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Gutenberg > Jura Soyfer >

Vineta

Jura Soyfer: Vineta - Kapitel 1
Quellenangabe
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typedrama
authorJura Soyfer
booktitleDie Ordnung schuf der liebe Gott
titleVineta
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorWerner Martin
year1979
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Jura Soyfer

Vineta

 

Personen

Jonny, ein alter Matrose

Änne, Wirtin einer Hafenschenke

Kathrin, eine Prostituierte

Der mürrische Senator

Der fröhliche Senator

Seine Frau

Lilie, seine Tochter

Der Stadtschreiber

Der Stadtwächter

Eine Dame

Ein Soldat

Ein Bettler

Eine Bettlerin

Ein Gefangener

Ein Gefängniswärter

Bürger von Vineta

 

Erstes Bild

(Die Szene stellt eine Hafenkneipe dar. Musik und Stimmengewirr.)

Jonny (ein alter Matrose, betrunken): Änne, he, Änne! Mutter Änne, sag ich!

Wirtin (tritt auf): Jetzt halt schon die Klappe, Jonny!

Jonny: Was soll ich? Das ist mir aber ganz neu, daß ich in diesem Lokal die Klappe halten soll.

Wirtin: Hast schon genug gesoffen.

Jonny: Genug? Wann ich genug hab, das bestimm ich! Gefälligst, wie? Ich hab – vier Ozeane hab ich durchfurcht – und ein alter Mann bin ich geworden – gefälligst ...

Wirtin: Kathrin! Sag dem Jonny, er soll schon die Klappe halten!

Jonny (empört): Was soll ich? Das hör ich aber zum erstenmal! Das ist mir aber eine Novität dahier, daß ich dahier die Klappe halten soll! Als zahlender Gast! Wie, he! Drecklokal dahier, gefälligst!

Kathrin (ist aufgetreten, sanft): Freilich, Jonny, hast recht! Und jetzt halt die Klappe, Jonny, hast schon genug ...

Jonny: Dich, Kathrinchen, könnt ich auf den Knien schaukeln. Dir könnt ich ein Großvater sein. Wie dein unbekannter Vater noch nicht annähernd auf der Welt war, dieser Gauner, da hab ich schon in Hawaii gefälligst Mischlinge gezeugt. He, einen Liter, sag ich! Zahl ich oder zahl ich nicht!? Wie?

Wirtin: Einen Dreck zahlst du, Jonny!

Jonny (plötzlich sehr deprimiert): Freilich zahl ich 'n Dreck. Aber fein ist das nicht, daß man einem alten Mann so was unter die Nase reibt! Daß er am Gnadenbrot nagt bei euch! Pfui, ist das unfein!

Wirtin: Jonny, jetzt ...

Jonny: Jetzt halt schon die Klappe, wie? Weiß schon! Krieg ja nichts anderes zu hören den ganzen Tag in dem Puff da ...

Wirtin: Komm, Kathrin!

Jonny: Änne, was hab ich denn gesagt? Einen halben Liter, hab ich gesagt. Denk an unsere gemeinsame Jugend! Denk an die Tage der Rosen, Änne ...

Wirtin: Ich hab mit dir keine Tage der Rosen gemeinsam gehabt, mit dir nicht! Das verbiet ich mir!

Jonny: Ich mein ja, jeder von uns extra! Aber da hast noch 'n Herz gehabt in dir statt lauter Speck! Wie, oder nicht? Für einen alten Mann?

Wirtin: Komm schon, Mädel! Herr Ditje auf Loge zwei will mit dir plaudern!

Jonny: Bleibt da, Kinder! Laßt 'nen alten Mann nicht allein! Ich erzähl euch eine Geschichte aus meinem Leben! (Animiert.) Jungens! Herhören alles! Jonny zahlt eine Runde! Jonny erzählt eine wahrhaftige Geschichte aus seinem Leben!

(Der Lärm geht unverändert weiter. Dazwischen:)

Eine Stimme: Jonny zahlt 'n Dreck!

(Gelächter.)

Wirtin: Und wenn du die Gäste belästigst, fliegst du raus! Kathrin, beruhig ihn und geh dann mit dem Herrn Ditje plaudern. (Ab.)

Jonny (tieftraurig): Siehst du, Mädelchen, mich sollst du beruhigen und mit Herrn Ditje sollst du ganz im Gegenteil. Plaudern sollst du. Und warum? Weil ich 'n alter Mann bin!

Kathrin: Bist du ja gar nicht, Jonny.

Jonny: Mir machst du nichts vor! Um mich schert sich keiner mehr. Nicht mal meine Geschichten wollen die Jungens mehr hören!

Kathrin: Weil du sie uns schon hundertmal erzählt hast, Jonny!

Jonny: Quatsch nicht, Mädelchen! Mich hat keiner mehr lieb! Und meine Geschichten will keiner mehr hören! Keiner mehr! Keiner!

Kathrin: Doch, Jonny. Ich.

Jonny: Du? Du bist ein gutes Kind, Kathrinchen! Aber du kennst sie doch schon alle, wie? Oder nicht?

Kathrin (lügt): I wo! Du hast ja so viele erlebt.

Jonny: Nicht wahr? Und der Herr Ditje?

Kathrin: Der soll mit sich selber plaudern auf Loge zwei.

Jonny: Und die Jungs?

Kathrin: Die solln uns mal!

Jonny: Hahaha! Wie die noch in den Windeln waren, da hab ich schon in Kalkutta Eisbären gejagt! Soll ich dir das mal erzählen?

Kathrin: Ja, Jonny!

Jonny: Oder soll ich dir lieber erzählen, wie ich die Seeschlange verführt habe? Oder wie ich den fliegenden Holländer unter den Tisch getrunken habe?

Kathrin: Ja, Jonny.

Jonny: Nein, ich werde dir lieber erzählen, wie ich in Vineta lebte, in der versunkenen Stadt. Ein ganzes Leben hab ich dort verlebt. Und es läßt sich auch was lernen aus der Geschichte, Mädelchen. Daß wir lebendig sein müssen, weißt du? Lebendig, mein ich, im Herzen ... (Kathrin gähnt.) Hast du gegähnt, Mädelchen?

Kathrin: Ich?

Jonny: Kennst du die Geschichte schon?

Kathrin: Nein, Jonny. Man los, Jonny. Erzähl ...

