Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Ewald >

Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 26
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
Schließen

Navigation:

III

Der Zweifüßler und seine Familie hatten ein neues Land gefunden.

Sie bauten von neuem ihre Häuser, bestellten den Acker, ernteten Getreide und trieben Viehzucht. Im Walde fällten sie Holz, und die Seeleute bauten sich neue Schiffe. Es verstrichen viele Jahre, ehe das Unglück ganz verwunden war; schließlich aber hatte sich der ganze Stamm wieder aufgerichtet, und alle, außer dem Zweifüßler selbst, hatten das Unglück vergessen.

Er aber grübelte immer noch. Das heißt, nicht mehr über das Unglück selbst. Den Verlust seiner Angehörigen hatte er verschmerzt, denn er hatte jetzt so viele Nachkommen, daß er weder ihre Namen noch ihre Zahl kannte. Er dachte an den Dampf.

Wenn er sah, wie der Wind die Mühlenflügel herumwirbelte oder die Schiffe übers Meer trug, lächelte er höhnisch. Es schien ihm viel zu langsam zu gehen. Und wenn Sturm kam, konnten die Schiffe nicht segeln und die Mühlen nicht mahlen, bei starkem Gegenwind mußten die Schiffe ausweichen, und bei Windstille stockte alles.

»Du bist mir ein recht erbärmlicher Diener, mein lieber Wind,« sagte er. »Der Dampf, das ist ein andrer Kerl als du!«

Er dachte daran, wie der Dampf, der eingesperrt gewesen, ausgebrochen war und im Nu die Sonne ausgelöscht und den Tag zur Nacht gemacht ... wie er große Steine und Schlamm und Asche und alles, was in dem feuerspeienden Berge war, meilenweit übers Land hin verstreut hatte. Innerhalb weniger Stunden war die Ebene in eine Wüste verwandelt worden. Und es war mit schier unglaublicher Kraft und Schnelligkeit geschehn. Wahrlich, der Dampf mußte die stärkste Macht der Welt sein!

Und der Dampf hatte dem Zweifüßler gesagt er entstehe, wenn das Wasser mit dem Feuer in Berührung komme.

Der Zweifüßler betrachtete sinnend den Kessel über seinem eignen Feuer. Sobald das Wasser sich erwärmte, stieg weißer Dampf daraus auf.

Er nahm ein Stück Glas und hielt es in den Dampf. Der setzte sich in klaren Tropfen auf dem Glase nieder.

»Auch das ist richtig, daß der Dampf wieder zu Wasser wird,« sagte sich der Zweifüßler.

Und er sah, wie man einen Deckel auf den Kessel legte, damit die Wärme erhalten bliebe. Man fachte das Feuer an, und es entwickelte sich immer mehr Dampf, so daß der Deckel zu hüpfen begann.

»Nun wird es ihm da drinnen zu eng,« sagte der Zweifüßler. »Genau so wie dem Dampf in dem feuerspeienden Berg.« Man legte einen Stein auf den Deckel, um ihn niederzuhalten. Der Zweifüßler verstärkte das Feuer immer mehr, und es bildete sich neuer und immer neuer Dampf. Zuletzt warf der Dampf den Deckel mit dem Stein ab, so daß er in die Stube fiel.

»Jetzt speit der Berg den Dampf aus,« sagte der Zweifüßler und rieb sich die Hände.

Er baute sich ein Haus mit einem großen Kessel und einer gewaltigen Feuerstelle. Da unterhielt er ein beständiges Feuer, probierte die Kraft des Dampfes und dachte darüber nach, wie er Nutzen daraus ziehen könnte. Er hatte nur einen einzigen von den Seinen bei sich, einen seiner Enkel, der klüger war als die andern, und mit dem er sich über die Gedanken aussprach, die ihn bewegten.

Oftmals saßen die beiden bis in die späte Nacht hinein bei der Arbeit. Es kam darauf an, den Dampf dahin zu bringen, daß er in einer ganz bestimmten Richtung wirkte und mit einer ganz bestimmten Kraft. Niemand wagte es, die beiden zu stören. Alle die andern Stammesmitglieder sahen mit Ehrfurcht auf das Haus des Zweifüßlers hin, denn sie wußten, wie klug er war, und daß er einzig und allein für das Wohl des ganzen Geschlechtes arbeitete. Einige von ihnen glaubten auch, daß es ihm schließlich doch gelingen werde, sich zum Herrn über den Dampf zu machen; viele aber meinten, das werde niemals geschehen, und es werde ein Ende mit Schrecken nehmen, wenn er so mit den geheimsten und stärksten Kräften der Natur herumhantiere.

