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Elisabeth Dauthendey: Vivos voco - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Dauthendey
titleVivos voco
publisherVerlag von Theod. Thomas
printrun1.-3. Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160721
projectid424663f4
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II.

Wir berühren uns und gehen weiter und schlürfen den Schaum vieler Leben. Zu diesen Worten Emersons fielen Yvettes Gedanken zusammen, als sie ihre Zimmer betrat.

Mit langsamen versonnenen Bewegungen begann sie sich zu entkleiden. Dazwischen sank sie müde in einen der bequemen Stühle und verfiel in jenen Zustand zwischen Wachen und Träumen, in dem die Seele, fern von der brutalen Gewalt der Wirklichkeit, die Realität ihres besonderen Seins am deutlichsten empfindet. Ihre tiefsten Ekstasen und seligsten Trunkenheiten erfährt sie auf diesem schmalen Grenzgebiete des wachen Traumes. In seltenen Augenblicken aber vermag es auch mitten in die breiten Bahnen der Wirklichkeit hineinzuragen. Dann, wenn zwischen zwei Seelen der geheimnisvolle Gleichklang vollendeter Sympathie die goldenen Brücken niederfallen läßt, die zu den unbegrenzten Weiten unseres heimlichen Königreichs führen. –

Sie schaute verwundert in sich hinein.

Wie Aufruhr und Flammen war es in ihr. Wie wenn eine elementare Gewalt über Mauern und Türme bricht, die gegen alle Zeiten fest zu stehen schienen, so war der heiße Atem des Lebens heute über sie hingegangen und hatte Wehre und Dämme, die sie gegen seine Macht in sich für immer aufgerichtet glaubte, zerbrochen und ihre letzten Wesenstiefen mit jähem Licht und scharfer Frage überfallen. Wehrlos und schwach fühlte sie sich, und die einspinnende isolierende Macht langer Jahre der Freundschaft kam ihr fast beängstigend zum Bewußtsein.

Und plötzlich war ihr, als habe auch Lenore dies empfunden, für sie empfunden und ihr deshalb mit gütigem Willen eine lange volle Freiheit zurückgegeben, um sie sich zu sich selbst zurück finden zu lassen. Und in diesem Augenblicke verstand sie auch das sieghafte Leuchten, das den tiefen Schmerz in dem geliebten Gesicht in der Stunde des Abschieds so rätselhaft überstrahlt hatte. Und das Gefühl der Freiheit fing leise an, einen heimlichen Geschmack von Freude zu bekommen, so leise, daß es ihr vorerst noch gar nicht zum Bewußtsein kam. Es war gleichsam jene unpersönliche Freude, die im Unbewußten beginnt, dort wo die treibenden Kräfte unseres Werdens an der Arbeit sind. Eine vergessene Melodie löste sich in ihr aus fernen Verschlossenheiten und drängte zum Vordergrund ihrer Seele. Eine Melodie, die wie ein Anfang war, wie ein Öffnen lang geschlossener Augen, wie ein schwebender Traum, der den Schlüssel zu tausend fernen Möglichkeiten barg. – Aber war es für sie nicht schon zu spät für alles, was das Leben an Traum und Versprechen bereit zu halten vermag?

Eine Bangigkeit überschlich sie. Sie nahm ein Licht und trat zum Spiegel. Und da durchdrang ein wundervolles Lächeln ihren ganzen Körper. Ein Lächeln des Dankes und bewußten Freude an sich selbst.

Sie fühlte sich nicht nur jung, sie war jung. Der stahlharte Kampf des Willens im strengen Dienste der Kunst hatte ihrem Körper die Elastizität und Spannkraft und damit das Maß der Schönheit, und die Wärme der Freundschaft ihrem Wesen die starke seelische Beweglichkeit erhalten, die das Blühen und den Glanz der Jugend noch über späte Jahre breitet, jener zweiten Jugend des Weibes, die sich so viel bedeutsamer und kostbarer weiß, da sie nicht mehr nur die Harmonie körperlicher Voraussetzungen darstellt, sondern die Tiefe der vollendeten Persönlichkeit zum Hintergründe hat.

So stand sie einen Augenblick im Genusse ihrer selbst.

Und die Erinnerungen aller Siege und Überwindungen, die sie gegen die vielfachen Hemmungen und Hindernisse des streitbaren Lebens erkämpft, lebten leise mit in dem Glücke dieses Genusses.

Über dem allem aber schwebte ein seltsam Neues, Ungreifbares, ein Leises, Fernes, heranwollendes, wie die zarte Spur eines Reimes, aus dem etwas zur Gestaltung drängt. –

Früh am andern Tage kamen zwei Blumensendungen. Indische Hyazinthen von Luba mit einer Entschuldigung für ihren sonderbaren Abgang ohne jeden Abschied am Abend vorher – » c'etait plus fort que moi – vous comprenez.« –

Von Böhme ein großer Strauß duftender Veilchen. »Auf Wiedersehen?« stand auf der Karte. Yvette schob den schwülen Atem der Tuberosen weit von sich weg. Die Veilchen nahm sie mit aus die Reise. Die Frage blieb ihr als eine angenehme Unruhe im Gedächtnis.

Spät abends war sie zu Hause.

Die Heimkehr war diesmal Freude und Schmerz zugleich. Denn obschon Maria, die vertraute Dienerin, alles wie immer zum Empfange bereitet hatte und Yvette schon oft und oft so allein von gemeinsamer Reise zurückgekehrt war, heute schien das alles ein ganz anderes zu sein. Die Leere war härter und schweigsamer als sonst und die Erinnerungen, die ringsum aufgehäuft lagen, hatten gleichsam die starren Augen und die schmerzhafte Kälte Gestorbener.

Von Lenore fand sich ein Telegramm vor, das ihre gute Ankunft in Marseille und die sofortige Weiterfahrt mit dem Schiff meldete und ihr einige Worte tiefer Liebe brachte.

Am andern Tag ging Yvette in seltsamer Unruhe in den lieben gewohnten Räumen umher. Sie konnte nicht zu dem Gefühl der Ganzheit und Stille kommen, das sich sonst mit dem ersten Schritt über die Schwelle ihres Heims sofort wie etwas Festes und Unwandelbares um sie zu legen pflegte. Ihr Atelier schien ihr merkwürdig weit und leer und alles Altbekannte darin fern und ganz ohne jede Beziehung zu ihr selbst.

Sie trat an die Staffelei, auf der das lebensgroße Porträt eines Mannes stand, das in einer letzten Sitzung seine endgültige Vollendung erhalten sollte. Mechanisch setzte sie einige Farben auf die Palette und machte einige kleine Retuschen am Bilde. Aber sie kam zu keiner Sammlung, zu keinem Zusammenhang mit ihrer Arbeit. Fortwährend war ihre Aufmerksamkeit nach außen gewendet, als erwarte sie einen Ruf, den leisen Schritt im Nebenzimmer, das zarte Geräusch schreibender oder in Büchern blätternder Hände. Sie legte die Palette plötzlich weg, ging hastig zur offenen Türe, die zu Lenorens Arbeitszimmer führte, und schloß dieselbe.

Dann blieb sie vor dem Bilde stehen und versenkte sich in den Anblick desselben. Eine seltsame Individualität war hier gleichsam in ein zweites Leben eingefangen, die durch ihre Besonderheit eine starke psychologische Neugierde erregte. In lässiger Haltung lehnte die hartlinige Gestalt des Mannes in einem hohen Armstuhl, die Beine übereinander gekreuzt. Die eine Hand hielt die Zigarette zwischen Zeige und Mittelfinger, die andere umfaßte mit festem Griff die geschweifte Stuhllehne. Bleiche, etwas zu breite Hände waren es, von stumpfer Form; etwas Hartes, Brutales lag im Ansatz des Daumens und noch mehr in der Art, wie er sich von der übrigen Hand, die die Zigarette hielt, abbog und für sich bestand; die Hände wirkten plump und sensuell und paßten schlecht zu der feinlinigen, durchgeistigten Kopfform. Die hohe Stirn war wundervoll modelliert, das helle fast rötlichblonde Haar darüber stark gelichtet. Die Biegung der vorspringenden Nase stand in gutem Verhältnis zu dem reinen Oval des Gesichtes mit dem vorgeschobenen, angenehm abgerundeten Kinn.

Die völlige Bartlosigkeit gab der Physiognomie jenes rätselhafte Gemisch von Pastoralem und Komödiantenhaftem, das etwas Lockendes und Abstoßendes zugleich hat; denn nur selten kann ein Mannesmund der dekorativen Beschattung und milden Verdeckung des Bartes ganz entraten, es liegen da meist zu viele Deutlichkeiten psychischer Runensprache zutage und verraten heimliche Dinge lauter, als viele hundert Worte jemals tun würden. Auch in diesem Gesicht waren um die Nase und die schmalen Lippen des Mundes allerlei Züge und Spuren sichtbar, die etwas Gemeinsames mit dem Ausdruck der Hände hatten. Dieser Mann schien aber auch nicht im mindesten die Offenbarungen seines Innenlebens irgendwie zu verdecken gewillt. Seine hellen, fast weißlichblauen Augen, mit breiten phosphoreszierenden Lichtern darin, sprachen von starker innerer Konzentration und einem selbstsicheren Geiste, der mit dem feinen sarkastischen Lächeln, das in den Mundwinkeln aus der Lauer lag, über die eigenen Menschlichkeiten hinwegzusiegen verstand.