Jonny: Ja, damals war ich noch jung. Fünfundzwanzig vielleicht oder sechsundzwanzig. Nächtelang hättst du damals mit mir geplaudert, Mädelchen. Und ganz gratis und umsonst. Nächtelang, sag ich. (Kathrin schenkt ihm ein.) Danke, Kathrinchen! Prost! Und ich war kein Matrose damals, sondern ein Taucher! Erst wie ich in Vineta gewesen war, wollte ich dann nichts mehr zu tun haben da unten am Meeresgrund. Und das war so: Im Juli achtzehn und soundsoviel ankert unser Schiff, eine kleine Nußschale von dreihundert Tonnen, irgendwo an der Nordseeküste. Vor Jahr und Tag war ith da in der Gegend, wo ein Transportdampfer gesunken war, und wir sollten das Wrack heben. Na schön! Wer ist der verläßlichste Taucher an Bord?

Kathrin: Jonny!

Jonny: Richtig, Jonny! Also Jonny soll als erster die siebenhundert Meter unter den Meeresspiegel runter und sich mal die Gegend anschaun. Schön, ich mache mich fertig. Taucheranzug, Bleischuhe und so weiter. Und wie ich schon an der Reling stehe und will mir grade den Taucherhelm aufsetzen, was glaubst, was geschieht?

Kathrin: Ein Schiffsjunge kommt gelaufen ...

Jonny: ... aber wie! Ganz ohne Puste, als ob ihm der Teufel im Genick sitzt. Jonny, schreit er, Jonny! Tauch nicht, Jonny, du kommst nicht wieder rauf! Ja warum denn nicht, frag ich ganz verdattert. Und er: Die Glocken! Die Glocken hab ich läuten hören! Na, die ganze Mannschaft beginnt natürlich zu grinsen, und der Maat, was ein Witzbold war, sagte: Da hat dir wohl der Koch eine runtergehaut, daß du Glocken läuten hörst? ... Hahaha! Und der Junge: Nein, sagt er, wenn der Koch mir eine runterhaut, klingt's mehr musikalisch, aber das sind Kirchenglocken, sagt er, und die läuten unterm Meer! (Inzwischen hat sich das Mädchen leise davongemacht, der alte Jonny merkt es nicht.) Da spuken dir, sag ich, noch Mutters Märchen im Kopf herum, sag ich. Das ist nichts wie eine optische Akustik, mein Junge, sag ich. Und jetzt gebt mir gefälligst den Taucherhelm, sag ich. Der Junge heult. Heul nicht, sag ich, und ich schraub das Zeug fest, kriech das Fallreep runter – und rein ins Wasser. Na schön, wie? He? – Aber wie ich so runtersink und bin so drei- bis vierhundert Meter tief – was spür ich da, Mädelchen? Einen Druck im Schädel, so einen scheußlichen Druck, sag ich dir, und Kopfweh, grad so wie jetzt. Nur daß das jetzt von dem Klamauk kommt. Seid doch stiller, Jungs. – Ach was, wir hören gar nicht hin! Wie, Mädelchen? Kopfweh hab ich, und dann summt's mir in den Ohren und dann – was hör ich? Glockenläuten! Wahrhaftig, ich hör Glocken läuten! Bim-bam, bim-bam. (Der Lärm ist leiser geworden, fernes Glockenläuten setzt ein.) Ich kapier sofort, was los ist. Die Luftzufuhr funktioniert nicht. Verstehst du? Na, ich rüttel an der Leine, gebe Signal: Holt mich rauf, gefälligst! Ja, Schiet! Ganz im Gegenteil! Als ob sie alle blind und taub geworden wären an Deck, lassen sie die Leine lustig abrollen, und ich sink und sink – und – verdammtes Kopfweh! – und sink immer tiefer. (Das Glockenläuten wird stärker.) Mir wird schwarz vor den Augen (es wird finster), ich seh nichts mehr, hör nichts mehr, nur dieses Glockenläuten, dieses verdammte Glockenläuten. Hörst du, Mädel – wie's lauter wird? Ich schnapp nach Luft, ich krieg keine – es rauscht um mich, es brandet dumpf – die Glocken dröhnen – mir ist, als wenn ich sterben müßt – als ob ich stürbe – und dann – als ob's aus wär mit mir – aus – und vorbei – – und – ja – wie ich die Augen aufschlage ...

 

Zweites Bild

(Zwielicht. Mittelalterlicher Domplatz. Im Vordergrund Jonny, liegend. Er ist im Taucheranzug, ohne Helm. Das Glockenläuten verklingt. Ein Stadtwächter in mittelalterlichem Waffenrock steht mitten auf dem Platz.)

Jonny (sieht sich erstaunt um): Wo bin ich? Wie bin ich daher geraten? (Wächter antwortet nicht.) Na, da hab ich aber Glück gehabt. Wie? Da hat mich wer gerettet. Was? Aber eine Unart ist das, das muß ich schon sagen – einen halbtot aus dem Meer fischen und dann auf der Straße vergessen. Wie meinen Sie? (Keine Antwort.) Oder sind Sie mein Lebensretter? He! Wie? (Erhebt sich.) Verdammt! Kann kaum die Glieder bewegen, als ob ein Druck auf einem liegt. – Als ob die Luft ein Zentnergewicht hätt. – So schwach bin ich. Sagen Sie, eh – lieg ich vielleicht schon lange da? Was? Hm. – Verzeihen Sie, wie spät ist es überhaupt? Hm? Ach so, Sie meinen, da ist sowieso eine Uhr – aber das ist ja eine Sonnenuhr, Herr – und da derzeit, wie Sie sehen, keine Sonne scheint ... (Blickt zum Himmel.) Merkwürdig sieht heut der Himmel aus. So graugrün, wie mit Wasser verhängt. He? Hehe! Wie? (Zeigt auf den Zeigerschatten der Sonnenuhr, der in sonderbarer Art hin und her schwankt.) Drum führt eure Uhr auch so verrückte Tänze auf. Hat die Richtung verloren. Als ob die Zeit stillstünde in eurer Stadt da. Hehe! Was sagten Sie eben? Ach so, nichts. Hm. Ganz Ihrer Meinung. Aber die Zeit ist für mich sehr wichtig, Mann. Wenn ich schon länger weg bin, sind die Jungens auf dem Schiff besorgt wegen mir. He! Sie! Verstehen Sie? (Betrachtet ratlos den Schweigenden.) Ja, da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sind taubstumm oder Sie sind ein Denkmal. Im ersten Fall – mein Beileid, im zweiten Fall könnte ich Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß Sie an einer äußerst ungünstigen Stelle enthüllt wurden, denn zu einer belebteren Zeit ragen Sie ungünstigerweise mitten im Verkehr.

Wächter: Ordnungsgemäß. Ich regle den Verkehr.

Jonny: Hurra! Er hat die Gottesgabe der Sprache! Schnell, lieber Mann, bevor Sie wieder einschlafen: Wo bin ich? Wie spät ist es? Wie komme ich am schnellsten zum Hafen? (Keine Antwort.) Oje! Schon wieder vorbei mit der Konversation? Sie haben sich mit Ihrem ausführlichen Vortrag völlig ausgegeben? Da muß ich wohl um ein Haus weitergehen.

