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Viermal entflohen

Lev Grigorievich Deutsch: Viermal entflohen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLeo Deutsch
titleViermal entflohen
publisherVerlag von J. H. W. Dietz Nachf.
year1907
printrunErstes bis drittes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180104
projectiddc86ad61
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Öffentliche Versammlungen

Auf uns wirkte unwillkürlich die Angst unserer Gastfreunde ansteckend: beim leisesten Geräusch, beim Ertönen der Klingel fuhren sie zusammen, ihre Gesichter wurden bleich und die Stimmen zitterten. Wir befanden uns in einer schrecklichen Lage, es war schwer, sich mit dem Gedanken zu versöhnen, daß wir gleich am ersten Abend der Heimkehr Zeuge und vielleicht auch das Opfer eines tierischen Überfalls werden sollten.

Auf der Treppe hörten wir plötzlich die eiligen Schritte und Stimmen mehrerer Personen, und auf den Gesichtern der Frauen malte sich wieder der Ausdruck des Entsetzens. Aber sofort erkannten wir, daß es unsere Genossen Parvus und Trotzky waren, welche man telephonisch von unserer Ankunft benachrichtigt hatte. Natürlich folgten freudige Willkommensgrüße und Umarmungen.

»Schnell, schnell, macht euch fertig!« drängten die Eingetretenen Wera Sassulitsch und mich.

»Wohin?«

»In eine interessante Arbeiterversammlung, sie hat schon begonnen.«

Wir ließen die armen Frauen allein, die angstvoll das Kommen der »Hooligans« erwarteten, und fuhren in zwei Droschken nach Soljany-Gorodok.

Unterwegs teilte mir Parvus, der mit mir fuhr, mit, was in dieser Zeit in den Reihen der Sozialdemokraten vorging und welche Pläne sie hätten. Von ihm hörte ich zuerst von dem Bestehen des »Arbeiterdeputiertenrats«, denn da ich unterwegs die Zeitungen nicht regelmäßig gelesen hatte, wußte ich nicht genau, was in den letzten Tagen vorgegangen war.

Schon bei der Einfahrt und dann auch im Vestibül war ich erstaunt über die vielen Polizisten, welche hier standen und doch nicht im geringsten die große Versammlung störten. Sie erfüllten die Pflichten, welche der Polizei bei verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen obliegen.

»Findet denn die Versammlung öffentlich statt? Und die Polizei, die davon weiß, verhindert sie nicht?« fragte ich sehr verwundert.

»Jetzt haben wir ja ›Freiheit‹,« sagte Parvus lächelnd.

In dem großen Saale, in welchen wir eintraten, waren mehrere hundert Männer und Frauen versammelt. Den Vorsitz der Versammlung führte der Präsident Nasar-Chrustalew.

»Das sind Arbeiterdeputierte, und dort sind die Gäste, Mitglieder sozialistischer und anderer Parteien,« erklärte mir einer unserer ausländischen Genossen, die ich hier in großer Anzahl traf. Alle alten Bekannten waren durch meine und Wera Sassulitschs Ankunft sehr überrascht und hoch erfreut. Als ich einige von ihnen begrüßte, ertönte plötzlich ein ohrenbetäubendes Händeklatschen, das einige Minuten andauerte.

»Aus welchem Grund geschieht das?« fragte ich meinen Nachbar.

»Der Präsident hat bekannt gegeben, daß Sie und Wera Sassulitsch sich hier befinden.«

Man zog erst Wera Sassulitsch auf die Estrade und dann auch mich. Es begannen Begrüßungsreden, auf einige antwortete ich, indem ich verglich, was die Arbeiterbewegung war, als ich Petersburg vor 25 Jahren verließ und wie ich sie heute vorgefunden hätte. Ich schloß mit der tiefsten Überzeugung, daß trotz aller Hindernisse wir Sozialdemokraten doch siegen würden.

