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Virgils Aeneis, travestirt

Aloys Blumauer: Virgils Aeneis, travestirt - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
authorAloys Blumauer
titleVirgils Aeneis, travestirt
publisher
seriesAloys Blumauer's gesammelte Schriften
volumeErster Theil
printrunRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130817
projectid46647a17
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Neuntes Buch.

Inhalt.

Wie der heidnische Prinz Turnus die Flotte der frommen Trojaner wollte verbrennen, und er dann unter selben ein Blutbad anrichten thät, gar jämmerlich zu lesen.

Indeß Aeneas wundervoll
Im Buch der Zukunft blättert,
Kam Juno's Stubenmagd vom Pol
In Eil' herabgeklettert,
In einem Röckchen aus Paris,
Roth, gelb und grün: die Farbe hieß
Vomissement de Reine.

Sie huschte schnell zum Turnus hin.
Und sprach zu diesem Helden:
»Ich soll von Madam Jupitrin
Ein Compliment euch melden:
Indeß Aeneas Bilder schaut,
Sollt ihr, noch eh der Morgen graut,
Die Trojer überrumpeln.«

Prinz Turnus, um den glücklichen
Moment nicht zu verlieren,
Ließ diese Nacht noch auf den Zeh'n
Sein halbes Heer marschiren:
Und daß der Feind nichts hörte, war
Das Schneuzen und das Nießen gar
Bei Lebensstraf' verboten.

So wie der Donaustrom, als Held,
Zugleich auf sieben Seiten
Dem Meer in seine Flanke fällt,
Und, ohne viel zu streiten,
Mit siebenfachem Arm zugleich
In seines mächt'gen Feindes Reich
Auf zwanzig Meilen dringet:

So naht den Herrn aus Ilion
Auch Turnus sich jetzunder:
Doch Luzifer, der Erzspion,
Verrieth den ganzen Plunder.
Er war noch kaum dem Lager nah,
So schrie man schon: der Feind ist da!
Und wies ihm kühn die Zähne.

Prinz Turnus hielt es nun zu schwer,
Das Lager zu berennen,
Und fand für's erste thunlicher,
Die Flotte zu verbrennen,
Die dort am nahen Ufer stand,
Und ungebeten in sein Land
Die Trojer hergetragen.

Doch während zu den Schiffen er
Hinritt auf seinem Schecken,
Ließ Cybele den Jupiter
Aus seinem Schlafe wecken,
Und roth von Wein und Eifer, wie
Ein Kardinalshut – eilte sie
Laut schreiend in sein Zimmer.

»Wiß! ein verdammter Heide – Gott
Verzeih mir meine Sünden –
Erfrecht sich, mir und dir zum Spott,
Die Kriegsschiff' anzuzünden;
Und der elende Menschenzwerg
Denkt nicht, daß auf dem Sonntagberg
Das Holz dazu gewachsen.«

»Du kannst den Schimpf als Schutzpatron
Von diesem Berg nicht dulden:
Man bringt uns so zum Opfer schon
Des Jahrs kaum einen Gulden:
Drum rüste dich, o großer Zevs,
Nimm deine Donner all und scheuß
Den Frevlern auf die Köpfe!«

»Geduld!« rief Zevs, »dem Taugenichts
Will ich ein Näschen drehen,
Er soll anstatt der Schiffe nichts
Als hübsche Mädel sehen,
Und wenn der Tausendsapperment
Mir dann die Menscher noch verbrennt,
Soll ihn der Teufel holen!

Urplötzlich sah Prinz Turnus all
Die Schiffe sich verändern;
Der Wimpel an dem Admiral-
Schiff ward zu Haubenbändern,
Der Mast zur Taille, schlank und rund,
Zum Halstuch jedes Segel,
Der Mastkorb zur Bouffante.

Die Strick' und Tau verwandelten
Zum Schnürriem sich am Mieder,
Und die Matrosen kletterten
Als Flöh' dran auf und nieder;
Und unter dem Verdecke war –
Bis höchstens auf ein einzig Paar –
Kein Schließloch mehr zu sehen.

Als drob das Heer erschrak, da rief
Prinz Turnus: »Eitel Fabel!
Was ist's denn auch? Dies Schnabelschiff
Ist nun ein Weiberschnabel!
Drum greift nur an, ihr Memmen ihr!
Die Gallionen entern wir
Ja nur um desto leichter.

Dann ließ er gleich im vollen Lauf
Sein Kriegsheer aufmarschiren,
Das mußte Pelotonweis drauf
Im Feuer exerziren:
Dann rief er: Satis! Einmal ist
Genug, man kann zu dieser Frist
Das Pulver weiter brauchen!

Die Schiffe wurden in den Grund
Gebohrt, und alle sanken:
Allein des Turnus Kriegsheer stund
Nicht lang hier in Gedanken;
Es machte nur mit dem Gewehr
Rechtsum, um auch das Trojerheer
Von hinten anzugreifen.