Diese merkwürdigen auffallenden Augen hatten Yvette viel Mühe gemacht. Sie hatten etwas Verwirrendes, Bannendes, Überlegenes, Unerbittliches an sich. Etwas, das eine Frau, die ihnen nur als Weib gegenüberstand, erröten und erblassen machen konnte.

In diesem Augenblicke verstand sie es kaum, wie sie so kühl, so fern und unpersönlich alle diese Wochen her, diesen Augen stand gehalten hatte, in denen sie so oft das Aufglühen der Leidenschaft aufsteigen und unter ihrer Kühle wieder verrinnen gesehen hatte.

Stark und heiß und herrisch fast fühlte sie heute dieses Mannes Blicke in die Tiefe ihres Weibesbewußtseins dringen.

Und mit Erstaunen empfand sie, wie ganz ihr Künstlertum bisher ihr feinstes Eigenleben zu verdecken vermocht hatte.

Nun war es, als ob diese Augen Zwiesprache mit ihr hielten.

»Auch du bist nicht unüberwindbar,« sagten sie.

»Auch du bist Flamme und mußt zum Feuer –

Blick nicht so kalt und steinern, ich sehe hinter deine Maske.«

Sie hob abwehrend die Hände, als spräche sie in Wirklichkeit mit dem Manne – nicht du – nicht du bist es.

Sie wendete sich von dem Bilde ab. Es war unerträglich, länger in diese nehmenden und doch so harten Augen zu blicken. Wenn nur der morgende Tag schon vorüber wäre. Sie fürchtete sich plötzlich vor jenem glimmenden Funken, den sie so oft schon im Auge der Männer und auch in diesem hatte aufleuchten sehen, der langsam aus abgründiger Tiefe zur Schwelle des Blickes schleichend, wie ein witterndes Raubtier auf dem Sprung zur Beute, den Gegner umlauerte. Und immer hatte sie diesen aufglühenden Funken vor der Kühle und Sicherheit ihres Auges jäh, fast schon im Werden verlöschen sehen.

Mit Erschrecken fühlte sie, daß sie ihrer Stille und Kühle nicht mehr ganz sicher war, daß etwas in ihr bereit schien, jenem glimmenden Funken entgegenzugehen.

Ein jähes Verlangen nach der Erkenntnis des Lebens überkam sie mit schmerzhafter Gewalt. Und eine Scham wollte es sie dünken, daß das leise Abblühen ihrer letzten Jugend ihr Schönheit und Liebeskraft nehmen sollte, ohne daß ihr Wesen aus den heiligen Geheimnissen des Seins ihre letzte Vollendung und Fruchtbarkeit geschöpft hatte. Zugleich aber überfiel sie eine tötliche Bangigkeit, daß der stark gewordene Drang zu diesen letzten Erkenntnissen ihr Herz überlisten könne in einer schwachen Stunde, daß sie sich gab um des hellseherischen Wissens willen, das sie bargen. Und sie flehte zu ihrer Seele, daß es nicht ohne Liebe sein möge.

Die Augen des Bildes sahen sie fast drohend an.

Sie hob es von der Staffelei und stellte es gegen die Wand.

Ihre Hände zitterten leise und es war ihr dunkel vor den Augen. Sie ging in das Arbeitszimmer Lenorens. Vor ihrem Bilde sank sie in einen Stuhl. Lenore – Lenore, hast du das gewollt?

Sie blickte in das geliebte Gesicht und nahm es Zug um Zug gleichsam neu in Besitz.

Eine unendliche Fülle kam einem von dieser Frauengestalt zugeströmt. Man wußte nicht, was zuerst zu erfassen an ihr, so sehr war alles in Licht und Leben getaucht. Wundervoll wiedergegeben war das seltsam stark Bewegte dieser Persönlichkeit. Die Haltung des Körpers, der Hände, die zarte Neigung des Kopfes, der zu weiten Fernen gespannte Blick der grauen strahlenden Augen, die starke Linie der Nase über dem anmutig-geistvollen Munde, die starken Akzente der dunklen Brauenlinien in der hohen Stirne unter der Fülle dunkelblonden Haares, und alles dieses gleichsam durchleuchtet und getragen von jener stärksten Persönlichkeitsausstrahlung, in der Geist und Güte und starker Lebenswille sich zu dem wundersamen Fluidum mischen, das wir Seele nennen, und das als reichste und feinste Schönheit den wenigen zur Gabe wird, die am Kampf und Schmerz des Werdens zur Harmonie ihres Wesens emporzuwachsen verstanden.

Aber um Auge und Mund lag der Ausdruck eines unbesiegten Schmerzes.

Yvette hatte dies Bild vor der großen Trennung gemalt, um es in der Einsamkeit als Trost und Nähe zu empfinden. Beglückt fühlte sie, wie ganz ihre Kunst es verstanden hatte, das Wesen dieser Frau plastisch zusammenzufassen.

Wie schön sie noch immer war. Die reiche Fülle ihrer Seele hatte dem Körper gleichsam keine Zeit zu dem Stillstand und Erschlaffen gegeben, das wir Altern nennen, welches gleichbedeutend mit seelischer Unbewegtheit ist. Wohl mehr als ein Jahrzehnt trennte sie von jenem Manne, dessen Verborgenheiten sie eben nachgespürt hatte, aber welche seelische Spannung hier gegen so viele Müdigkeit am Leben dort, die zugleich mit einer weit wachen Unersättlichkeit an seinen Reizen gepaart schien und ihm mit vielen feinen Strichen ein seltsam Widersprechendes in das Gesicht gezeichnet hatte. Verbraucht sich der Mann am Leben deshalb so viel schneller als das Weib, weil es ihm den stärksten seiner Genüsse so früh und so schrankenlos auftut, daß er, ein übersättigter und doch niemals Satter, die feinen Spannkräfte der Sehnsucht verliert, die dem Weibe die Persönlichkeit so viel einheitlicher und beweglicher erhalten.

Treu dir selbst und deiner Sehnsucht bist du gewesen, das ist deine Kraft und Schönheit, dachte Yvette und ihre Blicke gingen zu dem Bildnis des Mannes, dem Lenore sich einst in seelischer Sympathie für die Zeit seines Lebens gegeben hatte, ihm dem Kranken und Totgeweihten; mit bewußtem Verzicht auf die Erfüllung des berechtigten Anspruchs ihres gesunden reifen Weibtums, weil dieser Kranke auf dem Wege seiner Leiden zur seelischen Vertiefung gereift, den subtiler gewordenen Forderungen ihrer Weibesseele entgegen zu kommen vermochte. Denn sie gehörte zu der Erstlingsschar der neuen Weibesart, die nach langen Entwicklungskämpfen endlich zur Erkenntnis der Bedingungen ihrer vollen Wesensentfaltung gekommen war und nun der gänzlich verflachten Auffassung ihrer Zeit über die Verhältnisse der Geschlechter zu einander widerstrebend und verständnislos gegenüber stand und mit den falschen Götterbildern einer verödeten Liebeswelt nichts anzufangen wußte. –

Viele Phasen der Weibentwicklung waren nun schon durchlaufen; scheinbar schnell für den Vordergrundanblick derer, denen die Spuren und Furchen der langen Schmerzenswege verborgen blieben, welche eine so gewaltige und weitgreifende Erhebung und Erhöhung der Weibesseele in Stillen und Tiefen vorbereitet hatten, daß es nur noch einer letzten Konzentration bedurfte, um sie zum vollen Bewußtsein ihrer selbst erwachen zu lassen. Was in allen Zeiten das seltene Vorrecht bedeutender Ausnahmsnaturen gewesen, wurde fast plötzlich das sichere Eigentum der vielen, die aber den allzu vielen gegenüber noch immer die wenigen blieben. Von da ging es mit Sturmeseile über tausend Hindernisse zu neuen Wegen, neuen Höhen, zu einem neuen Glauben und einem neuen Willen im Leben des Weibes.

Und die Möglichkeit einer neuen Jugend mit einem neuen Glücke lag vor der erstaunten Menschheit.

Sie beide, Yvette und Lenore, hatten diese letzten Etappen der Weibeswandlung mit gelebt und mit ihrer glücklichen Freude begleitet.

