Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lev Grigorievich Deutsch >

Viermal entflohen

Lev Grigorievich Deutsch: Viermal entflohen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLeo Deutsch
titleViermal entflohen
publisherVerlag von J. H. W. Dietz Nachf.
year1907
printrunErstes bis drittes Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180104
projectiddc86ad61
Schließen

Navigation:

Der Arbeiterdeputiertenrat und der Dezemberstreik

Jeder Tag brachte etwas Außergewöhnliches, Neues: den Aufständen in Sebastopol und Jekaterinoslaw, wo es den Arbeitern gelang, die Macht in ihre Hände zu bekommen, folgten die Soldatenaufstände in Moskau, Kiew und anderen Städten. Die revolutionäre Bewegung wuchs zusehends und verstärkte sich.

Es schien zweifellos, daß die Revolution triumphieren und endlich die alte, überlebte Staatsordnung niederringen würde, denn mit Ausnahme eines unbedeutenden Häufleins Menschen, deren Interessen in der Erhaltung der alten Ordnung lagen, und der finsteren Masse des »schwarzen Hundert«, war sie allen verleidet und verhaßt. Die Macht und Bedeutung der Arbeiterklasse wuchs täglich. Mit dem Arbeiterdeputiertenrat rechnete auch die Regierung. Die Polizei legte seinen Beratungen kein Hindernis in den Weg, ebenso auch nicht den zahlreichen Meetings und Versammlungen der Arbeiter. In verschiedenen Stadtteilen wurden Klubs gegründet, die der Sammelpunkt der Jugend und der Arbeiter wurden. Jeden Tag erschienen neue Zeitungen und Zeitschriften, welche in vielen Tausenden von Exemplaren gedruckt wurden, und in denen sämtliche Fragen in einer Sprache behandelt wurden, wie es nur in Ländern mit einer wirklich demokratischen Verfassung möglich ist. Auf den Straßen konnte man die Zeitungsverkäufer beständig schreien hören: »Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei«, »Programm der sozialdemokratischen Partei« usw. Die Polizisten hörten die Ausrufe und gingen schweigend vorbei. Lange konnte ich nicht daran glauben, daß das Wirklichkeit, daß das Ernst sei. Und gar bald sollten wir belehrt werden, daß es nur eine Scheinfreiheit war.

Der Staatsmechanismus blieb unberührt: die Verwaltung, die Polizei und alle sonstigen Staatseinrichtungen wurden nicht den geringsten Veränderungen unterzogen. Aus diesem Grunde allein schon konnte man die erhaltenen »Freiheiten« nicht als wirkliche, wahre und dauernde ansehen. Dazu kam noch, daß sich die Polizei bald da, bald dort »Freiheiten« erlaubte und täglich sich Vorkommnisse ereigneten, die deutlich bewiesen, daß die »alte Ordnung« noch am Leben sei, und daß die Reaktion nur den Boden sondiere, um mit aller Kraft den alten Zustand wieder herzustellen.

Man brauchte nicht lange auf Beweise zu warten, um zu sehen, daß mit der Proklamation der »Freiheit« die Regierung nicht einen Augenblick daran gedacht hatte, die alte Regierungsmethode aufzugeben: Anfangs November wurden die aufständischen Kronstadter Matrosen einem Feldgericht übergeben und über das Königreich Polen der Kriegszustand verhängt. Diese Maßnahmen zeigten deutlich die reaktionäre Gesinnung der Regierung, und die Petersburger Arbeiterbevölkerung beschloß, mit dem einzigen ihr zur Verfügung stehenden Mittel – dem Massenstreik – dagegen energisch zu protestieren.

Ich wohnte allen Sitzungen des Arbeiterdeputiertenrats bei, in denen über die Stellungnahme zu den Maßregeln der Regierung verhandelt wurde.

Als ich den Bericht der Deputierten über die Haltung ihrer Wähler zu einem neuen Streik hörte, wurde ich in höchstes Erstaunen versetzt. Die Opferwilligkeit der arbeitenden Bevölkerung, die sich noch nicht von den Anstrengungen der Oktobertage erholt hatte und schon wieder bereit war, große Opfer zu bringen; die sich aus Solidaritätsgefühl wiederum unaussprechlichem Leid und Unglück aussetzen wollten, rief allgemeine Bewunderung hervor.

