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Gutenberg > Aloys Blumauer >

Virgils Aeneis, travestirt

Aloys Blumauer: Virgils Aeneis, travestirt - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleVirgils Aeneis, travestirt
publisher
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeErster Theil
printrunRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130817
projectid46647a17
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Fünftes Buch.

Inhalt.

Wie der fromme Held Aeneas seinen theuern Vater Anchises zum zweiten mal in Sicilien gar stattlich begraben, und dabei seine treuen Gefährten in allerlei Spiel in Schimpf und Ernst üben thät', und was dabei weiter vorging.

Aeneas hört' auf seinem Schiff
Ein klägliches Gewimmer,
Und guckte mit dem Perspectiv
Zurück nach Dido's Zimmer;
Er sah ihr End' und rief ihr zu:
»Der Herr geb' dir die ew'ge Ruh'
Und mir – ein ander Weibchen!«

Doch Dido's Thränen, die der Schmerz
Ihr aus dem Aug' gemolken,
Erhoben sich nun himmelwärts
In schweren Regenwolken,
Und diese leerten mit Gebraus
Sich über unsern Flüchtling aus,
Um ihm den Kopf zu waschen.

Durchnäßt stand Palinur und frug
Den Herrn Neptun in Gnaden:
»Ei! habt ihr denn nicht Wasser gnug,
Uns Sterbliche zu baden?« –
Aeneas rieb die Augen sich.
Und rief: »Die Tropfen beißen mich,
Gewiß sind's Weiberthränen!«

Doch Palinur rief aus Verdruß:
»Ich bin ein Bärenhäuter,
Fahr' ich euch einen Büchsenschuß
Bei diesem Regen weiter:
Nach Wälschland fahre, wer da will!
Ich halt am nächsten Hafen still,
Uns Parapluis zu kaufen.«

Um nun die Schneckenfahrt am Meer
Ein bischen zu beleben,
Ließ er durch seine Ruderer
Der See die Sporen geben:
Und diese stießen auch nicht faul
Dem trägen großen Wassergaul
Gewaltig in die Rippen.

Der Gaul schlug' vorn und hinten aus,
Und brachte seine Reiter
Mit Schäumen, Toben und Gebraus
In wenig Stunden weiter:
Und nun ging's – freilich nicht hopp hopp –
Jedoch im sausenden Galopp
Hin in Acestes Hafen.

In eine Bärenhaut genäht,
Mit Pfeilen ganz den Rücken,
Gleich einem Stachelschwein, besät,
Doch Freundschaft in den Blicken,
Erschien Acestes an dem Strand,
Und hieß in seinem kleinen Land
Die nassen Herrn willkommen.

Kaum war nun alles unter Dach,
So ging der Bratenwender;
Aeneas aber suchte nach
In seinem Schreibkalender,
Und fand: es sei gerad' ein Jahr,
Daß sein Papa gestorben war,
Und hier begraben wurde.

Er ließ sogleich das Trojerheer
Bei sich zusammen kommen,
Und sprach: »Ihr, die ihr über's Meer
Mit mir hieher geschwommen,
Und deren Stamm in jener Welt
Großväter, Basen, Tanten zählt,
Vernehmet, was ich sage!«

»Ich mach' euch, liebe Dardaner
Mit Thränen hier zu wissen:
Heut' ist's ein Jahr, daß, ach, mein Herr
Papa in's Gras gebissen:
Drum zog der Himmel, wie wir sahn;
Heut diese tiefe Trauer an
Und weinte große Tropfen.«

»Denn wißt, ein großer Herr kann nicht
So wie ein Hund krepiren:
Drum laßt uns jetzt nach unsrer Pflicht
Den Jahrtag celebriren! –
O gönne, Vater, gönne mir
Das Glück, dich alle Jahre hier
Von neuem zu begraben!«

»Du bist gewiß ein Heiliger
Im Himmel, wie ich glaube;
Du warst ja stets ein Eiferer
Der unverfälschten Trauben
Drum, komm' ich nach Italien,
So lass' ich mir Reliquien
Aus deinem Leibe machen.«

»Mir soll der reiche Weinsteinquell
In deinem heil'gen Magen
So viel, als das Aloysi-Mehl
Den Jesuiten, tragen:
Zum mindesten bin ich gewiß,
Mein Mittel wirkt wohl eh' als dies
Im Unterleib Mirakel.«

