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Elisabeth Dauthendey: Vivos voco - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Dauthendey
titleVivos voco
publisherVerlag von Theod. Thomas
printrun1.-3. Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160721
projectid424663f4
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III.

Andern Tags fühlte Yvette eine große Leere in sich und um sich her.

Die Spannung der Erwartung, die in der Künstlerseele von so starker Intensität ist, da in ihr eine Unendlichkeit von Kräften in der Sphäre des Unbewußten fortwährend daran arbeitet, dieser Spannung neue Elemente zuzuführen, war jäh und hart zerstört worden.

Wie eine fahle Dämmerung nach einem blühenden Tage lag das Erlebnis von gestern in ihrer Erinnerung. In einem veränderten Lichte gleichsam, das eine Gegend plötzlich fern und fremd macht.

Später am Tage kamen zwei Briefe vom Professor.

Der eine enthielt den Scheck für das vereinbarte Honorar. Der andere wenige kurze Zeilen –

It was a dream – but seemed to be life. It was life and seemed a dream. That it neither remained a dream nor became life – whose fault was it, if not yours.

M. M. B.

Eine leise Wehmut stieg in Yvettes Seele auf, daß es nicht hatte Leben werden können. Zugleich aber war auch eine tiefe Dankbarkeit in ihr gegen die feinfühlige Spürung ihres Trieblebens den Möglichkeiten ihres Glückes gegenüber.

Es war gut, daß ein neues und lockendes schon bereit in ihrem Sehkreis lag. Das band ihre Kräfte und ließ ihr Denken nicht zu nah an dem Gegenwärtigen haften.

Draußen war es plötzlich wieder grau und kühl geworden, so als ob ein Schneeschauer in der Luft lag. Die öde Monotonie des deutschen Winters kam ihr damit in Erinnerung und eine fast schmerzhafte Ungeduld nach Farbe, Licht und Wärme ergriff sie und ließ sie unruhig und wie von einer fremden Gewalt gejagt, die letzten Wege und Vorbereitungen zu ihrer Abreise machen.

Maria, wie ein Schatten treu und unausweichbar, umgab sie mit der selbstverständlichen Dienstwilligkeit und Umsicht, wie sie aus langen Jahren tiefer Dankbarkeit hervorwachsen. Sie war eines jener von Natur feinen und zarten Geschöpfe, die von irgend woher mitten in der Proletarierschicht, der sie von Geburt zugehören, einen reinern und höheren Ton in ihrem Wesen mitbekommen haben und trotz alles äußeren Gleichseins und Gleicherlebens mit ihrer Umgebung doch niemals sich mit ihr zu vermischen vermögen und in ihrem Willen auf etwas ganz anderes gestimmt und gerichtet bleiben und so in einer Art somnambuler Umschlossenheit blind und taub an Abgründen und Roheiten vorüberzuleben vermögen. Und erst an einem, ihnen irgendwie aufgezwungenen brutalem Erlebnis erwachen sie jäh und zerbrechen daran, wenn nicht eine höhere Güte ihnen in dieser bösesten und schwersten Stunde ihres Lebens begegnet.

Und dieser Güte war Maria begegnet. Ein unerschöpfliches Dankgefühl war seit jener Zeit in ihr, das ihre angeborene gute Artung in der Umgebung dieser beiden, von ihr angebeteten Frauen so schön und glücklich entwickelte, daß sie fast ihresgleichen wurde.

»Hier, Maria,« sagte Yvette, »in diesem Korbe finden Sie allerlei Liebes und Schönes für ihre Kleine. Das nehmen Sie ihr mit und seien Sie froh und glücklich mit ihr für einige Zeit. Schlüssel und Haus und Sorge lege ich wieder einmal in Ihre treuen Hände.«

Maria nahm wortlos Yvettes Hand und küßte sie. Und in ihren Augen war ein so strahlender Dank, der lauter sprach, als ihr Mund vermocht hätte.

Yvette wartete nur noch auf eine Nachricht von Lenore. Dann sollte sie nichts mehr abhalten, aufzufliegen zur Ferne, die immer und immer den feinen Reiz des Geheimnisses behält.

Endlich kam der erwartete Gruß aus Kairo.

– – Hier ist Maienhimmel über einer seltsamen bunten Welt. Die Wirklichkeit wird traumhaft in dem Augenblick, da sich unsere Träume verwirklichen. – Meine Gedanken sind immer um dich und neben dir – beladen mit allem, das neu, groß und bewegend mich umflutet, kommen sie zu dir, Geliebte. Mir ist's Ruhe, zu wissen, daß auch du dich zu Schönem aufmachst. –

Und nun endlich war sie wirklich los vom Alltag der Arbeit und Gewohnheit. Freiheit in ihr und vor ihr, wohin sie blickte. Jene wertvolle und köstliche Freiheit, die gleichsam die Ernte ist nach harter Zeit des Säens und Ackerns auf der eignen Arbeitsscholle. So Herr über Raum und Zeit, voll von stolzen Erinnerungen an ihre, in greifbare Werte umgesetzten Kräfte, wartete ihre flugbereite Seele neuen Bildern der Erfahrung entgegen, um sie in der Stille ihrer letzten Tiefen zu einem feinen Niederschlag unvergänglicher Fruchtbarkeit zu sammeln.

Die Bewegung, dieser ewige Reiz und Sinn des Lebens, das Fliehende, Flüchtige, Lockende, mit all den Schiebungen, dem Zusammenhanglosen, überraschenden und Widerspruchsvollen, wie es sich in der wundervollen Unberechenbarkeit des Reisens darstellt, ist der immer wieder gesuchte Rausch des Künstlermenschen von heute, der in der reichen Kompliziertheit seiner Entfaltungen vielfachster Neuberührungen mit der Unendlichkeit der Daseinsmöglichkeiten bedarf, um beladen mit der Fruchtbarkeit einer Welt zu den stillen Kammern seines Schaffens heimzukehren, und aus der buntgemischten Fülle ein gänzlich anderes und neues, ein Einziges, zu gestalten. Wie die Biene aus einem Meere von Blüten ihren goldnen Tropfen Honig schafft. –

Der Gotthard lag voll Schnee. Berauschend wie starker Südwein wirkte darauf der Sonnenglanz von Lugano, das wie der goldne Schlüssel zum Eden an den schwarzen Schlünden der Bergdurchbrüche liegt. Und dann die blaue Weite des Meeres zu Füßen Genuas. Und endlich Rom, die vielgeliebte unter den Städten der Erde, diese von der Sehnsucht einer Welt umschwebte und umdrängte Stätte, wo schon Millionen wie in seligen Träumen durch die Tore der Vergangenheit wandelten und das laute Heute über dem feierlichen Schweigen des sabbathstillen, in die Weite der Zeiten versunkenen Gestern vergaßen.

Hier wollte Yvette einige Tage ruhen. Einige Tage durch Rom wandern und es mit dem warmen Lächeln des Wiederkennens grüßen, mit dem man ein lang Gekanntes und Geliebtes grüßt.

An der piazza di Spagna fand sie ihre gewohnten Zimmer bereit. Mit fiebernder Freude trat sie auf den kleinen Balkon. Mit immer gleichem Entzücken erfüllte sie das grandiose Bild, das da vor ihr lag. Diese wundervolle Linienführung der spanischen Treppe, die vom Abhange des Monte Pincio mitten in die aufsprühenden Farbengluten des Blumenparterres herniedergleitet. Ihr zu Häupten, hoch in die diamantene Bläue des Himmels ragen die schlanken Türme der Santissima Trinità de'Monti, zwischen welchen sich die spitze Nadel des Obelisk zu einem feinen Ornament einfügt.

Stundenlang konnte sie hier ihre glücklichen Augen ausruhen lassen, in jenem denklosen Schauen und seligem Versinken in die geheimnisvolle Welt der Dinge, die unser Persönliches so ganz aufzusaugen vermag, daß wir uns zuletzt ganz in sie aufgelöst fühlen.

Einige Tage waren ihr so in der Wonne dieses Traumwandelns vergangen. Da kamen Briefe und holten sie zur Wirklichkeit des eigenen Lebens zurück.

Maria schrieb. Einen Tag nach Yvettes Abreise sei ein junger Mann gekommen. Er sagte, daß er sie auf seiner Durchreise habe besuchen wollen und habe sich von ihr die Adresse in Rom geben lassen. Seine Karte lag bei. – Rainer Böhme. Dr. med. et rer. nat.

