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Elisabeth Dauthendey: Vivos voco - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Dauthendey
titleVivos voco
publisherVerlag von Theod. Thomas
printrun1.-3. Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160721
projectid424663f4
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V.

Es gibt Zeiten, die wir überleben, als ob wir sie nicht erlebt hätten, obschon oder gerade weil die Intensität ihres Inhaltes soweit über alle unsere Kräfte geht, die unser normales Erleben tragen und stützen, daß wir, wie über uns selbst hinaus gehoben, in einer Art Betäubung und Atemlosigkeit alles äußere Geschehen über uns ergehen lassen, während unsere Empfindungen in einem Tempo vibrieren, dem unser Bewußtsein nicht zu folgen vermag.

Man lächelt und spricht und bewegt sich in solchen Zeiten scheinbar wie immer. Aber zwischen diesem Lächeln, dieser Stimme und diesen Bewegungen und dem, was wir als unser Ich kennen, liegt eine qualvolle Finsternis und Starrheit, die uns vor dem drohenden Schmerze schützt, den wir nicht auszudenken wagen.

So geschah es auch diesen beiden.

Der tönende Schritt der Zeit, der den Tagen ihres Glückes eine unendliche Weite und Sicherheit gegeben, veränderte plötzlich seinen Rhythmus, wurde hart und klanglos und schien endlich ganz zu stocken, wie der nahende Fuß vor einer Schwelle. Und atemlos, lauernd und feindselig war aus der Zeit, diesen spielenden Wellen, die den Raum durchfluteten, ein Entsetzliches geworden, das hinter allen Blicken und Worten stand und jeden Augenblick mit seinen Schrecknissen Gedanken und Gefühle zu überfallen bereit war. –

Es kam fast etwas Feindliches zwischen sie selbst. Diese beiden Menschen, die von einander Schönheit um Schönheit genommen bis zu jener höchsten Ekstase, die alle Grenzen zwischen ihnen aufhob und Körper und Geist und alle scheinbaren Gegensätze des Seins zu leuchtender Einheit aufglühen ließ, diese beiden Menschen wagten es kaum mehr, sich in die Augen zu sehen. Sie traten ihre Sehnsucht mit Füßen, rissen die zu einander strebenden Hände auseinander, horchten angstvoll auf die armen mühsamen Worte zwischen ihnen, die die schwere Last ihrer verängstigten Liebe nicht mehr zu tragen vermochten. Denn seit sie eines Tages in einem Anfall wahnsinnigen Trennungswehs sich in wildem Schmerzensausbruch in die Arme gesunken waren und jeder dem Sturm der aufgeregten Qual des andern mit furchtbarem Entsetzen standgehalten hatte, zitterten sie beide vor der zerstörenden Gewalt, die einer im Blute des andern sich andrängen fühlte. Dem Schmerze des geliebten Menschen mit der Trostlosigkeit des eigenen zu begegnen, war das Unerträglichste von allem. So blieb jeder schweigend bei sich selbst und lauschte auf die entgleitenden Tage, die zu schleichen schienen, während die Stunden und Minuten ihnen in rasender Eile aus den Händen fielen. Alles war Chaos und Verwirrung in ihnen und um sie her. Das Leben schien aus den Fugen zu gehen und nie wieder zu seiner Schönheit und Willfährigkeit zurückkehren zu können.

So kam der letzte Tag. Die letzte Stunde. Die überhaupt zu erleben, unmöglich geschienen hatte.

Draußen deckten Novemberstürme und Winterdämmerung gnädige Schleier über die entgötterte Erde. Verschüttet von den tausend geschäftigen Händen des Tages lag in den Nebeln der Ferne, langsam verschwindend die selige Küste ihres Glückes, von welcher jede brandende Welle ihres rasenden Schmerzes sie unbarmherzig immer weiter fort trug. –

Dicht zusammen gedrängt saßen Rainer und Yvette noch ein letztesmal nebeneinander. Der Raum umher trug alle schmerzhaften Spuren der Reisevorbereitungen, die jedes Abschiednehmen so voll Unruhe und Nervosität machen. Es ist als ob jedes der wartenden Dinge umher gleichsam die Minuten zähle, die noch diesseits der Schwelle ihren letzten schweren Atem aushauchen dürfen. –

Ihre Lippen hielten sich. Ihre Hände griffen nach einander. Ihre Gedanken jagten zwischen allen heißen kostbaren Erinnerungen umher, stießen sich an den lauten mahnenden Dingen. Eines lauschte dem pochenden Herzblut des andern, Erlösung hoffend von irgend einem heißen Worte, das nicht kommen wollte.

Eine Uhr schlug. –

Da löste Yvette sich langsam aus den Armen des Geliebten. Mit einer unendlich sanften schwermütigen Bewegung nahm sie das Gesicht des Geliebten zwischen ihre Hände, dann hob sie behutsam die scharfen Gläser von seinen Augen, wie sie oft in den Stunden spielender Liebe zu tun gewohnt war. Sie liebte diese schnelle Veränderung, die sich dadurch in den Ausdruck des Gesichtes vollzog. Sie sah da plötzlich in eine Welt voll Traum und Zärtlichkeit, in eine wundervolle Stille und Unschuld der Seele, wie sie uns oft in fast erschreckender Schönheit aus den Augen des Kindes entgegen kommt. Und immer wieder überkam sie eine tiefe Ergriffenheit, wenn sie so in das Geheimnis dieser Mannesseele schaute, die sich neben ihrer starken durchdringenden Intelligenz ihre mystische Welt der Gefühle ungemischt und unzerstört erhalten hatte. Noch nie hatte sie diesen jähen, gleichsam direkten Einblick in solche Stille und Ursprünglichkeit des seelischen Wesens bei einer ihres eigenen Geschlechts erfahren; nur des Mannespsyche kann sich, wenn sie überhaupt in ihm zur Entwicklung gelangte, so plötzlich im Blick zu so grandioser Einfachheit sammeln; des Weibes Seelenleben ist dazu zu kompliziert und gibt sich zu leicht her. Von der siegenden Gewalt dieser Augen hingerissen, warf sich Yvette in die Arme des Geliebten und die Schauer seliger, unaussprechbarer Dankbarkeit überstürzten sie.

»Laß mich noch einmal das tiefste seligste Wort der Erde hören,« flüsterte sie ihm zu.

Da neigte er sich zu ihr. Und mit seiner warmen, in namenlosem Schmerze brechenden Stimme sagte er ihr das Wort – mein Weib – mein Weib. –

 

Sie konnte sich später nie erinnern, wie sie beide über die Schwelle des Hauses hinausgekommen waren. Es blieb wie eine schwere Dunkelheit über jenen letzten Augenblicken, die sie nicht zu durchdringen vermochte.

Auch von der langen Reise zum Einschiffungsort, die ihr, wie in wenige helle und finstre Momente zusammen gedrängt, erlebt schien, blieb ihr nur ein einziges letztes grausames Bild in der Seele.

Es war in Neapel.

Sie stand auf einem sonnenumfluteten Balkon. Vor ihr dehnte sich der blauglühende Golf. Heiße starke Düfte stiegen von den blühenden Farbenströmen zu ihr auf, die über die Brüstung zu den Säulen des Portikos hinabstürzten.

Wie eine schmerzhafte Dissonanz fühlte sie sich selbst in dieser lachenden Pracht umher.

Betäubt, unfähig irgend etwas klar zu erfassen, wie der bleiche leere Schatten ihrer selbst stand sie so mitten in der grausamen Schönheit des Lebens – das ihr eben mit kalter fühlloser Hand eine furchtbare Wunde mitten in ihr zuckendes Herz geschlagen.

Starr und fremd blickte sie in ein blasses, von Schmerz versteinertes Gesicht, das von unten zu ihr wie hilfesuchend aufblickte. War das der Geliebte? –

Ihren Sinnen schien er fremd und fern, obschon sie eine wahnsinnige Anstrengung machte, sein Bild mit ihrer letzten Kraft festzuhalten.

Sie blickte dem fortrollenden Wagen nach. Und dieser müden Hand, die immer wieder mit schwerer mühsamer Bewegung zu ihr hingrüßte.

Nur jetzt noch einige Minuten der Sinne mächtig bleiben, solange der Geliebte noch zu ihr hinblicken konnte – daß er nicht umkehrte, daß sie ihn nicht von seinem Wege ablenkte. Nur dieser eine Gedanke war noch in ihr. Bis endlich die Ferne ihn weggenommen hatte. Da ließ sie sich in die lockende Finsternis sinken, in eine grausam kurze Vergessenheit.

Schmerzhaft, wie die Schatten gestorbener Freuden umdrängte sie des Südens prunkvolle Fülle mit seinem Rausch von Licht und Luft und Farben, die von tausend seligen Erinnerungen beladen, ihr an alle Wunden scharf und peinvoll rührten. So daß die leere, rauhe und dunkle Atmosphäre, die sie jenseits der Berge wieder aufnahm, ihr eine plötzliche und wohltuende Beruhigung wurde. –

Daß sie außer Maria auch noch Dr. Reber am Bahnhof in Berlin fand, befremdete sie nicht. Sie ging wie im Traum einher und nahm Erwartetes und Unerwartetes gleich fern und unwirklich auf. Doch aber empfand sie es angenehm, eine bekannte Stimme zu hören und nicht länger mehr die furchtbare Stille um sich zu haben, die so beängstigend laut war von ihren eigenen unaufhörlichen Gedanken.

Doppelt wohl taten ihr seine Worte, da er gar keine Antwort zu erwarten schien.

Als der Wagen am Hause hielt, geleitete Dr. Reber Yvette bis zur Türe.

»Morgen spreche ich wieder vor,« sagte er, ihre Hand einen Augenblick behutsam, als wolle er sie nicht aus ihrer Versonnenheit wecken, in die seine nehmend. Er blieb an der Treppe stehen und blickte ihr besorgt nach. Wie mühsam und schwer ihre Bewegungen waren, als sei jeder Lebenswille in ihr erloschen.

»Wie teuer müssen wir doch jedes Glück bezahlen,« sagte er grimmig, indem er wieder in den Wagen stieg und warf den Schlag mit einer zornigen Gebärde in das Schloß als müsse er sich irgendwo an irgend etwas rächen. Dann aber lachte er plötzlich über den unnützen Kraftaufwand, lüftete den Hut, fuhr sich mit seiner knochigen Hand nervös durch das Haar und beugte sich zum Wagen hinaus. Er sah die ganze Reihe von Yvettes erleuchteten Fenstern entlang, obschon er ganz genau wußte, daß er sie nicht zu sehen bekam.

Ihr aber war, als ob die Füße nicht über die Schwelle wollten, als sträube sich jeder Nerv gegen die neue Qual, die hinter diesen Türen in allen Winkeln auf sie wartete.