»Drum traur't um meinen Herrn Papa,
Und windet ihm zur Ehre
Pleureusen um die Pokula,
Und um die Fässer Flöre;
Und um auch des Champagners Knall
Zu dämpfen stecket überall
Sourdinchen in die Flaschen.«

»Neun Tage sei kein Trinkgelag
In allen Weinbehältern:
Der Winzer soll an diesem Tag
Statt Most nur Thränen keltern!
Der Schmerz soll Kellermeister sein,
Und dieser zapfe nun statt Wein
Uns Wasser aus den Augen.«

»Nun laßt uns die Exequien
Wie sich's gebührt, erneuern,
Und dann den Tod des Seligen
Mit frommen Spielen feiern.«
Sprach's: und so wallte Paar und Paar
Im Leichenzug die Trojerschaar
Zum Grab des frommen Trinkers.

Aeneas selber ging voran,
Und füllte nun mit Zähren
Den Tummler, den der sel'ge Mann
Gewohnt war auszuleeren.
Ihm folgten auch die andern nach,
Und gossen manchen Thränenbach
In ihre leeren Flaschen.

Als Klerisei verschönerte
Den Zug ein Trupp Pauliner,
Ein Dutzend wohlgemästete,
Langbärt'ge Kapuziner,
In braunen Mänteln, Paar und Paar,
Und endlich schloßen noch die Schaar
Zwölf Paar Dominikaner.

Beim Grab des Todten ward zur Stund
Ein Kastrum aufgeführet,
Mit hundert Lampen aus Burgund
Gar schön illuminiret:
Er lag im Sarg', und um ihn her
Die Brüderschaften all, die er
Sein Lebelang – getrunken.

Und als der Sarg ward aufgethan,
So schrie ob dem Spektakel,
Das sich jetzt zeigte, jedermann
Aus vollem Hals: Mirakel!
Denn sieh! zum Zeichen, daß er noch
Ganz unverwesen wäre, kroch
Ein Wurm ihm aus dem Leibe.

»Du, der du hier die Rudera
Des Seligen verzehrest,
Und dich von dem Ambrosia
Des heil'gen Leibes nährest,
Bist du des Frommen Genius,
Sag', oder nur der Famulus
An seiner Hinterpforte?«

So frug erstaunt der fromme Mann:
Doch, ohne ihn zu hören,
Fing unser durst'ger Schutzgeist an
Die Lampen auszuleeren:
Er leerte sie den Augenblick,
Und kroch dann wiederum zurück
In seinen Tabernakel.

Da Herr und Diener nun nichts als
Gestank zur Antwort gaben,
So eilte man jetzt über Hals
Und Kopf sie zu begraben.
Man scharrte Sanct Anchisen ein:
Ein Rebenhügel voll mit Wein
Ward seine Grabesstätte.

Aeneas ließ das Grab zur Stund
Mit jungen Reben krönen,
Und spritzte sie mit seinen und
Der Trojer heißen Thränen:
Woher es denn auch kommen mag,
Daß noch bis auf den heut'gen Tag
Die Rebenstöcke weinen.

Man ging nun und bereitete
Ein Mahl in großen Töpfen,
Und kriegte das vierfüßige
Geleite bei den Köpfen.
Die meisten starben durch das Beil,
Ein Theil ward aufgehängt, ein Theil
Gespießet und – gebraten.

Doch während die Trojaner sich
In Wein und Thränen baden,
Ward durch die Zeitung männiglich
Zu Spielen eingeladen,
Die Trojens frömmerer Achill
Dem, der durch Tokay's Hektor fiel,
Zu Ehren geben wollte.

Die Traurnovene war jetzt um.
Als nun der Tag gekommen,
An dem Aurora wiederum
Ihr Bischen Roth genommen,
So stand, von Neugier hergebannt,
Das Volk, Hans Hagel sonst genannt,
Schon da mit offnen Mäulern.

Vier Luftballone, jeglicher
So groß, daß für Planeten
Die größten Astronomiker
Sie angesehen hätten,
Die lagen fertig, um nunmehr
Mit dem gesammten Sternenheer
Ein Tänzchen mitzumachen.