Aber mochten sie nun so oder so über die Sache denken, jedenfalls machten alle einen weiten Umweg um des Zweifüßlers Haus herum, denn sie begriffen sehr gut, einer wie großen Gefahr er sich aussetzte. Alle die, die jenes Unglück, das der feuerspeiende Berg anrichtete, überlebt hatten, waren längst gestorben; aber noch lebte in dem Stamme die Erinnerung an den entsetzlichen Tag, und des Zweifüßlers Geschlecht mußte immer wieder an die Möglichkeit denken, daß der Dampf eines Tages plötzlich wieder seine Tücke offenbarte.

Der Zweifüßler aber kümmerte sich nicht um das, was sie dachten oder sagten.

Von Zeit zu Zeit erschienen die Ältesten bei ihm, um ihm Bericht zu erstatten über das Gute und Böse, das dem Geschlecht widerfahren war, wie viele Kinder geboren worden, welche Verluste man zu verzeichnen und wie viel Wohlstand man gewonnen hatte. Er sah stets nur flüchtig von seiner Arbeit auf, nickte ihnen zu, und gebot ihnen, zu gehen und ihn in Frieden zu lassen.

Manchmal kam auch dieser oder jener Jüngling zu ihm, strahlend vor Freude über eine neue Erfindung, um das Lob des alten, weisen Mannes zu vernehmen. Aber der Zweifüßler hörte ihn kaum an. Er wußte, daß seine eignen Gedanken größer und wichtiger waren; und voll Ungeduld sah er dem Tag entgegen, da sie Wirklichkeit werden würden.

Er baute neue Kessel, die seltsame Formen hatten und größer waren als alle früheren, so daß sie mehr Dampf in sich aufnehmen konnten, und stärker waren, damit der Dampf sie nicht zu sprengen vermochte. Er ließ seine Leute Kohlen aus den Bergen ausgraben und unterhielt damit sein Feuer, weil er entdeckt hatte, daß die Kohlen besser heizten und darum das Wasser rascher in Dampf verwandelten. Mit jedem Jahr, das verging, meinte er, dem Ziel näherzukommen, aber noch hatte er es nicht erreicht, und manchmal wollte er schier verzweifeln.

Eines Tages sprang der Kessel. Er selber wurde von einem Eisenstück an der Stirn getroffen, so daß er eine große Wunde davontrug, doch sein Enkel und Gehilfe wurde vor seinen Augen getötet.

Da liefen alle herzu und wehklagten und jammerten, aber der Zweifüßler wischte sich das Blut aus dem Gesicht und betrachtete lange den zersprungenen Kessel. Dann wandte er sich um und blickte auf den Leichnam.

»Armer Bursche!« sagte er. »Er hätte es so gern erlebt, daß mein großes Werk gelänge. Und nun hat er sterben müssen. Einen schönen Tod ist er gestorben; denn er ist für das Glück seiner Brüder dahingegangen. Begrabt ihn, und setzt ihm ein Denkmal aufs Grab!«

Da nahmen sie ihn und wollten ihn forttragen, aber der Zweifüßler hielt sie zurück mit den Worten:

»Wartet ein wenig ... ich muß an Stelle des Toten einen Gehilfen haben. Will jemand bei mir bleiben? Ihr wißt ja, was euer hier wartet ... vielleicht der Tod und jahrelange Enttäuschung, bis wir Glück haben. Und auch den Hohn der dummen Teufel, die nichts von der Sache verstehen, muß mein Gehilfe in Kauf nehmen.«

Es meldeten sich sofort sieben. Denn wenn sie auch Angst hatten, so lockte sie doch das Geheimnisvolle und Gefährliche; und im Stamm galt nichts für ehrenvoller, als mit dem Zweifüßler zusammen zu arbeiten.

Er wählte einen von den sieben, nahm ihn zu sich ins Haus und weihte ihn in seine Geheimnisse ein, während die andern den Toten forttrugen und begruben.

Die Jahre vergingen. Eines Tages sahen die Leute den Zweifüßler vor seinem Hause stehen und den Arm schwenken, und sie hörten ihn laut rufen, von allen Seiten liefen sie hinzu, um zu hören, was er wolle.

»Ich hab es, ich hab es!« rief er.

