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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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Der Hund

Wenn man die Möglichkeit des Übernatürlichen, die Möglichkeit seines Hineinspielens in das wirkliche Leben zugeben soll, – so gestatten Sie die Frage, welche Rolle soll dann noch der gesunde Menschenverstand spielen?« verkündete Anton Stepanowitsch und kreuzte seine Hände über dem Magen.

Anton Stepanowitsch hatte den Rang eines Staatsrates, war an irgendeinem sonderbaren Departement angestellt, redete langsam, gemessen und im Baß und erfreute sich allgemeiner Hochachtung. Erst kurz vorher hatte man ihm, wie seine Neider sagten, den Stanislausorden angehängt.

»Sie haben vollkommen recht,« bemerkte Skworewitsch.

»Darüber wird auch niemand streiten,« fügte Kinarewitsch hinzu.

»Ganz meine Meinung,« bestätigte mit einer Fistelstimme der Gastgeber, Herr Finoplentow, der in einer Ecke saß.

»Ich kann mich aber, offen gestanden, dieser Meinung nicht anschließen, denn mir selbst ist einmal etwas durchaus Übernatürliches passiert,« sagte ein Mann von mittlerem Wuchs und mittleren Jahren, mit einem ziemlichen Embonpoint und einer Glatze, der bisher schweigend hinter dem Ofen gesessen hatte . . . Alle Anwesenden blickten ihn sofort neugierig und fragend an, – und alle schwiegen.

Dieser Mann, ein nicht sehr bemittelter Gutsbesitzer aus dem Gouvernement Kaluga, war erst vor kurzem nach Petersburg gekommen. Er hatte einmal bei den Husaren gedient, sein Vermögen verspielt, den Abschied genommen und sich schließlich auf dem Lande niedergelassen. Die mit der Abschaffung der Leibeigenschaft zusammenhängenden wirtschaftlichen Veränderungen hatten seine Einkünfte erheblich gekürzt, und so war er nach Petersburg gekommen, um sich nach einer Stelle umzusehen. Er besaß weder irgendwelche Fähigkeiten noch Verbindungen, baute aber felsenfest auf die Freundschaft eines ehemaligen Regimentskameraden, der plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, Karriere gemacht hatte und dem er einst behilflich gewesen war, einen Falschspieler zu verprügeln. Außerdem baute er auch noch auf sein Glück, welches ihn auch wirklich nicht im Stiche ließ: einige Tage später bekam er die Stelle eines Inspektors der Staatsmagazine, eine vorteilhafte und sogar ehrenvolle Stelle, die keinerlei besondere Talente erforderte: die Magazine bestanden überhaupt nur im Projekt, und es war sogar noch nicht bekannt, womit sie einst gefüllt werden sollten; ersonnen waren sie aber aus Gründen der Staatsökonomie.

Anton Stepanowitsch war der erste, der das allgemeine Schweigen brach.

»Wie, mein sehr verehrter Herr?« begann er: »Sie wollen im Ernste behaupten, daß Sie etwas Übernatürliches erlebt haben, ich will sagen, etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht übereinstimmt?«

»Ja, das will ich behaupten,« entgegnete der »sehr verehrte Herr«, der eigentlich Porfirij Kapitonowitsch hieß.

»Etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht übereinstimmt!« wiederholte Anton Stepanowitsch, dem diese Phrase offenbar gut gefiel, beinahe empört.

»Ja, das meine ich eben; gerade so etwas, wie Sie zu sagen geruhten.«

»Das ist höchst merkwürdig! Was meinen Sie, meine Herren?« Anton Stepanowitsch bemühte sich, seinen Zügen einen ironischen Ausdruck zu geben; es kam aber nichts dabei heraus, oder richtiger gesagt, der Herr Staatsrat nahm eine Miene an, als ob er einen üblen Geruch wittere. »Dürfen wir Sie vielleicht bitten, verehrter Herr,« fuhr er, sich an den Gutsbesitzer aus Kaluga wendend, fort: »Dürfen wir Sie vielleicht bitten, uns die Einzelheiten eines so merkwürdigen Erlebnisses mitzuteilen?«

»Warum nicht? Mit Vergnügen!« erwiderte der Gutsbesitzer. Er rückte seinen Stuhl ungezwungen in die Mitte des Zimmers vor und begann folgendermaßen:

»Ich besitze, meine Herren, was Ihnen vielleicht bekannt, vielleicht auch unbekannt ist, ein kleines Gut im Koselskischen Kreise. Vor Jahren hat es mir etwas eingebracht, doch heutzutage kann es mir selbstverständlich nichts als Unannehmlichkeiten bringen. Von Politik will ich übrigens nicht sprechen! Auf diesem Gute also habe ich einen kleinen Hof, einen Gemüsegarten, einen Teich mit Karauschen und was sonst noch dazu gehört, ein paar Wirtschaftsgebäude und schließlich ein Häuschen für meinen eigenen sündigen Leib . . . Darin hauste ich als Junggeselle. Eines Abends, – so vor sechs Jahren mag es gewesen sein – kam ich spät nach Hause: hatte beim Nachbar Karten gespielt, war aber, was ich Sie wohl zu beachten bitte, vollkommen nüchtern; ich kleidete mich aus, legte mich zu Bett und löschte das Licht aus. Nun stellen Sie sich vor, meine Herren, – kaum habe ich das Licht ausgelöscht, als sich etwas unter meinem Bette zu rühren anfängt! Ich denke mir: eine Ratte? Nein, keine Ratte: es kratzt, es rumort, es juckt sich . . . Schließlich klappert es mit den Ohren!

