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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Fünftes Kapitel: Der Wasserschlauch

Jetzt konnten die Jungen des Rohrsängerpärchens mit jedem Tag erwartet werden.

Das Weibchen war außerordentlich nervös und verdrießlich. Ihr Mann konnte ihr beim besten Willen nichts recht machen. Brachte er ihr eine Fliege, so schüttelte sie den Kopf und sagte, wie er glauben könne, daß sie unmittelbar vor dem wichtigsten Ereignis ihres Lebens zu essen vermöge. Brachte er ihr keine Fliegen, so erklärte sie, es sei offenbar seine Absicht, sie dem Hungertode zu überliefern. Sang er ihr etwas vor, so rief sie, sie könne das nicht anhören. Schwieg er, so meinte sie, es sei deutlich zu merken, daß er sich nichts mehr aus ihr mache.

»Du weißt gar nicht, wie gut du's bei mir hast,« sagte er. »Du solltest mal eine kleine Weile mit dem Aal oder mit dem Krebsmann verheiratet sein, dann würdest du was erleben!«

»Und du hättest lieber die Frau Spinne heiraten sollen! Dann wärst du jetzt aufgefressen!« war die Antwort des Rohrsängerweibchens.

»Liebe Frau! Liebe Frau!« rief Madam Krebs aus dem Schlamm herauf.

»Nun?« fragte der Rohrsänger.

»Ich halt es nicht aus!« seufzte seine Frau.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, liebe Frau,« rief die Krebsmadam, »Sie möchten die Schalen für mich nicht vergessen.«

»Ich will nichts mit so einer herzlosen Person zu tun haben, die ihre eignen Kinder auffrißt!« erwiderte das Rohrsängerweibchen.

»Jesses, Sie glauben doch wohl nicht, was der gemeine Karpfen, der vorhin hier war, erzählt hat? So ein widerwärtiger, boshafter Bursche! Er gehört eigentlich nicht mal hier zum See, müssen Sie wissen. Ein richtiges Menschentier ist er. Man hat ihn hier ausgesetzt, bloß um ihn fett zu machen und später zu essen ... ich hab es im vorigen Jahr selber gesehn ... damals war er erst ein ganz junges Bürschchen, jetzt ist er groß und dick geworden von dem Menschenfutter, und Zeit hat er ja genug, weil er nicht zu arbeiten braucht wie unsereiner. Der rennt bloß herum und verleumdet die armen Leute und nimmt uns unsern guten Ruf und die Teilnahme der Herrschaften.«

»Halten Sie den Mund, Madam Krebs,« sagte der Rohrsänger. »Sie machen meine Frau noch ganz verrückt mit Ihrem Gewäsch!«

»Jesses, ja, ich bitt auch vielmals um Verzeihung,« sagte Frau Krebs, »ich wollte die gnädige Frau bloß an die Schalen erinnern.«

Damit begab sie sich rücklings in ihr Loch zurück.

»Warum willst du immer an diese Bande denken!« sagte der Rohrsänger zu seiner Frau. »Es gibt doch noch was andres in der Welt außer Krebsen, Aalen und Spinnen, sieh dir jetzt lieber etwas Schönes an, das ist augenblicklich besser für dich.«

»Zeig mir etwas!« flüsterte sie matt.

»Sieh dir die schöne gelbe Blume dort unten an!« schlug er vor. »Schau, wie allerliebst sie sich überm Wasser erhebt! Die kann doch unmöglich ein Räuber oder Bandit sein!«

Wirklich wuchs da eine schöne gelbe Blume, die auf langem, dünnem Stengel vom Boden heraufstrebte und ungeheuer lieb und unschuldig aussah. Das Rohrsängerweibchen betrachtete sie zärtlich und fragte:

»Wie heißest du, liebe Blume? Darf ich dich ein wenig ansehn?«

»Bitte schön, ich habe nichts dagegen!« erwiderte die Blume. »Ich heiße Wasserschlauch und habe gar keine Zeit dazu, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich habe meine Arbeit, will ich Ihnen sagen, und muß gut aufpassen.«

Das Rohrsängerweibchen streckte den Hals vor und schaute ins Wasser hinab.