Aber als sie die Türe zu dem Zimmer öffnete, in dem sie die meiste Zeit mit dem Geliebten verbracht hatte, wurde es ganz unerwartet etwas freier und leichter in ihr. Das schien nicht dasselbe Zimmer, vor dessen ersten Anblick ihr so namenlos gegraut hatte. In einem jener glücklichen Einfälle, wie sie die tiefe Not eines, für einen geliebten Menschen ertragenen Schmerzes einem gütigen Herzen einzugeben pflegt, hatte Maria mit dem feinen Instinkte ihrer verstehenden Seele die Beleuchtung des Zimmers völlig verändert. Nur die Kerzen zweier kleiner Wandleuchter brannten, auf dem Tische die niedrige Arbeitslampe, der Raum war so nur wenig erhellt, wodurch der erste heftige Anprall der in allen Winkeln kauernden Erinnerungen sanfter und milder wurde. Es war, als ob sich durch diese neue Wirkung von Licht und Schatten die schmerzhafte Bestimmtheit ihrer Konturen gleichsam aufgelöst hatte, so daß sie sich zu keinem festen Gebilde vereinigen konnten.

Auch im Eßzimmer brannten nur zwei Tischlichter mit kleinen roten Schirmen auf dem zierlich und liebevoll gedeckten Teetisch.

Der tiefe wohlige Seufzer der Erleichterung, der unwillkürlich von Yvettes Lippen kam, jagte Maria eine heiße Welle der Freude ins Gesicht.

Im Schlafzimmer lag ein Strauß glühender Granaten. Yvette nahm sie in die Hand. Das Meer von Capri rauschte auf, die mondweiße Terrasse stand greifbar vor ihren Augen. Das Telegramm neben den Blumen brachte ihr des Geliebten letzten Gruß vom Schiffe.

Dieses erste Wort aus der Ferne von ihm, dessen Mund sie noch so deutlich mit dem Kusse der Liebe auf den ihren fühlte, das war wie ein jäher treffender Blitz, der über alle Notwehr des verängstigten Herzens hinweg die grausame Wahrheit der Trennung ihr hart und unwiderruflich ins Bewußtsein einbrannte.

Sie war am Ende ihrer Kraft und sie ergab sich endlich willenlos der ganzen Bitterkeit ihres Schmerzes.

Aber an dem verzweifelten Aufschrei ihrer todwunden Seele fühlte sie zugleich die ganze Herrlichkeit ihres entschwundenen Glückes. –

In den nächsten Tagen ließ sich Dr. Reber einige Male melden. Da er immer abgewiesen wurde, trat er dann einmal unangesagt herein.

Er erschrak über das veränderte Aussehen Yvettes. Müde und schlaff saß sie tief in einen Armstuhl gelehnt. Sie hatte ein Buch in der Hand, aber den starren, weit fortblickenden Augen sah man es an, daß ihre Gedanken ganz wo anders weilten. Sie blickte ihn fremd, ohne Erstaunen an, legte ihre Hand in seine ihr dargebotene und machte mechanisch die Geste, die ihn zum Sitzen einladen sollte.

»Rolf Konitz hat mir Grüße für Sie aufgetragen, er ist vor einigen Tagen nach Paris gereist,« sagte Reber und nahm auf dem Fußende einer Chaiselongue, etwas entfernt von ihr, Platz.

Da sie nichts erwiderte, blieb auch er eine Weile stumm.

Durch das Fenster fiel das letzte bleiche Abendlicht der verschneiten Landschaft herein, es drang schon nicht mehr bis zu den ferneren Winkeln des Zimmers vor. Auf Yvettes Gesicht sammelte sich seine letzte Kraft. Die Züge waren von Schmerz durchwühlt, wie gänzlich aus ihrer Harmonie gebracht. Aber über und neben der Verwüstung, die durch das grauenvolle Leid der Trennung über sie gekommen war, sah sein scharfes Auge plötzlich noch eine andere seltsame Veränderung in diesem Gesicht, ein etwas, das gleichsam die Symmetrie der Linie verschob und ganz neue und fremde Schatten und Zeichen um Mund und Augen legte.

Reber erbleichte jäh bis in die Lippen. Er hielt den Atem an, denn ihm war, als müsse sie in der Stille, die zwischen ihnen war, das Brausen seines Blutes hören, das ihm heiß zum Herzen strömte.

Wie deutlich er es in diesem Augenblicke wußte, daß er diese Frau liebte und zugleich, wie ganz sie ihm verloren war. Denn, wenn er sich auch für keinen Moment auch nur der leisesten Hoffnung hingegeben hatte, sie je für sich zu gewinnen, in dieser hellsichtigen Sekunde, da ihm die verschwiegenen Tiefen dieses Frauenkörpers ihre letzte Heimlichkeit enthüllten, wurde die Kluft, die ihn von ihr trennte, plötzlich so groß und unüberwindlich, daß er erst jetzt ganz wußte, wie sehr er sie dennoch begehrte.

Der erste Impuls, den diese jähe Erkenntnis in ihm auslöste, war, fort zu gehen und nie wieder zu ihr zurückzukehren, von der er sich zugleich gefesselt und verstoßen fühlte. Aber die fast weibliche Güte, die sich in den langen Jahren seiner Erziehertätigkeit in ihm entwickelt und aufgespeichert hatte, zwang ihn, trotz all des Leides, das er durch sie ertrug, zu dieser einsamen schmerzbeladenen Frau hin, deren leidenschaftliche Sehnsucht zu einem andern sie so gänzlich von ihm entfernte, daß sie seine Gegenwart völlig vergessen hatte.

Er erhob sich, heute wollte auch ihm das rechte Wort nicht mehr über die Lippen. Yvette sah bei seinem Abschied so erstaunt und unruhig zu ihm auf, als fände sie gar keine Verbindung von ihren Gedanken zu seiner Gegenwart hin.

Als er über die Schwelle ging, war ein bittres Lächeln auf seinen Lippen und eine seltsame quälende Leere irgendwo in seinem Empfinden.

Aber unermüdlich kam er nun täglich zu jener schwermütigen Stunde zu ihr, wo die frühe Winterdämmerung so jäh und schnell den Tag auszulöschen pflegt und die mit dieser, fast überganglos einbrechenden Dunkelheit alle schmerzhaften Erinnerungen neue Fährten und Zugänge zu der leidenden Seele finden läßt.

Und immer hatte er eine Gabe für sie. Eine seltene Orchidee, ein neues Buch, einen besonders interessanten Artikel aus seinen Zeitschriften. Ob sie ihm nun dankte oder nicht, ob sie fern und abwesend, kaum seine Nähe zu empfinden schien, immer fand er sich genau zu der Zeit ein, da es ihr gut und nötig war, aus ihrer abendlichen Versunkenheit aufgestört zu werden.

Marias Augen leuchteten bei seinem Kommen dankbar auf und in den eiligen Schritten, mit denen sie ihm zu Yvettes Zimmer voranging, konnte man die Freude ihres treuen Herzens förmlich hören.

In Yvette sammelte sich eine stille warme Dankbarkeit für diesen fremden Mann, der ihr so viel gab, ohne das geringste von ihr dafür zu fordern. Ein leises Staunen war in ihr über diese selbstlose Verschwendung seiner selbst und ein heimliches Warten, wie lange diese großmütige Geduld standhalten würde. Aber sie lebte wie in einer schweren Betäubung und fand noch immer den Weg zur Außenwelt und den Menschen nicht zurück, und so nahm sie scheinbar danklos Güte um Güte aus seinen Händen.

Da kam eines Tages statt seiner ein Brief. Er müsse zwei Tage in dringender Berufsangelegenheit verreisen, ließ er sie wissen. Zugleich schickte er ihr ein Buch und bat sie, es in dieser Zeit zu lesen. Sie sah auf den Umschlag des Buches. Groß und aufdringlich sprang ihr der Titel in die Augen – Die Postulate der modernen Vernunft. Die Worte sagten ihr in diesem Momente nichts, sie mischten sich in keiner Weise mit ihren augenblicklichen Gedanken und hatten auch nicht die Macht, sie zu einem neuen Ideengange hinüberzureißen, so legte sie das Buch beiseite und vergaß es.

Aber die zwei Tage wurden ihr sehr lang. Sie fühlte mit tiefem Erschrecken, wie leer und einsam es um sie sein würde, wenn dieser fast fremde Mann ihr fern bliebe. Losgelassen von Liebe und Freundschaft, fern von der gewohnten Umgebung, war sie allein wie noch nie.

Und doch brauchte sie gerade jetzt eine Treue und Liebe um sich, der sie allmählig ihr Vertrauen zuwenden, durch die sie sich langsam zu den Forderungen der Wirklichkeit zurückgeleitet fühlen konnte.

Zu viel des Verwirrenden war über sie gekommen, sie fand sich nicht mehr zurecht in sich selbst.

Mit Schauern der Wonne und des Schreckens zugleich hatte sie die plötzliche Gewißheit überfallen, daß der Rausch ihrer glühenden Liebesfreuden die Quellen des Lebens in ihrem Blute berührt hatte, daß Leben vom Leben des Geliebten an ihrem Herzen ruhte. –

Ihre Beziehungen zum Leben waren damit endgültig verändert. Abgelenkt von den langen Gewohnheiten ihrer Freiheit und Unabhängigkeit lagen ihre Wege und Pläne nun von tausend Hemmungen und Hindernissen, über welche sie keine Macht hatte, beengt, und bedrängt vor ihr. Das schwere Gefühl der Verantwortlichkeit legte sich lähmend auf ihr Denken.

Und alle jene Schmähungen und Verachtungen und Lieblosigkeiten, die ihr je in die Ohren gefallen waren über die einsame Mutterschaft, die nur mit halber Freude dem kommenden Kinde entgegenwarten konnte, drängten sich undeutlich und verworren an sie heran und zerrten an ihrer Liebe, an der Sicherheit ihres Empfindens, an dem Vertrauen zu der Schönheit ihres in voller Freiheit erlebten Glückes.

Doch dieser Zwiespalt war nicht von langer Dauer. Er brachte gleichsam nur die schwachanschlagenden Wellen langer atavistischer Empfindungszustände, mit denen sie eines Tages so plötzlich fertig war, als wäre sie in ihrem Persönlichsten nie davon berührt worden. Sie hatte ihr Glück nicht mit den Schmerzen anderer bezahlt; sie hatte nicht nur Glück genommen, sondern im vollen Maße auch gegeben – wo blieb da Raum und Recht für einen Vorwurf Fernstehender und Unbeteiligter? –

Ein anderes Wirklicheres, das Entscheidungen und Erwägungen heischte, drängte sich in den Vordergrund.

Ihr bisheriges Leben hatte sich zwischen zwei Heimstätten abgespielt. An beide banden sie die tiefsten Erinnerungen und Freuden, und beide waren sie ihr für die nächste Zeit vereinsamt und verleidet durch den Verlust jener beiden Menschen, die sie liebte. Und doch hielt ihre Sehnsucht sie ebenso fest an diese Räume, die sie so kurz erst bewohnte, die sie aber durch die Intensität ihres Erlebens ebenso fest mit sich verwachsen fühlte, als jene andern es ihr durch die langen Erinnerungen kostbarer Jahre waren, die dort jeden Winkel erfüllten, die ganze Atmosphäre mit jenem fast greifbar gewordenen Arom durchtränkten, das mit der leisesten Berührung das wohlige Bewußtsein eines warmen Heimatgefühles in uns auslöst. – Dort aber lag nahe Wiedersehensfreude an der Schwelle. Während hier sich täglich der grausame Schmerz einer langen Trennung mit den tausendfachen Visionen seliger Erfahrungen um ihre Seele stritten.

