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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Der stille See

Erstes Kapitel: Der Anfang

Eines Tages im Vorfrühling saß ein junger Rohrsänger auf einem Strauch in Italien und ließ den Schnabel hängen.

Und doch hatte er eigentlich gar keinen Grund zur Klage. Die Sonne schien, Fliegen waren genug vorhanden, und niemand tat ihm etwas zuleide, vorhin hatte ein schönes Mädchen mit schwarzen Augen unter dem Strauch gesessen, hatte dem Gesange des Rohrsängers gelauscht und ihm Kußhändchen zugeworfen.

Und doch fehlte ihm etwas.

Der italienischen Fliegen war er herzlich überdrüssig. In den Flügeln hatte er ein Gefühl, als könnte er hundert Meilen weit fliegen, ohne müde zu werden. In seiner Kehle steckten Töne, die er nicht herausbringen konnte. Und sein kleines Herz war von einer Sehnsucht erfüllt, über die er sich nicht klar zu werden vermochte, und die sich gewiß in Tränen Luft gemacht hätte, wenn ein Rohrsänger weinen könnte. Aber er kann nur singen, und das tut die gleichen Dienste, mag er vergnügt oder traurig sein.

Also sang er. Und als er dann schwieg, hörte er eine Stimme aus einem Strauch ganz in der Nähe, die der seinen aufs Haar glich und bloß etwas schwächer war.

Auf flinken Flügeln eilte er hinüber und saß nun auf einem Zweige des andern Strauchs und starrte auf das niedlichste Rohrsängerfräulein, das man sich denken kann.

Es war niemand da, der die beiden einander hätte vorstellen können, drum taten sie das selber. Denn unter Vögeln geht es nicht so steif zu wie auf einem Hofball. Es geht auch alles viel schneller, und nachdem sie fünf Minuten zusammen geplaudert hatten, sagte der Rohrsänger:

»Seit ich dich gesehen habe, weiß ich, was mir fehlt. Ich sehne mich nach dem Lande, in dem ich geboren bin. Ich erinnere mich so deutlich an einen stillen See mit Rohr und Schilf und grünen Buchen.«

»Auch ich sehne mich dorthin,« sagte das Rohrsängerfräulein. »Ich habe ihn ebensowenig vergessen.«

»Dann ist es das beste, wir verloben uns,« sagte er. »Sobald wir an den See kommen, feiern wir Hochzeit und bauen ein Nest.«

»Willst du mich lieb behalten, bis ich sterbe?« fragte sie.

»Über diesen Sommer hinaus kann ich mich nicht binden,« erwiderte er. »Aber für die Zeit versprech ich's dir.«

Da gab sie ihm ihr Jawort. Keiner Menschenseele brauchten sie die Verlobung anzuzeigen, denn seit dem Herbst hatten sie beide nichts mehr von ihrer Familie gesehen. Darum veranstalteten sie ganz unter sich einen kleinen Festschmaus, bestehend aus ein paar feisten Mücken, die der Bräutigam herbeischaffte, sangen ein kleines Duett und begaben sich auf die Reise.

Viele Tage lang flogen und flogen sie dahin.

Zuweilen ruhten sie sich ein wenig aus, wenn sie gerade ein grünes Tal fanden, und Reisebekanntschaften machten sie auch. Denn viele Vögel legten denselben Weg zurück, und oft flogen sie in geselligem Schwarme. Aber das Rohrsängerpaar blieb immer dicht beisammen, wie es sich für gute Brautleute schickt. Und wenn sie müde waren, so ermunterten sie einander, indem sie allerhand von dem stillen See erzählten.

Endlich kamen sie am Ziele an.

Es war ein wunderschöner Tag Ende Mai. Die Sonne schien, und weiße Wolken schwebten langsam am Himmel dahin. Die Buchenknospen waren schon aufgesprungen, und die Eichenknospen waren im Begriff, ihrem Beispiel zu folgen. Schilf und Rohr waren grün, die kleinen Wellen hüpften munter im See umher, und alles strahlte so vergnügt.

»Ist es hier nicht herrlich?« fragte der Rohrsänger.

»Gewiß,« erwiderte das Weibchen, »hier wollen wir wohnen.«

Dicht am Ufer fanden sie eine Stelle, die ihnen gefiel. Sie banden drei Rohrhalme ein Meter überm Wasser mit feinen Fasern zusammen und flochten dann das niedlichste Körbchen von der Welt, das sie mit prächtigen Daunen auspolsterten, wenn das Rohr im Winde schwankte, schwankte auch das Nest, aber das machte nichts, denn es war festgebunden, und Rohrsänger wissen nichts von Seekrankheit.

Acht Tage dauerte der Nestbau, und während der ganzen Zeit waren sie ein Herz und eine Seele. Sie sangen, daß man es über den ganzen See hin hören konnte, und wenn sie des Abends müde waren, hüpften sie im Röhricht umher, schäkerten miteinander oder hielten Ausschau, was der liebe Nachbar treibe.

»Da kommt die Seerose durch das Wasser herauf,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Ich entsinne mich ihrer so gut. Sie ist vornehm und schön.«

»Dort sitzt der grüne Frosch am Ufer,« rief der Rohrsänger. »Er schnappt nach Fliegen und Larven wie ich, aber hier sind genug für uns beide, deswegen braucht keine Feindschaft zwischen uns zu sein.«

»Da unten krabbeln die Krebse!« rief das Weibchen. »Und da ist die Plötze ... und der Barsch ... Nein, sieh einmal ... da ist ein ganzer grüner Wald auf dem Grunde des Sees, und die Fische schwimmen zwischen den Zweigen umher, und dort schaukeln sich die Larven der Frühlingsfliege in ihren Köchern ...«

»Ja, hier ist es schön,« sagte er in einem Ton, als ob das alles ihm gehöre.

»Und wie nett sehen diese Wesen aus!« fuhr das Rohrsängerweibchen fort. »Und so glücklich! sicherlich sind es lauter Neuvermählte wie wir.«

»Natürlich. Im Frühling heiratet man eben, Aber so glücklich wie wir ist gewiß niemand in der ganzen Welt.«

Bei diesen Worten streckte der Rohrsänger den Hals vor und sang mit schallender Stimme:

»Nichts gleicht in der Welt der Liebsten mein.
Wie ist sie so schön, so gut und rein!
Wem könnt' ihr Gesang nicht gefallen!
Der andere schwärme, für wen er mag,
Ich sag' es von neuem mit jedem Tag:
Mein Liebchen die schönste von allen!«

»Du willst mich ja nur diesen Sommer lieb behalten?« scherzte sie.

»Im Liede sagt man so mancherlei!« war seine Antwort.

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