Wächter: Gehen Sie weiter! Bleiben Sie nicht stehen!

Jonny: Ja, aber wohin? Wo ist der Hafen dieser gesegneten Stadt? Muß ich da weitergehen, oder ...

Wächter: Gehen Sie ordnungsgemäß weiter.

Jonny: Sie müssen zugeben, Herr, für einen ertrunkenen Seemann ist der mündliche Verkehr mit Ihnen ziemlich anstrengend.

Wächter: Ich regle den Verkehr.

Jonny: Hab ich schon gehört. Aber wieso eigentlich? Was für einen Verkehr?

Wächter: Den geregelten Verkehr. Ordnungsgemäß.

Jonny: Zweifellos. Was mich stört ist nur, daß ich hier überhaupt keinen Verkehr sehe. (Keine Antwort.) He! Sie! Ich frage: Gibt es hier einen Verkehr?

Wächter: Ordnungsgemäß, nein!

Jonny: Und?

Wächter: Ich regle denselben.

Jonny: Aha. Na dann. – (Ist eingeschüchtert.) Und – eh – sagen Sie – vielleicht erfahre ich wenigstens auf diese Art von Ihnen, wie spät es ist – sagen Sie, seit wann stehen Sie schon da, (schlau) seit heute früh?

Wächter: Ja!

Jonny: Ist jetzt also Mittag oder Abend?

Wächter: Ja. Ordnungsgemäß.

Jonny: Was?

Wächter: Seit Abend.

Jonny: Stehen Sie da?

Wächter: Ja, seit Mittag. Ordnungsgemäß.

Jonny (greift sich an den Kopf): Jetzt habe ich nur noch eine Bitte: Sagen Sie mir, daß Sie seit übermorgen dastehen – und dann weiß ich ganz genau Bescheid. Also –

Wächter: Ja. Ordnungsgemäß seit übermorgen.

Jonny: Danke. Sie sind also plemplem. Ja, ich gehe so weit zu sagen ...

Wächter: Gehen Sie weiter! Bleiben Sie nicht stehen!

(Jonny schrickt zusammen. Ihm wird unheimlich, er macht einen weiten Bogen um den Wächter und geht ab. Die Glocken beginnen zu läuten.)

 

Drittes Bild

(Hafen. Eine Dame mit Gepäck. Jonny tritt auf. Die Glocken verklingen.)

Jonny: Na also, mein Seemannsinstinkt. (Zur Dame:)Verzeihen, meine Dame, gehen hier die Schiffe ab?

Dame: Ja, mein Herr. Hier geht das Schiff ab.

Jonny: Danke schön. Wissen Sie vielleicht, wo ich hier eine Schaluppe mieten kann? Ich bin nämlich in dieser Stadt sozusagen gestrandet, und weit kann's auf keinen Fall sein bis zu meinem Schiff. Wissen Sie vielleicht, ob die Schiffsbüros schon offen sind? Scheint ja zeitlicher Morgen zu sein – bin auf der Straße keiner menschlichen Seele begegnet, nur einem komisch aufgeputzten Schutzmann. Aber der war eher tot zu nennen. Hehehe! (Schrickt vor dem leeren Blick der Frau zurück. Verzeihen, war nur 'n kleiner Scherz. Bin ja ein einfacher Seemann. Weiß die Dame vielleicht, wie spät es ist? – – – Ein schweigsamer Menschenschlag dahier. (Räuspert sich verlegen.) Hm. Die Dame will, wie ich sehe, ja selbst eine Schiffsreise antreten.

Dame: Ja, mein Herr, ich warte auf das Schiff. Ich will zu meinem Mann fahren. Er und meine kleine Tochter erwarten mich. Sie hat blonde Haare und heißt Annelore.

Jonny: Fein. Hübscher Name. Und wo weilen der Herr Gemahl nebst Fräulein Tochter?

Dame (ruhig): Ich weiß nicht.

Jonny: Hm. Tja. Ich meine nämlich – wo? Im Sinne von – wo?

Dame (sieht ihn verständnislos an): Das hab ich vergessen.

Jonny: Das ist aber recht peinlich, möchte ich sagen. (Fassungslos:) Wie wollen die Dame dann hinreisen?

Dame: Ja, mein Herr, ich warte auf das Schiff. Ich will zu meinem Mann fahren. Er und meine kleine Tochter erwarten mich. Sie hat blondes Haar und heißt Annelore.

Jonny: Ei, ei, was Sie nicht sagen. Hübscher Name. Und wann geht das Schiff, meine Dame?

Dame: Gestern.

Jonny: Ach, gestern?

Dame: Gewiß, mein Herr.

Jonny (erschüttert): Also nicht der Schutzmann – ich bin's! Bitte helfen Sie mir, meine Dame. Bitte sagen Sie mir, ob der folgende Satz irrsinnig ist oder normal: Wenn ein Schiff gestern geht, so geht es nicht heute und nicht morgen. Also geht das Schiff nie.

Dame (lächelt): Ich warte auf das Schiff, mein Herr. Ich habe große Sehnsucht nach meinem Mann und nach meiner kleinen Tochter. Ich werde sehr froh sein, sie küssen zu können. Ich kann nicht sein ohne sie.

Jonny: Und das Schiff geht gestern?

Dame (sehr ruhig): Gestern. Sie hat blonde Haare und heißt Annelore.

Jonny (zutiefst verwirrt): Hübscher Name ... Sie gestatten? Mir ist ein wenig schwummerig. (Sinkt neben der Frau auf die Bank.)

(Es treten auf: der fröhliche Senator und der mürrische Senator.)

Fröhlicher Senator (F. S.): Also, Herr Senator, ich gebe Ihnen die zehn Waggon Weizen um zwanzig-zwanzig. Mein letztes Wort. Nehmen Sie nicht, nimmt ein anderer. Wir sind doch Jungfrauen unter uns. Hehehe, hahaha!

Mürrischer Senator (M. S.): Herr Senator, Sie nehmen das Geschäft nicht ernst. Sie wissen, ich bin der Schatten von einst. Wenn ich um zwanzig nehm, tu ich mehr, als ich kann.

F. S.: Und die Verschiffungsspesen, Herr Senator?

M. S.: Ich sage zwanzig.

F. S.: Sie sind ein Nagel zu meinem Sarg. Hahaha! Also topp! Hahaha!

Jonny: Also wenn das nicht zwei normale Bürgersleute sind, dann gebe ich jede Hoffnung auf. – Guten Morgen, die Herren!

F. S.: Guten Abend.

Jonny (erfreut): Guten Abend, wollt ich sagen.

M. S.: 'n Tag!

Jonny: Verzeihen Sie, wie spät hätten wir denn jetzt?

