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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Drittes Kapitel: Eine Mutter

Die Zeit verstrich, und alle ehrbaren Vogelweibchen saßen auf den Eiern und schauten gar ernst aus den Augen, während ihre Ehemänner ausflogen, um Fliegen für sie zu fangen, oder ihnen etwas vorzuzwitschern.

Auch bei dem Rohrsängerpärchen war es nicht anders. Aber es ließ sich nicht leugnen, daß der Rohrsänger manchmal etwas müde und verdrießlich war. Dann dachte er daran, wie gut der Aal und der Frosch und der Barsch und alle die andern Ehemänner es doch hätten.

Eines Abends saß er beim Neste und sang:

»Nun ist es Frühling – Gott sei Dank,
Wenn's auch recht hart ist für einen Sänger.
Flüchtig nur liebt' ich frei und frank,
Renne umher jetzt als Fliegenfänger.
Schlüpfen die Kleinen erst aus dem Ei,
Wird noch ärger die Schererei!«

»Wenn du's schon müde bist, hättest du die Finger davon lassen sollen,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Anfangs hast du dich gehörig für mich herausgeputzt. Wie hübsch du warst! – – – Ich finde, du fängst schon an, die Farben zu verlieren.«

»Das Leben nimmt einen mit,« erwiderte er. »Wenn man so bei jedem Wetter auf die Fliegenjagd hinaus muß, geht der Hochzeitsstaat schnell genug flöten.«

»Ich finde auch, du singst nicht mehr so schön wie früher.«

»Nicht? Dann kann ich auch schweigen. Ich zwitschere ja nur deinetwegen. – Übrigens, verstehst du wohl, daß ich nur Spaß mache. Ich freue mich fürchterlich auf die Kinder. Es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein, sie vollzustopfen, bis sie platzen. Vielleicht hätten allerdings drei genügt ...«

»Du solltest dich schämen.«

»Das tu ich auch, meine Liebe. Den zweien gegenüber. Aber da ich nicht weiß, welche beiden es sind, macht es nichts.«

Das Weibchen setzte ein sehr ernstes Gesicht auf. Aber er fing schnell eine fette Fliege, steckte sie ihr in den Mund und trillerte so herrlich, daß sie wieder ganz verliebt in ihn war.

Da ertönte unten vom Wasser unter dem Uferabhang her ein tiefer Seufzer.

»Der kam von einer Mutter,« rief das Rohrsängerweibchen. »Das konnte ich deutlich hören.«

»Stimmt!« sagte eine grobe Stimme.

Die Rohrsänger guckten hinab und erblickten einen Krebs, der im Schlamme saß und mit seinen Stielaugen heraufstarrte.

»Herr Gott, sind Sie's, Madam Krebs!« rief das Rohrsängerweibchen.

»Allerdings, liebe Frau,« erwiderte der Krebs. »Ich selbst und niemand anders, hier saß ich im Dreck und hörte der Unterhaltung der Herrschaften zu. Jesses, wie gut und reichlich so eine vornehme Dame es doch hat im Vergleich mit unsereinem!«

»Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Sie können mir glauben: schön ist es wahrhaftig nicht, hier zu liegen im Schweiße seines Angesichts!«

Der Krebs verdrehte die Augen und faltete die Fühlhörner.

»Ja, ja, Sie können gerade mitreden! wie lange dauert's denn bei Ihnen? Sagen wir: vier bis fünf Wochen, während ich mit meinen Eiern sechs Monate herumlaufe.«

»Du meine Güte! Aber Sie können sich doch wenigstens dabei bewegen!«

»Ach! Mit der Bewegung ist's nicht weit her bei einem Krebs! Und die gnädige Frau hat nur fünf Eier, aber ich habe zweihundert.«

»Gott behüte!« rief da der Rohrsänger. »Ihr armer Mann muß sich dann aber ordentlich abrackern, um Nahrung für eine so große Familie herbeizuschaffen.«

»Der? Das Ungetüm!« war die Antwort des Krebses. »Der hütet sich wohl. Ich hab seit der Hochzeit nichts von ihm gesehn.«

»Sie müssen doch ein riesiges Nest für alle die Eier brauchen,« bemerkte das Rohrsängerweibchen.