Sollte sie dorthin zurückkehren und der geliebten Freundin entgegenwarten, deren Rückkehr ihr der einzige Lichtblick in ihrer verdunkelten Gegenwart dünkte? – Konnte sie sich hier trennen, war es möglich, sich von der Qual und Seligkeit loszureißen, die hier aus jedem Licht und Schatten ihr entgegenkam, sie mit jeder kommenden und fliehenden Stunde heiß und schmerzhaft und wonnevoll mit einer Unendlichkeit von Stimmungen, Erinnerungen, Sehnsuchtsqualen und stolzem Glückswissen erfüllte?–

Jeden Moment konnte sie sich hier das Bild des Geliebten so deutlich vor ihre Augen und Sinne schaffen, daß es wie Haben und Sein und Leben zwischen ihnen war. In jedem dieser Stühle konnte sie ihn sitzen sehen. Hier auf dieser Stelle des Tisches pflegte seine Hand zu liegen, wenn er ihr vorlas. Wie deutlich sie sie sah, diese etwas unregelmäßig geformte, von starkem Sport etwas aus ihrer Form gebrachte Hand, diese warme zärtliche Hand, die mit der sicheren Ruhe und Lässigkeit ihrer Gesten die freie vornehme Art einer harmonischen Persönlichkeit offenbarte.

Hier konnte sie sich jeden Augenblick in einen der unvergeßlichen Momente versetzen, die ihr trotz ihrer täglichen Wiederkehr immer als die stärksten und erregendsten ihres Zusammenlebens mit dem Geliebten im Gefühle geblieben. Sie brauchte nur jene bewegliche Lampe über dem Tische in der Mitte des Zimmers anzuzünden und sie bis zu einer ganz bestimmten Höhe hinaufzuheben, um mit dieser präzisen Lichtwirkung sofort die volle Suggestion seiner abendlichen Heimkehr zu ihr intensiv bis zu voller Körperlichkeit zu empfinden. So absolut wirklich wurde es in solchen Augenblicken um sie, daß sie die Türe sich öffnen sah, ihre Blicke leuchteten dem Eintretenden entgegen, der eine Sekunde auf der Schwelle verharrte, so als wolle er die überströmende Freude des nächsten Augenblickes mit vorgenießender Wonne um eine kleine Spanne Zeit hinausschieben – sie öffnete weit die Arme – ihre Blicke ergriffen sich, sie lag an seinem Herzen und ein Strom zärtlicher, törichter, süßer taumelnder Worte lachte und jubelte aus der Fülle ihrer Freude.

Aber sie wagte es nicht oft, sich dieser berauschenden Illusion hinzugeben, der Augenblick des Zurückkommens war zu grausam und bitter. Sie veränderte die Stellung der Lampe um ein weniges und alles wurde fern und verschwand; die feinen Erinnerungsfäden zerrissen, die wie die Saiten eines mystischen Instrumentes mit den zitternden Wellen von Licht und Schalten auflebten und starben. –

Nein sie konnte nicht fort von hier. Wenigstens nicht, bevor Lenore zurückgekehrt war, die dann auch sicher diese Stätte ihres Glückes sehen und kennen wollte. Was später wurde, darüber wollte sie vorerst noch nicht weiter denken.

Als sie allmählich hierüber zur Klarheit gekommen war, fühlte sie sich langsam wieder der Wirklichkeit zugewendet.

Und in dieser Wirklichkeit vermißte sie plötzlich den seltsamen Freund, der sich ihr unaufgefordert, mit jener vornehmen Unbekümmertheit um konventionelle Voraussetzungen, wie sie nur einer starken und selbstsicheren Persönlichkeit zu Gebote steht, genähert hatte und trotz aller abweisenden Kühle ihrer krankhaften Teilnahmlosigkeit neben ihr geblieben war. Die stille Abendstunde schien merkwürdig leer ohne ihn. Sie vermißte seine bewegte Stimme, die mit ihrem Reden und Schweigen Wärme und Leben umher zu verbreiten verstand.

So war es ihr eine erste wirkliche Freude in ihre traurige Stille hinein, als Reber nach seiner Rückkehr wieder zu gewohnter Stunde bei ihr eintrat.

Sie erhob sich mit einer raschen Bewegung, der man die Freude anmerkte und ging ihm entgegen.

Er ergriff ihre Hand mit seinen beiden. »Endlich,« sagte er mit warmer froher Stimme, »nun sind Sie endlich bei mir, meine Freundin. Ich sage dies heute nicht mit selbstsüchtiger Freude, was natürlich nicht ausschließt, daß ich es mit solcher Freude sagen möchte, aber meine liebe Freundin, es war hohe Zeit, daß sie die Mitwelt wieder erkannten. –

Er setzte sich nahe zu ihr und sprach weiter mit seiner gütigen und ehrlichen Stimme, die ihr wohl tat und die schwere lastende Einsamkeit verscheuchte.

»Sie waren zu weit fort von den Stimmen der Wirklichkeit, Sie gaben sich zu willig den Phantomen des Schmerzes und der Sehnsucht hin. Kennen Sie das Wort Goethes – in jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn, man muß sich hüten, ihn nachdenklich zu pflegen und auszubrüten. – Und ich habe immer gefunden, daß man von diesem Hygieniker der Seele etwas lernen kann. Sie haben den ersten Schritt zur Gesundheit getan, lassen Sie mich Ihnen die weiteren leichter machen. Schließen Sie sich nicht ab und aus vom Leben – das ist meine ganze Verordnung.«

Welche Güte, dachte Yvette und eine tiefe Rührung überkam sie. Denn mit dem sichern Instinkte des Weibes wußte sie, daß dieser Mann sie liebte und daß er, trotzdem es ihm offenbar sein mußte, wie ganz sie dem andern gehörte, doch diese stille Geduld für sie behielt und die meisternde Kraft über die Gewalt seiner Sinne, gab ihr ein wohliges Vertrauen und den Wunsch, durch die volle Annahme seiner dargebotenen Teilnahme ihm den geringen Dank zu geben, der einzig in ihrer Macht stand, denn leer und arm bleiben immer die Hände derer, die nicht lieben, vor der großen ewiggebenden Geste der Liebe.

»Ich bin zu allem bereit, zeigen Sie mir den Weg aus meiner Dunkelheit,« sagte sie mit bewegter Stimme und legte ihre Hand mit der feinen bezaubernden Anmut, die ihr eigen war, in die seine.

Ihre Blicke blieben einen Augenblick ineinander und nahmen und gaben sich die Geheimnisse ihrer Gedanken.

»Es gibt Zeiten,« sagte Reber, »wo wir nicht nahe genug bei uns selbst sein können, aber auch solche, wo wir uns gar nicht weit genug von uns entfernen können, um wieder einen neuen Zugang zu uns zu finden. Dann müssen wir in das Leben anderer flüchten. Bücher sind wahre Erlösungen in solchen Zeiten.« Er legte einige wertvolle neue Bücher vor sie hin.

»Sie nehmen uns gewaltsam von uns fort und zwingen uns zu anderem und anderen hin. Man fühlt mit plötzlicher Erkenntnis, welch unermeßlichen Dank wir denen schulden, die für uns schreiben, diese Menschen der großen Geduld. Es kann gar nicht genug geschrieben werden, möchte ich behaupten. Denn die ganze Menschheit braucht diese Kondensationen der Gedanken, diese plastische Darstellung aller Lebensmöglichkeiten. Sie braucht die unabsehbare Fülle der Erleuchtungen, Erfahrungen und Schicksalsspiegelungen, wie die Bücher sie uns geben. Für die Werdenden bedeuten sie oft Abkürzungen des Weges, ein Aufrollen des Vorhangs, der die Träume der Jugend von der Unerbittlichkeit der Realität scheidet. Für die Vollendeten sind sie ein stilles Ruhen am Ufer brausender Meere, deren Stimmen schmerzlich und selig bekannt, sich mit den Wellen der eigenen Unendlichkeit vermischen. Und für wie viele der ganz Armen und Gebundenen sind und bleiben sie der einzige Zugang zu den Mysterien der großen und feierlichen Bewegungen des Lebens. – Bücher sind Fahrzeuge, die zu uns kommen auf den bewegten Wellen der Gedanken und Gefühle, reich beladen mit den köstlichen Düften ferner blühender Gärten, mit den seltenen Früchten, die auf einsamen Inseln reiften, mit stillen geduldigen Wahrheiten, die auf nehmende Herzen warten. – Die großen Schaffenden sind und bleiben das Salz des Lebens, das es vor Stagnation und Verfall bewahrt.«

Er war in der Lebhaftigkeit seines Denkens mitten in der Rede aufgesprungen und ging rasch und gestikulierend im Zimmer hin und her. Er sprach eifrig auf Yvette ein, stellte ihr alle Fülle und Bewegung der Großstadt vor Augen, zu der sie nur einen kleinen freien Schritt zu machen brauche, um sich von der Melancholie ihres großen berechtigten Schmerzes ein wenig zu entfernen. Er wußte, daß er vorerst noch kein volles Mitgehen auf seinen Gedankenwegen von ihr erwarten konnte, wenn es ihm nur gelang, sie für einen Augenblick von sich selbst fortzulocken und sie zur Aufnahme auch nur einer außer ihr liegenden Idee zu verführen, so war ihr geholfen.

»Haben Sie meine kleine Schrift gelesen?« fragte er plötzlich und unvermittelt.

»Nein,« entgegnete sie ein wenig beschämt.

»Das tut nichts, ich habe es auch kaum erwartet. Ich will Ihnen kurz sagen, was sie will, denn sie ist die direkte Veranlassung zu einer bedeutsamen Veränderung in meinem Leben geworden. Ich bin seit drei Tagen aus meinem Amte entlassen worden.«

»Wie –« sagte Yvette, in ganzer Teilnahme sich ihm zuwendend, »das hat man Ihnen getan, Ihnen, der Sie, wie kein anderer für diese schwersten aller Leistungen berufen waren. Rolf Konitz gab uns Ihre tapferen Streitschriften, die Sie für die Reform der Schule und Erziehung einer stumpfen und sterilen Stillstandspolitik entgegenschleuderten, wir haben uns warm dabei gesprochen und uns wundervoll daran erfreut.«

»Wohl gerade deshalb – ich war den Oberen zu tapfer und mutig im Kampfe um den werdenden Mann, um seine Erziehung zu seiner neuen Zeit. Und diese Schrift, die darauf ausging, die gewaltige Fortschrittstendenz auf allen Gebieten unserer Gegenwartskultur nachzuweisen und der Parallele ihrer neuformulierten Postulate auch die der modernen Erziehung einzureihen – hat mir in gewissem Sinne den Hals gebrochen. Aber nicht den Wut und die Kraft, weiter zu kämpfen, wenn auch mit veränderter Strategie.«

»Und die Verlassenen, die Sie entbehren müssen?«

»Ich werde ihnen so vielleicht noch besser dienen können.«

»Heute noch werde ich Ihre Schrift lesen,« sagte Yvette und ihre Stimme hatte zum erstenmal wieder den freien Klang, ihre Hände die impulsive Geste früherer Zeiten.

