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Vlämische Legenden

Charles de Coster: Vlämische Legenden - Kapitel 3
Quellenangabe
typelegend
authorCharles de Coster
titleVlämische Legenden
publisher
printrunDrittes und viertes Tausend
editorEugen Diederichs
year1916
translatorMarie Lamping und Friedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140206
projectid5c088691
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Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht

I. Von der kläglichen Stimme, so Pieter Gans in seinem Garten vernahm, und von der Flamme, so über den Rasen lief

Derweil in Brabant der gute Herzog regierte, saßen zu Uccle in der Herberge zur Trompete die Brüder vom guten Vollmondsgesicht, also wohl benamst, denn ein Jeglicher hatte ein lustig Gesicht, das zum Beweis seines Wohllebens zum Mindesten mit einem Doppelkinn geschmückt war. So war es bei den Jungen, die Alten hatten deren mehr.

Und solchermaßen ward ihre Bruderschaft gestiftet. Da Pieter Gans, der Wirt besagter Trompete, sich eines Abends entkleidete, um sich zur Ruhe zu legen, vernahm er in seinem Garten eine gar klägliche Stimme, die heulte: »Die Zunge verdorret mir; letze, letze mich, ich sterbe vor schlimmem Durst.«

Erstlich vermeinte er, daß es ein Zecher sei, und legte sich friedlich zu Bette, ob es gleich immer im Garten schrie: »Letze, letze mich, ich sterbe vor schlimmem Durst«, und dieses so erbärmlich, daß er wider Willen aufstand und ans Fenster trat, um zu sehen, welcher Art der Dürstende, der so laut schrie, sei.

Da sah er eine lange, helle Flamme von hoher, seltsamer Form, so über den Rasen lief; und er gedachte, es möchte wohl eine arme Seele aus dem Fegfeuer sein, so der Gebete benötigte. Darum so sprach er mehr denn hundert Litaneien; aber umsonst, denn immer hörte er schreien: »Letze, letze mich! Ich sterbe vor schlimmem Durst.«

Beim Hahnenschrei vernahm er nichts mehr und sah mit großer Freude, daß die Flamme erloschen war.

Da nun der Tag gekommen war, ging er zur Kirche und erzählte allda dem Pfarrer, was sich zugetragen, ließ eine schöne Messe für die Ruhe der armen Seele lesen und gab dem Priester einen Goldpeter, auf daß er deren noch mehrere lese. Und so kam er getröstet nach Hause.

Doch in der folgenden Nacht jammerte die Stimme abermals so kläglich wie ein Mensch, welcher nicht sterben kann. Und dasselbige während mehrerer Nächte. Und Pieter Gans ward sehr trübsinnig.

Wer ihn vormals gesehen, kupferrot, mit wackerem Bäuchlein und lustiger Miene, wie er gern die Frühmette mit Flaschen und die Vesper mit Kannen hielt, der hätte ihn sonder Zweifel nimmer erkannt. Denn er war so welk, dürr, mager und von so kläglichem Aussehen, daß die Hunde ihn anbellten, wenn sie ihn erblickten, wie sie es bei den Bettlern tun, so einen Bettelsack tragen.

 

II. Wie Jan Blaeskaek dem Pieter Gans guten Rat erteilte, um ihm zu stärken, und wie Knauserei übel gestrafet wird

Dieweil er so hinsiechte und die Zeit in Melancholei und Trübsinn verbrachte und ganz allein in einem Winkel wie ein Aussätziger saß, kam Meister Jan Blaeskaek von ohngefähr in die Herberge, ein schlauer Kumpan und rechter Schalk.

Da er Pieter Gans erblickte, welcher ihn ganz wirr und erschrocken anschaute und wie ein Greis mit dem Kopfe wackelte, trat er auf ihn zu und schüttelte ihn. »Hollah,« sprach er, »wach auf, Geselle; es gefallt mir nicht, dich wie eine Leiche zu sehen.«

»Ach,« antwortete Pieter Gans, »ich bin nichts Besseres mehr, Gevatter.«

»Und von wannen«, so fragte Blaeskaek, »kam dir diese schwarze Melancholei?«

Da erwiderte Pieter Gans: »Komm mit an einen Ort, da niemand uns hören kann, so will ich dir das Abenteuer offenbaren.«

Also tat er. Doch da Blaeskaek ihn wohl verstanden hatte, sprach er: »Das ist mit Nichten eine Christenseele, sondern des Teufels Stimme; dem muß man den Willen tun. Gehe also in deinen Keller und hole eine gute Pipe Pipe = 1½ Muid. Würzbier, und darnach rolle sie in deinen Garten bis an die Stelle, da die helle Flamme gebrannt hat.«

»So werde ich tun«, sprach Pieter Gans. Aber um die Vesperstunde bedachte er, daß Würzbier gar zu köstlich sei, um es Teufeln zu geben, und er trug an die Stelle, wo die Flamme gebrannt hatte, ein großes Becken klarsten Wassers.

Um Mitternacht hörte Pieter Gans eine Stimme, so noch kläglicher war, heulen: »Letze, letze mich, ich sterbe vor schlimmem Durste.«

Und er sah die helle Flamme wie rasend auf dem Wasser des Beckens tanzen, welches alsogleich mit großem Getöse zerbarst, und solches in so erschröcklicher Weise, daß die Stücke wider die Fenster des Hauses prallten.

Da begann Pieter vor Furcht zu schwitzen und zu weinen und sagte: »Es ist um mich geschehen, guter Gott, es ist um mich geschehen! Warum befolgte ich nicht den Rat des weisen Blaeskaek, denn er ist ein Mann von gutem Rat, von fürtrefflichem Rat. Herr Teufel, der Ihr Durst habt, bringt mich nicht diese Nacht ums Leben; morgen sollet Ihr gutes Würzbier trinken, Herr Teufel. Ha, es ist wohlberühmt im ganzen Lande, denn es ist Würzbier des Königs und des guten Teufels, welcher Ihr gewißlich seid.«

Dessen ohngeachtet heulte die Stimme unablässig: »Letze, letze mich!«

»Wehe, wehe, habet nur ein wenig Geduld, Herr Teufel, morgen sollet Ihr mein fürtrefflich Würzbier trinken. Es hat mich viele Goldpeterlein gekostet, und ich werde Euch eine volle Pipe davon bringen. Nun sehet Ihr wohl, daß Ihr mich diese Nacht nicht erdrosseln dürfet, sondern erst morgen, so ich mein Wort nicht halte.« Und also greinte er bis zum Hahnenschrei. Da er den hörte und merkte, daß er nicht tot war, sprach er fröhlich sein Morgengebet.

Am frühen Morgen ging er selbsteigen in den Keller, die Pipe Würzbier zu holen, rollte sie auf den Rasen und sprach: »Da ist zu trinken, vom Frischen und vom Besten. Ich bin kein Knauser, so habet denn Erbarmen mit mir, Herr Teufel.«

 

III. Von den Liedlein, Stimmen, Miauen und Geräuschen verliebter Küsse, so Pieter Gans und Blaeskaek im Garten vernahmen, und von der artigen Weise, wie Meister Vollmondsgesicht auf der steinernen Pipe saß

Um die dritte Stunde stellte sich Blaeskaek ein und fragte, was geschehen sei. Aber da er von dannen gehen wollte, hielt Pieter Gans ihn zurück und sprach zu ihm: »Da ich das Geheimnis vor meinem Gesinde verborgen habe, befürchtend, daß sie es dem Pfarrer hinterbringen möchten, so bin ich gleichsam allein im Haus. Gehe also nicht so bald von dannen, denn es möchte sich hier etwas Übles zutragen und alsdann wäre es gut, ein Herz im Leibe zu haben. Allein hätte ich es nicht, aber zu zweit haben wir es im Überfluß. Auch geziemt es sich, daß wir uns kriegerisch bewaffnen. Und anstatt zu schlafen, wollen wir zechen und fröhlich trinken.«

»Aber vom Alten, so Ihr auf mich hören wollt«, sagte Blaeskaek.

