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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Virgils Aeneis, travestirt

Aloys Blumauer: Virgils Aeneis, travestirt - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleVirgils Aeneis, travestirt
publisher
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeErster Theil
printrunRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130817
projectid46647a17
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Achtes Buch.

Inhalt.

Wie der fromme Held Aeneas auf Eingebung des Himmels zum alten König Evander zeucht, und was große Wunder er da von seinem künftigen Reiche vernehmen thät.

Die Königin ließ nun den Rath
Nach ihrem Plan agiren,
Und dem Prinz Turnus ihre Stadt
Zum Kriegsplatz offeriren;
Prinz Turnus kam als wie der Blitz
Und macht aus ihrem Wittwensitz
Sein großes Waffencentrum.

Und um der Kämpfer Blutbegier
Noch stärker aufzuwecken,
Begann er gleich sein Kriegspanier
Daselbsten aufzustecken:
Dabei erscholl ein Hörnerpaar
So laut und stark, daß es sogar
Der alte König hörte.

Aeneas sah den Apparat,
Ihm ward in dem Gedränge
Für sich und seinen neuen Staat
Der Brustlatz mächtig enge:
Er ging umher, rieb sich die Stirn,
Es brütete das Heldenhirn,
Und konnte nichts erbrüten.

Doch wußt' er als ein frommer Mann
Sich Augenblicks zu fassen,
Und dacht': ich will, was ich nicht kann,
Dem Himmel überlassen,
Vielleicht räth der im Traume mir,
Worüber ich mir wachend hier
Den Kopf umsonst zerbreche.

So denkend schlief er ruhig ein
Auf seinem weichen Kissen;
Ein gleiches thaten jetzt auch fein
Die Thiere mit vier Füßen,
Nur mit dem Unterschied, daß sie
So schön, wie unser Held jetzt, nie
In ihrem Leben träumten.

Der heilige Tiberius
In einem Strahlensaume
Als Schutzpatron vom Tiberfluß
Erschien ihm jetzt im Traume,
Und fing in fließendem Latein,
Wie folgt, ihm an zu prophezeihn.
Und ihn zu instruiren:

»Du bist am Ziel. Ruh' aus, mein Sohn
Von deinen großen Thaten,
Denn wiß, die Vögel fliegen schon
In's Maul dir jetzt gebraten;
Hier an den Ufern meines Stroms
Wird einst die Zinne deines Doms
Ihr stolzes Haupt erheben.«

»Und wo du finden wirst ein Schwein
Einst unter einer Eiche
Mit dreißig Jungen, da wird sein
Der Sitz von deinem Reiche;
Denn wo dies Schwein sich Eicheln sucht.
Wird einst sich deiner Enkel Zucht
Von deutschen Eicheln mästen.«

»Um jetzt mit Helfershelfern dich
Zum Kriege zu verbinden,
Wird jenseits meines Flusses sich
Ein Heer Zigeuner finden:
Denn von der Welt Erschaffung war
Das Römerländchen immerdar
Bewohnt von Raubgesindel.«

»Einst grasten Bruta nur umher
In diesem schönen Staate,
Wovon das Volk der Brutier
Den edlen Namen hatte:
Nun herrscht in dem gelobten Land
Ein Fürst, Evander zubenannt,
Mit einem Heer Zigeuner.«

»Und weil dies Land das Pechland heißt,
So ward in Adams Tagen
Auch über einen Stiefelleist
Das ganze Land geschlagen:
Weßwegen auch der Stiefelfuß
Dem Herrn des Lands gebühren muß,
Als Knecht von diesem Stiefel.«

»Und eben dieser Stiefelknecht
Wird sich dann sehr bemühen,
Den Fürsten durch das Kirchenrecht
Den Stiefel auszuziehen;
Darauf beweist er ihnen kühn,
Es habe schon Fürst Constantin
Ihm selben angemessen.«