F. S.: Halb neun, mein Herr! Stimmt's, Herr Senator?

M. S.: Ja, genau drei Viertel!

Jonny: Was?! Eh – dank auch schön! Eh – gratuliere auch schön zu dem eben abgeschlossenen Geschäft. Verstehe mich auch 'n bißchen drauf als Seemann. Mit was für Weizen handelt der Herr?

M. S.: Prima, prima! Zwanzig-zwanzig. Schlechte Zeiten!

Jonny: Ich mein, wo wächst der Weizen? Hier? In Kanada? In Argentinien?

M. S.: Weiß nicht.

Jonny: Ja – wieso nicht?

F. S.: Stellen Sie sich vor, mein Freund, das haben wir wahrhaftig vergessen. Hahaha!

Jonny: A-aber der Herr da hat doch den Weizen gekauft? Und hat sogar Frachtspesen gezahlt ... und ...

M. S.: Und? Und? Und verkauf ihn weiter. Nehmen Sie? Prima, prima. Zwanzig-zwanzig.

Jonny: A-aber wenn's den Weizen gar nicht gibt?

F. S.: Na, dann gibt's ihn eben nicht. Hahaha!

Jonny: Und doch leben die Herren davon?

M. S. (zornig): Leben? Wir leben nicht, Herr. Merken Sie sich das! Das verbitt ich mir! Das ist kein Leben! Ich bin der Schatten von einst!

Jonny: Ja, wozu machen die Herren dann Geschäfte? Wozu verdienen Sie das viele Geld?

M. S.: Weiß nicht.

F. S.: Vergessen! Das haben wir längst vergessen, mein Freund. Hahaha!

Jonny: Vergessen! Das ist ja die Stadt des Vergessens hier ... Das ist ja –. Und was habt ihr für Kleider an? Man trägt doch keine solchen Kleider mehr heutzutage. Ach bitte, welches von den vielen Schiffen geht da als nächstes ab? Gleichgültig wohin – ich frag schon nicht mehr, wohin – ihr habt es doch sicher vergessen – und – nein – und ich frag auch nicht, wann – sagt mir nur, welches Schiff! Welches?

M. S.: Keines.

Jonny: Keines?

M. S.: Schlechte Zeiten. Der Verkehr ist ausgestorben. Ein toter Hafen.

Jonny: Aber die vielen Schiffe?

F. S.: Sogenannte tote Schiffe, mein Freund! Lauter tote Schiffe – hahaha!

Jonny: Raus! Ich muß raus aus dieser Stadt! (Ab.)

F. S. (zur Dame): Guten Morgen, Frau Geheimrat!

Dame: Guten Abend, Herr Senator.

F. S.: Frau Geheimrat warten aufs Schiff?

Dame: Ja, auf das Schiff, Herr Senator.

F. S.: Grüßen Sie bei der Ankunft den Herrn Geheimrat von mir. Und der Annelore einen festen Schmatz. Hahaha!

M. S.: Wann geht denn das Schiff?

Dame: Gestern, Herr Senator.

M. S.: Ja, schon? Ich bin zwar ein überzeugter Skeptiker – aber was unseren Schiffsverkehr betrifft, sage ich nur: Hut ab!

 

Viertes Bild

(Stadttor. An einem der Tortürme ein Schalter. Dahinter der Stadtschreiber. Jonny kommt gerannt, prallt am geschlossenen Tor ab.)

Schreiber: Die Papiere.

Jonny: Was für Papiere?

Schreiber: Das weiß ich nicht. Ich habe nur die Obliegenheit, Ihnen dieselben abzuverlangen.

Jonny: Ich brauche sie nicht, sage ich Ihnen. Auf die Reise, die ich gemacht habe, pflegt man Papiere nicht mitzunehmen.

Schreiber: Dann kommen Sie übermorgen.

Jonny: Verdammt! Ich werde auch übermorgen keine haben!

Schreiber: Dann kommen Sie vorgestern zwischen fünf und zwei!

Jonny: Das kann ich doch nicht, zum Donnerwetter!

Schreiber: Also was wollen Sie dann überhaupt?

Jonny: Raus will ich!

Schreiber: Wohin? (Eindringlich:) Überlegen Sie genau, es wird alles protokolliert.

Jonny: Auf mein Schiff will ich.

Schreiber: Wo ist Ihr Schiff?

Jonny (ärgerlich): Weiß ich nicht.

Schreiber: Wie sind Sie hergekommen?

Jonny (nachdenklich): Weiß ich nicht.

Schreiber: Wozu?

Jonny (betroffen): Weiß nicht ...

Schreiber: Was tun Sie hier?

Jonny (ratlos): Weiß nicht ...

Schreiber: Wissen Sie, wo Sie sind?

Jonny: Nein.

Schreiber: Warum wollen Sie zurück?

Jonny (sich aufbäumend): Weil ich weiterarbeiten muß!

Schreiber: Wozu?

Jonny: Um zu leben!

Schreiber: Warum wollen Sie leben?

Jonny (betroffen): Weiß nicht.

Schreiber: Sie wissen nicht?

Jonny (wie gelähmt): Ich hab's vergessen ...

Schreiber (eindringlich): Denken Sie nach!

Jonny: Ich – ich weiß nicht – ich glaube – ich habe gekämpft – ich – ich – habe geliebt – gehaßt –.

Schreiber: Wogegen und wofür haben Sie gekämpft? Wen und was haben Sie geliebt respektive gehaßt?

Jonny: Ich – hab's – vergessen.

Schreiber: Somit frage ich Sie: Warum wollen Sie leben?

Jonny: Warum? Weiß nicht. Hab's vergessen – –.

Schreiber: Gut. Genügt für die Minimalansprüche. Füllen Sie obige Antworten auf diesem Formular aus, und Sie bekommen die Urkunde.

Jonny: Was bekomme ich?

Schreiber: Die Bürgerurkunde der Stadt Vineta.

 

Fünftes Bild

(Vor dem Dom. Jonny; ein Bettler; eine Bettlerin.)

Jonny: Und wo wohnt ihr?

Bettler: Nirgends.

Jonny: Und wo schlaft ihr?

Bettler: Weiß nicht.

Jonny: Was für Armut! Aber ihr liebt euch doch? Wie?

Bettler: Hab's vergessen.

Jonny: Oh, ihr seid verflucht vergeßlich hierzulande. Und wo arbeitet ihr?

Bettler: Nirgends.

Jonny: Hab auch keine Arbeit gefunden.

Bettler (zu Jonny): Du bist kein Hiesiger.

Jonny: Doch. Aber erst seit – seit wie lange, frage ich? Na – egal – seit – kurzem.