»Tun Sie das, meine Freundin, wir sprechen dann darüber. Ich komme morgen und alle Tage zu dieser toten Stunde, die vom Licht zum Abend führt, in der man am meisten zur Freundschaft aufgelegt ist. Ich komme so lange, bis Sie etwas Besseres für diese Stunde gefunden.«

»Was könnte man Besseres finden als einen wirklich guten Menschen,« sagte sie mit Dank und Wärme in ihren Augen.

»Überschätzen Sie mich nicht. Wir sind alle Ackerland, wo neben der Frucht mancherlei Unkraut gedeiht. Und,« fügte er lachend hinzu, »manche Schönheit blüht gerade mit diesem Unkraut in uns.«

Seine Stimme war fröhlich wie die eines Knaben, dem eine gute List gelang und seine Augen blickten zärtlich in das leidvolle Gesicht dieses Weibes, das mit vollem Bewußtsein alle Schmerzen der Seele um ihrer großen Liebe willen auf sich genommen, und dem das Leid eine neue Schönheit gab, weil es die Blutwärme seliger Erinnerungen hatte.« –

*

– – – Mit unsäglicher Freude erwarte ich Deine Wiederkehr, geliebte Lenore. Es ist einsam um mich. Doppelt einsam, nachdem noch vor kurzem die Fülle jeder Schönheit mich und die Zeit trug. Und nun habe ich mich mit mir selbst und mit meiner Zeit wieder neu ins Gleichgewicht zu setzen. – Ich sehne mich nach Deiner nimmermüden Güte nach der stillen Weisheit Deiner verstehenden Liebe, mit der Du den geheimsten Wegen meiner Gefühle stets so behutsam und bereitwillig nachzugehen und entgegenzukommen verstandest.

Wenn Du wiederkehrst, Geliebte, findest Du eine andere als Du verließest. Eine andere nicht nur durch die gewaltige Erkenntnis des Lebens, die uns frei macht von uns selbst und zugleich uns erst ganz zu uns selbst führt durch die erlösende Harmonie, mit der sie unser Körperliches und Seelisches zu jener unlösbaren Einheit verbindet, wie sie nur in der Erfahrung der Liebe möglich wird.

Noch tiefer verändert findest Du mich – denn die Liebe ist Leben in mir geworden – Geliebte.

Du weißt, daß ich diesem Erleben nicht mit drängendem Wunsche entgegenwartete, so waren die Stunden der Erkenntnis voll von tiefem verwirrendem Schrecken und grausamer Bangigkeit und doch zugleich leuchtete eine seltsam süße Freude darüber hin, gleichsam als wären die fliehenden Erinnerungen der Liebe plötzlich eine bleibende Melodie geworden. So zwischen der Abwehr vor dem Kommenden und scheuer seliger Freude, zwischen Ungeduld und Flucht und Sehnsucht hin und her geworfen – wirst Du mich wiederfinden, wenn Du endlich, endlich zu mir zurückkehrst. – Welch eine Zeit liegt zwischen uns! Reicher an Schauen und Erleben, sind wir uns wieder neu geworden und haben Tiefes zu geben und zu nehmen.

Doch, ich war undankbar, als ich sagte, es sei ganz einsam um mich. Ich vergaß des neuen seltsamen Freundes, der sich mir seit kurzem zugesellt. Und der mit einer seltenen Liebe und Geduld, die von fast weiblicher Zartheit ist, mir die Zeit seit jener entsetzlichen Abschiedsstunde leichter und sanfter zu machen bemüht ist. Fast schäme ich mich, daß ich seiner für einen Augenblick so ganz vergessen konnte, aber das Licht der großen Liebe verdunkelt alles andere Leuchten neben sich. Und doch bedeutet er mir viel. Denn wir alle bekommen unsere beste Kraft von einer Liebe, die neben uns geht. Ob wir sie nun ganz erwidern oder nur voll Dank annehmen, immer ist sie der Anstoß, durch den wir uns selbst zum Bewußtsein kommen und der unser Wesen in seiner Tiefe in Bewegung erhält. Du wirst ihn bei mir finden, denn er scheint einer von jenen, deren Liebe die regulierender Elemente der Reife und Güte in sich birgt und sich deshalb in eine wundervolle Freundschaft zu wandeln fähig ist, diese kostbare Seltenheit zwischen Mann und Weib, die wohl nur da möglich wird, wo beide die ganze bewegte Fülle der Liebe so voll ausgekostet haben, daß ihnen der Dämmerungszustand der Freundschaft alle überschwänglichen Erinnerungen wie in einem Spiegel zurückgibt, der wie ein geheimnisvoller Reiz und unverrückbare Grenze zugleich zwischen ihnen aufgestellt bleibt.

Da Du ihn kennen wirst, will ich nur weniges von ihm sagen. Nur das eine – wie seltsam verwandt er Dir in seinen Lebensanschauungen, in seinem Zukunftswillen und seinem starken Mute zur erkannten Wahrheit ist. Das ist es wohl auch gewesen, was ihn mir so schnell nahe bringen konnte, was mich erst so befremdete bei meiner Art des langsamen Entgegenkönnens zu neuen Menschen hin. Es ist von Dir so viel in ihm, wie in einem wundervollen Buche, das in eine andere Sprache übersetzt ist.

Und indem ich Dich so stark in ihm fühle und wiederfinde, wird es mir klar bewußt, wie ganz Du der Typus des vollkommenen Weibes bist, Geliebte. Deine schmiegsame, von jeder antönenden Welle des Lebens geheimnisvoll bewegte Seele ist in ihrem Kerne gesättigt und durchleuchtet von einer männlichstarken Intelligenz, die allen Erkenntnissen des Daseins ihren tiefsten Inhalt abzuringen vermag. Und Dich so ganz wissend in Deiner schönen Vollendung, das macht mich so einsam jetzt, so fern jeder Frauenfreundschaft. Denn selten wie kostbare Kleinode sind noch jene, die Deinesgleichen wären, in denen die Kraft männlichen Geistes sich mit der Anmut weiblicher Güte so lückenlos verbindet, daß der, von den Besten unserer Zeit mit so tiefer Sehnsucht erwartete seelische Ausgleich der Geschlechter, für einen herrlichen Augenblick erfüllt zu sein scheint. Aber die einzelnen sind das Versprechen der Zukunft. Und tausend bedeutsame Zeichen deuten schon zu jener Menschheitshöhe, wo Kraft des Geistes und Fülle der Seele nicht mehr als gesonderte Attribute der Geschlechter auseinander fallen müssen, sondern den vollendeten Typus der Persönlichkeit darstellen werden.

Wie stark ich Dich fühle in diesem Augenblick Geliebte. Und meine Sehnsucht geht Dir heiß und voll liebender Ungeduld entgegen. –

*

»Ja,« sagte Reber zu Yvette, die ihm soeben aus Lenorens Vorarbeiten zu ihrem neuen Buche vorgelesen hatte, »ja die Übereinstimmung unserer Anschauungen ist wundervoll. Die Impulsivität und Wärme der Frau, die sie auch in ihrem Denken hat, gibt unserer Zeit den mächtigsten Anstoß zu den gewaltigen Fortschrittsbewegungen auf allen Lebensgebieten. Es ist gleichsam, als ob jedes Leid und Weh der Menschheit erst durch die warme Weisheit eines Frauenherzens gehen müsse, ehe der Mann es dann plötzlich mit der Aktivität seiner Intelligenz mitten in die Rotation praktischer Erwägungen hinein wirft, aus denen sich zuletzt die Summe idealer Verwirklichung herauskristallisiert, für welche die jeweilige Kulturepoche gerade reif ist. – Unsere Zeit ist reif für eine veredelte Manneserziehung und deshalb wird sie sie über kurz oder lang haben. Monotonie und Schablone haben hier das höchste an schädigender Wirkung erreicht. Zurück zum Leben und hin zur Persönlichkeit ist das Stichwort für die Umwertung aller Erziehungsbegriffe der neuen Strömung. Die Frauen haben sich selbst zur Freiheit geholfen, sie haben nun das Vorrecht ihrer größeren Güte, auch uns auf unserem Wege zu ihr helfen zu müssen. Und in dieser Mitarbeit wird sich die gegenseitige Wertung der Geschlechter als der Triumph einer lang verdeckten Wahrheit vollziehen.« –

»Welch eine wundervolle Zeit leben wir,« sagte Yvette, »alles ist im Fluß, alle totgeschwiegenen Wünsche der Menschheit stehen wieder auf. Und wo die Lehrer der Jugend Künstler des Lebens sind, da erst wird Erziehung überhaupt erst möglich. Nur Leben erzeugt Leben. Und waren die Lehrenden nicht gar zu lange schon nur noch Eingesargte, die unter der Last des Stoffes, des Zwanges und der Formeln, die sie weiterzugeben hatten, sich so weit von den blühenden Gärten des Lebens entfernten, daß sie wie fossile Reste ihrer selbst immer auf einem toten Punkt stehen blieben, so daß alles Leben, das sie berührten in kaltes Messen und Müssen verwandelt wurde? Daß die menschliche Natur wie ein Weizenkorn ist, das lausend Jahre unter der Schwere und Finsternis der Pyramiden lag und seine Lebenskräfte trotzdem nicht verlor, das ist ein Wunder, das uns immer wieder in Erstaunen setzt.« –

»Ja unsere Zeit ist voll Kampf und Tat, voll Eroberungswillen und Umsturz. Wir können die große Geste des Völkerkrieges entbehren, die vergangenen Zeiten die gewaltigen Rhythmen der äußeren Bewegung gab. Wir sind in uns selbst bewegter geworden, alles Handeln hat sich fast ganz auf die Ebene der psychischen Vorgänge konzentriert. Die Kulturvölker haben jetzt die feinere Aufgabe, ihre Feldherrnkünste und Heldenkräfte innerhalb der engeren, aber kulturell bedeutsameren Grenzen der individuellen Probleme herzugeben und verbrauchen zu lassen. Der rohe Lärm von Volk zu Volk wird den vollkommeneren Geschlechtern immer mehr ein unverständliches Rufen aus überlebten Zeiten. Geschlechter, die gelernt haben, am eigenen Glück zu bauen, haben keine Zeit mehr, das anderer zu zerstören. Es wird sich zuletzt bei dem Erziehungsziel der Menschheit darum handeln, ihren Willen, der sich in seiner Undifferenziertheit als blinder Wille zum Leben schlechthin äußerte und sich dann zur Brutalität des Machtwillens steigerte, nun endlich als ihren Willen zum Glück seine höchste Bedeutung finden zu lassen – natürlich das Glück im weitesten Sinne genommen. Diese Ziele zum Bewußtseinsinhalt der ganzen Menschheit zu machen, ist die Aufgabe kommender Generationen. Wir aber stehen erst an der Schwelle und schauen mit bewegter Seele die unerschöpflichen Schönheiten dieser fernen und doch schon kommenden Zeit. Aber jeder einzelne unter uns, der schon heute ein großes Glück in Schönheit auszuleben den Mut hat, ist ein Bauender an diesem Tempel der Zukunft.« –

»Sie sind wahrlich ein großer Dichter,« sagte Yvette mit dem leisen Lächeln tiefer Bewegung.