»Drei Opfer nur will ich dafür
Von euch mir ausbedingen,
Die sollen Romuls Enkel mir
Mit frohem Danke bringen!
Ein Papst soll einst in Corpore,
Ein andrer in Effigie
In meine Fluten wandern.«

»Dann soll man ein Erzbischöflein
Mir noch pulverisiren,
Den Staub in meine Fluten streu'n,
Und mich damit fetiren;
Und dies, weil ich von Anbeginn
Des Himmels größter Liebling bin
Aus allen Erdenflüssen.«

So sprach jetzt von der Dinge Lauf
Der Schutzpatron der Tiber,
Und weckte unsern Helden auf
Mit einem Nasenstieber.
Ter Held sprang auf, lief an den Strand
Soff Wasser aus der hohlen Hand,
Und betete, wie folget:

»Du großer Holzversilberer
Del populo cornuto,
Sieh auf mich Armen gnädig her,
Anch' io sono Bruto,
Du Christoph aller Flüsse trag'
Auf deinem Rücken huckepack
Mich hin jetzt zu Evandern.«

Zum Prinz Evander ward jetzt ein
Kellhammer flugs bemannet,
Und Handwerksbursche wurden drein
Statt Segel eingespannet.
Das Schiff in ihren Händen lief
Schnell wie das Regensburger Schiff,
Genannt die Ordinari.

Das neue Schiff bewunderten
Der Berge kahle Gipfel,
Die nahen Bäume schüttelten
Vor Wunder ihre Wipfel,
Sogar die Wellen hüpften auf,
Um dieses neuen Schiffes Lauf
Neugierig anzugucken.

Kaum war die Sonn' im Centrum an
Der blauen Himmelsscheibe,
So war auch schon die Karavan'
Evandern auf dem Leibe.
Aeneas ging sogleich an's Land,
Mit einem Oelzweig in der Hand,
Und eilte zu dem König.

Sobald Evander vom Willkomm
Sich nach Gebühr entledigt.
So führt er gleich in seinem Dom
Die Gäste zu der Predigt:
Da hörte, weil just Kirchweih war,
Die sämmtliche Trojanerschaar
Nachstehendes Mirakel:

»Wie nämlich einst dies Kanaan
Ein Räuber thät verheeren,
Gen den Kartusch und Tullian –
Sonst Lips – Spitzbuben wären:
Wie dieser Signor Fürchterlich
Vom tapferen Rinaldo sich
Thät Rinaldini schreiben.«

»Wie dann um diesen Urian
Mit Spießen und mit Stangen
Die Sbirren, stark zweihundert Mann,
Zu fahen ausgegangen,
Und er das sämmtliche Piquet
Gar schrecklich malchisiren thät
Sammt ihrem Barigello.«

»Wie man gen diesen Unhold dann
Vier Compagnien sandte,
Und sie mit Schießgewehr und Bann
Und Dolchen wohl bemannte.
Und wie dann als ein anderer
Alcid, Held Piccoli dies Heer
Soldaten commandirte.«

»Wie drauf mit vier von seinem Troß
Der Kerl sich retirirte,
Und sich in einem schönen Schloß,
Mit ihnen einquartierte,
Und wie Held Piccoli darin
Drei Tage lang vergebens ihn
Mit seinem Volk blokirte.«

»Wie dann der Himmel wunderbar
Den Helden hätt' erleuchtet.
Nachdem er seine Sünden gar
Reumüthiglich gebeichtet,
Daß er das ganze schöne Schloß,
Mitsammt dem argen Räubertroß,
Zu Asche soll verwandeln.«

»Wie auch der große Piccoli
Dies Augenblicks vollführte;
Worauf der Räuber ohne Müh'
Von selbst capitulirte:
Wie dann, vor Hunger schon halb todt,
Die tapfere Soldatenrott'
Ihn ins Gefängniß schleppte.«

»Und wie sie jährlich diesen Tag
Mit Pauken und Trompeten
Und Essen, was der Bauch vermag,
Als Kirchweih feiern thäten,
Für dieses Wunder, welches sie
Nebst Gott dem großen Piccoli
Zu danken hätten. Amen!«

Gleich nach der Predigt führte man
Die fremden Herr'n nach Hause;
Drauf setzten alle Mann für Mann
Sich hin zum Mittagsschmause:
sobald der Held bei Tische saß,
Ward eilig ausgetrommelt: daß
Der Held Aeneas esse.

