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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Siebentes Kapitel: Der Karpfen

Der Sommer verstrich, und die Rohrsänger erlebten immer ärgere Dinge. In allen Familien waren die Jungen ausgeschlüpft und bevölkerten den ganzen See. In der Mitte war er ganz grün von Millionen kleiner Algen. Diese Pflänzchen starben und verfaulten und verbreiteten einen solchen Gestank, daß sieben große Barsche dadurch umkamen und, auf dem Rücken liegend, ans Land getrieben wurden.

»Der See blüht!« raunten die Schilfgräser höhnisch.

»Wie garstig riecht es hier!« klagte das Rohrsängerweibchen.

»Mir gefällt's hier sehr gut,« erklärte darauf der Karpfen, der ins Röhricht geschwommen kam.

Er hatte dort Freundschaft mit der Teichmuschel geschlossen, die sich langsam durch den Schlamm vorwärts wühlte oder sich auf dem Grunde festsetzte und gähnte.

Die beiden paßten gut zusammen, es waren bedächtige, ruhige Leute, die die gleiche Lebensweise hatten.

»Ich mag diese wilde Jagd nach Nahrung nicht mitmachen!« sagte der Karpfen. »Ich sperre das Maul auf, wo das Wasser mir ein bißchen dick vorkommt, und lasse hineinlaufen, was vorhanden ist. Etwas ist immer dabei. Dann bleibt es einem erspart, totzuschlagen und all den Jammer mitanzusehen.«

»Ich mache es genau so,« meinte die Teichmuschel. »Diese Methode ist viel vornehmer, und ich bin fett dabei geworden.«

So unterhielten sich die beiden, sie sperrten in einem fort den Mund auf und gähnten und waren trotzdem seelenvergnügt.

»Nimm Dich in acht, daß Du ihnen nicht zu nahe kommst!« sagte das Rohrsängerweibchen zur Eintagsfliegenlarve.

»Ja, vielen Dank, ich werde aufpassen,« erwiderte die Larve.

»Der Karpfen und die Muschel sind doch netter als die andern,« berichtete das Rohrsängerweibchen ihrem Manne.

»Ja, wieso denn, Ew. Gnaden?« fragte der Aal, der stets da auftauchte, wo man ihn am wenigsten erwartete. »Die tun ja nichts andres als wir alle. Bloß sind die Tiere, die von ihnen gefressen werden, kleiner.«

»Es ist ein Unterschied vorhanden, Verehrtester!« sagte der Rohrsänger. »Ihr Mangel an Bildung verhindert Sie nur, ihn zu sehen.«

»Ja, man muß sich winden!« verkündete der Aal.

Der Rohrsänger würdigte ihn keiner Antwort, sondern wandte sich an den Karpfen und die Muschel, schlug einen kleinen Triller und sagte höflich:

»Meine Frau und ich rechnen es sich zur Ehre an, Sie zu begrüßen, meine Herrschaften. Wir haben mit Vergnügen bemerkt, daß Sie viel mehr Lebensart haben als die meisten übrigen Bewohner des Sees. Der Anblick der unglaublichen Brutalität, die hier zutage tritt, hat uns sehr schmerzlich berührt. Für gebildete Leute ...«

Er machte eine Pause, schnappte eine Schmeißfliege und warf sie den Kindern ins Nest.

»Für gebildete Leute ist es äußerst unangenehm, die unverhüllte Roheit mitansehn zu müssen, mit der man hier für des ...«

Er ergriff eine Köcherfliege, fraß sie, wischte sich den Mund und fuhr fort:

»... mit der man hier für des Leibes Nahrung und Notdurft sorgt. Sie sind anders, meine Herrschaften. Wenn Sie Flügel hätten, dann wäre ich geneigt zu glauben, daß Sie von Rechts wegen gar nicht in diese Gesellschaft gehörten.«

»Ihre Vermutung ist ganz richtig,« erwiderte der Karpfen und fächelte verbindlich mit den Flossen.

»Sie haben vollkommen recht,« sagte auch die Teichmuschel und gähnte höflich.

»Ich bin in einem andern See geboren,« erzählte nun der Karpfen. »Aber ich muß gestehen, daß ich keine deutliche Erinnerung daran bewahrt habe. Nur so viel weiß ich, daß dort kein so wildes, räuberisches Treiben herrschte wie hier. Ich glaube zum Beispiel, es gab keine andern Fische in jenem See als Karpfen; deshalb war der Ton natürlich viel netter, wie Sie begreifen werden. Es war wohl ein adliger Karpfenteich. Fünfmal täglich wurden wir gefüttert, und alles, was uns irgendwie stören konnte, war entfernt worden. Solche Wesen, wie Hechte, Wasserspinnen und wie diesen garstigen Wasserschlauch habe ich hier zum erstenmal gesehen.«

»Da muß es ja sehr idyllisch gewesen sein!« meinte der Rohrsänger. »Darf ich fragen: gab es keine Rohrsänger an jenem See?«

»Doch, ich glaube, es war ihnen erlaubt, sich im Röhricht anzubauen. Und dann war eine Anzahl Frösche vorhanden; vermutlich sollten sie uns mit ihrem Gequake ermuntern.«