Selbstverständlich ist's ein Hund. Wo soll aber ein Hund herkommen? Ich halte mir keine Hunde; ist's vielleicht irgendein zugelaufener? Ich rief meinen Diener; Filjka hieß er. Der Diener kam mit einem Licht. ›Was ist das‹, sage ich ihm, ›mein lieber Filjka, für eine Unordnung!? Da ist ein Hund unter mein Bett geraten.‹ – ›Was für ein Hund?‹ sagt er. – ›Woher soll ich es wissen?‹ sage ich. ›Es ist deine Sache darauf zu sehen, daß dein Herr nicht gestört wird.‹ – Mein Filjka bückt sich und beginnt mit der Kerze in der Hand unter dem Bette zu suchen. ›Hier ist ja gar kein Hund!‹ sagt er schließlich. – Auch ich bücke mich: wirklich keine Spur von einem Hund. – Was für ein Unsinnl Ich schaue auf Filjka, er lächelt.– ›Dummkopf,‹ sage ich zu ihm: ›was grinst du? Der Hund ist wohl, als du die Türe aufgemacht hast, in den Flur geschlüpft. Und du, Maulaffe, hast es nicht bemerkt, weil du immer schläfst. Vielleicht denkst du, daß ich betrunken bin?‹ Er wollte etwas entgegnen, ich jagte ihn aber fort, rollte mich zu einem Kringel zusammen und hörte in jener Nacht nichts mehr.

Doch in der nächsten Nacht – denken Sie es sich nur! – wiederholt sich die gleiche Geschichte. Wie ich nur die Kerze ausblies, beginnt es gleich wieder zu kratzen und mit den Ohren zu klappern. Ich rief wieder Filjka herbei, er sah wieder unters Bett – wieder nichts! Ich schickte ihn weg, blies die Kerze aus und – pfui Teufel! – der Hund ist schon wieder da. Es ist auch ganz sicher ein Hund: ich höre ganz genau, wie er atmet, wie er mit den Zähnen nach Flöhen sucht . . . So ungewöhnlich deutlich höre ich es! – ›Filjka!‹ rufe ich wieder, ›komm mal her, doch ohne Licht!‹ Filjka kommt. – ›Nun, hörst du es?‹ – ›Ich höre es wohl,‹ sagt er. Ich kann ihn nicht sehen, doch ich fühle, daß er vor Angst am ganzen Leibe zittert. – ›Und was sagst du dazu?‹ frage ich ihn. – ›Was soll ich dazu sagen, Porfirij Kapitonowitsch? Es ist Teufelsspuk!‹ – ›Du dummer Kerl,‹ sage ich ihm, ›schweig' doch lieber mit deinem Teufelsspuk . . .‹ Doch wir beide piepsen wie die Vögel und zittern wie im Fieber; finster ist es auch. Ich zünde das Licht an: nichts zu sehen, nichts zu hören, wir beide stehen da weiß wie Kalk. So ließ ich die Kerze bis zum Morgen brennen. Nun erkläre ich Ihnen, meine Herren, – Sie mögen es mir glauben oder nicht – von dieser Nacht an wiederholte sich die Geschichte jede Nacht durch volle sechs Wochen. Schließlich gewöhnte ich mich daran und ließ sogar die Kerze nicht mehr brennen, denn ich kann bei Licht nicht schlafen. Soll er von mir aus lärmen, soviel er will! Er wird mir ja nichts zuleide tun!«

»Wie ich sehe, gehören Sie nicht zu den Feigsten,« unterbrach ihn mit einem halb spöttischen, halb herablassenden Lächeln Anton Stepanowitsch. »Man sieht gleich den Husaren!«

