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Virgils Aeneis, travestirt

Aloys Blumauer: Virgils Aeneis, travestirt - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleVirgils Aeneis, travestirt
publisher
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeErster Theil
printrunRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130817
projectid46647a17
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Erstes Buch.

Inhalt.

Wie der fromme Held Aeneas über Meer auf die Fahrt ging, und von
einem Sturm gar unsanft hergenommen, hierauf aber von der Königin in Lybia
freundlich angenommen und köstlich bewirthet ward.

Es war einmal ein großer Held,
Der sich Aeneas nannte:
Aus Troja nahm er 's Fersengeld,
Als man die Stadt verbrannte,
Und reiste fort mit Sack und Pack,
Doch litt er manchen Schabernack
Von Jupiters Xantippe.

Was mochte wohl Frau Wunderlich
So wider ihn empören?
Man glaubt, Göttinnen sollten sich
Mit Menschen gar nicht scheeren;
Doch Göttin her, und Göttin hin!
Genug, die Himmelskönigin
Trug's faustdick hinter'n Ohren.

Der Apfel war's, der sie so sehr
Seit Paris Zeiten schmerzte,
Und Ganymedes, den ihr Herr
Auf pädagogisch herzte:
Und da beging Aeneas gleich
Bei der Geburt den dummen Streich,
Und war – verwandt mit beiden.

Drum mußt' er, eh' er Welschland sah,
Gewaltig viel ertragen:
Bald mußt' er sich in Afrika
Mit Sturm und Liebe schlagen,
Bald droht ihm ein Rival den Tod.
Kurzum, er hatte Teufelsnoth,
Den Vatikan zu gründen.

Kaum sah ihn Juno auf dem Meer,
So sprach sie: »Glück auf Reisen!
Ihr kommt mir eben recht daher;
Geduld! ich will euch weisen,
Was eine Königin vermag,
Die ihres Mannes Hosensack
Und Donnerkeil regieret.«

Sie ließ sich nach Aeolien
Auf ihrem goldnen Wagen
Bis hin, wo jetzt Paris zu sehn,
Von ihren Pfauen tragen.
Hier hält, wenn er nicht wehen mag,
Aeol in einem großen Sack
Die Winde eingesperret.

Die Göttin war voll Freundlichkeit,
Und sprach: »Mein lieber Vetter!
Seid doch so gut, und macht mir heut
Ein kleines Donnerwetter.
Ich hasse die Trojanerbrut,
Darum, Herr Vetter, seid so gut,
Und lehrt die Spatzen schwimmen.«

»Zerstreut die Flotte, haust recht toll,
Jagt sie nach allen Zonen;
Mein schönstes Kammermädchen soll
Heut' Nacht dafür euch lohnen;
Laßt alle Wind' in's Meer hinein,
Und orgelt hübsch mit Donner d'rein,
Mein Herr Gemahl soll blitzen.« –

»Gestrenge Frau Gebieterin,
Ihr habt nur zu befehlen;
Doch will ich euch, wie arm ich bin
An Winden nicht verhehlen;
Mein Auster hat die Lungensucht,
Mein Eurus ist nun auf der Flucht,
Und dient den Zeitungsschreibern.«

»Mein Nordwind, den wir jetzt zum Weh'n
Am besten brauchen könnten,
Ist athemlos – ich lieh' ihn den
Berliner Recensenten!
Die machten ihn zum Hektikus;
Doch wird ihn bald ihr Ueberfluß
An Eselsmilch kuriren.«

»Sogar den Zephyr haben mir
Die Dichter weggenommen;
Allein die Schifferrotte hier
Soll drum mir nicht entkommen.
Gebt nur auf euern Kopfputz Acht,
Und dann vergeßt nicht auf die Nacht
Mir auch fein Wort zu halten.«

Aeol eröffnete den Sack –
Potz Blitz, das war ein Sausen!
So werden bis zum jüngsten Tag
Die Winde nimmer brausen.
Die einen bliesen Wolken her,
Die andern legten an dem Meer
Sich auf den Bauch und bliesen.

