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Virgils Aeneis, travestirt

Aloys Blumauer: Virgils Aeneis, travestirt - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleVirgils Aeneis, travestirt
publisher
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeErster Theil
printrunRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130817
projectid46647a17
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Viertes Buch.

Inhalt.

Wie die Königin in Lybia in den theuren Helden Aeneas gar sehr entbrünstet wird, und dann beide auf der Jagd in einer Höhle zusammen kommen, und was da weiter vorgeht. Wie hierauf der fromme Held die Königin verlassen, und sie sich darob mit eigner Hand gar jämmerlich entleiben thät.

Indessen fing's die Königin
Im Herzen an zu zwicken;
Sie warf im Bett sich her und hin,
Der Schlaf kehrt' ihr den Rücken,
Sie hatte weder Ruh noch Rast,
Kurzum, sie war in ihren Gast
Gar jämmerlich vernarret.

Und kaum begann aus ihrem Bett
Die Sonne aufzubrechen,
Da hatten Ihro Majestät
Vapeurs und Seitenstechen.
Sie warf das Möpschen aus dem Bett,
Zerriß das Band am Nachtkorset,
Und biß sich in die Nägel.

Nun ließ sie den Gewissensrath
Zu sich ans Bette kommen.
Der Mann erschien in vollem Staat, –
Wiewohl etwas beklommen –
Im schwarzen zeugenen Talar
Mit steifem Kragen, kurz er war
Aus Don Loyola's Orden.

In puncto sexti sind die Herrn
Den Damen sehr vonnöthen,
Man conserirt mit ihnen gern,
Und ohne Schamerröthen;
Und weil sich Kuppeln derivirt
Von Kopuliren, so gebührt
Das Recht dazu bloß ihnen.

Der Fürstin war aus Lissabon
Der Mann recommandiret;
Er hatte Fürstenherzen schon
Zu Dutzenden regieret;
Drum hatt' auch sie ihn ohne Scheu
Zu ihres Herzens Hofkanzlei
Geheimen Rath erkoren.

»Ach, Pater«, fing die Fürstin an
Mit aufgehobnen Händen:
»Was ist Aeneas für ein Mann!
Wie stark von Brust und Lenden!
Ja, bände kein Gelübde mich,
Er, und kein andrer wär's, dem ich
Noch unterliegen könnte.«

»Seit meinem ersten Brautstand spürt'
Ich nie ein solches Brennen;
Und nur Aeneas, glaub' ich, wird
Dies Feuer löschen können.
Doch brech ich meinem ersten Mann
Den Schwur, den ich ihm ach! gethan,
So holt mich gar der Teufel!«

Der Pater dacht': Aeneas scheint
Ein frommer Mann, heißt Pius,
Und unser Orden ist ein Freund
Von derlei Herrn in ius:
Und sieh! er sah im Geiste schon
Sein Reich, und auch das Rohr, wovon
Er Pfeifen schneiden wollte.

»Da Hochdieselben, fing er an,
Noch jung zu sein geruhen,
Und sich's bei einem frommen Mann
Viel sicherer läßt ruhen,
Als so im Bette ganz allein:
So rieth ich unmaßgeblichst ein:
Daß Sie die Hand ihm reichten.«

»Dem Eid, den Ihro Majestät
Dero Gemahl geschworen,
War sichtbarlich die Nullität
Gleich anfangs angeboren.
Der heilge Vater Busenbaum
Sagt deutlich: was man schwört im Traum,
Kann niemals obligiren.«

»Allein gesetzt, Sie wären doch
Für so was responsabel,
So scheint das Gegentheil ja noch
Zum mindesten probabel;
Hier ist nur zwischen einem mehr
Und zwischen einem weniger
Probablen Fall zu wählen.«

»Gleichwie man aus zwei Uebeln nun
Das kleinste wählt, so fehlen
Die nicht, die hier ein gleiches thun
Und 's minder Wahre wählen.
Der Eid, legal und nicht legal,
Ist also null in jedem Fall;
Quod erat demonstrandum

Der Syllogismus nun benahm
Der Fürstin alle Schmerzen,
Und kitzelte das Bischen Scham
Ihr vollends aus dem Herzen.
Das Wunder, so mit ihr geschehn,
Verdankte sie dem heiligen
Patron Probabilismus.