Und sieh, in einem jeglichen
Von diesen vier Planeten
Stieg eine der gepriesenen
Gelehrten Fakultäten,
Sammt Kanzler und Magnifikus,
Dekan, Pedell und Syndikus,
Und Fakultätsdirektor. –

O Phöbus, der dem Erdenball
Stets Licht und Wärme bringet,
Und der sogar mit seinem Strahl
In Dichterköpfe dringet,
Du bist ja selbst ein Luftballon:
Laß mich bei dieser Aktion,
Ich bitte dich, nicht stecken!

Im ersten Luftschiff schwamm empor
Madam Philosophia:
Ihr Schiff stellt' einen Falken vor,
Und das nicht ohne quia;
Denn wißt: ein Falke scheut kein Licht,
Er schaut der Sonn' ins Angesicht,
Und kriegt nicht Augenschmerzen.

Das zweite Schiff, auf welches sich
Die Mediker begaben,
Trug schwarze Liverei, und glich
Leibhaftig einem Raben,
Weil dieser Vogel von Natur
Sich von dem Fluch der Menschheit nur
Id est: vom Aase nähret.

Das mächt'ge Jus behauptete
Die dritte Luftkarjole:
Das Schiff, worauf es segelte,
War ähnlich einer Dohle,
Ein Thier, das Fäden gern verfitzt,
Viel schwätzt, und alles wegstipitzt,
So weit sein Schnabel reichet.

Im vierten Schiff war endlich die
Theologie zu schauen:
Das schöne Luftpirutsch, das sie
Bestieg, glich einem Pfauen:
Denn, wenn dies Thier, sonst stolz gebaut,
Herab auf seine Füße schaut,
So schämt es sich verzweifelt.

So stand, gefüllt mit eitel Dampf,
Die Wolkenflotte fertig,
Und war, erpicht auf Sieg und Kampf,
Nur des Signals gewärtig,
Um dem Janhagel, welcher sich
Versammelt hatt', ein fürchterlich
A quatro vorzuspielen.

An dem Plafond des Himmels sehn
Wir vier Gestirne hangen,
Von welchen diese streitenden
Parteien ausgegangen:
Von Zevs der Pfau, vom Mars das Jus,
Der Rabe vom Merkurius,
Der Falke von der Sonne.

Dies war das Ziel, zu dem hinan
Die Luftgaleeren wollten,
Und wo sie reformirt sodann
Zurücke kehren sollten;
Weil jede nach der Ehre geizt,
Sie hätt' ein Stern herab geschneuzt,
Als er den Schnupfen hatte.

Und weil sich jede Zunft der Welt,
Für jährliche Gebühren,
Im Himmelreich Agenten hält,
Die dort für sie agiren,
So waren auch die heiligen
Patronen dieser kämpfenden
Parteien hier zugegen.

Denn vor dem Himmelsthor erschien
Sanct Katharina scherzend,
Am Arm des Thomas von Aquin,
Den alten Ivo herzend,
An diese schlossen noch sich an
Sanct Kosmas und Sanct Damian
Mit Apothekerbüchsen.

Kaum tönte das Signal ins Ohr,
So flogen die Galljonen
Lautzischend in die Luft empor,
Gleich Stubers Tourbillonen,
Um ihre hocherleuchtete
Gradirte Köpf' in wolkichte
Perücken einzuhüllen.

So bricht, wenn es im Kopfe brennt
Ein Dichter aus den Schranken,
Schwingt sich hinan zum Firmament
Auf lustigen Gedanken,
Und drohet, wenn man ihn nicht fest
Hält, oder ihm zur Ader läßt,
Den Himmel einzustoßen.

Und nun hob in dem Wolkenplan
Mit gräßlichem Getümmel
Der Fakultäten Kampf sich an.
So einen Krieg am Himmel
Sah nicht der blinde Milton je,
Noch St. Johann der Sehende,
In der Apokalypse.

Die theolog'sche Kriegesmacht,
Mit aufgesperrtem Rachen,
Gebot der philosoph'schen Jacht
Despotisch, Halt zu machen,
Und drohte sonst durch ihren Duns –
Wie unlängst die Holländer uns –
Sie in den Grund zu bohren.

Jetzt nahten sich die Kämpfenden,
Potz Element! wie hausten
Die polysyllogistischen
Kartätschen, und wie sausten
Die ofengabelförmigen
Dilemmen und gekletteten
Soriten in den Lüften!

Es hatte die Theologie
Ein ganzes Heer Doktoren,
Die packten die Philosophie
Gewaltig bei den Ohren.
Ein Doktor – sonst Mellifluus
Gab für den kleinsten Bolzenschuß
Ihr eine Kanonade.