Ein seltsames Gefühl, nicht Schreck und nicht Freude, aber beides zugleich, benahm ihr einen Augenblick den Atem. Wie ein Blitz durchzuckte sie eine wundervolle Erinnerung. Eine schmerzhafte Sehnsucht glühte in ihr auf, und ihr war, als habe sie ein unwiederbringliches Glück versäumt.

Zerstreut griff sie nach dem zweiten Briefe. Die Handschrift war fremd, der Poststempel Innsbruck. Sie wußte niemand, der ihr von dort schreiben konnte.

Mit zögernder Bewegung, immer noch den möglichen Absender zu erraten suchend, öffnete sie endlich den Umschlag. Ihr Blick fiel auf die Unterschrift. Sie erblaßte bis in die Lippen. Der Brief entfiel ihrer Hand.

Von Dr. Böhme.

– – – Sie werden mir erlauben, nachdem mich so das Schicksal scheinbar nicht zu Ihnen gelangen lassen wollte und nun doch mich Ihnen nur noch näher gebracht hat, Sie in nächster Zeit in Rom aufzusuchen. Erhalte ich keine Depesche von Ihnen, so reise ich in drei Tagen ab. –

In den nächsten Tagen sah Yvette Rom nur noch mit den Augen des Erwarteten. Sie hoffte, er käme zum ersten Male und machte wundervolle Pläne, ihm die ersten Eindrücke zu solch unvergeßlichen Augenblicken werden zu lassen, wie sie unauslöschlich ihr selbst in der Seele geblieben. Mit Schauern des Glückes erinnerte sie sich des ersten Blickes auf das Forum Romanum und seiner großartigen Umgebung, als sie dasselbe von der via de Campidoglio niedersteigend, plötzlich vor sich liegen sah. Und sie freute sich, diese überwältigende Entzückung in den Augen des Mannes aufleuchten zu sehen, dessen Blick sie beim ersten Begegnen mit so plötzlicher und starker Bewegung erfüllt hatte.

Sie hatte ihm geschrieben und ihn gebeten, wenn er jetzt zum ersten Male Rom sähe, nicht gleich vom Bahnhof zu ihr zu kommen, sondern im Hotel gegenüber abzusteigen und sie zu erwarten, sie würde ihn mit einem Wagen abholen, um sich an seinem ersten Romrausche mit ihm zu freuen.

Und endlich war die Stunde da.

Es war am späten Nachmittag. Strahlend und hoch wölbte sich die tiefe Bläue der Luft. Alle Bewegung umher hatte jenes weiche Adagio, das dem Rom von heute den sanften Rhythmus einer großen zeitlosen Ruhe gibt.

Niemand scheint hier Eile zu haben. Alle haben sie Muße und Stille genug, die Fülle der Gesichte und Träume, welche die Jahrtausende der Atmosphäre dieser einzigen Stadt eingeatmet haben, in die Sehnsucht ihrer Seele aufzunehmen.

Yvette fuhr unruhig und erregt dem Bahnhof zu.

Wenn schon Wünsche, die vor uns selbst laut wurden, mit ihrer plötzlichen Verwirklichung uns zu überwältigen vermögen, so mußte diese ungeahnte Erfüllung von etwas, das viel zu leise, zu zart und fern in ihr gewesen, um nur die Farbe des Schattens eines Wunsches zu haben, sie wie mit einem Sturm der Freude überstürzen.

Als das Hotel in Sicht war, sah sie Dr. Böhme, vor demselben auf und ab gehend, Ausschau nach ihr halten. Als er ihrer ansichtig wurde, flog ihm eine feine Röte der Freude über das Gesicht.

Der Wagen hielt. Dr. Böhme stieg zu ihr ein.

Sie reichten sich die Hände. Worte kamen nicht über ihre Lippen. Aber ihre Augen nahmen einander mit jenem seligen Aufleuchten des Blickes, in dem sich Welten grüßend begegnen.

»Ich gebe mich ganz in Ihre Hände,« sagte er endlich.

»Sie kennen Rom also wirklich noch nicht, dann machen Sie Ihre Seele weit auf, es wird etwas Herrliches hineinstürzen.«

»Von allem, was mich hierher führt, mir die unverhoffte Möglichkeit zur Erfüllung dieser langen Sehnsucht brachte, später. Jetzt wollen wir dieses seltsame schöne Miteinander genießen, uns innerlich einleben in das Bewußtsein dieser schier unheimlichen Verwirklichung unserer fernsten Sehnsucht, denn in eben dieser Verwirklichung liegt wohl eingeschlossen, daß auch Sie damals in Paris, als Sie mir sagten, daß Sie nach dem Süden gingen, in der letzten Dämmerung Ihres Fühlens den Keim des Wunsches empfanden, daß wir es zusammen tun könnten – ist es so?«

»Ja, so wie man etwas Unmögliches zuweilen mit seinen Wünschen streift. Ich fühlte, daß Sie königlich zu genießen verstehen und nur solchen gönnt man dieses Reich der Herrlichkeit. Mir ist es immer ein Schmerz, Rom von dem Strom der bloß Neugierigen überflutet zu sehen. Um Ostern herum kann ich nie mehr hier bleiben. In dieser Zeit verliert Rom seinen Stil. Die Anhäufung der Philister und Plebejer gibt ihm ein ganz fremdes Gepräge, man erkennt es nicht wieder. Es ist als zöge sich sein Eigentlichstes vor der banalen Zudringlichkeit dieser Weihelosen in sich selbst zurück. Diese losgelassene Horde schaulustiger Eindringlinge, die so ziemlich keine einzige der Stufen, die vom Wissen und Fühlen um die allernächste Kultur gen Rom führen, in sich selbst erlebt haben, ist nicht reif für diesen Genuß, es bekommt für sie keine Dimensionen, es bleibt ihnen in der Fläche des bloßen Panoramas stecken. Die Schauer der Vergangenheit, das Geheimnisvolle historischer und kultureller Perspektiven berühren sie nicht, vor ihren unheiligen Blicken schrumpft Rom zur Banalität eines Riesenreklameplakates zusammen.«

»Ach, wie stark Sie zu lieben wissen.«

»Weil ich auch stark zu hassen vermag. Aber man muß diese flachen Blicke und leeren geschwätzigen Worte gesehen und gehört haben, die um die österliche Zeit erbarmungslos über diese erhabene Größe herfallen, um einen Ekel mehr zu kennen. Doch, hier sind wir.«

Der Wagen hielt auf der weiten Terasse der San Pietro in Montorio.

Sie stiegen aus und traten an die Rampe.

Von der Höhe des Janiculus sahen sie auf Rom, das vor ihnen in all seiner gnadenvollen Herrlichkeit ausgebreitet lag.

Das schwere Abendgold der sinkenden Sonne umlohte die dunklen Laubmassen und spitzen Zypressensäulen der zwischen Hügeln und Häusern aufragenden Gärten, in welche sich die klassischen Linien der Villen, Burgen, Ruinen, Kirchen und Paläste einschmiegen, deren tönende vertraute Namen wie eine unendliche Melodie die Schritte der Zeiten begleiten.

Das goldene Leuchten umspann allmählich den ganzen Horizont mit einem Kranze glühender Rosen und faßte wie ein kostbarer Rahmen die Herrlichkeit und Pracht der ewigen Roma zu einem Bilde unvergeßlicher Schönheit zusammen.

In der Ferne verklang das brausende Rauschen der fallenden Wasser der Aqua Paola.

Yvette sah wie die Hände des Mannes neben ihr, die er schwer von Glück auf die sonnenheiße Brüstung stützte, leise erbebten.

Sie wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen, sie fühlte an ihrer eigenen Bewegtheit, daß auch ihm die Ekstase der Freude den Blick mit glücklichen Tränen verdunkelte.

Lange lag dies tiefe weltumspannende Schweigen, seligster Ergriffenheit zwischen ihnen. Endlich aber lösten sich aus seinem übervollen Empfinden die melodischen Worte des Horaz –

Alma sol, possis nihil urbe Roma videre majus.

Dann wandte er sich zu Yvette.

Ihre Augen, aus denen Jubel und Rausch in heißem Strome aufglühten, trafen sich und alles Denken und Fühlen löste sich ihnen zu jener Freude auf, die Vollkommenheit ist.

Der Abend sank schnell völlig herab.

»So sind nun alle Geheimnisse für diesen Tag zugedeckt, heute hätte ich nichts weiter sehen mögen.«

»Nun kehren wir zur Gegenwart zurück,« sagte Yvette, als sie den Wagen am Korso vor dem eleganten Café Aragna halten ließ.