Von nun an ließ die gute Frau
Wie eine Braut sich kleiden,
Sie wollte weder schwarz noch grau
Mehr auf dem Leibe leiden,
Und kleidete von Kopf zu Fuß
Den heiligen Antonius
Mit ihren Wittwenkleidern.

Allein der Gott der Liebe zog
Den Bogen immer straffer.
Und jeder Wurfspieß, wenn er flog
Nach ihrem Herz, so traf er.
Ihr Herzchen sah dabei, o Graus!
Wie Sanct Sebastianus aus,
Ganz übersä't mit Pfeilen.

Beständig fuhr dem armen Weib
Ein Jücken durch die Glieder,
Bald kam's ihr in den Unterleib,
Bald in die Kehle wieder.
Sie lief herum ohn' Unterlaß,
Wie ein geplagtes Füllen, das
Die bösen Bremsen stechen.

Und wenn sie ihren Theuren sah,
War's aus im Oberstübchen:
Sie hieß bald den Askan – Papa,
Bald den Aeneas – Püppchen,
Langt, wo sie Dosen offen sieht,
Nach Schnupftabak, und fährt damit
Ins Maul anstatt zur Nase.

Bald will sie gar den ganzen Spuck
Von Troja wieder hören:
Greift, statt dem Glas, nach einem Krug,
Ihn auf sein Wohl zu leeren,
Und führt ihn bei stockfinstrer Nacht
Auf den Balkon, um ihm die Pracht
Von ihrer Stadt zu zeigen.

Aeneens Unempfindlichkeit
Muß dann Askan oft büßen;
Den küßt und drückt sie, daß er schreit
Und zappelt mit den Füßen;
Sieht ihn für den Aeneas an,
Und denkt im Taumel gar nicht dran,
Daß ihm der Bart noch fehle.

Der Bau gerieth dabei, wie man
Leicht denken kann, ins Stecken;
Die Maurer sahn einander an
Und maurten, wie die Schnecken.
Der Zimmermann ging, statt aufs Dach.
Dem Wein und Caressiren nach,
Reginae ad exemplum.

Ob dieser Noth der Königin
Erhuben in dem Himmel
Frau Venus und Frau Jupitrin
Ein schrecklich Wortgetümmel.
Vor Zorn roth wie ein Indian,
Fing Iuno, wie hier folget, an
Ihr Mäulchen auszuleeren:

»Dein saubrer Bub' und du dürft euch
Fürwahr gewaltig brüsten:
Es ist ein wahrer Heldenstreich,
Ein Weib zu überlisten!
Zwei Götter, beide fürchterlich
An Macht, encanailliren sich
Mit einem Weib – Pfui Teufel!«

»Dein Sohn, der saubre Kavalier,
Wird doch wohl nicht drauf zielen,
Sich so mir en passant bei ihr
Ein Bischen abzukühlen?
Und so er das nicht intendirt,
So laß uns nun, wie sich's gebührt,
Die Eh' im Himmel schließen.«

»Ich will sie morgen auf der Jagd
Mit Regen überraschen,
Und ihnen, wenn's dir so behagt,
Den Kopf so lange waschen,
Bis sie in eine Höhle fliehn;
Dann komm' ich als Frau Pastorin
Und kupple sie zusammen.«

Frau Venus sah dies Kniffchen ein
Und sprach: Nu meinetwegen,
Nur zu, wenn's denn gefreit muß sein,
Ich habe nichts dagegen.«
Doch dachte sie: »Wie, mein Herr Sohn
Ein lybisch Königlein? – Fi donc!
Eh werd' er Kapuziner.«

Indeß hub sich bereits die Sonn'
Aus ihrem nassen Bette,
Frau Dido saß zwo Stunden schon
Voll Angst an der Toilette,
Flucht' über ihren schwarzen Teint,
Den ihr die Sonne so verbrennt,
Und über ihre Taille.

Am Thore stand die Jägerschaar
Mit ihren Doggen fertig,
Die ganze Jagdgesellschaft war
Der Fürstin nur gewärtig.
Ein Zelter, prächtig aufgezäumt
Und schöner als die Fürstin, schäumt
Und tanzt aus langer Weile.

Sie kam nun endlich reizend, wie
Diana, angezogen,
Hochaufgeschürzt bis übers Knie,
Nebst Köcher, Pfeil und Bogen,
Und au Balon volant frisirt,
Ihr stumpfes Näschen schön schattirt
Mit einer Straußenfeder.