Hier möchte ich noch bemerken, daß, obgleich der überwiegende Teil der Arbeiter zu einem neuen Streik greifen wollte, es mir persönlich viel richtiger erschien, sie davon zurückzuhalten, damit nicht die Kräfte der Arbeiter der Hauptstadt, wie auch die des ganzen Landes – sie hatten in diesem schrecklichen Jahre schon so viel durchgemacht – zu sehr angespannt würden. Ich nahm an, daß die Führer der sozialdemokratischen Partei, die eine hervorragende Rolle im Arbeiterdeputiertenrat spielten, alle Kräfte daransetzen würden, die Arbeiter von diesem Streik zurückzuhalten, und sprach dies auch mehreren Genossen gegenüber aus. Sie behaupteten aber ganz irrtümlich, daß wir kein Recht hätten, gegen die Wünsche der arbeitenden Bevölkerung anzukämpfen.

Obwohl die Regierung auch diesmal nachgab, indem sie ihre Verfügung aufhob, so darf man doch nicht vergessen, daß der Eindruck, welchen der Novemberstreik auf den gewöhnlichen Bürger machte, der denkbar ungünstigste war. Die Bevölkerung der Hauptstadt spaltete sich dadurch in zwei Lager. Ich hörte von vielen Seiten sehr abfällige Äußerungen, die in hohem Grade durch die Haltung einiger liberaler Parteiführer, welche die Sozialdemokraten wegen Erklärung dieses Streiks mit den Anarchisten verglichen, gerechtfertigt erschienen. Später benutzte der Staatsanwalt des Petersburger Gerichtshofes, Kamyschanski, diese Beschuldigungen unserer »weitsichtigen« liberalen Politiker in einer seiner Anklagereden.

Als die Regierung den Zwiespalt im linken Lager bemerkte, wurde sie mutiger und versuchte, weitere Repressivmaßregeln anzuwenden. Ende November wurde der Präsident des Arbeiterdeputiertenrats ohne jeglichen Grund verhaftet, und nach einigen Tagen mußte noch eine große Anzahl der Mitglieder dasselbe Schicksal teilen. Die Zeitungen aller extremen Parteien wurden unterdrückt und ihre Redakteure hinter Schloß und Riegel gebracht. Die Reaktion erhob wieder kühner und kühner ihr Haupt. Die Arbeiter beschlossen dagegen zu protestieren und erklärten Anfang Dezember den dritten politischen Streik.

Man muß die Lage der arbeitenden Bevölkerung näher kennen, um zu begreifen, welche unglaublichen Opfer die Arbeiter für die Sache der Freiheit brachten, wenn sie sich zu einem neuen Streik entschlossen. Schon nach dem zweiten, dem Novemberstreik waren Zehntausende von Menschen aus ihrer Mitte buchstäblich dem Hunger preisgegeben, da viele Fabriken geschlossen wurden. Das von dem Arbeiterdeputiertenrat gegründete Komitee zur Hilfeleistung der Arbeitslosen wurde vom frühen Morgen bis zur späten Nacht von Menschen, die jeglicher Mittel beraubt waren, belagert. Die unbedeutende Unterstützung, welche das Komitee gewährte, glich einem Tropfen in diesem Meere der Not. Trotzdem die Petersburger Proletarier die unter ihnen herrschende Not gut kannten, hielt sie dies doch nicht vor den ihnen drohenden neuen Schrecken zurück. Sie beschlossen, den Streik in einem der kältesten Monate zu erklären, dazu noch kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, wo die Eisenbahnangestellten, die im politischen Streik die erste Rolle spielten, ihre jährliche Zulage erhalten.

Für jeden nur einigermaßen mit diesen Verhältnissen vertrauten Mann war es klar, daß der Dezemberstreik nur dann einen günstigen Verlauf hätte nehmen können, wenn er, wie im Oktober, allgemein und anhaltend durchgeführt worden wäre und somit die Regierung gezwungen hätte, nachzugeben. Aber man mußte über große Geldmittel verfügen, um ein solches ungeheures Kontingent Streikender eine verhältnismäßig lange Zeit zu unterhalten.

Während wir uns bemühten, eine solche Quelle ausfindig zu machen, kam mir der Gedanke, daß die westeuropäischen Arbeiterparteien sich gegenseitig bei Streiks Hilfe leisteten. Außerdem wußte ich, da ich lange im Ausland gelebt und persönlich viele Mitglieder der dortigen sozialistischen Parteien kennen gelernt hatte, daß sich die russische Arbeiterbewegung ihrer ganz besonderen Sympathie erfreute. Ich machte deshalb den Vorschlag, uns um Hilfe an das europäische Proletariat zu wenden.