Um Mitternacht, da die beiden Kumpane in einem niedrigen Gemache saßen und mit aufgeknöpften Bäuchen, wenn auch nicht ohne Furcht zechten, vernahmen sie wiederum die nämliche Stimme. Doch sie war nicht mehr kläglich, sondern fröhlich. Sie sang Liedlein in ganz fremder Mundart, und man vernahm so holden Sang, gleichwie von Engeln, so im Paradies (mit Verlaub zu sagen) zuviel Ambrosia getrunken hätten. Auch hörte man himmliche Frauenstimmen, Tigerlaute, Seufzer, Geräusch von Umarmungen und verliebten Küssen.

»Hoho!« rief Pieter Gans, »was ist das? Süßer Jesus! das sind gewißlich Teufel. Sie werden mir die Pipe bis auf den Grund leeren. Mein Würzbier wird ihnen fürtrefflich dünken, und sie werden abermals davon trinken wollen und jede Nacht lauter schreien: »Letze, letze mich«. Und ich werde zu Grunde gerichtet, wehe, wehe! Wohlan, Gevatter, Blaeskaek,« und so sprechend zog er sein Knyf, was, wie Ihr wisset, ein starkes wohlgewetztes Messer ist, »wohlan, wir müssen sie mit Gewalt vertreiben, aber ich habe nicht das Herz dazu.«

»Ich gehe,« erwiderte Blaeskaek, »aber nicht sogleich, erst beim Hahnenschrei. Es heißt, daß die Teufel alsdann nicht beißen.«

Ehe die helle Sonne aufging, krähte der Hahn. Und er krähte diesen Morgen so kriegerisch, daß man seine Stimme für eine helle Trompete gehalten hatte.

Da die zechenden Teufel die Trompete vernahmen, machten sie ihren Reden und Sängen plötzlich ein Ende.

Pieter Gans und Blaeskaek waren des gar froh und eilten spornstreichs in den Garten.

Pieter Gans wollte seine Pipe Würzbier holen; aber er sah sie zu Stein verwandelt, und oben drauf saß, wie auf einem Hengste, splitternackt eine Art von Knäblein, ein gar niedlich und allerliebst Büblein, mit Weinlaub lustig bekränzt und mit Trauben, so über seine Ohren hingen. Und hielt in der Rechten einen Stab mit einem Tannzapfen obendran und rings umwunden mit Trauben und Weinreben. Und das Büblein, ob es gleich von Stein war, deuchte einem lebendig, ein so gutes Vollmondsgesicht hatte es.

Gans und Blaeskaek erschraken gewaltig beim Anblick dieses Knäbleins und besorgten ein Malefiz des Teufels und Strafe vom Pfarrer und schwuren, niemand ein Sterbenswort zu sagen, und setzten die Gestalt, so nicht gar hoch war, in einen dunkeln Keller, allwo es nichts zu schlürfen gab.

 

IV. Wo die beiden Wackeren gen Brüssel ziehen, der Hauptstadt von Brabant, und von den Sitten und Hantierung von Josse Kartuyvels, dem Koch

Nachdem sie solches getan, zogen sie selbander gen Brüssel, allda einen alten Mann zu befragen, der seines Zeichens ein Koch war. Freilich ein Sudelkoch, aber bei dem gemeinen Volke wohl gelitten ob eines Frikassees von Kaninchen, das mit seltenen Kräutlein gewürzt war und nicht viel kostete. Die Frommen hielten dafür, daß er mit dem Teufel Umgang pflege, dieweil er mit seinen Kräutern Mensch und Vieh wunderbarlich heilte, Er hielt auch Bier feil, welches er von Blaeskaek kaufte. Und er war häßlich anzusehen, gichtisch, kropfig, welk, gelb wie eine Quitte und runzelig wie ein alter Apfel.

Er wohnte in einem verdächtigen Hause, da wo jetzo die Bierbrauerei von Klas Van Volxem steht. Da nun Gans und Blaeskaek zu ihm kamen, fanden sie ihn in der Küche, allwo er seine Kaninchenfrikassees bereitete. Wie nun der Koch Gans so erbärmlich und tiefsinnig sah, frug er ihn, ob er etwelches Gebresten habe, wovon er geheilt sein wolle.

»Er braucht«, sprach Blaeskaek, »von keinem andern Gebresten geheilt zu werden, denn von der schlimmen Furcht, die ihn seit einer Woche so höllisch peinigt.«

Und erzählte ihm die Geschichte von dem kleinen Pausbäckigen. »Herr Gott,« sprach Josse Kartuyvels, »diesen Teufel kenn ich wohl und werde Euch sein Konterfei weisen.« Damit führte er sie nach oben in seine Wohnung in ein kleines Gemach und zeigte ihnen auf einem hübschen Bild besagtes Knäblein, wie es mit artigen Weiblein und lustigen Gesellen mit Bocksfüßen ein Gelage hielt. »Und wie heißt dieses fröhliche Knäblein?« sprach Blaeskaek.

»Bacchus, vermeine ich«, sprach Josse Kartuyvels. »Vorzeiten war er ein Gott, aber seit der huldreichen Ankunft unseres Herren Jesu Christi (hier bekreuzten sich alle drei) verlor er jegliche Gewalt und Göttlichkeit. Er ward ein guter Kumpan und insonderheit der Erfinder von Wein, Bier und Würzbier. Mag sein, daß er derhalben nicht in der Hölle, sondern nur im Fegefeuer ist. Dort hat ihn sonder Zweifel der Durst geplagt, und mit himmlischer Erlaubnis hat er auf Erden hinabsteigen dürfen, ein einziges armseliges Mal, nicht mehr, und da hat er das klägliche Liedlein gesungen, so Ihr in Eurem Garten vernahmet. Doch mich deucht, daß es ihm nicht verwilliget worden, seinen Durst in den Ländern, da Wein getrunken wird, zu wehklagen, sondern nur, wo es Bier gibt, und also ist er zu Meister Gans gekommen, denn er wußte gar wohl, daß er dort das Beste fände.«

»Wahrlich, wahrlich, Freund Kartuyvels,« sagte Gans, »das Beste im ganzen Herzogtum, und davon hat er eine ganze Pipe in den Schlund gegossen, ohne nur die kleinste Münze in Gold oder Silber, ja selbst in Kupfer zu zahlen. Solches ist nicht das Betragen eines ehrlichen Teufels.«

»Ha,« sprach Kartuyvels, »Ihr irret gewaltig und wisset nicht, was zu Eurem Besten ist. Aber so Ihr auf mich hören wollet, werdet Ihr von besagtem Bacchus offenbaren Nutzen ziehen, denn er ist der Gott der lustigen Zecher und wackeren Wirte und will Euren Vorteil, so glaube ich.«

»Wohlan, was müssen wir jetzo tun?« fragte Blaeskaek. »Ich habe sagen hören, daß dieser Teufel das Sonnenlicht närrisch liebt. Nehmet ihn darum fürerst aus dem finstern Keller und stellet ihn an einen Ort, wo das Tageslicht leuchtet, will sagen auf eine hohe Truhe in dem Saal, wo Eure Gäste sind.«

»Süßer Jesus,« rief Pieter Gans aus, »also zu tun wäre Götzendienst!«

»Mit nichten«, sprach der Koch; »ich meine nur, wann er dorten stehet, wo ich gesagt habe, und den Duft der Krüge und Flaschen wittert und fröhliche Reden höret, so wird er sich weidlich ergötzen. Und so schaffet Ihr den armen christlich Gestorbenen Erleichterung.«

»Aber wenn nun der Pfarrer von diesem Steinbild erfährt, das dergestalt insgemein sonder Scham gezeiget wird?«

»Er kann Euch nicht der Sünde zeihen, denn Unschuld verbirgt sich nicht. Ihr müsset diesen Bacchus Euren Verwandten und Freunden öffentlich zeigen und sagen, Ihr hättet ihn von ohngefähr in der Erde in einem Winkel Eures Gartens gefunden. So wird er als Altertum erscheinen, welches er auch wirklich ist. Gebet aber sorglich Acht, daß Ihr vor jedermann seinen Namen vergesset. Nennet ihn scherzweise den Herrn vom Vollmondsgesicht und stiftet ihm zu Ehren eine lustige Brüderschaft.«

»So werden wir tun« sprachen Pieter Gans und Blaeskaek aus einem Munde. Und sie gingen von dannen, nicht ohne dem Koch zwei schöne Sous für seine Mühe gelassen zu haben.