Laudone der Philosophie,
Sonst Helden ohne gleichen,
Sah man nun vor der Artillrie
Der Theologen weichen:
Der eine streckte das Gewehr,
Der warf es weg, ein anderer
Ließ sich's sogar vernageln.

Und kriegte die Theologie
Zuweilen einen schlauen
Freibeuter der Philosophie
In ihre heil'gen Klauen,
So briet sie ihn wie einen Fisch,
Um ihn gebraten schon zum Tisch
Des Satanas zu liefern.

Man tummelte sich lang herum
Im Regenwolkenzanke,
Da fiel das Jus canonicum
Dem Pfauen in die Flanke,
Und schoß ihm ohne viel Gebraus
Ein Auge nach dem andern aus
Auf seinem langen Schweife.

Indeß gewann der Falke Zeit,
Die Klauen sich zu schärfen,
Und, was an seiner Langsamkeit
Schuld war, von sich zu werfen:
Er warf – und machte nicht viel Wort
Den Aristoteles vom Bord,
Sammt seinen Quidditäten.

Er nahte sich nun seinem Ziel,
Indeß die kanonirten;
Der Pfau schoß zwar der Blitze viel
Nach ihm und den Alliirten:
Doch Franklin und Febronius
Entkräfteten fast jeden Schuß
Mit ihren Blitzableitern.

Nun, während sich im Kampf herum
Die drei Parteien trieben,
War das Collegium medicum
Ganz neuteral geblieben,
Und nahm bloß mit dem Dienst vorlieb,
Daß es brav Niesewurz verschrieb
Und Ader ließ und schröpfte.

Am nächsten kam der Falk hinan
Zu seinem fernen Ziele,
Er wurde Sieger, und gewann
Den ersten Preis im Spiele.
Er ward zum Adler, und zum Lohn
Ward unter lautem Jubel Kron'
Und Scepter ihm gegeben.

Nun kam auch von der Aktion
Das schlaue Jus zurücke:
Und dieses ward befreit zum Lohn
Von Rad' und Schwert und Stricke.
Doch die Facultas Medica,
Die nur so zusah, was geschah,
Nahm ihren Lohn sich selber.

Nun kam in lächerlicher Hast
Der Pfau der Theologen
Mit einem Ruder ohne Mast
Und Segel angezogen:
Nur mühsam zog er seinen Schwanz,
Allein es waren doch nicht ganz
Die Flügel ihm gestutzet.

So bäumt mit zischendem Getön
Die halb zertretne Schlange
In hundertfält'gen Krümmungen
Sich unter'm Fuß noch lange.
Doch ging darum nicht ohne Lohn
Auch diese Fakultät davon;
Denn sie bekam jetzt Weiber.

So nahm das schöne Schattenspiel
Für diesesmal ein Ende.
Ein Theil der Gaffer hielt sich still,
Ein Theil klopft in die Hände:
Der eine pfiff, der andre schalt,
Dem dritten ward nicht warm noch kalt
Und war doch alles gratis.

Im zweiten Spiele sah man nun
Anstatt der Herrn Doktoren,
Vierfüß'ge Thiere Wunder thun
Mit ungleich kürzern Ohren.
Denn unser Held gab auf dem Gras
Ein Pferderennen jetzt, und das
War veritabel englisch.

Zu diesem Rennen wurden all
Die Pferde hergeladen,
Die je brillirten außerm Stall;
Es kam Ihro Gnaden,
Der macedon'sche Seneschall,
Der weiland große Buzephal
Des kleinen Alexanders.

Auch kam mit einem Ritterstern
Der Rapp' heran geschritten,
Auf welchem einst die Tempelherrn
Und Heumondskinder ritten.
Nicht minder seine Herrlichkeit
Der Konsul von der Stadt, wo heut
Zu Tag der Pabst regieret.

Die Pferde, welche schon im Heer
Der Griechen debütirten,
Und trotz dem göttlichen Homer
Ihr Griechisches parlirten:
Dann auch die Rosse, weiß von Haar,
Die bei den alten Deutschen gar
Prophetendienste thaten.

Es hatten diese wiehernden
Propheten, die den alten
Bewohnern unsrer Gegenden
Für infallibel galten.
Schon manches Unglück prophezeit,
Allein ihr eignes Schicksal heut
Blieb ihnen, ach! – verborgen.