Mein Vorschlag fand allgemeine Billigung, und es wurde beschlossen, ich sollte, um jede Verzögerung zu vermeiden, sofort ins Ausland abreisen.

*

Meine Beschreibung würde sich unendlich weit ausdehnen, wollte ich einigermaßen ausführlich alle wichtigen Ereignisse berühren, durch welche sich die sogenannten »Tage der Freiheit« bei uns auszeichneten. Darum übergehe ich mit Stillschweigen alles das, was in jener Zeit in den Parteien und Vereinen, die damals in Mengen erstanden, und in solchen, die schon früher existierten, vorging: in ihren Zeitungen wurde viel geschrieben und in den Versammlungen, Konferenzen und auf den Parteitagen wurden viele und lange Reden gehalten. In diesem Überfluß des gedruckten und gesprochenen Wortes, das hauptsächlich das Leben der linken Parteien darstellte, war viel Richtiges und viel Falsches. Diesem Fehler konnte auch die Partei, der ich angehöre, nicht entgehen. Es wäre aber im höchsten Grade ungerecht, sich demgegenüber zu streng zu verhalten und hauptsächlich für das, was einzelne Mitglieder geschrieben und gesprochen haben, die ganze Partei verantwortlich zu machen. Es ist ja niemand vor Fehlern bewahrt, und solche sind bei vielem Reden und Schreiben unvermeidlich. Auch wir entgingen dem nicht, um so mehr, als wir jahrzehntelang die grausamsten Unterdrückungen und Verfolgungen ertragen mußten und jetzt zum erstenmal die Möglichkeit erhielten, alle Schmerzen, Nöten, Wünsche und Bestrebungen der Bevölkerung laut auszusprechen; von diesem Gesichtspunkt aus sind unsere Fehler sehr begreiflich.

Noch einen sehr wichtigen Umstand darf man nicht unerwähnt lassen. Obwohl die radikalen Parteien viele Jahre von dem baldigen Beginn der Revolution gesprochen hatten, so kam sie doch für alle unerwartet, und die Parteimitglieder, welche eben erst als Illegale aus dem »unterirdischen Rußland« kamen, hätten ungewöhnliche glänzende und geniale Fähigkeiten besitzen müssen, um sich sofort in diese außerordentlich verwickelte und schwierige Lage zu finden und gleich eine fehlerfreie Taktik einzuschlagen.

Jede Partei mußte sich erst an die neuen Verhältnisse gewöhnen, ihre innere Organisation ausbauen und die breiten Massen mit ihren Ideen vertraut machen.

Teilweise aus diesen Gründen, wie auch wegen des in unserer Partei herrschenden Konfliktes, der zur Spaltung in zwei Fraktionen – »Mehrheits- und Minderheitsfraktion« – geführt hatte, Zwei Fraktionen, welche in taktischen Fragen auseinandergehende Strömungen in der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei verkörpern. Sie kamen zum erstenmal auf dem Parteitag 1903 zum Vorschein. Derjenige Teil, der damals die Mehrheit vorstellte, nennt sich die Mehrheitsfraktion, der andere Teil Minderheitsfraktion. trat folgende merkwürdige Erscheinung zutage.

Unsere Partei, die länger und energischer als alle anderen an der Niederringung der Selbstherrschaft gearbeitet hatte, und die sich des größten Erfolges unter den Arbeitern erfreute, die einzige Partei, die Aufklärung verbreitete, und die am meisten zur Gründung des Arbeiterdeputiertenrats beigetragen hatte, trat nach Entstehung dieses Rates in den Tagen der Freiheit in den Hintergrund. Diese parteilose Organisation ergriff nun die führende Rolle. Die Hoffnung aller Bevölkerungsklassen richtete sich auf den Deputiertenrat; von ihm erwartete nicht nur das Proletariat, sondern die ganze Intelligenz die »Direktive« und die »Parole«.