Er wollte sie zurückhalten, um ihnen von seinem himmlischen Kaninchen-Frikassee vorzusetzen, aber Pieter Gans blieb taub und sprach bei sich selber, daß es des Teufels Küche wäre, so jeglichem Christenmagen ungesund sei. Gingen also ihres Weges und begaben sich nach Uccle.

 

V. Von langer Zwiesprach und großer Bestürzung des Pieter Gans und Blaeskaek wegen der Statue des pausbäckigen Teufels. Zu Uccle gehen sie auseinander, nachdem sie einen Beschluß gefaßt haben

Unter Weges sprach Gans zu Blaeskaek: »Sag an, Kumpan, was ist deine Meinung über diesen Koch?«

»Ketzerbrut,« gab Blaeskaek zur Antwort, »Heide und Verächter jedweder Tugend und alles Guten. Denn das ist ein hinterlistiger und schlimmer Rat, den er uns gegeben hat.«

»Du sagst es, guter Freund, du sagst es. Und ist es nicht auch große Ketzerei, uns zu erzählen, daß dieser Pausback auf seinem Fasse Bier, Wein und Würzbier erfunden habe, wo uns doch alle Sonntage in der Kirche gepredigt wird, daß Sankt Noah durch den Ratschluß unseres Herrn Jesu Christi solches erfunden habe.«

»Was mich angeht,« sagte Blaeskaek, »so habe ich es mehr denn hundert Male gehört.«

Da setzten sie sich aufs Gras und verspeisten eine treffliche Genter Wurst, die Gans in Voraussehung künftigen Hungers mitgenommen hatte.

»Halt an,« sprach er, »wir dürfen das Benedicite nicht vergessen, guter Freund. Alsdann werden wir vielleicht nicht verbrannt werden, denn Gott danken wir dieses Fleisch. Möge er geben, daß wir allezeit in seinem heiligen Glauben verbleiben.«

»Amen,« sprach Blaeskaek, »aber Gevatter, wir müßten mitsammen diese böse Statue zerschlagen.«

»Wer keine Schafe zu hüten hat, fürchtet die Wölfe nicht. Du hast gut reden, diesen Teufel zu zerschlagen.«

»Es wäre ein gar verdienstlich Werk.«

»Aber wenn er dennoch jede Nacht kommt und kläglich heult: ›Letze, letze mich‹, und wenn er im Zorn wider mich entbrennt und mein Bier und meinen Wein behext und mich arm machet wie Hiob ... Nichts da, lieber noch des Koches Rat befolgen.«

»Ei, nicht also! Wenn der Pfaff von der Statue erfährt und uns alle zwei vor sein Tribunal lädt und uns als Ketzer und Götzendiener verbrennen läßt?...«

»Ach,« sprach Gans, »der liebe Gott und der böse Teufel werden sich auf unserm armen Leibe bekämpfen. Wir sind zunichte gemacht, oh weh, oh weh!«

»Wohlan,« sagte Blaeskaek, »laß uns gerades Weges zu den guten Patres gehen und ihnen ohne Lug erzählen, was sich zugetragen.«

»Wehe, wehe, wir werden verbrannt, Gevatter, wir werden gewißlich verbrannt.«

»Ich glaube vielmehr, daß es ein Mittel gibt, uns aus solcher Fährnis zu retten.«

»Es gibt keines, guter Freund. Wir werden verbrannt, und ich fühle mich allbereits ganz gebraten.«

»Ich habe das Mittel gefunden«, sagte Blaeskaek.

»Es gibt keines, guter Freund, nicht ein einziges, ohne allein die Gnade der guten Patres. Sehet Ihr keinen kommen, der einen Bettelsack trägt?«

»Keinen.«

»So Ihr einen erschauet, müssen wir ihm unsere ganze Wurst geben – haben wir das Gratias gesprochen? – und alles Brot, so wir bei uns haben, und ihn gar ehrfürchtiglich laden, mit ins Haus zu kommen, ein gebraten Lammsviertel zu verspeisen, mit altem Wein wohl befeuchtet. Ich habe dessen nicht viel, aber ich werde ihm gerne alles zu trinken geben. Sehet ihr keinen kommen?«

»Keinen«, sprach Blaeskaek. »Aber sperre nunmehr deine Hasenohren auf, ich will dir guten Rat geben, maßen ich dir wohl will, du Kläglicher. Wir müssen den Rat des Koches zur Hälfte befolgen, zur Hälfte, verstehst du? Es wäre frecher Götzendienst, das Steinbild in unserm Speisesaal aufzustellen.«

»Wehe, wehe, zum Teufel; ja, du hast es gesagt.«

»Nun, wohlan, laß uns ihn in eine Nische stellen, die wohl verschlossen ist, außer einer Öffnung oben, auf daß er Odem holen könne. Alldort stellen wir eine gute Kanne Bier auf und bitten ihn, nicht gar so viel davon zu trinken. Wird also der Teufel im Speisesaal deiner Herberge stehen, wo er sich gewißlich nicht rühren wird, denn er mag sich an den Liedern der Zecher, am Geklingel der Becher, am Geläut der Flaschen ergötzen.«

»Nicht also« sprach Gans, »nicht also. Wir müssen des Koches Rat folgen, sintemalen er sich besser als wir auf Teufel versteht. Was diesen angeht, so werden wir sorgen, ihn nach unsern armen Mitteln baß zu belustigen. Ohne das glaube ich, daß wir eines Tages verbrannt werden. Oh weh!«

 

VI. Wo man sieht, daß es keinen guten Teufel gibt, und von dem argen Streich, den dieser den armen Weibern der Zecher spielte

In der Trompete angelangt, holten die beiden Wackeren die Statue des pausbäckigen Teufels aus dem Keller und setzten sie ehrfürchtiglich oben auf eine Truhe, so in der Zechstube stand.

Am nächsten Tage kamen fast alle von Uccle zu Pieter Gans. Es waren nämlich an jenem Tage zwei Pferde durch öffentlichen Ausruf verkauft worden, welche der weiland Schöffe Jakob Naeltjens gut gefüttert hatte. Sein Sohn mochte sie nicht behalten und sagte, daß ein Bauersmann sein Roß im Holzschuh haben muß.

Da die von Uccle die Statue des kleinen Pausbäckigen auf der Truhe gewahrten, verwunderten sie sich und waren erfreut, sonderlich, da Blaeskaek ihnen sagte, dies sei der Herr vom guten Vollmondsgesicht und man müsse ihm zur Ehre unverweilt und zum Scherz eine lustige Bruderschaft gründen.

Sie waren des wohl zufrieden und beschlossen mitsammen, daß keiner Bruder sein könne wie sie, so er nicht vierundzwanzig erschröckliche Humpen Bier als Taufe tränke, dieweil man zwölf Schläge auf den dicksten Bauch der Kumpanei täte.