»Das ist Anerkennung und Abwehr zugleich. Aber Sie kennen das Wort – même quand il a tort le poète – il a raison

Er wandte sich zum Gehen. An der Türe blieb er nochmals stehen. »Ah,« sagte er, »fast hätte ich's vergessen. Ich habe hier eine Einladung für morgen zur Eröffnung von Bellermanns Separatausstellung in Zellers Salon. Es sind seine Nordfahrtsaquarelle, die er im vorigen Jahre mitbrachte. Darf ich Sie abholen dazu? Bitte sagen Sie nicht nein, das ist so endgültig,« sagte er, als er Yvette mit der Antwort zögern sah, »lassen wir die Frage offen. Ich komme um ein Uhr hier vor und dann sagen Sie hoffentlich ja.« –

 

Im kleinen intimen Saal waren schon allerlei Leute beisammen, als die beiden eintraten. Die Wände waren dicht behangen mit Bildern ziemlich kleinen Formates, so daß man fast dicht heran mußte, um sie erkennen zu können.

Die Menschen, die da herum gingen, verstanden etwas von der feinen und originellen Leistung des Künstlers. Die genaue Distanz, die sie zu den Bildern suchten, der intensive Ausdruck eindringlicher Vertiefung in das Geschaute, der sie für den Augenblick allem andern entrückt erscheinen ließ, zeigte, daß sie Eingeweihte waren, daß sie vor diesen Bildern, welche die momentanen Sensationen und Impressionen eines originell Schauenden darstellten, nichts anderes suchten, als was sie ihnen geben wollten. Und sie hatten nur denen etwas zu geben, die aus den wenigen, oft grotesken Linien und den intensiven, oft unerhörten Farben, die Überraschungen einer ganz neuen Welt mit der grandiosen Naivität des, von dieser Neuheit selbst überraschten Künstlers zu erfassen vermochten. Wasser, Eis, Schneeebenen und Berglinien in der bizarren Beleuchtung einer ganz fremden Sonne ergaben Farben, Stimmungen und Brechungen, die so phantastisch und unwirklich erschienen, daß sie nur durch die, jeden Zweifel ausschließende Sicherheit in der Beherrschung des Stoffes als Wahrheit empfunden werden konnten.

»Diese Stille und dieses feierliche Flüstern umher sind ein gutes Omen für das Geschaute und die Schauenden,« sagte Reber leise zu Yvette. »So die Seele durch das Auge bannen, daß keine Worte zu kommen wagen, ist der Triumph, der für das Werk entscheidet.«

»Künstler sind die Gnade des Lebens, sie bauen die Welt des Glaubens über seinen Realitäten auf und geben unserer Seele die Flugkräfte zu den unendlichen Fernen.«

In ihre leise Zwiesprache hinein kam eine fremde Stimme, »Dr. Reber,« sagte dieselbe und war voll Freude und unterdrückter Bewegung. Reber wandte sich zu dem jungen Manne.

»Dr. Reber, Sie hier zu sehen, welches Glück, ich hörte erst jetzt von dem unersetzlichen Verluste unserer Schule.«

Yvette sah, wie die Hände des jungen Mannes sich mit schöner jugendlicher Inbrunst um die Rebers schlossen und die jungen Augen voll Sehnsucht und Vertrauen die seinen suchten, während die Lippen wie in tiefer innerer Erregung sich unruhig bewegten.

»Denken Sie jetzt nicht mehr an mich,« sagte sie zu Reber. Sie wandte sich einer anderen Wand zu und ließ die beiden allein. Als sie nach einer Weile wieder zu ihnen hinblickte, hatten sie in einer fernen Diwanecke Platz genommen und schienen ganz ineinander versunken. »Wie bitter nötig hat doch die Jugend den genialen Lehrer,« dachte Yvette, »der ganz Mensch mit ihr zu sein versteht; und der werdende Mann wohl ganz besonders, da seine Jugend so viel früher und jäher in die harten Wirklichkeiten des Lebens einzumünden pflegt.« –

Plötzlich wurde neben ihr ein schwerer Vorhang langsam zurückgeschoben und aus dem Gemach dahinter traten zwei vornehme Frauen heraus und rauschten in ihren kostbaren Gewändern an ihr vorüber. Eine feine Wolke undefinierbarer Wohlgerüche blieb hinter ihnen zurück. Das zarte gemmenartige Profil der einen fesselte Yvettes Blicke, sie wendete sich ein wenig, um ihr nachzusehen.

Am Vorhang stand Bellermann.

»Ah gnädige Frau,« sagte er, rasch auf sie zukommend. »Diese Überraschung verdanke ich wohl Dr. Reber. Bitte, treten Sie einen Augenblick in meinen Lauscherwinkel, wo ich von schönen Augen, Lippen und Händen die Antwort erwarte aus die Fragen, die in jedem Künstlerwerk verborgen liegen.«

Er sprach schnell und etwas keuchend; zog den Vorhang zurück und machte eine einladende, aber ziemlich gebieterische Geste.

Yvette trat in den halbdunkeln Raum, der durch den Lichtschacht des Hofes nur spärlich beleuchtet wurde. Zwei niedrige Ottomanen liefen im Winkel zweier Wände zusammen, Taburetts und maurische Rauchtische standen umher.

Bellermann führte Yvette zur Ottomane und setzte sich ihr gegenüber.

»Nun bitte – was sagen Sie zu den Bildern, das Urteil von Kunst zu Kunst hat mir besondern Wert.«

»Sie sind einzig in ihrer Art in Stoff und Auffassung, originell gesehen und meisterhaft stilisiert.«

»So das tut gut.«

»So eitel,« sagte Yvette scherzend.

»Eitel – bewahre. Nur durstig nach Rausch. Wenn der eigene im Werk erschöpft ist, muß der der andern ihn uns wiedergeben. Sie müssen das ja selbst kennen. Wir Künstler brauchen einen Ozean von Enthusiasmus und immer glaubt man, wir wollen Kritik. Die haben wir selbst in uns oder wir haben sie nicht, ein anderer nützt uns mit der seinen niemals. Uns gibt die Kritik nichts, die ist nur für die andern, die uns nicht begreifen. Ein heißes Wort der Begeisterung, des Entzückens befruchtet uns mehr als zehn Seiten der scharfsinnigsten Auseinandersetzung – und wenn solch ein Wort gar von schönem Frauenmunde kommt –«

Der Vorhang wurde jäh beiseite geschoben. Die Silhouette eines fast überschlanken jungen Mädchens im dunklen Reitanzuge, eine zierliche Gerte in der Hand, zeichnete sich scharf gegen das vom äußeren Saale einfallende Licht ab.

Sie zögerte einen Augenblick, da sie Stimmen hörte, hielt den Vorhang mit der einen Hand und sah suchend in den dunkeln Winkel zu den beiden hin.

Bellermann sprang auf. – »Lisotte,« sagte er mit einer Stimme, die voll zorniger Zärtlichkeit war.

Die junge Hand ließ den Vorhang hinter sich zufallen und trat hastig näher.

»Meister, ich habe nur wenig Zeit. Mein Pferd und mein Groom warten unten auf mich. Aber ich mußte diese Bilder sehen. Und da ich sie sah, muß ich Ihnen sagen, daß ich entzückt bin. Mit so wenigem so viel geben, kann nur ein Ganzer und Großer.« Sie trat ganz nahe an ihn heran, ihr schmales, vor Erregung weißes Gesicht, in dem ein paar tiefe meerblaue Augen seltsam leidenschaftlich aufglühten, wollte sich dem seinen zuneigen.

Er trat einen Schritt zurück.

»Ich bin nicht allein Lisotte. Zudem – Sie wissen, was ich Ihnen sagte, es ist genug damit – nächste Woche schon gehören Sie dem andern.«

»Dir ist's vielleicht genug,« flüsterte sie mit heiserer Stimme, »aber nicht mir – was ist mir der andere.«

»Geh – geh,« sagte Bellermann hart und ergriff ihren Arm, um sie zum Ausgang zu drängen.

Sie riß sich los. Ihre Blicke waren voll Flammen, voll einer wilden wissenden Lust, die das junge zarte Gesicht plötzlich alt und überreif erscheinen ließ. Das spärliche Licht vom Fenster gab den unsichern Umrissen der beiden etwas merkwürdig Fahles und Unwirkliches, Yvette sah voll Spannung auf die geschmeidigen Bewegungen dieses jungen Körpers, dessen zärtliche Anmut durch die unbeherrschte Leidenschaft etwas Wildes und Hartes bekam.

Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen, den Kopf vorgeneigt, um Mund und Augen lag es wie eine starre tiefe Qual. Da sie Yvette im fernen Halbdunkel fast nicht sah, schien sie ihre Anwesenheit ganz vergessen zu haben. Sie stand wie auf dem Sprunge, sich in die Arme des Mannes zu stürzen, wenn er sie ihr nur einen Augenblick öffnen wollte.

Dem aber stieg das Blut plötzlich heiß in die Schläfen. »Geh,« sagte er noch einmal, »wir müssen fertig miteinander sein.« Da sie aber, wie vom Trance ergriffen, sich nicht von der Stelle rührte, riß er ihr mit einer ungeduldigen Bewegung die Gerte aus der Hand und ließ sie so nahe neben ihr mit scharfem Pfiff durch die Luft sausen, daß sie es wie einen Schlag empfinden mußte.

Lisotte zuckte zusammen. Sie erbleichte bis in die Lippen, in ihre Augen trat ein ekstatischer Ausdruck wilden Entzückens. Sie streckte die Hand nach der Gerte aus, bückte sich blitzschnell zu der Hand, die sie ihr reichte, küßte sie mit ihren jungen heißen Lippen und flog mit raschen leichten Schritten zum Ausgang und verschwand.

Bellermann ließ sich schwer atmend auf den Diwan fallen. Seine Hand spielte nervös mit dem Barte. »Das ist die Perversität der allerhöchsten Tochter,« sagte er mit ärgerlicher Verlegenheit.

»Welch ein seltsames Gemisch von schmerzlichen Widersprüchen in einem so jungen Gesicht,« entgegnete Yvette.