»Vor Ihnen würde ich auf keinen Fall Furcht haben,« versetzte Porfirij Kapitonowitsch und sah für einen Augenblick wirklich wie ein Husar aus. »Hören Sie aber weiter. Da kommt zu mir ein Nachbar zu Besuch, derselbe, mit dem ich Karten zu spielen pflegte. Er aß bei mir zu Mittag, was es eben gab, ließ mir so an die fünfzig Rubel für den Besuch zurück und wollte sich dann nach Hause begeben, denn draußen wurde es dunkel. Ich habe aber so gewisse Absichten und sage ihm: ›Bleib doch bei mir zu Nacht, Wassilij Wassilijewitsch; morgen gewinnst du mit Gottes Hilfe alles zurück.‹ Mein Wassilij Wassilijewitsch überlegt sich hin und her und bleibt. Ich lasse ihm das Bett in meinem Schlafzimmer richten . . . Wir legen uns hin, rauchen und plaudern noch eine Weile – hauptsächlich über das zarte Geschlecht, wie es sich unter Junggesellen gehört, – scherzen ein bißchen . . . Ich sehe: Wassilij Wassilijewitsch löscht seine Kerze aus, und kehrt mir den Rücken; das heißt: Gute Nacht! Ich warte noch eine Weile und lösche auch meine Kerze aus. Nun denken Sie sich: ich habe noch gar nicht nachgedacht, was es nun für eine Karambolage geben wird, als das liebe Geschöpf auch schon zu lärmen anfängt. Es begnügt sich nicht mit dem gewöhnlichen Lärm, sondern kriecht unter dem Bette hervor, geht durchs Zimmer, klopft mit den Pfoten auf die Diele, klappert mit den Ohren und stößt plötzlich an den Stuhl, der neben Wassilij Wassilijewitschs Bett steht. – ›Porfirij Kapitonowitsch,‹ sagt der, und zwar mit einer ganz gleichgültigen Stimme, ›ich wußte gar nicht, daß du dir einen Hund angeschafft hast. Was ist's für einer? Ein Hühnerhund oder was?‹ – ›Ich habe gar keinen Hund,‹ sage ich ihm darauf, ›und habe auch nie einen gehabt!‹ – ›Was, du hast keinen Hund? Und was ist denn das?‹ – ›Was das ist? Zünde die Kerze an, so wirst du es selbst sehen.‹ – ›Ist das kein Hund?‹ – ›Nein.‹ – Wassilij Wassilijewitsch dreht sich im Bette um. – ›Du scherzest wohl, mein Lieber?‹ – ›Nein, ich scherze nicht.‹ – Da höre ich, wie er ein Zündhölzchen an der Schachtel reibt; das Vieh treibt aber noch immer sein Wesen und juckt sich das Fell. Endlich brennt die Kerze und . . . basta! Keine Spur mehr! Wassilij Wassilijewitsch sieht mich an, – und ich sehe ihn an. – ›Was ist das,‹ fragt er mich, ›für ein Witz?‹ – ›Das ist so ein Witz,‹ sage ich ihm, ›daß, wenn du an die eine Seite Sokrates in eigener Person und an die andere Friedrich den Großen hinsetzt, so werden auch die daraus nicht klug werden.‹ – Und ich erzähle ihm alles mit sämtlichen Einzelheiten. Wie da mein Wassilij Wassilijewitsch aufspringt! Wie wenn er sich verbrüht hätte! Kann unmöglich mit den Füßen in seine Stiefel hineingeraten. – ›Einspannen!‹ schreit er: ›Einspannen!‹ – Ich versuche ihn zu besänftigen, er will aber auf nichts hören! Er seufzt und ächzt. – ›Ich bleibe keine Minute länger hier! Du bist nach alledem ein verdammter Mensch! Einspannen!‹ Endlich gelang es mir, ihn zu überreden. Nur mußte ich sein Bett in ein anderes Zimmer schleppen und in allen Ecken Nachtlichter anzünden lassen. Am nächsten Morgen beim Tee war er schon einigermaßen ruhiger und begann, mir Ratschläge zu geben. ›Du solltest versuchen, Porfirij Kapitonowitsch,‹ sagte er mir, ›für einige Tage das Haus zu verlassen: vielleicht wirst du dann diesen Teufelsdreck loswerden.‹ – Ich muß Ihnen aber sagen, meine Herren, daß dieser Nachbar ein Mann von ungewöhnlichem Verstande war! Unter anderem hatte er seine eigene Schwiegermutter so ganz wunderbar herumgekriegt: er hatte sie einen Wechsel unterschreiben lassen, doch so, daß sie es selbst gar nicht merkte, eine so gefühlvolle Stunde hatte er sich dazu ausgesucht. Sie wurde weich wie Butter, gab ihm sogar eine Vollmacht zur Verwaltung des ganzen Gutes – was hätte er sich noch wünschen können? Und das ist doch wirklich nicht leicht, eine Schwiegermutter so herumzukriegen! Was meinen Sie, meine Herren? Er verließ mich aber ziemlich mißvergnügt: ich hatte ihm nämlich wieder an die hundert Rubel im Kartenspiel abgeknöpft. Er schimpfte sogar auf mich und sagte, daß ich undankbar und gefühllos sei. Was traf mich aber für eine Schuld? Nun, das alles versteht sich von selbst, – seinen Rat nahm ich aber zur Kenntnis: noch am gleichen Tage reiste ich in die Stadt und mietete mich in einem Gasthaus, bei einem mir bekannten alten Sektierer ein. Dieser war ein höchst ehrenwerter Greis, wenn auch etwas unwirsch infolge seiner Zurückgezogenheit: seine ganze Familie war ihm ausgestorben. Nur konnte er in seinem Hause keinen Tabakrauch leiden, und gegen Hunde hatte er eine ganz schreckliche Abneigung: ich glaube, er würde es vorziehen, sich selbst eigenhändig in Stücke zu reißen, als einen Hund zu sich über die Schwelle zu lassen! Er pflegte zu sagen: ›Hier in meiner Kammer geruht an der Wand die Himmelskönigin in eigener Person zu wohnen; wie sähe es aus, wenn ein unflätiger Hund seine unsaubere Schnauze gegen die gleiche Wand erheben wollte!‹ Man kennt es ja – Unbildung! Im übrigen bin ich der Meinung: ein jeder soll sich an die Weisheit halten, die ihm gegeben ist!«

»Wie ich sehe, sind Sie ein großer Philosoph!« unterbrach ihn schon wieder Anton Stepanowitsch mit dem gleichen ironischen Lächeln.

Porfirij Kapitonowitsch runzelte diesmal sogar die Stirne.

»Was ich für ein Philosoph bin, das ist noch ungewiß,« versetzte er, sich nervös den Schnurrbart zupfend. »Aber Sie würde ich gerne in die Lehre nehmen!«

Wir alle blickten erwartungsvoll auf Anton Stepanowitsch: ein jeder von uns erwartete eine stolze Antwort oder wenigstens einen strafenden Blick . . . Doch der Herr Staatsrat veränderte sein ironisches Lächeln in ein gleichgültiges, gähnte, schlenkerte etwas mit dem Fuß, – und das war alles!