An jedwedem Abend versammelten sie sich in der Trompete und tranken zur Genüge, wie ihr es euch wohl denken könnt. Das Wunderbare war, daß sie gleichwohl den ganzen Tag als wackere Männer schafften, etliche in der Werkstatt, etliche am Webstuhl, andere in den Feldern, und einen Jeden zufrieden stellten. Nur die Weiber nicht. Denn kaum war Vesperzeit, so ging jeder Ehemann oder Bräutigam, ohne sich des geringsten um sie zu kümmern, in die Trompete, und allda blieben sie bis zum Zapfenstreich. In ihr Nest zurückgekehrt, prügelten die Männer ihre Weiber nicht, wie etliche Zecher zu tun pflegen, aber sie legten sich neben sie schlafen, und ohne ein Wörtlein zu reden, begannen sie alsbald fest zu schlafen und mit ihrer Nase Fanfaren zu blasen wie Meister Grunzeschwein.

Nun mühten sich die armen Weiber mit Puffen und Kitzeln und riefen die Schläfer bei Namen, auf daß sie ihnen andere Neuigkeiten erzählen, aber alles war schier vergeblich. Ebenso gut hätte man aufs Wasser schlagen können, um Feuer herauszulocken.

Sie erwachten alle erst beim Hahnenschrei, aber ihre Morgenlaune war so zornig und stürmisch, daß kein Weib (ich meine die, so nicht vor Mattigkeit eingeschlafen waren) ihnen ein Wörtlein zu sagen wagte, desgleichen zur Stunde der Mahlzeit. Dieses aber geschah durch die arglistige Macht und Einfluß des pausbäckigen Teufels.

Da entstund große Traurigkeit unter den Weibern, welche alle sagten, dafern solch Spiel andauere, werde das Geschlecht derer von Uccle in Bälde erlöschen, was ein großer Schade wäre.

 

VII. Vom großen Rat der Gevatterinnen

Darum so ward unter ihnen beschlossen, die Gemeine zu retten, und zu dem Zweck versammelten sie sich, derweil ihre Männer bei Pieter Gans tranken, in dem Hause der Dame Syske, welche groß und fett war, das große Wort führete, einen Kinnbart trug und Wittib von fünf bis sieben Männern war. Ich getraue mich nicht, die Zahl zu erhärten; ich möchte sonst lügen.

Allda löschten sie aus Verachtung für ihre trunksüchtigen Männer ihren Durst mit schönem klaren Wasser.

Da nun alle beisammen waren, Junge und Alte, darunter manch häßliche, eröffnete die Dame Syske die Versammlung, und sagte, man solle unverweilt in die Trompete gehen und all die Trunkenbolde so durchwalken, daß sie acht Tage lang zerschlagen und lendenlahm wären.

Die Alten und Häßlichen klatschten bei diesem Vorschlag mir Füßen, Händen, Mund und Nase. Das war ein schöner Lärm, Ihr könnt mirs glauben. Doch die Jungen und Schönen blieben stumm wie Fische, ausgenommen eine gar artige, frische und allerliebste des Namens Wantje, welche mit großer Sittsamkeit und Erröten sagte, daß es nicht nützlich sei, die braven Männer also zu prügeln. Man solle sie vielmehr durch Sanftmut und Lachen bekehren.

Dawider sprach die Dame Syske: »Kleine, du verstehst dich nicht auf Männer, denn du bist Jungfrau, glaube ich. Was mich angeht, so weiß ich, wie ich meine unterschiedlichen Ehemänner gelenkt habe, und das war nicht durch Sanftmut und Lachen, das behaupte ich. Sie sind dahingeschieden, die braven Männer, Gott habe sie selig! Aber ich entsinne mich ihrer genau und weiß sehr wohl, beim geringsten Fehltritt ließ ich sie den Stocktanz auf der Wiese des Gehorsams tanzen. Keiner hätte gewagt, zu essen noch zu trinken, zu niesen noch zu gähnen, ohne daß ich es ihm zuvor verstattet hätte. Der kleine Job Syske, mein Letzter, war an meiner Stelle Koch im Haus. Und er kochte mir gutes Essen, der arme kleine Kerl. Aber ich mußte ihn wacker prügeln, um ihn so weit zu bringen, desgleichen die andern. Darum fort mit deinem Lachen und deiner Sanftmut, Kleine; die taugen wenig, das behaupte ich. Laßt uns vielmehr unverweilt gute Stöcke von grünem Holze sammeln, welche sich, da wir im Lenz sind, leicht finden. Alsdann gehen wir in die Trompete und lassen einen Tau von Prügel auf diese ungetreuen Mannsleute herabregnen.«

Wiederum erschröcklich Geheul und Getobe der Alten und Häßlichen, welche schrieen: »Los, los auf die Trunkenbolde, wir müssen sie walken, wir müssen sie henken.«

 

VIII. Von der großen List, so in allen Weibern stecket, und von den sittsamen Reden, so Wantje, die Jungfrau, den Biedermännern hielt

Des anderen Tages versammelten sich die Gevatterinnen abermals und tranken wie zuvor viel klares Wasser. Dann gingen sie mit Knütteln an den Ort, wo die lustigen Zecher waren.

Vor der Tür der Trompete blieben sie stehen und hielten allda Rat. Die Alten waren willens, mit den Knütteln einzudringen.

»Mit nichten,« sprach Wantje mit den Jungen und Schönen, »wir wollen lieber selbst geschlagen werden.«

»Siehe welche Närrinnen,« schrieen die Alten, »welche ausgemachten Närrinnen. Sie haben im ganzen Leibe nicht eine Unze Stolz. Lasset euch nur mißhandeln, ihr sanften Schafe; wir werden an eurer Statt die von diesen Völlern besudelte Frauenehre rächen.«

»Das werdet ihr nicht tun,« sprachen die Jungen, »dieweil wir da sind.«

»Wir werden es tun«, schrien die Alten.

Da brach ein junges lustiges Weiblein in Lachen aus. »Begreifet ihr denn nicht,« sagte sie, »von wannen diesen Hexen solche gewaltige Wut und solche Rachbegier kommt? Es ist eitel Prahlsucht, um uns weis zu machen, ihre heiseren Eheherren könnten ihnen noch ein Liedlein singen.«

Bei dieser Rede entstund im Lager der alten Vetteln solch Aufruhr, daß ihrer etliche augenblicks vor Wut starben. Andere, so ihre Schemel zerbrochen hatten, wollten den Jungen zu Leibe, die ihrer lachten (und es war eine liebliche Musik, all diese frischen und mutwilligen Stimmen). Aber die Dame Syske wehrte ihnen und sprach, man solle bei ihr ratschlagen, nicht aber sich umbringen.

Und sie redeten weiter, schwätzten, plapperten und tobten bis zum Zapfenstreich, worauf sie auseinandergingen, ohne daß ein Beschluß gefaßt wäre, sintemalen sie so viel Zeit gehabt hatten zu reden. Und in dieser Weiberversammlung wurden mehr denn fünfhundertsiebenundsiebzig Millionen achthundertneunundvierzigtausend und zwei Worte geredet, so voll von Vernunft, wie ein Froschteich von altem Weine. Pieter Gans, welcher Hasenohren hatte, hörte auf der Straße ein wütiges Geplapper und rief: »Oh weh! was ist das! Gewißlich Teufel, mein süßer Jesus!«

»Ich will nachsehen, elende Memme«, antwortete Blaeskaek. Und da er die Türe auftat, brach er in Gelächter aus und sprach: »Gute Vollmondsgesichter, es sind unsere Weiber.«

Flugs erhoben sich alle Zecher und traten an die Türe; etliche hielten Flaschen in den Händen, andere schwenkten ihre Krüge und wieder andere ließen ihre schönen Becher wie Glocken klingen. Blaeskaek ging aus dem Saale, trat über die Schwelle und stand auf der Gasse.

