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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Sechstes Kapitel: Sommer

Der ganze See war lebendig.

Da waren nicht bloß große, greuliche Hechte und große, biedere Karpfen, Weißfische, Barsche, Stichlinge und Aale. Da gab es auch Krebse, Frösche und Salamander, Moorschnecken und Teichmuscheln, Wasserkäfer und Schnaken, Taumelkäfer und viele, viele andre Tiere.

Da war auch die Ente, die ihre Küchlein herbeirief, und der Schwan, der mit gebognem Halse und rauschenden Flügeln, vornehm und schön, über das Wasser dahinglitt. Da war die Wasserjungfer, die durch die Luft schwirrte, mit ihren Larven, die im Wasser lebten und fraßen, bis sie platzten. Aber das machte nichts – sie mußten platzen, um etwas zu werden.

Da war der Wasserschlauch mit seiner unschuldigen gelben Blüte über dem Wasser und seiner Mördergrube unten am Boden. Die Wasserspinne war immer noch sein Logiergast und hatte jetzt den ganzen Speicher voller Eier. Hunderttausend Mückenlarven schwammen an der Oberfläche des Wassers und streckten ihre Luftgefäße empor; sobald nur ein Schatten über das Wasser fiel, liefen sie auf den Grund. Und in der Luft tanzten hunderttausend Mücken. Auch die Seerose fehlte nicht, die recht gut wußte, wie schön sie war, und die sich deshalb vor Stolz nicht zu lassen wußte.

Dann waren da die lustigen Kaulquappen. Und wenn man bloß einen Wassertropfen nahm und ihn durch ein Vergrößerungsglas betrachtete, so sah man, daß er über und über angefüllt war mit winzigen Tierchen, die darin herumzappelten und einander auffraßen, ohne sich das geringste dabei zu denken.

Aber unmittelbar unter dem Nest des Rohrsängerpärchens hielt sich eine kleine Eintagsfliegenlarve auf, die in ewiger Angst lebte.

Eines Tages war sie mit dem Rohrsängerweibchen ins Gespräch gekommen, als dieses sich ins Röhricht hinabbegeben hatte, um mehr Futter für ihre fünf Jungen zu finden, die gar nicht satt werden konnten und stets mehr verlangten. Die Eintagsfliegenlarve war gerade an die Oberfläche gestiegen und hatte jetzt den Schnabel des Vogels dicht über sich.

»Lassen Sie mich leben!« bat sie.

»Das sagen sie alle,« entgegnete die Rohrsängerfrau. »Meine Kinder wollen auch leben!«

Damit schnappte sie nach der Larve. Die aber wand sich so fürchterlich und sah so sonderbar aus, daß das Rohrsängerweibchen es nicht übers Herz brachte, sie zu packen.

»Hören Sie mich bloß einen Augenblick an!« flehte die Larve. »Dann tun Sie mir sicherlich nichts zuleide. Ich bin so klein und so dünn und nehme in Ihrem Magen fast gar keinen Raum ein.«

»Was wollen Sie denn sagen?« fragte Frau Rohrsänger.

»Ich wohne schon lange hier,« erwiderte die Larve. »Und ich habe gehört, wie Sie mit Ihrem Manne und mit dem Krebs und dem Aal und der Spinne gesprochen haben. Was Sie sagten, das war so hübsch. Ich bin überzeugt, Sie haben ein gutes Herz.«

»Ich weiß nicht, wie das mit dem Herzen ist. Aber ich habe fünf hungrige Kinder.«

»Ich bin selber ein Kind. Und ich möchte so gerne am Leben bleiben, bis ich erwachsen bin.«

»Findest Du das Leben denn so schön?«

»Das weiß ich nicht. Ich bin ja nur ein Kind. Ich krieche hier unten umher und warte. Wenn ich erwachsen bin, bekomme ich Flügel und kann fliegen, wie Sie.«

»Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß Du ein Vogel bist?«

»Ach nein, so hoch will ich nicht hinaus. Ich bin und bleibe eine Eintagsfliege.«

»Die kenne ich. Ich hab schon viele von der Art verspeist, sie schmecken gut.«

»Oh ja – aber warten Sie dann doch lieber damit, mich zu fressen, bis ich erwachsen bin. Sie müssen wissen, ich habe nur wenige Stunden zu leben, wenn ich Flügel bekomme. Ich habe gerade Zeit genug, einmal um den See herumzufliegen und meine Eier ins Wasser zu legen. Dann muß ich sterben. Und darum können Sie mich dann ebensogut verspeisen. Aber jetzt lassen Sie mich entwischen! Und sagen Sie's auch Ihrem Mann. Er ist zweimal hinter mir her gewesen.«

»Meinetwegen! Obwohl es dumm von mir ist! Du führst mich wahrscheinlich hinters Licht und lässest dich vorher von einem andern fressen.«

»Ich will mein Bestes tun, um den andern zu entgehn. Und ich danke Ihnen vielmals.«

Das Rohrsängerweibchen war schon wieder oben im Nest, mit sechs Mückenlarven, die sie auf einmal erhascht hatte. Auch ihr Mann war zur Stelle mit einer Wasserjungfer, die von den Kindern in Stücke gerissen und mit frohem Geschrei verspeist wurde.