»Bei eben diesem Greis mietete ich mich ein,« fuhr Porfirij Kapitonowitsch fort. – »Er gab mir aus Bekanntschaft eine ziemlich elende Kammer; er selbst hauste dicht daneben, hinter einer dünnen Bretterwand, doch das paßte mir ausgezeichnet. Diese paar Tage waren für mich übrigens ein wahres Martyrium! Die Kammer war klein, und dazu die Hitze, die stickige Luft, die vielen Fliegen, die so eigentümlich klebrig schienen. In der Ecke stand ein mächtiger Heiligenschrein mit uralten Bildern; die Beschläge an den Bildern waren trübe, pompös, doch innen hohl; es roch nach Lampenöl und nach anderen Spezereien. Auf dem Bette lagen zwei Daunenpfühle, wenn ich aber ein Kissen anrührte, so lief schon gleich eine Schabe hervor . . . Aus lauter Langeweile trank ich eine Unmenge Tee – ein wahres Elend! Schließlich legte ich mich hin. Vom Einschlafen war nicht die Rede, – denn der Wirt hinter dem Verschlage wollte gar nicht aufhören zu seufzen, zu stöhnen und Gebete zu lesen. Schließlich begab er sich doch zur Ruhe. Ich höre: er schnarcht, aber so ganz leise, ganz bescheiden und altmodisch. Die Kerze hatte ich schon längst ausgeblasen, vor den Heiligenbildern brennt aber noch ein Lämpchen . . . Also ein Hindernis! Ich stehe leise auf, schleiche barfuß in die Ecke zum Heiligenschrein und blase das Lämpchen aus . . . Nichts geschieht. – Aha! – sage ich mir, – bei Fremden will es nicht anbeißen . . . Kaum lege ich mich aber ins Bett, als die Geschichte schon wieder losgeht! Es scharrt und kratzt, und klappert mit den Ohren . . . Mit einem Worte ganz wie es sich gehört! Gut. Ich liege da und warte, was weiter geschieht. Da höre ich wie der Alte aufwacht. – ›Herr‹, sagt er mir, ›Herr!‹, – ›Was denn?‹ – ›Hast du die Lampe ausgeblasen?‹ Und ohne meine Antwort abzuwarten, fängt er auf einmal an zu schimpfen: ›Was ist das? Was ist das? Ein Hund? Ein Hund! Ach du verdammter Ketzer!‹ ›Warte Alter mit dem Schimpfen,‹ sage ich, ›komme lieber zu mir herüber, hier gehen erstaunliche Dinge vor.‹ Der Alte krächzt noch eine Weile und kommt dann zu mir ins Zimmer, mit einer ungewöhnlich dünnen Kerze aus gelbem Wachs in der Hand; er macht einen wirklich merkwürdigen Eindruck! Er ist ganz struppig, die Ohren sind behaart, die Augen böse wie bei einem Iltis, auf dem Kopfe hat er eine weiße Kappe aus Filz, der Bart reicht ihm bis zum Gürtel und ist ebenfalls weiß, über dem Hemde trägt er eine Weste mit Messingknöpfen und an den Beinen Pelzstiefel; und obendrein riecht er nach Wacholder. In diesem Aufzuge ging er zu den Heiligenbildern, bekreuzigte sich dreimal nach dem Ritus der Altgläubigen mit zwei Fingern, zündete das Lämpchen an, bekreuzigte sich wieder, wandte sich dann zu mir und fuhr mich an: ›Erkläre!‹ – Und nun erzähle ich ihm sofort alles, ohne irgend etwas zu verheimlichen. Der Alte hört mich aufmerksam an, unterbricht mich mit keinem Wort, schüttelt nur ununterbrochen den Kopf. Dann setzt er sich zu mir aufs Bett und schweigt noch immer; kratzt sich die Brust, den Nacken und das übrige und schweigt. – ›Nun, Fedul Iwanowitsch,‹ sage ich ihm, ›was meinst du dazu? Ist das ein höllisches Blendwerk oder was?‹ – Der Alte sieht mich an und sagt: ›Was redest du von einem höllischen Blendwerk! Wenn es noch in deinem Hause wäre, du Ketzer – aber hier! Bedenke doch nur, wieviel Heiligkeit hier in meinen Räumen ist! Wie könnte hier höllisches Blendwerk hereinkommen!‹ – ›Und wenn es keines ist, was ist es dann?‹ – Der Alte schweigt wieder eine Weile, kratzt sich und sagt schließlich mit dumpfer Stimme, denn der Bart wächst ihm in den Mund hinein: ›Begib dich in die Stadt Bjelew. Außer einem gewissen Menschen kann dir niemand helfen. Und dieser Mensch wohnt in Bjelew: er ist einer von den Unsrigen. Wenn er dir helfen will, ist es dein Glück; will er aber nicht, so muß es bleiben, wie es ist.‹ – ›Und wie soll ich diesen Menschen finden?‹ frage ich ihn. – ›Das kann ich dir ganz genau sagen, aber wie kannst du nur von höllischem Blendwerk sprechen? Es ist entweder eine Erscheinung, oder ein Zeichen; verstehen kannst du es sowieso nicht, denn dazu reicht dein Verstand nicht aus. Lege dich jetzt im Namen Christi schlafen, ich werde ein wenig mit Weihrauch räuchern, und morgen wollen wir sprechen. Denn Morgenstunde hat Gold im Munde.‹

Am anderen Morgen besprachen wir noch einmal die Sache, doch war ich von seinem Weihrauch beinahe erstickt. Und der Alte gab mir folgende Anweisung: In Bjelew angekommen, sollte ich mich sofort auf den Marktplatz begeben und im zweiten Laden rechter Hand nach einem gewissen Prochorytsch fragen. Und diesem Prochorytsch sollte ich ein Handschreiben übergeben. Dieses Handschreiben bestand aus einem Papierfetzen, auf dem folgendes geschrieben war: ›Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiliges Geistes. Amen. An Ssergej Prochorowitsch Perwuschin. Traue diesem. Feodul Iwanowitsch.‹ Und unten stand noch: ›Schick mir Kraut, um Christi Willen.‹

Ich dankte dem Alten, ließ sofort meinen Reisewagen anspannen und machte mich auf die Reise nach Bjelew. Denn ich sagte mir: obwohl mir mein nächtlicher Besucher eigentlich wenig Kummer zufügt, so ist die Sache doch etwas unheimlich und auch nicht ganz anständig für einen Adligen und Offizier – was meinen Sie?«

»Sind Sie denn wirklich nach Bjelew gereist?« flüsterte Herr Finoplentow.