Leider stellte sich bald heraus, daß den Führern dieser Organisation eine genaue Direktive mangelte, und daß der Arbeiterdeputiertenrat keinen Aktionsplan hatte. Während des Oktoberstreiks nicht nur Führer der Arbeiter, sondern der ganzen Freiheitsbewegung zu sein – zu solch einer schweren und verwickelten Aufgabe reichten die Kräfte des Rates und seiner Führer nicht aus. Sie nahmen oft einen Vorschlag an, der ihnen richtig und zeitgemäß erschien, ohne die Folgen, welche das nach sich ziehen konnte, genügend zu erwägen.

Ein solcher verfehlter Plan war auch nach meiner Ansicht der Versuch, den achtstündigen Arbeitstag auf revolutionärem Wege einzuführen, ferner der Novemberstreik und das vom Deputiertenrat zusammen mit den Führern der linken Parteien veröffentlichte Manifest mit der Forderung, nur klingende Münze als Zahlung zu nehmen usw. Auch in anderen Städten entstanden ähnliche Organisationen nach dem Muster des Arbeiterdeputiertenrats in Petersburg; und deshalb muß man das große Verdienst anerkennen, welches der Rat sich dadurch erwarb, daß er in kurzer Zeit den bedeutendsten Teil des Proletariats organisierte. Durch die Energie, Beharrlichkeit und weitgehende Opferwilligkeit für die Sache der Freiheit gelang es der Mehrzahl der Deputierten, einige außerordentlich wichtige Einrichtungen zu schaffen, die einerseits das Klassenbewußtsein der Arbeiter hoben und andererseits ihre materielle Lage verbessern halfen. Bei vielen Mitgliedern der Organisation entwickelte sich die Fähigkeit, verwickelte Angelegenheiten zu leiten; mancher von ihnen hatte schon Erfahrungen gesammelt usw. Das zeigte sich besonders deutlich, als die Mehrzahl der Mitglieder des ersten Rates verhaftet wurden. In dem in den ersten Tagen des Dezember neu gewählten Deputiertenrat fanden sich nicht mehr solch erfahrene und erprobte Mitglieder, wie es deren viele im ersten gab. Auch waren die neuen Deputierten weniger populäre Persönlichkeiten. Die Führer waren Leute, die die Forderungen des Augenblicks zu wenig kannten und noch weniger das Mögliche vom Unmöglichen zu unterscheiden vermochten. Dazu kam noch, daß die Aufgaben des zweiten Rates viel verwickelter und schwieriger waren: er mußte seine Arbeit unter viel schwierigeren Verhältnissen beginnen. So ist es verständlich, daß die Zusammensetzung des zweiten Rates sich lange nicht der Lage, die er vorfand, gewachsen zeigte.

Seine einzige und Hauptaufgabe war, den dritten Streik zu organisieren und durchzuführen. Jeder begriff damals, daß die ganze weitere Entwicklung der Freiheitsbewegung von dem Ausgang dieses Streiks abhing, der entweder die verheißenen Freiheiten des 17. Oktober endgültig erobern oder eine neue zeitweilige Herrschaft der Reaktion herbeiführen konnte. Der Deputiertenrat mußte sehr darauf bedacht sein, die Sympathien aller Bevölkerungsklassen zu erwerben und sich die materielle Hilfe der Gesellschaft zu sichern. Soviel mir bekannt ist, wurde in dieser Hinsicht fast nichts getan. Zudem war noch, wie ich schon erwähnte, die Zeit zur Durchführung des Streiks sehr ungünstig gewählt. Die Bevölkerung, welcher die Entbehrungen und Leiden der vorhergegangenen Streiks noch zu sehr in den Gliedern steckten, fühlte sich schon kampfesmüde. Und dennoch erklärten sich die Arbeiter auch diesmal bereit, der Parole des Deputiertenrats zu folgen; natürlich waren es zum größten Teile die Fabrik- und Druckereiarbeiter; die Petersburger Eisenbahnarbeiter wiesen die Aufforderung zurück.

Anfangs war ich sehr gern bereit, ins Ausland zu gehen, um Geld für die Streikenden zu sammeln. Aber schon der dritte Tag des Streiks – ich traf inzwischen meine Reisevorbereitungen – bewies mir ganz klar, daß er die Allgemeinheit nicht ergreifen würde, folglich auch mit einer Niederlage enden müßte. Bald trafen auch aus Moskau Telegramme ein, die meldeten, daß Admiral Dubassow dort schreckliche Verheerungen anrichtete – mir verging daher die Lust zu reisen. Aber die Genossen und Freunde bestimmten mich, abzureisen. Gegen meinen Willen mußte ich mich schließlich einverstanden erklären.

