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Virgils Aeneis, travestirt

Aloys Blumauer: Virgils Aeneis, travestirt - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleVirgils Aeneis, travestirt
publisher
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeErster Theil
printrunRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130817
projectid46647a17
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Zweites Buch.

Inhalt.

Wie der fromme Held Aeneas der Königin Dido und ihrem Hofgesind die Abentheuer seiner letzten Nacht in Troja, und die Zerstörung dieser weltberühmten Stadt gar rührend und umständlich erzählt.

Im rothdamastnen Armstuhl sprach
Aeneas nun mit Gähnen:
Infantin! laßt das Ding mir nach.
Es kostet mich nur Thränen.
Doch Alles spitzte schon das Ohr,
Frau Dido warf die Nas' empor,
Und schien fast ungehalten.

Was wollt' er thun? Er mußte wohl
Den Schlaf vom Aug' sich reiben:
Er nahm zwo Prisen Spaniol,
Sich 's Nicken zu vertreiben:
Drauf räuspert' er sich dreimal, sann
Ein wenig nach, und legte dann
Sein Heldenmaul in Falten.

Die Griechen hielten uns umschanzt
Zehn volle Jahr' und drüber;
Allein wo man Kartätschen pflanzt.
Da setzt es Nasenstieber.
Dies schien den Griechen nun kein Spaß,
Denn – unter uns – sie hielten was
Auf unversengte Nasen.

Mit langen Nasen wären sie
Auch sicher abgezogen,
Hätt' uns nicht Satanas durch sie
Zu guter Letzt' betrogen:
Der gab der Brut ein Kniffchen ein,
Sie thaten's, schifften flugs sich ein,
Und schossen Retirade.

Auf einmal wars wie ausgekehrt
Im Lager, doch sie ließen
Zurück ein ungeheures Pferd
Mit Rädern an den Füßen.
Sanct Christoph selbst, so groß er war,
Hätt' ohne Ruptions-Gefahr
Den Gaul euch nicht geritten.

Der Bauch des Rosses schreckte baß
Uns seiner Größe wegen:
Es war das Heidelberger Faß
Ein Fingerhut dagegen.
Und in dem Bauch – o Jemine!
Da lagen euch wie Häringe
Zehntausend Mann beisammen.

Doch um das rechte Conterfee
Von diesem Roß zu wissen,
So denkt, die Arche Noä steh'
Vor Euch – doch auf vier Füßen,'
Gebt à proportion dem Thier
Noch Kopf und Schwanz, so sehet ihr
Das Monstrum in natura.

In Wien, heißt's, ist man kurios,
In Troja war's noch drüber:
Sie liefen hin zum Wunderroß,
Als hätten sie das Fieber.
Da gab's Dormeusen, Kapuchon,
Und Hüte à la Washington
Zu Tausenden zu sehen.

Man guckte sich die Augen matt,
Und hatte viel zu klaffen;
Allein wie's geht, der Pöbel hat
Nur Augen zum Begaffen;
Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht,
Den Wald vor lauter Bäumen nicht,
So gings auch den Trojanern.

Die Politiker thaten breit
Und machten tausend Glossen,
Doch hatten alle meilenweit
Das Ziel vorbeigeschossen;
Zwar rief ein Kastenbraterweib:
»Das Roß hat Schurken in dem Leib!«
Doch die ward ausgepfiffen.

Und eh sich's nur ein Mensch versah,
Da war, uns zu belehren,
Ein Eremit aus Argos da,
Der bat, man möcht' ihn hören!
Doch macht' er's, wie die Redner all:
Denn er begann von Evens Fall,
Um auf das Pferd zu kommen.

»Das Pferd, so schwur er, haben wir
Ex Voto machen lassen,
Und haben's Sanct Georgen hier
Zu Ehren hinterlassen;
Weh dem, der dran zum Sünder wird!
Es ist geweiht und angerührt
An Sanct Georgens Schimmel.«

Und als noch hie und da ein Ohr
Unüberzeugt geblieben,
So wies er die Authentik vor,
Auf dieser stand geschrieben:
Wen unser Wort nicht überführt,
Der sei anathematisirt!
Denn wir sind infallibel.

Und als um unser Ohr herum
Zwo Fledermäuse schwirrten,
Da war kein Mensch so blind und dumm,
Den sie nicht überführten;
Und alles schrie: – Mirakulum!
Der Schimmel ist ein Heiligthum,
Laßt in die Stadt ihn bringen!

