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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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Visionen

(Eine Phantasie)

Und der Zauber ist im Nu zerronnen,
Und das Wirkliche erfüllt die Seele.
                                            A. Feth

I.

Ich konnte lange nicht einschlafen und wälzte mich unaufhörlich von der einen Seite auf die andere. »Hole doch der Teufel das blöde Tischrücken,« dachte ich, »das greift nur die Nerven an . . .« Endlich begann der Schlummer mich zu überwältigen . . .

Plötzlich war es mir, als ob irgendwo im Zimmer schwach und klagend eine Saite erklänge.

Ich hob den Kopf. Der Mond stand niedrig am Himmel und blickte mir gerade in die Augen. Sein Licht lag weiß wie Kreide auf dem Fußboden . . . Und wieder ließ sich der seltsame Klang vernehmen . . .

Ich stützte mich auf einen Ellenbogen. Eine leise Furcht regte sich in meinem Herzen. – Es verging eine Minute, und noch eine . . . Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn; in noch weiterer Ferne antwortete ihm ein anderer.

Ich ließ den Kopf auf das Kissen sinken. »So weit kann es mit einem kommen,« sagte ich mir wieder, »daß es in den Ohren zu klingen anfängt.«

Einige Minuten darauf schlief ich ein, oder kam es mir nur so vor, als ob ich einschliefe? . . . Ich hatte einen ungewöhnlichen Traum. Mir träumte, daß ich in meinem Schlafzimmer auf einem Bette läge, nicht schliefe, nicht einmal die Augen schließen könne. Und nun höre ich wieder den Klang . . . Ich wende mich um . . . Der Mondfleck am Boden richtet sich allmählich auf, rundet sich oben ab . . . Vor mir, durchsichtig wie ein Nebel, steht unbeweglich eine weiße Frau.

»Wer bist du?« frage ich sie mit großer Anstrengung.

Eine Stimme, ähnlich dem Säuseln der Blätter, antwortet mir: »Das bin ich . . . ich . . . ich . . . Ich bin dich abholen gekommen.«

»Mich abholen? Wer bist du?«

»Komm nachts zur alten Eiche, die an der Ecke des Waldes steht. Dort werde ich dich erwarten.«

Ich will mir das Antlitz der geheimnisvollen Frau näher ansehen, muß aber plötzlich zusammenschaudern . . . ein kalter Odem weht mich an. Und ich liege nicht mehr, ich sitze auf meinem Bett, und dort, wo die Vision erschienen war, liegt ein langer, weißer Mondlichtstreifen auf dem Boden.

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