»Über den Appetit kann man nicht klagen, und über die Stimmen auch nicht,« sagte er. »Wenn sie sich nur bald selber helfen könnten! Ich bin mager wie ein Gerippe.«

»Und ich erst!« rief seine Frau. »Aber die Kinder gedeihen, und das ist die Hauptsache.«

Er seufzte, flog aus und kam nach Hause und flog wieder aus, und so ging es weiter bis zum Abend. Dann saß das Ehepaar müde am Rande des Nestes und schaute über den blanken See hin.

»Es ist sonderbar, wie einen das Leben angreift,« begann die Frau die Unterhaltung. »Manchmal, wenn ich so recht müde bin, kann ich beinah diejenigen Tiere verstehen, die ihre Kinder für sich selber sorgen lassen. Hast du dir den Aal angesehn? Wie fett und vergnügt der ist?«

»Ew. Gnaden sprechen von mir?« schrie der Aal und streckte seinen Kopf aus dem Schlamm hervor.

»Sie sind doch auch überall!« meinte das Rohrsängerweibchen.

»So ungefähr, ja! Man muß sich winden!«

»Haben Sie etwas von Ihren Kindern gehört?«

»Gott sei Dank, nein! Die Zwirnsfäden tummeln sich im salzigen Wasser herum, und es geht ihnen sicherlich ausgezeichnet, soweit sie nicht aufgefressen worden sind. Aber ein Teil ist ja zweifellos noch am Leben. Eines Tages werden Sie's erleben, daß die jungen Herrschaften hier heraufgewandert kommen. Sie wittern, daß es hier was zu verdienen gibt, und sie machen sich nichts daraus, zwei oder drei Meilen weit zu wandern.«

»Ach ja!« seufzte das Rohrsängerweibchen.

»Ew. Gnaden seufzen unter der Arbeit, die die Kinderchen Ihnen machen? Ja, sagte ich's Ihnen nicht?«

»Ganz und gar nicht,« versetzte jene. »Nie könnte ich mich aufführen wie Sie!«

»Man hat doch Pflichten!« sagte der Rohrsänger. »Und einen je höheren Rang man bekleidet, desto größer sind die Pflichten.«

»Dann danke ich Gott, daß ich nur niedrig im Range stehe,« erwiderte der Aal. »Ich fühle mich im Moraste ungeheuer wohl.«

»Und dann hat man doch auch ein Interesse daran, daß die Poesie nicht ganz aus der Welt verschwindet. Es gibt viel Gesindel und so viel Garstiges, das gebe ich zu. Um so wichtiger ist es, daß wir höheren Tiere etwas für das Ideale tun. Und man kann sich nichts Idealeres denken als die Arbeit eines Familienvaters für die Seinen, so anstrengend sie auch zuweilen sein mag.«

»Sie sind heute ja gehörig in Stimmung, Herr Rohrsänger,« sagte der Aal. »Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Aber was die Poesie betrifft, so muß ich gestehen, daß ich in meinem Leben nicht viel davon zu sehen bekommen habe. Und ich habe mich doch genug in der Welt herumgewunden. Überall kommt es darauf an, zu fressen und zu fressen und zu fressen. Und diejenigen, die Kinder zu versorgen haben, sind die schlimmsten Räuber von allen. Ich empfehle mich Ihnen.«

»Ein widerwärtiger Patron!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Das war lieb von Dir, daß Du ihm mal ordentlich Bescheid gesagt hast. Ich bin ganz Deiner Meinung. Übrigens habe ich heute ein gutes Werk verrichtet.«

Damit lief sie ins Röhricht hinunter und guckte ins Wasser.

»Bist Du da, mein liebes Lärvchen?« fragte sie.

»Danke für die Nachfrage!« erwiderte die Eintagsfliegenlarve.

»Und es geht Dir gut?«

»O ja. Der Aal hätte mich beinah gesehn; ich war nahe daran, vom Wasserschlauch eingefangen zu werden, und vorhin hat mir die Wasserspinne nachgestellt. Sonst geht es mir aber ganz gut.«

»Wer ist denn das nun wieder?« fragte der Rohrsänger.

»Ach, das ist ein Schützling von mir,« erwiderte seine Frau. »Eine kleine Eintagsfliegenlarve. Ich hab ihr versprochen, sie nicht zu fressen. Sie freut sich so darauf, daß sie erwachsen sein wird, und ist es nur ein paar Stunden lang, das arme Geschöpf!«

Davon, daß sie die Larve fressen wolle, wenn sie erwachsen sei, sagte sie nichts, und der Rohrsänger wurde ernstlich böse.

»Was ist das für sentimentales Gewäsch!« schalt er. »Schickt es sich für eine Frau mit fünf Kindern, solche Dummheiten zu begehen?«

»Ich fand es so poetisch, sie am Leben zu lassen.«

»Dummes Zeug! Poesie und Futterfragen sind zweierlei Dinge. Wenn wir so poetisch sein wollten, würden wir samt und sonders verhungern. Ein so jämmerliches Geschöpf kann auch gar nicht in Betracht kommen.«

Mit diesen Worten lief er hinab und spähte eifrig nach der Larve aus, um sie zu fressen.

Doch die hatte gehört, was er sagte, und war in größter Herzensangst untergetaucht.

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