Und um nach Tisch Commmotion
Zu machen, ging der König
Mit unsern Herr'n aus Ilion
Im Land herum ein wenig,
Als unser Held nicht weit vom Strand
Die Sau mit dreißig Jungen fand,
Das Sinnbild seiner Staaten.

»Nun weiß ich erst den rechten Fleck,
Worauf mein Rom wird stehen,
Rief er, drum laßt in einem weg
Die Gegend uns besehen.«
Nun ging er den Evander an,
Ihm auf dem Platz den künft'gen Plan
Von Rom zu expliciren.

Der alte Herr Evander that's,
Und wies in Or'ginali
Ihm jetzt den großen Tummelplatz
Der Salti immortali
Der alten Römer, und auch den
Ums gute zehnmal kleineren
Der heutigen Pagliazzi.

Er wies die Ureinwohner Roms
In armen kleinen Hütten
Ihm jetzt jenseits des Tiberstroms,
Ein Volk von groben Sitten.
Drum war und blieb auch stets allhier
Das Sesselträger-Hauptquartier
Der alt- und neuen Römer.

Dann zeigt' er einen Berg ihm an,
Wo man den Gott verehrte,
Durch dessen Hülf' und Fürbitt' man
Die Kinder reden lehrte:
Worauf, weil Kinder immerdar
Die Wahrheit sprechen, unfehlbar
Der Vatikan geworden.

»Hier ist, begann Evander jetzt,
Ein Poltergeist verstecket,
Der gleich dem Donnergotte blitzt,
Und Nachts die Bauern schrecket:
Es sei ein Gott, geht hier die Sag',
Allein von welchem neuen Schlag,
Das mag der Teufel wissen.«

Drauf kam ein Wald, wo Romulus,
Sein Städtchen zu peupliren,
Zuerst es unternahm, das Jus
Asyli
einzuführen;
In welche hochbefreite Stadt
Sich dann vor Galgen, Schwert und Rad
Die Stifter Roms salvirten;

Auf welchem Platz jedoch nachher
Die Römer Krieg und Frieden
Als Fürsten und Eroberer
Der halben Welt entschieden:
Allein wo nun des Morgens früh
Nur Ochsen, Rinder, Schaf und Küh'
Und Schweine Reichstag halten.

Dann auch ein Plätzchen in dem Hain,
Das einst die Rostra zierten,
Wo mit allmächtigem Latein
Die Cicero's plaidirten,
Und wo, vom süßen Wein erhitzt,
Sein Kauderwelsch den Bänken jetzt
Ein Franziskaner predigt.

Und dann die höchste Herrlichkeit
Der künft'gen Erdengötter
Das hohe Capitol, anheut
Das römische Bicetre.
Dann einen Fels, das heidnische,
Und späterhin das geistliche
Lupercal Alexanders.

Sodann auch die geräumigen
Und großen Katakomben
Wo immer seit Jahrhunderten.
In ganzen Hekatomben
Jud', Heid' und Christ beisammen lag,
Die Rumpelkammer heut zu Tag
Der alten heil'gen Leiber.

Hierauf zwei überprächtige
Badstuben großer Kaiser,
Jetzt Scheunen und Gefängnisse
Langbärtiger Karthäuser;
Dann auch den unterird'schen Dom
Der Göttin, der man jetzt zu Rom
Auf allen Gassen opfert.

