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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Zweites Kapitel: Ein Weltmann

Das Rohrsängerweibchen seufzte fünfmal tief auf, und bei jedem Seufzer legte sie ein Ei. Dann setzte sie sich selber auf die fünf Eier und seufzte abermals.

Und das Rohr schwankte in dem warmen Winde, und das Nest schwankte mit, und die Eier, die darin lagen, und das niedliche braune Weibchen, das auf den Eiern saß, schwankten auch. Und auch das Männchen schwankte. Denn wenn das eine Schilfrohr sich bewegt, bewegt sich auch das andre, und das Männchen saß just auf dem benachbarten Halm.

»Du hast es nicht schlimmer als die andern, mein Schatz,« sagte er. »Schau ins Wasser hinunter, so wirst du's schon sehen.«

»Ich kann nichts sehen und bekomme vier Wochen lang nichts zu sehen,« erwiderte sie ganz traurig.

»Larifari,« sagte der Rohrsänger, »Du kannst recht gut einmal ein bißchen hinuntergucken, wenn du dich dann sofort wieder hinlegst.«

Und so guckte sie denn hinab.

Da unten war allerdings viel Leben.

Dort schwamm die Schlammschnecke mit ihrem spitzen Schneckenhaus auf dem Rücken. Sie stand im Wasser geradezu auf dem Kopf und bildete mit ihrem breiten Fuß ein Boot, das auf der Wasseroberfläche lag und die ganze Geschichte trug. Dann streckte sie den Fuß, so daß das Boot verschwand, sank zu Boden und heftete dabei einen ganzen Haufen schleimiger Eier an einen Seerosenstengel.

Dort kam der Hecht und brachte ein Ei in einem Tausendblattstrauch an. Der Karpfen tat ein gleiches, und der Barsch hängte ein zierliches Eiernetz zwischen den Binsen auf, wo die Rohrsängerleutchen ihr Nest gebaut hatten. Der Frosch kam mit seinen Eiern, der Stichling hatte sein Nest beinahe fertig, und Hunderte von Tieren, die so klein waren, daß man sie kaum sehen konnte, liefen umher und rüsteten sich zum Eierlegen.

»Die armen Frauen!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Sie haben wirklich ein saures Dasein.«

In diesem Augenblick hob der Aal seinen Kopf aus dem Schlamm empor.

»Wenn Ew. Gnaden es mir gestatten wollen – denn ich habe mich gleichfalls in der Welt umgesehn – so möchte ich bemerken...«

Das Rohrsängerweibchen schrie leise auf.

»Ich kann diese Person nicht leiden,« sagte sie zu ihrem Mann. »Er gleicht der Kreuzotter, die im vorigen Jahr meine kleine Schwester gefressen hat, als sie fliegen lernen sollte und dabei auf die Erde fiel. Der Bursche hat dieselben garstigen Manieren und ist ebenso glatt.«

»O,« sagte der Aal, »ich bedauere außerordentlich, Ew. Gnaden Mißfallen zu erregen. Und ganz ungerechterweise. Ich bin nur ein Fisch und nicht im geringsten verwandt mit der Kreuzotter, die sich Ihrem Fräulein Schwester gegenüber die kleine Freiheit herausnahm. Bei oberflächlicher Betrachtung kann man vielleicht sagen, daß wir einander ähnlich sehen... in Figur und Bewegung... man muß sich eben winden, so gut man kann. Aber ich bin denn doch bedeutend glatter. Mein Name ist Aal. Zu dienen.«

»Meine Frau sitzt auf unsern Eiern,« sagte der Rohrsänger. »Sie kann nicht gut Gemütsbewegungen vertragen.«

»Natürlich, Herr Rohrsänger,« sagte der Aal. »Ich habe auch gar nicht die Absicht, irgendwie lästig zu fallen. Aber da ich ebenso wie die Herrschaften viel auf Reisen bin, dachte ich, ein Gespräch einleiten zu dürfen, in der Hoffnung, daß wir das gleiche unbefangene Urteil über die kleinen Verhältnisse hier im See haben.«

»Sie reisen viel? ... Können Sie denn fliegen?«

»Nicht so ganz. Fliegen kann ich eigentlich nicht. Aber ich kann mich winden. Ich kann ein gutes Stück weit auf dem festen Lande spazieren gehen, was mir nicht viele Fische nachmachen. Im feuchten Grase befinde ich mich äußerst wohl, und wenn Sie mir auch nur einen ganz erbärmlichen Graben zur Verfügung stellen, werd' ich mich nicht beklagen. Ich komme geradeswegs aus dem Meere, müssen Sie wissen. Und wenn ich mich hier fettgefressen habe, kehre ich wieder zum Meere zurück.«

»Das ist ja alles mögliche,« meinte der Rohrsänger.