Wie siedend Wasser sprudelte
Das Meer in seinem Kessel,
Und in den Schiffen tummelte
Sich Jeder auf vom Sessel.
Der Eine machte Reu' und Leid
Der And're fluchte wie ein Heid',
Der Dritte lief an's Ruder.

Die Schiffe flogen her und hin,
Es brachen Tau und Stangen;
Die ganze Himmelskuppel schien
kohlrabenschwarz umhangen.
Aeol vermehrte noch den Graus,
Und putzte 's Licht am Himmel aus,
Da sah kein Mensch den andern.

Der Sturm erhob sich immer mehr
Mit jedem Augenblicke;
Die Blitze schnitten kreuz und quer
Das Firmament in Stücke;
Der Donner ging ohn' Unterlaß
Bald im Diskant und bald im Baß,
Der Wind akkompagnirte.

Aeneas schrie und zitterte
An Händen und an Füßen:
»O hätt' ich doch, wie Andere,
Zu Haus in's Gras gebissen!
So aber muß ich armer Gauch
Vielleicht in einem Wallfischbauch
Mein Heldenleben enden.«

»O wär' ich doch, o Sarpedon!
Bei dir im Himmel oben,
So wär' ich doch des Sterbens schon
Auf immer überhoben!«
Nachdem er viel solch' Zeug geschwätzt,
Verlobt er noch zu guter Letzt'
Sich heimlich nach Loretto.

Indessen ging's im Sturmgeheul
Den Schiffern miserabel,
Ein Schiff verlor den Hintertheil,
Das andere den Schnabel:
Und selbst Aeneens Orlogschiff
Sah man, so wie der Sturmwind pfiff,
Auf Wogenspitzen tanzen.

Ein Theil der Schiffe scheiterte,
Und hing gespießt auf Klippen;
Den anderen zerschmetterte
Ein Wellenschlag die Rippen.
Hier schwammen Hosen, da ein Rock,
Dort hielt ein Schwimmer einen Block
Inbrünstig in den Armen.

Indessen hat Neptun, wiewohl
Sehr spät, den Spuck vernommen:
Er ward darüber teufelstoll,
Und ließ die Winde kommen,
»Vermaledeites Lumpenpack
Rief er, »ha, diesen Schabernack
Soll euer Herr mir büßen!«

»Sagt ihm, dem hundertjährigen
Windbeutel: er soll gehen,
Sonst laß ich seinem windigen
Gesind das Maul vernähen.
So wahr ich Engelländer bin,
Ich halte Wort! Nun mögt ihr ziehn –
Still, Wellen, still! – ihr Schurken!«

Drauf stieg er in's Pierutsch hinein,
Und ebnete die Wellen!
Bald pflegte sich der Sonnenschein
Auch wieder einzustellen.
Deß ward Aeneas herzlich froh,
Und ging in dulci jubilo
In Lybien vor Anker.

Die Helden kamen hier an's Land,
Wie die getauften Mäuse,
Sie machten Feuer an dem Strand,
Und sah'n nach Trank und Speise,
Sie thaten hier, als wie zu Haus;
Sie zogen ihre Hemden aus,
Und hingen sie zum Feuer.

Drauf ging Aeneas in den Wald,
Und schoß ein Dutzend Hasen,
Und dieser Braten füllte bald
Mit Wohlgeruch die Nasen.
Kaum war nun auf dem weichen Gras
Der Tisch zum Mahl gedeckt, so fraß
Ein Hasenfuß den andern.

Eh' noch das Mahl ein Ende nahm,
Ging Punsch herum im Kreise,
Und als es zur Gesundheit kam,
Sang jeder diese Weise:
»Es lebe Muth und Tapferkeit!
Stoßt an: es lebe, wer sich heut
Im Meere – todt gesoffen.« –

Herr Zevs saß – salva venia!
So eben frisch und munter
Auf seinem Leibstuhl, und da sah
Er auf die Welt herunter!
Denn das war so der Augenblick,
An dem er mit der Menschen Glück
Sich abzugeben pflegte.