»Man merkt's, daß Sie nicht mit den Verhältnissen kleiner Leute Bescheid wissen, liebe Frau,« sagte der Krebs. »Unsereins kann sich kein Nest leisten. Nein, ich muß brav die Eier mit mir herumschleppen.«

»Wo haben Sie sie denn, Madam Krebs?«

»Ich trage sie an den Hinterbeinen, gnädige Frau, sehen Sie, ich habe zehn kleine Hinterbeine, außer den acht richtigen Beinen und den Scheren natürlich, die man bitter nötig hat in dieser bösen Welt, um damit um sich zu beißen. Und an jedem der Hinterbeine sitzt ein Klumpen von zwanzig Eiern. Das macht im ganzen zweihundert. Sie können sich selbst davon überzeugen. Die Eier sind des Ansehns wert.«

Damit legte Frau Krebs sich auf den Rücken und streckte den Schwanz aus, so gut sie konnte. Und richtig, da saßen die Eier an zehn schwarzen Beinchen.

»Das kommt davon, wenn man zu viele Hinterbeine hat,« sagte der Rohrsänger.

»Pfui, schäm dich, dich über die arme Frau noch lustig zu machen!« rief seine Ehehälfte.

Aber Madam Krebs drehte sich wieder langsam um und sagte ruhig:

»Die Herren sind immer so witzig, wir Frauenzimmer verstehen einander besser. Aber das mit den Eiern mag noch hingehn. Wenn bloß das nicht wäre, daß man sein Kleid nicht wechseln kann!«

»Wechseln?« fragte das Rohrsängerweibchen.

»Ja ... Sie wechseln doch auch zuweilen Ihr Kleid, gnädige Frau, wie ich weiß. Ich habe mit diesen meinen ehrlichen Augen gesehn, wie die Federn auf dem Wasser herumschwammen. Und wie leicht und nett geht das! Eine Feder wird hier erneuert und eine Feder da, und dann ist die Sache in Ordnung. Aber wir armen Geschöpfe, die wir einen steifen Panzer tragen, müssen ihn auf einmal ganz ablegen. Und das kann ich ja nicht, solange ich die Eier mit mir herumschleppe, sehen Sie! Seitdem ich verheiratet bin, kann ich nur einmal im Jahr mein Kleid wechseln. Man nimmt ja nun immer etwas an Umfang zu, wenn man auch nur eine einfache Frau ist, darum drückt einen der alte Panzer manchmal gar sehr, Sie können's mir glauben!«

Das Rohrsängerweibchen war tief erschüttert, und ihr Mann fing an zu singen, denn er hatte Angst, all dieser Kummer könne die Eier melancholisch machen und der Singstimme der Kinder schaden.

Aber auf einmal schrie Frau Krebs laut auf, schlug mit den Scheren um sich und benahm sich wie besessen.

»Sehen Sie, gnädige Frau ... nun können Sie sich eine Vorstellung machen ... da kommt das Ungeheuer!«

Das Rohrsängerweibchen lehnte sich so weit über den Rand des Nestes, daß sie in den See geplumpst wäre, wenn ihr Mann ihr nicht beizeiten einen ordentlichen Puff versetzt hätte; aber zum Schelten hatte er keine Zeit, denn er war selber neugierig. Beide starrten voller Erwartung ins Wasser hinab.

Und wirklich kam der Mann der Madam Krebs langsam rücklings auf seine Frau zu.

»Tag, Mutter!« sagte er. »Ich werde mein Kleid wechseln.«

»So, du frecher Bursche!« schrie sie. »Das sieht dir ähnlich. Du rennst herum und wechselst jeden Augenblick das Kleid, während deine unglückliche, rechtmäßige Ehefrau hübsch dieselbe Montur anbehalten muß. Du solltest lieber an mich und die Kinder denken.«

»Warum sollte ich das, Mutter?« erwiderte er ruhig. »Was kann das viele Denken nützen? Und wozu soll ich mich in Frauenarbeit mischen? Aber was getan werden muß, wird getan. Halt den Mund, während die Sache vor sich geht, denn das sind durchaus keine Narrenpossen!«

Nun sahen die Rohrsänger, wie der Krebsmann sich auf dem Schwanz in die Höhe richtete, und wie er quer über den Rücken hin aufbarst. Dann krümmte und wand er sich und streifte die Jacke über den Kopf ab.

