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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Viertes Kapitel: Die Wasserspinne

Dem Rohrsängerweibchen ging es nicht gut.

Sie war nervös und war es müde auf den Eiern zu liegen – sie hatte geradezu Fieber. In der Nacht konnte sie nicht schlafen, oder sie träumte von dem Krebs, dem Karpfen und dem Aal und schrie dann auf, so daß ihr Mann vor Schreck beinah in den See gefallen wäre.

»Ich wünschte, wir hätten uns anderswo angesiedelt,« sagte sie. »Hier in diesem See gibt es wohl nur ganz einfache Leute. Und wenn man denkt, wie mich die Krebsmadam zu Tränen gerührt hat. Glaubst du wirklich, daß sie ihre Kinder auffrißt?«

Bevor ihr Mann antworten konnte, streckte der Aal den Kopf aus dem Schlamm herauf und machte seine Reverenz.

»Unbedingt, Ew. Gnaden,« sagte er. »Unbedingt, wenn sie sie nämlich erwischen kann. Sobald sie dazu imstande sind, bringen sie sich in Sicherheit, denn sie wittern ja, was ihrer wartet. Kinder sind klüger, als man denkt.«

»Das ist ja grauenhaft!« sagte das Rohrsängerweibchen.

»Nun ja,« meinte der Aal. »Man verzehrt in Jahr und Tag allerdings so mancherlei. Ich verurteile die Frau deswegen nicht. Aber ich gebe zu, daß sich so etwas bei all der Zärtlichkeit nicht gerade gut ausnimmt. – – Hallo ... da ist der Hecht ... Entschuldigen Sie, daß ich mich zurückziehe und diese interessante Konversation abbreche.«

Und weg war er.

Zwischen den Binsen ließ sich der Hecht sehen, mit weitgeöffnetem Maul, tausend spitzen Zähnen und boshaften Augen.

»Uff!« rief das Rohrsängerweibchen.

»Komm herab, mein Täubchen, damit ich dich fresse!« sagte der Hecht einladend und grinste mit den Zähnen.

»Bleiben Sie, bitte, in Ihrem Element,« entgegnete das Rohrsängerweibchen gekränkt.

»Ich fresse alles,« erklärte der Hecht, »a–alles. Ich wittre den Aal, ich wittre den Krebs, ich wittre den Karpfen. Wo sind sie? Sagt es mir auf der Stelle, oder ich zerbreche euer elendes Rohr mit einem Schlage meines Schwanzes.«

Die Rohrsängerleutchen waren vor Angst mäuschenstill. Und der Hecht schlug mit dem Schwanz um sich und segelte davon. Der Schlag war so heftig, daß das Röhricht aufseufzte und schwankte und die Vögel mit bangem Geschrei emporflogen.

Aber die Halme hielten stand, und das Nest blieb hängen. Das Rohrsängerweibchen setzte sich von neuem zurecht, und ihr Mann sang aus Herzenslust, damit niemand merken sollte, wie sehr er sich gefürchtet hatte.

»Hier ist's wahrhaftig gemütlich,« zeterte sie dann.

»Du nimmst dir das alles viel zu sehr zu Herzen,« erwiderte er. »Das Leben ist überall gleich, und wenn man sich nur miteinander verträgt, muß man zufrieden sein. Ich habe nur große Angst, daß all diese Aufregung den Stimmen unsrer Kinder schadet, und daß wir beim Herbstkonzert keine Freude an ihnen erleben. Darum nimm dich zusammen, und beherrsche dich!«

»Du hast gut reden,« sagte sie. »Ich kenne das Leben. Mein unschuldiges Schwesterchen wurde von einer Kreuzotter gefressen, und meine Mutter wurde von einem Habicht ergriffen, als sie uns soeben fliegen gelehrt hatte. Ich selbst mußte im vorigen Herbst Hals über Kopf nach Italien reisen, um nicht zu verhungern. Dann kamst du, und ich habe schon erkannt, daß die Ehe nicht nur Wonne und Seligkeit ist. Aber man will doch gern Ruhe haben, während man die Eier ausbrütet. Und nun mache ich mir natürlich Gedanken darüber, wie es unsern Kindern in dieser Mördergrube gehen wird. Kinder nehmen so leicht an, was sie bei andern sehen. Und was für Beispiele haben sie hier vor Augen! Schließlich endet es noch damit, daß sie ihre eigenen Eltern auffressen.«

»Ja, warum auch nicht, wenn sie gut schmecken?« ließ ein feines Stimmchen unten an der Oberfläche des Wassers sich vernehmen.

Das Rohrsängerweibchen fuhr zusammen und wagte kaum hinabzusehen.

Auf einem Seerosenblatt saß eine kleine Wasserspinne und putzte ihren feinen Samtpelz.

»Sie sehen mich so scharf an, Herr Rohrsänger, aber Sie fressen mich ja doch nicht,« sagte sie. »Ich liege Ihnen zu schwer im Magen. Ich bin ein bißchen giftig ... nur für den Hausbedarf natürlich. Sonst bin ich die bravste Frau hier im Wasser.«

»Und Sie sagen, man solle seine Eltern fressen?« fragte das Rohrsängerweibchen.

»Mag sein, daß das zu starker Tabak für einen Vogel ist,« erwiderte die Spinne. »Eines schickt sich nicht für alle. Ich weiß nur so viel, daß ich im vorigen Jahr meine Mutter aufgefressen habe, und das war eine vornehme, appetitliche alte Dame.«

»Sing mir etwas vor, oder ich sterbe!« schrie das Rohrsängerweibchen.