Frau Venus kam und machte da
Dem Donnerer Visite;
Denn da versagte der Papa
Ihr niemals eine Bitte. –
»Ach, Herr Papa!« so fing sie an,
»Was hat mein Sohn euch denn gethan,
Daß ihr so sehr ihn hudelt?«

»Er soll – nicht wahr? – ich merk' es wohl,
Italien nicht finden?
Verspracht ihr mir nicht selbst: »er soll
Noch Roms Triregnum gründen?«
Und weil ihr da des Leibes pflegt,
Geht euer Weibchen her und neckt
Mir meinen armen Jungen.«

Der Alte schnitt ein Bocksgesicht,
Und küßt ihr sanft die Wange:
»Mein Kind, bekümmre dich nur nicht,
Mir ist für ihn nicht bange;
Wird nicht dein Sohn der Urpapa
Der Datarie und Curia,
So heiß mich einen Schlingel!«

»Und daß du so gerade hier
Mich trafst, soll dich nicht reuen;
Ich will auf meinem Dreifuß dir
Ein bischen prophezeihen:
Gib Acht! – Für's erste baut dein Sohn
In Latium sich einen Thron,
Und stiftet die Lateiner.«

»Hierauf kommt Romulus und den
Wird eine Wölfin säugen,
Drum wird er einen mächtigen
Instinkt zum Rauben zeigen;
Das wird ein Kerl nach meinem Schlag,
Der schiebt die halbe Welt in Sack,
Und schenkt sie seinen Römern.«

»Nach diesem wird ein Reich entstehn,
Das hat nicht Weib noch Kinder;
Und dennoch wird die Welt es sehn,
Es dauert drum nicht minder.
Ja, was noch weit unglaublicher,
Es wird sich, wie das Sternenheer
Am Firmament vermehren.«

»Auch dies Reich faßt die Herrschbegier
Dann mächtig bei den Ohren;
Den Römern, Kind, ich sag' es dir!
Ist's Herrschen angeboren.
Und so von einem Weltchen sich
Gefürchtet sehn ist – hole mich
Der Teufel! – gar nicht übel.«

»Der also dieses Reich regiert,
Wird sehr die Welt kuranzen,
Ein jeder fromme König wird
Nach seiner Pfeife tanzen.
Er hält von andrer Leute Geld
Ein großes Kriegsheer, und die Welt
Küßt ihm dafür den Stiefel.«

»Er kann mit seiner rechten Hand
Die größten Wunder wirken;
Erobert das gelobte Land,
Und massakrirt die Türken,
Wie einen Aepfel theilt er dir
Die halbe Welt – schenkt diesem hier
Und jenem da die Hälfte.«

»Ihn werden Völker auf den Knie'n
Wie einen Gott verehren;
Thut's einer nicht, so wird er ihn
Durch Feuer Mores lehren.
Auch trägt er einen größern Hut
Als ich, und blitzt sogar – doch thut
Sein Blitzen wenig Schaden.«

»Ja einer soll sogar einmal
Ein Kindlein prokreiren;
Das soll von unserm Feldmarschall,
Herrn Mars, den Namen führen.
Es läßt mich zwar Virgilius
Das prophezeih'n; allein man muß
Dem Narr'n nicht Alles glauben.«

»Weil nun die Welt gewohnt schon ist,
Von Rom zu dependiren,
So wird, so lang man Füße küßt,
Dies Reich nicht exspiriren.
Der Römer Herrschsucht – kurz und gut
Steckt nun einmal in ihrem Blut.
So les' ich in den Sternen.«

»Was deinem Sohne heut geschah,
Soll nicht mehr arriviren;
Er soll sich jetzt in Afrika
Ein bischen divertiren.
Merkur! geh' nach Karthago hin,
Und sag': ich laß der Königin
Den Mann rekommandiren.«

Indessen ging Aeneas sehr
Bekümmert längs dem Meere,
Und suchte sehnlich Jemand, der
Ihm sagte, wo er wäre?
Denn Lybien sah er noch nie,
Und auch in der Geographie
War er nicht sehr bewandert.