Bei dem fortwährenden Ab- und Zuströmen neuer fremder Erscheinungen plauderte es sich angenehm. Man fühlte sich gänzlich isoliert durch diese Schicht absoluter Fremdheit, die sich zwischen den Tischen und Sitzen langsam hin und herschob.

– »Und so kam es, daß ich schneller von Paris fort mußte, als ich erst vor hatte und ich ging nicht ungern, denn als Sie fort waren, blieb ein Stachel der Sehnsucht in mir zurück. Nun aber führte mich plötzlich mein Weg an Ihrem Wohnort vorüber. Daß ich Sie da nicht traf, machte mich fest im Entschlusse, Sie hier aufzusuchen, da die kleine Erbschaft, die ich in Innsbruck einzuheimsen hatte, mir die glückliche Freiheit dazu gab.«

»Und nun müssen Sie sich satt trinken an diesen Quellen der Freude. Ich werde Sie täglich zu dem Schönsten führen, das Sie in Ihrer kurz bemessenen Zeit aufnehmen können; aber alles, was im Innern der Räume zu sehen ist, muß ich Ihnen allein überlassen, ich werde währenddes irgendwo die Natur genießen, denn ich muß mich nach dem langen Nahblick auf Menschen und Arbeit erst leer schauen an weiten Horizonten, ehe ich Menschen und Menschenwerk wieder dankbar aufnehmen kann.«

– – – So ist mir Rom wieder einmal ein Fest des Lebens. Und wie es mir jedesmal ein vertraut Bekanntes und doch immer ein anderes wird, so ist es auch dieses Mal von etwas ganz Neuem, Bedeutungsvollem für mich erfüllt. Ich gehe wie in einem purpurnen Traum und alles scheint mir ferner gerückt. Zwischen mir und den Dingen rauschen die Wellen des Lebens, die von den Ufern meiner Seele zu denen einer andern dringen und Frage und Antwort hinüber und herüber tragen. Und diese Bewegung des Lebens verschlingt alles Nichtlebende, so daß alle Fülle der Schönheit umher wie hinter einem Schleier liegt und nicht so nahe wie sonst zu mir heran kann.

Ich bin nicht allein hier – Lenore. Dr. Böhme, der junge Gelehrte, von dem ich dir in meinem letzten Briefe schrieb, ist bei mir. Diese blühende Mannesjugend, gesund und gradlinig im Körperlichen und Seelischen, jetzt so täglich bei jedem Genießen hier neben mir zu fühlen, ist eine feine köstliche Freude, und – meine Lenore – ein tief Schmerzliches zugleich. – –

Die Tage eilten wie jagende Wolken vor dem Sturme.

Um die österliche Zeit verließen sie Rom. –

Dann nahm sie das bunte Getriebe von Neapel auf und die ruhende Weite des Meeres gab ihnen von dem Glück seiner großen seligen Stille.

Und endlich auf dem Meere selbst. Die Fahrt nach Capri am frühen Morgen mit den silbernen Fluten des Frühlichtes am Horizonte, an den malerischen Gestaden des blauenden Golfes entlang gleitend, war wie die langsame Wonne des Versinkens in ein weltenfernes Gefilde berauschender Lust.

Wie ein Bild, in der Sehnsucht des Traumes geschaut, lag es dann vor ihnen, auf ragenden Felsen eingebettet, meerumrauscht, von den Düften ewiger Rosen umglüht – das sonnentrunkene Eiland von Capri. –

Das Schweigen des tiefsten Entzückens war zwischen ihnen.

Überwältigt von der Überfülle alles schon Geschauten und Aufgenommenen war eine tiefe Ergriffenheit in ihnen, die sie fast fremd und kühl zueinander machte.

Yvette schwelgte in der Vorfreude an dem aufjubelnden Erstaunen des andern, dem dieser paradiesische Erdwinkel noch ein ganz Neues war, das ihm all seine verborgene Schönheit noch erst zu geben hatte. Und zugleich berauschte sie das Vorgefühl, diese göttliche Herrlichkeit jetzt gleichsam in einem neuen Lichte zu erleben durch das Mittönen der Freude eines Menschen, dessen Schärfe der Sinne und Feinheit des Geistes ihm jene höchste Genußfähigkeit gaben, durch welche jede Schönheit erst zur Vollendung gelangt.

An der Piazza stiegen sie aus und ließen den Wagen mit dem Gepäck zum Pagano weiterfahren. Sie gingen durch die seltsamen engen Gassen, zwischen den schmalen hohen Häuschen entlang, aus deren Fenstern sich Zwei bequem die Hände hinüber reichen können, durch malerisches Gewühl und buntes Durcheinander von kleinen Höfen, dunklen Torbogen, schmutzigen Kramladen, allerlei ausgestellten Waren und sorglosen Menschen vorüber, die lachend und gaffend jedem Fremden voll fröhlicher Hoffnung auf seine vollen Taschen nachblicken.

Dann wurden die Wege breiter. Helle Villen leuchteten aus dem dunklen Grün üppiger Parkanlagen auf. Treppauf und treppab führten schmale Stege zwischen Mauern und Häusern zu den heimlichen Schönheiten dieser felsumragten kleinen Wunderwelt.

Zwischen sonnenbeglühten Gärten hindurch, aus denen Ströme von Düften und Farben sich über Mauern und Tore drängten, wand sich die breite Straße zur weit ausbuchtenden Terasse der Punta Tragara.

»Dies hier sollten Sie gleich genießen,« sagte Yvette und sah mit glücklichen Augen auf die unerschöpfliche Fülle der Herrlichkeit, die sich hier um sie her ausbreitete.

»Erde wie bist du reich,« sagte Dr. Böhme mit einer Stimme voll Jubel und Dank. »Und wie verstehen Sie es, zur Schönheit zu führen.« Er ergriff ihre Hand, zog vorsichtig den Handschuh ab und nahm sie an seine Lippen.

Und obschon sie fühlte, daß es der stille unsinnliche Kuß tiefer seelischer Ergriffenheit war, erschauerte sie doch in seltsam schwerer Wonne unter dieser ersten intimen Berührung ihrer Körper. Als sei es ganz selbstverständlich und natürlich legte er ihren Arm in den seinen. Und so wandelten sie Seite an Seite, so nah und so fern zugleich wie man im Traume wandelt durch diese weltentrückte Stille voll Glanz und Pracht. –

Einige Tage später hatte Yvette es sich in der weißen Villa, die sie schon früher bewohnte, wohnlich gemacht.

Mit seligen Augen nahm sie alle Pracht umher gleichsam neu in Besitz.

Ihre beiden Zimmer lagen zwischen zwei offenen Altanen. Von der größeren sah man auf die Höhe des Castiglione und über ein Gewirr kleiner auf- und niederfallender Stege verlor sich der Blick weit hinaus in die Unendlichkeit des Meeres, von dem andern kleineren Altan blickte man in die Nähe blühender Gärten, die heiß im leuchtenden Südlichte die Luft mit süßen schweren Düften füllten.

Die Zimmer, die die große Terrasse nach der andern Seite abschlossen, standen leer, von den Bewohnern des obern Stockwerkes war nichts zu merken, so fühlte sie sich in ihrer eigenen Stille zuhause und ungehemmt in ihrem Empfinden.

Böhme hatte sich im Pagano eingemietet, das nur einige Wegbiegungen von ihr entfernt lag, so daß sie sich immer schnell erreichen konnten.

Und die Tage, die sie nun lebten, glichen der Pracht der sie umgebenden Natur. Verschwenderisch wie sie, gaben sie einander die Fülle ihres Wesens. Und so, nichts als diese göttliche Stille und Größe der Schönheit zwischen sich, gelangten sie unversehens schnell zu den letzten Gründen ihrer Persönlichkeit und waren sich plötzlich so nahe, daß sie kaum eine Zeit denken konnten, da sie sich nicht gekannt hatten.

Wie eine kostbare Gabe empfingen sie jeden neuen Tag und schlürften die Blume jeder neuen Stunde, Könige des Augenblicks, abgelöst vom Vergangenen und Zukünftigen, die Tiefe des Gegenwärtigen ausschöpfend, an dem vorbei zu leben, das stumpfe Schicksal der Vielen ist.

Sie streiften umher. An Abwechslung fehlte es nicht und hinter dem Tage, der zur Neige ging, stand schon das Versprechen des nächsten, noch herrlicher zu werden, als der kaum beendete es gewesen.