Und die letzte Krönung des neuen Lebenstempels ging deutlich ihrer Vollendung entgegen. Denn der Mann, der schwerfällig und ungläubig dem Aufstieg und Ausflug der bisher so demütigen Genossin, die sich ihm mit verbundenen Augen auf Gnade und Ungnade ergeben hatte, zusah, fing nun endlich an, zu begreifen, daß das Neuland, das das Weib für sich entdeckt hatte und mit dem Einsatz aller Kräfte zu ergreifen strebte, auch für ihn eine neue Schönheit und eine höhere Beglückung bedeutete. –

In diesen bewegten Übergang fiel Yvettes Jugend. Und nun, da sich endlich auch in der Psyche des Mannes die Wandlung zu vollziehen begann und die Morgenröte eines neuen Glückes über den Geschlechtern aufzugehen schien, war sie an der Grenze der Jahre, wo sie von der herankommenden Jugend des Mannes kein Glück mehr erwarten durfte. Und doch fühlte sie sich eins mit dieser Jugend, dessen Tempo und Rhythmus der Empfindung ihr im Blut und Willen lag. Wie stark war ihr das eben wieder zum Bewußtsein gekommen in Paris neben Dr. Böhme, von dessen Wesen sie es wie etwas geheimnisvoll Verwandtes zu sich hatte hinströmen fühlen.

Und mitten in ihrer Versonnenheit sah sie plötzlich die jungen leuchtenden Augen, den blühenden Mund, die ganze feine durchseelte Gestalt so greifbar deutlich vor sich, wie sie ihr im letzten kurzen Augenblick des Abschiedes zur Erinnerung geworden war. Und eine warme aufquellende Sehnsucht, eine unruhige seltsame Beglückung, so als ob die Ganzheit ihres Wesens hier Bejahung und Erfüllung finden könnte, kam über sie.

Sie stand auf und trat ans offene Fenster.

Es war ein sanfter Vorfrühlingstag. Ein Tag, an dem das ganze Sein in dem Symbol des Blühens zusammenzufallen scheint.

Yvette atmete tief die milde gütige Luft. Sie hob die Arme und dehnte sich in dem erlösenden Gefühle einer wundervollen Selbstvergessenheit.

Dann aber erlosch der Glanz ihrer Augen und ein trauriges Lächeln kam auf ihre Lippen, verlier dich nicht an Unmöglichkeiten, sprach sie zu sich selbst, du bist eine von den zu Frühen, für die es zu spät geworden. War sie sich auch der Macht und des Reichtums ihrer vollendeten Persönlichkeit bewußt, die ihr die Kostbarkeit der zweiten Jugend gab, vor dem strahlenden Glanze der ersten Jugend wird jene zaghaft und zweifelt an sich selbst.

Sie hob beide Hände zu den Schläfen und wandte sich langsam in das Zimmer zurück. Nach einer Meile ging sie zum Telephon und ließ im Hotel Anglais sagen, daß sie Professor Matchmann-Braun morgen Vormittag zur Sitzung erwarte. –

Dann ließ sie einen Wagen kommen und fuhr die Runde ihrer Bekannten ab, da sie gleich nach Fertigstellung des Bildes nach dem Süden abreisen wollte.

Der Winter war für sie immer eine Zeit intensiver Arbeit, anstrengenden Studiums und notwendiger Geselligkeit in jenen Kreisen, denen die Anwesenheit bekannter Künstler die kostbarste Vollendung ihres Interieurs bedeutet. Die verschiedensten Distanzen von Mensch zu Mensch, wie sie eine solche Geselligkeit mit sich bringt, lagen nun wieder einmal durchkostet hinter ihr und hatten, wie meist, auch diesmal wieder nur ein sehr spärliches Resultat an wirklichem Gewinn aufzuweisen. Da aber ihre feinsten seelischen Bedürfnisse in ihrer Freundschaft mit Lenore befriedigt wurden, trug sie nicht schwer an dem großen Lärm um nichts, zu dem die Geselligkeit unserer kulturarmen Zeit herabgesunken ist, und dem sie sich nur auf Wunsch Lenorens immer wieder aussetzte, welcher diese Bewegung mit Menschen so verschiedenster Art doch fortwährend Gelegenheit zu Beobachtungen gab, die ihr immer ein künstlerisches Bedürfnis blieben.

Wenn aber die allerersten leisen Frühlingsahnungen in Luft und Licht fühlbar wurden, kam eine seltsame Unruhe über sie. Es trieb sie fort von dem Menschen, aus der Enge der Stadt, zu weiten Horizonten zum warmen Erdgeruch, zu den stillen großen Dingen der Natur. Während Lenore meist zu Hause blieb und erst im Sommer das Bedürfnis nach Ausspannung und Stilleben empfand, schüttelte sie schon früher das Joch allen Zwanges ab und tauchte irgendwo in einem stillen Winkel der Welt unter. Sie brauchte dieses Loskommen von der Menge, die Vereinfachung der Anschauung an dem bewegten Schweigen der ruhenden Landschaft, den tiefen Freudentönen lichtsatter Südsonnenfarben.

Dort malte sie ihre kleinen seltsamen Bilder, ihre Wildlinge, wie sie sie nannte. Ein Stück des schimmernden Meeres ohne Ufer. Wolkenstimmungen ohne Horizontbegrenzung. Blühende Zweige gegen unmögliche Hintergründe. Bilder, die niemand sehen und mit Urteilen betasten und in banale Worte auflösen durfte. So befreite sie sich von dem zu viel Menschlichen, das ihr durch Augen und Hände und Gedanken gegangen war und schuf sich eine neue Ebene für ihre künstlerische Auffassung.

In diesem Bedürfnis unterschied sie sich von Lenore. Diese konnte nicht leicht genug von den Menschen haben. Ein Milieuwechsel genügte ihr, um neue Nuancen und Farben zu finden. Die absolute Stille der Natur, trotzdem sie dieselbe leidenschaftlich liebte, ertrug sie nie lange, sie mußte immer wieder ein psychisch Bewegtes erleben, aus dem sich die Gebilde ihrer Kunst zu neuen Kristallisationen zusammenfügten, die sie dann wohl in der strengen Stille der eigenen Konzentration schaffend verbrauchte, wobei ihr aber das Bewußtsein naher, schnell wieder zu ergreifender Lebensströmung eine durchaus notwendige Stimulans war. –

Es war am Abend. Yvette hatte im Atelier alles für den nächsten Tag zur Arbeit vorbereitet.

Sie ging nervös in dem großen Raume hin und her.

Die unruhige Sehnsucht zur Ferne lag ihr wie Fieber im Blut.

Die schwebende Erinnerung jener seltsamen Begegnung, die wie das plötzliche, schmerzhaft selige Berühren sich suchender Hände gewesen war, wollte nicht aus ihren Sinnen schwinden. Zugleich quälte sie der Ausblick auf den morgenden Tag, der ihr ein letztes Zusammensein mit dem andern Manne bringen sollte, dem sie sich nicht willig zuneigte und von dem sie nun scheinbar unvermittelt eine verwirrende und aufwühlende Macht ausgehen fühlte. War es die bevorstehende Trennung von ihm, die sie das so jäh empfinden ließ. Oder waren durch jenen andern beglückenden Kontakt mit dem absoluten Schwingungsgleichmaß seelischer Sympathie, auch jene mystischen Schwingungen physischer Sphären in ihr ausgelöst worden, die nur eines erreichbaren Bildes bedurften, um gleichsam den Pol ihres Zusammenschlusses zu finden?

Sie fühlte sich seltsam uneins mit sich selbst.

Es verlangte sie nach Beruhigung von außen her, da sie zu keiner Klarheit kommen konnte. Sie mußte etwas tun und sie entschloß sich, an Lenore zu schreiben.

Und weil es ihr das Gefühl ihrer Nähe gab, ging sie in das Zimmer Lenorens und setzte sich an ihren Schreibtisch.

Aber die Ruhe zum Schreiben wollte ihr nicht kommen.

So griff sie nach dem Schlüssel und öffnete die Schublade, in denen Lenore ihre Manuskripte bewahrte.

Sie hatten gegenseitig nie Geheimnisse gehabt und der Einblick in Lenorens Schriftstücke und Tagebücher hatte ihr immer freigestanden.

Sie ergriff das Zunächstliegende. Es war ein Heft, das die Vorbereitungen zu dem nächsten großen Werke – Zwischen den Geschlechtern – enthielt. Ihrer Art zu arbeiten gemäß, hatte sie hier aphoristisch die Fülle ihrer Gedanken, wie sie ihr eben kamen, niedergelegt, um dieselben dann später, wenn sie wieder die genügende Distanz zu dem Stoffe gefunden, in den Zusammenhang der endgültigen Form zu bringen.

Yvette blätterte in dem Manuskript und von den Leitmotiven gefesselt, las sie einige Stellen.

