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Vier Katzenerzählungen

Alfred Brehm: Vier Katzenerzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
titleVier Katzenerzählungen
authorAlfred Brehm
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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Meine wilde Falbkatze

Ich war eine Zeitlang im Besitz einer Falbkatze, habe mich aber vergeblich bemüht, ihr nur einigermaßen die Wildheit abzugewöhnen, die sie zeigte. Das Tier war in den Steppen Ostsudans alt gefangen worden und wurde mir in einem Käfig gebracht, der schon durch seine außerordentliche Festigkeit zeigte, daß man ein bedenkliches Raubtier in ihm verwahre. Ich habe die Katze niemals aus diesem Käfig nehmen dürfen, weil sie überhaupt nicht gestattete, daß man ihr irgendwie sich näherte. Sobald man an sie herankam, fauchte und tobte sie wie unsinnig und bemühte sich nach Kräften, Unheil anzurichten. Strafen fruchteten nichts. In unseren Tiergärten habe ich die Falbkatze nur ein einziges Mal gesehen, und zwar in London. Die beiden Tiere, die man dort geraume Zeit hielt, stammten aus Palästina und mochten wohl jung aus dem Lager genommen worden sein, weil sie so gesittet und ruhig sich betrugen, wie man dies von einer Wildkatze überhaupt erwarten kann. Außerordentlich wichtig zur Begründung der Ansicht, daß die Falbkatze die Stammutter unserer Hauskatze ist, sind Beobachtungen, die Schweinfurth im Lande der Njamnjam machte. Nach mündlichen Mitteilungen des berühmten Reisenden kommt die Falbkatze hier häufiger vor als in irgendeinem bis jetzt bekannten Teil Afrikas, so daß man also das tiefe Innere des Erdteils als das eigentliche Vaterland oder den Kernpunkt des Verbreitungskreises unseres Tieres ansehen muß. Die Njamnjam nun besitzen die Hauskatze im eigentlichen Sinn des Wortes nicht, wohl aber dienen ihnen zu gleichem Zweck wie letztere halb- oder ganzgezähmte Falbkatzen, die die Knaben einfangen, in der Nähe der Hütten anbinden und binnen kurzer Zeit so weit zähmen, daß sie an die Wohnung sich gewöhnen und in der Nähe derselben dem Fang der überaus zahlreichen Mäuse mit Eifer obliegen.

Die Mumien und Abbildungen auf den Denkmälern in Theben und in anderen ägyptischen Ruinen stimmen mit den Falbkatzen am meisten überein und scheinen zu beweisen, daß sie es war, die bei den alten Ägyptern als Haustier gehalten wurde. Vielleicht brachten die Priester das heilige Tier von Meroë in Südnubien nach Ägypten; von hier aus könnte sie nach Arabien und Syrien und später über Griechenland oder Italien nach dem westlichen und nördlichen Europa verbreitet worden sein und in neuerer Zeit durch die wandernden Europäer eine noch größere Verbreitung erlangt haben. Für mich erhalten diese Mutmaßungen besonders Gewicht durch Beobachtungen, die ich auf meinem letzten Jagdausflug nach Habesch machte. Die Hauskatzen der Jemeniten und der Araber an der Westküste des Roten Meeres zeigen nicht nur eine ganz ähnliche Färbung wie die Falbkatze, sondern auch dieselbe Schlankheit und Schmächtigkeit, die diese vor ihren Verwandten auszeichnet. Allerdings hat dort die Hauskatze nicht dasselbe Los wie bei uns, ihre Herrschaft kümmert sich kaum um sie und überläßt es auch ihr selbst, sich zu ernähren. Dies dürfte aber schwerlich als Grund ihres schlechten Aussehens anzunehmen sein, denn an Nahrung fehlt es einem Raubtier in dortiger Gegend nicht. Ich glaube, daß die Katze Nordostafrikas am treuesten sich ihre ursprüngliche Gestalt erhalten hat. Die gewöhnliche Färbung der afrikanischen Hauskatze kommt der ihrer wahrscheinlichen Stammutter am nächsten, doch findet man auch hier schon ausgeartete, nämlich weiße, schwarze, rotgelbe und sogenannte dreifarbige Hauskatzen.

 


 

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