Ich wohnte unter dem Namen eines Edelmanns A. N. Menschikow in der Italjanskastraße neben dem Schlosse des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch. Ich beschloß, einen Auslandpaß auf diesen Namen zu nehmen, und erhielt im Polizeirevier ohne jegliche Schwierigkeiten die Bestätigung, daß die Polizei gegen meine Reise nichts einzuwenden habe. In Rußland muß man ein Leumundszeugnis aus dem betreffenden Revier, in dem man wohnt, erhalten, sonst verweigert die Gouvernementsbehörde die Ausstellung eines Reisepasses, ohne den man nicht über die Grenze gelangen kann. Mit diesem Zeugnis begab ich mich in die Kanzlei des Stadthauptmanns und erhielt nach Bezahlung der festgesetzten Steuer einen Auslandpaß.

Da ich nur kurze Zeit fortzubleiben gedachte, behielt ich meine Wohnung. Aus verschiedenen Gründen wünschte ich nicht, daß meine Bekannten erfahren sollten, wohin ich mich begebe, und nannte als Reiseziel die Stadt Mohilew. Diese diplomatische Schlauheit hätte später beinahe traurige Folgen für mich gehabt.

Bis Berlin reiste ich zusammen mit einem Moskauer Kaufmann, der sich nur einige Tage in Petersburg aufgehalten hatte. Er erzählte mir vom Moskauer Aufstand, dessen Zeuge er gewesen war, sehr ausführlich. Während der langen Reise konnte er sich nicht über die Greuel, die er und seine Familie miterlebt und angesehen hatten, trösten und schwebte in beständiger Unruhe über das Schicksal der Seinen. Seine Erzählungen und Wehklagen ließen beim Geräusch der Räder in meinen Ohren das Pfeifen der Kugeln und das Krachen der Kanonen hören, und ich sah im Geiste friedliche Bürger sich angstvoll in ihren Wohnungen verbergen. Anfangs beschuldigte der Kaufmann nur die Revolutionäre, die nach seiner Ansicht das ganze Unglück angerichtet hätten, doch ich bemühte mich, ihm zu beweisen, wer die wirklich Schuldigen waren, und ich glaube, es gelang mir auch, denn schließlich drückte er der Freiheitsbewegung seine Sympathie aus.

Als ich in Berlin ankam, begab ich mich sofort zu einigen Führern der Sozialdemokratischen Partei. Ich brauchte ihnen nicht viel über die Not der Petersburger Arbeiter, die den dritten Streik durchmachten, zu erzählen, – sie verstanden mich sogleich und zeigten große Teilnahme für den schweren Kampf, welchen das russische Proletariat führte. Die ungeheure Aufopferung unserer Arbeiter für die Sache der Freiheit rief bei diesen alten, im Kampfe ergrauten Leuten der bestorganisierten und stärksten sozialdemokratischen Partei der Welt Erstaunen hervor.

»Uns überrascht die ungewöhnliche Ausdauer Ihrer Arbeiter; das ist wunderbar, unbegreiflich!« sagten sie. »Wir sind von ihrem Heldenmut begeistert.« Aber sie drückten zugleich auch ihre Zweifel aus an dem Erfolg dieses Ausstandes. Unsere Arbeiter waren nach ihrer Meinung durch den langen, andauernden Kampf zu sehr erschöpft, und wie ausdauernd sie sich auch zeigten, wie sehr sie an Entbehrungen gewöhnt waren, mußten sie an der Grenze des Möglichen bald angelangt und deshalb gezwungen sein, den Streik aufzugeben.

Der Telegraph brachte denn auch die Nachricht, daß der Streik immer mehr zusammenschrumpfe, und ich war kaum fertig zur Rückreise, als die Nachricht eintraf, daß der Streik zu Ende und der Moskauer Aufstand vollständig unterdrückt sei. Es hatte also keinen Sinn mehr, mich noch nach anderen Ländern zu begeben. Sechs Tage nach meiner Abreise traf ich wieder in Petersburg ein und übergab einige tausend Rubel, die ich mitgebracht hatte, dem Streikkomitee. Das Geld kam natürlich gerade recht, aber es war nur ein Tropfen in diesem Meer der Not.