Zwischenstufen der Liebe. Die Liebe hat wie alles, mit dem Individuum gewordene, ihre Stufenfolge von Entwicklungen; demzufolge bleiben jeder Phase einer gewissen Entwicklungshöhe die Zwischenstufen der Werdezeit als wiederkehrende Erscheinungsmöglichkeiten anhaften. Von der allgemeinen Gattungsliebe mit ihren rein materiell-sexuellen Momenten bis zu ihrer letzten Verfeinerung zur individuellen beseelten Liebe, hat die Geschlechtsempfindung einen weiten und wundervollen Weg aus der Niederung zur Höhe gemacht. Das Symbol ihrer höchsten Entwicklungsmöglichkeit ist die Treue zweier Einzelwesen, durch welche sie sich von allem, nur Triebhaftem, zu einer wahlsicheren Bewußtheit ihres Liebeswillens erheben. Die Treue aber ist eine ethische Wertung, eine Vergeistigung des materiell Sexuellen zur beseelten Liebe. Die materielle Sexualität an sich kennt dieses ethische Moment der Treue nicht und hat nichts mit ihr zu tun. So erklärt sich die Erscheinung, daß im Manne, als dem, am sexuellen Leben aktiv Beteiligten, d. h. der materiellen Sexualität näherstehendem, die Zwischenstufen des Entwicklungsweges derselben noch in die individuell gewordene Liebe öfter Hineinspielen werden, als beim Weibe. So daß er, ohne im ethischen Willen von der Treue abgefallen, doch manche Momente rein sexueller Empfindung haben und ausleben kann, ohne damit der besonderen Weibindividualität seiner vollkommenen Liebeswahl die Treue im seelischen Sinne zu brechen. Seelisches und materiell-sexuelles Moment fallen nicht immer zusammen, weder beim Manne noch beim Weibe, aber mit dem bedeutsamen Unterschiede, daß das Weib, infolge der größeren Passivität ihres Geschlechtslebens, öfter nach der nur seelischen Seite inkliniert, der Mann öfter nach der rein sexuellen. Da nun aber die Treue rein seelischer Natur ist, müßte man wohl eigentlich behaupten, daß im tieferen Sinne dem Weibe der schwerere Treubruch zugewiesen werden muß, da sie, indem sie ebenso leicht zur intensiven Kontaktfühlung auf seelischem Gebiete mit einem andern, als dem erwählten Manne, zuneigt, als der Mann auf sexuellem zu einer andern Frau, doch immer ein Feineres und Wertvolleres hingibt, als jener. – Treue aber, als der vereinigte Wille der Seele und des Körpers zu einem Individuum verstanden, wird immer der Höhepunkt des Liebeslebens sein, weil sie eine Einheit schafft, die die Voraussetzung zur höchstmöglichen Harmonisierung des Menschengeschlechtes ist. Deshalb sollte diese vollkommene Treue mit vollem Bewußtsein immer wieder zum Ideale des Lebens erhoben werden. Denn je höher die Menschheit ihre Ideale über sich aufhängt, desto sicherer wächst sie an ihnen zu den letzten und feinsten Möglichkeiten ihres Werdens heran. –

Yvette war es, als höre sie Lenorens warme bewegte Stimme, mit der sie in Stunden geistigen Austausches ihre großen weitgreifenden Lebensanschauungen vor ihr entwickelte. Diese Stellen kannte sie noch nicht. Mit gespanntem Interesse blätterte sie weiter.

Von der Tragik im Mannesleben. Wir sehen den Mann so viel schneller vom Leben verbraucht, als das Weib. Er muß zu früh der brutalen Nützlichkeit ins Auge sehen lernen. Und sie hat den Blick der Meduse und tötet die Seele. Aus dem Traum seiner Jugend wird er meist jäh und hart aus die Realität des Lebens gestoßen. Beruf als Existenzfrage, dieses furchtbare Unding für eine junge weiche, des Traumes noch so sehr bedürftigen Seele, überfällt ihn wie eine grausame fremde Macht, für die es kein Verständnis noch Abwehr in ihm gibt. Zu schnell verliert seine Jugend die Stille und Tiefe, in der seine Individualität zu sich selbst erwachen könnte; man läßt ihm keine Zeit, sich selbst zu entdecken. So nimmt seine Persönlichkeitswerdung falsche Anläufe und verliert die Einfachheit der Entwicklung, da allzufrüh allzuviele Fragen, die abseits vom eigenen Willen und eigener Neigung liegen, bedacht und beantwortet werden sollen. Schule, Zwang, Schablone der Erziehung vergewaltigen ihn, er kommt nicht zur Besinnung auf sich selbst vor lauter Drängen, Getrieben- und Geschobenwerden zu dem nüchternen Ziele der nützlichsten Art der Lebenserhaltung. Welch ein Reichtum an feinen seelischen Möglichkeiten dabei erstickt, verdeckt oder schonungslos ausgerodet wurde, das kommt ihm erst später, viel später schmerzhaft zum Bewußtsein, wenn er sich plötzlich in einem Lebens- und Schaffenskreise gelandet findet, an welchen ihn oft nichts anderes fesselt, als die glückliche Lösung der ärmlichen Frage der täglichen Notdurft. Und dann beginnt die neue Jagd nach alten, abgebrauchten Zielen. Der Beruf zehrt alle Kräfte auf, zum Einblick in sich selbst ist wieder keine Zeit. Der blühende Garten der Kunst bleibt ein verschlossenes Paradies. Alle feineren und höheren Bedürfnisse fallen dem Moloch des Berufes zum Opfer, wenn nicht zufällig Wahl und Neigung zusammenfielen und ein gewisser Kraftüberschuß durch den Wegfall aufreibender nutzloser Kämpfe gegeben blieb.

Man muß es mit angesehen haben, wie die überschäumende Fülle junger blühender Mannesseelen dahinwelkt in diesem ungöttlichen Getriebe im Dienste der platten Nützlichkeit. Man muß die bittren schmerzlichen Bekenntnisse gehört haben, wenn sie sich ihrer edlen Sehnsucht und Flugbereitschaft zu den Höhen der Schönheit in seltenen Stunden der inneren Sammlung erinnern und in den verödeten Gärten ihrer stolzen Jugendträume kaum noch eine arme Blüte finden. –

Aus diesem schwererkauften Wissen des Mannes um die Verödung des eigenen Wesens im erniedrigenden Kampfe um den besten Platz in den satten Reihen der Gesicherten, wuchs wohl zumeist die große Angst und Abwehr der besten seines Geschlechtes, als sie nun auch das Weib denselben Anlauf nehmen sahen zu den Zielen, die scheinbar dieselben waren, als die ihnen aufgedrängten; das Weib, das ihnen, wenigstens theoretisch, als die Trägerin der Idee der Freiheit und Schönheit erschienen war, als die letzte Zuflucht nach dem Zusammenbruch ihrer Welt der Ideale.

(Aber nur scheinbar sind es dieselben Ziele für das Weib, denn sie kommt zu diesen Berufen mit einem Überschuß an seelischen Kräften, die durch den Werdegang ihres Geschlechtes so zum Schwerpunkt ihrer Wesenheit geworden, daß sie schon fast eine Gefahr für sie bedeuten. Man stelle das Weib noch so lange auf ihre Intelligenz [das Objektive], sie wird immer wieder auf ihre Psyche [das Subjektive] zu stehen kommen.)

Und was wird aus dem besten im Manne, aus seiner Liebe? Sie teilt das Schicksal seiner Persönlichkeit, sie verengt, verflacht und verliert ihre feinsten Fühlungen. Mit einer Handvoll armer Freuden, am Wege aufgerafft, lernt er sich begnügen; lernt vergessen, daß die Ganzheit der Liebe auf der einheitlichen Auslösung psychisch-physischer Glücksmomente beruht; und indem er diese im letzten Sinne untrennbaren Bedürfnisse seines Liebeslebens roh zu isolieren gezwungen wird, zerbricht ihm die Einheit seiner Persönlichkeit zu so furchtbarer Entzweiung, daß er sie fast nie mehr zu voller Harmonie zusammen zu fassen vermag.

Wie weit sind unsere Lebenszustände noch davon entfernt, die Liebe als das zu erfassen, was sie ist: der höchste unserer Daseinswerte, den wir voll bewußt als den feinsten und stärksten Kulturfaktor in die Ökonomie unseres persönlichen Lebens einzustellen haben.

Von der Tragik im Weibesleben. Diese liegt in einer ganz anderen Richtung als beim Manne. Sie liegt in dem, was man bislang die Reinheit des Weibes nannte. In der tiefen Zwiespältigkeit zwischen dem angebornen Naturwollen und dem Sittenbegriff der Erziehung. Damit ist das Weib zu einer ewigen Lüge verurteilt. Und man wundert sich noch, woher die lange Verlogenheit des Weibes stammt, die so offenbar zutage liegt, daß kein tieferer Beobachter, kein Psycholog daran vorüber kommt. Wo eine Suggestion so stark mit den geheimsten Vorgängen des physischen Wesensgrundes verwoben wird, wie das mit dieser Forderung der Reinheit beim Weibe geschehen, da muß sie in der langen Dauer ihrer Beeinflussung endlich der ganzen Persönlichkeit eine verhängnisvolle Ablenkung vom Einfach-Ursprünglichen geben. Aber diese Erziehung zur Lüge wurde noch intensiver durch die weitere Suggestion der Mütterlichkeit, als oberstes Leitmotiv des Weibempfindens, die ihr diese künstlich angezüchtete Eigenschaft so stark in ihr Bewußtsein drängte, daß sie sich endlich zu jener seltsamen metaphysischen Tugend aufbauschte, der alle physischen Voraussetzungen, deren Gipfel und Höhe sie zu Recht sein sollte, abgegraben waren und sie nun wesenlos über dem Nichts schwebte.