Und dann das Feld des Mars, wo man
Das Waffenspiel nur liebte,
Und wo Roms Jugend sich fortan
Im Welterobern übte! –
Wo zwischen Höckerweibern jetzt
Ein Paar Salamekrämer sitzt,
Sein Alla mora spielend.

Die Ehrensäulen, die der Welt
Der Römer große Thaten
Zu Haus, zu Wasser und im Feld
So laut verkündet hatten:
Ein Ding, das bei den Römern nun
Zween andere Herolde thun –
Marsorio und Pasquino.

All diese Wunder und noch mehr
Dergleichen producirte
Evander jetzt dem Trojerheer.
Aeneen sürprenirte
Der Dinge wunderbarer Lauf,
Er sperrte Maul und Augen auf,
Und rief zu Allem: Cazzo!

Indem nun aus der Unterwelt
Den Trojern dies begegnet,
Und sich der fromme tapfre Held
Darüber kreuzt und segnet,
Begann in ihrem Himmelsbett
Frau Venus dieses Tete a Tete
Mit ihrem alten Lahmfuß:

»Du! hörst du, alter Hauspatron!
Du kannst wohl für mein Wachen
Bei dir im Bette meinem Sohn
Zum Krieg jetzt Waffen machen:
Er ist doch unser Sohn, und wär'
Er todt, du lieber Gott, woher
Dann einen zweiten nehmen?«

»Du bist ein lieber, guter Mann!
Du hast es ja der alten
Frau Thetis und Azror' gethan,
Trotz ihren vielen Falten:
Thu' mir's nun auch, Herr Ehgemahl,
Und laß durch diesen Kuß einmal
Dich wiederum erwärmen.«

Elektrisirt durch diesen Schmatz
Vom Kopf bis zu den Zehen,
Sprach er: »was du verlangst, mein Schatz!
Soll Augenblicks geschehen,
So gut ich's kann.« Umarmte sie
Und schlief in ihrem Arm, bis früh
Sanct Peters Hahn ihn weckte.

So wie die ems'ge Hausfrau, die
Auf Wirthschaft sich verstehet,
Im ganzen Haus herum sich wie
Ein rascher Kreisel drehet,
Die Domestiken cujonirt,
Den armen Hausknecht maulschellirt,
Und gar den Kutscher prügelt:

So fleißig macht sich Herr Vulkan
Des Morgens aus dem Bette,
Zieht sein berußtes Schurzfell an,
Schleicht aus dem Kabinette
Heraus auf seinen Zehen schier,
Nimmt seinen Weihbrunn an der Thür,
Und eilt in seine Werkstatt.

In Aetna's tiefstem Flammenschlund
Brennt eine Feueresse,
Von höllischer Erfindung und
Von ungeheurer Größe.
In dieser großen Schmiede wird
Der Waffenvorrath fabricirt
Für's Vatikan'sche Zeughaus.

Bei Blasebälgen, die gefüllt
Mit Seeleneifer blasen,
Sieht man den Fanatismus wild
In hohen Flammen rasen,
Und donnernd hört man Tag für Tag
Der Theologen Hammerschlag
Auf ihres Glaubens Ambos.

Hier schmieden, in ein rußig Heer
Cyclopen umgeschaffen,
Merz, Zaccaria, Weißlinger
Et Socii die Waffen
Für's große Römerarsenal,
Wovor so sehr der Erdenball
Seit kurzem noch gezittert.

Hier liegt, in Kammern wohl verwahrt
Ein Haufen von Censuren
Und Interdicten aller Art,
Nebst andern Armaturen,
Auch groß und kleine Donnerkeil'
Für'n Vatikan'schen Zevs, zum Theil
Noch stumpf, zum Theil gespitzet.

Auch Ketten, den Ungläubigen
Bestimmt, Suspensionen,
Nebst all' den Eidentbindungen
Und Absolutionen,
Mit welchen man vom Vatikan
Aus oft den treuen Unterthan
Mit seinem Herrn entzweite.