Da kam ihm eine bucklichte
Zigeunerin entgegen;
Die sah ihn an und lächelte,
Und rief: »Viel Glück und Segen!
Ei gebt doch Euer Pfötchen her!
Um einen lichten Groschen, Herr,
Sag' ich Euch Wunderdinge.«

Der fromme Ritter glaubte noch
An Hexen und dergleichen;
Drum fragt' er nur, ohn' ihr jedoch
Die flache Hand zu reichen:
»Sagt mir, wie heißt die Gegend hier?
Gibt's etwa Menschenfresser hier?
Sind Griechen in der Nähe?«

»Das Land, sprach sie, heißt Lybia.
Die schönste aller Frauen
Läßt sich in dieser Gegend da
Ein hübsches Städtchen bauen.
Sie ist ein Weib, wie Milch und Blut,
Und Euresgleichen herzlich gut –
Auch noch dazu jetzt Wittwe.«

»Aus Geiz erschlug ihr Bruder ihr
Den vielgeliebten Gatten;
Sie stahl ihm all' sein Geld dafür,
Und wußte sich zu rathen.
Von diesem Gelde kaufte sie
Dies Ländchen sich. – Doch sagt mir, wie
Kommt Ihr hieher? Wer seid Ihr?«

»Ich bin, sprach er, der fromme Held
Aeneas, Euch zu dienen,
Unüberwindlich in dem Feld
Und hinter den Gardinen;
Am ganzen Himmelsfirmament
Ist nicht ein Stern, der mich nicht kennt
Und meine Heldenthaten.«

»Wir überstanden Sturm und Graus,
Nun ist die Noth noch größer;
Der Rum und Zwieback ging uns aus,
Und leer sind unsre Fässer.
Von zwanzig Schiffen blieben mir
Nur sieben, und auch diesen hier
Thut's Noth, sie auszuflicken.«

»Dort in Karthago wirst Du,« sprach
Die Alte, »fürstlich leben.
Geh' jetzt nur Deiner Nase nach,
So wird sich Alles geben.«
Sprach's, und erhob sich in die Luft.
Aeneas roch Lavendelduft,
Und kannte seine Mutter.

Er stutzt', und es verdroß ihm schier,
Daß man ihn so vexiret;
Doch hatt' ihn die Mama dafür
In Nebel einballiret.
Der Nebel war zwar ziemlich dünn,
Doch könnten unsre Damen ihn
Zum Halstuch schwerlich brauchen.

Denn hinein sah man keinen Stich,
Doch heraus desto besser.
In dieser Rüstung wagte sich
Nun unser Eisenfresser
Bis mitten in die Stadt hinein.
Und nahm den Bau in Augenschein,
Den man so eben führte.

Die Einen gruben Brunnen aus,
Die Andern bauten Ställe;
Hier baute man ein Opernhaus,
Dort eine Hofkapelle:
Da wurden Brücken aufgeführt,
Und Nepomuke drauf postirt;
Dort sah man einen Pranger.

Hier stand ein Rathhaus, funkelneu –
Bis auf die Rathsherrn – fertig!
Dort war der Thurm der Domprobstei
Noch seines Knopfs gewärtig;
Hier baute man ein Findelhaus;
Da grub man einen Keller aus.
Und baute drauf – ein Kloster.

Doch ein Kaffeehaus in der Näh'
Ließ unsern Mann nicht weiter:
Er ging hinein, trank Milchkaffee,
Und las den Reichspostreiter.
Aeneens Flucht aus Trojens Glut,
Sein Sturm, sein Schiffbruch und sein Muth
Stand Alles schon darinnen.

Drauf ging er in die Residenz,
Die Fürstin zu begaffen.
Sie gab jetzt eben Audienz,
Und hatte viel zu schaffen.
Er guckte lange nach ihr hin,
Und dachte sich in seinem Sinn:
Mein Seel', ein Weib zum Fressen.

Auf einmal kam ein Trupp herbei
Voll Mist bis an die Ohren:
Es war Aeneens Klerisei,
Die er im Sturm verloren.
Die warfen vor der Fürstin Thron
Sich hin, und baten um Pardon
Und Holz für ihre Schiffe.