So hatt' im finstern Wallfischbauch
Einst Jonas vorgesehen,
Daß Ninive bald würd' im Rauch
Und Flammen untergehen;
Doch daß die Laube über Nacht
Verdorre, die er sich gemacht,
Ließ er sich gar nicht träumen.

Der keusche Roßinante, der
Nicht mehr die Stuten wittert,
Dann Herkuls Pferde, die ihr Herr
Mit Königsfleisch gefüttert,
Die kamen und noch andere,
Die uns die leicht vergessene
Miß Fama vorenthalten.

Die Renner harrten aufs Signal
Lautschnaubend in den Schranken:
Und nun erscholl der Peitsche Knall;
Sie flogen wie Gedanken,
Die oft ein Mädchen bei der Nacht
Mit Extrapost, wenn es erwacht,
An den Geliebten sendet.

Doch schneller, als der Sturmwind pfiff,
Und zehnmal noch behender,
Als all' die großen Herren, lief
Ein magrer Engelländer,
Ein Thier, so schnell und leicht zu Fuß,
Als hätte Mylord Aeolus
Es selbst Kurier geritten.

Nun folgten, aber weit zurück,
Die zween prophet'schen Schimmel,
Allein sie hefteten den Blick
Beständig nach dem Himmel,
Und sahen drum die Pfütze, die
Vor ihnen lag, nicht eh', bis sie
Darinnen stecken blieben.

Indeß fiel um ihr Büschchen Heu
Die arme brit'sche Mähre
Am Ziel ermattet auf die Streu,
Und starb den Tod der Ehre.
So liefen einst die griechischen
Athleten um ein Zweigelchen
Des Oelbaums sich zu Tode.

Doch dafür ward das edle Thier
In England sehr gepriesen,
Und neben Lock' und Shakespear
Ein Platz ihm angewiesen.
Das Monument des Seligen
Ist heut zu Tage noch zu sehn
In der Abtei Westminster.

Und nun begann das dritte Spiel
Dem Volk zu guter Letzte,
Das außerordentlich gefiel,
Denn es war eine Hetze.
Aeneas kannte 's Publikum,
Und wußte, daß die Wiener drum
Die Füße weg sich liefen.

Die Kämpfer rauften anfangs zwar
Gleich Hahnen nur um Körner,
Doch als man in der Hitze war,
Wies man sich auch die Hörner.
Drum setze, liebes Publikum,
Dich hübsch in einen Kreis herum,
Und sieh die Autorhetze.

Es trat ein Kämpfer auf die Bahn,
Der fing euch an zu trotzen,
Und seine Gegner, Mann für Mann,
Gewaltig anzuglotzen.
Er hieb vor'm deutschen Publikum
So schrecklich in der Luft herum,
Als wollt' er alle fressen.

Sein großer Bengel, vorne schön
Mit Blei, statt Witz, beschlagen,
Bewies, er sei der Cestus, den
Die Alten einst getragen.
Er warf nun diesen Cestus hin,
Und sieh! kein Gegner war so kühn,
Denselben aufzuheben.

Er krähte schon Triumph, da trat
Ein großer deutscher Ringer
Hin zum latein'schen Goliath,
Und wies ihm seine Finger.
Und sagte kühn ihm ins Gesicht:
Sein Kolben sei kein Cestus nicht,
Sei nur ein Pressebengel.

Sie gingen auf einander los,
Wie zween erzürnte Böcke,
Doch er bekam auf jeden Stoß
Des Gegners blaue Flecke.
Wie Hagel auf den Dächern saust
Des Siegers kampfgewohnte Faust
Um seine langen Ohren.

Allein ein kleiner Sieg erweckt
Stets Lust nach größern Siegen.
Er ließ den Prahler hingestreckt
Auf allen Vieren liegen,
Und warf nun den polemischen
Fechthandschuh einem anderen
Hin auf den deutschen Boden.

Ein Ding, so stark, das; es im Nu
Den Kopf euch brechen könnte,
Und doch war dieser Fechthandschuh
Nicht ganz mehr, nur Fragmente
Von einem Fechthandschuh womit,
Ein braver Ringer den Alcid
Einst vor den Kopf geschlagen.

Ein Stier, der in Hammonien
Gern Apis werden möchte,
Geübt in dem polemischen
Gelehrten Stiergefechte,
Der lief, wie wüthig, drum herum,
Und brüllte, daß dem Publikum
Dabei die Ohren gellten.