Allein Aeneas ragt hervor,
Wie über die Philister
Einst Goliath – mit seinem Rohr
Und seinem Welfstornister,
Den grünen Hut mit einem Strauß
Und Band gezieret sah er aus,
Als wie der bair'sche Hiesel.

Er hielt der Fürstin ritterlich
Den Bügel und die Mähre,
Und schätzte, wie einst Friederich
Der Rothbart – sich's zur Ehre.
Er selbst bestieg sein Leibpferd dann,
Fest angegürtet ritt Askan
Auf einem Corsicaner.

Kaum waren sie im Jagdrevier,
So fing man an zu blasen,
Die Reh' und Gemsen sprangen schier
Den Jägern auf die Nasen;
Aeneas schoß rund um sich her
Und fehlt' ein Schwein, so groß wie er
Auf vierundzwanzig Schritte.

Askan war auch nicht faul, er stach
Sein Pferd und gallopirte
Den angeschoss'nen Hasen nach,
Bis er sie todt forcirte.
Er wünschte sich nur groß zu sein,
Und auch ein großes wildes Schwein,
Wie sein Papa, zu fehlen.

Auf einmal ward am Firmament
Der Nebel immer dichter,
Die Sonne, die bisher gebrennt,
Schnitt finstere Gesichter:
Ein Hagelregen zog heran
Mit Blitz und Donner, und begann
Die Jagenden – zu jagen.

Ein Jeder brachte seinen Kopf
In Sicherheit, da Schloßen,
Groß wie Aeneens Hosenknopf,
Auf sie herniederschossen.
Der rettet sich in einen Strauch,
Der unter seines Rosses Bauch,
Der läuft in's nächste Dörfchen.

Und wie der böse Satan oft
Sein Spiel hat mit den Frommen,
So mußt' Aeneas unverhofft
In eine Höhle kommen,
Wo eben, bis aufs Hemdchen naß,
Die so verliebte Dido saß,
Ihr Unterröckchen trocknend.

Doch was die beiden Liebenden
In dieser Höhle thaten,
Das läßt uns Wißbegierigen
Herr Maro nur errathen:
Er spricht, gar sittsam von Natur,
So was von einer Höhle nur,
Und macht darauf ein Punktum.

Doch seit mit diesem Verschen, das
So dunkel uns geblieben,
Ignatius den Satanas
Aus Weibern ausgetrieben,
Beschuldigt man die Königin,
Es habe sich Aeneas in
Der Höhl' exorcisiret.

Der Teufelsbanner ward auch drum,
So wie es sich gebühret,
Von ihr vor's Consistorium
Des Tags darauf citiret.
Da mußte nun der arme Narr,
Ob's gleich nicht so gemeinet war,
Mit ihr sich trauen lassen.

Miß Fama, da dies vorging, saß
Dabei nicht auf den Ohren:
Sie ward von Frau Curiositas
Dereinst zur Welt geboren.
O hätte Madam Fürwitz nur
Die unverschämte Creatur
Im ersten Bad ersäufet!

Jetzt aber führt sie in der Welt
Ein scandalöses Leben,
Und pflegt für ein geringes Geld
Sich jedem preis zu geben;
Ob's Tugend oder Laster sei,
Das ist ihr alles einerlei,
Sie profitirt von beiden.

Sie schämt sich nicht, und schwadronirt
Herum in allen Schenken,
Hält jedem, und prostituirt
Sich da auf allen Bänken.
Ein jeder Zeitungsschreiber ist
Ihr Kunde, jeder Journalist
Und jeder Kannengießer.

Die Wahrheit und die Lüge frißt
Sie auf mit gleichen Freuden,
Und was sie wieder ausspeit, ist
Ein Fricassee von beiden.
Wenn man zuweilen Kriege führt
Und eine Schlacht geliefert wird,
Dient sie auf beiden Seiten.

Sie haranguirt den Bösewicht
Und macht sich kein Gewissen!
Speit oft der Tugend ins Gesicht
Und tritt sie mit den Füßen;
Verräth, was Nachts ein Mädchen that,
Frühmorgens schon der ganzen Stadt
Und schweigt von feilen Metzen.

Sie ist in täglich neuem Kleid
In allen Assembleen;
Weiß oft die schalste Kleinigkeit
Zum Wunder auszublähen;
Ist wankelmüthig wie ein Weib
Und krönet oft zum Zeitvertreib
Den Schmierer zum Poeten.