Das Weib sollte die letzte kostbare Krönung ihres Lebens mit königlicher Würde tragen, ohne die Vorstufen dazu in ihre Erkenntnis aufnehmen, noch mit der Wärme ihres Willens streifen zu dürfen. Sie sollte in der Glorie ihres Mutterverlangens prangen, aber sich ihres Geschlechtslebens schämen müssen. Und solch ein Konstruktionsfehler im Aufbau ihrer Persönlichkeit sollte sich nicht an ihr rächen, ihr nicht die reinen Linien ihres Wesens bis zur Unkenntlichkeit verzerren?

Und als ein Zerrbild ist es wohl anzusehen, wenn ein nicht nur voll entwickeltes, zur Persönlichkeit herangereiftes, sondern ein schon auf absteigender Lebenslinie angelangtes Weibwesen dem gewaltigen Mysterium des Liebes- und Geschlechtsleben so arm an Wissen und Erkenntnis gegenüber steht, daß es von dem jüngsten, seelisch meist ganz unreifen Manne darin übertroffen wird. Eine schmerzliche und verzweiflungsvolle Beschämung muß es für ein geistig und körperlich vollkommenes Weib sein, am Ende seines Lebens auf die furchtbare und zugleich lächerliche Erkenntnisleere ihres Daseins, auf die unerhörte Verkürzung an der Intensität ihres Erfahrens zurückblicken zu müssen. – Es ist nur zu verwundern, daß man an solchen Sterbebetten nicht das grauenvolle Lachen der Betrogenen aufgellen hört, wenn nicht der Drang zur Erkenntnis, die Fähigkeit zum eindringenden Denken im Weibe so erstickt und verkrüppelt wäre, würde man es hören.

Wann wird sich der Weg zeigen zu neuen glücklicheren Möglichkeiten? Unsere Zeit kann ihn noch nicht finden. Ihre Tat ist vor allem die: das Weib von der großen Geschlechtslüge zu befreien, indem sie ihm den Mut zum Bekenntnis erobert hat. Kommende haben weiter zu gehen, der Wille zum Glück wird ihre stolze Tugend sein – denn auch für das persönliche Leben gilt es, daß das Pathos der Erfahrung das Fruchtbare an sich ist.

So wird sich der Begriff der Reinheit für das Weib dahin verschieben, daß damit nicht mehr die völlige Abkehr von der Liebe gemeint sein wird, sondern, daß die letzten Dinge der Liebe eben nur in Liebe erfahren werden dürfen, daß jedes andere Motiv ausgeschlossen bleiben muß. Und da nur das ganz reife Weib jene Fülle der Bewußtheit haben kann, die ihre Liebe als ihr Schicksal weiß und will, kann nur ihm das Recht zukommen, sich die Form des Auslebens ihrer Liebe frei zu wählen. Denn den Unreifen und Werdenden bringt das Spiel mit der Liebe, eben weil sie ihrem Wesen nach Vollendung und Schicksal ist, Zerstörung jener feinsten Wesenselemente, die der intime Reiz und die tiefste Bedeutung der Weibespsyche sind.

Wird man nach diesem annehmen wollen, daß das Lebensideal kommender Zeiten jemals die freie Liebe sein kann? Da doch diese sogenannte, von den gesunden Instinkten der Menge mit Recht geschmähten, weil gefürchteten, freie Liebe überhaupt gar nicht unter den Begriff der Liebe fällt. Liebe ist immer Freiheit und Befreiung durch seelische Krafterhöhung. Jene andere, mit gänzlich falschem Namen bezeichnte Form der Geschlechtsbeziehungen hingegen bedeutet die Versklavung des Individuums durch einen einzelnen, aus dem ökonomischen Zusammenhänge aller Lebensbetätigungen abgelösten Trieb, der einseitig auf die Befriedigung rein vegetativer Bedürfnisse gerichtet, niemals zur letzten Persönlichkeitsentwicklung d. h. Vereinheitlichung der dualen Wesenselemente im Menschen führen kann und deshalb ebensowenig wie ihr Gegenspiel aus psychischem Gebiete: die Askese, d. h. die absolute Verseelung der Persönlichkeit, jemals zu führender Bedeutung in der Menschheitsentwicklung gelangen wird.

Die Antinomie unserer dual bestimmten Empfindungswelt findet einzig in der Liebe ihre beglückende Synthese zu vollkommener Einheit. Und dieser geheimnisvolle Vorgang erlösender Vereinheitlichung wird immer das mystische Symbol ihrer Echtheit sein. –

Die Blätter entsanken Yvettes Händen.

Ihr Atem ging schwer, wie in tiefer Ergriffenheit.

Wenn ihr auch Lenorens Lebensanschauungen aus dem täglichen geistigen Kontakte eines langen Zusammenlebens ganz vertraut waren, so empfand sie doch in diesem neuen werdenden Werke eine Vertiefung und Vollendung in der Gestaltung des seelisch Ausdrückbaren, daß sie ein Schauer der Freude und Bewunderung überkam. – Ach, daß die Geliebte so fern war! Daß sie nicht den Dank ihrer stolzen Liebe in Blick und Wort und glücklicher Umarmung geben konnte, jenen Dank, der reich macht den, der ihn gibt und den, der ihn nimmt. –

Zugleich aber auch empfand sie all das eben Aufgenommene als ein besonders für sie Gesagtes, für diese seltsame Stunde Bewahrtes. Wie ein warmer fruchtbarer Regen auf blühendes durstiges Erdreich kam es zu ihr. –

 

Die Sonne schien mit lachendem Leuchten in das breite hohe Nordfenster des Ateliers.

Yvette sah mit glücklichem Lächeln um sich.

Diese Kraft des Lichtes und die reine Bläue des Himmels weckten Erinnerungen an die Pracht der Südsonne und die stille Weite blauender Meere.

Ein Rausch von Sehnsucht und Erwartung war in ihrem Blute. Ihre Gedanken hatten schon jene Losgelöstheit von Gegenwart und Wirklichkeit, wie sie der Ausblick auf eine nahe glückliche Veränderung mit sich bringt.

Das Licht hatte immer einen starken Einfluß auf sie. Es gab ihr ein Gefühl üppigen Wachstums innerhalb ihrer selbst; eine unendliche Weitung ihrer Traumwelt, in der die Wurzeln ihres Künstlertums ihr heimliches Leben hatten.

Alles umher wurde wie neu in diesem jungen Licht, die gewohnten Räume schienen sich zu dehnen, alle Gegenstände lösten sich von einander ab und nahmen ein individuelles Gepräge an. Durch die bunten Glasfenster des Erkers fielen funkelnde Strahlen auf das dunkle Wandgetäfel, auf die kostbaren Stoffe und Felle und streuten die Farben glühender Südblumen umher. Farben, die sie so liebte, diese seligste Entzückung unserer Sinne, diese mystischen Zeichen, die das Leben vom Tode trennen.

Wie Tanz und bacchische Freude kam es über sie.

Es läutete. Die Zeit glitt wie ein grausames Messer durch das feine Gespinst ihrer spielenden Träume. Die Gedanken kamen zurück und mit ihnen die Bewegung zu den Zielen des Augenblicks.

Mechanisch griffen ihre Hände in die Falten der rotbraunen Plüschportière, die den Arbeitsraum des Ateliers vom Erker trennte und zog ihn vor das Spiel der Farben, um den störenden Lichteinfall abzublenden.

Die Dienerin öffnete die Tür zum Atelier und ließ Professor Matchmann-Braun eintreten.

Der Professor rieb seine weißen, leicht behaarten Hände langsam gegen einander, ehe er die Rechte Yvette zur Begrüßung entgegenstreckte. Seine mittelgroße Gestalt überragte Yvette nur um ein weniges. Der ganzen Erscheinung war jene wundervolle tadellose Gepflegtheit ausgeprägt, die für das Frauenempfinden stets etwas Gewinnendes und Bestechendes hat.

» Well – wieder zu Hause,« sagte er und ging gewohnheitsmäßig dem Stuhle zu, der erhöht auf einem Podium stand.

»Und die schöne Freundin schwimmt auf dem Wasser. Es kommt Ihnen jetzt wohl alles zu groß und zu weit um Sie her vor. Es ist merkwürdig, wie man plötzlich zusammenschrumpft, wenn man allein ist.«

»Ja so ist es. Zusammenschrumpft ist sehr gut.« Sie sagte es ganz mechanisch. Ihre Gedanken waren übervoll und fanden noch keine Stellung zur gegenwärtigen Situation.

Sie sah plötzlich einen feinen neuen Zug um den Mund, den mußte sie noch hinein bringen.

»Bitte bleiben Sie noch einen Augenblick so.« Er war gerade dabei, sich die nötige Zigarette aus dem silbernen Etui zu nehmen, hielt nun inne und sah zu ihr hin.

»So. Nun bitte die ganze Pose.«

»Also heute zum letztenmal unter Ihrem Blick und Pinsel. Werde es vermissen dieses feine Spiel.«

Er sah sie im Profil. Seine Augen leuchteten auf, er hatte ein plötzliches ganz leises Erblassen gesehen, das wie ein Hauch über ihre feine verräterische Haut ging.

