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Viermal entflohen

Lev Grigorievich Deutsch: Viermal entflohen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLeo Deutsch
titleViermal entflohen
publisherVerlag von J. H. W. Dietz Nachf.
year1907
printrunErstes bis drittes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180104
projectiddc86ad61
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Eine Versammlung in der Fabrik

Einige Zeit lang beobachtete ich persönlich alles, was in Petersburg vorging.

Außer den Sitzungen des Arbeiterdeputiertenrats besuchte ich noch die vielen Volksmeetings, welche damals sehr oft stattfanden, um mich unmittelbar mit den Ansichten und Stimmungen der Masse bekannt zu machen. Gewöhnlich, wenn ich auf solch eine volksreiche Versammlung kam, tauchte ich in der Menge unter – entfernt von allen Kameraden und Freunden –, ging von einer Gruppe zur anderen, tat, als ob ich ein Neuling wäre, der sich für die Arbeiter interessierte, und fragte sie nach ihrer Meinung über die Redner und ihre Reden.

»Wer spricht soeben?«

»Der ist, siehst Du, ein ›Revolutionär‹; er will, daß das ganze Land den Bauern gehöre, und der, welcher vorher sprach, ist ein Demokrat. Nach ihm ist es unmöglich, jetzt das Land aufzuteilen, erst muß das ganze Volk Abgeordnete wählen.«

»Nun, wer, glaubt ihr, hat von ihnen recht?« fragte ich und erhielt verschiedene Antworten.

Nach zwei Wochen sprach ich selbst in einer Versammlung, die unter ganz originellen Umständen stattfand.

In einer der nächsten Sitzungen des Arbeiterdeputiertenrats unterhielt ich mich mit einem Deputierten über die Fabrik, wo er arbeitete, und da mich seine Ausführungen sehr interessierten, erbot ich mich, einmal zu ihm zu kommen. Er nahm sehr gern meinen Vorschlag an und wir verabredeten, ich solle mich am nächsten Sonntagmorgen bei ihm einfinden. Er bewohnte mit seiner Familie im Hof eines großen Hauses in dem entferntesten Teil auf der Wiborger Seite zwei kleine, ärmlich eingerichtete Zimmer, doch sah ich bei meinem Besuch, daß der Hausfrau kulturelle Bestrebungen und Gewohnheiten nicht fern lagen.

Nachdem wir eine Weile über verschiedenes geplaudert hatten, begab ich mich mit ihm nach seiner Fabrik, denn er mußte seinen Wählern über die Beschlüsse des Arbeiterdeputiertenrats Bericht erstatten.

In der ziemlich großen Werkstätte versammelten sich bald nach unserem Eintreffen gegen 200 Menschen. Mit einigen von ihnen machte mich mein Deputierter bekannt.

»Man muß den Besitzer holen,« sagte er und entfernte sich. Mich verwunderte das sehr. Als ich einige Arbeiter fragte, wozu das nötig sei, erzählten sie mir, daß ihr »Herr« ein gebildeter Mann sei, der die Technische Hochschule absolviert hätte; außerdem zeichne er sich durch Güte und Freundlichkeit aus. Sie erhielten bei ihm einen besseren Lohn als in anderen ähnlichen Fabriken und hatten dazu neunstündige Arbeitszeit. Er erlaubte ihnen, nicht nur Versammlungen in der Fabrik abzuhalten, sondern war auch immer selbst mit seinen Ingenieuren und Bureaubeamten zugegen und nahm regen Anteil an den Debatten.

Solch eine Beschreibung des Besitzers einer ziemlich bedeutenden Maschinenfabrik machte mich wirklich auf ihn neugierig. Gleich darauf erschien er in Begleitung einiger anderer Personen, setzte sich auf den einzigen vorhandenen Stuhl an dem langen Tisch.

Er war ein kräftiger Herr von vierzig Jahren mit einem gutmütigen, aber nicht sehr intelligenten Gesicht. Dem Aussehen nach konnte man ihn für einen Kaufmann halten.