»Wie sind Sie denn hierher gekommen?«

»Tja, diese Frage setzt mich in Verlegenheit. Wir kamen in einem Fischbehälter hier an, ich und eine Anzahl Kollegen. Und dann wurden wir in diesen See geschüttet. Ich kann mir nur denken, daß es geschah, um den Ton hier zu verbessern. Drüben, wo wir waren, hatten wir nicht im geringsten zu klagen. Haben Sie vielleicht davon gehört, daß gebildete Leute hier am Orte den Wunsch geäußert haben, in besserer Gesellschaft zu leben?«

»Nein,« entgegnete der Rohrsänger, »zu meiner Zeit ist das nicht geschehn. Ich bin allerdings erst seit dem Frühjahr hier.«

»Soso,« sagte der Karpfen. »Ich bin seit vier Jahren hier. Aber ich wäre am liebsten wieder fort. Man lebt ja in ewiger Angst vor dem Hecht. Viele meiner Kollegen sind auf ganz unbegreifliche Art verschwunden. Ich glaube wahrhaftig, der Hecht hat sie gefressen. Und außerdem herrscht hier allerdings, wie Sie richtig bemerkten, ein ziemlich ungebildeter Ton. Aber Sie haben's ja gut. Sie reisen wohl im Herbst wieder ab?«

»Ich mache eine kleine Reise nach Italien,« erwiderte der Rohrsänger. »Mit meiner Familie.«

Der Karpfen sann ein Weilchen nach, gähnte ein paarmal und sagte dann:

»Sie könnten mir vielleicht einen Gefallen erweisen ... ich komme darauf, wenn ich mir Ihren wunderschönen spitzen Schnabel ansehe.«

»Mit Vergnügen stehe ich zu Ihrer Verfügung,« sagte der Rohrsänger.

»Sehen Sie, ein jeder hat ja sein Kreuz zu tragen, und das meine sitzt in meinen Kiemen. Wollen Sie mal sehn ...«

Der Karpfen öffnete den Kiemendeckel, und der Rohrsänger lief das Rohr hinab und guckte.

»Ja, wahrhaftig,« rief er, »da sitzt ein Kreuz.«

»Das ist das Doppeltier,« erklärte der Karpfen mit einem tiefen Seufzer.

»Was ist das für ein Wesen?«

»Das Doppeltier. Leider muß ich gestehen, daß ich es aus dem sonst so vortrefflichen Karpfenteich, von dem ich Ihnen erzählte, mitgebracht habe. Schon damals peinigte es mich, aber in der letzten Zeit ist es kaum mehr auszuhalten. Sie müssen wissen, das Tier besteht ursprünglich aus zwei Würmern ... Sie kennen diese Sorte ja: selber mögen sie nicht arbeiten, statt dessen quartieren sie sich bei ordentlichen Leuten ein und saugen sie aus. Ich habe etwa zwanzig Stück davon in meinem Bauch, aber die fallen mir bei weitem nicht so lästig wie das Doppeltier. Sehen Sie, um die Gemeinheit vollkommen zu machen, haben diese Lümmel die Angewohnheit, sich zu je zweien kreuzweise übereinander zu legen. Sie saugen sich fest aneinander, bis sie zusammengewachsen sind, und dann saugen sie mich beide mit vereinten Kräften aus.«

»So etwas ist mir noch nicht vorgekommen!« versicherte der Rohrsänger kopfschüttelnd.

»Bei mir kommt die Sache auf der andern Seite des Kopfes zum zweitenmal vor,« sagte der Karpfen. »Darüber können wir später reden. Nun möchte ich Sie gerne bitten, doch zu versuchen, ob Sie die Bestie nicht mit Ihrem Schnabel packen können. Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar. Denn ich habe so viel auszustehen, daß ich lieber sterben als so weiterleben möchte ...«

In diesem Augenblick schien der Weltuntergang gekommen zu sein.

Der Röhrichtwald wogte, die Binsen zerbrachen, alle sieben Rohrsänger kreischten auf, das Wasser spritzte empor, die Muschel fiel um, und die Kammer der Spinne wurde zerschmettert.

»Hab ich dich endlich!« ertönte die Stimme des Hechtes.

»Verschone mein Leben! Gnade!« schrie der Karpfen.

Was nun geschah, vermag niemand jemals richtig zu erzählen.

Der Karpfen krachte und knackte zwischen den Zähnen des Hechtes, und alle, die in der Nähe waren, glaubten, ihr Ende sei gekommen. Aber bald darauf wurde es wieder still, und als die Rohrsängerfamilie ihre Fassung wiedergewann, war der Hecht verschwunden, und die Schwanzflosse des Karpfens schwamm an der Oberfläche des Wassers.

Das Nest der Rohrsänger war auf der einen Seite heruntergefallen; und sie mußten eine ganze Weile arbeiten, um es wieder instand zu setzen. Aber im übrigen waren alle Kinder wohlbehalten, und allmählich erholten sie sich ja von ihrem Schrecken. Das Wasser wurde wieder klarer, und da unten sah man die Muschel sitzen und gähnen.

»Ihr dahingeschiedener Freund war eine edle Seele,« sagte der Rohrsänger salbungsvoll.

»Ja,« antwortete die Muschel. »Aber ich habe auch etwas erlebt ...«

»Es wird uns freuen, morgen Ihre Geschichte zu hören,« wehrte der Rohrsänger ab. »Heute sind wir zu erschüttert und können nicht noch mehr ertragen.«

In demselben Augenblick verschwand der Karpfenschwanz in der Tiefe.

Madam Krebs hatte ihn erwischt und schleppte ihn in ihr Loch.

»Arme Leute müssen froh sein über die Brosamen, die von des Reichen Tische fallen,« sagte sie.

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