»Holla,« sprach er, »ihr edlen Damen, was führet euch hierher mit all diesem grünen Holze?«

Bei dieser Rede ließen die Jungen ihre Knüttel zu Boden fallen, sintemalen sie sich schämten, in solchem Aufzug überrascht zu werden.

Aber eine Alte schwenkte ihren Stock in der Luft und antwortete für die andern: »Wir kommen, euch Saufbrüdern Geschichtlein von Haselstöcken zu erzählen und Euch zu züchtigen, wie es sich ziemt.«

»Wehe, wehe,« heulte Pieter Gans, »ich erkenne gar wohl meiner Großmutter Stimme!«

»Du sagst es, Galgenstrick«, schrie die Alte.

Da die guten Vollmondsgesichter solches vernahmen, schüttelten sie vor lauter Lachen lustig die Bäuche. Blaeskaek sprach: »So tretet doch ein, Gevatterinnen, tretet ein, daß wir inne werden, in welcher Art ihr uns durchwalken wollt. Habt ihr gute Knüppel aus grünem Holze?« – »Wohl.« – »Des bin ich froh. Und wir halten für euch kräftige Ruten bereit, wohl mit Essig gesalbet, womit wir die ungehorsamen Büblein peitschen. Das wird euch ein himmlisch Vergnügen sein, also zum Angedenken eurer Jugend geliebkost zu werden. Wollet ihr davon kosten? Wir geben euch für mehr denn fünfhundert Heller.«

Aber die Alten wurden bei diesen nichtigen Reden von Furcht gepackt und entflohen mit langen Schritten, insonderheit Dame Syske. Und alle heulten dräuende Worte in so schröcklicher Weise, daß es den lustigen Brüdern gleich wie Gekrächze von Raben deuchte, so durch die stillen Gassen flogen.

Die Jungen waren vor der Türe geblieben, und es war erbarmungswürdig, sie also demütiglich, sanft und unterwürfig zu sehen, wie sie mit rechter Geduld auf ein freundliches Wörtlein ihrer Ehemänner oder Freier harrten.

»Wohlan,« sprach Blaeskaek, »gefällt es euch einzutreten?«

»Ja«, sprachen alle.

»Tu es nicht«, flüsterte Pieter Gans dem Blaeskaek ins Ohr; »ansonst werden sie dem Pfaffen vom pausbäckigen Teufel vorplappern und uns auf den Scheiterhaufen bringen.«

»Ich bin taub,« sprach Blaeskaek, »kommet, ihr Schätzchen.«

Also traten die artigen Weiblein ein und setzten sich nieder, etliche neben ihre Männer, etliche neben ihre Freier, und die Mägdelein sittiglich in eine Reihe auf eine Bank.

»Weiber,« fragten die Zecher, »ihr wollet doch trinken?«

»Ja«, sprachen sie.

»Und wacker zechen?«

»Ja«, sprachen sie.

»Und ihr seid nicht gekommen, uns Lieder von Enthaltsamkeit vorzusingen?«

»Mit nichten,« sprachen sie, »wir kamen allein mit dem Wunsch, uns zu unsern guten Männern und Freiern zu gesellen und mitzulachen, so Gott will.«

»Das sind wahrlich schöne Reden,« sagte ein alter Mann, »doch ich sehe Weiberlist dahinter.«

Aber niemand achtete sein, denn die Weiber hatten sich rund um den Tisch gesetzt. Ein jeder sagte: »Trink das, mein süßes Herzchen, das ist ein himmlischer Trank.« – »Schenk ein, Nachbar, schenk ein, einen Guß solch süßen Trunkes.«

– »Wer gilt mehr denn ich? Ich bin der Herzog: habe gute Flasche und gutes Weib. Hurtig, Wein her! Heute soll es ein sonntäglich Getränk sein, diese artigen Weiblein wohl zu bewirten.« – »Mut, ich habe zuviel zu trinken, ich will den Mond erobern, aber noch nicht allsogleich. Zur Stunde bleibe ich bei meiner viellieben Frau. Küsse mich, Liebchen.«

– »Das ist nicht der Ort, vor soviel Leuten«, gaben die Weiber zur Antwort. Und jede sprach zu ihrem Manne mit viel Liebkosungen und süßem Getue: »Komm nach Hause.«

Die Zecher hatten nicht übel Lust, doch sie getrauten sich nicht, dieweil sich einer vor dem andern schämte.

Solches erratend, sprachen die Gevatterinnen vom Heimgehen.

»Schau, schau,« sagte der alte Mann, »hatte ich es nicht vorhergesagt? Sie wollen uns fort haben.«

»Mit nichten, Meister,« antwortete Wantje gar sanft, »aber bedenket, daß wir der starken Getränke noch nicht genugsam gewohnt sind, nicht einmal ihres Geruches. Derhalben, Meister, so wir an die frische Luft gehen müssen, so wollen wir Euch doch nicht etwan erzürnen oder betrüben. Gott erhalte Euch fröhlich mitsammen.«

Und also gingen die guten Weiber von hinnen, ob man sie gleich mit Gewalt zurückhalten wollte.

 

IX. Worin man siehet, daß der gelahrte Thomas a Klapperibus wußte, was einen Zecher auf der Bank tanzen macht

Also bei ihren Kannen und Schoppen allein sitzend, sahen sie einander verdutzt an und sagten: »Seh einer diese Weiber! Müßte man ihrem Willen nicht allezeit demütiglich gehorchen? Unterwürfig scheinen sie, tyrannisch sind sie. Wem, Männlein oder Weiblein, fällt von Natur die Herrschaft in allen Dingen zu? Den Männern. Wir sind Männer. Lasset uns trinken. Und wir werden allzeit unsern Willen vollführen, und des ist jetzo, hier zu schlafen, so es uns gefällt.«

Also redeten sie und taten gewaltig erbost, aber in Wahrheit gelüstete es sie sehr, bei ihren guten Weibern zu sein. Alsdann saßen sie eine gute Weile, ohne ein Wörtlein zu sagen. Etliche gähnten, andere machten mit dem Fuße Sohlenmusik, und viele rutschten auf ihren Bänken, gleich als wären sie voll spitziger Dornen.

Plötzlich ging ein junger Bürgersmann, erst kurz verheiratet, aus dem Saale und sagte, daß der Arzt ihm verboten habe, mehr denn sechsundzwanzig Schoppen Würzbier zu trinken, als welche er getrunken habe. Solches hörend, gaben alle vor, Schmerzen im Leibe, Reißen im Kopf, Melancholei oder Schleimsucht zu haben, und begaben sich flugs nach Hause, ausgenommen etliche alte Männer.

Und sie gingen in großer Hast, sich ihren Weibern zu gesellen. So ward erfüllet, was geschrieben stehet bei dem gelahrten Thomas a Klapperibus in dem großen Buche De Amore, sechstes Hauptstück, allwo es heißet, daß das Weib stärker sei denn der Teufel.

 

X. Vom Eisenzahn

Dessenohngeachtet trug sich diese Sache nur ein einzig Mal zu, denn da sie des anderen Tages in der Trompete zechten und die guten Weiber kamen, sie heimzuholen, wurden sie mit Schimpf fortgejagt.