»So muß es kommen bei der Unnatur ihres Lebens. Ihre weiße unwissende Seele läßt man in einer von schwüler Erotik belasteten Atmosphäre aufblühen, bis ihre lächelnde Unschuld eines Tages plötzlich sehend wird. Man gibt ihrem erwachenden Blute alle heimlichen Reize sinnenaufwühlender Lektüre und setzt ihr zuletzt einen Mann zur Seite, so nahe, daß sie alle Schauer der Leidenschaft fühlen muß, ohne sie wissen zu dürfen und läßt sie neben dem übersatten Manne eine langsame wohlgesittete Folter ertragen bis zu einem Tage, den andere endlich für gut und passend finden, sie von ihrer Qual zu erlösen. Wehe dem Künstler der solchen Explosiven zu nahe kommt – wenn sie mit tausend Listen und Heimlichkeiten sich endlich den Zugang zu ihm erzwungen haben und er ihnen, die sich ihm in die Arme stürzten, wirklich einen Augenblick übertölpelt, die Zärtlichkeit gibt, auf die sie sich mit der überreizten Lüsternheit ihrer unausgelebten Gefühle stürzen – dieser Meute ungebändigter Begehrungen wird er so leicht nicht wieder Herr, wenn er nicht zu einem Gewaltmittel greift – und das sogar – er lachte ein zynisches Lachen – und das sogar macht sie nur noch toller in ihrer Wildheit.«

»Die Menschheit hat sich in furchtbare Sackgassen verrannt,« sagte Yvette, »wer wird ihr den Ausgang zeigen.«

»Der Mensch will eben nicht nur leben, sondern erleben – das Weib muß die Mauern einrennen, die man künstlich um sein Leben aufgetürmt hat. Die gute Gesellschaft hat sich das ja schon geleistet – nur die höchste –«

Es klopfte an eine Seitentüre. Ein Laufbursche trat ein und meldete, das Auto sei vorgefahren.

Bellermann erhob sich hastig und atmete befreit aus.

»Meine Gnädige, ich wage zu hoffen, daß Sie mir erlauben, Sie zu einer Fahrt in diesen köstlichen Dezembertag hinein, der blau wie ein Mai ist – einzuladen, wir gehen gleich hier durch,« sagte er, die Türe zu einer Treppe öffnend, die zu einem Seitenausgang führte.

Es war wirklich ein auserlesener Tag.

Die Luft voll jener reinen stillen Kälte, die wie Stimulans und Konzentration zugleich wirkt. Etwas Befreiendes, gleichsam übersinnliches ging von dieser hochschwingenden Bläue, dieser unbewegten schattenlosen Lichtflut aus. – Die Vorstellung, in dem eleganten Coupé wie im Fluge durch diesen köstlichen Rausch von Licht und Stille fortgetragen zu werden, wurde nach all der Monotonie der letzten Wochen in Yvette plötzlich zu einer unbezwinglichen Lust, so daß, als Bellermann nun den Schlag öffnete, sie ihren Fuß mit so elastischer Bewegung auf den Tritt hob, daß Bellermann ihr entzückt nachblickte.

Er sagte dem Chauffeur einige Worte und setzte sich dann zu ihr, breitete sorgsam das weiche Bärenfell über sie und lehnte sich behaglich in die Kissen zurück. Er suchte ihrem Blicke zu begegnen, aber sie sah gar nicht zu ihm hin. Ihre Augen gingen traumverloren weit in die blaue klare Ferne hinaus, als müsse da irgendwo eine große Freude auf sie warten. Wie wohl ihr diese wundervolle Schnelligkeit der Bewegung tat, wie sie den eignen Rhythmus im Blut und Denken beschleunigte, wie es sie wegnahm von der Schwere des Schmerzes.

Bellermann überließ sie ihrer tiefen Versonnenheit und genoß mit langsamer Vertiefung den Reiz ihrer Nähe und ihrer eigenartigen Schönheit. Ihre diskrete Eleganz und die ruhige Lässigkeit ihrer Haltung, das stilisiert Persönliche ihrer Erscheinung gaben ihm das, was er an Frauen am meisten liebte, jene mühelose Vornehmheit, die er über alles schätzte, da er selbst sich so mühsam zu ihr hatte hinarbeiten müssen. Und nur den vielen Liebesabenteuern mit Frauen der höchsten Gesellschaftskreise hatte er im letzten Grunde seine ihm jetzt natürlich gewordene Pose überlegenen Selbstgefühls zu verdanken.

Wie sie mit sich spielen ließen. Wie schnell sie ihm zu Willen waren, alle diese feinen grazilen rassigen Geschöpfe, alle so languid neben ihren Ehegatten, den wenn auch nicht immer an Jahren, so doch an Erleben und Ermüdung immer so weit über sie hinaus Gealterten. Und voll Elan und Temperament, so ganz sie selbst werdend, bis zur Sentimentalität und Frivolität je nach ihrer Art – dem Künstler gegenüber, der mit der sprühenden Beweglichkeit seines Geistes und dem impulsiven Ungestüm seiner Sinne ihnen die Jugend gab, die sie brauchten. Und dieses gleitende Wellenspiel der Leidenschaften, das immer ein Neues, Reizvolles und Lockendes der leicht entzündbaren Phantasie des Künstlers nahe bringt und fast mühelos sich nehmen läßt, macht ihn zuletzt unersättlich nach immer wieder Neuem und verwischt ihm schließlich jede Grenze für das Recht seines Willens.

Die Nähe dieser Frau, der köstliche Atem ihres gesunden und gepflegten Körpers, das Verlangen der Sehnsucht, das ihr so deutlich um Augen und Lippen lag, gaben ihm die wohlige Wärme, die berauschende Empfindung eines langsam aus ihn zukommenden Genusses, die dem Ausbruch einer Leidenschaft bei ihm vorauszugehen pflegte.

Yvette aber war weit von ihm fort. Glühender Erinnerungen voll an solche Fahrten mit dem Geliebten, empfand sie die körperliche Nähe dieses fremden Mannes als eine erregende Verstärkung ihrer schmerzhaft deutlich Nachlebenden Sehnsucht.

So war sie mit Jenem oftmals durch Stadt und Wald, an den Seen entlang, weite endlose Landstraßen hingeflogen in fast wilder glücklicher Freude an diesem schier fabelhaften Bewegungstempo, das den Begriff des Raumes auszuheben schien und eine unerhörte Akkumulation ferner Möglichkeiten schwindelnd nahe brachte. Wie sie beide diese rasende Flucht genossen hatten, diese Flucht vor allem Bestehendem, zugut Bekanntem, zu den ziel- und zeitlosen Wegen, auf denen alle fernen und unerkannten Dinge einem mit der Demut der Besiegten entgegenkommen mußten. Bald würde ein Menschenleben ausreichen, den Reichtum der Erde zu wissen.

Mit Flammen im Blut und in der Seele hatten sie ihre Gedanken getauscht. Nun würde sie gleich seine geliebte Hand auf der ihren fühlen – sie würde den Handschuh von der ihren streifen – zart, leicht und sicher – und nun fühlte sie die heißen weichen Lippen auf ihren glücklichen Händen.

Ein wundervolles Leuchten lag auf ihrem Gesicht.

Der Mann neben ihr, der sie unter dem Einfluß ihrer Versunkenheit an ferne Dinge immer schöner aufblühen sah, verlor die Geduld. Sapristi, das dauert mir zu lang, dachte er plötzlich.

»Sie haben wohl gar keine Gegenwart mehr, meine Gnädige,« sagte er, sehr zart und leise ihren Arm berührend, denn etwas an dieser Frau mahnte ihn zu äußerster Vorsicht.

Yvette schrak zusammen. Aller Glanz der Augen, das Lächeln der Lippen verschwand und sie kehrte ihm ein so fremdes und kühles Gesicht zu, daß es schon fast eine Beleidigung für diesen verwöhnten Frauenkenner war.

»Wollen wir nicht eine kleine materielle Verbindung zwischen uns herstellen,« sagte er, mit gezwungenem Lächeln sich über seinen Ärger hinweghelfend. Er klappte das kleine Rückpolster hoch, nahm einen eleganten silbernen Kasten heraus und öffnete ihn. »Wir sind gerade aus völlig ebenem Wege, da geht es am besten,« plauderte er weiter. Das Polster konnte umgekehrt in den Kasten eingepaßt werden und stellte ein bequemes Tischchen her. Bellermann goß aus einem Kristallflakon einen feinen duftenden Wein in kleine Gläser, in einer Kristallbüchse fanden sich zierlich zurecht gemachte Brotschnitte. Er stellte alles aus ein silbernes Tablett und reichte es Yvette. Er selbst trank mit einem schnellen Zuge sein Glas leer.

Yvette sah auf seine schönen, sorgsam gepflegten, ganz unberingten Hände, die sich geschmeidig, fast zärtlich mit den kostbaren Utensilien zu schaffen machten. Dann gingen ihre Blicke zu seinem bleichen, scharf markiertem Gesicht, dessen dunkle unruhige Augen von den breiten, gleichsam durchsichtigen Lidern wie vorsichtig verdeckt schienen. Die Fülle des kostbaren Pelzes verhüllte seine unglückliche Gestalt und gab ihr die Illusion normaler Linien, wodurch der ausdrucksvolle Kopf mit dem üppigen Haar und dem pikanten Schnitt des Spitzbartes erst ganz zur Geltung kam. –

Der Wein hatte ihre Nerven gespannt. Sie wurden beide plötzlich gegenseitiger sich zugewendet. Ihre Gedanken bekamen Leben und Worte, Yvette lehnte sich wohlig in die Kissen zurück. Die feine Harmonie dieses luxuriösen kleinen Interieurs hatte etwas Anregendes und Beruhigendes zugleich.

»So durch die Welt zu fahren,« sagte sie, ihm gleichsam den Schlüssel zu ihrer langen Abwendung von ihm gebend, »weit fort, so absolut Herr der Bewegung und unseres Willens, nicht auf vorgeschriebenen wegen, sondern dahin, wo es uns lockt – das ist ein köstlicher Triumph unserer modernen Gedanken.«

»Ja unsere seltsame Zeit hat ihrer Schnelllebigkeit das passende Instrument der rasenden Möglichkeiten gefunden. Und wie schnell hat diese geflügelte Eile sich überall hin schon ihre Wege genommen. Im Innern Indiens fuhr ich mit ihr über Straßen, über welche Elefanten und Affen und bräunliche Hindus ihre stillen Schritte machten und ich sah diese verträumten Sonnenmenschen erschreckt in den Staub fallen und anbetend das Haupt neigen, sie glaubten wohl eine neue Inkarnation des großen Buddha zu erleben.«

»Sie nahmen sich ihr Teil der Welt mit vollen Händen, will mir scheinen.«

»Das tat ich allerdings. Mit dem ganzen Hunger langer ungestillter Sehnsüchte riß ich alles an mich, was meine Kraft nur irgend erreichen konnte. Man wird um so hungriger, je länger man fastet und als simpler Bauernbub aus den Tiroler Bergen war dies sehr lange mein Los.« –

Yvette wandte sich erstaunt zu dem Sprechenden hin – »ist's möglich,« sagte sie.