»Die garstige Spinne hat ihr Netz zwischen den Blättern der Blume,« sagte sie.

»Ja, was kann der Wasserschlauch dafür?« erwiderte ihr Mann. »So ist es nun mal mit den Blumen: sie stehn, wo sie stehn, und nehmen die Dinge, wie sie sind. Ruhig saugt die Blume ihre Nahrung aus der Erde, und auf ihren Blüten ist kein Flecken, auf ihren Blättern kein Blut. Gerade das macht die Blumen so poetisch und vornehm!«

»Schweig still!« rief die Frau Rohrsänger. »Sie sprechen zusammen.«

Und so war es.

»Hast du etwas gefangen?« fragte der Wasserschlauch.

»O gewiß,« erwiderte die Wasserspinne. »Ich geh nicht nüchtern zu Bett. Um diese Jahreszeit sind reichlich Wassermilben vorhanden, da kann ich nicht klagen. – Wie ist's dir ergangen?«

»Danke, gut!« war die Antwort des Wasserschlauchs. »150 Mückenlarven und 40 Karpfenkinder hab ich heut nachmittag verspeist. Aber satt bin ich nicht. Ich glaube, ich kann überhaupt nicht satt werden.«

»Was sagt er?« flüsterte das Rohrsängerweibchen und sah ihren Mann erschrocken an.

»Still!« sagte dieser. »Laß uns weiter zuhören!«

Die Spinne ging in ihre Kammer, hängte sieben Eier unter der Decke auf, nahm einen Mund voll Luft zu sich und kam wieder heraus.

»Du bist eigentlich ein entsetzlicher Räuber,« sagte sie. »Wohnte ich nicht zur Miete bei dir, so könnte ich wütend auf dich werden. Du nimmst mir ja das Brot vom Munde fort!«

»Red doch nicht so dummes Zeug!« beruhigte sie der Wasserschlauch. »Es ist wahrhaftig genug für uns beide da. Ich freue mich gerade darüber, daß ich einen Logiergast habe, der dasselbe Geschäft betreibt wie ich. Dann hat man wenigstens Stoff zur Unterhaltung.«

»Wie sonderbar ist es im Grunde, daß eine Blume wie du ein Räuber geworden ist!« sagte die Wasserspinne. »Sonst liegt euch das doch gar nicht.«

»Was soll man dazu sagen?« erwiderte der Wasserschlauch. »Die Zeiten sind hart, unser sind viele, und die Erde ist ganz ausgeplündert. Da bin ich auf diese Tätigkeit verfallen, und das Geschäft geht glänzend. Aber meine Apparate sind auch in schönster Ordnung. – Willst du sie mal sehen?«

»Gern!« erwiderte die Spinne. »Aber du tust mir doch wohl nichts zuleide?«

»Sei unbesorgt,« sagte der Wasserschlauch lachend. »Du bist mir zu groß. Lauf an einem meiner Stengel entlang, dann will ich dir das Ganze erklären.«

Die Spinne stieg vorsichtig ein Ende auf dem Zweige hinab, blieb stehen und betrachtete die kleine Blase, die dort zu sehen war.

»Ja, das ist eine meiner Fallen,« begann nun der Wasserschlauch. »Darin fange ich meine Beute ein. Ich habe zweihundert Stück von der Sorte.«

»Dann kannst du also zweihundert Wassermilben auf einmal fressen?« fragte die Spinne voller Neid.

»Allerdings, wenn so viele kommen. Aber so viel Glück hab ich nie. – – Sieh einmal! Neben der Blase ist eine kleine Klappe angebracht, die ganz lose ist. Wenn irgendein Dummkopf gegen sie stößt, geht sie nach innen auf, und wuppdich! plumpst der Tropf in die Blase hinein. Er kann nicht wieder entschlüpfen, und so fresse ich ihn in aller Ruhe.«

»Hörst du's?« flüsterte das Rohrsängerweibchen.