Dies mächtige Cyclopencorps
Hielt hier mit glüh'nden Zangen
Just einen Ketzer bei dem Ohr
Am Ambos wie gefangen;
Hebt hoch die schweren Hämmer itzt
Und schlägt drauf los, der Schädel spritzt
Das Hirn von sich wie Funken.

Zu dieser Arbeit kam Vulkan
Und sprach: »Gebt euch zufrieden
Wir müssen einem frommen Mann
Jetzt eine Rüstung schmieden:
Die wird zu Rom erst consecrirt,
Dann schicken wir sie verpetschirt
Ihm auf der Diligence.«

Nun ging der große Blasbalg los,
Wild sausend in die Flammen:
Das Eisen, Gold und Silber floß
In einen Brei zusammen;
Und aus den Schild, der draus entstand,
Gings pinkepank, mit flinker Hand,
Daß Erd' und Ambos bebten.

Indessen die Cyclopen hier
Aus allen Kräften hämmern,
Fing oben in dem Weltrevier
Der Morgen an zu dämmern:
Das Wachtelmännchen schlug wau wau!
Die Sonne färbte grau in grau
Die Welt mit ihrem Lichte.

Die Fliegen, die den Großen gern
Auf ihre Nasen klecken,
Die hatten sich erbost, den Herrn
Evander aufzuwecken:
Der ging mit ungekämmtem Haar
Und ganz in Albis wie er war,
In des Aeneas Zimmer.

Er setzte sich zum Trojerherrn
Auf's Bett, und sprach voll Sorgen:
»Ich wollt' Eu'r Liebden herzlich gern
Mein ganzes Kriegsheer borgen;
Doch bin ich selbst ein armer Narr,
Und unaufhörlich in Gefahr,
Das, man mein Land mir kapert.«

»Doch da mich die Hochmögenden
Zum König postuliret,
Nachdem sie jüngst den ihrigen
Großgünstig exiliret,
Und da mein Alter, wie ihr wißt,
Hierzu schon zu baufällig ist,
So will ich's euch cediren.«

»Sie sind zwar mit dem vor'gen Herrn
Verzweifelt umgegangen:
Sie nahmen Kron' ihm, Band und Stern,
Und hätten ihn gehangen,
Ja, hielten Dolch und Strang bereit.
Wenn er nicht noch zu rechter Zeit
Zum Turnus wär' entwischet.«

»Sie sagten: einen Volkstyrann
Den dürfe man verjagen,
Und so was läßt der Pöbel dann
Sich nicht gern zweimal sagen,
Seit Busenbaum und Compagnie
Die fromme Monarchomachie
Die Unterthanen lehrte.«

»Indeß erlaubt mir, euch in's Feld
Mein Söhnchen mitzugeben:
Der Bursche flucht schon wie ein Held,
Springt über alle Gräben,
Und prügelt den gemeinen Mann,
Man säh' ihm so was gar nicht an,
Schon jetzt ganz unvergleichlich.«

Aeneas dankt', und machte gleich
Sich wieder reisefertig:
Man war im herrenlosen Reich
Auch seiner schon gewärtig.
Prinz Pallas, des Evanders Sohn,
Ward Chef von einer Escadron
Dragoner seines Vaters.

Schön equipirt als General
Von seines Vaters Säckel,
Stak er in einem Futteral
Von steifem Pappendeckel,
Sein Helm, ganz von Papier maché,
War einstens der vollständigste
Traité de l'Art de guerre.

Zu seinem Harnisch hatte man
Vorsichtig einen ganzen
Vauban verbraucht, um unsern Mann
Vorm Feinde zu verschanzen:
Den ganzen Montecuculi
Sammt Belidors Artillerie
Hatt' er an seinen Fingern.

Und wer an seinen Brustschild sich
Vermessen wollte wagen,
Der mußte einen Friederich,
Eugen und Moritz schlagen:
Folard bedeckt ihn bis an's Knie,
Und Frontins ganze Strategie
Trug er an seinen Füßen.