Aber die Zecher tranken und sangen lustige Schelmenlieder. Oftmals kam der Nachtwächter und ermahnete sie, nach Sonnenuntergang nicht solch großen Lärm zu vollführen. Ha, sie hörten ihm ehrfürchtig zu und schienen gar zerknirscht vor Reue über ihr Vergehen. Und derweil gaben sie ihm so reichlich zu trinken, daß der arme Wächter hernach seine Runde wider etwelche Mauer machte und allda schnarchte gleich einer Baßgeige. Sie aber führten ihre Zecherei und dumpfen Schlaf fort, darüber die betrübten Gesponsinnen nicht aufhörten sich zu beklagen. Und also trieben sie es einen Mond und vier Tage.

Aber zum Unglück hatte der gute Herzog mit Seiner Gnaden von Flandern Krieg geführt, und ob der Friede gleich geschlossen war, so blieb doch noch ein Haufe von Schnapphähnen und liederlichem Gesindel im Lande, die brannten und mordeten und plünderten die friedlichen Leute.

Sotane Bande ward von einem grausamen Hauptmann geführet, welcher Eisenzahn genannt ward, dieweil er auf seinem Helm einen langen, spitzen, scharfen Zahn trug, einen Teufelszahn oder einen Hauer von einem höllischen Elefanten, gar seltsam geschnitzet. Im Kampfe rannte er mit diesem Zahn oftmals wie ein Widder an, und manch tapferer Söldner im Herzogtum Brabant ward solchermaßen getötet. Auf besagtem Helm saß auch ein böser Vogel, so mit den Flügeln wider das Erz schlug; von dem ging die Sage, daß er im Handgemenge schier erschröcklich pfiffe. Der Eisenzahn pflegte bei der Nacht in die Dörfer einzufallen, ohn Erbarmen die armen Bauern im Schlaf zu erdrosseln und Schmuck, Gerät, Weiber und Jungfrauen mitzuschleppen, aber nur die jungen. Die alten ließ er am Leben, denn er sagte, daß er sie nicht erst zu töten brauchte, in Ansehung dessen, daß sie schon ohne Hilfe vor Furcht sterben würden.

 

XI. Worinnen man siehet, wie die guten Weiber von Uccle gar mutiglich Manneswerk vollführen

Es geschah aber in einer Nacht, da allein etliche Sterne und der Mond ein weniges leuchteten, daß Meister Andreas Bredael mit großen Schritten und keuchend nach Uccle kam. Er wollte Kunde bringen, daß er von ohngefähr hinter einem Busch an der Straße nach Paris hockend, eine Schar Männer hatte vorbeigehen sehen, welche er für die Leute des Eisenzahns hielt, denn er hatte den Helm des Bösewichts gesehen.

Derweilen hatten die Räuber auf der Straße haltgemacht, um zu essen, und er hatte sie sagen hören, daß sie stracks auf Uccle rücken wollten, um gute Beute zu holen und großen Schmaus zu halten. Aber sie wollten statt der Landstraße die Feldwege nehmen, auf daß ihr Kommen nicht offenbar werde. Meister Bredael glaubte, daß sie hinter der Kirche hervorkommen würden.

Mit solcher Runde war er auf der Straße von Paris nach Uccle gekommen und den Räubern um eine gute halbe Meile voraus, und er wollte die Bürger warnen, sich wohl zu wappnen und die Übeltäter tapfer zu empfangen.

Er pochte also an die Türe des Rathauses, auf daß die Glocke geläutet werde; aber niemand öffnete, sintemalen der Wächter, so zur Brüderschaft der Vollmondsgesichter gehörte, gleich den anderen wackeren Zechern schlief. Darauf versuchte Andreas Bredael es auf andere Weise und schrie so laut: »Feuer! Feuer! Brand! Brand!« daß alle Weiber, alten Männer und Kinder erwachten und mit einem Sprung an die Fenster kamen, um zu hören, was es gäbe.

Da sich nun Andreas zu erkennen gegeben, bat er sie auf den Platz zu kommen, welches sie taten. Als sie vor ihm standen, verkündete er ihnen die nahe Ankunft des Eisenzahns und ermahnete eine jede, ihren Mann zu wecken.

Bei dieser Rede fingen die Alten wie toll an zu schreien: »Willkommen, Eisenzahn, Zahn Gottes, der sie allesamt auswaiden wird. Ha, ihr Säufer, ihr sollt durch göttliches Gericht stracks gehenket, lebendig verbrannt und balde ersaufet werden. Das ist nicht zuviel für eure Sünde.« Und gleich als hätten sie Flügel an den Beinen, eilten sie eine jede in ihr Haus. Meister Bredael, so mit den Jungen auf dem Platze blieb, hörte die närrischen Alten heulen, ächzen, jammern, schmälen und auf Truhen und Kessel trommeln, um ihre Männer zu wecken. Derweilen schrien sie ihnen zu: »Ihr Galgenvogel, erwachet! Süße Freunde, auf, uns zu beschirmen. Ihr Säufer, tut eure Pflicht nur einmal in eurem vermaledeiten Leben. Ihr herzlieben Wänste, werdet ihr uns morgen tot finden, so traget es uns nicht nach, daß wir euch prügeln wollten. Einfältig und voreilig waren wir; weise waret ihr; aber rettet uns jetzt«. Und so mischten sie zornige und süße Worte durcheinander, gleichwie Milch und Essig.

Aber keiner erwachte.

»Was bedeutet dies?« fragte Bredael.

»Ach, Meister,« antworteten die Jungen, »Ihr sehet es genugsam, sie sind des Nachts wie Tote, und das seit lange. Wenn der Engel Gottes käme, er vermöchte sie nicht zu wecken. Ha, diese elenden Männer, die uns verlassen haben, müssen sie auch noch Ursach unseres Todes sein!«

»Weinet keinen Tropfen,« sprach Andreas Bredael, »dazu ist keine Zeit. Liebet ihr diese Männer?«

»Ja«, sagten sie.

»Und eure Söhne?«

»Ja«, sagten sie.

»Und eure artigen, allerliebsten Mägdlein?«

»Ja«, sagten sie.

»Und ihr wollet sie gern verteidigen?«

»Ja«, sagten sie.

»Nun denn,« sagte Bredael weiter, »so holet die Waffen dieser Schläfer und gesellet euch geschwinde zu mir. Wir wollen auf ein Mittel sinnen, uns wohl zu verteidigen.«

Alsbald kamen die Weiber mit den Bogen ihrer Männer, Brüder oder Freier zurück. Es waren aber diese Bogen weitberühmt durchs ganze Land, denn sie waren gleich wie von Stahl und schleuderten Pfeile mit gewaltiger Kraft.

Es kamen auch Büblein von zwölf Jahren und etwas darüber und etliche tapfere alte Männer, aber die Weiber hießen sie heimkehren und sagten, daß sie selbst die Gemeine bewachen müßten.

Sie stunden allesamt auf dem Marktplatz und redeten mit viel Eifer und Mut, aber sonder Prahlerei, und waren weiß angetan mit Jacken, Röcken und Hemden, wie der Weiber Nachtzeug zu sein pflegt. Aber dieses Mal geschah es durch sonderliche Huld Gottes, wie ihr sehen werdet.

Wantje, die auch dabei war, gar kühn und beherzt, sagte mit einem Male, daß man beten müsse. Und alle Weiber mitsammen fielen fromm auf die Knie und das Mägdlein sprach also:

»Frau Maria, die du Königin im Himmel bist, wie die Frau Herzogin Königin in diesen Landen, schaue herab! Demütiglich liegen vor dir im Staube arme Weiber und Jungfrauen, denen es obliegt, Manneswerk zu tun und sich kriegerisch zu wappnen, um des Zechens ihrer Ehemänner und Anverwandten willen. Bitte den Herrn Jesus nur ein wenig, uns hilfreich zu sein, so werden wir gewißlich siegen. Und wir wollen dir dankbar sein und dir eine schöne Krone von lauterem Golde stiften mit Rubinen, Türkisen und Diamanten, eine schöne güldene Kette, ein schönes Brokatgewand mit silbernen Blumen, und desgleichen deinem Herrn Sohne. So bitte nun für uns, Frau Maria!«

Und alle die guten Weiber und Mägdlein sprachen Wantje nach: »Bitte für uns, Frau Maria!«

Plötzlich, da sie sich alle erhoben, erblickten sie einen schönen, hellen Stern, der ganz dicht bei ihnen vom Himmel herabfiel, und das war gewißlich ein Engel des lieben Gottes, der solchermaßen vom Paradies herabkam und ihnen nahe blieb, um ihnen besser zu helfen.