»Das wäre erledigt,« sagte er und verschnaufte sich ein wenig. »Nun kommen die Hosen an die Reihe!«

Die Rohrsängerfrau zog den Kopf zurück, guckte aber dann doch wieder hinunter. Und der Krebs schüttelte und rüttelte sich, und – eins, zwei, drei! – lag auch die Schwanzschale da.

Jetzt war er ganz weich, war sonderbar anzusehen und sprach mit recht verzagter Stimme.

»Adieu, Mutter,« sagte er. »Grüß die Kinder, denn sie sind wahrscheinlich schon über alle Berge, wenn ich wiederkomme. Ich ziehe mich für etwa zehn Tage zurück und bin für niemand zu Hause.«

»Du roher Bursche, du Ungeheuer!« schrie die Madam. »Da sehen sie's ... nun kriecht er in sein Loch und faulenzt. In zehn Tagen kommt er im funkelnagelneuen Anzug wieder und spielt sich gewaltig auf. Dann geht er in die Kneipe und ißt und trinkt nach Noten.«

Sie rang ihre Scheren und wirtschaftete entsetzlich mit den Stielaugen.

»Ich hätte wahrhaftig Lust, ihm in das Loch nachzukriechen und ihn totzukneifen,« fügte sie hinzu. »In dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, ist sein Leben nämlich keinen Pfifferling wert. Aber man hat ihn ja doch mal geliebt. Und man ist ja nur ein törichtes Frauenzimmer.«

»Na ja, Madam Krebs, sie müssen doch auch an die Kinder denken!« sagte das Rohrsängerweibchen.

»Allerdings,« erwiderte sie, »und die sind mein einziger Trost. Die lieben Kleinen, ich könnte sie aufessen. Sie sollen bloß mal sehen, gnädige Frau, wie sie mir in der ersten Woche an den Röcken hängen, vor lauter Zärtlichkeit können sie sich gar nicht von mir trennen.«

»Wie reizend das ist!« meinte das Rohrsängerweibchen.

»Nicht wahr. Und später machen sie mir auch keine Mühe mehr. Sie können's mir glauben, liebe Frau, wenn sie erst eine Woche alt sind, dann gehen sie in die Welt hinaus und sorgen für sich selbst. Das liegt ihnen so im Blut. Noch nie hat man hier im See gehört, daß ein Krebs, der zwölf Tage alt ist, seiner Familie zur Last gefallen wäre. Dann ist man sie eben los. Das mag traurig sein, aber es ist natürlich eine große Erleichterung ... bedenken sie: Zweihundert Kinder sind für einen bescheidenen Haushalt keine Kleinigkeit. Aber Sie sollen sie sehen, liebe Frau, wenn sie kommen ... ich muß mich förmlich zusammennehmen, sie nicht aufzuessen. So allerliebst sind sie.«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Madam Krebs,« erklärte das Rohrsängerweibchen. »Wenn meine Jungen ausschlüpfen, so sollen Sie die Schalen bekommen!«

»Wie gut Sie sind! Sie könnten mir keine größere Freude machen. Denn ich will Ihnen gestehen ... ich fresse die Schalen. Ich fresse so viel Kalk, wie ich nur kriegen kann, wenn die Zeit kommt, wo ich mein Kleid zu wechseln habe, denn das neue wird steifer davon. Aber dann müssen Sie mir auch wirklich versprechen, gnädige Frau, sich meine Jungen richtig anzusehen. Sie sind so allerliebst, daß ich sie – weiß Gott! – aufessen könnte!«

In diesem Augenblick sah man im Wasser einen großen Karpfen mit müdem, traurigem Gesichte stehen.

»Du ißt sie ja auch wirklich auf, du abscheuliches altes Weib!« sagte er.

»I, Gott erbarme sich!« schrie da die Madam und begab sich schleunigst rücklings in ihr Loch und ließ sich nicht wieder sehen.

Aber das Rohrsängerweibchen auf seinen fünf Eiern wurde ohnmächtig, und der Karpfen schwamm mit seinem müden, betrübten Gesichtsausdruck weiter.

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