Auch ihr Blick hatte heute die große Stille nicht, wenn er dem seinen begegnete, jene abkühlende Stille, mit der sie in ihn hinein und doch über ihn hinweg zu sehen schien und die ihm immer ein geheimes Unbehagen verursacht hatte.

Es machte ihm nun ein erregendes Vergnügen, das Spiel ihrer Mienen zu beobachten, ihren scheu zu ihm hinstreifenden Blick mit dem seinen festzuhalten, sie mit einer Feuergarbe fragender, spielender, drängender Blicke zu umflammen. Sie war ihm heute rettungslos verfallen und er genoß den Rausch ihres Anblicks in dreifacher Steigerung als Anblick an sich, im Bewußtsein des bevorstehenden Endes und nicht zum mindesten der sichtbaren Irritation wegen, die er zum erstenmal so deutlich von sich auf Yvette ausgehen fühlte.

Das war Sieg. Endlich. So schwer hatte es ihm noch keine gemacht. Er lehnte sich behaglicher zurück. Jetzt war plötzlich er kühl und die Erregung, die der nahe Abschied in ihm aufwirbelte, trat gleichsam zutiefst in ihm zurück. Tausend kleine Teufelchen spielten in seinen Zügen.

»Sie haben wieder ein ganz neues Gesicht,« sagte Yvette gereizt. »Bitte denken Sie an etwas Einfaches, ich muß Sie sonst ganz ummalen.«

»Ich denke an das Allereinfachste, sehe ich nicht so aus? An das Einfachste und Unendliche zugleich. An die Linie.«

Seine Augen gingen bei diesen Worten mit deutlicher Beredsamkeit über das wundervolle Ebenmaß der Frauengestalt vor ihm, das durch die fast raffinierte Einfachheit der Kleidung, deren größter Reiz in dem feinen liebevollen Nachgehen der gegebenen Umrisse bestand, dem Auge als eine wundervolle Harmonie zum Bewußtsein kam.

Yvette fühlte sich aufs äußerste irritiert von dieser wortlosen und doch so greifbaren Huldigung.

»Lassen Sie bitte doch die Linie, wenn sie Ihr Mienenspiel so beweglich macht.«

» Well – ich kann auch an den Punkt denken, den springenden Punkt dieser schönen Augenblicke –« sagte er mit sanfter Zweideutigkeit und sah ihr hart und bannend in die heute so seltsam unruhigen Augen.

»Linien und Punkte, immer wieder der unbesiegbare Mathematiker. Ihre kalte Kunst trägt sternenhoch zu subtilen Abstraktionen, aber für die irdischen Sphären taugt sie nicht.«

» Well, zwischen Punkt und Linie liegt der Zusammenhang aller Dinge; aber bitte keine so strengen Falten auf die klassische Stirne legen, ich war unvorsichtig, kenne ich doch schon Ihre Feindseligkeit gegen mein Metier. Ja Weib und Mathematik, sie hassen sich gegenseitig als ihr Entgegengesetztes, ohne Mathematik ist Konfusion, sagt der große Leonardo – und das Weib ist die lieblichste Konfusion der Schöpfung, das Gesetzlose, das ewig Unberechenbare, Laune, Spiel – sie hat den Stil der Stillosigkeit, sie –«

»Halten Sie ein mit den Sturzwellen ihres Geistes, sie überschwemmen mich sonst. Übrigens hasse ich die edle Bändigerin des Raumes durchaus nicht. Ich empfinde die Mathematik als den Ausdruck des Gesetzmäßigen alles denkbaren Seins. Als den tragenden Untergrund aller Bewegung, als den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht –«

»Aber – denn hinter all diesem lauert das große Aber der Frau –«

»Aber – ich liebe sie nicht, solange sie im Zustand der reinen Form beharrt. Erst wenn sie sich in Bewegung auflöst und zum Rhythmus des Lebens geworden ist, den wir als Schönheit empfinden, jener Schönheit, die das Kriterium des inneren Gleichgewichtes eines Zustandes, einer Leistung ist, erst dann verstehe und liebe ich sie.«

Sie hatte Pinsel und Palette beiseite gelegt. Wie es ihr schon oft im Anprall an diesen sprühenden Geist geschehen war, vergaß sie für Augenblicke die Arbeit der Hände und überließ sich der Lust ihres in Schwingung gebrachten Denkens.

» Well – you are a wondrous woman, I declare – never saw or heard such a one before –«

Seine Stimme, seine Worte und Blicke, alles umwarb und bedrängte sie. Sie ertrug es kaum noch und wünschte, endlich den letzten Pinselstrich machen zu können.

»Bitte Herr Professor jetzt das große Schweigen der Weisen, aus dem alle guten Dinge hervorgehen – und dieses hier soll ein gutes Ding werden.«

» All right,« sagte er.

Aber das lange Schweigen wurde noch quälender als vorher der Tumult der Reden. Es war als ob ihrer beider Gedanken nun noch hemmungsloser zueinander strömten.

Sie ertrug es kaum noch, ihre Fingerspitzen bebten. Sie rückte die Staffelei, veränderte den Standpunkt, um sich aus dem Umkreis seiner erbarmungslosen Blicke zu bringen, die in der Stille um sie her seine Gedanken lauter werden ließen als zuvor, da das Geräusch der Worte ihnen gleichsam ihre Schwere und Zielbewußtheit genommen hatte.

»So. Es ist fertig,« sagte sie endlich.

Der Professor schnellte von seinem Sitze auf und trat neben sie zu dem Bilde.

»Wie fühlen Sie es?«

»Ich fühle mich leben darin, als ob ich mir selbst entgegen käme, ein wenig unheimlich. Ich danke Ihnen. Aber, was ist Ihnen, Sie sehen sehr angegriffen aus?«

»Ich bin etwas müde, die Reise – der Abschied.«

Seine Augen leuchteten auf.

»Von meiner Freundin,« sagte sie etwas hart.

»Und nun kommt noch ein Abschied. Ihnen wird er kaum nahe gehen. Ich will und kann nicht leugnen, daß er mich bewegt.«

»Wann reisen Sie? Das Bild könnten Sie in einigen Tagen abholen lassen.«

»Ich habe noch einen Monat Zeit, bis mein Dampfer geht. Wann reisen Sie? Wollen Sie mir gestatten, darf ich Sie nach dem Süden begleiten. Ich war noch nicht in Italien, es neben Ihnen, mit Ihnen kennen lernen, müßte Glück sein«

Yvette schob die Portière zurück, trat auf die Estrade des Erkers. Sie öffnete das Fenster und sah hinaus.

Der Professor kam ihr nach.

»Wie warm und blau die Luft schon ist, Träume und Blüten wollen ans Licht.«

Yvette wendete sich rasch zu ihm und sah ihm überrascht ins Gesicht.

»Sie sind erstaunt. Sentimentalität, das hätten Sie nicht von mir erwartet, and on the whole it is not in line, es ist das Erbe meiner deutschen Mutter und ist wie eine Erinnerung im Blute, die in Augenblicken der Bewegtheit aufwacht. Und dies ist ein bewegter Moment. Sie lassen mich lange warten auf Ihre Antwort.«

»Zusammen nach dem Süden,« sagte Yvette mit unsicherer Stimme, als lege sie die Frage sich selbst vor.

»Ich habe Sie zu plötzlich überfallen, antworten Sie noch nicht. Ihre Phantasie arbeitet zu stark, deshalb sind Sie nicht schnell im Entschlusse. Lassen Sie uns den heutigen Tag zusammen verleben, morgen werden Sie wissen, was Sie mir zu sagen haben. Einverstanden?«

»Ja, dieser schöne Tag muß besonders gelebt werden. Was machen wir mit ihm?«

»Lassen Sie uns einen Wagen nehmen, irgend wohin in die hübsche Umgegend fahren, draußen zu Mittag essen und Weiteres findet sich dann schon.«

»Der Plan gefällt mir. Machen Sie sich's bequem hier, ich bin schnell wieder da.«

»Gestatten Sie mir Ihr Telephon, daß ich im Hotel einen Wagen bestelle, wohin wollen wir fahren?«

»Das Seehaus wird jetzt noch am hübschesten sein. Bitte hier ist das Telephon –« sie ließ ihn in Lenorens Zimmer eintreten.

»Ah, welch ein Kopf,« sagte der Professor, das Porträt über den Schreibtisch ansehend; darf man fragen, wer das ist?«

»Es war der beste Freund meiner Freundin.«

»Freund, nur Freund – seltsam.«

»Er war leidend, hoffnungslos krank, als sie ihn kennen lernte.«

»Sie liebte ihn trotzdem?«

»Sie opferte ihm ihre besten Jahre der Reise.«

Er wendete sich zu Lenorens Bildnis. »Solch ein Weib opfert sich einem kranken Manne, unglaublich.« Die Worte kamen schneidend und hart von seinen Lippen. Übrigens das Bild ist ein Meisterwerk ersten Ranges –« als er sich zu Yvette wendete, war diese nicht mehr im Zimmer. Vor diesem Manne fühlte sie, würde es ihr unmöglich sein, von der Subtilität jenes Verhältnisses zu sprechen. Mit dem hellseherischen Empfinden beginnender Leidenschaft ahnte sie, daß zwischen der kühlen Höhenluft dieses glänzenden Geistes und der starken Glut seines Trieblebens ihm jenes dritte Klima fehlte, das aus den Elementen beider Sphären das reiche Gefilde seelischer Feinheit aufblühen läßt.