»Ja, zwanzig Jahre in den Salons vornehmer Frauen tun Wunder der Vollendung. Man wird da ein anderer. Man kann sich nicht genug tun, um sich selbst zu beweisen, daß man ein anderer wurde. Man wird es so sehr, daß man den Plebs, aus dem man stammt, zu hassen lernt, seine Enge und Vierschrötigkeit der Empfindung, seine rohe Steifnackigkeit allem gegenüber, das sich nicht auf greifbare Nützlichkeit reduzieren läßt.«

»Ihre Bitterkeit sagt, daß Sie lange litten um Ihrer Entwicklung willen.«

»Man hat sie mir höllisch schwer gemacht. Künstler werden wollen, war einfach etwas Lächerliches, das ausgetrieben werden mußte. Und man machte sich das sehr leicht mit jenem herrlichen Gottesurteil, das zwischen dem jungen Mute zu sich selbst und der Realität der harten Notdurft entscheiden sollte. Lassen wir ihn doch einfach hungern, sagte man, dann wird sich's schon zeigen, was stärker ist in ihm. Und sie sagten es mit dem stolzen Hochgefühl einer hohen Mission. Lassen wir ihn doch hungern, damit tun wir etwas zu seiner Entwicklung. Diese Dickhäuter, die nicht einmal ahnen, wie fein und subtil die Essenz ist, aus der sich die Welt des Künstlers aufbaut. Daß die Kunst der Not bedarf, um zu werden, ist eine der rohen Anschauungen, die sich der Philister noch heute als Bollwerk für sein böses Gewissen dem erliegenden Künstler gegenüber aufgestellt hat. Und wenn er am Hunger stirbt, schrein sie ›seht ihr, der Kerl taugte nichts, es war ein Schwächling, der's nie zu etwas gebracht hätte‹. Haben Sie etwa die Not gebraucht, um das zu werden, was Sie sind?«

»Es ist eine furchtbare Kraftvergeudung, den Künstler erst an sein Brot und erst dann an sein Feinstes und Zartestes und Größtes denken zu lassen – es gibt bessere Nöte genug im Leben, an denen er reifen kann, an der Brotfrage ist noch keiner größer geworden.«

»Die Kunst, die der Not bedürfte zu ihrer Entwicklung, muß etwas sehr Grobes und Schwerfälliges sein. Die feinen Kräfte, die der Kultur zugute kommen, sind subtilerer Art und brauchen subtilere Spannkräfte zu ihrer Befreiung. Wo sie trotz der gemeinen Not zum Siege kommen, wird immer ein schwerer Verlust neben diesem Siege stehen. Entweder so, daß die Persönlichkeit unter der Überspannung ihrer Kräfte vor ihrer Zeit zugrunde geht, oder aber, daß ihre Leistung nicht alles das ausschöpft, was sie zu geben hätte, in jedem Falle aber bedeutet dies immer eine Verkümmerung und Verkürzung möglicher Kulturwerte.«

»Hier hätte der Staat einzugreifen und sich des Besten anzunehmen, das ihm aus der Reihe derer zuströmen kann, durch welche er erst die Berechtigung seines Bestehens erhält,« entgegnete Yvette. »Einzelne können nie ganz das tun, was nötig ist.«

»Ein selbstverständlicher und doch noch nur ein sogenannter frommer Wunsch – sehr ferne Zeiten werden sich vielleicht auf diese scheinbar nur ideale und doch im letzten Grunde nützlichste Aufgabe der obersten Leitungen im Staate besinnen, denn der Künstler ist und bleibt der Träger aller Schönheitswerte, die aus dem rohen Bau der Zivilisation erst einen Tempel der Kultur werden lassen.« –

»Bis wir so weit sind, müssen wir mit dem Eigenen helfen, soweit es irgend geht, dem ringenden Künstler die Wege zu ebnen, der der Not des Alltags um so hilfloser gegenübersteht, je tiefer die Wurzeln seines Wesens in jenen übersinnlichen Welten ruhen, aus denen jede Kunst geboren wird.«

»Und deshalb liegt uns wohl auch das Gold so locker in den Taschen, wenn wir es endlich haben – denn die Natur verschwendete sich in uns und duldet keine Kargheit an uns selbst. – Aber wie ernst wir geworden sind – lassen Sie uns Fröhlicheres denken. Ah, – sind wir schon soweit –«

Das Auto hielt mit einem plötzlichen Ruck vor einer eleganten Villa im vornehmen Tiergartenviertel.

»Dies ist mein Heim. Ich hoffe, Sie kommen mit herauf zu einem Atelierbesuch und gestatten mir später einen solchen bei Ihnen.«

»Sehr gern,« sagte Yvette, der solche Besuche nichts Ungewohntes waren. Sie fand es bei ihm, wie sie es erwartet hatte. Üppigkeit, Verschwendung überall. Eine fast weibliche Vorliebe für Prunk und Pracht, die nur durch ein strenges Stilgefühl ein gewisses Maß und Zucht erhielt.

»Ihre Augen sprechen laut. Sie wundern sich über diese Haremsüppigkeit. Aber was wollen Sie – so lieben es die Frauen, die zu mir kommen und mir ihre Körper anvertrauen, ihren Reichtum und oft noch andere Kostbarkeiten willig hergeben dafür, daß ich mit meiner Hand ihre volatile Schönheit für alle Zeiten festhalte und sie ihnen selbst damit gleichsam für immer zurückgebe.«

»Sie sind es aber auch wert, von Ihrer Kunst unsterblich gemacht zu werden,« sagte Yvette, indem sie verschiedene Skizzen, fertige Bilder die umherstanden und hingen, ansah und ein Album mit den Reproduktionen früherer Arbeiten durchblätterte.

Vor einem Selbstbildnis des Künstlers blieb sie länger stehen und sah vergleichend zu ihm hin. »Dem fehlt etwas,« sagte sie.

»Ja, ganz recht – ich weiß zu viel von mir selbst und sehe deshalb zu wenig. Die Neugierde auf das Allerpersönlichste in jedem Andern, das wir mit tausend feinen Listen aus seinen Verbergungen herauslocken müssen, ist der schärfste Reiz zur Verähnlichung.« –

Eine kleine Japanerin trat mit leisen huschenden Füßen ein und brachte den Tee, flötete mit ihrer zarten Vogelstimme einige fremde Laute und verschwand wieder.

»Die brachte ich mir zum Andenken aus dem Lande der Kirschblüte und der Chrysanthemen, aus dem Lande der seltsamsten Farbenstimmungen und schier unglaublicher Motivenfülle mit –

Ah – bleiben Sie so,« sagte er unvermittelt, »die Stellung ist wundervoll – so zurückgelehnt, die Tasse in der Hand, den andern Arm so lässig auf der Lehne liegend – bleiben Sie bitte.«

Er nahm Stift und Block und zeichnete mit raschen Strichen, sie mit seinen Blicken umfassend, durchbohrend und aufsaugend.

»Sie wissen, daß Sie schön sind? Kluge Frauen wissen das immer. Geben Sie mir Ihre Schönheit zu einem Bilde,« sagte er plötzlich mit vor Erregung fast heiserer Stimme.

Er warf den Stift beiseite und kam ganz nahe an sie heran. »Als ich Sie zum ersten Male sah, flammten meine Sinne für Sie auf – aber damals,« er hielt jäh inne, da er Yvette unter seinen Worten erbleichen sah.

Sie erhob sich rasch, »ich habe kein Verfügungsrecht mehr über mich, alles, was ich zu geben habe, gehört einem andern, den ich liebe –«

»Können Frauen nur einmal lieben – sind Sie so arm –«

»Nennen Sie Treue Armut?«

»Nicht allen ist sie ein Bedürfnis. – Nein, widersprechen Sie nicht und lassen Sie uns um Gotteswillen nicht die Mannigfaltigkeit der Natur anfeinden. Es gibt eine Genialität der Liebe an sich, die ohne Treue auskommt, wie es eine Schönheit der Treue gibt, die wir nicht entbehren möchten – und sie haben beide ihr Recht und ihre Bedeutung an der Summe des Glückes zu bemessen, das sie zu schaffen wissen. Die Treue in der Ehe – meinetwegen, wo sie möglich ist – aber ich sah sie nie anders, als eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, zu nichts anderem da, um gebrochen zu werden,« sagte er mit brutalem und verächtlichem Ausdruck, als sähe er im Geiste all die häßlichen Heimlichkeiten vor sich auftauchen, die er erlebt, erfahren und selbst verschuldet hatte.

»Aber Ihre verlassenen Sinne,« sagte er, ihr wieder nahekommend, »Ihre armen verratenen Sinne, die das Glück kennen, rufen die nicht nach dem Rausch und Taumel seliger Liebesstunden?«

»Wohl,« sagte sie und sah ihm stolz und kühl in die flammenden Augen, »sie rufen nach dem Glück, das ihnen nur der eine geben kann, wo es für seine Sehnsucht vollendete Erfüllung fand, liebt das Weib nur einmal und die Treue ist der tiefe warme Schatten ihres strahlenden Liebesglückes. Glauben Sie mir – wo die Frau sich mehr als einem gibt, tut sie es in der fortwährenden schmerzhaften Hoffnung, endlich den Zwiespalt zwischen Sinne und Seele in sich so gänzlich aufgehoben zu fühlen, wie es nur in der vollkommenen Liebe möglich ist.«

»Es gibt auch andere,« murmelte er leise.

Als sie an ihm vorüber über seine Schwelle schritt, versuchte er, eine ironische Miene anzunehmen. Aber es gelang ihm schlecht. Diese Frau war anders, als die er bisher gekannt.

Und mit der Klugheit der Selbstliebe überredete er sich, daß er diese Niederlage als eine neue Sensation genossen habe.

Aber es blieb ein Stachel in seinen sieggewohnten Sinnen zurück.

*

»Von Ihnen gemalt werden, hieße wenigstens eine kleine Zeit von ihnen geliebt werden,« sagte Reber. »Ich bitte Sie wieder um diese Gunst.«

Yvette verstand seine Absicht. Er wollte sie zwingen, endlich das Atelier wieder zu betreten, sich an eine Arbeit zu verlieren, wieder ganz sie selbst zu werden. Bisher hatte sie den Mut noch nicht gefunden, den Raum wiederzusehen, wo das Bild des Geliebten sie erwartete. Schon einige Male hatte sie es versucht, die Türe zu öffnen, aber ihre Hände bebten und sie fühlte sich so von jeder Kraft verlassen, daß sie es immer wieder aufgab und auf spätere Zeit verschob. Auch seine Briefe konnte sie noch nicht mit Ruhe lesen. Blaß bis in die Lippen, mit jagenden Pulsen durchflog sie den Inhalt und nur die Worte, in denen seine Sehnsucht und seine Zärtlichkeit zu ihr kam, vermochten sich ihr klar zu machen und sich mit dem Aufruhr ihrer Seele zu vermischen. Alles andere ging fast spurlos an ihr vorüber, so interessant auch jede Nachricht über sein äußeres Erleben war, sie eilte an allem vorüber, um seinem eigensten Wesen nachzulauschen, das ihr in seinen lang vertrauten heißen Liebesworten jäh beseligend und vernichtend zugleich für kurze Augenblicke fast greifbar nahe kam. –

»Einmal muß es doch sein,« sagte Reber, als ginge er neben ihren Gedanken mit.

»Ja,« sagte Yvette, »nächste Woche beginnen wir.«

Nun war sie an ihr Wort gebunden und beide fühlten das als eine Befreiung von langer lastender Not. –

Aber als er sie dann am festgesetzten Tage wirklich im Atelier fand mit bleichem Gesicht und müden Bewegungen, die Augen hart von beherrschtem Schmerze, war er tief erschüttert.