Er nahm die Ältesten zu sich und zeigte ihnen ein großes eisernes Rohr, das er hergestellt hatte. Oben hatte das Rohr ein Loch, das in ein anderes Rohr hineinführte. In dem ersten Rohr befand sich ein Stöpsel, der gleichfalls aus Eisen war, und der so genau paßte, daß er auf und nieder gleiten konnte; er war mit Öl eingeschmiert, so daß er sich so leicht wie möglich bewegte. Unter dem Rohr stand der Kessel mit Wasser und unter dem Kessel die Feuerstelle.

Der Zweifüßler heizte ein. Das Wasser verwandelte sich in Dampf, der Dampf stieg in das Rohr und hob den Eisenstöpsel bis an das oberste Ende des Rohrs. Durch das Loch gelangte der Dampf in das Nebenrohr, wo er sich wieder zu Wasser abkühlte; das Wasser lief in den Kessel hinab und wurde von neuem erhitzt und in Dampf verwandelt.

Wenn aber der Dampf durch das Loch entwichen war, glitt der Stöpsel wieder hinab, wurde von neuem in die Höhe gehoben und stieg und sank fortwährend. »Seht,« sagte der Zweifüßler, und seine Augen strahlten vor Stolz und Freude. »Seht, ich habe den Dampf gefangen und im Rohr eingesperrt. Wenn ich heize, verwandelt sich das Wasser in Dampf, und der hebt den Stöpsel. Er tut, was ich ihm befehle; und er wird in dem andern Rohr zu Wasser, bis ich ihm wieder befehle, zu Dampf zu werden. So habe ich mir den Dampf dienstbar gemacht, wie den Ochsen, und das Pferd und den Wind.«

»Wir verstehen nur nicht, wozu du deinen Diener brauchst! Hast du darum so viele Jahre in deinem Hause eingesperrt gelebt, während wir deinen weisen Rat entbehren mußten?«

»Geht eures Wegs,« sagte der Zweifüßler, »und kommt übers Jahr wieder, so sollt ihr sehen, wozu ich meinen neuen Diener gebrauche. Wenn ich euch das dann gezeigt habe, könnt ihr selber weiter arbeiten. Ich sage euch, dieser neue Diener ist imstande, wenn ihr ihn richtig verwenden lernt, der ganzen Welt ein anderes Aussehen zu verleihen.«

Darauf ging er ins Haus und verschloß seine Tür. Froh betrachtete er seine neue Maschine.

»Ho, ho, du guter Dampf,« sagte er. »Jetzt hab ich dich. Und ich kann dich stark und schwach machen. Und immer mußt du im Rohr bleiben und tun, was ich dir befehle. Ich kann das Rohr lang und kurz ... ich kann den Stöpsel schwer und leicht machen ... stets mußt du ihn auf und nieder treiben, guter Dampf.«

»Du nennst mich gut,« sagte der Dampf. »Und als ich den Berg sprengte und dir dein Land verwüstete, da nanntest du mich böse. Ich habe dir ja schon mitgeteilt, daß ich weder das eine noch das andre bin. Du hast mich gefangen, und wenn du mich gebrauchen kannst, so gebrauch mich.«

Der Zweifüßler lachte und rieb sich vergnügt die Hände.

»Ja, wozu soll ich dich gebrauchen?« rief er. »Sollen wir dich vor den Wagen spannen statt des Pferdes? Ich denke, du kommst rascher vorwärts. Sollst du das Schiff treiben? Du wirst gegen den Wind laufen und dir nichts aus ihm machen. Soll ich dir den Mahlgang in der Mühle überlassen? ... Ach, tausenderlei sollst du für mich tun.«

Der Zweifüßler löschte das Feuer aus. Und in der nächsten Zeit ersann er immer neue Verbesserungen seiner Maschine. Unter anderm brachte er eine Stange in dem Stöpsel an, und zu der ersten Stange fügte er eine zweite hinzu, die an der Achse eines Rades befestigt war.

Er verfertigte einen Wagen, setzte die ganze Dampfmaschine darauf und verband die Stange mit den Rädern. Er selbst stand hinten auf dem Wagen an der Heizung. Die Räder schnurrten, und der Wagen lief vorwärts.

Die Leute des Stammes kamen von allen Zeiten gelaufen und starrten das seltsame Fuhrwerk verwundert an; die meisten schrien vor Angst und wichen dem gefährlichen Ungetüm aus. Nur die Klügeren begriffen den Wert des neuen Wagens.