»Geradewegs nach Bjelew. Ich ging auf den Marktplatz und fragte im zweiten Laden rechter Hand nach Prochorytsch: ›Gibt's hier so einen Menschen?‹ – ›So einen gibt es schon.‹ – ›Und wo wohnt er?‹ – ›An der Oka, hinter den Gemüsegärten.‹ – ›In wessen Haus?‹ – ›In seinem eigenen.‹ Ich ging also zur Oka und fand sein Haus; es war eigentlich kein Haus, sondern eine baufällige Hütte. Ich sehe einen Mann in blauem geflicktem Kittel und zerrissener Mütze; wie ein Kleinbürger sieht er aus. Er steht mit dem Rücken zu mir und gräbt in seinem Krautgarten. Ich gehe auf ihn zu. – ›Sind Sie der und der?‹ – Er wendet sich zu mir um, und ich muß Ihnen sagen, daß ich so durchdringende Augen noch nie gesehen habe. Im übrigen ist das ganze Gesicht so groß wie eine Faust, hat ein Ziegenbärtchen und eingefallene Lippen, mit einem Worte – ein alter Mann. – ›Ich bin der und der,‹ sagt er mir, ›und was wünschen Sie?‹ – ›Das werden Sie gleich erfahren,‹ sage ich und reiche ihm den Zettel. Er mustert mich sehr aufmerksam und sagt: ›Wollen Sie gefälligst in die Stube kommen; ohne Brille kann ich nicht lesen.‹ Wir gingen also zusammen in seine Hütte; es war tatsächlich eine Hütte: arm, kahl und schief; die Wände hielten sich kaum zusammen. An einer Wand hing ein uraltes Heiligenbild, schwarz wie Kohle; nur die Augen leuchteten darauf weiß. Er holte aus der Tischlade eine runde eiserne Brille, setzte sie sich auf die Nase, las das Sendschreiben und blickte mich noch einmal über die Brille hinweg an. – ›Haben Sie ein Anliegen?‹ – ›Richtig, ich habe ein Anliegen.‹ – ›Nun, wenn Sie ein Anliegen haben, so melden Sie mir alles, und ich werde zuhören.‹ – Stellen Sie sich vor: er setzt sich selbst hin, holt aus der Tasche ein karriertes Tuch und breitet es über seine Knie aus, – und das Tuch ist voller Löcher. Und sieht mich dabei so würdevoll an, wie ein Senator oder ein Minister; mich fordert er aber gar nicht zum Sitzen auf. Und was noch viel merkwürdiger ist: ich fühle plötzlich, daß ich ganz schüchtern werde; ich ersterbe förmlich. Er durchbohrt mich mit den Augen. Ich fasse mir jedoch ein Herz und erzähle ihm meine ganze Geschichte. Er schweigt eine Weile, rückt hin und her, kaut ein bißchen mit den Lippen und beginnt mich auszufragen, wieder wie ein Senator, so würdevoll und ohne sich zu übereilen. Wie ich heiße? Alter? Wer meine Eltern gewesen? Ob ich ledig sei oder verheiratet? – Dann kaut er wieder mit den Lippen, runzelt die Stirne, hebt einen Finger und sagt: ›Verbeugen Sie sich zuerst vor dem Bilde der heiligen Bischöfe von Ssolowezk, Zosima und Sawwatius.‹ – Ich verbeugte mich bis zur Erde und blieb auf den Knien; ich fühlte in mir ein solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, daß ich wohl alles getan hätte, was er mir auch befohlen haben würde! . . . Ich sehe, meine Herren, Sie schmunzeln; mir war aber damals ganz anders zumute, bei Gott! – ›Stehen Sie auf, Herr,‹ sagte er schließlich. ›Ihnen kann geholfen werden. Dies ist Ihnen nicht als Strafe beschert, sondern als Warnung; es besteht wohl eine himmlische Fürsorge für Sie; wahrscheinlich betet jemand für Sie. Gehen Sie jetzt auf den Markt und kaufen Sie sich einen jungen Hund; diesen Hund halten Sie bei sich Tag und Nacht. Die Erscheinungen werden aufhören, und außerdem wird Ihnen der Hund nützlich sein.‹

Es war mir, als ob mir ein Licht aufginge; seine Worte machten mir große Freude! Ich verbeugte mich vor Prochorytsch und wollte gehen, als mir noch einfiel, daß ich mich ihm doch irgendwie erkenntlich zeigen müsse: ich zog aus dem Beutel einen Dreirubelschein. Er schob aber meine Hand von sich fort und sagte: ›Geben Sie das Geld in unsere Kapelle oder an die Armen, aber mein Dienst ist unentgeltlich.‹ Ich verbeugte mich wieder vor ihm, fast bis zum Boden, und begab mich sofort auf den Markt. Und denken Sie sich: kaum komme ich zu den Marktbuden, begegnet mir schon ein Kerl in einem Friesmantel und trägt unter dem Arm einen jungen Hühnerhund, zwei Monate alt, braun mit weißer Schnauze und weißen Vorderpfoten. ›Halt!‹ sage ich dem Mann: ›Was willst du für den Hund?‹ – ›Zwei Rubel.‹ – ›Da hast du drei Rubel!‹ Jener wundert sich und glaubt wohl, daß der Herr verrückt geworden sei; ich drücke ihm aber die Banknote in die Hand, nehme den Hund und steige sofort in den Reisewagen. Der Kutscher spannte rasch an, und am gleichen Abend war ich zu Hause. Der Hund saß auf dem ganzen Wege unter meinem Mantel und gab keinen Ton von sich; ich sagte ihm immer: ›Tresoruschka, Tresoruschka!‹ Zu Hause gab ich ihm sofort zu fressen und zu trinken, ließ Stroh bringen, richtete ihm das Lager und ging selbst zu Bett. Nun blies ich die Kerze aus; es wurde dunkel. ›Nun,‹ sage ich, ›fange an!‹ Es bleibt still. ›Fang doch an, du Teufelsvieh!‹ Kein Ton, wär's auch nur zum Scherz gewesen. Ich werde kühn: ›Fang' doch an, du verdammtes Höllenvieh!‹ Wieder kein Ton – es ist aus! Ich höre nur, wie mein Hund schnarcht. – ›Filjka!‹ schreie ich, ›Filjka! Komm doch her, du dummer Kerl!‹ Er kommt herein. – ›Hörst du den Hund?‹ – ›Nein,‹ sagt er, ›ich höre nichts, Herr,‹ und lacht selbst dabei. – ›Und wirst ihn auch nie wieder hören! Da hast du einen halben Rubel für Schnaps!‹ – ›Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,‹ sagt der Narr und geht im Finstern auf mich los . . . Die Freude war wirklich groß, sage ich Ihnen.«

»Und damit war die Sache zu Ende?« fragte Anton Stepanowitsch, diesmal ganz ohne Ironie.