Er rannt' auf seinen Gegner los,
Als wollt' er flugs ihn spießen:
Allein schon auf den ersten Stoß
Mußt' er den Frevel büßen:
Ein Schlag auf seinen dicken Kopf
Vom Gegner, und da fiel der Tropf
Zu Boden, wie ein Plumpsack.

Als Nachspiel dieser Aktion,
Dem Troß des Volks zum Kitzel,
Kam die Repräsentation
Der kleineren Scharmützel,
Worin die Autorjungen sich
Vor'm Publikum so ärgerlich
Den Steiß einander zeigen.

Hier schlug ein Ochs nach einem Schaf,
Dort rauften Mäus' und Ratten,
Da schlug ein Esel aus und traf
Nur seinen eignen Schatten:
Hier lief ein Eber voller Zorn,
Dort stieß ein Bock sich selbst sein Horn
In hunderttausend Stücke.

Hier lag der Welt zum Scandalum
Ein Wärwolf fast geschunden,
Dort balgt' ein andrer sich herum
Mit zwanzig Fleischerhunden:
Die Hetze schloß, als Feuerhund,
Mit einem Eselsschweif im Mund,
Der bai'rsche Ketzerbrater.

Zuletzt ließ seinen Herrn Papa
Askan noch invitiren:
Er gab ein Caroussel, um da
Sich auch zu produciren,
Und zeigte zu des Vaters Freud'
Unendlich viel Geschicklichkeit
Im Schnalzen und Kutschieren.

Indessen so sich alles wohl
Gethan auf Feld und Anger,
Ward Juno von dem alten Groll
Mit neuen Ränken schwanger.
Sie rief ihr Kammerkätzchen her,
Und schickte sie hinab ans Meer
Mit heimlichen Depeschen.

Die alten Jungfern, die einst keusch
Aus Troja mit entliefen,
Weil sich an ihrem zähen Fleisch
Die Griechen nicht vergriffen,
Die lagen auf den Knieen da,
Und schickten zu Sanct Pronuba
Manch brünstig Stoßgebetlein.

Seit sieben Jahren segelten
Sie schon herum im Meere,
Gleich Ursula's Gespielinnen,
Mit dem Trojaner Heere,
Und boten jeglichem Tyrann
Ihr welkes Jungferkränzchen an
Für eine Marterkrone.

Zu diesen Jungfern kam in Eil'
Aus ihrem bunten Bogen
Herabgerutscht, als wie ein Pfeil,
Miß Iris angeflogen,
Und trat, wie ihr befohlen war,
Mit dieser malcontenten Schaar,
Wie folgt, in Unterhandlung:

»Die ihr zur See so zweifelhaft
Herum nach Männern treibet,
Und auf der Sandbank – Jungfrauschaft –
So lange sitzen bleibet,
Wißt, daß der Ort, nach dem ihr zieht,
Stets um so weiter von euch flieht,
Je länger ihr drum segelt.

»Sucht lieber hier die Flott' am Meer
Durch Feuer aufzureiben,
Und zwingt den Schlingel, der hieher
Euch führte, hier zu bleiben;
Aeneas ist ein Schuft und fromm,
Er führt euch sonst mit sich nach Rom,
Und macht euch da zu Nonnen.«

»In einem Spinnhaus werdet ihr
Dort euern Leichtsinn büßen,
Und weiße Wolle für und für
Zu Pallien spinnen müssen,
Die man dort aus das theuerste
Verkauft, und instantissime
Bei alle dem verlanget.«

Nun trat hervor die Aelteste
Aus allen, die da waren,
Ein Jüngferchen, so weiß wie Schnee,
(Versteht sich bloß an Haaren)
Sie war am Hof zu Ilion
Bei fünfzig Prinzen Amme schon,
Und hieß noch immer Jungfer.

Die warf den ersten Feuerbrand
Wie wüthig nach den Schiffen:
Ihr folgten mit gesammter Hand
Die andern! Sieh, da griffen
Die Flammen Tau' und Masten an
Und loderten die Strick' hinan,
Lautknatternd zu den Wimpeln.

Aeneas, der von weitem schon
Das Feuer prasseln hörte
Von der Illumination,
Womit man ihn beehrte,
Kam außer Athem an den Strand
Mit seinen Trojern hergerannt,
Und schrie man sollte löschen.