Der Rohrsänger bejahte mit traurigem Gesicht. Die Spinne konnte es nicht unterlassen, mit einem ihrer Beine an der Klappe zu zupfen.

»Au!« schrie sie plötzlich. Mit einem Ruck fuhr sie zurück, und das Bein blieb in der Blase sitzen. In aller Geschwindigkeit wurde es ganz hineingezogen, die Klappe schloß sich, und weg war das Bein.

»Ich möchte um mein Bein bitten!« rief die Spinne zornig.

»Habe ich dein Bein?« fragte der Wasserschlauch. »Soso! Du bist an der Klappe gewesen? Ja, wozu tust du das auch, liebes Kind? Ich habe dich ja gewarnt.«

»Du sagtest doch, ich wäre zu groß.«

»Das bist du auch – leider. Aber in Portionen kann ich dich natürlich recht gut fressen.«

»Das ist nicht hübsch von dir als Wirt!« versicherte die Spinne. »Aber da ich noch sieben andre Beine habe, muß ich dir wohl verzeihen.«

»Tu das, meine Liebe!« sagte der Wasserschlauch, »weißt du, ich bin nicht recht Herr über mich, wenn jemand an eine meiner Klappen rührt. Dann muß ich fressen, was darin ist. Nimm dich daher ein andermal in acht!«

»Du kannst ganz ruhig sein,« erwiderte die Spinne. »Mit einem Burschen, wie du es bist, muß man vorsichtig umgehen. – Wäre es indiskret, zu fragen, wie mein Bein dir mundet?«

»Na ja, viel ist nicht dran. Ich bin übrigens jetzt fertig – bitte schön: wenn du die Überreste sehen willst!«

Die Klappe wurde geöffnet und ein winziges hartes Stümpfchen ins Wasser geworfen.

»Ist das mein Bein?« fragte, die Spinne.

»Erkennst du es nicht wieder?«

Der Wasserschlauch lachte vergnügt, während die Spinne sich das Stümpfchen näher besah.

»Gut Nacht!« sagte sie dann und humpelte betrübt in ihr Kämmerlein.

»Gut Nacht!« dankte der Wasserschlauch freundlich. »Und für morgen wünsch ich gute Jagd!«

»Gott steh mir bei!« rief das Rohrsängerweibchen. »Das überlebe ich nicht.«

Aber in diesem Augenblick spürte sie etwas Lebendiges unter sich.

»Die Kinder!« schrie sie.

Im Nu war sie auf dem Rande des Nestes. Auf der andern Seite saß ihr Mann und guckte ebenso eifrig.

Das eine Ei war ganz entzwei, und eins von den andern war geplatzt. Ein winziges, blindes und nacktes junges Vögelchen lag im Nest, und aus dem andern Ei schaute ein allerliebstes Kinderbeinchen hervor.

»Hast du je so etwas gesehen?« schrie sie. »Ist das nicht reizend?«

»Entzückend!« krähte er.

Und dann fingen sie an, vorsichtig die Eier aufzupicken. Von innen her pickten die Jungen mit ihren kleinen Schnäbeln, und im Laufe von wenigen Minuten waren alle fünf Vögelchen ausgekrochen.

»Hilf mir reinmachen!« sagte die glückliche Mutter.

Nach allen Seiten flogen nun die Schalen ins Wasser hinunter.

»Gott segne das gnädige Frauchen!« rief die Krebsmadam von unten her. Sie war soeben im Begriff, einen kleinen Abendspaziergang anzutreten.

Aber niemand hörte sie. Die Rohrsänger waren ganz aus dem Häuschen über ihre Kinder und dachten an nichts andres in der Welt.

»Bist du denn von Sinnen?« schalt der Mann. »Sie erfrieren ja. Leg dich schnell auf sie!«

Und die junge Mutter legte sich wieder hin, deckte die Kinderchen zu und guckte jeden Augenblick zu ihnen hinab.

Der Vater aber saß die halbe Nacht auf dem Rohrwipfel und sang.

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