»Die Erscheinungen hörten wirklich auf, und ich hatte meine Ruhe; warten Sie aber: die Sache war damit noch nicht zu Ende. Mein Tresor begann zu wachsen, wurde so ein großer ungeschlachter Kerl, mit dicker Rute, langen Ohren, dicker Schnauze, – ein richtiger ›Pile avance.‹ Außerdem hing er ungewöhnlich an mir. Die Jagd ist in unserer Gegend schlecht; da ich aber schon einen Hund hatte, so schaffte ich mir auch ein Gewehr an. Ich fing an, mich mit meinem Tresor in der Umgegend herumzutreiben: manchmal erbeuteten wir einen Hasen (wie scharf er auf diese Hasen war, du lieber Himmel!), manchmal auch eine Wachtel oder eine Wildente. Aber was die Hauptsache war: Tresor folgte mir auf Schritt und Tritt, wo ich war, da war auch er; selbst ins Dampfbad nahm ich ihn mit, mein Ehrenwort! Eine von unseren Damen wollte mich wegen dieses Tresors aus ihrem Salon hinauswerfen lassen, aber ich machte einen großen Krach und schlug fast sämtliche Fensterscheiben kaput! Da ereignete es sich einmal im Sommer . . . Ich muß Ihnen sagen, es war ein so heißer und trockner Sommer, wie es seit Menschengedenken keinen solchen gegeben hat; die Luft war voll Rauch oder Nebel, es roch wie bei einem Brand, die Sonne hing im Dunst wie eine glühende Kugel, und vor lauter Staub kam man gar nicht aus dem Niesen! Die Menschen gingen mit offenen Mäulern wie die Krähen herum. Es war mir zu langweilig, immer den ganzen lieben Tag völlig entkleidet hinter verschlossenen Fensterläden zu Hause zu sitzen; auch nahm die Hitze ein wenig ab . . . Ich begab mich also zu einer meiner Nachbarinnen. Sie wohnte etwa eine Werst von mir und war eine recht angenehme Dame. Auch war sie noch jung, stand in der Blüte ihrer Jahre und hatte ein gewinnendes Äußere, nur war sie von höchst unbeständigem Charakter. Bei weiblichem Geschlecht ist das aber kein Unglück; ist sogar manchmal recht interessant . . . So kam ich zu ihrem Haus, – der Weg war aber bei der Hitze ein hartes Stück Arbeit! Nun, denke ich mir, Nymphodora Ssemjonowna wird mich wohl mit Preiselbeersirup laben, auch mit anderen süßen Sachen – und ich habe schon die Türklinke ergriffen, als sich plötzlich hinter der Gesindestube ein Stampfen, Winseln und Kindergeschrei erhebt . . . Ich blicke mich um. Du lieber Himmel! Gerade auf mich zu rennt ein riesengroßes rotes Tier, welches ich auf den ersten Blick gar nicht für einen Hund hielt: mit aufgerissenem Rachen, blutunterlaufenen Augen, gesträubten Haaren . . . Ich hatte noch nicht Zeit, Atem zu holen, als das Ungeheuer schon auf den Flur stürzt, sich auf die Hintertatzen stellt und mir an die Brust springt – denken Sie sich nur die Situation! Mir steht das Herz still, kann nicht einmal die Hände rühren, bin völlig erstarrt . . . ich sehe nur die furchtbaren weißen Hauer dicht vor meiner Nase, die rote schaumbedeckte Zunge . . . Doch im gleichen Augenblick erhebt sich vor mir ein anderer dunkler Körper, er springt in die Höhe wie ein Gummiball; es war mein lieber Tresor, er kam mir zu Hilfe und biß sich wie ein Blutegel dem anderen, dem Ungeheuer, in die Kehle fest. Jener röchelte, knirschte mit den Zähnen und prallte zurück . . . Ich reiße in einem Nu die Türe auf und bin schon im Vorzimmer. So stehe ich fast besinnungslos da, stemme mich mit meinem ganzen Körper gegen die Türe und höre, wie draußen eine verzweifelte Schlacht vor sich geht. Ich beginne zu schreien, nach Hilfe zu rufen; das ganze Haus gerät in Aufruhr. Nymphodora Ssemjonowna kommt mit aufgelösten Zöpfen herbeigerannt, draußen schreien viele Stimmen durcheinander, und plötzlich hört man: ›Haltet ihn, haltet ihn, sperrt das Tor zu!‹ – Ich öffne ein klein wenig die Türe und sehe: das Ungeheuer ist nicht mehr auf dem Flur, die Leute rennen auf dem Hofe umher, fuchteln mit den Armen, heben Holzscheite vom Boden auf – sind alle wie besessen – ›Nach dem Dorf! Nach dem Dorf ist er fortgerannt!‹ kreischt ein Weib in einem Kopfputze von ungewöhnlichen Dimensionen, sich aus einem Bodenfenster herausreckend. Ich ging wieder in den Hof. – ›Wo ist mein Tresor?‹ Und im gleichen Augenblick erblickte ich meinen Retter. Er kommt vom Tore her, hinkt, ist ganz zerbissen und blutig . . . – ›Was ist denn eigentlich los?‹ frage ich die Leute; die rennen aber noch immer wie besessen auf dem Hofe umher. – ›Ein toller Hund!‹ antwortete man mir schließlich. ›Er gehört dem Grafen . . . Seit gestern treibt er sich hier herum.‹

Wir hatten einen Grafen in der Nachbarschaft, der sich furchtbare ausländische Hunde hielt. Mir zittern die Knie; ich stürze zu einem Spiegel, um zu sehen, ob ich nicht gebissen bin. Nein, Gott sei Dank, nichts zu sehen; nur ist mein Gesicht grün. Indessen liegt Nymphodora Ssemjonowna auf dem Diwan und gluckst wie eine Henne. Das ist auch wohl begreiflich: erstens die Nerven und zweitens die Empfindsamkeit. Sie kommt aber wieder zu sich und fragt mich, mit so matter Stimme, ob ich noch lebe. Ich sage ihr, daß ich noch lebe und daß Tresor mein Retter ist. – ›Ach,‹ sagt sie drauf, ›welch ein Edelmut! Hat ihn also der tolle Hund erwürgt?‹ – ›Nein,‹ sage ich, ›er hat ihn nicht erwürgt, aber stark verletzt.‹ – ›Ach,‹ sagt sie wieder, ›in diesem Falle muß man ihn sofort niederschießen!‹ – ›Nein,‹ sage ich, damit bin ich gar nicht einverstanden; ich will versuchen, ihn zu kurieren . . .‹ Indessen kratzt Tresor von außen an der Türe; ich will ihn hereinlassen. – ›Ach,‹ sagt sie, ›was fällt Ihnen ein? Er wird ja uns alle beißen!‹ – ›Erlauben Sie,‹ erwidere ich, ›das Gift wirkt nicht so schnell.‹ – ›Ach,‹ sagt sie, ›wie kann man nur so was sagen! Sie sind wohl verrückt!‹ – ›Nymphotschka,‹ sage ich ihr, ›beruhige dich, sei doch vernünftig . . .‹ Da schreit sie aber auf: ›Hinaus, hinaus, sofort verlassen Sie das Haus zusammen mit Ihrem ekelhaften Hund!‹ – ›Gut,‹ sage ich, ›gerne, ich gehe schon.‹ – ›Sofort, in dieser Sekunde! Entferne dich,‹ sagt sie, ›du Mörder, und wage nicht, mir je wieder unter die Augen zu kommen. Du kannst ja selbst toll werden‹ – ›Sehr gut,‹ sage ich, ›lassen Sie mir nur einen Wagen geben, denn ich fürchte mich jetzt, zu Fuß nach Hause zu gehen.‹ – Sie starrte mich an. – ›Gebt ihm einen Wagen, eine Kutsche, eine Droschke, was er will, nur daß ich ihn nicht mehr sehe! Diese Augen! Was er für Augen macht!‹ Mit diesen Worten rennt sie aus dem Zimmer, gibt einem Dienstmädchen, das ihr gerade in den Weg kommt, eine Ohrfeige, – und ich höre, wie sie im Nebenzimmer einen hysterischen Anfall bekommt. – Sie mögen es mir glauben, meine Herren, oder nicht, doch von diesem Tag an brach ich jeden Verkehr mit Nymphodora Ssemjonowna ab; und bei reiflicher Überlegung muß ich sagen, daß ich auch für diesen Dienst meinem Freund Tresor bis an mein Lebensende zum Danke verpflichtet bin.