Allein die Trojer hatten sich
Umschanzt bis an die Nasen;
Dies war dem Turnus ärgerlich,
Drum hieß er alle Hasen:
Doch weil sie perpendikulär
Verschanzt sich hatten, war es schwer,
Den Kerlen beizukommen.

Die Herren wollen sich, rief er,
Von mir forciret sehen;
Indeß eröffnete sein Heer
Schon wirklich die Trancheen;
Und aus der ersten Batterie,
Die fertig war, begann man, sie
Von hinten zu bestreichen.

Nun, ihr neun Musen, steht mir bei
In meinen Dichternöthen:
Helft mir die Todtenlitanei
Und das Profundis beten,
Für all' die Helden, alt und jung,
Die während der Belagerung
Halb oder ganz gestorben!

Die Trojer hatten einen Thurm
Vorm Lager aufgeführet,
Der ward sogleich durch einen Sturm
Vom Turnus allarmiret.
Der Feind war auf die Festung stolz;
Allein der Plunder war von Holz,
Und stand gar bald in Flammen.

Dies machte nun verzweifelt heiß
Den trojischen Soldaten,
Der ward in seinem eignen Schweiß
Gesotten, der gebraten;
Dem ward die Rüstung glühend warm,
Und dort brannt' ein Soldatenschwarm
Schon gleich den armen Seelen.

Doch litten sie nicht gar so viel
In ihren heißen Flammen,
Denn eh' sie sich's versahen, fiel
Der Teufel gar zusammen;
Da purzelte die Garnison
Halb roh und halb gebraten schon
Den Feinden auf die Köpfe.

Und als Prinz Turnus wahr dies nahm,
Da fing man erst das große
Gemetzel an; und sieh, da kam
Zum Braten auch die Sauce.
Der ward wie ein Kapaun tranchirt.
Der wie ein Has anatomirt,
Der wie ein Lachs zerstückelt.

Auf Capys, der ans Hintertheil
Just mit der Hand gegriffen,
Kam unversehns ein rascher Pfeil
Her durch die Luft gepfiffen,
Und nagelte dem armen Mann
Die Hand fest an das Plätzchen an,
An welchem er sich kratzte.

Des Arcens Sohn, dem die Mama
Die Uniform gesticket,
Und den ins Feld sein Herr Papa
Zum Zuschau'n nur geschicket,
Ein Bürschchen, nur zu Tanz und Spiel
Und Lieb und Wein geschaffen, fiel
Jetzt durch Mezenzens Schleuder.

Asyl nahm dem Salathiel
Mit einem Schuß das Leben,
Dem aber hat Zerobabel
Sogleich den Rest gegeben;
Dem aber gab's Ortygius,
Dem Ortyx aber Cäneus,
Dem Cäneus aber Turnus.

Der Held Helenor wehrte lang
Sich wie ein toller Eber,
Doch Turnus gab ihm gleich den Fang,
Und stach ihn durch die Leber.
Der schnelle Lytus nur entrann,
Allein Prinz Turnus spießt' ihn an
Im Flieh'n gleich einem Hasen.

Am Speer des Turnus winselten
Die trojischen Soldaten,
Gleich Vögeln, die zu Dutzenden
An einem Spieße braten.
Wer ihre Namen wissen will,
Mag unbeschwert bei dem Virgil
Den Todtenzettel lesen.

Kurz wie im Schach die Königin
Nur ausgeht, um zu siegen,
Und ihr die Bauern, wo sie hin
Sich wendet, unterliegen,
So fielen vor des Turnus Schwert,
Wohin er sich nur immer kehrt,
Zu Boden die Trojaner.

Da nun dies schnelle Glück im Feld
Der Feinde Muth erfrischte,
So trat jetzt ein Kanonenheld,
Der sonst Kanonen wischte,
Am Wahlplatz auf, er hieß Petit,
Und war des großen Picoli
Leibhafter Ururenkel.

Der Held Petit, vom Maule groß,
Fing an zu thrasoniren:
Er wollt' allein den Trojertroß
Zusammen kanoniren,
Das wahre Jus Canonicum
Wiß er allein, und habe drum
Zu Löwen einst studiret.

Askan vernahm den Löwenmuth,
Und siehe, das Verlangen
Nach Kampf trieb ihm das Heldenblut
Empor in beide Wangen.
Er wappnete nun ritterlich
Mit einem Ochsenziemer sich,
Und betete, wie folget:

»O Jupiter! du großer Stier,
Sieh her auf deinen Servum,
Und laß auf diesen Römler hier
Jetzt tanzen meinen Nervum
Sprach es, und ließ nun dem Signor
Kanonikus Petit um's Ohr
Den Ochsenziemer sausen.

Apoll, der vom Olymp herab
Dem Streite zugesehen:
Sprach zum Askan: »Halt ein, laß ab,
Mir ist genug geschehen
An diesem tollen Kanonier:
Die Götter gratuliren dir
Zu der Kanonikade.