Die saubre Miß nun that zur Stund
Dies Heirathsanekdötchen
Dem Mohrenkönig Jarbas kund
Im nächsten Zeitungsblättchen,
Der hatte vor nicht langer Zeit
Auch um die Königin gefreit
Und einen Korb bekommen.

Er war zwar selbst der Liebe Kind
Aus Jupiters Geschlechte;
Allein dergleichen Kinder sind
Stets feuriger als echte;
Drum schäumt' er wie ein Kraftgenie,
Lief in den Tempel hin und schrie
Auf zum Papa um Rache:

»Du, geiler Böcke Schutzpatron
Und aller Hahnrei Vater,
Zevs Ammon! räche deinen Sohn
An jener schwarzen Natter,
Die mich verschmäht, und wie man spricht,
Sich nun mit einem Milchgesicht
In schnöder Wollust wälzet.«

»Ha, hätt' ich deinen Donner da,
Wie wollt ich sie zerschmettern!
Ich bin dein Sohn, du wolltest ja
Dich mir zu Lieb' entgöttern;
Thu selber erst, was du befiehlst,
Und wenn du Buben zeugen willst,
Schau ihnen auch um Weiber!«

Herr Jupiter ward allarmirt
In seinem blauen Himmel;
Er sprach: »Nu, nu, was lamentirt
Und poltert denn der Lümmel?
Es wird wohl noch zu helfen sein!
Holt mir den Hofcourier herein,
Ich hab' für ihn Depeschen.«

Merkur erschien. »Mach' einen Ritt
Nach Lybien; verweile
Dich nicht, und nimm die Flügel mit.
Denn was ich will hat Eile.
Aeneas wird bei Dido sein,
Drum sieh, daß Du ihn kannst allein
Auf ein paar Worte sprechen.« –

»Frag' ihn, ob er denn glaubt, daß man
Im Bette Reiche finde?
Und ob er seinen Vatican
Auf einem Sopha gründe?
Kurz, sag' ihm, ich sei teufelstoll:
In vierundzwanzig Stunden soll'
Er fort – und damit Punktum!«

Merkur zäumt' einen Zephyr auf,
Schnallt' an die Füß' ihm Flügel,
Saß auf, und gallopirte drauf
Fort über Berg und Hügel;
Kehrt' unterwegs zuweilen ein,
Trank ein Paar Gläser guten Wein,
Und kam an Ort und Stelle.

Aeneas auf dem Canapee
Trank eben Chocolade,
Da kam Merkur und sprach: »Musje!
Sie müssen ohne Gnade
In vierundzwanzig Stunden fort,
So lautet meines Herren Wort.
Adieu! wir seh'n uns wieder.«

Der Held fand dieses Hofmandat
Ein bischen übereilet:
Vom ersten Liebeshunger hatt'
Er sich zwar schon geheilet;
Allein im Grunde hatt' er's noch
Nicht satt, und war bis dato noch
Bei gutem Appetite.

Allein die saure Himmelsbill
Hieß ihn einmal marschiren:
Drum ließ er ingeheim und still
Die Schiffe repariren!
Gab, was an Segeln unbrauchbar
Und gar zu sehr zerrissen war,
Zu einem Winkelschneider.

Die Fürstin aller Ach und O
Diesmal zu überheben,
Wollt' er bei Nacht incognito
Zu Schiffe sich begeben.
Und wenn die gute Haut noch ruht
Und sich's nicht träumen läßt, auf gut
Französisch sich empfehlen.

Allein man weiß, die Liebe hat
Ein Katzenaug; von weitem
Sah Dido schon den Apparat
Und wußt' ihn auch zu deuten.
Sie riß mit Furienappetit
Ihr Haar sich aus und rannte mit
Dem Kopf nach allen Spiegeln.