Ich ließ also einen Wagen anspannen, setzte mich mit Tresor hinein und fuhr nach Hause. Zu Hause untersuchte ich ihn, wusch seine Wunden aus und beschloß, ihn am nächsten Morgen zu einer weisen Frau, die im Kreise Jefremow wohnte, zu bringen. Diese weise Frau war übrigens ein alter Bauer, ein ganz merkwürdiger Mensch: er flüsterte einige Worte über Wasser, – andere sagen, daß er Schlangenspeichel hineintat, – gab davon zu trinken, und im Nu war jede Krankheit weg. Bei dieser Gelegenheit wollte ich mir in Jefremow zur Ader lassen: das ist manchmal sehr gut gegen Schreck; nur selbstverständlich nicht am Arme, sondern an der Daumenader.«

»Wo liegt denn die Daumenader?« fragte mit schüchterner Neugier Herr Finoplentow.

»Das wissen Sie nicht? Das ist eben die Stelle auf der Faust neben dem Daumen, wohin man Schnupftabak schüttet, bevor man eine Prise nimmt – hier ist sie! Für den Aderlaß ist es die geeignetste Stelle; denn urteilen Sie selbst: aus dem Arme kommt frisches Aderblut, aber da kann nur verbrauchtes Blut herauskommen. Die Ärzte wissen es nicht und verstehen es nicht; wie sollten sie es auch, diese Deutschen! Bei uns befassen sich hauptsächlich Schmiede damit. Und was es für geschickte Leute unter ihnen gibt! So ein Schmied setzt den Meißel an, haut mit dem Hammer darauf – und fertig! . . . Während ich auf diese Weise überlegte, war es draußen ganz finster geworden, also höchste Zeit, schlafen zu gehen. Ich legte mich zu Bett, und Tresor blieb selbstverständlich bei mir im Schlafzimmer. Ich weiß nicht, war es noch der Schreck, oder kam es von der stickigen Luft, von den Flöhen, oder weil ich zu viel Gedanken im Kopfe hatte, – aber ich konnte nicht einschlafen, wie sehr ich mir auch Mühe gab! Ich hatte ein so eigentümliches, beklemmendes Gefühl, daß ich es gar nicht beschreiben kann; ich versuchte alles Mögliche: trank Wasser, öffnete das Fenster, spielte auf der Gitarre die Kamarinskaja mit italienischen Variationen . . . es nützte alles nicht! Es trieb mich aus dem Zimmer . . . schließlich nahm ich mein Kissen, die Bettdecke, ein Laken und begab mich durch den Garten in den Heuschuppen und richtete mich da ein. Es war so angenehm, meine Herren: die Nacht ist still, ungewöhnlich still, nur ab und zu streicht mir ein Windhauch, zart wie eine Frauenhand, über das Gesicht; das Heu duftet wie Tee, auf den Äpfelbäumen zirpen die Grillen; mitunter schlägt eine Wachtel, und man fühlt, daß es auch ihr, der Kanaille, so wohlig zumute ist, während sie mit dem Weibchen im Tau sitzt . . . Und am Himmel eine strahlende Pracht: die Sternchen flimmern, und zuweilen schwebt ein Wölkchen vorbei, weiß wie Watte, und bewegt sich kaum . . .«

An dieser Stelle mußte Skworewitsch niesen; auch Kinarewitsch, der nie hinter seinem Freunde zurückblieb, nieste. Anton Stepanowitsch sah die beiden beifällig an.