So hüllt sich oft ein Kritiker
In ganze Folianten,
Gibt seinem Text ein fremdes Heer
Von Noten zu Trabanten,
Prahlt dann in diesem Aufputz sich,
Und schreiet: »Alles das bin ich!«
Und gilt für einen Helden.

So väterlich mit Schild und Speer
Versorget ritt der kleine
Prinz Pallas mit dem Trojerheer
Nun über Stock und Steine,
Und der vierfüß'ge Ton im Feld
Vom Pferdehuf glich wohlgezählt
Just Versen von vier Füßen.

Doch als die Herren Ilions
Zu einem Wirthshaus kamen,
Und gleich den Sachsenpostillons
Ein Schnäpschen zu sich nahmen,
Da blieb der Held Aeneas vor
Dem Wirthshaus stehn, und hatt' am Thor
Jetzt eine Haupterscheinung.

Er sah in einer Glorie
Den Schild vorm Wirthshaus prangen,
Wobei, als ob es donnerte,
Die Wort' in's Ohr ihm drangen:
»Dies Bild, gemalt vom Gott der Zeit,
Wird deines Reiches Herrlichkeit
Und Zukunft dir enthüllen.«

Der Held riß Maul und Augen auf,
Als wollt' er ihn verschlingen,
Und sah die größten Wunder drauf
Ihm in die Augen springen.
Er stellte sich hin vor den Schild
Und ließ auf diesem Wunderbild
Den Blick herumspazieren.

Er sah auf einem Wolkenthron
Ein irdisch Wesen sitzen.
Den Mund gefüllt mit Donnerton,
Die Rechte voll mit Blitzen,
Zwei Schwerter in der Linken blos,
Ein Doppeladler waffenlos
Als Schemel ihm zu Füßen.

Er sah, wie da mit voller Hand
Die halbe Welt ihm frohnet,
Und er dafür dann Leut und Land
Mit zweien Fingern lohnet,
Auf ihre Gaben gnädig sieht,
Und seinen goldnen Thron damit,
Gebietet auszuschmücken.

Wie tief gebeuget vor ihm her
Besiegte Völker wallen,
Und Fürsten und Eroberer,
Als seines Reichs Vasallen,
Hin vor ihm knien, gebückt und stumm,
Und er mit ihrem Eigenthum
Die Bittenden belehnet.

Allein die größte Herrlichkeit
Von diesem Reiche strahlte
Aus jenen Wundern, so die Zeit
Im Hintergrunde malte.
Wie hier ein Hirt, der Schafe säugt,
Als Wolf zugleich die Zähne zeigt,
Womit er sie zerreißet.

Wie dort im fei'rlichen Complot
Ein Weiberraub beginnet,
Und da das Blut auf dem Schaffot
Von einem König rinnet,
Deß fürchterlich gerächter Tod
Den Sikulern das Vesperbrod
Auf immerdar vergällte.

Wie dort mit bloßem Haupt und Fuß
Der Herr von einer Krone
Vor einem Schloßthor frieren muß,
Bis endlich vom Balkone
Ein ungezogener Schlossersohn
Die Sündenabsolution
Hochzürnend ihm ertheilet.

Wie hier ein Fürst sich krönen läßt,
Und dann der Papst beim Kusse
Die Krone von dem Haupt ihm stößt
Mit seinem heil'gen Fuße,
Und dorten eines Schusters Sohn
Gar nach dein deutschen Kaiserthron
Die kühnen Hände strecket.

Wie dorten ein Universal-
Monarch sich präsentiret.
Der den gesammten Erdenball
Mit einem Streich halbiret.
Und alles unentdeckte Land
Zween Fürsten schenkt mit hoher Hand,
Wenn sie's entdecken wollen.