Wie vorauszusehen war, waren alle mit der neuen Zusammensetzung des Deputiertenrats unzufrieden, alle beschuldigten den Präsidenten der Unfähigkeit, einen Streik zu organisieren, warfen ihm verschiedene Fehler vor usw. Als er dies merkte, legte er selbst seine Präsidentschaft nieder, und auf der allgemeinen Deputiertenversammlung, welche in Finnland stattfand, wurde statt seiner ein Exekutivkomitee, bestehend aus dreißig, und ein Präsidium, bestehend aus fünf Mitgliedern, gewählt. Einige Mitglieder, darunter auch viele unserer sozialdemokratischen Partei, fanden, daß der Arbeiterdeputiertenrat, falls er nicht öffentlich in Petersburg tagen könne, vollständig seine Bedeutung verliere und aufhören müsse zu existieren. Die Spannung, welche schon früher, wenn auch in geringem Maße, zwischen unserer Partei und dem Deputiertenrat bestand, wurde nach dem dritten Streik viel stärker. Bei einigen Genossen machte sich sogar eine feindliche Haltung zu dieser Organisation bemerkbar.

Obwohl ich selbst auch nicht besonders hoher Meinung von dem neuen Bestand des Deputiertenrats war, so konnte ich ihn doch nicht, wie die anderen es taten, als vollständig nutzlos betrachten. Als ich deshalb nach meiner Rückkehr aus Berlin die Einladung zu den Sitzungen des Präsidiums, welche täglich stattfanden, erhielt, begab ich mich mehrmals dorthin und nahm auch an den Beratungen einiger laufenden Fragen Anteil. Ich muß anerkennen, daß mir das Präsidium, mit Ausnahme eines einzigen bejahrten Arbeiters, gar nicht imponierte; die anderen waren zwar begabte, sympathische und vielleicht auch kluge Menschen, aber sie machten einen gar zu jugendlichen Eindruck. Es mutete einen komisch an, daß diese Jünglinge – einer war, glaube ich, noch bartlos – die Vorsteher des Petersburger Proletariats sein sollten. Man merkte bei ihnen nicht nur das Unvermögen, eine Sache richtig anzugreifen, sondern ihre vollständige Hilflosigkeit und Verwirrung fiel sofort auf.

Nach meiner Rückkehr hielt ich es für nützlich, folgenden Plan auszuführen.

Wie bekannt, schlug das sich in Brüssel befindliche Internationale Sozialistische Bureau den Arbeitern der ganzen zivilisierten Welt vor, den 9./22. Januar als einen für die Proletarier aller Länder ebenso wichtigen Tag wie den 1. Mai zu feiern. In Berlin erfuhr ich auch, welche Vorbereitungen die deutsche sozialdemokratische Partei traf, um den Tag, welchen man überall als Anfang der russischen Revolution betrachtete, würdig zu begehen. Ich teilte das natürlich den Genossen des Zentralkomitees unserer Partei und ebenso dem Präsidium des Arbeiterdeputiertenrats mit. Ich schlug ihnen gleichzeitig vor, eine gemeinsame Deputation, bestehend aus zwei Arbeitern und einem Intelligenten, ins Ausland zu schicken, um dem westeuropäischen Proletariat für das Interesse, welches es der russischen Freiheitsbewegung entgegenbrachte und für die Bereitschaft, uns moralisch und materiell zu unterstützen, Dank zu sagen, denn am 9./22. Januar sollten überall große Meetings und Geldsammlungen für die durch den Streik brotlos gewordenen russischen Arbeiter stattfinden. Die italienische sozialdemokratische Partei hatte noch beantragt, daß die Arbeiter der ganzen zivilisierten Welt den eintägigen Verdienst ihren russischen Brüdern übergeben sollten.

Alle hießen meinen Vorschlag gut, und beide Organisationen wählten mich zu ihrem Vertreter; das Exekutivkomitee des Arbeiterdeputiertenrats wählte außerdem noch drei Arbeiter zu Delegierten. Ich hatte jedoch nicht die geringste Neigung, wieder ins Ausland zu fahren, dazu noch auf eine ziemlich lange Zeit, denn es sollten die meisten Großstädte der westeuropäischen Staaten besucht werden. Aber genau so wie das erstemal, mußte ich auch jetzt schließlich dem Drängen der Genossen nachgeben, denn keiner von den »Intelligenten«, welche die westeuropäischen Länder und Gebräuche kannten, wollten diese Mission übernehmen.

*

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.