Dazwischen kamen jene glücklichen Ruhetage, die sie ganz im Hause oder nur in der allernächsten Umgebung zubrachten, wo die Müdigkeit ihres Körpers ihnen gleichsam das Recht gab, sich dem aufregenden Reiz der unerschöpflichen Anlockungen umher gänzlich zu verschließen und sich in heimlich ersehntem Zwiegespräch einander immer enger in Besitz zu nehmen.

Sie wagten sich nicht zu fragen, wie lange dieses Fest ihnen dauern dürfe. Die sichere Minute schien Ewigkeit, solange ihr Wille nur ihr zugewendet blieb. –

»Wer uns das gesagt hätte an jenem Abend im Pariser Atelier, daß nur vier kurze Wochen später wir uns ein eigenes Königreich mitten im Paradiese aufrichten würden,« sagte Böhme.

Sie saßen auf der Bank an der Mauer der Villa Tragara, steil hinab fiel der Blick auf das Meer. Die Abendsonne lag rot auf den seltsamen Linien der nahen Faraglioni, deren hartes Gestein in violette Gluten aufgelöst schien.

»Ja, so nahe stehen wir oft vor den Pforten des Glücks und sehen es nicht.«

»Vielleicht achten wir nicht genug auf die leise Unterstimme unseres Bewußtseins. Unser äußeres Leben ist meist zu laut und übertönt das, was sich als Vorgefühl in uns herandrängen will bei besonderen Ereignissen und Erlebnissen. Ich selbst hatte das ganz sichere Empfinden, daß wir uns wiedersehen würden. Einen Augenblick kam es über mich, als müßte ich etwas Besonderes mit Ihnen erleben, als habe etwas in uns darauf gewartet. Fühlten Sie nichts ähnliches?«

»Mir war, als hätte ich plötzlich etwas längst Erwartetes gefunden – als sollte ein langer heimlicher Glaube sich erfüllen.«

»Und wie oft würde sich solch Vorgefühl mit der Verwirklichung kreuzen, wenn nicht die materielle Gebundenheit uns schon von vornherein den Mut zum Außergewöhnlichen nähme. Hätte nicht dieser unerwartete Zufall der kleinen Erbschaft mich begünstigt, so hätte jenes Vorgefühl sich verflüchtigt, so als ob es nie gewesen wäre.«

»Zweifellos engt die materielle Beschränkung unser seelisches Leben ein und wenn sie zur wirklichen Not wird, vergröbert sie die seelische Struktur und zerstört sie zuletzt, daß die seinen Beziehungen zum rein persönlichen verloren gehen.«

»Hier in diesem überschäumenden Überfluß der Natur möchte man sich fast seiner Armut schämen, die unserem königlichen Willen tausend Hemmungen und Widerstände baut. Die Liebe zum Golde hat wohl meist mehr Metaphysisches an sich, als man glauben will. Bedeutet es doch die Freiheit zu allen Wertungen des Lebens und die Auslösung unserer feinsten Lebensmöglichkeiten. Und was ist Haben im äußeren Sinne des Lebens anderes, als die Voraussetzung zum Sein im Sinne des inneren Lebens. Wenn ich ein großer Dichter wäre, würde ich das Lied des Goldes singen, daß die Menschen es als etwas Heiliges und Gewaltiges empfänden, als das was es ist – Kraft, Möglichkeit, Horizont und Bewegung.«

Es war eine leichte Bitterkeit in seiner Stimme, so als ob er lange unter der Härte dieser Hemmungen gelitten. Yvette fühlte es fast wie eine Scham, daß ihr Leben sie so fern jeder kleinen Not geführt hatte. Aber dann gedachte sie der andern Not des Lebens, in die ihre eigene Werdung sie brachte, an den harten und schweren Kampf um ihre Kunst, die unerbittlich von ihren Adepten jede Kraft und allen Willen fordert, ehe sie ihm auch nur die kleinste Gnade spendet.

»Ach,« sagte sie, »fängt nicht die eigentlichste, härteste und gefährlichste Not da an, wo dieser äußere Mangel aufhört – die Not des Kampfes um die eigene Persönlichkeit, und ist der Überfluß an Möglichkeiten nicht meist eher eine Hemmung als ein Antrieb zur Selbstentwicklung?«

»Wohl, aber dies ist eine andere Not, eine fruchtbare, ein Kampf um ein Großes. – Doch wie kamen wir zu diesen Gedanken? Es ist wohl die grandiose Fülle und schrankenlose Verschwendung der Natur um uns her, die uns unsere Hemmungen schmerzlich fühlbar macht, da auch wir im letzten Grunde als Verschwender geboren sind. Aber genug des Grübelns. Lassen Sie uns durch den Abend gehen und träumen.«

So ging ihnen eine kurze Woche. Aber sie lebten Jahre darin. Und vergaßen fast, daß jede glückvolle Stunde der verrinnenden Zeit schnellere Flügel gab.

Mit Bangigkeit sah Yvette dem Augenblick entgegen, da Böhme von dem Ablauf seines Urlaubes sprechen würde. Und der gemiedene und verschobene Moment kam endlich.

Sie standen an der Brüstung der Terrasse.

Der Vollmond lag silbern auf den weißen Marmorfließen. Und Meer und Felsen und Gärten verschwebten mit diesem weiten halbwachen Lichte und der unendlichen Stille zu etwas so unirdisch Geheimnisvollen, daß jeder Laut daneben brutal und überwirklich wurde.

Die Beiden standen ganz nahe zusammen, um ihr leises Flüstern zu verstehen.

»Es scheint unmöglich, von hier zu scheiden – und doch – noch zwei kurze Wochen und die Pflicht ruft mich zurück.«

Da war das Gefürchtete, Yvette erschauerte in tiefem Erschrecken.

»Mein Professor in Berlin erwartet mich. Noch ein Jahr habe ich in seinem Laboratorium zu arbeiten, dann habe ich mich für zwei Jahre bei ihm zu einer Studienreise nach Ägypten und Indien verpflichtet.«

Ein jäher Schmerz übermannte sie bei diesem unerwarteten Ausblick auf eine lange Trennung.

Und an diesem Schmerze wußte sie plötzlich, daß sie diesen Mann liebte.

Er lauschte gespannt auf eine Antwort.

Es kam keine.

»Sie sagen mir nichts. Bleiben Sie dann noch hier?«

»Ich weiß nicht – ich glaube kaum,« sagte Yvette mit schwerer, in Erregung stockender Stimme.

Der Mann neben ihr fühlte das Erschauern ihres Körpers. Er legte seine heiße Hand auf ihre, die im Schrecken erkaltet war.

»Yvette,« – es kam leise wie ein Hauch zu ihr. Es war eine Frage und ein Flehen.

Und alles in ihr drängte zu ihm. Nimm mich, rief es in ihrer Seele – ich bin jung, so jung wie du. – Aber ihr Körper sprach eine andere Sprache. Ihre Jahre, die sie so weit von der blühenden Jugend dieses Mannes entfernten, standen gleichsam hinter ihr und legten sich schwer auf ihre Glieder, wir lassen uns nicht abschütteln, sagten sie mit unerbittlicher Härte – und es nützte nichts, daß ihre junge Seele sie Lügen strafte.

Leise entzog sie dem bange wartenden Manne ihre Hand.

Das machte ihn plötzlich wach und unsicher. Ein Blick voll Qual und Schmerz kam aus seinen jungen warmen Augen zu ihr.

»Auf morgen,« sagte er leise, neigte sich zum Abschied vor ihr und ging von ihr fort in die klingende Stille der leuchtenden Nacht.

Und ihre Sehnsucht flog wie ein schwirrender Pfeil ihm nach in die Nacht.

Arm und schwer blieb sie zurück in der Einsamkeit und lausend schmerzhafte Gedanken trieben ein grausames Spiel mit ihrem gefesselten Willen. –

Am andern Lage zu der Stunde, da Böhme sie abzuholen pflegte, kam statt seiner ein Knabe mit einem Strauß kostbarer Nielrosen, denen einige Zeilen beilagen –

– – Ich bin heute in einer seltsamen Verstimmung, die ich Ihnen nicht mitbringen möchte. Ein weiterer Ausflug wird mir gut tun, ich werde deshalb den langgeplanten Aufstieg zum Monte Solaro machen, auf den Sie mich ja ohnehin nicht zu begleiten gedachten. Gegen Abend hoffe ich, mich in besserer Verfassung Ihnen wieder zugesellen zu können. –

Yvette fühlte es fast als eine Erleichterung, diesen Tag allein zu sein und ihre aufgewühlten Gedanken und Empfindungen zur Ruhe kommen zu lassen.