Die versammelten Arbeiter rückten näher an den Tisch. Die Mehrzahl stand; einige nahmen auf den Bänken Platz, andere stiegen auf die Werktische.

Außer dem Abgeordneten, der mich hergeführt hatte, erschien noch ein zweiter aus dieser Fabrik. Sie machten beide Mitteilung über die Beschlüsse des Arbeiterdeputiertenrats. Als sie ihren Bericht erstattet hatten, fragte der Besitzer:

»Nun, steht es mit der achtstündigen Arbeitszeit immer noch unverändert?«

»Ja, man hat beschlossen, nicht mehr als acht Stunden zu arbeiten,« antworteten die Deputierten.

»Nein, meine Herren, das dürfen Sie nicht tun, dabei wird nichts Gutes herauskommen. Es fand eine Versammlung sämtlicher Fabrikanten statt, auf welcher beschlossen wurde, darin auf keinen Fall nachzugeben. Für uns bedeutet das den vollständigen Ruin. Wir könnten die Geschäfte nicht mehr weiter führen. Nirgends im Ausland arbeitet man nur acht Stunden. Wir können nicht mehr konkurrieren. Sie wollen alles auf einmal. Der revolutionäre Weg wird nur zum Unglück führen. Man muß langsam, allmählich vorgehen, aber nicht gewaltsam. Unsere Industrie ist noch sehr wenig entwickelt. Wir Fabrikbesitzer erzielen den kleinsten Gewinn. Auf unserer Versammlung wurde ausgerechnet, daß unser Gewinn nicht mehr als 5½ bis 6 Prozent beträgt. Und wenn Sie nur acht Stunden arbeiten werden, dann sind wir im Nachteil, wir sind ruiniert. Die Werke und Fabriken müssen geschlossen werden und Sie werden brotlos.«

Die Arbeiter antworteten einer nach dem anderen, hauptsächlich sprachen die Deputierten. Vielleicht genierten sie sich, vielleicht waren sie überhaupt nicht gewöhnt, einen Streitpunkt zu verteidigen, denn ihre Entgegnungen zeichneten sich weder durch Klarheit, noch Überzeugungskraft aus. Der Besitzer antwortete mehrmals in der oben erwähnten Weise.

Ich folgte mit Aufmerksamkeit dem außerordentlich interessanten Streit zwischen dem Kapitalisten und den Arbeitern. Nachdem sich beide Seiten genügend ausgesprochen hatten, ging ich zum Besitzer, stellte mich ihm unter dem Namen »Afanasiew« vor und bat ihn um das Wort.

Ich will hier meine Rede nicht wiedergeben, ich will nur erwähnen, daß ich mich bemühte, auf möglichst populäre Weise den Zuhörern die jetzige Lage der Industrie, der Konkurrenz und des Marktes zu erklären, wobei ich kein Wort des Fabrikbesitzers unbeantwortet ließ. Seine Beweisgründe zu widerlegen war nicht schwer, und nach dem Gesichtsausdruck, den Bemerkungen und den geräuschvollen Beifallskundgebungen meiner Zuhörer zu urteilen, waren sie mit meiner Rede sehr zufrieden. Ja, der Besitzer selbst sagte später zu mir, daß ich ihm vieles erklärt habe, da er in diesen Fragen nicht bewandert sei. Dann versuchte er, mir etwas zu erwidern. Ich antwortete ihm wieder in demselben zurückhaltenden Ton und vermied jede Spitze. Schließlich forderte mich aber der Besitzer auf, öfters in seine Fabrik zu kommen, vielleicht würde er dann, wie er lachend sagte, auch selbst noch ein Sozialdemokrat werden. Mit freundlichem Händedruck trennten wir uns. Die Arbeiter bedankten sich bei mir und sagten, ich hätte ihnen eine richtige Vorlesung gehalten. Sie machten mir dann den Vorschlag, die Fabrik zu besichtigen, was ich auch annahm. Es dämmerte bereits, als ich heimkehrte.

*

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