»O, von Ihnen geliebt zu werden, Yvette,« – sagte er und nahm ihre kalten Hände und küßte sie.

»Sprechen Sie zu mir – seien Sie nicht so stumm, sprechen zu Ihrem besten Freunde, es macht mich elend, Sie so leiden zu sehen.«

Da ließ sich Yvette einen kurzen Augenblick in seine Arme gleiten, und weinte die Tränen, die erlösen, weil sie von der Liebe eines andern genommen und verstanden werden. Und sie fühlte den Aufruhr in dem Blute des Mannes und empfand, was es ihn kostete, sie nicht plötzlich mit dem Sturm seiner Leidenschaft zu überfallen, und sie nahm dieses Opfer mit der unschuldigen Grausamkeit der Liebe an, die sich einem andern zugehörig weiß. Er aber wußte, daß dieser Augenblick über ihr zukünftiges Verhältnis zu einander entschied, und da er sie nicht lassen konnte, blieb er Herr über den Aufruhr seiner Sinne.

Als er sie dann sanft aus seinen Armen ließ, wußten sie beide, daß sie nun für alle Zeiten in jener zärtlichen Dankbarkeit miteinander verbunden waren, die das feinste Element der Freundschaft ist. –

So in der Freude der Arbeit und mit der unwandelbaren Güte des neuen Freundes neben sich, fand Yvette allmählich die Elastizität ihres Wesens wieder. Die Wunden des Trennungsschmerzes heilten nicht, aber die Fülle glühender Erinnerungen gab ihm eine gewisse Schönheit – wie der Prunk üppiger Blumen ein blühendes Lachen über Gräber breitet. –

Immer herzlicher und freier wurde die Freundschaft zwischen ihr und Reber. Sie waren täglich viele Stunden zusammen. Und immer fester spannen sich die Fäden jenes großen und tiefen Vertrauens zwischen ihnen hin und her, auf dem die Freuden, die man sich zu geben hat, wie aus sicherem Fundamente ruhen.

Es fehlte nie an Stoff für Sprechen und Denken zwischen ihnen. Die Stunden wurden voll Leben an ihrem Geiste, da sie beide die Eigenart einer vollen Persönlichkeit einzusetzen hatten, an welcher ihre Gedanken zu Licht und Fruchtbarkeit wurden.

Reber hatte sich nach seiner Dienstentlassung einer Gruppe freidenkender Männer angeschlossen, die mit ihren besten Kräften für die Reformierung der Schule eintraten, und er war sehr bald die führende Intelligenz derselben geworden. Zu seinen Vorträgen drängte man sich, alle bedeutenden Zeitschriften trugen seine scharfen weitblickenden Gedanken und Vorschläge weit überall hin. Und da alle Menschheitsfragen mit den Erziehungsproblemen der Jugend unlöslich Zusammenhängen, war das Gebiet ihrer Gespräche und Dispute ein unerschöpfliches.

»Das Tempo unserer Fortschrittsbewegung ist wohl noch in keiner Zeit ein so großartig schnelles gewesen, als in der unsern,« sagte Yvette, die verschiedenen Berichte über Kongresse, Anträge, Diskussionen, Petitionen zum Reichstage und Referate in den Fachschriften zur Erziehungs- und Schulfrage zusammenlegend, aus denen sie sich von Reber hatte vorlesen lassen.

»Seit die Frau reif dazu wurde, ihre Stimme mit geltend zu machen bei allen Entscheidungsfragen für eine kommende Kultur, haben alle Probleme sich erst zu ihrem vollen Umfang enthüllt,« entgegnete Reber. »Die Menschheit ist gleichsam endlich aus beiden Augen sehend geworden, seit der Weg des Urteils nicht mehr nur durch den Kopf des Mannes geht. Und wie alles erst rund und plastisch und endgültig richtig gesehen wird, wenn wir es mit beiden Augen anschauen, so steht nun plötzlich manches ganz anders vor uns, als wir es bislang zu denken gewohnt waren.«

»Ja,« sagte Yvette sinnend, »eine Frau war es, die das bedeutsame Wort von dem Jahrhundert des Kindes aussprach und es fiel aus fruchtbares Erdreich.«

»Erst durch dies endliche gleichwertige Zusammenwirken der Geschlechter wird die Menschheit reif zur bewußten Liebe zum Kinde, diesem letzten und sichersten Wege zur höchsten Kultur unserer Rasse. Auch im individuellen Leben finden wir die Liebe zum Kinde an letzter Stelle der seelischen Entwicklung, wenn anders sie nicht künstlich zu Nützlichkeitszwecken und im Dienste einer falsch verstandenen Sittlichkeit vorzeitig angezüchtet wird. Man kann meist ziemlich deutlich die verschiedenen Stadien der Liebe an sich und andern in ihrer natürlichen Reihenfolge verfolgen. In der frühesten Jugend ist die Liebe rein metaphysisch über sich selbst hinaus, gleichsam die Liebe an sich, es ist die Zeit der jungen Ekstasen und Ideale, in der unser Physisches noch gar nicht zum Bewußtsein erwacht. Dann folgt die Zeit des Trieblebens, die Liebe der Sinne und erst viel später klärt sich aus dem dunkeln und tiefen Gewoge der Gefühle die Freude zum Kinde, dieser sanftesten Zärtlichkeit, die das Leben zu geben hat.«

»Sie haben das frauenfeine Gefühl, das der Erzieher braucht, um des Kindes Seele wie ein Kunstwerk anzufassen.«

»Ja, diese Arbeit verlangt das empfindlichste Ohr und den sichern warmen Blick, dem sich das Junge, Werdende furchtlos auftut. Aus der Stimme des Kindes z. B., mit der es zum Vater spricht, gestaltet sich mir sofort das Wesen dieses Mannes, sein Verhältnis zur Mutter, ja der ganze Tenor des häuslichen Lebens tönt darin mit. Es gibt ein gewisses süßes liebliches Vogelgezwitscher des Kindes, in dem seine, noch so hilflose Seele, unbekümmert um Meinung und Antwort der Eltern, gleichsam tastend und suchend in die große Leere des Lebens hinausgleitet – das ist der echte und rechte Ton. Wo ich den höre, da überkommt es mich wie Andacht und Ergriffenheit, wie ein warmes Vertrauen zu denen, die das Kind mit den guten Mächten des Lebens in Verbindung zu bringen verstehen. Aber wie selten hört man diesen Ton. Meist liegt eine große Angst und Unsicherheit und Verwirrung in der Stimme des Kindes, die ganz leise, fast unhörbar hinter seinen unschuldigen Worten kauert – und wo ich diese Furcht vor dem Vater heraushöre, da möchte ich diesem Menschen meuchlings an den Kragen und ihn fragen, wo er den Mut hernimmt, ein hilfloses Wesen in die Welt zu schaffen, wenn er nicht weiß, daß man Blumen nicht mit Heugabeln anfaßt.«

»Wie prachtvoll Sie zu zürnen verstehen für das, was Sie lieben. Aber da Sie das Kind so lieben, begreife ich nicht« – sie hielt inne und sah ein wenig verlegen zu ihm hin.

»Sie begreifen nicht. Und doch ist es so einfach. Der Mann kann des Kindes nur in der Ehe froh werden – und die Ehe – nun ganz einfach, die liegt mir nicht. Für uns, die wir um eine neue Zukunft kämpfen, ist sie etwas Allzunahes und Endgültiges. Wir brauchen Distanz zu allen Dingen des Lebens, alles Allzunahe ist uns eine Gefahr. Die Ehe war zu lange schon etwas zu Selbstverständliches und Unzulängliches, wir müssen sie wieder neu sehen lernen, um aus ihr die tiefe Weisheit zu machen, die sie sein muß, wenn sie eine glücklichere Menschheit zeugen soll. Wir Heutigen sind die Menschen vieler Übergänge und leiden an der Verwirrung, die solche mit sich bringen. Wir sind Vorläufer und Pfadfinder für die Fernen und Kommenden. Deshalb gibt es für uns selbst noch kein ganzes seßhaftes Glück. Deshalb können wir vorerst nur die Menschen der großen Augenblicke, der kostbaren Ekstasen sein, aus denen uns das Licht zu neuen Wegen kommt, die zu neuen Möglichkeiten führen. Uns ist die unruhige und qualvolle Aufgabe gesetzt, Altes zu zerstören, Morsches zu fällen, neue Gesetze und Bindungen zu finden für die subtileren Affinitäten einer sensitiveren Kultur. Unsere feinsten Denker lehren uns den Mut der Zerstörung alter Werte und entgötterter Tempel.« – Er griff eines der vor ihm liegenden Bücher heraus – hören Sie die Stimme des größten Moralisten unseres neuen Gewissens, des tiefsten Mystiker unserer Zeit, der dem modernen Menschen, den Glauben an seine Seele gab, indem er all ihren Geheimnissen bis in die leisesten Spuren nachzugehen versteht. Er gibt hier in dem Essay – Notre devoir social – der an allzulanger Gewohnheit fast verblödeten Menschheit eine wundervolle Mahnung – hören Sie –

» Dans l'atmosphère sociale nous représentons l'oxigène et si nous y conduisous comme I'azòte inerte, nous trahissons la Mission, que vous a confié la natuere.«

En ces questions d'une durée d'espèce et non de peuple et d'individu, il importe de ne point se limiter à l'expérience de l'histoire. La vérité ici se trouve bien, moins dans la raison, toujours tourné vers Ie passé, que dans l'imagination, qui voit plus loin qus I'avenir. –

II Importe avant tout de détruire. En tous progrès social le grand travail et Ie seul difficile c'est la destruction du passé. N'hésitons donc point à user jusqu'à I'excès de nos forces destructives.

Und was auf dem sozialen Gebiete Gebot ist, ist es noch viel mehr auf dem psychischen Terrain unseres persönlichen Lebens. Mit solchen Zerstörungen überlebter Wahrheiten, die wir mit unserm Herzblut bezahlen, machen wir uns zu Schaffenden an der Zukunft.« –

Er erhob sich rasch, wie von der Erregung seiner Seele überwältigt und trat ganz nahe zu ihr hin. »Auch Sie, meine Freundin, leiden daran, daß. Sie nicht im Gleichgewicht zu Ihrer Zeit stehen, daß Sie in sich das zerstören mußten, was nicht mehr vor dem Urteil höherer Erkenntnisse stand hielt. Aber aus dem Leiden der großen Liebe werden neue Welten geboren. Und immer wird es das Weib sein – die grande amoureuse, die der Menschheit die neuen Höhen gibt, die Erfüllungen ihrer besten Sehnsucht, denn der heiligen Fruchtbarkeit ihres Schoßes sind die Hoffnungen der Zeiten anvertraut.« Er nahm ihre beiden Hände in die seinen, neigte sich in tiefer Ehrfurcht über dieselben und berührte sie zart und sanft mit seinen Lippen.

Die Schauer einer unaussprechlichen Bewegung durchdrangen Yvette bis zu den letzten Wurzeln ihres Wesens.

Ihre Lippen blieben ohne Worte. Aber in ihren Bugen stand der wundervolle Glanz einer tiefen glücklichen Dankbarkeit.

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