Und in der ungewohnten Einsamkeit und dem lauten Lichte des Tages wollte es sie nun ganz unsinnig dünken, daß sie die schöne Wärme und das hingebende vertrauen dieses jungen Mannes auch nur einen Augenblick als etwas anderes als eine beglückende Freundschaft hatte auffassen können.

War nicht alles andere nur der Abglanz ihrer eigenen aufbrechenden Glut gewesen?

Aber ihre Erinnerungen, die mehr wußten, als sie ihnen glauben wollte, ließen sie nicht zur Ruhe kommen. –

Aus der Terrasse lag die leuchtende Morgensonne. Heiß und schwer von dem duftenden Atem der Gärten war die Luft.

Die endlose Dehnung des Meeres schien jede Begrenzung aufzulösen und gab den Gedanken einen seltsamen Schwung über die nahe Wirklichkeit hinaus. Alles Geschehen schien sanft und gütig mit den Quellen des Lebens verbunden.

Yvette fühlte sich wie aufgelöst von dieser mütterlichen fruchtbaren Wärme. Die Sehnsucht der Liebe kreiste in ihrem Blute, versunken in die stille Schönheit und einfache Größe der lebenzeugenden Natur umher, empfand sie es plötzlich mit unwiderruflicher Sicherheit, daß jenes Mannes Wesen ihr die Erfüllung ihrer Sehnsucht war.

Sie sah ihn vor sich, greifbar nahe, und ihre kosenden Gedanken nahmen ihn still und heimlich über die Schwelle ihrer Sehnsucht. Sie lauschte auf das Geheimnis seiner Eigenwelt, die sich der ihren mit so seliger Sicherheit vermischte, wie verwandte Töne sich zu unauflöslicher Melodie verbinden. Sein Seelisches und Körperliches schien restlos in einander aufgegangen, so in eins vergeistigt und durchseelt, daß ihre Liebe ohne Zwiespältigkeit und Zerfall der ganzen Fülle seines Wesens entgegenbebte.

Ein Strom von Seligkeit überschauerte sie.

Die berauschende Ahnung glückschwerer Stunden legte sich ihr fast wie eine schmerzende Last auf die wohlig sonnenmatten Glieder. Sie glitt langsam von der Brüstung der Terrasse herab und ging in die Kühle des Zimmers zurück.

Es war Mittagszeit. Aber sie hatte keine Lust, aus dem Hause zu gehen.

So nahm sie von den Früchten, von denen immer welche zur Hand waren. Man sollte nur von Düften und Früchten leben können, dachte sie, wieviel irdische Schwere würde man dann verlieren. –

Wie sollte sie sich nur die langen Stunden bis zum Abend verkürzen. Die Ferne des Geliebten fing an, sie zu quälen. Und im jähen Wechsel der Empfindung, wie unsichere Situationen sie mit sich bringen, wollte sie all das Erlebte der letzten Wochen nur noch ein allzu bewegter Traum dünken, der vom aufbrechenden Tage so völlig hinweggenommen wird, so als ob er nie gewesen – so würde alles dies morgen, heute, im nächsten Augenblicke wie ein zerbrechliches Gebilde der Nacht in Nichts vergehen.

Von folternder Sehnsucht gepeinigt, ging sie zum Balkon, spähte in die Mittagsstille der Gassen und Gärten, ob sie nicht einen raschen leichten Schritt in der Ferne vernähme.

Dann lächelte sie und wunderte sich über sich selbst, Wie jung war doch noch alles in ihr.

Unangetastet hatte sie sich das Königtum ihrer Leidenschaft bewahrt und konnte nun mit vollen Händen aus seinem kostbaren Reichtum nehmen. –

Sie öffnete ihren Koffer, um eines der mitgenommenen Bücher herauszunehmen. Mit Lesen war doch die Leere der nächsten Stunden am besten zu überwinden. – – Hebbels Tagebücher fielen ihr zuerst in die Hand. Sie streckte sich wohlig auf der Ottomane aus und blätterte in dem Buche. Sie las gerne die kraftvollen Gedanken wieder, die sie sich darin besonders angemerkt hatte –

– – die Leidenschaft begeht keine Sünde sondern nur die Kälte. Brich jede Blüte, selbst wenn du sie nicht ewig ins Wasserglas stellen willst – nur dufte sie dir. – wie seltsam sie das Wort plötzlich anrührte.

Da hörte sie leichte schnelle Schritte die Treppe heraufkommen.

Jäh richtete sie sich auf; eine heiße Freude überströmte sie, sie lauschte gespannt.

Sollte er doch –

Die Türe zur Terrasse wurde aufgemacht und an der Glastüre des Zimmers erschien Lucia, die junge Haustochter, und klopfte an die Scheiben.

»Avanti,« sagte Yvette enttäuscht.

Aber als Lucia ihr einen Brief überreichte, dessen Handschrift sie von weitem als die Lenorens erkannte, vergaß sie alles andere über dem Glück, mit der fernen geliebten Freundin eine nahe warme Stunde zu haben.

Lucia, verwundert, heute so ohne das gewohnte freundliche Gespräch gehen zu sollen, wandte sich langsam mit schleppenden Schritten zur Türe. Dies Tempo ihrer sonst so raschen Beweglichkeit fiel Yvette auf, sie rief sie freundlich zurück und indem sie eine Münze in ihre Hand legte, sagte sie: » Prendi questa per un regalo al tuo amico

Da lachte Lucia über ihr ganzes junges liebliches Gesicht und stürmte eiligen Schrittes die Treppe hinab.

Wie köstlich jung sie ist, dachte Yvette, indem sie den ersehnten Brief öffnete, und vermochte nicht recht den Zusammenhang zu erfassen, der zwischen diesem Gedanken und einer plötzlichen leisen Traurigkeit in ihr sein konnte.

Taj Mahul Hotel. Bombay.

Welch eine glückliche Freude war es, in Aden Deinen Brief zu finden. Nun bist Du auf dem Wege zu gekannter und immer neu geliebter Schönheit. Und Du bist nicht allein diesmal. Du fandest einen Menschen, mit dem Dir Deine ersehnte Einsamkeit nicht klein und leer wird. Wieviel sagt mir das. Sprich mir von diesem Menschen viel, alles. Meine Seele lauscht zu Dir hin. – Ich hoffe in Benares, wo wir in ungefähr drei Wochen anlangen, von Dir viel zu erfahren. – Wir haben nun die furchtbare Hitze des roten Meeres hinter uns. Der letzte goldgrüne Sonnenuntergang über den Bergen Afrikas war der Abschluß einer Welt. Und schon liegt eine neue vor uns. Indien, das seltsame Land des wachen Traumes, wie ein ewiges Fest seliger Leidenschaft liegt es im Prunke seiner üppigen Farben und dem schweren Glanze seines leuchtenden Himmels und lauscht dem Gesänge seines heiligen Flusses. –

So trennen uns Welten Geliebte. Und doch, ein einzig Wort schließt trotzdem den Kreis unserer Wesen so eng zusammen, daß ich Deinen Atem neben mir fühle und den Glanz Deines Blickes – ich liebe Dich. – Lenore.

Ja, diese Wunder der Liebe, dachte Yvette, sie allein geben uns das Recht, unser Dasein Leben zu nennen. Meine ganze Wärme soll zu Dir kommen, Geliebte. – Mit glücklichen Worten schrieb sie von der Fülle ihrer Tage, von der Beglückung durch das tägliche Zusammensein mit dem Manne, dessen Menschliches zu so wundervoller Harmonie zusammen klang, daß es wie ein vollendetes Meisterwerk immer wieder neue Schönheiten offenbarte.

Sie legte die Feder aus der Hand.

Wie sonderbar, dachte sie. Wo ist das bei ihm, was als das allzu Menschliche jeder Persönlichkeit beigemengt ist? Wie sie auch sein Wesen durchforschte, der Eindruck blieb immer rund und voll wie der reine Ton einer Glocke.

Und ging es ihr Lenore gegenüber nicht ebenso? Trotz langer Jahre intimster Fühlung zu allem Licht und Schatten ihrer seelischen Welt, empfand sie dieselbe immerfort als etwas so durchaus Einheitliches, daß alles darin zu Kraft und Schönheit wurde, wie etwa eine chemische Verbindung im Gleichgewichte ihrer Atome zu einander die einzelnen Elemente so restlos zu einer Ganzheit werden läßt, daß dieses Einzelne überhaupt nicht mehr dazusein scheint. – Line in sich vollendete Persönlichkeit hat nichts Irritierendes an sich. Sie wird eine andere Vollendung anziehen oder abstoßen nach großen inneren Gesetzen, wie Welten einander fliehen oder halten. Nur das Unharmonische, untereinander und zum Ganzen nicht im Gleichgewicht stehender Wesenselemente ergibt jene psychischen Fällungen und Ausscheidungen, die sich als Fehler, Schwächen, Sonderbarkeiten und Unzulänglichkeiten störend und abstoßend bemerkbar machen.