Es hieß: man wird dem heil'gen Thier
Die Mauern öffnen müssen. –
Flugs waren zwo Karthaunen hier
Um Bresche drein zu schießen.
Dem Schutzpatron indessen ward
Von unsrer lieben Jugend zart
Ein Hymnus abgesungen.

Nach diesem nun belegte man
Den Gaul mit vielen Stricken!
Ganz Troja spannte sich daran,
Ihn von dem Platz zu rücken.
Die Mädchen waren auch nicht faul,
Und jede band dem Wundergaul
Ihr Strumpfband um die Füße.

Und kaum war mit dem heil'gen Roß
Der Zug nun angegangen,
So feurte man die Stücke los,
Und alle Glocken klangen.
So ward der neue Schutzpatron
In fei'rlicher Prozession
In Troja einquartieret.

Dem Gaul zu Ehren ward fortan
Ein Hochamt abgesungen:
Zur Ehrenpredigt hatte man
Herrn Pastor Götz gedungen.
Drei Stunden nach der Predigt fand
Man Trojens sämmtlichen Verstand
Im Rebensaft ertrunken.

Indessen ging die Sonne still
In unserm Golfo unter;
Ein jeder schnarchte, wo er fiel:
Der Pfaffe nur blieb munter.
Zwar soff der Kerl als wie ein Lai,
Doch trank er unsre Klerisei
Eh' als sich selbst zu Boden.

Kaum war der schlaue Schuft gewahr,
Daß nun ganz Troja schnarche,
So nahm er euch dies Tempo wahr
Und schlich zu seiner Arche;
Die zapft' er wie ein Weinfaß an,
Und sieh! ein Strom von Helden rann
Heraus aus ihrem Bauche.

Die Andern waren auch parat,
Die sich verkrochen hatten,
Und nun war ihnen unsre Stadt
Ein rechter Sonntagsbraten;
Sie massakrirten Mann für Mann,
Die Wache mußt' am ersten dran,
Sie fuhr im Rausch – zum Teufel.

So eben hatt' ich den Achill –
Im Traume – überwunden,
Da weckte mich das Mordgebrüll
Von diesen Fleischerbunden:
Ich ging zum Fenster – Heil'ger Gott!
Da sah ich nichts als Mord und Tod,
Und Stadt und Schloß in Flammen.

Wie Ihro Majestät gesehn,
Wenn sie oft Flöhe fingen,
Daß ganze Flohfamilien
Aus jeder Falte springen,
Und ängstlich hüpfen hin und her;
So flohen vor dem Mordgewehr
Der Griechen die Trojaner.

Dies sehn, und rips raps war ich auch
In meiner blanken Rüstung:
Ich lief hinunter in den Rauch,
Zu hemmen die Verwüstung!
Doch als ich unten mich besah.
Potz Element! wie ward mir da!
Ich hatte keine Hosen!

Der Muth steckt nicht im Hosensack,
Dacht' ich, und hieb zusammen,
Und warf bald da bald dort ein Pack
Argiver in die Flammen.
Bald wiesen alle mir den Steiß,
Und flohn wie Hasen heerdenweis
Vor meinem Damaszener.

Macht ein Narr zehn, so macht im Krieg
Ein braver Kerl oft zwanzig:
Bald häuften Trojer sich um mich:
Allein da? Blättchen wandte sich.
Ein Kniff verdarb's uns, der war dumm;
Wir tauschten unsre Helme um
Mit griech'schen Böckelhauben.

Wir packten zwar als wie ein Hund,
Der Mäus' und Ratten beutelt;
Allein das Kniffchen ward zur Stund'
Uns jämmerlich vereitelt.
Denn mancher volle Kammertopf
Flog uns als Griechen aus den Kopf,
Das stank ganz bestialisch!

Die Feind' erkannten auch fortan
Uns aus den Rippenstößen,
Sie machten Front bei tausend Mann,
Uns auf dem Kraut zu fressen:
Viel Hunde sind des Hasen Tod,
Dacht' ich, und macht' in dieser Noth
Mich eilig aus dem Staube.

Doch da ich, schwitzend durch und durch,
Mein Hemd zu wechseln laufe,
Da komm' ich, ach, beim Thor der Burg
Vom Regen in die Traufe.
Hier sah man erst der Feinde Wuth,
Ich mußte im Trojanerblut
Bis über'n Knöchel waten.