Da sie dieses heilige Wunder gewahrten, faßten die guten Weiber mehr Mut, und Wantje redete abermals und sprach:

»Frau Maria will uns erhören, des habe ich gute Hoffnung. Lasset uns nunmehr zum Eingang des Dorfes gehen, nahe bei der Kirche und unserem Herrn, der darinnen wohnt, und allda Eisenzahn und seine Gesellen beherzt erwarten. Und so sie kommen, müssen wir, ohne zu sprechen, noch uns zu rühren, auf sie zielen. Frau Maria wird die Pfeile lenken.«

»Gut gesprochen, tapferes Mägdlein,« sagte Meister Bredael, »vorwärts. Ich sehe es an deinen Augen, welche in der Nacht glänzen: der Geist Gottes, welcher Feuer ist, flammt in deinem Herzen, du reine Magd. Höret auf sie, gute Frauen.«

»Wohl, wohl«, sprachen sie.

Das Weiberheer stellte sich auf dem Wege hinter der Kirche auf.

Verwirrt und voll großer Angst harrten sie allda und vernahmen Geräusch von Schritten und Stimmen, das mählich anschwoll, gleichwie von Leuten, die näher kommen.

Und Wantje sprach: »Frau Maria, sie nahen, erbarme dich unser!«

Alsbald erschien eine große Schar Männer vor ihnen mit Laternen in Händen. Und sie hörten eine erschröckliche heisere Teufelsstimme schreien: »Drauf, Freunde, drauf, Beute für Eisenzahn!«

Aber da schossen plötzlich alle guten Weiber ihre Pfeile gemächlich ab, maßen die Bösewichter durch ihre Laternen beleuchtet waren, also daß die Weiber, so im Schatten blieben, sie erkannten wie am lichten Tage. Zweihundert fielen, etliche hatten Pfeile im Kopf, etliche im Halse und mehrere im Leibe.

Eisenzahn war der erste, den die guten Weiber mit großem Getöse fallen hörten; denn Wantje hatte einen Pfeil auf ihn geschossen, der ihn just ins Auge getroffen hatte.

Etliche waren nicht verwundet, aber sie hatten ein böses Gewissen, und da sie all diese weißen Gewänder wahrnahmen, gedachten sie, daß es die Seelen derer seien, so sie vom Leben zum Tode gebracht hatten, und welche nun mit Gottes Zulassung kämen, sich an ihnen zu rächen. Sie stürzten mit dem Maul auf die Erde, wie tot vor Furcht, und schrien erbärmlich: »Gnade, Herr Gott, laß diese Gespenster in die Hölle zurückweichen!«

Da sie aber die Weiber auf sich zukommen sahen, gab die Furcht ihren Beinen Mut und sie entflohen mit Windeseile.

 

XII. Worinnen Pieter Gans dem Holzstoß näher ist, denn dem Humpen

Da diese Niederlage vollendet war, gingen die Weiber wiederum auf den Marktplatz, nicht stolz, sondern betrübt, weil sie in dieser Gefahr Christenblut hatten vergießen müssen. Ei, wie dankten sie unserer lieben Frau und dem Herrn Jesus, daß er ihnen zum Siege verholfen!

Auch vergaßen sie nicht des holden Engels, welcher ihnen in Gestalt eines hellen Sternes beigestanden hatte. Und sie sangen gar lieblich schöne Hymnen und Litaneien.

Unterdessen erwachten rundum auf dem Lande die Hähne und trompeteten aus, daß der Tag herbeigekommen.

Also wurden die Zecher dem Schlafe entrissen und traten in ihre Türen, um zu wissen, von wannen diese liebliche Musik käme.

Und Frau Sonne lachte vom Himmel.

Und die Biedermänner gingen auf den Marktplatz, und etliche unter ihnen, da sie ihre Weiber in der Versammlung erkannten, wollten sie schlagen, dieweil sie zur Nacht die eheliche Behausung verlassen, aber Andreas Bredael wehrte ihnen. Er erzählte, was sich zugetragen, und sie waren darob gewaltig verdutzt und voll Scham und Reue, da sie inne wurden, was diese Tapferen im Weiberrock für sie gewirkt hatten. Pieter Gans, Blaeskaek und Claessens, der Dechant von Uccle, ein gar heiliger Mann, waren auch auf den Marktplatz gekommen.

Da Meister Bredael die große Menschenmenge sahe, sprach er also:

»Gesellen,« sagte er, »wisset, daß ihr einzig durch die Tapferkeit eurer Weiber und Töchter Gottes Luft atmet. Darum so müsset ihr hier geloben und schwören, nicht mehr zu zechen, es sei denn, sie wollen es.«

»Ganz schön, Meister Bredael,« erwiderte der Bürger einer, »es ist nicht das Trinken, das also festen Schlaf machet. Ich, der ich mein lebelang am Humpen gesogen habe, und verhoffe es auch fernerhin fröhlich zu tun, kann als wohlerfahrener Mann davon sagen. Es ist ein ander Ding im Spiel, es ist Teufelswerk und Malefiz, das ich wittre. Komm hierher, Pieter Gans, komm hierher, ein wenig mit uns zu schwätzen, und so du etwas weißt, erkläre das Abenteuer.«

»Wehe, wehe«, sprach Pieter Gans, wackelte mit dem Kopfe und klapperte mit den Zähnen, denn er hatte Angst, der Biedermann. »Ich weiß von nichts, gute Freunde.«

»Ei,« sagte der Bürger, »du bist mit nichten unwissend, denn ich sehe dein Haupt wackeln und deine Zähne klappern.«

Aber da trat unversehens der Dechant Claessens vor Gans: »Schlechter Christ,« sprach er, »ich sehe es zur Genüge, du hast mit dem Bösen Umgang gepflogen, zum großen Schaden dieser rechtschaffenen Männer. Bekenne demütiglich deine Sünde, so wollen wir sehen, daß du der Gnade teilhaftig werdest. So du aber leugnest, wirst du mit siedendem Oele bestrafet.«

»Ha,« sagte Pieter Gans weinend, »ich hatte es wohl vorhergesagt, und ich werde gesotten werden, o mein Gott! Blaeskaek, wo bist du, Gevatter? Gib mir einen Rat, wehe! wehe!«

Aber Blaeskaek war flugs entflohen, aus Furcht vor dem geistlichen Herrn.

»Ha,« sprach Pieter Gans, »sehet den Verräter, der mich in der Stunde der Not verlässet.«

»Sprich«, sagte Claessens.

»Ja, Herr Dechant,« gestand Pieter Gans weinend und schluchzend, »ich werde Euch alles erzählen und nichts auslassen. Herr,« sprach er zum Schluß seiner Rede, »strafet mich nicht zu hart; ich will von meinen armseligen Hellern der Kirche ewigen Zins geben. Ich bin ein wahrer Christ, das behaupte ich, und nicht im geringsten ein Ketzer. Bedenket auch, daß ich nicht abscheiden möchte, ehe denn ich genugsam Muße gehabt, eine lange Buße zu tun. Aber lasset mich nicht eher in Öl sieden, ich beschwöre Euch.«

»Das wird sich erweisen,« sprach der Dechant. »Führe uns nunmehr zu dem Orte, da dieser Teufel ist.«

Sie stunden aber vor der Kirche, und der Pfarrer trat ein, Weihwasser zu holen. Alsdann ging die ganze Gemeine, Männer, Weiber und Kinder, nach der Trompete.