»O Königin!« so schrien sie hier
Aus einem Mund zusammen:
»Vergib uns Fremdlingen, daß wir
An dein Gestade schwammen:
Und siehest du nicht gern uns hier,
So nimm den Sturmwind her dafür,
Der uns hieher verschlagen.«

»Als unsre Schiffe mit dem Steiß
Auf einer Sandbank saßen,
Hat uns Aeneas – Gott verzeiht
Dem Schlingel! – sitzen lassen.
Wir bitten Dich! erhöre uns!
Befiehl uns, was Du willst, wir thun's.
Nur laß uns nicht verhungern!«

Frau Dido sprach: »Es ging Euch schwer!
Die Augen gehn mir über;
Allein wo ist denn Euer Herr?
Der wäre mir noch lieber.
»Da ist er,« schrie nun mit Gewalt
Aeneas, daß das Zimmer hallt',
Und sprang aus seinem Nebel.

Er war auf einmal wunderschön:
Mama wußt' ihn zu zieren:
Sie ließ von ihren Grazien
Ihn kurz vorher frisiren.
Sie gab ihm einen Anstrich mit,
Und ihr Gemahl, der Messerschmied,
Mußt' ihn vorher barbieren.

Nun war ein Jubel überall.
Man drückte sich die Hände,
Schnitt Complimente in dem Saal,
Der Jammer hatt' ein Ende.
Wer da war, blieb sogleich im Schloß:
Dem Schiffsvolk schickte Dido, bloß
Zum Frühstück, hundert Ochsen.

Nun ließ Aeneas von dem Schiff
Auch die Geschenke kommen,
Die er, als er aus Troja lief,
Zur Vorsicht mitgenommen;
Den Unterrock der Helena,
Den Schmuck der alten Hekuba,
Nebst ihren Augengläsern.

Doch während in dem Schlosse schon
Die Bratenwender schwirren,
Sann Venus drauf, für ihren Sohn
Der Fürstin Herz zu kirren.
Denn ein Weib traut dem andern nie,
Uno aus Aeneens Galantrie
War sich nicht zu verlassen.

Sie ging zum Amor hin und sprach:
»Mein lieber Sohn Kupido,
Gib deiner Mutter Bitten nach,
Und kapre mir die Dido!
Dein Bruder ist ein dummer Hans,
Zu ungeschickt, nur eine Gans
In sich verliebt zu machen.«

»Du gehst jetzt als Askan ins Schloß
Zu ihr mit den Geschenken;
Läßt sie dich reiten auf dem Schoos,
So hüte dich vor Ränken:
Wenn sie dich aber herzt und küßt,
So jag' ihr, wie's gebräuchlich ist,
Den Lieb'spfeil durch die Gurgel.«

»Damit mir aber nicht Askan
Verdirbt den ganzen Handel,
Geb' ich ihm Opium, vier Gran,
In einem Zuckerkandel,
Und nehm' ihm seine Kleider all;
Dann trägst du, Kind, zum ersten Mal,
In deinem Leben Hosen.«

Weil Amorn nun nichts lieber war,
Als Herzen zu erschnappen.
So ließ er gleich sein Flügelpaar
Sich auf den Rücken pappen;
Zog auf der Stelle vom Askan
Rock, Kamisol und Hosen an,
Und eilte nach Karthago.

Er schleppte die Geschenke hin
Bis in den Saal, da saßen
Aeneas und die Königin
Schon bei dem Tisch und aßen –
Das war ein Mahl! So eines hat
Kein insulirter Reichsprälat,
So lang' man ißt, gegeben.

Denn man verschrieb das Zugemüß
Durch reitende Staffeten,
Ragouts und Saucen aus Paris,
Nebst Zwergen in Pasteten.
Das Rindfleisch war aus Ungarn da,
Die Vögel aus Amerika,
Aus Lappland das Gefrorne.

Meerspinnen, Karpfen aus der Theiß,
Forellen kaum zu messen,
Granelli, von der Pfanne heiß,
Aeneens liebstes Fressen.
Ein ganzer Ochs war's Tafelstück,
Der Spargel, wie mein Arm so dick.
Und Austern groß – wie Teller.

Auch Kirschen, Ananas sogar,
Und Erdbeer' im Burgunder:
Und dann die Torte! – ja die war
Der Kochkunst größtes Wunder!
Sie präsentirte Trojens Brand,
Und oben auf den Flammen stand
Aeneas – ganz von Butter.