Nein, an diesem Manne störte sie nichts. Alles war einfach an ihm trotz unendlicher Nuancen, da seine starke Intelligenz von den harmonisierenden Kräften einer tiefen Güte getragen wurde.

So in ein seltsam sattes, fast wunschloses Glücksgefühl ausgelöst, träumte sie lange in das fallende Abenddunkel hinein.

Plötzlich aber zog es sich wie ein Erschrecken in ihr zusammen.

Warum kam er nicht? So lange konnte dieser Ausflug ihn nicht festhalten. Sollte ihm etwas zugestoßen sein. Oder hielt ihn irgend etwas in seinem Empfinden von ihr fern?

Da hörte sie seinen Schritt. Im nächsten Augenblick war er im Zimmer.

»Endlich –« sagte sie.

»Verzeihen Sie, daß ich so spät und vor allem, daß ich in so wenig annehmbarem Zustande komme, verstaubt und heiß, wie ich eben von der Tour zurückkehre. Aber ich hatte mich verstiegen und mußte nochmals den ganzen Weg zurück und wieder hinauf machen und oben etwas ausruhen, ehe ich wieder abstieg. So wurde es über alle Berechnung spät und ich wollte Ihnen keine Unruhe durch noch längeres Ausbleiben machen.«

Er blieb an der Türe stehen, als wolle er gleich wieder umkehren.

»So lasse ich Sie nicht fort. Sie müssen sich erst erfrischen, doch vor allem will ich uns Licht machen.«

»Aber was haben Sie an der Hand,« frug sie, als sie mit der Lampe an den Tisch trat.

»Nichts von Belang, ich glitt aus und schrammte mir die Hand an einer Felskante,« sagte er, das blutbefleckte Tuch mit der gesunden Hand zu verdecken bemüht. »Sie sehen, ich habe mehr als einen Grund, schleunigst meinen Rückweg anzutreten, nochmals bitte um Verzeihung.

»Bitte lassen Sie mich sehen,« sagte Yvette und nahm seine Hand in die ihre. »Ich werde es Ihnen etwas verbinden, ich habe alles Nötige bei mir. Bitte setzen Sie sich.«

»Wenn Sie es so wollen.« »Ah –« sagte er den Brief mit dem auffallenden Hotelstempel ansehend – »gewiß von Ihrer Freundin?« Seine Stimme klang erregt. »Richtig geraten und ich war eben daran, ihr zu antworten,« entgegnete Yvette, erstaunt auf den fremden Klang seiner Stimme lauschend.

Sie hatte das Nötige zusammengesucht. Wusch die ziemlich große Wunde aus und verband sie. Sie wurden beide ganz still dabei. Diese plötzliche intime Nähe verwirrte und quälte sie.

Seine Hand in der ihren, überkam Yvette die Erinnerung an jenen Abend, da sie dieselbe im Halbdunkel des Ateliers zum ersten Male sah und die seltsame Empfindung die sie dabei gehabt, daß es eine Hand voll Güte und Zärtlichkeit sein müsse!

Ihm brauste das Blut in den Schläfen. Es war, als sprühten aus ihren feinen weichen Fingern glühende Funken in alle seine Sinne.

»Es war gewiß sehr schön da oben,« fragte endlich Yvette, um die unerträgliche Stille zu brechen.

»Ja prachtvoll, groß und weit, über alle Begriffe schön – aber –« seine Stimme wurde immer leerer und ferner. Yvette fühlte, daß er den Arm hob, um sie zu umfassen, aber er fiel wieder schwer herab.

»So –.« »Ich danke Ihnen.« – Sie atmeten beide auf.

»Nun lassen Sie mich Ihnen schnell noch eine Limonade zurecht machen.«

»Ich würde Ihnen sehr dankbar dafür sein. – Ich störte Sie im Schreiben? Da waren Sie die ganze Zeit weit weg von hier bei Ihrer Freundin?« fragte er mit raschen Schritten zu ihr hintretend.

»Nicht die ganze Zeit,« sagte Yvette, ihm das Getränk reichend.

»Kann Liebe von Frau zu Frau so stark sein, daß sie den Mann vergessen macht?«

Sie fühlte, daß er litt. Aber sie konnte auf seine Frage nicht antworten, sie mußte darauf zu viel oder zu wenig sagen, mit dem einen hätte sie sich zu weit verraten, mit dem andern ihn verletzen müssen. So schwieg sie eine Weile. Was wiederum er falsch verstehen mußte.

Ungeschickt und verwirrt nahmen sie Abschied von einander, da ihre Worte mit ihren Gedanken uneins waren und sich entgegen arbeiteten.

Sie leuchtete ihm zur Treppe.

» A reviderci,« rief er noch leise herauf und winkte ihr mit der verbundenen Hand zu.

Yvette eilte auf den Balkon hinaus und sah ihm nach, solange sie seine Gestalt im Vollmondlichte erkennen konnte.

Als er sich im Schatten befand, drückte er seine Lippen auf die Hand, die sie in der ihren gehalten.

So werden wir alle zu Kindern, wenn wir lieben. Und vielleicht ist es der feinste Reiz der Liebe, daß sie uns zur Einfachheit unseres Fühlens erlöst.

Die Nacht war für beide voll Unruhe und Qual.

Yvette glaubte, je deutlicher sie das Wissen um seine Liebe erfüllte, sich um so tiefer verpflichtet, sich ihm entziehen zu müssen. Die gewaltige ergreifende Leidenschaft des reifen Weibes sollte nichts von seiner blühenden Jugend erlisten. Und sie versuchte es wieder und wieder, sich taub und blind gegen das zu machen, was sie im letzten Grunde in seliger Lust erbeben ließ. – Ach wenn sie ihm ein junges, in der Süße der Jugend blühendes Weib hätte zuführen können, sie hätte in schmerzhafter Freude sein Glück gesegnet.

Dieser Gedanke brachte ihr ein Bild in die Erinnerung, das sie einst gemalt. Sie mußte irgendwo eine Reproduktion davon hier haben. Fieberhaft durchwühlte sie alle Sachen, bis sie das Gesuchte fand.

Es war ein wundervolles zartes Mädchen mit schlanken vornehmen Gliedern, wie von Meisterhand aus feinsten Elfenbein geschnitzt. Aus den großen brennenden Augen sprach das Leben einer tiefen rätselvollen Welt. Wie Knospen herrlicher Blüten lag das Versprechen eines seltenen Glückes auf diesem wundervollen Angesicht.

Ja das war es. Diese beiden waren für einander geschaffen. Ach daß ihre Hand ihnen die Tore der Freude öffnen dürfte.

Dieser starke Wunsch gab ihr endlich die ersehnte Ruhe. –

Auch der nächste Tag stellte das gestörte Gleichgewicht zwischen ihnen nicht her. Es war, als habe sich plötzlich etwas zwischen ihnen verändert. Als würden ihre Gedanken gleichzeitig in eine bestimmte Richtung gedrängt, der sie sich immer wieder zu entziehen suchten.

Eine schwere fast schmerzhafte Spannung bedrückte sie seltsam. Sie wagten kaum, sich anzusehen; sie vermieden es ängstlich, sich nahe zu kommen. Alles Ungesagte im Untergründe des Denkens schien lauter zu tönen, als das gesprochene Wort, dessen Sinn das Ohr kaum zum Bewußtsein trug.

Nach Tisch trennten sie sich früher als sonst.

Die Kühle des Zimmers tat wohl nach der brütenden Mittagsglut draußen. Yvette fühlte sich von einer schweren Müdigkeit befallen. Sie machte sich's auf der Ottomane bequem und schlief ein.

Sie mußte lange geschlafen haben, denn als sie erwachte, kam eine feine Kühle vom offenen Fenster her. Zugleich wehte sie ein seltsamer Duft an. Sie sah suchend umher und fand auf dem Gesimse des Fensters, das nach der Terrasse zu lag, einen Strauß glutroter Granatenblüten.

Rainer Böhme mußte dagewesen sein.

Sie ging in das Nebenzimmer. Stellte die Blumen in eine Vase. Dann griff sie nach irgendeinem, zur Hand liegendem Buche und versuchte zu lesen.