Es sträubte sich mein Heldenhaar
Des Mords und Greuels wegen!
Der Kindermord zu Bethlem war
Ein Fratzenspiel dagegen.
Ganz türkisch metzgerte man hier
Hatschier und Läufer und Portier,
Und was man fand, zusammen.

Man legte nun auch Hand an's Thor;
Doch hatt' es gute Schlösser;
Vor allen drang Held Pyrrhus vor –
Der größte Eisenfresser
Nach seinem Vater und nach mir –
Sein ungeheurer Speer war schier
So groß als wie ein Mastbaum.

Die schwarze Rüstung deckt' ein Schopf
Von kohlpechschwarzen Federn;
Die Augen brannten ihm im Kopf,
Gleich zweien Feuerrädern,
Kurz, sah man recht genau ihn an,
So glich er einem Auerhahn,
Als wie ein Ei dem andern.

Held Pyrrhus nun erbrach die Thür
Zu Priams Tabernakel!
Du lieber Gott, was war das für
Ein Jammer und Spektakel!
Man träumte hier nichts von Gefahr,
Und ach, der ganze Hofstaat war
Beinahe noch im Hemde.

Hier schrie und jammerte ein Schock
Geschreckter Kammerfrauen,
Da war im Hemd' und Weiberrock
Ein Hofkaplan zu schauen,
Und dort, daß Gott erbarme, schlief
Ein Kammerfräulein gar noch tief
Im Arm des Hofpoeten.

In Schlafrock und Pantoffeln stand
Der König Priam fertig,
Und war, den Säbel in der Hand,
Nun seines Feinds gewärtig:
Der alte Mann mit grauem Haar
Und weißem Bart, mein Seel', es war
Ein Anblick zum Erbarmen.

Allein kaum sah ihn Hekuba,
So schrie sie: »Gott im Himmel!
Bedenke doch dein Podagra,
Du alter, grauer Schimmel!
Was nützte denn das Fechten dir?
Kriech lieber unter's Bett zu mir,
So sind wir beide sicher.«

Allein, o weh! schon hörte man
Das feindliche Getümmel
Der Feind lief haufenweis heran,
Und Pyrrhus war ein Lümmel.
Er sah ihn, und ein Hieb, so flog
herab der Kopf – da lag der Stock,
So lang er war am Boden.

Zudem nun dieses arrivirt,
Hatt' ich mich weg vom Haufen
In einen Tempel retirirt,
Ein bischen auszuschnaufen.
Potz Hagel, was erblickt' ich da!
Da saß die saubre Helena
Versteckt in einem Beichtstuhl.

Hätt'st wohl zu beichten, dacht' ich mir,
Du Muster aller Metzen!
Ganz recht! du kömmst mir nicht von hier,
Ich haue dich zu Fetzen,
Und lass' ein Stück in jeder Stadt,
In der man solche Weiber hat,
Aufhängen zum Exempel.

Ja, so gering der Ruhm auch ist
Ein schwaches Weib zu tödten,
So muß doch jeder gute Christ
Die Welt von Sünden retten.
Potz Wetter! warum wär' ich denn
Der fromme Held Aeneas, wenn
Ich nicht die Sünden strafte?

Und als ich schon vom Leder zog,
Die Hexe zu trenchiren,
Da zupfte Venus mich am Rock,
Und rief: »Sind das Manieren?
Was gehn dich fremde Sünden an?
Schau lieber, was dein Sohn Askan
und Weib und Vater machen!«

Drauf hielt sie mir ein Fernglas vor
Und hieß mich aufwärts schauen;
Da sah ich hoch am Himmelsthor
Geschichten zum Erbauen.
Ihr glaubt, daß man sich dort verträgt?
Ja, gute Nacht! – Ein jeder schlägt
Dort unter'm Hut sein Schnippchen.

Sanct Juno hatte weislich da
Den Ehgemahl im Arme,
Und karessirt ihn, daß er ja
Der Stadt sich nicht erbarme;
Indessen flog in Trojens Brand
Aus Pallas und Neptunens Hand
Ein Pechkranz nach dem andern.

Ich ging nach Haus, da hatte mich
Mama in Schutz genommen,
Sonst war' ich diesmal sicherlich
Gebraten heimgekommen:
Doch nun passirt' ich kugelfest
Und unverbrennlich, wie Asbest,
Kanonenfeur und Flammen.