Dies Wunder gab, wie's billig ist,
Den Trojern neue Kräfte:
Und nun ward eine Kriegeslist
Ihr dringendstes Geschäfte,
Und diese war nichts weniger,
Als die gesammten Rutuler
Den Mäusen gleich zu fangen.

Den neuen Kniff begünstigte
Auch wirklich jetzt der Himmel:
Denn sieh! ein paar vierschrötige
Baumstarke große Lümmel
Eröffneten das Lagerthor,
Und stellten trotziglich davor
Sich hin als ein paar Schweizer.

So wie die Grundeln haufenweis
In offene Reusen dringen
Und um ihr Leben sich mit Fleiß
Und ihre Freiheit bringen;
So lief auch jetzt manch armer Tropf
Hinein zum Thore mit dem Kopf
Und heraus ohne selben.

Sogar Prinz Turnus wollte kühn
Das offene Thor erreichen,
Und bahnte sich den Weg dahin
Auf lauter Trojerleichen:
Denn was sich ihm nur widersetzt,
Das schießt und haut und sticht und setzt
Er Augenblicks zusammen.

Held Antiphates, der sich ihm
Entgegen wollte wagen,
Empfand der erste seinen Grimm:
Sein Spieß drang durch den Magen
Ihm bis in den Zwölffingerdarm,
Und fand da den Kapaun noch warm.
Den er gefrühstückt hatte.

Den großen Schweizer, der vorher
Zu diesem Todtentanze
Das Thor geöffnet, nagelt' er
Mit seiner großen Lanze
An's Thor, gleich einer Fledermaus,
Und drang als wie zum Heldenschmaus
Hinein in's offne Lager.

Der andre Schweizer schmiß im Nu
Des Thores beide Flügel
Jetzt hinter unserm Helden zu,
Und schob davor den Riegel;
Und als das Trojerheer das sah,
Schrie alles laut: Victoria!
Der Gimpel ist gefangen!

Wie wenn in einem blutigen
Madrider Stiergefechte
Ein Stier aus Andalusien,
Von heidnischem Geschlechte –
Hiezu versehn mit päpstlicher
Lizenz – die edlen Spanier
In wildem Grimme spießet:

So wüthete Prinz Turnus jetzt,
Von Juno's mächt'gem Arme
Vor Schuß und Hieb und Stich geschützt,
Herum im Trojerschwarme,
Und gab den Triumphirenden
Manch unerwartet Specimen
Von seiner Hieb- und Stoßkraft.

Aphyd ward zu ἀϰέφαλος
Von seiner Hand creiret,
Dem Phegeus ward das Sacrum Os
Mit Hasenschrot lädiret,
Und dieser Schuß, der tödtlich war,
Kurirte nun auf immerdar
Ihn von der goldnen Ader.

Dem Amycus, der aus sich gab
Für einen großen Jäger,
Hieb Turnus den Cremaster ab
Mitsammt dem Hosenträger.
Dem Gyges, welcher vor ihm her
Als wie ein Schneider lief, hieb er
Entzwei den Schneidermäusel.

Dem Halys spaltet' er das Kinn,
Dem Dickkopf Amyater
Gab er mit seinem Schwert im Fliehn
Eins aus die dura Mater,
Und schlug dem armen Narr'n dabei
Die Christa Galli wurz entzwei,
Nah bei'm Foramen Coecum.

Dem Versemacher Kreteus
Hatt' er urplötzlich mitten
Im Dichterkopf den
Scriptorius verschnitten.
(O möchte doch dem ganzen Heer
Der tolle Musenbändiger
Prinz Turnus Federn schneiden!)

Der alte Mnestheus fluchte sehr
Bei allen den Scharmützeln,
Und um das feige Trojerheer
Beim Point d'honneur zu kitzeln,
Rief er erzürnt: »Ihr Memmen ihr!
Wollt also von dem Lümmel hier
Euch alle spießen lassen?«

Flugs setzte dieser feine Stich
Der Trojer Muth in Flammen:
Sie drängten um den Turnus sich
Jetzt haufenweis zusammen:
Und vorn und hinten schlugen sie
Nun wacker auf ihn los, als wie
Auf eine türk'sche Trommel.

Doch wie ein hungarischer Stier
Dem's Ohr voll Hunde hänget,
Im Hetztheater hin zur Thür
Mit letzter Kraft sich dränget:
So suchte, fest vor Hieb und Schuß,
Auch Turnus jetzt den Tiberfluß
Vor allen zu erreichen.

Und siehe, Wunder! kaum erschien
Der Fluß vor seinen Blicken,
So beutelt' er die Trojer kühn
Vom Leib' ab, gleich den Mücken,
Sprang in den Fluß, und dieser trug
Ihn sanfter, als Sanct Nepomuk
Die Moldau einst getragen.

Allein wohin der Wundermann
Mit heiler Haut geschwommen,
Und was er in der Folge dann
Noch ferner unternommen,
Dies, liebe Leser, will ich euch
(Geschieht es auch nicht jetzo gleich)
Im nächsten Buche sagen.

 

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