Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lev Grigorievich Deutsch >

Viermal entflohen

Lev Grigorievich Deutsch: Viermal entflohen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLeo Deutsch
titleViermal entflohen
publisherVerlag von J. H. W. Dietz Nachf.
year1907
printrunErstes bis drittes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180104
projectiddc86ad61
Schließen

Navigation:

Zweiter Teil

Verurteilt zu Zwangsarbeit nach Kara in Sibirien

Nach meiner Flucht aus dem Gefängnis zu Kiew verlebte ich sechs Jahre in der Freiheit. Durch einen Zufall wurde ich im Frühjahr 1884 in Deutschland verhaftet, und dank Bismarcks Liebedienerei vor unserer Regierung wurde ich ausgeliefert, zu Zwangsarbeit verurteilt und nach Kara in Sibirien verschickt. Alle diese Begebenheiten habe ich schon ausführlich in meinem Buche »Sechzehn Jahre in Sibirien« beschrieben. Dort erzählte ich, wie es mir gelang, aus Sibirien zu entfliehen, und ich hätte zu dem Gesagten nichts mehr hinzuzufügen, wenn sich nicht mehrere Leser persönlich an mich mit der Frage gewandt hätten, warum ich so lange dort geblieben sei. »War wirklich keine Möglichkeit vorhanden, eher von dort zu entkommen?« Ich habe zwar in meinem Buche auch diesen Umstand besprochen, aber wahrscheinlich nicht ausführlich genug. Ich werde mich bemühen, hier eine deutlichere Antwort auf die an mich gerichteten Fragen zu geben.

Kaum befand ich mich im Gefängnis zu Freiburg, so fing ich gleich an, mich ernst mit dem Gedanken an eine Flucht zu beschäftigen, doch, wie bekannt, hielten mich meine Freunde und Bekannten von der Ausführung zurück. Als ich dann in der Peter-Pauls-Festung und im Hause der Untersuchungshaft und in verschiedenen anderen russischen Gefängnissen saß, träumte ich nur manchmal platonisch davon, wie gut es wäre, zu entfliehen, aber ich unternahm nichts Ernstes, denn die Regierung hatte solche Maßregeln getroffen, daß das einzige Resultat meiner Bemühungen nur ein erfolgloser Versuch gewesen wäre, der meine Einkerkerung in die Schlüsselburger Festung nach sich gezogen hätte. Ich beschloß daher, mich mit Geduld zu wappnen und eine günstigere Gelegenheit abzuwarten.

Solch eine Gelegenheit bot sich mir zuerst am Anfang der neunziger Jahre. Damals entließ man mich mit noch mehreren anderen Kameraden aus dem Zwangsarbeitskerker zu Kara in das sogenannte »freie Kommando«. Aber auch hier gab es sehr ernste Hindernisse für meine Flucht. Es war allerdings nicht schwer, aus dem »freien Kommando« wegzukommen, aber sich in jener Zeit aus dem endlosen Sibirien herauszufinden, war eine so schwer ausführbare Aufgabe, daß von zehn Versuchen kaum einer erfolgreich war. Außerdem hatten die Behörden, als man uns in das »freie Kommando« entließ, auch sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß, im Falle einer von uns fliehen würde, alle anderen wieder in den Kerker zurückkehren müßten. Jeder kann sich natürlich leicht vorstellen, daß den Menschen, die viele Jahre eingekerkert waren, auch die geringsten Erleichterungen willkommen sind. Selbstverständlich ist, daß keiner eine außerordentliche Verschlechterung der Lage seiner anderen Kameraden herbeiführen wollte. Die Frage, ob jemand von uns das Recht habe zu fliehen, wurde nie zwischen uns angeregt.

Noch ein triftiger Grund hielt in jedem von uns den Gedanken an eine Flucht fern. Herrschte doch damals die finsterste Reaktion, welche gleich nach der Ermordung Alexanders II. eintrat.

Bis zu uns, in den schrecklichen Winkel des weiten Sibirien, drangen viele Jahre lang trostlose Nachrichten, die von einem vollständigen Stillstand der revolutionären Bewegung zeugten. In den Briefen, die wir hier und da erhielten, wurde die Lage in der Heimat in den düstersten Farben geschildert. »Man kann auch nicht auf die geringste Unterstützung von seiten der Gesellschaft rechnen,« schrieb einer meiner Freunde. »Die besten Liberalen sterben vor Schreck, wenn sie nur ein ›illegaler Revolutionär‹ besucht.« Unter solchen Umständen blieb im Falle einer erfolgreichen Flucht aus Sibirien nur übrig, ins Ausland zu gehen. Aber das Leben in der Verbannung hatte wenig Anziehendes: dort erwartete den Flüchtling gramvolle Langeweile, Tatenlosigkeit und die größte Not. Es blieb nichts anderes übrig, als sich zu gedulden und auf bessere Zeiten zu hoffen.

Und sie kamen wirklich. Am Anfang der neunziger Jahre drang auch zu uns erst entfernt und undeutlich der Widerhall, daß in Rußland eine neue sozialistische Bewegung begonnen, und zwar eine viel größere Ausbreitung angenommen habe, als die früheren revolutionären Aufflackerungen. Die Bestätigung kam in Mitte der neunziger Jahre. Ich beschloß sofort, bei der nächsten Gelegenheit aus Sibirien zu fliehen.

*

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.