Hieraus nun sah ich klärlich ein
Und fühlt' es, daß die Ehre,
Von einer Göttin Sohn zu sein,
Nicht zu verachten wäre.
Mein Vater, dacht' ich, war kein Narr,
Daß er so manches Jugendjahr
Mit Zyprien verliebelt!

Ich trat ins Zimmer. Welch ein Bild!
Wie ward ich da betroffen!
Mein Vater hinter einem Schild,
Mein Söhnchen hinter'm Ofen.
Mein Weib, das hoch die Hände rang,
Schrie heulend: Schütze mich vor Zwang,
Du heil'ge Mutter Anna!

Kourage, rief ich, faßt euch! Wißt,
Frau Venus hat mir eben
Ein Land, wo Milch und Honig fließt,
Statt diesem Nest gegeben.
Kommt mit in dies Schlaraffenland,
Da sind die Felsen von Dragant,
Die Wälder voll Zibeben.

Da will ich naschen, rief Askan
Und hing an meiner Seite:
Mein Weib that Pelz und Handschuh' an,
Und ich rief meine Leute,
Und sprach: – schickt euch zur Reise an,
Im Bierhaus vor der Stadt beim Schwan,
Da kommen wir zusammen.

Drauf nahm ich meine Wildschur um,
Daß sie die Rüstung deckte;
Indessen brannt' es um und um,
Und sieh, das Feuer reckte
Zum Fenster schon die Zung' herein:
Da fingen alle an zu schrei'n:
Sanct Florian, errett' uns!

Nur Weiber zittern in Gefahr;
Ich, ohne umzublicken,
Nahm meinen Vater, wie er war,
Und packt' ihn auf den Rücken.
Nun rief ich: Vater, reitet zu,
Gib her die Hand Askan, und du,
Kreusa, geh zur Seiten!

Ich, der ich sonst dem Teufel steh',
Erbebte nun vor Lanzen
Und Schildgeklirr, und zitterte
Für meinen theuren Ranzen.
Indessen trug ich meinen Sack
Ganz unverletzet huckepack
Durch Nacht und Graus und Flammen.

Auf einmal schrie mein Vater: »Sohn,
Sohn, tummle dich nur weiter!
Ach, siehst du, siehst, sie kommen schon
Heran die Bärenhäuter!« –
Ich fort, als brennte mir der Kopf,
Zog meinen Jungen nach beim Schopf,
Und ach – verlor Kreusen.

Ich Dummkopf merkte das nicht eh,
Bis wir am Bierhaus stunden,
Da sah ich um, und rief: o weh!
Da war mein Weib verschwunden.
Patsch! – schmiß ich meinen Vater weg,
Und lief im allergrößten Dreck
Zurück, um sie zu suchen.

Ich suchte wie ein Narr, und schrie:
»Wo hat dich denn der Teufel?
Kreusa! – Sckatzkind! – Rabenvieh! –
Ha! dich hat ohne Zweifel
Ein griechischer Husar erhascht!
O wehre dich, der Hund verpascht
Dich nach Constantinopel.«

Auf einmal faßte eine Hand
Eiskalt mich an der Kehle:
Ich schlug ein Kreuz, und da erkannt'
Ich ihre arme Seele.
Kreusa, rief ich, bist du todt? –
Du arme Närrin, tröst' dich Gott!
So bin ich also Wittwer!

Wie ich dich liebte, wie um dich
Jetzt meine Seufzer knallen!
O du – und hier vergaß ich mich,
Wollt' um den Hals ihr fallen;
Allein der leichte Schatten wich,
Wie Luft mir aus der Hand, und ich –
Fiel nieder auf die Nase.

Die Hexe kann doch nimmermehr,
Dacht' ich, das Foppen lassen!
Stund auf und lief getrösteter
Als Wittwer durch die Gassen.
Und was noch mehr mich tröstete,
Die ganze Schenke wimmelte
Nun schon von Extrojanern.

Auf, Brüder, rief ich, fasset Herz,
Laßt Troja, laßt die Räuber!
Glaubt mir, es gibt auch anderwärts
Noch Wein und schöne Weiber!
Es leb' Aeneas, schrie ein Hauf',
Und alle pokulirten drauf,
Und zechten bis es tagte.

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