Bettlerin: Darum weißt du nicht, daß in Vineta niemand arbeitet. Die Reichen brauchen's nicht, die Armen können's nicht. Kurzum: die Landessitte.

Jonny: Ja, zum Teufel, was eßt ihr denn?

Bettlerin: Niemand ißt in Vineta. Die Reichen haben keinen Appetit mehr und die Armen keine Suppe.

Jonny: Scheußlich. Na, wir wollen hoffen ...

Bettler: Ja, daß es gestern besser wird.

Jonny (schüttelt ihn): Morgen, Junge, morgen, morgen!

Bettler (gefügig): Ja, morgen. Übermorgen.

Jonny: Nein, zum Teufel! Ich bin noch ein schlechter Vineter! Ich versteh euch nicht! Ich versteh nicht, wie man ohne Hoffnung – also packen wir's anders an: Was macht ihr hier?

Bettlerin (eifrig): Oh, wir warten, bis die Messe im Dom aus ist. Wenn die Bürgersleute rauskommen, sind ihre Herzen weich. Dann schenken sie uns was.

Bettler: Sicher. Sie schenken uns was.

Jonny: Immerhin eine Spur von Hoffnung. Und wann ist die Messe aus? (Bettler und Bettlerin schauen einander verständnislos an.) Ja, ich rede doch deutlich, wann?

Bettlerin: Weiß nicht.

Bettler: Hab's vergessen.

Jonny (wütend): Denkt nach, zum Kuckuck, denkt nach!

Bettlerin: Ich glaube, nie. Ich glaube, die Herzen der Bürgersleute sind so hart, daß die Messe ewig dauern wird.

Jonny: Und ihr wartet ...

Bettlerin (eifrig, wie oben): Ja, wir warten, bis die Messe im Dom aus ist! Wenn die Bürgersleute rauskommen, sind ihre Herzen weich. Dann schenken sie uns was.

Bettler: Sicher. Sie schenken uns was.

Jonny: Famos, Kinder, ganz famos. Und davon kann man leben?

Bettler (verständnislos): Leben? Leben willst du?

Jonny (erbittert): Ja, ihr sanften Vollidioten, ich will leben. Ich weiß nicht mehr, warum, wozu, für wen, weil ich das alles hier vergessen habe. Aber, verdamm mich, ich will's trotzdem. Ich werde Geschäfte machen. Meinetwegen dreckige. Aber ich werde reich sein. Ich werde in die Höhe kommen. Und dann werd ich leben. Auch wenn die Zeit hier stehengeblieben ist. Auch wenn dasselbe verfluchte Dämmerlicht über meinem Kopf hängt, solang ich da bin, Tag und Nacht, weil's keinen Tag gibt und keine Nacht. Ich weiß nicht, wer diese Gegend verhext hat. Aber ich werde leben. Arbeiten. Punktum. Guten Tag, gute Nacht, guten Morgen allerseits!

Bettlerin: Er will leben ...

Bettler: Und arbeiten ...

Beide: In Vineta! (Schütteln die Köpfe.)

(Glockenläuten.)

 

Sechstes Bild

(Im Hause des fröhlichen Senators. Der Senator; seine Frau; Lilie, seine Tochter.)

Frau (zu Lilie): Also, du liebst ihn aus ganzer Seele, aus ganzem Herzen, mein Kind?

Lilie: Ja, Frau Mutter.

Senator (durchaus nicht jovial wie im Umgang mit dem Geschäftsfreund, sondern drohend, ein Tyrann): Wobei ich zu deiner Ehre hoffen will, daß du nicht im geringsten weißt, was Liebe ist?

Lilie: Nein, Herr Vater. (Sie lügt nicht.)

Frau: Und du hast dich nach langem Ringen entschlossen, alle ehelichen Pflichten zu erfüllen, mein armes Kind?

Lilie: Ja, Frau Mutter.

Senator: Wobei ich nicht in Zweifel stelle, daß du keine Ahnung hast, worin diese Pflichten bestehen?!

Lilie: Nein, Herr Vater. (Sie spricht die Wahrheit.)

Senator: Gut. Und nun zu den eigentlichen Problemen deiner kommenden Ehe: Die Mitgift bleibt auf deinen Namen deponiert. Denn zwar hat er mir zahllose Jahre im Geschäft gute Dienste erwiesen und auch etwas beiseite geschafft ...

Frau: ... und natürlich mußt du zu ihm als deinem Mann in blindhingebendem Vertrauen aufblicken, mein armes Kind.

Senator: ... aber man kann nie wissen.

Frau: Man kann nie wissen. Wiederhol das!

Lilie: Man kann nie wissen, Frau Mutter.

Senator (scharf): Was kann man nie wissen?

Lilie: Ich weiß nicht, Herr Vater.

Senator: Gut. Ich hätte dir's auch nicht anders geraten. (Mörderisch:) Du bist eine Lilie, verstanden? Und wehe dir – – –!

Frau (bemerkt, daß ihr Mann jäh abgebrochen hat, und fühlt sich veranlaßt, der Tochter zuzuflüstern): Wiederhol!

Lilie: Ich bin eine Lilie und wehe mir.

Senator (wiehernd): Haha! (Er hat nämlich das Kommen von Gästen gehört und wechselt plötzlich auf jovial über :) Die Gäste!!

Frau: Die lieben, lieben ...

Lilie: ... lieben, lieben ...

(Alle drei ab.)

(Auftritt Jonny und der Stadtschreiber. Jonny ist jetzt etwa fünfunddreißigjährig, nach Vineter Mode reich gekleidet.)

Jonny: Sie ist eine Lilie. Glaubst du, daß sie mich aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele liebt?

Schreiber: Hast du in Vineta schon einen Fall von Liebe kennengelernt?

Jonny: Wenn nicht, wird sie mich ja hassen ...

Schreiber: Oder von Haß?

Jonny: Sie ist eine Ausnahme.

Schreiber: Nein; du. Daß ich dich seinerzeit eingebürgert habe, war entschieden ein Fehlgriff.

Jonny: Jawohl, mein Lieber! Denn jetzt, da ich reich bin, werde ich zu leben beginnen.

Schreiber: Das habe ich nun wieder nicht gesagt. In einer Stadt von To... – Hoppla!

Jonny: Wie?

Schreiber: Nichts. Ein Sprechfehler. Ich meine nur: Einer allein kann nicht leben. Da nützt der Wille nichts.

Jonny: Du wirst sehen. Ich werde diese Stadt, die in Schlamm versunken ist ...

Schreiber: In Schlamm? Du kennst also doch die Geschichte Vinetas?

Jonny: Nein. Es gibt ja keine Bücher darüber bei euch.

Schreiber: Ich habe sie im Auftrag der Senatoren vor fünfhundert Jahren einstampfen lassen.