Mit hastigen Händen kleidete sie sich an. Sie fühlte, daß sie einem Erleben entgegen ging. Ohne der Richtung ihres eigenen Willens sicher zu sein, ließ sie sich von dem des andern bestimmen, den sie mit Widerstreben und doch auch einem gewissen Wohlgefühl stärker als den ihren empfand.

»Ich will wissen, ob ich ihn liebe, etwas an ihm zieht mich an,« sagte sie zu sich selbst.

Als sie wieder zu ihm kam, leuchteten seine Augen in jener absoluten Bewunderung auf, die sich in Blicken deutlicher kund tut, als in Worten.

Die Dienerin meldete den Wagen.

Sehr bald waren sie außerhalb der Stadt. Die Stille weitgedehnter Landstraßen und die Weite umliegender Felder kam ihnen entgegen. Weiche sanfte Berglinien schmiegten sich in die klare Bläue der Luft.

Es war die seltsam bewegte Stille vor dem Erwachen der Natur. Die fast greifbare Energie, die in Luft und Licht vibrierte, strich gleichsam wie mit fühlenden Händen über die gespannten Saiten des andrängenden Lebens, um das süße selige Vorspiel zur großen Frühlingssymphonie leise tastend anzuschlagen.

Durch diese leuchtende klingende Stille fuhren die beiden dahin.

Eine gewisse Befangenheit war zwischen ihnen. Die Neuheit der Situation. Das enge Aneinander und der unsichere Ausblick auf ein Ziel, das ihnen in seiner letzten Grenze unklar blieb; von dem die Gedanken wegzukommen strebten, um der kurzen Gegenwart froh zu werden.

Frühling und Frauen, dachte der Professor, sie gehören zusammen, sie sind das immer Neue, das Belebende, Hoffnung und Spannung.

Wie wenig wissen wir voneinander. Eine Welt von Erfahrungen trennt uns und doch ist etwas da zwischen uns, das um ein Gemeinsames kreist, dachte Yvette.

»Wie durchsichtig die Luft ist,« sagte sie, »es ist als ob sie auch das vergangene durchsichtig mache. Im Frühling fühle ich mich immer von Erinnerungen besessen; nicht auf das einzelne zurückgehend, nur so, als ob man jetzt plötzlich erst wüßte, daß man Erinnerungen hat.«

»Die Jugend wacht auf.«

»Nicht gerade die Jugend. Mehr das Persönliche, das Errungene. Jugend ist wohl immer eine große Leere in uns, ein von einem fremden Willen Erfülltes. Es sollte nicht so sein, wir sollten früher anfangen dürfen, um unser eigenes zu wissen.«

»Wie recht Sie haben. Meine Jugend mußte durch eine große Heiligkeit wandern, deshalb bin ich wohl zuletzt so unheilig geworden.«

»Aufgezwungene Frömmigkeit? fürchterlich.«

»Ja und von der traurigsten Art. Hier zu Lande ahnt man kaum, was drüben bei uns an Sektenwesen oder mehr schon Unwesen möglich ist. Da macht man dann schließlich mit einer Art Rachegefühl tabula rasa mit aller Metaphysik, und wahrhaftig man steht sich nicht schlecht dabei.«

»Als Reaktion auf zu viel Religion verstehe ich das durchaus, aber gibt es nicht eine feinere vornehme Metaphysik, die wie ein Duft über dem Sein liegt, die der engen Begrenzung des Lebens Horizonte und Perspektiven gibt?«

»Ja – ja – der Schleier der Maya und solche köstlichen Dinge für große neugierige Kinder; für mich kann er ungelüftet bleiben. Warum so weit über uns hinaus suchen; in uns selbst ist unendlicher Raum für tausend Seligkeiten.«

Er neigte sich zu ihr und sah ihr mit unruhigen fragenden Augen ins Gesicht, zugleich fühlte sie seinen Körper sich leise und behutsam dem ihren annähern. Seine Hand legte sich auf die ihre. Es war eine merkwürdig kühle harte Hand.

»Wir sind schon am Walde,« sagte Yvette. »Wollen wir dies letzte Stück zu Fuß gehen, den Wagen voraus schicken und uns anmelden lassen?«

»Das ist schon besorgt, ich habe auch dorthin telephoniert, a first-rate dinner will be ready for us, I hope we shall enjoy it

Welch ein seltsames Gemisch von geistiger Höhe und Plattheit der Empfindung, dachte Yvette.

» Here we are

Der Wagen hielt an dem eleganten Sommerrestaurant, das mitten im Tannenforste gelegen, mit der Aussicht auf einen kleinen Waldsee ein besuchter Ausflugsort war.

Der Kellner frug nach dem Namen und führte sie in einen kleinen separaten Salon zur gedeckten Tafel.

Das vorzügliche Menu, der Duft der kostbaren Weine und die feine Genußbereitschaft der beiden Menschen, die bei der Frau aus dem künstlerisch bewegten Temperament, bei dem Manne aus bewußt gewollter Sensualität hervorbrach, verbreitete bald jene vibrierende sinnliche Atmosphäre um sie her, in der die abweichenden Tempi auch entgegengesetzter Temperamente sich für kürzere oder längere Dauer zu ausgleichender Harmonie verbinden.

Ein tanzendes Feuer von funkelnden Worten und spielenden Gedanken flammte zwischen ihn hin und her.

»Freude« – sagte der Professor und ließ seine Champagnerschale an die Yvettes antönen. »Freude und Liebe. Die Liebe, die wie ein Rausch über uns kommt. Rausch, diese höchste Potenz der Freude!«

»Und das flüchtigste unter der Sonne.«

»Das flüchtigste ist der Reiz des Seins.«

»Auch in der Liebe –«

»Das Wesen der Liebe ist Flucht vor der Schwere der Wirklichkeit.«

Was war es nur, was sie so im Banne dieses Mannes hielt. Ihre besten Empfindungen empörten sich über die zynische Flachheit seiner Anschauungen und dennoch hielt etwas in ihm sie fest, wie eine herrische Hand ein Instrument meistert, das sie sich in langer Übung untertan gemacht hat.

Das Arom von Kaffee und Zigaretten gaben der Stimmung noch den letzten lösenden Anstoß zu jenem Zustand, in dem das persönliche gleichsam von einem Nebel vielfacher undeutlicher Eindrücke fast gänzlich verdrängt ist.

Das Spiel der Sinne brach sich in feinen Strahlungen an den tausendfältigen Reizen, von denen die Luft um sie her erfüllt war.

Im Nebenzimmer hörte man das laute Lachen einer fröhlichen Gesellschaft. Abgerissenes Klavierspiel von übermütigen Händen. Männerstimmen und kleine wollüstige Frauenschreie tönten herüber.

Das war wie der letzte fallende Tropfen in den Becher der Lust.

» Le plaisir, ce signe mystérieux du bien,« flüsterte der Professor nahe an Yvettes Mund.

Ihrer Sinne völlig mächtig und doch gleichsam willenlos, beglückt, sich der eigenen Strenge gegen sich selbst für einen kurzen Augenblick entrückt zu fühlen, neigte sie langsam ihren Mund dem seinen entgegen.

Sie hatte den Sturm entfesselt. Sie erschrak und erwachte.

Draußen fing es an zu dunkeln.

»Wir müssen an den Aufbruch denken,« sagte sie und erhob sich.

Der Professor ging hinaus, den Wagen zu bestellen und die Rechnung zu ordnen.

Yvette war bis ins letzte bewegt. Ist es das, was ich will, frug sie sich. Es ist das, aber das ist nicht alles. Es fehlt etwas in diesem Manne und ich weiß nicht, was es ist. Geist und Glanz die Fülle. Und alle Sinne voll Sinnlichkeit, und doch – Sie wollte nicht weiter denken.

Noch war der Tag nicht zu Ende. Und hatte er nicht selbst gesagt, morgen werden Sie wissen, ob ich mit Ihnen gehen soll.

Sie wollte nicht feige auf halbem Wege bleiben. Zuende hören mußte sie, was dieses Mannes Wesen ihr zu sagen hatte, um mit vollem Wissen sich zu geben oder zu nehmen.

Sie trat aus die Glasveranda hinaus, welche noch blumenlos und winterleer und öde war. Der Garten ohne Tische und Stühle. Der Musikpavillon mit verhängten Fenstern. Der kleine See lag schwarz zwischen den dunklen Tannen, als habe er nie auf sonnenlachenden Wellen weiße gleitende Schwäne getragen.

Die bleiche fallende Dämmerung gab all diesen Linien etwas verschwommenes und phantastisches und verschob damit ihre nahe Nüchternheit zu etwas Fernem und Unwirklichem.