Und als Aeneas Hut und Stock
Ganz leise nehmen wollte,
Erwischte sie ihn noch beim Rock:
Ihr flammend Auge rollte:
Ihr Mund, aus welchem Geifer rann,
Fing kläglich ex abrupto an,
Wie folgt, zu peroriren:

»Meinst du, daß mir verborgen blieb,
Was du mir willst verhehlen?
Du suchst dich, wie ein Schelm und Dieb
Vergebens wegzustehlen:
Ich merk' es wohl, wohin du zielst;
Du bist nun meiner satt und willst
Mich Arme sitzen lassen.«

»Ha Bösewicht, ohn' alle Scham!
Den ich einst küßt' und drückte,
Den ich als Bettler zu mir nahm,
Und seine Hemden flickte.
Nicht wahr, mein Süßes schmeckte dir?
Allein das Bittre willst du mir
Allein nun überlassen?«

»Um Ehr' und Reputation
Bin ich durch dich gekommen,
Barbar! was hab' ich jetzt davon,
Daß du sie mir genommen?
Ach, ließest du mir doch dafür
Dein Ebenbild en mignature
Zurück in meinem Schooße!«

Allein kaum hatte sie verspürt,
Daß sie vergebens schmälte,
Und er dabei ganz ungerührt
Die Fensterscheiben zählte,
So gab sie noch zum Ueberfluß
Ihm folgenden Epilogus
Voll Zorn mit auf die Reise:

»Du hergelaufener Bube du,
Du ehrvergess'ner Bengel!
Ein schöner Held! ja, ein Filou
Bist du, ein Galgenschwengel!
Was hält mich ab, du Bösewicht,
Daß ich dir auf der Stelle nicht
Dein Schelmenaug' zerkratze?«

»Ja hör's, infamer Kerl, und schreib
Dir's hinter deine Ohren:
Nicht Venus, nein, ein Wäscherweib
Hat dich zur Welt geboren!
Und – ha der Abkunft hoher Art! –
Ein Schusterjunge ohne Bart
Hat sich an dir verschustert.«

»Geh nur du Wildfang, den nichts rührt,
Kein Hahn soll nach dir krähen:
Der Teufel – Gott verzeih mir's – wird
Dir schon den Hals umdrehen!
Dein Herz von Sohlenleder reiß'
Ich dann dir aus dem Leib, und schmeiß
Es meinem Hund vor. – Dixi

Aeneas fand die Rede schön
So wenig doch zum Lachen,
Daß ihm die Beine zitterten.
Und seine Kniee brachen.
Er lief davon ganz angst und bang,
Und schwur, er wolle lebenlang
An die Frau Lisel denken.

Man eilt' an Bord, und alles ward
Nur obenhin bereitet:
Man sah Schnupftücher aller Art
Statt Segeln ausgespreitet;
Da hing am Ruder noch ein Ast
Voll Kirschen, dort hing an dem Mast
Der Wimpel bei den Eicheln.

Frau Dido sah von ihrem Schloß
Die Trojerflaggen wehen:
Da brach ihr Schmerz von neuem los,
Sie wollte fast vergehen.
Es mußte noch ihr Loyolist
An Bord, um eine Galgenfrist
Für sie noch zu erwirken.

Vergebens demonstrirt' er da
Nach Meister Sanchez Lehre!
Daß accedente Copula,
Die Eh' untrennbar wäre.
Aeneas sprach: »Sein Sanchez lügt!
Was er als Mensch zusammen flickt,
Kann ich als Mensch auch trennen.«

Als Dido sah, Aeneas sei
Durch nichts mehr zu bekehren,
So wollte sie durch Hexerei
Den Flüchtling Mores lehren.
Sie ließ zu diesem Ende gleich
Die größte Hex in ihrem Reich
Zu sich nach Hofe kommen.

Die mußte nun, ein Wetterchen
In einem Topf bereiten,
Und damit nach dem Fliehenden
Auf einem Besen reiten;
Allein Aeneas war so fein,
Und schoß mit Lukaszetteln drein:
Plumps! – lag die Hex im Meere.

Das Ende von dem Liebsroman
Ist nun in Dido's Händen!
Sie kann mit einem dritten Mann
Ihn recht gemächlich enden:
Allein der Herr Virgilius
befiehlt ihr, daß sie sterben muß: –
Nun gut, so soll sie sterben!

Das ist zwar freilich oft ein Graus,
Wenn Dichter, die doch fühlen, –
Wie eine Katze mit der Maus,
Mit ihren Helden spielen:
Erst putzten sie mit vieler Müh
Den Helden auf, dann metzeln sie
Ihr eigen Werk danieder.

Ihr Herrn, aus deren Federn Tod
Und Leben willig fließen.
Sagt, macht ihr euch denn nicht vor Gott
Und Menschen ein Gewissen
Ob eurer Federn Mordbegier?
Bedenkt doch, daß die Welt – und ihr –
Viel lieber lacht als weinet.