Jonny: Vor was? Mach keine blöden Witze, Mensch.

Schreiber: Du weißt es also wirklich nicht? Aber die meisten Menschen dort oben wissen's ...

Jonny: Im ersten Stock?

Schreiber: Nein, im Parterre. Auf der Erde. Aber ich werde mich hüten ...

Jonny: Rede, Liebling, oder ich schlag dich tot!

Schreiber: Erstens kannst du das keinesfalls, weil ich sowieso schon – –. Zweitens würdest du's ebenso versuchen, wenn du erfährst, daß du heute nacht mit einer Fünfhundertachtzehnjährigen ins Bett gehen wirst. – – Ergo kann ich ebensogut schweigen.

Jonny: Schreiber, hab Mitleid mit mir!

Schreiber: Mitleid? Aber es würde mich amüsieren ... Ja, sag, hast du in der Schule das Märchen von einer Stadt gehört, die im tiefsten Mittelalter ins Meer versank?

Jonny: Ins Meer – Herrgott – ich, ich erinnere mich ...

Schreiber: Was wieder beweist, daß du ein falscher Vineter bist.

Jonny: Es kam eine Sturzflut – ja, vor sechshundert Jahren eine Sturzflut über die Stadt ...

Schreiber: Es war jedenfalls eine Katastrophe – so furchtbar, daß man sie offenbar Sturzflut nennen mußte, dort oben, damit es die Menschen kapieren.

Jonny: Und an der Stelle, wo Vineta versank, hört man es manchmal vom Meeresgrund tönen – weil Vineta weiterlebt ...

Schreiber: Weiterlebt ist nicht der richtige Ausdruck. Vineta ist tot und weiß es nicht. Komischer Zustand, nicht? Wir leben nicht, und wir können nicht sterben. Wir altern nicht, wir hassen nicht, lieben nicht, fürchten nicht, hoffen nicht. Denn worauf hoffen, wenn die Zeit stehengeblieben ist und gestern und morgen dasselbe ist?! Und niemand darf es wissen.

Jonny: Tot und weiß es nicht? Darum ...

Schreiber: Ja, darum. Verstehst du jetzt alles?

Jonny (außer sich): Bis auf eines, du – du – Liebling, du. Warum sagst du dem Volk nicht, was du weißt? He, du?

Schreiber: Ja, he, ich? Also warum? Erstens, weil's mir Spaß macht; zweitens, weil's mir was einträgt; drittens, weil ich Angst hab vor dem Unausdenklichen, wenn ... Vielleicht ist die Reihenfolge auch umgekehrt ...

Jonny: Das sind Ausreden, Schweinekerl!

Schreiber: Richtig. Ohne Ausreden kann ich dir aber nur eine allgemeine Wahrheit mitteilen: Auch ein toter Intellektueller bleibt, was er war – ein Intellektueller.

(Lärmen. Der Senator, seine Frau und Lilie kommen.)

Senator: Ah, da ist ja der Ausreißer! Kleinen Polterabend feiern, wie, meine Herren?

Schreiber (leise zu Jonny): Ich bitte dich flehentlich, laß vor dem Schwiegervater weder jetzt noch sonst irgendeine Bemerkung darüber fallen, daß er samt Familie tot ist. Er kann's nicht vertragen. Und du machst dich gesellschaftlich unmöglich.

Frau (flüstert Lilie zu): Sinke ihm errötend in die Arme!

Lilie: Ja, Frau Mutter. (Tut es.) Jonny!

Frau: Mein armes Kind!

Senator: Junger Freund! Mein Sohn! Diese zarte Mädchenblüte ...

Jonny (zwischen den Zähnen): Fünfhundertachtzehn Jahre ...

Senator: ... eh, Mädchenblüte ... eh ...

Schreiber: ... wollen wir entsprechend begießen! Sie lebe!

Alle: Sie lebe!

Senator: Auf das Glück und Gedeihen unserer nunmehr gemeinsamen Firma! Sie lebe!

Alle: Sie lebe!

Frau: Unser neues Kind sowie Kompagnon – es lebe!

Jonny (zum Schreiber): Es wird leben!

Schreiber: Allein kann der Mensch nicht leben, mein Freund!

Senator: Wie meinten die Herren?

Jonny (verwirrt): Oh, nichts, Papa! Ich meinte nur, ich werde dir stets in den Geschäften zur Seite stehen und – und – (sieht sich gezwungen, den Speech irgendwie zu beenden:) – und wenn ein unerforschliches Schicksal dich einstmals von unserer Seite reißt ...

Schreiber (leise): Idiot!

Senator (ist bleich geworden, dann bricht er brüllend los): Schweigen Sie, Sie junger Laffe! Senator Hanssen stirbt nicht! Hören Sie? Stirbt nie! Und wenn die Stadt dabei verfault! Und wenn die Welt wurmig wird wie ein alter Kürbis – Senator Hanssen stirbt nicht! – Weil er nicht will!!! Nicht – will!!! Nicht will!!! (Die letzten Worte werden im Dunkel gesprochen.)

 

Siebentes Bild

(Jonnys Garten mit Unterseepflanzen. Jonny, jetzt ein Fünfundvierziger; seine Frau sieht aus wie am ersten Tag.)

Lilie: Und weißt du schon das Neueste, Liebster? Die Frau Geheimrat, so eine liebe, nette Dame, will nach längerer Trennung zu ihrem Mann und ihrem Töchterchen hinüberfahren. Annelore heißt die Kleine. Hübscher Name, nicht? Sie wartet schon auf das Schiff, das gestern Punkt zehn Uhr abgeht. Und das Bettlerpaar vor dem Dom, das doch morgen vom Stadtwächter verjagt wurde, war vorgestern wieder am selben Ort. Zudringliches Gesindel, nicht?

Jonny: Ja, es muß eine furchtbare Katastrophe gewesen sein, diese – diese Sturzflut – daß sogar die Armen vergessen konnten, daß sie Menschen sind ...

Lilie: Ja, und das Allerneueste! Die Frau Geheimrat, so eine liebe, nette Dame, will nach längerer Trennung zu ihrem Mann ...

Jonny: Sag, Liebste, wie alt bist du jetzt?

Lilie: Fünfundzwanzig, Liebster.

Jonny: Vor drei Jahren warst du alsoooo ...

Lilie: Fünfundzwanzig, Liebster.

Jonny: Wieso? Ah so! Na, ist ja egal. Ich wollte dir nur sagen: Nach irdischer Zeitrechnung bemühe ich mich jetzt zehn Jahre lang, mit dir zusammen zu leben. Hast du etwas von meinen Bemühungen bemerkt?

Lilie (errötend): Aber Liebster – als du mich nahmst, war ich ja eine Lilie und ...