Und, o der Wein! da wässert mir
Der Zahn, wenn ich dran denke:
Tokaier, Kapwein, Malvasiec
Stand maaßweis auf der Schenke;
Muskat und Ofner noch viel mehr
Mit unserm Sechsundvierziger
Wusch man sich nur die Hände.

Potz Sapperment! Bald hätt' ich hier
Den Wein, der bei dem Essen
Den Helden allen, und auch mir,
Der liebste war, vergessen,
Champagner! o den sahn wir kaum,
So soffen wir, daß uns der Schaum
Am Barte noch moussirte.

Nun kam Askan. Die Königin
Erblickte kaum den Knaben,
So wollte sie vor allen ihn
Auf ihrem Schooße haben:
»Ein allerliebster kleiner Dieb!
Komm her Askanchen! hast mich lieb?
Ach, ach, ein Kind zum Fressen!«

Frau Dido konnte gar nicht satt
Sich an dem Jungen küssen;
Doch ach, was sie am Sohn jetzt thut,
Wird sie am Vater büßen.
Beim ersten Kusse von Askan
Da trollte schon ihr sel'ger Mann
Sich fort aus ihrem Herzen.

Beim zweiten Kuß fiel schon ihr Blick
Auf ihren neuen Gecken,
Beim dritten wollt' er noch zurück,
Beim vierten blieb er stecken.
Beim fünften, sechsten, siebenten
War's um ihr armes Herz geschehn:
Es schlug ihr, daß man's hörte.

Selbst alle die Geschenke sah
Sie kaum, die vor ihr lagen:
Den Schmuck der alten Hekuba,
Schon ziemlich abgetragen,
Den Unterrock der Helena,
Zerlöchert, wie die Rudera
Von einer Feldstandarte.

Askan fraß nun in einem weg
Nichts als Studentenfutter:
Frau Dido strich ihm Schnepfendreck
Aufs Zuckerbrod, wie Butter:
Und nach gestilltem Appetit
Nahm er Dragant und warf damit
herum nach allen Gästen.

Nachdem sich die Schmarotzer voll
Gefressen zum zerspringen,
Befahl die Königin, man soll'
Ihr einen Tummler bringen:
Und diesen Tummler füllte sie
Bis oben an, und hob mit Müh'
Ihn schweppernd ihn die Höhe.

»Es leb' Aeneas! rief sie aus!
Und wer ihn liebt, nicht minder!
Zevs segne sein erlauchtes Haus,
Und geb' ihm viele Kinder!«
Bei Pauken- und Trompetenschall
Trank sie den mächtigen Pokal
Rein aus bei einem Tropfen.

Das Mahl nahm nun, wie jedes Ding
Auf dieser Welt, ein Ende.
Man wischte sich das Maul und ging,
Und wusch sich dann die Hände.
Aeneas saß zum Spieltisch hin,
Und spielte mit der Königin
Mariag' um einen Kreuzer.

Des Abends ward das Trauerspiel
Othello aufgeführet;
Als sich der Held erstach und fiel,
Ward gräulich applaudiret.
Und weil sein Tod so rührend war,
so mußte sich der arme Narr
Ein Paarmal noch erstechen.

Indeß ward mit Provenceröl
Die Stadt illuminiret,
Und auf der Königin Befehl
Im Tanzsaal musiziret.
Man tanzte sich bald matt und heiß,
Und setzte sich darauf im Kreis
Herum, und spielte Pfänder.

Man war vergnügt, die Fürstin bloß
Fand d'ran kein Wohlbehagen,
Sie saß Aeneen auf dem Schoos:,
Und setzt' ihm hundert Fragen:
Wie viel Trojanern das Genick
Achilles brach? wie lang und dick
Sein Speer war? und dergleichen.

Doch den Aeneas lüstete
Nach Pfändern und nach Küssen!
Er spielte mit; allein, o weh!
Wie bitter mußt' er's büßen!
Nicht lang, so hieß es: »Wem dies Pfand
Gehört, der soll uns Trojens Brand
Der Länge nach erzählen.«

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