Und ihr Mann sang ein Lied, während beide nach der Wasserspinne hinabspähten.

Die Spinne sprang kopfüber ins Wasser. Einen Augenblick ließ sie ihren Hinterleib über die Oberfläche hinausragen und sperrte die Spinnwarzen auf, bis sie mit Luft gefüllt waren. Und dann ließ sie sich sinken und glitt, glänzend wie Silber, zu Boden.

»Das sieht hübsch aus,« sagte der Rohrsänger.

»Schweig still,« herrschte seine Frau ihn an und reckte sich vor Eifer fast den Hals aus.

Tief unten in einem Busch hatte die Spinne eine Glocke gesponnen, die sie mit Luft füllte. Die Glocke war aus dem feinsten Gespinst und nach allen Seiten hin mit starken, feinen Fäden befestigt, so daß sie nicht fortgetrieben werden konnte. Und ringsherum war ein großes Fangnetz angebracht; es hing gerade eine Wassermilbe darin, und die Spinne zog sie dann in die Glocke hinein und sog sie aus.

»Höchst merkwürdig,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Sie hat ja ein Nest wie wir, das zwischen den Binsen aufgehängt ist. Gott weiß, ob sie auch auf Eiern liegt.«

»Frage sie doch,« riet ihr Mann.

»Erst will ich über die Sache mit ihrer Mutter Bescheid haben,« erwiderte sie streng.

Nach einer Weile tauchte die Spinne wieder auf, setzte sich auf das Seerosenblatt und putzte sich.

»Sie haben wohl zu mir herabgeschaut?« begann sie. »Nicht wahr, es ist ganz nett bei mir? Ein hübsches Stübchen! Ich bin ja nämlich eigentlich ein Lufttier, genau wie Sie, meine Herrschaften. Da ich aber mein Gewerbe im Wasser ausübe, ist es am einfachsten für mich, die Sache so einzurichten. Es ist wirklich gemütlich da unten, das können Sie mir glauben. Und im Winter verschließe ich meine Tür und schlafe wie ein Murmeltier.«

»Haben Sie Eier?« fragte das Rohrsängerweibchen.

»Aber gewiß,« war ihre Antwort. »Ich habe alles, was zu einem ordentlichen Haushalt gehört, sogar sehr viele Eier. Nach und nach lege ich sie und hänge sie in kleinen Bündeln an die Decke meiner Stube.«

»Brüten Sie sie denn nicht aus?«

»Nein, liebe Frau. Ein so warmes Herz habe ich nicht. Und das ist auch nicht notwendig. Die Kleinen schlüpfen von selber aus.«

»Hat Ihr Mann Ihnen geholfen, die Stube zu bauen?« fragte das Rohrsängerweibchen.

»Der arme Schlucker hat genug mit seinem eigenen Bau zu tun gehabt,« erwiderte die Wasserspinne, »Sie müssen auch nicht glauben, daß ich ihn in meiner Kammer haben möchte. Er hat sich eine kleine Stube nebenan gebaut, und zwischen uns befand sich ein Durchgang. Das war mehr als ausreichend.«

»War?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Jetzt nicht mehr? Ja ... Sie dürfen mir meine Frage nicht übelnehmen, falls sie Sie verletzen sollte ... Es wird mir'n bißchen schwer, mich in den ehelichen Verhältnissen der unteren Klassen zurechtzufinden ... Sie wissen vielleicht gar nicht, wo Ihr Mann ist?«

»Doch, das weiß ich. So ungefähr wenigstens. Ich hab ihn am letzten Mittwoch aufgefressen.«

»Du himmlischer Vater!«

»Er war mir im Wege!« fügte die Spinne hinzu. »Überall stolperte ich über ihn. Und was sollte ich mit ihm anfangen? Da hab ich ihn eben verspeist. Ein recht zäher Bursche war's.«

»Am Mittwoch hat sie ihren Mann gefressen und im vorigen Jahr ihre Mutter!« schrie das Rohrsängerweibchen entsetzt auf. »Sing mir etwas vor, Mann, sonst mordet das fürchterliche Frauenzimmer mich noch!«

Aber der Rohrsänger war selber so erschrocken, daß er keinen Ton hervorbringen konnte, während die Spinne ganz gleichgültig blieb.

»Ja,« sagte sie, »Mutter hab ich bloß aus Hunger gefressen. Ich bin auch leider nicht die einzige gewesen. Meine Geschwister haben sich an dem Schmause beteiligt, wir kamen um vor Hunger, und zu fressen gab's sonst nichts, denn es war im Herbst. Da kam uns Mutter wie gerufen.«

Mit diesen Worten hüpfte die Spinne wieder ins Wasser.

Aber in der folgenden Nacht tat das Rohrsängerweibchen kein Auge zu. Fortwährend flüsterte sie vor sich hin:

»Sie hat ihre Mutter aufgefressen ... und am Mittwoch ihren Mann!«

»Denk nicht mehr dran!« mahnte der Rohrsänger. »Deine Mutter ist dem Habicht zum Opfer gefallen. Und frissest du mich, so geschieht's aus Liebe.«

»Du solltest dich schämen, in den gegenwärtigen Zeiten zu scherzen,« sagte seine Frau.

»Ich meine, die Zeiten sind immer die gleichen,« erwiderte er. »Die Gegenwart ist immer am schlimmsten.«

Dann dämmerte der Morgen, die Sonne schien und der Rohrsänger sang seinem Weibchen ein Liedlein vor, bis sie wieder vergnügt war.

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