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Vier Skizzen

Georg Bötticher: Vier Skizzen - Kapitel 4
Quellenangabe
titleVier Skizzen
authorGeorg Bötticher
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typesketch
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De Nibelungen

Ä Vortrag, gehalten in Bergerverein zu Crimmitschau
von Rektor Schwämmchen

Meine Härrn!

Unser Nazional-Ehboß »de Nibelungen« is bekanntlich ä sehre langes Gedicht, weshalb's geweehnlich nich ganz ausgelesen werd, was ja schade, aber nich unbegreiflich is, denn so bedeutend es genannt wärn muß, so leidet's doch

Ärschtens: an Dunkelheet,

Zweetens: is vieles nich klar drinne,

Drittens: Manches andere ooch nich, un

Viertens: zeigt der Verfasser, der leider unbekannt geblieben is, änne Vorliebe fer Grausamkeiten, worin er sich mit Schäksbiern begegnet, un ä gewissen Mangel an Scheenheitsgefiehl, das de allerdings Schäksbiern nich abzesprechen is.

De Fabel des Gedichts is schnell erzählt:

Vor langen Zeiten lebte in Worms der Keenig Gunther mit seiner hibschen Schwester Krimhild. Zu dän zwee Beeden kam eenes Dags Siegfried, der Kronbrinz der Niederlande, auf Besuch, un wie där Krimhilden sahk un sie ihn, da vergafften se sich in änander. Gunther aber hatte sei Ooge auf eene gewisse Brunhild geworfen, änne Art Mannweib, die jeden, dersche heiraten wollte, erscht zu ä Duell 'rausforderte un, wenn er verlor, keppen ließ. Weil nu Siegfried sehre stark war, meente Gunther zu'n: Wenn de mer zu Brunhilden verhilfst, gäb 'ch d'r meine Schwester zur Frau. »Bong!« sagte Siegfried un fuhr mit Gunthern zu Brunhilden. Er tat so, als wenn'r Gunther wäre, duellirte sich mit'r, besiegte se un drickte sich dann heemlich zu Krimhilden. Dadrauf machten se alle Viere Hochzeit. Brunhild aber hatte's eegentlich auf Siegfrieden abgesähn un weil där sich auf nischt nich einließ, wurde se furijos un eenes scheenen Dags ging se zu Hagen (was de ä Dienstmann war, der de bei Gunthern in Kondition stand) un verabredete mit dän, daß'r den andern Dag nachmittags zwischen drei un vieren Siegfrieden abmurksen sollte. Där besorgte das ooch grindlich un bei där Gelegenheet kam Siegfried ums Läben. Nu ging der Krakehl ärscht los. Krimhild verheiratete sich zum zweetenmale un hetzte ihren Mann, den Keenig Etzel, auf: Gunthern un sei Gefolge zu eener großen Gesellschaft bei sich einzuladen, um se da besser abmurksen zu kenn. Hagen merkte zwar Lunte un riet ab; aber wie die sich nich abraten ließen, ging er mit. Se wurden ooch sehre nett bei Etzeln empfangen un gleich ins Speisezimmer gefiehrt. Aber schon beim ärschten Gange kam Hagen sei Bruder reingesterzt un schriek. »Na Gott straf mich, Ihr kennt hier essen un uns schlagen se derweile tot!« Da sprang natürlich alles auf, Hagen haute Etzeln seinen Jungen, der gerade vorbei ging, den Kopp runter, eene ferchterliche Keilerei entstand un ä gewisser Volker spielte dazu de Violine. Etzel wurde natürlich sehr eklig, verließ mit seinen Leiten den Saal un versuchte dann de Gäste auszureichern. Wie das aber nich ging, schickte er Leite nein, die mußten sich mit'n rumhauen, bis keener mehr iewrig blieb. Gunther und Hagen waren die Letzten; die fingen se lebend'g, un Krimhild haute erscht Gunthern un dann Hagen den Kopp ab und dann haute wieder ä anderer Krimhilden den Kopp runter. Damit heerte die Hauerei auf, die ja lange genug gedauert hatte, un damit is ooch's Lied alle.

Wemmer diese Erzählung iewerblickt, da werd een als Sachse vor allen Dingen Eens klar: Wäre die Geschichte nich an Rheine, sondern an der Elbe bassirt, da werde se nie den unangenehmen Charakter angenommen hamm, dän se ähm angenommen hat. Meeglich, daß ooch bei uns ä Hagen – ausnahmsweise – vorgekommen wäre, aber de Murkserei am Schluß werde weggefallen sein – das steht feste! Dazu sein mir Sachsen zu gebild't und zu gemiedlich, un außerdem hamm mir ooch zu viel Scheenheitsgefiehl, um änne Dichtung so end'gen zu lassen.

Wenn Se sich nu aber fragen, meine Härrn, wem se denn diese wenig scheenen Eigenschaften, die ähm uns Sachsen abgehn un die der Dichter der Nibelungen unzweifelhaft besitzt, wem se die wohl zutrauen wirden – da wärn se wohl nich lange um de Antwort verlegen sein!

Ich will's nich aussprechen, von wegen 'n lieben Frieden, aber ich gloobe: Sie wissen jetzt, was fer ä Landsmann der Dichter der Nibelungen gewesen sein muß!

Un damit kenn mer uns beruhigen, meine Härrn, un's Nazional-Ehboß beiseite legen.

 


 

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