Doch, liebe Leser, habt Geduld,
Es naht sich Dido's Ende;
Ich bin an ihrem Tod nicht Schuld,
Und wasche meine Hände.
Herr Maro schlachtete sie hin:
Der Heldin Blut komm' über ihn
Und über seine Kinder!

Da sitzt sie schon die arme Frau,
Die gern gelebt noch hätte,
Vor Liebeskummer falb und grau,
Auf ihrem Ruhebette;
Denkt sich, auf ihre Hand gestützt:
»Ja wohl ein Ruhebett' anitzt!
Und liest in Werthers Leiden.

Und wenn ihr dann, so wie sie liest,
Und mitseufzt und mitliebet,
Das Wasser in die Augen schießt,
Und ihre Blicke trübet,
So zeigt sich alles doppelt ihr,
Und ach! sie sieht auf dem Papier
Zween Werther sich ermorden. –

Indessen schwand der Sonne Licht
Weg von dem Himmelsbogen,
Der Tag verhüllte sein Gesicht,
Die Nacht kam angezogen
In tiefster Trauer, und begann
Dem Schlosse langsam sich zu nah'n
Mit feierlichem Schritte.

Ihr schwarzes Haar stak unfrisirt
In einer der Dormeusen,
Die sie nur dann und wann garnirt,
Mit schimmernden Pleureusen.
So kam sie ganz verschleiert hin
Zur liebekranken Königin,
Um ihr zu condoliren.

Doch statt dem kleinsten Schlummerkorn
Zeigt sie ihr nur Gespenster:
Kaum guckt des Mondes Doppelhorn
Zu ihr herein durch's Fenster,
So glaubt sie bei der Hörner Schein,
Es guck' ihr sel'ger Mann herein,
Und drohe, sie zu spießen.

Und weil die ganze Schöpfung trau'rt
Bei großer Häupter Leichen,
So ward die Fürstin auch bedau'rt
Von Kröten in den Teichen.
Die Unken sangen ung, ung, ung,
Das heißt: die Fürstin ist noch jung
Wie leichtlich zu verstehen.

Des Himmels großer weiter Hut
Beflorte sich zur Feier:
Auch jeder Hügel war so gut,
Und hüllte sich in Schleier.
Und weit, gar von dem todten Meer,
Kam Aeols Leichtrompeter her,
Und blies in die Posaune.

Die Eulen sangen Nänien,
Wie sie noch nie gesungen,
So kläglich und so wunderschön,
Als wären sie gedungen.
Nun kömmt's auch in ihr Kabinet:
Hier seufzt ein Tisch, da kracht ein Bett,
Dort grinst ein langes – Handtuch.

»Ha, grinse nicht so gräßlich her,
Du meines Mannes Schatten!
Ich komm', ich komme, Theuerster!
Um mich mit dir zu gatten.«
So rief sie mit entschloßnem Ton,
Und zog ein langes Zopfband von
Aeneas aus dem Busen.

Dies schlingt sie um den Hals, knüpft dann,
Auf einem Schemel stehend,
Es fest an einen Nagel an,
Die Augen schon verdrehend,
Und spricht in dieser Positur
Die letzten sieben Worte nur,
Gar rührend anzuhören:

»Du süßes, ewig theures Band,
Das ich – o sel'ge Stunden!
Aeneen oft mit eigner Hand
Um seinen Zopf gewunden!
O du, des schönsten Haares Zier,
Ach, nicht gemacht, die Gurgel mir
Dereinstens zuzuschnüren!«

»O welch ein Zopf! Wie wunderschön
Ließ er an seinem Köpfchen!
Ja, gegen diesen einzigen
Sind alle Zöpfe – Zöpfchen.
Drum, Band von aller Zöpfe Zopf!
Verschnüre mir nun auch den Kropf!
Auweh' – ich häng' – ich sterbe!« –

So lautete der Monolog,
Eh sie vom Schemel schnappte,
Und ihre arme Seel' entflog,
Wo sie ein Loch ertappte.
Die Stund, da sie gestorben war,
Ward bang dem Buben, kraus sein Haar,
Es treibt ihn fort zu Schiffe. –

Und seit dem jämmerlichen Brauch,
Aus Liebe sich zu morden,
Ist unter unsern Damen auch
Das Hängen Mode worden;
Sie hegen gleichen Appetit,
Und hängen sich, wenn Einer flieht,
Sogleich – an einen Andern.

 

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