Jonny: Nein! Versteh mich doch! Ich meine doch, ich versuche neben dir lebendig zu sein.

Lilie: Aber Liebster! Lebendig sein ist doch so unanständig!

Jonny: Hm! Sag einmal, liebst du mich?

Lilie: Gewiß doch, ja, Liebster.

Jonny: Weißt du, was Liebe ist?

Lilie: Gewiß doch, Liebster.

Jonny: Du weißt, daß ich morgen an die Front gehe. Bist du nicht traurig, daß ich in den Krieg muß?

Lilie: Gewiß doch, nein! Im Gegenteil!

Jonny: Ich weiß, ich bin ein Held. Aber ...

Lilie: Der Vineter ist unsterblich.

Jonny: Ich nicht. Weißt du nicht, was eine Frau, die liebt, empfindet, wenn ihr Mann in den Krieg zieht?

Lilie (verwirrt): Liebster – ich glaube – einmal, vor langer Zeit – ich hab's gewußt, aber ich hab's – ich hab's vergessen.

Jonny: Vergessen ...

 

Achtes Bild

(Schützengraben. Jonny und ein Soldat.)

Soldat: Man wird uns nicht vergessen, Kamerad. Wir sind Helden.

Jonny: Gewiß, gewiß. Mich interessiert momentan etwas anderes. Weißt du, wohin wir marschieren?

Soldat: Nein, ich weiß nicht, Kamerad. Aber gleich wird die Trompete Sturm blasen und ...

Jonny: Zweifellos. Sag mir nur eins: Wer ist unser Feind?

Soldat: Die drüben.

Jonny: Aber wer sind sie?

Soldat: Wer? Das – ja – Schockschwerenot!, das hab ich wahrhaftig – vergessen hab ich's.

Jonny: Vergessen ...

(Trompete.)

 

Neuntes Bild

(Stadttor. Der Schreiber hinter seinem Schalter; Jonny, noch älter geworden.)

Schreiber: Also, Bruder. Lange nicht gesehen! Was verschafft mir die Ehre nach so vielen Jahren? Noch bist du also nicht gestorben im glorreichen Krieg damals?

Jonny: Zum Glück nicht.

Schreiber: Hast du gelebt?

Jonny: Bei Gott nicht.

Schreiber: Kurzum, ein braver Vineter.

Jonny: Spar dir die Ironie. Was treibst du jetzt?

Schreiber: Ich habe begonnen, in meinen Mußestunden Philosophie zu treiben. Werde in wissenschaftlichen Kreisen als großer Denker betrachtet.

Jonny: Oho! Sag einmal, Herr Professor, worüber kannst du nachdenken, wenn du nicht einmal über das Einfachste nachdenken darfst – über das Leben? Wenn's geradezu deine Pflicht ist, das Wichtigste zu vergessen?

Schreiber: Sehr logisch. Ich denke über das Vergessen nach. Eine Philosophenschule hat sich um mich geschart. Wir nennen uns den Vergessenkreis. Hier verehre ich dir mein Standardwerk: »Das Vergessen als Denkprinzip reifer Kulturvölker.«

Jonny (liest): »Eine integral unmaterialistische, vom wahrhaften Seinsgehalt einer metapsychopathischen Wesensschau erfüllte Betrachtung der metametaphysischen Phänomenologie lehrt uns« – na, so was! Da hat man ja in der zweiten Satzhälfte schon die erste vergessen.

Schreiber: Bravo. Genau das ist der Sinn meiner Methode. Du hast es erfaßt.

Jonny: Schweinekerl!

Schreiber: Und du?

Jonny: Ich? Ich habe heute zu leben begonnen! Und um dir das mitzuteilen, bin ich da. Ich habe soeben eine tolle Rede im Senat gehalten, die bereits der Gesprächsstoff von ganz Vineta ist.

Schreiber: Du meinst die Bitte um Behebung der Wohnungslosigkeit unter den Bettlern?

Jonny: Bitte? Forderung! Und Tat! Soeben kam ich von der Grundsteinlegung für die erste Bettlersiedlung. Ich sagte: Luft! Licht! Leben! Das Publikum hat vor Rührung geheult! Seit heute ...

Schreiber: Du meinst seit gestern!

Jonny: Eh?

Schreiber: Beziehungsweise vorgestern. Wie oft hast du, lieber Bruder, schon solche Grundsteine gelegt, seit du Senator bist?

Jonny (zutiefst verwirrt): Wie oft? Heute zum erstenmal doch, Mensch!

Schreiber: Ja, nach Vinetazeitrechnung. Aber ein Spaziergang in die Umgebung der Stadt belehrt uns, daß genannte Umgebung kilometerweit von Senator Johns Grundsteinen übersät ist. Insgesamt sind es tausendfünfundneunzig. Nach der anderen Zeitrechnung – nach der Zeitrechnung derer, die nicht vergessen können, hast du also drei Jahre lang jeden Tag einen Grundstein gelegt. Zu einer neuen Epoche – versteht sich.

Jonny: Mein Gott – das hab ich – wahrhaftig ...

Schreiber: Nun?

Jonny: ... vergessen ...

Schreiber: Nun, mein armer Freund, ich sagte dir an dem Tage deiner Hochzeit: Du wirst nicht lebendig sein können allein, unter Abgeschiedenen. Hab ich recht gehabt?

Jonny: Das leugne ich nicht mehr, aber ...

Schreiber: Aber dann hast du versucht, die Abgeschiedenen zu erwecken. Resultat des Wunders?

Jonny: Hör doch, Stadtschreiber ...

Schreiber: Resultat? Bei deiner Frau? Beim Frontkameraden? Bei den obdachlosen Bettlern?

Jonny: Du hast Logik, Stadtschreiber. So viel Logik wie du hat nur der Tod persönlich. Aber ich sag dir, trotz alledem werde ich ...

Schreiber: Nur zu, Liebling, aber weißt du auch, daß du es schon eilig hast?

Jonny: Eilig?

Schreiber: Gewiß. Unter allen, die ich im Kataster führe, bist du auch darin die einzige Ausnahme.

Jonny: Wieso?

Schreiber: Sieh dich an, du wirst alt.

 

Zehntes Bild

(Im Gefängnis. Jonny, in Begleitung eines Wächters, besucht einen Gefangenen.)

Jonny: Sprich ganz offen zu mir, ich bin der Senator John. Ich will dir helfen. Brauchst du Hilfe?

Gefangener: Nein, Herr Senator.

Jonny: Wirst du gut behandelt hier?

Gefangener: Ja, Herr Senator.

Jonny: Hast du über nichts zu klagen?

Gefangener: Nein, Herr Senator.

Jonny: Brauchst nicht so steif dazustehen vor mir. Setz dich, so setz dich doch.

Gefangener: Ja, Herr Senator. (Setzt sich.)