»Nun,« fuhr Porfirij Kapitonowitsch fort, »so liege ich da und kann noch immer nicht einschlafen. Ich muß in einemfort denken und zwar hauptsächlich über die menschliche Weisheit: wie wunderbar hat mir doch Prochorytsch das warnende Zeichen gedeutet, und warum solche Wunder gerade mit mir geschehen? . . . Ich wundere mich, weil ich nichts begreife; Tresor liegt indessen zusammengerollt auf dem Heu und winselt leise; seine Wunden schmerzen ihn. Ich will Ihnen auch sagen, was mich am Schlafen hinderte, Sie werden es wohl kaum glauben: der Mond! Er steht so rund, groß, gelb und flach gerade vor mir, und starrt mich an, bei Gott! So frech und zudringlich starrt er mich an . . . Schließlich zeigte ich ihm sogar die Zunge. Was bist du so neugierig? – denke ich mir. Wenn ich mich von ihm abwende, kriecht er mir ins Ohr, bestrahlt mir den Nacken, übergießt mich wie ein Regen; und wenn ich die Augen öffne, ist es noch ärger: jedes Hälmchen, jedes unnütze Ästchen im Heu, jedes noch so unbedeutende Spinngewebe beleuchtet er so grell, so unverschämt: sieh dir nur alles recht genau an! Es ist nichts zu machen; ich stütze mich auf einen Ellenbogen und fange an zu sehen. Ich kann auch nicht anders: meine Augen sind plötzlich wie die eines Hasen, sie sind so weit aufgerissen, wollen beinahe aus dem Kopfe herausspringen; sie sind so unheimlich wach, als ob sie gar nicht wüßten, was Schlaf heißt. Ich glaube, ich hätte mit den Augen alles verschlingen können. Das Tor steht weit offen, an die fünf Werst weit kann ich im Felde alles sehen: so unheimlich deutlich und zugleich undeutlich, wie es immer in einer Mondscheinnacht ist. So sehe ich, und sehe, und blinzle nicht mal mit den Augen . . . Und plötzlich kommt es mir vor, als ob sich in weiter Ferne etwas regte. Es vergeht einige Zeit, wieder huscht ein Schatten vorbei, diesmal etwas näher; und dann noch einmal und wieder näher. Was kann das sein? Vielleicht ein Hase? Nein, es scheint größer als ein Hase zu sein, auch springt ein Hase ganz anders. Ich sehe: der Schatten zeigt sich wieder und huscht schon als dunkler Fleck über die Viehweide – die Viehweide liegt aber im Mondlichte ganz weiß da. Es ist ja klar: ein Tier, ein Fuchs oder ein Wolf. Das Herz steht mir still . . . doch was soll ich mich fürchten? Es treibt sich doch immer allerlei Getier nachts im Feld umher. Die Neugierde ist aber größer als die Furcht; ich stehe auf, starre hinaus, und auf einmal überläuft es mich ganz kalt; ich erstarre, als ob man mich bis über die Ohren in Eis gesteckt hätte; doch warum? Das weiß Gott allein! Und ich sehe: der Schatten wird immer größer und wächst und rückt gerade auf meinen Schuppen los . . . Und ich sehe ganz genau, daß es ein großes Tier mit dickem Kopf ist . . . Es saust daher wie ein Wirbelwind, wie eine Flintenkugel . . . Du lieber Himmel! Was mag das sein? Das Tier bleibt auf einmal stehen, als ob es etwas witterte . . . Das ist ja . . . der tolle Hund von heute früh! Er ist es, er ist es! Gott! Und ich kann mich weder rühren, noch schreien . . . Der Hund springt in den Schuppen, seine Augen funkeln, und er stürzt heulend gerade auf mich los!

Aber da kommt schon aus dem Heu mein Tresor wie ein Löwe heraus; ja das tut er! Rachen an Rachen beißen sich die beiden ineinander fest und stürzen wie ein Knäuel zu Boden! Was weiter geschah, weiß ich nicht, denn ich sprang, wie ich war, über sie weg, und aus dem Schuppen heraus, und in den Garten, und nach Hause in mein Schlafzimmer! . . . Ich muß gestehen, daß ich mich beinahe unters Bett verkroch. Aber was für Sätze, was für Pas führte ich im Garten aus! Ich glaube, die erste Tänzerin, die vor Kaiser Napoleon an seinem Namenstage tanzt, auch die hätte es nicht besser machen können. Als ich jedoch einigermaßen zur Besinnung gekommen war, brachte ich gleich das ganze Haus auf die Beine; ich befahl allen, sich zu bewaffnen und nahm selbst einen Säbel und einen Revolver. (Ich hatte mir diesen Revolver, offen gestanden, gleich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft gekauft; wissen Sie, für jeden Fall; nur hatte ich ein ganz miserables Ding erwischt: von drei Schüssen versagten mindestens zwei.) Ich nahm also das alles und begab mich mit einer ganzen Schar, mit Knüppeln und Laternen bewaffnet zum Schuppen. Wir kommen an, rufen, – nichts zu hören; schließlich gehen wir in den Schuppen. Und was sehen wir? Mein armer Tresor liegt tot mit durchbissener Kehle – und der andere, der Verdammte, ist längst verschwunden!

Da brüllte ich, meine Herren, wie ein Kalb und ich schäme mich nicht zu bekennen: ich fiel über meinen sozusagen zweifachen Retter und liebkoste lange seinen Kopf. Und ich blieb in dieser Stellung so lange, bis mich meine alte Haushälterin Praskowja wieder zur Besinnung brachte (sie war mit den andern auf den Lärm herbeigeeilt). – ›Wie können Sie sich nur, Profirij Kapitonowitsch,‹ sagte sie, ›wegen eines Hundes so grämen? Sie werden sich noch erkälten, Gott bewahre! (Ich war auch in der Tat sehr leicht gekleidet). Und wenn dieser Hund, als er Sie rettete, sein eigenes Leben ließ, so ist das für ihn eine große Gnade und Ehre!‹

Obwohl ich Praskowja nicht beistimmen konnte, begab ich mich doch nach Hause. Der tolle Hund wurde aber am nächsten Tage von einem Soldaten erschossen . . . So ein Ende war ihm wohl vorausbestimmt: der Soldat hatte zum ersten Male in seinem Leben aus einem Gewehre geschossen, obwohl er eine Medaille für das Jahr 1812 besaß. Also so eine übernatürliche Begebenheit hat sich mit mir zugetragen.«

Der Erzähler schwieg und begann sich eine Pfeife zu stopfen. Wir sahen aber einander ganz verdutzt an. – »Vielleicht führen Sie ein besonders gottgefälliges Leben,« begann Herr Finoplentow, »und zur Belohnung . . .« Doch bei diesem Worte blieb er stecken, denn er sah, daß Porfirij Kapitonowitsch seine Backen aufblies, rot wurde und mit den Augen zwinkerte, wie einer, der sofort in schallendes Gelächter ausbrechen wird . . .

»Wenn man aber die Möglichkeit des Übernatürlichen, die Möglichkeit seines Hineinspielens in das sogenannte wirkliche Leben zugeben soll,« begann wieder Anton Stepanowitsch, »welche Rolle soll dann noch der gesunde Menschenverstand spielen?«

Niemand von uns wußte darauf etwas zu erwidern, und wir verblieben im Zustande völliger Ratlosigkeit.

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