten? Den Priester? Den Millionär? Mein Amt ist so groß wie die Welt.« Dann ging er zu dem Kapuziner und flüsterte, auf den Kroaten deutend: »wenn der Euch im Weg ist, so kann man den Abgrund gegen ihn aufrühren. Ich stehe ganz zu Diensten.« Schließlich ging er zu dem Millionär und sprach: »Soll ich den Leuten sagen, daß der Kroat und der Priester für die Welt nicht nötig sind, daß das Geld allein herrscht, und daß man nur an das Geld glauben soll?« So sprang und tänzelte er von einem zum andern und kriegte von allen dreien zahlreiche Gaben von der Art, wie Hendrik sie ihm gegeben. Und die guten Leute drunten sagten: »Wie gut ist er, wie behend und bescheiden ist er, wie gut weiß er sich den Verhältnissen anzupassen und die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Ha, der brave Mann, der ehrliche Mann!« Und man klatschte ihm von unten zu und warf ihm viele Goldstücke hinauf.

Und die vier Musikanten in schäbigem Rock tanzten wie ihr Vorbild und blickten ihn an wie Hunde, die vor ihrem Herrn Angst haben und nicht wissen, was sie tun und lassen sollen. Und Meister Job gab ihnen die Gaben, die er empfangen hatte, mit Zinsen wieder. Und die vier Musikanten im schäbigen Rock riefen: »Danke, Herr, das macht einen Franken.« Und Job bezahlte sie, und sie stimmten ihm auf ihren schrillen Pfeifen ein Loblied an. Und die guten Leute drunten sagten: »So muß man es auf der Welt machen: sich an die Fersen eines Erfolgreichen heften; auch sie werden Erfolg haben, die guten Musikanten voller Weltweisheit und Fußtritte.« Und man warf ihnen etliche Münzen empor, und sie fingen sie dankbar und demütig auf.

Plötzlich bedeckte das Seil sich mit einer Unzahl von Seiltänzern: Meistern und Lehrlingen, Volontären und Anwärtern; sie wollten an den Millionen und Millionen von Goldstücken, die zu dem Kroaten, dem Priester und dem Fuhrmann emporflogen, teilhaben. Hendrik ward überrannt und von zahllosen Füßen niedergestampft, wie eine Orange im Mörser. Umsonst wand und wehrte er sich und schrie, er sei der Teufel und werde sich rächen; er sah nichts als schwarze Füße und Beine, die ihm Augen, Ohren und Wangen eintraten, ihm die Rippen zerbrachen und auf seinen Hühneraugen herumtrampelten. Und es war ein Wunder, daß er nicht starb.

Plötzlich trat Totenstille ein, die Millionen von Beinen hielten an; Hendrik richtete sich ängstlich auf und gewahrte ein Schauspiel, wie er es im Leben nicht wieder sehen wird. Drei Frauen von himmlischer Schönheit, von einer lichten Wolke umgeben, erhoben sich strahlend im Raume. Die erste war groß, streng und traurig; sie hielt in der Rechten eine Axt, in der Linken eine Wage, – sie nannte sich Gerechtigkeit. Die zweite war blond und voll, schön und sanft, und allen, die der Saum ihres Gewandes streifte, ging das Herz auf; das war die Güte. Die dritte war nackt wie Venus und schön war sie. Ihre himmlischen Formen schienen von sanftem inneren Feuer durchglüht. Ihre Lippen waren wie ein Korallenbecker, daraus jedermann zu trinken gelüstete, und wenn er danach hätte sterben müssen. Alle Leute im Tale streckten die Arme nach ihr aus, alle wollten sie umarmen und ergreifen; sie hieß Liebe.

Seit Erscheinen der Frauen warf niemand den Seiltänzern mehr Münzen zu; und siehe, das Seil, das dicker war als zehn Taue, schien nur noch so dick wie neun, dann wie acht, und schrumpfte ersichtlich immer mehr ein. Schließlich zerriß es unter den Füßen der Tanzenden.

Da erschallte ein Schrei, lang, schrill und markerschütternd. Es war der Schrei derer, die in den Abgrund stürzten. Doch sie taten sich weiter kein Leids, als daß sie unter die Leute fielen, die ihnen die Masken abrissen und sich über sie lustig machten: über ihren Ehrgeiz, ihr Tanzen, ihre Eitelkeit und zuletzt ihren Sturz.

Bei diesem Schrei war es Hendrik, als hätte er ein schweres, kaltes, dickes und nasses Kleid an.

»O mein Gott,« dachte er, »was ist das? Werde ich wieder Mensch? Ach ja, dies ist mein Leib und mein Paletot, und dies sind meine armen Beine, auf die es regnet.«

Es klopfte an sein Uhrgehäuse:

»Ist Hendrik zu Hause?« fragten wohlbekannte Stimmen.

»Jawohl, meine Herren«, antwortete er schwermütig. »Aber nehmen Sie mir doch bitte das Haus von meinem Kopf weg.«

Es geschah, und Hendrik schlüpfte aus seinem Gehäuse. Er rieb sich die Augen, denn ihn blendete der Schein einer Laterne, die der Fuhrmann trug. Der Kroat, der Kapuziner und Meister Job waren hell beleuchtet. Hendrik gähnte weidlich und sagte dann: »Meine Herren, ich habe geträumt ...«

»Wohl von uns?« fragte der Fuhrmann.

»Allerdings. Ich träumte, daß du, fünfzig Jahre alt, einen schweren Mantel durch die Straßen schlepptest, der aus der Haut deiner geschundnen Kunden bestand. Dir, Kapuziner, schälte sich jedesmal die Zunge, wenn du gegen deine Meinung sprachest; du, Kroat, warest Straßenkehrer zur Strafe für deinen Hochmut; und du, Meister Job, schwammest beständig zwischen zwei Wassern und ertrankest in beiden.«

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