»Vater,« sagte einer der Ältesten, »du sollst nicht mit diesem Wagen fahren. Wir fürchten, daß es übel abläuft, daß der Dampf die Maschine auseinandersprengt und du dabei umkommst, wie damals dein Gehilfe.«

»Gerade sein Tod hat mich Vorsicht gelehrt,« sagte der Zweifüßler. »Kommt, dann sollt ihr sehen.«

Und er erklärte ihnen, daß er berechnet habe, von wie großer Stärke der Dampf sei, und wieviel Dampf er brauche, um mit seinem Wagen zu fahren.

Je mehr Dampf vorhanden war, desto schneller glitt der Stöpsel auf und nieder, desto schneller schnurrten die Räder, und desto schneller fuhr der Wagen. Je stärker der Kessel und das Rohr waren, desto mehr Dampf konnte er aufnehmen, ohne zu zerspringen.

Aber an einer Stelle des Kessels war ein Loch vorhanden, das durch eine an einem Scharnier befestigte Klappe bedeckt wurde. Die Klappe war genau so schwer, daß der Dampf sie nicht heben konnte, wenn so viel Dampf da war, wie die Maschine vertragen konnte. Aber sobald mehr Dampf vorhanden war, wurde die Klappe zu leicht und hob sich, und der überflüssige Dampf strömte zu dem Loch hinaus. »Ich gebe euch diese Dampfmaschine,« sagte der Zweifüßler, »seht selber zu, wie ihr sie verwenden wollt. Einige von euch können weiter forschen, wie ich geforscht habe. Die Schmiede mögen mit ihrem Werkzeug und ihrem Scharfsinn helfen.« – Dann ging er in sein Haus und dachte von neuem nach.

Aber die Klügsten des Stammes begannen, mit der Dampfmaschine zu arbeiten. Im Laufe der Jahre ersannen sie neue Verbesserungen.

Sie legten Eisenschienen über die Erde, auf denen der Dampfwagen mit großer Geschwindigkeit dahinlief und viele schwerbeladene Wagen hinter sich her zog. Innerhalb weniger Tage und Wochen konnte man jetzt Reisen machen, die früher Monate und Jahre gedauert hatten. Die Erzeugnisse eines Landes konnte man schnell und billig nach dem andern Ende der Erde befördern. Man setzte die Dampfmaschine in Schiffe, wo sie das Wasserrad drehte; und die Schiffe fuhren gegen den Wind und gegen den Strom. Man gebrauchte die Maschine zum Dreschen und zum Mahlen des Getreides ... es war gar nicht abzusehen, wozu man sie gebrauchen konnte.

Die Dampfmaschine hatte der Welt ein andres Aussehen verliehen, wie der Zweifüßler es vorhergesagt hatte. –

Der Zweifüßler war uralt geworden. Sein Geschlecht vermehrte sich beständig und verbreitete sich über die ganze Erde, wenn an einer Stelle zu viele waren, brachen einige auf und zogen in andere Gegenden, wo neues Land war. Sie bestellten es, gewannen aus den Bergen Metalle und segelten auf den Flüssen und auf dem Meere. Die Eisenbahnen und Dampfschiffe fuhren vom einen Ende der Erde zum andern.

Die verschiednen Stämme wohnten weit auseinander, sprachen verschiedene Sprachen und kannten einander nicht mehr. In allen Ländern lebten kluge Männer und machten neue seltsame Erfindungen, die ihren Brüdern die Arbeit erleichtern und den allgemeinen Reichtum und das Glück aller vermehrten.

Als der Vater und als der weiseste aller Geschlechter und Stämme aber wurde der alte Zweifüßler verehrt.

Er wußte ganz und gar nicht mehr Bescheid über die Zahl seiner Nachkommen und schien sich kaum mehr um sie zu kümmern. Bald wohnte er bei dem einen Stamm seines Volkes und bald bei dem andern, stets einsam, in einem Hause für sich, um sich in Ruhe seinen Gedanken und arbeiten zu widmen.

Aber manchmal kam ein Mann mit seinem kleinen Sohne zum Zweifüßler, damit der Knabe den Weisesten der Welt sähe. Wenn er das Glück hatte, Worte zu finden, die des Zweifüßlers Aufmerksamkeit von seiner Arbeit abzulenken vermochten, dann blickte der Zweifüßler wohl auf, legte seine Hand auf des Knaben Haupt und sagte:

»Werde kein Tor, mein Sohn! Ein Tor ist der, der über etwas urteilt, wovon er nichts weiß.«

 << Kapitel 25 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.