Allein das Feu'r nahm überhand:
Hier fraß es schon – o Jammer –
Heißhungrig an dem Proviant,
Dort sprang die Pulverkammer.
Hier brannt ein Schiff am Vordertheil,
Dort leckten schon am Hindertheil
Des Orlogschiffs die Flammen.

Da fing der fromme heil'ge Mann
Voll Inbrunst an zu beten:
»O heiliger Sanct Florian!
Hilf uns die Schiffe retten!
Ich will auf diesem Platze hier
Für diese große Wohlthat Dir
Ein schönes Kloster bauen.«

Der Heilige, der dies vernahm,
Hatt' ihn beim Wort genommen,
Denn sieh, er selbst, o Wunder, kam
Aus Wolken hergeschwommen,
Mit einem Kübel in der Hand,
Und löschte den fatalen Brand
In wenig Augenblicken.

Allein Aeneas wollte drum
Nicht länger hier verweilen,
Er kaufte neue Segel, um
Nach Latium zu eilen;
Er dachte sich: das Kloster kann
Dort auch stehn, und Sanct Florian
Wird's so genau nicht nehmen.

Indessen war bereits die Sonn'
Im Meer auf ihrer Reise,
Und aller Orten herrschte schon
Der Tag der Fledermäuse.
Aeneas schlief, es war schon spät:
Da trat ein Geist hin an sein Bett'
Und nahm ihn bei der Nase.

Jesus, Maria, Joseph! rief
Der Held, ohn' es zu wissen,
Und steckte seinen Kopf, so tief
Er könnt, hinein ins Kissen.
Allein der Geist blieb vor ihm stehn,
Und sprach mit einem trotzigen
Gesichte diese Worte:

»Blick' auf, ich bin kein böser Geist,
Der nur von Schwefel stinket,
Ich bin, wo man Ambrosia speist
Und frischen Nektar trinket;
Ich, dein hochseliger Papa,
Bin selbst dich zu kuranzen da,
Weil du nicht Wort willst halten.«

»Es läßt durch mich Sanct Florian
Sein Kloster vindiciren,
Das sollst du bau'n, und es sodann
Mit gutem Wein dotiren:
Wenn du nicht gleich den Bau anhebst,
So wird er dir, so lang du lebst,
Den Durst mit Wasser löschen.«

»Zur Hölle wirst du dann sofort,
Wie Pater Kochem gehen,
Und von dem Schwefeltrank alldort
Dein blaues Wunder sehen.
Doch sieh! man schließt die Himmelsthür:
Adieu! der himmlische Portier
Ist streng und hält auf Ordnung.«

Kaum fing auf diese Schreckennacht
Der Morgen an zu grauen,
So ließ er gleich mit aller Pracht
Das neue Kloster bauen,
Er nannte es: Sanct Florian,
Und wies es solchen Leuten an,
Die zu nichts Besserm taugen.

Die alten Urseln, die nicht mehr
Recht hinter den Gardinen
Zu brauchen waren, machte er
Zu Ursulinerinnen:
Allein die minder Häßlichen
Bracht' er im Land als Köchinnen
Bei Klosterpfarrern unter.

Er selbsten aber eilte nun,
Um in die See zu stechen.
Frau Venus durfte dem Neptun
Ein Schmätzchen nur versprechen,
So ging er mit dem Dreizack her,
Und schlug die Wellen, die zu sehr
Sich hoben, auf die Köpfe.

Die allerschönste Nacht begann.
Hell fingen schon zu brennen
Die hunderttausend Lampen an,
Die wir sonst Sterne nennen.
Der Steu'rmann Palinurus saß
Bei einem Gläschen Rum, und maß
Es fleißig mit dem Senkblei.

Und als er so in seinem Glas
Die Tiefen stets sondirte,
Und in dem blinkenden Compaß
Die Sterne kalkulirte,
Da ward ihm ach! der Kopf zu schwer:
Er fiel vom Bord, und löscht im Meer
Sich seinen Durst auf immer.

Dies ging Aeneen, als er ihn
Vermißte, sehr zu Herzen,
Er lief an's Steuerruder hin,
Und sprach mit vielem Schmerzen:
»Er dau'rt mich doch, der arme Narr!
Denn, wenn er nicht besoffen war,
Regiert er's unvergleichlich.«

 

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