Allda forschte der Dechant, wo der wäre, welcher soviel ehrliche Männer behext hätte. Pieter Gans wies ihm gar demütiglich den Pausbäckigen, welcher lächelte und seinen Stab, mit Weinlaub und Trauben bekränzt, in der Hand hielt. Jegliche Gevatterin, so ihn erblickte, sagte, daß er für einen Teufel gar hübsch sei.

Nachdem der Priester sich bekreuzte und seine Hand in Weihwasser getaucht hatte, netzte er damit Stirn, Magen und Herz des Steinbildes, welches kraft der Allmacht Gottes allsogleich zu Staub zerfiel. Und man vernahm eine klägliche Stimme, die sprach: » Oi moi, o phôs, thetneka!« Und wurden durch den Priester diese Worte des Teufels gedeutet, so in griechischer Sprache besagten: »Wehe mir! Licht! Ich sterbe!«

 

XIII. Von der großen Überraschung und gewaltigen Verwunderung Seiner Gnaden des Herzogs, da ihm die Kühnheit der guten Weiber von Uccle kund ward

Indessen sandte die Gemeine zween Männer zum Herzog und hieß sie, dem edlen Fürsten in ziemlicher Weise zu vermelden, was sich zugetragen. Diese fanden ihn auf dem Wege nach Uccle, dieweil er unterwegens durch seine Spione von dem Vorhaben Eisenzahns vernommen, welches jener nicht geheim gehalten hatte. Und er rückte in großer Hast mit einer starken Schar Reiter wider ihn aus.

Sobald die Biedermänner ihn sahen, warfen sie sich vor ihm auf die Knie; aber der gute Herr wollte es nicht dulden, hub sie auf und hieß sie an seiner Seite schreiten.

Unversehenes kamen sie alle mitsammen an den Ort, wo die Wegelagerer niedergemacht waren. Da der Herzog all diese Leichname liegen sah, hielt er verwundert und entzückt an. »Wer hat diese Bösewichter umgebracht?« fragte er.

»Unsere Weiber«, versetzte einer der Männer.

»Willst du mir ein Märlein aufbinden, Bürger?« sagte er und runzelte die Brauen.

»Da sei Gott vor, Euer Gnaden«, sprach jener. »Ich werde Euch den Hergang erzählen«, welches er auch tat.

»Ei, der Tausend,« sprach der Herzog, »wer hätte sich dessen von diesen Weibern versehen! Ich will es ihnen lohnen.« Also sprechend befahl er, den Helm des Eisenzahns aufzuheben und mitzunehmen. Derselbige war lange Zeit unter den Waffen des Herzog Karl zu sehen, welcher ihn mit sonderlicher Sorgfalt bewachen ließ.

 

XIV. Wie die Schwesterschaft der Bogenschützinnen zu Uccle gestiftet worden, und von dem schönen Lohne, welchen Seine Gnaden Wantje, dem wackern Mägdlein, gegeben

Da der gute Herzog in Uccle einritt, sah er eine große Schar Leute auf sich zukommen und in ihrer Mitte einen, der kläglich schrie: »O Herr! Herr Pfarrer, lasset mich nicht sieden!« Worauf ihm entgegnet ward: »Das wird sich ausweisen.«

»Woher kommt dieser Lärm?« fragte der Herzog.

Aber nicht sobald hatte Pieter Gans ihn erblickt, als er auf ihn zurannte und die Knie seines Rosses umfassend rief: »Euer Gnaden Herr Herzog, lasset nicht zu, daß man mich siede.«

»Und um welcher Ursache willen sollte man mir einen meiner Getreuen von Uccle sieden?«

Flugs trat der Dekan Claessens vor und trug ihm mit großem Unwillen das Geschehnis vor, dieweil Pieter Gans gar trübselig klagte. Und der eine heulte und ächzte, der andere redete und bewies mit Gründen, und entstund so arge Verwirrung, daß der Herzog nicht wußte, auf wen er hören sollte.

Da trat Wantje plötzlich aus dem Volkshaufen, welcher gleich Pieter Gans schrie: »Gnade und Erbarmen!«

»Euer Gnaden,« sagte das Mägdlein, »dieser hat sich schwer wider Gott versündiget, aber er hat es aus Einfalt des Herzens und eingeborener Feigheit getan. Der Teufel hat ihn geängstet, da ist er ihm Untertan worden. Verzeihet ihm, Euer Gnaden, um unsertwillen.«

»Jungfrau,« sprach der Herzog, »du redest gut, und ich will dich erhören.«

Aber der Dekan Claessens sprach: »Euer Gnaden, Ihr gedenket nicht an Gott.«

»Mein Vater,« antwortete der Herzog, »daran habe ich es nimmer fehlen lassen. Gleichwohl bedünket mich, daß es ihm nicht gar angenehm sei, eines Christen Zelt rauchen und eines ehrlichen Mannes Fleisch sieden zu sehen, sondern daß er vielmehr die liebet, so sanftmütig sind und ihren Nächsten nicht auf dem Wege der Buße aufhalten. Ich will nicht, daß heute, wo die heilige Jungfrau uns mit einem Wunder begnadet hat, ihr Mutterherz durch Christentod betrübet werde, darum soll für dieses Mal keiner der Beschuldigten, nicht Pieter Gans noch die andern, verbrannt werden.«

Da Pieter Gans dieses hörte, brach er in Lachen aus wie ein Toller und hub an zu tanzen und zu singen, und rief: »Gepriesen sei Seine Gnaden. Ich werde nicht gesotten. Brabant für den guten Herzog!« Und alle Bürger riefen mit ihm: »Gepriesen sei Seine Gnaden!«

Da vermahnete der Herzog sie zu schweigen und sprach lächelnd: »Wohlan, Gevatterinnen, die ihr diese Nacht Manneswerk vollführet habt, kommt her, auf daß ich euch Manneslohn gebe. Zum ersten gebe ich der Kühnsten diese schwere, güldene Kette; wo ist sie?«

Die Gevatterinnen drängten Wantje vor den Herzog.

»Ei,« sprach er, »du bist es, die so artig geredet. Willst du mich küssen, wiewohl ich alt bin?«

»Ja, Euer Gnaden«, sagte die Jungfrau. Und sie tat es, ob sie sich gleich schämte.

Und da der gute Herzog ihr die Kette um den Hals gehängt hatte, redete er weiter:

»Was euch angeht, ihr guten Frauen alle, die ihr diese Nacht wacker gekämpft habt, so vereinige ich euch zu einer schönen Schwesterschaft unter dem Schutze unserer lieben Frau. Und ich habe dabei im Sinne, daß hier eine Stange von ansehnlicher Länge aufgepflanzet werde und daß ihr euch jeglichen Sonntag zum Bogenschießen vereinet, zum Gedächtnis dessen, daß ihr mit diesen nämlichen Bogen eure Männer und Kinder vom Tode errettet habt. Und ein schönes Kränzlein von Lorbeeren und ein hübsches Säcklein, mit glänzenden, klingenden Goldpetern wohlgespickt, sollen da sein. Dieselbigen sollen der, so im Jahr die Geschickteste war, von allen andern auf einem Kissen dargebracht werden. Und das Geldsäcklein soll ihre Mitgift sein, so sie Jungfrau ist, und sie vor Teurung bewahren, so sie verheiratet ist.«

Also wurde die Schwesterschaft der Bogenschützinnen von Uccle gestiftet, welche jeden Sonntag unter dem Schutze unserer lieben Frau den Bogen spannt.

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