Wie dort mit Scepter und mit Kron'
Ein Kaiser ausgezieret,
Den Päbsten, als ein frommer Sohn,
Am Altar ministriret,
Ihm dann in Reitknechts-Liverei
Den Bügel hält, und als Lakai
Mittags die Teller wechselt.

Wie hier im hohen Vatikan
Ein schwaches Weib regieret,
Und im Triumph den Pabst, den man
Vertrieb, zurücke führet.
Wie Rom ihm jauchzend huldiget,
Und ihm ein Weib zur Seite geht,
Als seine Mitregentin.

Wie Schlendriane dort der Welt
Gesetze promulgiren,
Ein Isidor siefälscht ums Geld
Und Dunse commentiren,
Und wie dies auch vom Römerstuhl
In den Gerichts- und Predigtstuhl
Und andre Stühle wandert.

Im Vordergrund sah noch der Held,
Als päpstliche Vasallen,
Die Fürsten einer halben Welt
Zu diesem Halbgott wallen;
Sie gingen in Prozession,
Um ihm aus seinem hohen Thron
Den heil'gen Fuß zu küssen.

Und sieh! auf dieser Seite von
Dem Schild, wo sich die alten
Und neuen Wunder Roms, als schon
Gescheh'ne Dinge malten,
Stand unten an des Schildes Rand:
Dies Haus, das steht in Gottes Hand,
Und heißt: zu'n röm'schen Päpsten
.

Der Held, den dieses schöne Bild
Der Größe Roms erfreute,
Beguckte nun den Wunderschild
Auch auf der andern Seite.
Und darauf präsentirte sich
In noch ganz frischem Pinselstrich
Nachfolgendes Spektakel:

Er sah hier einen edlen Mann
Sich seines Thrones freuen,
Und Segen auf den Unterthan
Mit vollen Händen streuen:
Erhöht schien darum nur sein Thron,
Um Wohl und Weh der Nation
Darauf zu übersehen.

Er sah, wie ganze Völker da
Hin zu dem Edlen ziehen.
Mit Dank im frohen Blick; doch sah
Er keinen vor ihm knieen,
Weil streng der weise Mann verbot.
Vor Jemand anderm als vor Gott
Ein Menschenknie zu beugen.

Wie er, der Wahrheit nur getreu,
Die Herrscherrechte kennet.
Und von der Geistestyrannei
Mit scharfem Blick sie trennet;
Und wie ihn da kein Donnerton,
Und kein gemalter Acheron
Auf seiner Bahn erschrecket.

Wie er, was seinem Thron gebührt,
Und ihm die Zeit entrissen,
Mit muth'gem Arme vindicirt,
Und wie zu seinen Füßen
Ein Genius an seinen Thron
Der Römer Usurpation
Das Non plus ultra schreibet.

Wie drob der Dinge Lauf in Rom
Sich wunderbarlich wendet,
Und man vom fernen Tiberstrom
An ihn Gesandte sendet,
Und wie in einem Reisekleid
Von Sanftmuth und Bescheidenheit
Zu ihm Roms Bischof wallet.

Wie ob dem neuen Phänomen
Der Alpen Gipfel zittert,
Doch nichts den Festentschlossenen
Auf seinem Thron erschüttert!
Wie er mit deutscher Gastfreiheit
Dem Kommenden die Rechte beut,
Und fürstlich ihn bewirthet.

Wie er im Innern seines Staats
Herum den Fremden führet,
Und ihm da jeden seltnen Schatz
Des Landes produciret;
Dann vom Balkone, hocherfreut,
Des Fürsten größte Herrlichkeit, –
Sein frohes Volk ihm zeiget.

Wie er nun freie Macht ihm läßt,
Dem Volk mit beiden Händen,
So wie zu Rom im Jubelfest,
Den Segen auszuspenden,
Und drauf ihn, wie er kam, entließ.
Der Schild auf dieser Seite hieß:
Zum römisch-deutschen Kaiser.

 

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