Aus einem der Zimmer tönte plötzlich ein merkwürdiger Gesang. Seltsame Töne, die aus ganz unbekannten Regionen der menschlichen Stimme zu kommen schienen, rauhe schaukelnde Töne, die sich bemühten, in eine Melodie zusammenzufließen.

Yvette blickte gespannt zur Tür. Sie hörte den leichten elastischen Schritt des Professors, der langsam mit schlenkernden Armen durchs Zimmer herankam. Den Hut hatte er aus der Stirn in den Nacken geschoben und diese unkultivierte, wilde, halb melancholische, mit merkwürdigen Juchzern durchsetzte Melodie kam aus seinem Munde.

Er trat auf die Veranda heraus, sehr verblüfft, sie da zu finden und fing ihren erstaunten Blick auf.

» Beg your pardon – that must be shocking to your German ears, but it is only a homely niggersong. Es kam so über mich, als ich durch jenes Zimmer ging, dort muß eine Ananasbowle getrunken worden sein und das wirkte wie eine starke Suggestion, unser heimatliches Bungalow in Kalifornia und meines Vaters Ananasplantagen standen plötzlich vor mir und damit kamen mir die längst vergessenen Lieder unserer Schwarzen auf die Lippen.

Er gab seinem Hut einen Ruck und sich selbst auch und war sofort wieder ganz Gentleman von Scheitel bis zur Sohle.

Yvette war es, als habe sie durch eine Spalte in eine fremde urferne Welt geblickt.

» You needn't be afraid,« sagte er, da sie ihn fremd und unsicher ansah. » I am not a bit –«

» O, I am not afraid at all« –

» But you should though« –

» Why –?«

» Because man is always a dangerous animal.«

»Der Wagen,« sagte Yvette und ging die Treppe der Veranda herab und stieg ein.

War sie wirklich ganz furchtlos vor dem nahen Beisammensein im jetzt geschlossenen Wagen, das die einfallende Dunkelheit noch enger machte.

Als sie dann die tadellose Haltung des Professors sah, wie er den Gruß des tief dienernden, also glänzend bezahlten Kellners, mit seiner gemessenen etwas eckigen Armbewegung und sehr knappem Lüften des Hutes erwiderte, war sie beruhigt. Er schwang sich leicht und elegant in das Kupee und setzte sich behutsam, so viel Raum als möglich zwischen ihnen lassend, neben sie.

Sie schwiegen eine Weile. Die Dämmerung wurde jäh zur Dunkelheit.

» Well,« sagte er plötzlich, »das ist die wundervollste Situation, die es gibt. Nach einem guten Mahle so mit einer schönen Frau im Wagen. Wie auf einer fernen Insel ist man, fern von allen und allem und die Bewegung der Fahrt ist die Peitsche auf das Tempo des Blutes. Das ist Rausch. Und Rausch ist Freude.«

Er ergriff ihre Hand und preßte sie hart und fest zwischen den seinen. »Rausch – nicht der häßliche, der uns hat, nein, den wir haben, den wir wollen.

Willst du ihn, schönes verführerisches Weib? Sprich endlich ein heißes Wort zu meinen Flammen. I love you –«

Er wartete ihre Antwort nicht ab. Legte seinen Arm um sie, und seine Hand griff fast schmerzhaft um ihre Schulter, um ihren Körper sich ganz zuzuwenden. Sein Mund fand den ihren und seine heißen drängenden Küsse nahmen ihr Atem und Besinnung.

Er mußte fühlen, daß ihr Körper sich sträubte, von ihm fortstrebte. Aber er empfand nur die überwältigende Süße des weichen geschmeidigen Frauenleibes und vergaß die feine Vorsicht, die auf das willfährige Entgegenkommen des Weibes zu warten vermag, das, eben weil die Gewalt der Leidenschaft ihr ein fremdes und neues ist, mit sanften Händen und wartender Güte und dem Rhythmus der Schönheit zu ihr verführt sein will.

Er vergaß des Weibes über seiner eigenen Berauschung. Er glaubte ihr Gutes zu geben mit seiner Liebe, aber in elementarer Selbvergessenheit empfand er nur sich selbst. Seine Hände, die zärtlich sein wollten, wurden roh und gierig, seine Küsse gewaltsam und da sie unter dem Zwange seiner Kraft wehrlos wurde, glaubte er sie völlig eins mit seinen Wünschen.

Einen kurzen Augenblick hatte sich Yvette an ihn verloren. Der erste leidenschaftliche Manneskuß kann nicht ohne die Schauer befreiender Entzückung vom Weibe hingenommen werden. Aber ein anderes ist es, ob dieses Präludium der Liebe zu zarten werbenden Melodien überleitet, die den Willen des Weibes lockend umspielen, aber sein letztes Ja willig erwarten. Oder ob schon dieses erste Zeichen seiner Bereitschaft zum Manne als die selbstverständliche Zustimmung zu jeder Grenzüberschreitung genommen wird.

Was ist es, was mich so quält, dachte Yvette im dumpfen Taumel widerstrebender Empfindungen. Ist es seine Sinnlichkeit? Nein. Die Sinnlichkeit muß immer ein Element der Liebe sein. Aber – Sinnlichkeit nenne ich die Intelligenz der Sinne, Was war das. Woher kam dieses feine kluge Wort?

Es war wie ein plötzliches Licht. Wie tiefstes Erkennen. Und sichere Trennung.

Im nächsten Moment war sie aus der Schwüle ihrer eigenen unruhig gewordenen Sinne heraus. Sie verstand jetzt den Mann und sich.

Seine Sinne hatten keine Intelligenz. Seine Geistigkeit und Sinnlichkeit waren zwei völlig geschiedene Welten. Ihre eigene, seelisch eins gewordene Persönlichkeit würde immer leiden und leiden machen im Kontakte mit dieser unausgeglichenen Zwiespältigkeit dieses Mannes, dessen glänzender Intellekt sie einseitig berauscht und ihr eine schönere Erwartung von der Ganzheit seines Wesens gegeben hatte.

Dieses alles ging blitzschnell durch ihr Denken und Fühlen. Sie versuchte, sich aus der engen Umarmung zu lösen. Aber er in letzter völliger Selbstvergessenheit merkte ihren widerstrebenden Willen nicht. Mit dreisten, fast rohen Händen beleidigte er ihr Weibempfinden aufs äußerste. Da riß sie sich mit aller Kraft von ihm los und schob sich so weit von ihm fort, als der enge Raum es zuließ.

Im Schein der Laternen sah sie sein Gesicht und es graute ihr plötzlich.

»Was soll das?« frug er hart und böse. »Geht man erst so weit, um dann plötzlich kalt zu werden?«

»Ging ich so weit – oder wurde ich gezwungen?«

»Frauen müssen immer gezwungen werden.«

»Glauben Sie? Sehen Sie, eben diese Ihre Meinung trennt uns. Sie wollten ja, daß ich wissen sollte, welche Antwort ich Ihnen zu geben habe.«

»Und nun meinen Sie zu wissen,« sagte er lachend, »Sie irren sich,« er wollte sich ihr wieder nähern.

»Bitte nicht. Können wir nun nicht ruhig nebeneinander bleiben?«

»Nein. Das ist einem Manne unmöglich. Das kann nur eine Frau von ihm erwarten, weil sie keine Logik hat. Kein Atom davon in ihrer ganzen Zusammensetzung,« sagte er kalt vor Zorn und Enttäuschung. »Ich steige hier aus, die Haltestelle der Dampftram muß hier in der Nähe sein. Er sah plötzlich alt und verhärmt aus.

Da sie ihn nicht mehr fürchten mußte, fühlte sie Mitleid für ihn.

» I am so sorry,« sagte sie zögernd und ungeschickt und unwillkürlich in seiner Sprache, so als ob er das näher empfinden müßte.

» No thanks. That is just like a woman again. No logic as I said. It would be needless to say au revoir – so then – fare thee well, as Quakers use to say,« sagte er wieder mit seinem alten sarkastischen Gesicht und mit all den tausend Teufelchen zynischen Spottes um die schmalen geistvollen Lippen.

Der Wagen hielt. Er stieg aus. Grüßte noch einmal mit der breiten weißen Hand zu ihr hin und versank in die Finsternis. –

Sie schloß die Augen. Eine tiefe Erregung durchschauerte sie. Wie nahe hatte der heiße betäubende Hauch der Leidenschaft sie gestreift. Und wieder blieb ihre Hand leer, wie so manches Mal schon, da sie das Glück nur in der Ganzheit nehmen konnte. Die Liebe mußte für sie die große Geste haben, die Körper und Seele zugleich zu erlösen vermag. Aber so nahe dem Willen zum Glücke hatte sie sich noch nicht gefühlt wie heute, und es erschütterte sie bis ins Innerste ihres Empfindens zu denken, wie jäh sie daran gewesen, sich von ihrer Sehnsucht zur Erkenntnis überlisten zu lassen.

In den heimlichsten Winkeln ihres Bewußtseins aber lag schwer und wohlig der starke Triumph des nicht mehr jungen Weibes, mit ihrer Körperlichkeit noch so königlich dem Manne zu geben zu haben, daß er seiner Macht vergaß und hilflos der ihren hingegeben war. –

*

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