Sie fürchtete das Denken. Aber sie wußte kaum, was sie las. Plötzlich aber kam ein heißes Erschrecken über sie. Das ging sie an, was da im Buche stand und mit weit wachen Sinnen und schmerzhafter Spannung las sie Seite um Seite.

Es war die Geschichte der Liebe zwischen George Sand und Alfred Musset, wie furchtbar war diese Tragik der Leidenschaft zwischen dem Jüngling und der alternden Frau, wie häßlich dies Haltenwollen, dies Zerren an den Fesseln, das Zerreißen der Bande und immer Wiederanknüpfen zu neuen Kämpfen, wie traurig und häßlich zugleich. Schmerz, Qual, Entsetzen, alles konnte in Größe ertragen werden, aber solche Häßlichkeit muß zuletzt sogar die Erinnerung, diesen feinsten Niederschlag jeden Glückes, verderben.

Sie sprang auf und warf erregt das Buch von sich. Nein, sie wollte nicht. Nur keine Häßlichkeit zwischen ihnen. Daß nur sie selbst es mit der Glut lang eingedämmter und nun zu solcher Flamme auflohender Leidenschaft nicht häßlich werden ließ. Nein es sollte nicht sein. Tausendmal leichter den Schmerz der Trennung zu tragen, als eine zerstörte und beschmutzte Erinnerung.

Aber als Rainer Böhme eine Stunde später zu ihr hereintrat und sie seine warme Stimme hörte und die stille Kraft seines Blickes fühlte und die wundervolle Harmonie seines Wesens sie wieder mit unendlichem Entzücken erfüllte, wußte sie unbeirrbar und sicher, daß neben diesem Manne jede Häßlichkeit eine Unmöglichkeit war.

Er reichte ihr beide Hände und setzte sich neben sie mit einer stillen Sicherheit, die sie überraschte und ein wenig beängstigte.

»Sie fanden meine Blumen. Sie sagten Ihnen, daß ich Sie im Schlafe gesehen. Ich stand lange und meine Schritte wollten nicht von diesem Bilde fort –« er neigte sich ganz nahe zu ihr hin – »du schliefst so süß, Geliebte – so schön warst du. Irgendwo steht geschrieben, daß Psyche im Schlafe des Eros Worte besser versteht, als im Wachen, verstandest du ihn, Geliebte? Er sprach laut aus mir zu dir –«

Ganz nahe war der geliebte Körper ihr. Ein Strom berauschenden Glückes ließ diese Nähe in ihrem Blute aufflammen und drängte sie mit unwiderstehlicher Gewalt dem Geliebten zu.

Aber mit angstvoller Kraft löste sie sich von ihm –

»Sieh, ich habe ein zu großes Stück des Lebensweges vor dir voraus, auf dem du mich nie einholen kannst Geliebter, meine Jahre trennen mich von dir –«

»Geliebte, Jugend ist Freude – und du gibst mir Freude. Die süßeste Freude, denn Seele und Blut begehren dich. Gib mir den Rausch deines ganzen Wesens. Fühle in meiner Umarmung die Wirkung deiner selbst Geliebte, lausche dem Sturm meines Blutes und glaube an deine eigene Macht.«

Da wurde es sanft und still und groß in ihr. Und klein wurde alles, was sich dieser Liebe widersetzen wollte.

»Komm zu mir Geliebte,« sagte seine bebende Stimme an ihrem Ohre.

Und ohne ein Wort, denn ihre Seele hatte schon alles gesagt, was Worte zu geben haben, glitt sie schwer von Glück und Sehnsucht in seine Arme, wie die reife Frucht, vom Sturme getroffen, zur Erde fällt. Und sie gab sich dem flammenden Kusse der Liebe, wie die Erde sich der Sonne gibt, schrankenlos, selbstvergessen, umbraust von dem glühenden Sange des Lebens.

Eine wundervolle Befreiung kam durch diese völlige Hingabe in dem Geständnis ihres Willens zu einander über sie. Und diese Freiheit, die nun ihre Worte und Bewegungen wieder ganz echt, wahr und einfach machte, bereitete ihnen ein heiliges Fest voll Jubel und Klang. Die lang zurückgedämmten Fluten ihrer Liebe schäumten über die Ufer des Schweigens und sie überschütteten einander mit allen Kostbarkeiten aus den übervollen Schatzkammern ihrer Seelen, die niemals leer werden zu können schienen.

So genossen sie das gewaltige Präludium der großen seligen Leidenschaft. –

Und langsam schwoll die Fülle ihres Glückes empor. Ihr Geist war wie in Licht getaucht und ihre Worte badeten in Glut und Farben, als hätten sie plötzlich den heimlichen Süden ihrer Seelen gefunden. So strömte ihr Wesen Welle um Welle ineinander bis zu jenem schmerzhaft seligen Augenblicke, über den hinaus ein Mehr unmöglich wird. Da geschieht es, daß die nimmersatte Sehnsucht der Liebe mit brausendem Flügelschlag aus fernen Sonnenhöhen zur Erde niederschwebt und die göttliche Trunkenheit der Seele nun auch den Körper ergreift und die Liebenden in der Ekstase der Auflösung aller Grenzen ihrer Wesenszweiheit die gnadenvolle Erlösung zu sich selbst finden. –

Und wie immer es ein kleiner letzter fallender Tropfen ist, der in allen vollen Bechern des Lebens die Überfülle zum Rande bringt, so war es auch für sie ein kleines leises sanftes Wort, ein Wort, das auf Taubenfüßen kam und den Sturm brachte, der die Pforten des Lebens aufreißt, die zu dem heiligen Willen des Seins führen.

Sie kamen von einer Fahrt nach Anacapri zurück. Fast bis zum Schmerze voll von der unsagbaren Schönheit die sie geschaut, zusammen geschaut; Körper an Körper sich selig nahe in dem kleinen raschen Gefährt.

Arm in Arm. Versunken in glücksschwerem Schweigen. Jedes nur den andern fühlend. So standen sie am Eingange zur weißen Villa, die im schnell fallenden Dunkel der Nacht wie aus sich selbst zu leuchten schien.

Felicissima notta – sagte eine weiche junge Stimme neben ihnen. Der huschende Schatten einer Frau kam irgendwo aus den Winkeln der engen Gassen und verschwand in der weiten Stille der lauschenden Nacht. –

Da stürzten die blühenden Flammen ihres Blutes zu einander. –

 

Der zärtliche Morgenwind spielte mit dem ersten Lächeln des Meeres. Zwischen der blauenden Höhe der Luft und der ruhenden Bläue des Wassers glühten die Farbenströme der blühenden Pracht von Capri.

Yvette stand auf einer grünen Berghalde und lauschte in tiefer Ergriffenheit in die Weite des morgendlichen Schweigens umher, das sich wie eine goldene Brücke zu den Stimmen des Lebens spannte.

Und die gewaltige Symphonie des Lebens brauste mit orgeltiefem Klange in ihrem Blute. Sie ergriff es mit jeder Fiber ihres Seins, wie sie es noch nie ergriffen hatte. Sie fühlte sich eins mit ihm, von seinen Flammen durchlodert, ein neues Element geworden, mit seinen Geheimnissen vertraut, plötzlich freischwebend, in sich vollendet wie eine ruhende Welt.

Die einsame Stille umher baute sich wie ein geweihter Tempel um sie auf. Von der Andacht des Glückes schwer, sank sie zur Erde und dehnte sich wohlig auf der grünen erdwarmen Matte. Mit einem ganz neuen wissenden Lächeln grüßte sie das Meer und die Sonne und die ganze glühende Fülle alles Lebenden umher, dessen mystischen Kreis sie nun um sich geschlossen fühlte.

In ihrem trunkenen Blute wogte der Rausch der Erinnerung. In den Ohren tönte ihr noch der bebende Dank des Geliebten. So lag sie lange und lauschte ihm entgegen. Denn auch ihn hatte der Sturm der Wonne hinaus genommen zu der Feierstunde des morgenreinen Tages. Im Übermaße der Empfindung, im Übermute des sicheren Besitzes hatten sie sich für eine kurze Stunde getrennt, um die Freude der Erwartung zu einander als einen neuen Jubel zu genießen.

Hier wollten sie sich treffen.