Ich kann nicht alle Empfindungen wiedergeben, die sich meiner in der Versammlung der Arbeiterdeputierten bemächtigten. Mir schien alles um mich herum nur ein wunderbarer Traum. Es war mir unmöglich, zu glauben, daß ich mich in Petersburg befand; mir kam das vor, wie eine Versammlung meiner Landsleute in Westeuropa, in Genf, Paris oder London, denn die ganze Umgebung, die Menschen, die Reden, hatten sehr wenig Ähnliches mit dem, was ich bei der Überschreitung der Grenze erlebt hatte. Aber auch abgesehen von diesem Unterschied, mußte mich, der ich mehr als zwei Jahrzehnte nicht im europäischen Rußland war, nicht alles, was ich in dieser ersten Versammlung der Arbeiterdeputierten sah und hörte, in Erstaunen setzen? Als ich im Winter 1880 ins Ausland fuhr, war die Arbeiterbewegung bei uns noch ganz im Anfangsstadium; die Zahl der organisierten Arbeiter betrug im besten Falle kaum hundert; dazu kam noch, daß unsere Propaganda auf einer sehr verwirrten Weltanschauung beruhte und aus verschiedenen zusammengewürfelten Lehren bestand. Allerdings hatte ich in der letzten Zeit im Ausland nach meiner Rückkehr aus Sibirien Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß im letzten Jahrzehnt in Rußland sich eine breite revolutionäre Bewegung gebildet hatte, die auf einen bedeutenden Teil der Arbeiter übergegangen war. Die Wirklichkeit jedoch überstieg alle meine noch so optimistischen Erwartungen, denn am ersten Abend hatte ich Gelegenheit, mehr als zweihundert Arbeiterdeputierte zu sehen, die als die Auserwählten von zweihunderttausend Arbeitern erschienen, welche in verschiedenen Fabriken und Werkstätten der Stadt Petersburg organisiert waren. Auf solch einen Erfolg konnten auch Länder, die auf eine ältere sozialistische Bewegung als die unsere zurückblickten, stolz sein. Aus den in der Versammlung gehaltenen Reden, wie auch aus kurzen Gesprächen, welche ich in den Pausen der Verhandlungen mit diesem oder jenem Arbeiter führte, ersah ich, daß die meisten nicht allein sehr gut die politischen Aufgaben des jetzigen Moments begriffen hatten, sondern daß viele Deputierte auch sehr revolutionär gesinnte Sozialdemokraten waren. Man merkte aus allem, daß in Rußland eine neue Kraft erwuchs, welche die gereiften Forderungen des Landes klar verstand, und die bereit war, vor keinem Opfer zurückzuschrecken, um sie durchzusetzen.

In dieser Sitzung standen sehr interessante Fragen auf der Tagesordnung, unter anderem auch die Frage von der Einführung der achtstündigen Arbeitszeit in allen Fabriken und Werkstätten Petersburgs und Umgegend. Dieser Vorschlag wurde vom Arbeiterdeputiertenrat angenommen und überall von den Arbeitern durchgeführt. Doch diese Maßregel stieß auf den heftigsten Widerstand von seiten der Arbeitgeber, welche erklärten, eher ihre Fabriken und Werkstätten zu schließen, als darauf einzugehen. Zum Beweis dafür wurden zehntausend Menschen auf die Straße geworfen. Der Arbeiterdeputiertenrat sah sich daher genötigt, in einer seiner letzten Sitzungen diese Frage wieder aufzurollen.

Nicht weniger interessant waren die Debatten über den von einem Vorsteher der Sozialdemokraten eingebrachten Vorschlag, der Arbeiterdeputiertenrat solle seine politische Anschauung bekennen, mit anderen Worten, er solle sich der sozialdemokratischen Partei anschließen. Trotzdem der vorwiegende Teil der Deputierten Anhänger der sozialdemokratischen Partei waren, sprachen sich doch die meisten Redner dagegen aus und wiesen vollständig richtig darauf hin, daß lange nicht alle Arbeiter ihre politischen Anschauungen teilten, folglich, wenn der Deputiertenrat solch ein Programm annehmen würde, wäre es aufgezwungen, und dieser Vorgang würde zu Uneinigkeiten unter den Wählern und zu Spaltungen der Arbeiter in den Fabriken führen. Der Vorschlag wurde abgelehnt.

Doch den erfreulichsten Eindruck machten auf mich die Debatten über die Maßnahmen, welche der Arbeiterdeputiertenrat treffen wollte, um den Pogrom, welchen man in der Hauptstadt erwartete, zu verhindern. Ein Deputierter nach dem anderen berichtete, was für Vorkehrungen auf ihren Fabriken und Werkstätten getroffen seien, um die »Hooligans« abzuwehren. Hierbei zeigten einige von ihnen unter dem Jubel der Anwesenden die verschiedenen von ihnen vorbereiteten Werkzeuge.

»Möge das »Schwarze Hundert« es nur wagen, Schutzlose zu überfallen,« rief der Redner und drohte mit einer Nagaika, an der eine schwere Eisenkugel befestigt war. Die Anwesenden begleiteten seine Worte mit lautem Händeklatschen.

Als ich diese Rede hörte und in die aufgeregten Gesichter der Arbeiter blickte, gelangte ich zu der Ansicht, daß wohl kaum die losgelassene finstere Meute es wagen würde, sich mit dieser Kraft zu messen. Und wirklich, wenn der zweifellos vorbereitete Pogrom in der Hauptstadt nicht stattfand, so geschah das nur dank der Maßnahmen des Arbeiterdeputiertenrats.

In der dann eintretenden Pause kamen zu mir und Wera Sassulitsch viele Arbeiter, welche unsere Bekanntschaft zu machen wünschten. Wir drückten viele entgegengestreckte Hände, antworteten auf die an uns gerichteten Fragen und erkundigten uns selbst nach verschiedenen Dingen. Ihre jungen lebhaften Gesichter machten einen sehr sympathischen Eindruck.

Als wir nach Mitternacht von dieser Versammlung heimkehrten, waren wir in der fröhlichsten Stimmung. Besonders wohl fühlte sich Wera Sassulitsch, die wiederholt ihrer Zufriedenheit über den Arbeiterdeputiertenrat Ausdruck gab.

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