Jonny: Welches Verbrechen hast du begangen?

Gefangener: Weiß nicht, Herr Senator.

Jonny: Wann läuft deine Haftzeit ab?

Gefangener: Gestern, Herr Senator.

Jonny: Wärter, was hat dieser Mann verbrochen? Wann geht er frei?

Wärter: Weiß nicht. Gestern.

Jonny: Wie heißt du?

Gefangener: Hab's vergessen.

Wärter: Vergessen.

Jonny: Ich will dir sagen, warum ich gekommen bin. Solange ich in dieser Stadt bin, habe ich vergeblich nach dem Leben gesucht. Ich hab keins gefunden. Bei den Armen nicht und nicht bei den Reichen. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Da hab ich mich erinnert: In der Zeit, wo ich jung war, hat niemand das Leben so geliebt wie die Gefangenen. Darum bist du meine letzte Hoffnung. Ich setze dich in Freiheit. Hörst Du? Du bist frei!

Gefangener: Ich höre, Herr Senator.

Jonny: Wiederhole: Ich bin frei.

Gefangener: Ich bin frei.

Wärter: Frei ...

Jonny: Was wirst du jetzt tun, da du in Freiheit bist?

Gefangener: Weiß nicht.

Jonny: Denk doch nach, erwartet dich niemand, den du küssen wirst?

Gefangener: Nein.

Jonny: Aber ein Feind wartet irgendwo auf dich, einer, mit dem du abrechnen willst, jetzt endlich?

Gefangener: Nein, Herr Senator.

Jonny: Hör mir jetzt zu, Mensch. Es gibt eine Welt, die anders ist. Dort wechseln Tag und Nacht. Und es wird Frühling; Stürme ziehen, Sonne scheint; Korn wird gesät, geerntet und neu gesät, ohne Ende. Menschen werden geboren, wachsen wie das Korn. Weil sie ein unruhiges Herz mitgekriegt haben, müssen sie lieben und hassen, solange sie da sind, und sie werden alt und sterben. Und neue Menschen werden geboren, zu hassen, zu lieben, zum Altwerden, zum Sterben, ohne Ende, und dies alles hat keinen anderen Sinn als sich selbst. Aber das ist ein großer Sinn, denn er heißt Leben. Verstehst du?

Gefangener: Nein, Herr Senator.

Jonny: Ich weiß, es ist noch zu schwer für dich, aber einen Funken Sehnsucht danach hast du doch noch gehabt?

Gefangener: Ich weiß nicht mehr.

Wärter (am Eingang): Die Herrschaften kommen inspizieren!

(Der Senator, seine Frau, Lilie und der Schreiber treten auf.)

Lilie: Und wissen Sie, Frau Mutter, die Frau Geheimrat, so eine liebe, nette Frau, will nach längerer Trennung ...

Frau: Schau doch, was für eine entzückende Zelle!

Senator: Hahaha, was sehen meine Augen, unser lieber Ausreißer ...

Schreiber: Der junge Senator John sammelt Material für seine gestrige Rede über die Reform des Gefängniswesens.

Senator: Gewissenhaft wie immer, hahaha!

Jonny: Hört mich an.

Frau: Und was für ein entzückender Gefangener!

Jonny: Hört, Bürger Vinetas! Ich weiß nicht, warum ihr zugrunde ginget und niedersanket so tief, daß selbst im elendsten Gefangenen der letzte Funke erstickt ist.

Senator: Oho!

Lilie: Aber John, was hast du heute?

Jonny: Ich weiß nur eines, meine letzte Chance, mich unter euch lebendig zu nennen, und wenn auch nur einen letzten Atemzug lang und auch um den Preis eines völligen, unausdenkbaren Unterganges ...

Senator: Oho!

Frau: John, du bist verrückt.

Jonny: Meine letzte Chance ist, öffentlich die Wahrheit zu sagen, die zu verschweigen ich euch bis jetzt half. Ja, ich werde allein die Wahrheit sagen und ...

Senator: Junger Mann ...

Schreiber: Schweig!

Frau: Diese Sekunde ...

Schreiber: Schweig!

Jonny: Ihr alle hört: Vineta, eure Welt, ist tot!

Lilie: Und weißt du, die Frau Geheimrat, so eine liebe, nette Frau, will nach längerer Trennung ... aber gewiß doch, Liebster.

Frau: Du bist eine Lilie, mein Kind, merk dir das. Man kann nie wissen.

Senator: Nehmen Sie, hahaha, Preis zwanzig-zwanzig. Hahaha.

Gefangener: Ja, Herr Senator. Ja, Herr Senator.

Jonny: Du bist der Tod! Ich will leben! Leben! Leben! Leben! Laß, ich brauche Luft, Luft, Luft...

 

Elftes Bild

Schenke wie im ersten Bild. Jonny allein.)

Jonny: Tja, und als ich die Augen aufschlug, siehst wohl, Kathrinchen, da lieg ich auf Deck, und um mich die ganze Mannschaft grölt: »Hurra, er lebt!« 'ne halbe Stunde hatten sie Wiederbelebungsversuche gemacht, 'ne halbe Stunde beinah hab ich damals zwischen Leben und Tod geschwebt, 'ne halbe Stunde oder ein Leben lang. Wie du's nehmen willst. Und weißt du, Mädelchen, da hab ich freilich schon gewußt, daß Vineta bloß eine akustische Optik war. Aber ich hab viel nachgedacht über das, was man lernen kann aus der Geschichte. Freilich, hab ich oft gedacht, es gibt in der Wirklichkeit keine Stadt in der Welt, die so ist wie dieses Vineta. Aber wenn mal eine Sturzflut kommt, ein großer Krieg, eine große Barbarei, ob da nicht die ganze Welt zu Vineta wird? (Kathrin ist unauffällig hereingekommen.) Aber das ist nur so 'ne Phantasie von mir, was meinst du, Mädelchen? Weil, wenn das nicht bloß 'ne Phantasie ist, Mädelchen, ja dann ist es eine ernste Sache, wie, he? Da müßten wir doch alle unsere ganze Kraft dransetzen, wir alle und sofort, daß die Sturzflut nicht kommt, und dann wär's doch sehr eilig, denn man könnte ja auch nicht wissen, wann sie kommt. Ob sie nicht vielleicht schon ganz nahe ist, vor der Tür von dem Drecklokal da vielleicht. Und das war zum Fürchten, wie, Mädelchen?

Kathrin: Freilich, Jonny. Hast recht, Jonny. So ein Schmutzian!

Jonny: Wer denn?

Kathrin: Der Herr Ditje auf Loge zwei. Ein elender Geizkragen, da sag ich nur: Pfui Teufel – sag ich.

(Vorhang.)

 

Ende.

 

 








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