Sie liegt und wartet. Still, geduldig und gut. Mag er nun kommen oder gehen, ewig ist er in ihr und sie in ihm. –

Das ist sein Schritt. Ihr Blick hebt sich ihm entgegen. Nur ihr Blick. Aber ein Sturm der Freude stürzt ihm daraus entgegen, der den Aufruhr seines eigenen Blutes zu jauchzendem Jubel türmt. Er kniet zu ihr hin und beugt sich über sie. Seine jungen strahlenden Augen senken ihre Glut in die ihren und seine junge Stimme, die heiß von dem Feuer seines Blutes ist, flüstert – mein Weib – meine Geliebte. –

 

– – – So kam alles, meine Lenore. Ich weiß, daß du meinen Kampf gegen mich selbst begreifst und meinen Sieg als eine Schönheit empfindest, wie er mir selbst mit jeder Stunde tiefer sich als solche enthüllt. Und nicht nur an dem Übermaße des eignen Glückes gemessen, vielmehr erst dann, wenn ich in die beglückten Augen des Geliebten blicke, wenn sein Dank mich umhüllt, der so über alle Worte geht, daß er ihn mir nur in heißen Umarmungen ganz zu geben vermag, die fast schmerzvoll sind in der Fülle des Unsagbaren, das er mit ihnen über mich ausströmen läßt, dann jubelt alles in mir, daß ich vom Augenblick nahm, was für Ewigkeiten unwiederbringlich mit ihm hätte verwehen können. – Du, der die Liebe stets das Heilige des Lebens bedeutet, wirst unserer Liebe deine große edle Freude geben. –

*

Nur noch wenige Tage, dann schließt sich uns dies Paradies.

Ist es schon eine Entzückung ohnegleichen, einem Menschen zu begegnen, der uns alles das zu geben hat, dem unser ganzes Wesen in banger Erwartung entgegenlebte, welch ein unerhört glückliches Geschehen aber bedeutet es dann, wenn dieses heimliche Werden der Liebe von ihrem ersten leisen Dämmern, ihrem zagen Flüstern bis zur Sonnenhöhe ihrer göttlichen Vollendung, wenn die Stille und der Sturm dieses Werdens mit der tiefen Stille des Meeres inmitten der berauschenden Pracht aller Südlandherrlichkeit über uns kommt.

Da gibts ein hartes Scheiden, wo Traum und Sehnsucht Wirklichkeit wurden, lösen unsere Füße sich schwer von den heimlichen Wegen ihrer selig trunkenen Schritte.

*

Jeden dieser letzten Tage hier sollen meine Gedanken zu dir gehen, geliebte Lenore.

Die Schmerzen des Abstiegs sind heute in meiner Seele. Bislang sah ich nur die Gipfel der Höhe. Leise nahen die Schatten des Tales und dunkeln über dem Lichte der Berge. – Keine Reue und kein Zurück ist in meinen Gedanken. Aber ein leises plötzliches Wissen, mit welchem Abgrund des Schmerzes ich die Unendlichkeit meines Glückes erkaufte. Ich fühle mit ahnendem Erschauern, den Dornenkranz, der langsam in der Zeiten Ferne für mein eben noch tanzendes Herz irgendwo am Wege wächst. –

Wachst und kommt zu mir, alle Schmerzen der Erde. Größer als ihr ragt der flammende Berg meines Glückes. Lauter als ihr tönt das rauschende Meer meiner Lust. –

*

Die ewige Sehnsucht der großen Liebe ist Treue.

Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Aber die Zeit hat grausame Augen. Und ihre harten Hände zerreißen lachend Schleier um Schleier, den wir behutsam um schmerzvolle Wahrheiten legen.

Erschaure ich in dem Kusse deiner Kraft und Jugend, Geliebter, dann flüstert sie, die Grausame, mir in mein glückschweres Herz, daß du meine Jugend wecktest, die allzu lange geschlafen. –

*

Treue, du glücklicher Schatten der Liebe. In dir sammelt sich die schwere Fruchtbarkeit, die aus dem Lichte der Liebe quillt.

Treue, du tiefer warmer heimlicher Garten, in dem unseres Wesens feinste Schönheit blüht. Du eherne Pforte zur Ewigkeit des Glücks –

Du bleibst mir verschlossen.

Meine sehnsüchtigen Hände strecken sich dir entgegen. Meine glücklichen Augen weinen, weil sie nicht zu dir hinblicken dürfen.

Treue, du feiner goldner Becher, der unser seligstes Glück wie kostbaren Wein trägt und bewahrt –

Ich muß den köstlichen Wein meines Glückes in meinen hohlen Händen tragen und wissen, daß er Tropfen um Tropfen diesen bebenden Händen entfallen wird. Sie dürfen nicht nach dir greifen, du kostbarer Becher des Glücks. –

*

Der letzte Tag.

Morgen. –

Miß deinen Schmerz an deiner Seligkeit, meine Seele und beuge dich in Dank vor diesem Schmerze.

Heute – morgen. Was ist Zeit im Angesicht der Liebe. Vor ihr ist ein Tag gleich weiter Ewigkeit und Ewigkeit ein verglühender Tag.

War das Glück der Erkenntnis zugleich Erkenntnis des Glückes, dann ist Liebe Ewigkeit und bleibt Treue in dem übersinnlichen verstände, daß alle Erinnerung an das Glück, der Begriff des Glückes selbst an diesen Einen, Einzigen gebunden bleibt für alle Zeit. – Sonniges Eiland meines Glückes sei gesegnet. Was Himmel und Erde an seligem Versprechen tragen, du gabst es mir. –

*

Und du, ferne Geliebte, du warst mit mir in den rauschenden Festen meiner Sinne, in den dankschweren Feierstunden meiner Seele.

Lehrtest doch du mich den stolzen Trotz meiner Sehnsucht, sich dem kleinen Glücke zu wehren und nur im vollen Sturme der jauchzenden Lust aus dem blauen Meere der Wonne zu den Höhen der Liebe zu steuern. –

*

Und die letzte Stunde kam. Die letzte Minute.

Der leuchtende Himmel, die duftende Erde, das schimmernde Meer, keines wollte sie lassen. Mit tausend Händen griffen sie nach ihnen und alle süßen Erinnerungen hingen schwer an ihren Füßen. –

War's ein Bild, ein Traum, was da langsam sich von ihnen entfernte, sich gleichsam zuschloß vor ihren greifenden Augen?

Grausam langsam wich es zurück, wo seid ihr, ihr Gärten, ihr Wege, ihr heimlichen Winkel? Nur noch hohe ragende Felsen stehen unerbittlich Wacht vor der versinkenden Welt. –

Leise fällt Tropfen um Tropfen, Bild um Bild in die stille Klause der Erinnerung.

Schmerzhaft wenig scheint es gegen die eben noch hoch brandenden Schäume der jäh verstummenden Wirklichkeit. Aber Keime einer neuen Welt sind es, die langsam aufwachen werden, aufblühen zu einer neuen strahlenden Wirklichkeit, die keine Zeit mehr nehmen kann.

Nur daß man es nicht weiß im schweren Schmerze des Scheidens.

Daß alles verloren, hoffnungslos scheint, da die ganze eben erst erlebte Herrlichkeit der königlichen Kraft unserer Sinne noch so schmerzlich nahe ist. –

Yvette stand fernweg von der bewegten Menschenmenge, die sich auf dem Schiffe drängte.

Bebend und schauernd sah sie mit heißen Augen in das verschwebende Bild. In seltsamer Verdopplung sah sie es wie ein Symbol des Schmerzes in der Ferne der Zeit nochmals über sich schweben, in jener Ferne, da der andere schwerere Abschied ihr die geliebte Gestalt selbst entreißen würde, die dieser ihr versinkenden Schönheit ihren tiefen Inhalt gegeben.

Sie stützte sich matt auf das Geländer. Langsam fielen die Tropfen des Schmerzes aus ihren Augen in die weiße rauschende Gischt des bewegten Wassers.

»Geliebte –«

Sie fühlte seine zärtliche Hand auf ihrer Schulter. Seine geliebte Stimme neben sich.

Sie sah zu ihm auf. Sein Auge war dunkel von Leid.

Da griff sie nach seinen Händen. Nicht so, nicht so Geliebter. Dir nur Freude. Mir gehören alle Schmerzen. –

Und da sie ihn so hielt mit ihren Händen, kam der Rausch des Blutes wieder zu ihr zurück. Und alle Sinne glühten auf in jauchzender Lust, das zu halten, zu wissen, zu haben, was ihr Glück und ihr Verlangen war. –

Und die Macht ihrer beglückten Sinne zwang sie zum Leben zurück, das in ewiger Bewegung uns den Trank der Freude mit den bittren Tropfen des Leides mischt.

Und sie hob die Freude zu ihrem Herzen, daß es jung blieb und lachend und stark genug, dem Geliebten die Seele hell und jubelnd zu erhalten.

*

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