»Ja,« sagte der Aal bescheiden. »Und gerade weil ich mich in der Welt umgesehen habe, kommt mir all dies Getue mit den Kindern hier im See ein bißchen lächerlich vor.«

»Sie reden recht leichtfertig, mein lieber Aal! Man merkt, daß Sie weder Frau noch Kinder haben.«

»O,« rief der Aal, indem er den Schwanz recht flott schwenkte, »wie man's nimmt! In diesem Jahr habe ich etwa eine Million Aale in die Welt gesetzt.«

»Du meine Güte!« schrie das Rohrsängerweibchen.

»Übertreiben Sie auch nicht?« fragte ihr Mann, auf den die Leistung des Aales gleichfalls großen Eindruck machte, der es sich aber nicht anmerken lassen wollte.

»Möglich,« entgegnete der Aal. »Mit den großen Zahlen ist es ja nicht so einfach. Und es spielt auch keine Rolle. Ziehen sie meinetwegen die Hälfte ab, wenn Ihr Gewissen dann beruhigt ist.«

»Und was sagt denn Ihr eignes Gewissen zu einer so ungeheuer großen Nachkommenschaft?«

»Ich habe es noch nicht befragt,« erwiderte der Aal.

»Wie bekommt Ihrer Frau denn die Geschichte?« fragte das Rohrsängerweibchen.

»Kann's nicht sagen, habe sie nie gesehn.«

»Sie haben Ihre Frau nie gesehn?«

»Nein, Ew. Gnaden. Auch meine Kinder nicht, wir Fische fassen diese Dinge überhaupt nicht so feierlich auf.«

»Da tun Sie Ihren Kameraden aber wirklich unrecht,« sagte der Rohrsänger. »Vor einem Augenblick habe ich mit meinen eignen Augen gesehn, wie der Stichling da unten ein Nest für seine Kinder baut.«

»Der Stichling!« höhnte der Aal. »Ich kann Stichlinge nicht leiden, sie bleiben einem so eklig im Halse stecken. Aber das ist eine Sache für sich. Was ist ein Stichling? frage ich Sie. Ich erinnere mich, daß ich einmal gefangen war und geschlachtet werden sollte. Ich war damals noch sehr klein, und die Köchin, die mich mit dem Messer totstechen sollte, sagte: So ein Stichling!«

»Waren Sie gefangen? Sollten Sie geschlachtet werden?« fragte der Rohrsänger eifrig. »Wie in aller Welt sind sie denn da entwischt?«

»Ich bin der Köchin aus der Hand geglitten. Dank meiner glatten Haut, die der gnädigen Frau so mißfallen hat. Dann glitt ich in den Spülstein... durch das Abflußrohr, in den Rinnstein, in den Graben usw. Man muß sich nur winden.«

»Das muß ich sagen!« rief der Rohrsänger.

»Man erlebt ja so mancherlei,« fuhr der Aal fort. »Aber um auf das zurückzukommen, wovon wir vorhin sprachen ... Wir Aale zum Beispiel, wir werfen unsere Jungen in das große Meer und überlassen es ihnen, wie sie fertig werden, wir sind Leute, die die Welt kennen und wissen, was zum Leben gehört, darum werfen wir sie en gros aus ... eine Million, wie ich vorhin sagte ... Verzeihung: eine halbe Million, um Ihre Wahrheitsliebe nicht zu kränken. Die Kinder lernen dann sofort auf eignen Füßen stehn. Ich bin selber so erzogen worden und habe mich winden gelernt.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte das Rohrsängerweibchen.

»Bedaure sehr,« erklärte der Aal. »Vielleicht ist meine Unterhaltung auch wirklich etwas zu stürmisch für eine Dame, die auf Eiern liegt!«

»Ich finde, Kinder gehören zum Holdesten, was es gibt. Man muß sie lieb haben, mögen es nun die eignen oder die andrer Leute sein.«

»Die Damen haben immer recht,« sagte der Aal, indem er zwei Frühlingsfliegenlarven und einen unkonfirmierten Regenwurm verzehrte. »Aber, Ew. Gnaden ... habe ich mich geirrt, oder sah ich Sie nicht vorhin eine Larve fressen, die Ihr Gemahl Ihnen brachte?«

»Eine Larve?«

»Ja ... das ist doch auch ein Kind?«

»Mir wird übel,« sagte das Rohrsängerweibchen.

»Man muß sich winden!« rief der Aal, und weg war er.

Der Rohrsänger rief seine Frau wieder ins Leben zurück durch drei fette Fliegen, sieben traute Lieder und einen gelinden Puff in den Nacken.

»Da siehst du, was du an mir hast!« sagte er, als sie es wieder vertragen konnte, daß er mit ihr sprach. »Wie ich dich füttre und dir Liedchen vorsinge! Bedenke, wie die andern Männer sind!«

»Ich bin ja auch zufrieden mit dir,« war ihre Antwort.

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