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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 25
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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II.

Der Zweifüßler war ein steinalter Mann geworden.

Sein Geschlecht vermehrte sich beständig. Es lebte verstreut in einer großen, herrlichen Ebene, wo auf den Feldern reiches Getreide wogte, und wo das Vieh in hohem, saftigem Grase weidete. Einige der Männer befuhren die See, andre bebauten den Acker und hüteten das Vieh, andre fällten Holz im Walde. Die Frauen besorgten den Haushalt und spannen und woben.

Überall, wo die Ebene sich zu einer kleinen Anhöhe erhob, ragte eine Windmühle in die Lüfte. Jeder Bach, der dort rann, drehte ein Mühlrad.

Der Zweifüßler selber beobachtete alles, was in der Natur um ihn her geschah, und sann darüber nach. Alle sahen ehrfürchtig zu ihm auf als zu dem Ältesten des Geschlechts und dem Klügsten auf der Welt. Und alle holten sich Rat und Hilfe bei ihm. –

Mitten auf der Ebene ragte ein hoher, kegelförmiger Berg empor, seinem Gipfel entstieg hier und da eine Rauchsäule. Oftmals betrachtete der Zweifüßler diesen Berg. Einmal ritt er hinauf und schaute in das Loch hinab, aus dem der Rauch emporstieg, aber von unten strömte so große Hitze herauf, daß er da oben nicht länger verweilen konnte.

Da ritt er wieder nach Hause zurück, starrte auf den Berg und dachte daran, was wohl in seiner Tiefe stecken könnte. Er kannte Berge, darin Gold und Eisen und andre Metalle verborgen waren, und er hatte seine Kinder gelehrt, sie zu gewinnen und zu schmelzen und zu Gerätschaften und Schmuck zu verarbeiten. Doch solch einen Berg mit rauchendem Gipfel hatte er noch niemals gesehen.

Als er eines Tages in tiefe Gedanken versunken dasaß, hörte er wie gewöhnlich um sich her allerlei Stimmen. Es rauschte in der schönen Palme hoch über seinem Kopfe:

»Der Zweifüßler ist mächtig ... und größer als alle andern ... Er herrscht über die Erde und alles, was darauf ist.«

Und in dem Flusse, der ins Meer hinauslief, sang es:

»Der Zweifüßler herrscht über die Gewässer ... wir drehen seinen Mühlengang und mahlen sein Getreide ... wir tragen seine Schiffe, soweit er will ... und liefern ihm die Fische für seinen Tisch.«

Und der warme Wind blies über sein Gesicht: »Der Zweifüßler ist größer als alle andern ... er beherrscht mich ... ich muß ihm dienen wie der Ochse und das Pferd ... Komm ich von Osten, komm ich von Westen, stets fängt er mich und gebraucht mich!«

Der Zweifüßler strich mit der Hand über seinen langen, weißen Bart und nickte stolz und froh.

Da auf einmal erscholl ein sonderbarer, donnernder Lärm. Es war, als ob er aus dem Innern der Erde herkäme; und es war auch nicht zu verstehen, woher er sonst hätte kommen können. Denn die Luft war wolkenfrei und rein, und die Sonne schien hell und warm, da es Mittag war.

»Was war das?« fragte der Zweifüßler.

»Wer kann es wissen,« entgegnete der Palmbaum, und er erbebte ganz unten an der Wurzel. »Wer kennt die Kräfte, die in der Natur walten?«

»Wer kann es sagen?« rauschte der Fluß, und erhob seine Wogen vor Angst wie ein sich bäumendes Roß. »Was wissen wir alle, wenn man genau zusieht?«

»Wer hat auch nur eine Ahnung davon?« sagte der Wind und duckte sich plötzlich wie ein Tiger, der auf dem Sprunge liegt. »Die Erde ist voll gewaltiger Kräfte, über die keiner von uns Bescheid weiß.«

Noch ein Dröhnen erscholl. Der Zweifüßler erhob sich. Er sah zu dem Berge inmitten der Ebene hinüber und sah, daß die Rauchsäule zu einer großen, schwarzen Wolke geworden war, die schneller anwuchs und sich ausbreitete, als sein Auge verfolgen konnte.

Jetzt verdeckte sie die Sonne ... jetzt schäumten die Wellen in dem Flusse empor und begegneten den Wellen des Meeres, die landeinwärts stürzten ... und jetzt erhob sich der Wind zum rasenden Sturm.

Und ehe der Zweifüßler Zeit zum Nachdenken fand, war um ihn tiefe, dunkle Nacht.

Sobald das Licht erlosch, sah er etwas vom Himmel herabstürzen, ohne zu erkennen, was es war. Er tastete sich zu seinem Stall hin, wo sein Pferd angebunden stand, sprang hinauf und jagte von dannen, fort aus dem Reiche des Bösen. Und das Tier war gleich ihm in Todesängsten und rannte, so schnell es vermochte.

Die Hand vor den Augen konnte er nicht sehen, aber er meinte, überall auf der Ebene, wohin er kam, durch den Sturm hindurch jammern und schreien zu hören. Er erkannte diese und jene Stimme, aber er jagte bloß weiter und immer weiter, bis das Pferd unter ihm stürzte.

Dann lief er, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, stolperte, fiel und stand wieder auf, um von neuem zu laufen, zu laufen, während um ihn her die Schreie ertönten, wenn sie nicht untergingen in dem brüllenden Sturm und dem donnernden Lärm vom Berge.

Am Nacken traf ihn ein Stein; und er merkte, daß sein Hals blutete, sein Fuß trat in etwas, das wie kochendes Wasser war. Mit einem Schrei zog er ihn zurück und rannte in einer anderen Richtung weiter. Zuletzt wußte er selbst nicht mehr, was er tat und wohin er kam. Als er das Bewußtsein wiedererlangte, lag er auf einer Anhöhe ganz am andern Ende der Ebene. Rings um ihn lag ein Dutzend seiner Angehörigen, gleich ihm betäubt und verwirrt. Sie sprachen nicht, sondern starrten entsetzt um sich und weinten, und ihre Hände zitterten.

Der Zweifüßler hielt die Hand an die Brauen und schaute über die Ebene hin.

Ebenso plötzlich, wie es dunkel geworden, war nun die Helligkeit wiedergekehrt. Die schwarzen Wolken hatten sich verzogen, und rot und golden wie am herrlichsten Sommertag ging die Sonne unter.

Auf den umliegenden Anhöhen saßen hier und da Angehörige seines Geschlechts, die sich gleich ihm gerettet hatten, sie hatten auch ein paar von ihren Haustieren bei sich, und der Zweifüßler selber merkte plötzlich, daß ihm sein treuer Hund die Hand leckte. Das ganze Land aber – mit Ausnahme der wenigen Anhöhen – war begraben in einem Meere kochenden, Blasen treibenden Schlamms, der schnell zu einer harten Rinde erstarrte. Alle Häuser und Mühlen waren zerstört und in der Schlammflut ertrunken. Menschen und Tiere waren darunter begraben. Die ganze, reiche, herrliche Ebene sah aus wie eine Wüste, darin nie Leben gewesen war; und mitten darin stand der Berg, hoch und majestätisch, mit der Rauchsäule über dem Gipfel.

Die Angehörigen des Zweifüßlers machten sich daran, das Gerettete zu sammeln.

Mit Gejammer und Geschrei zogen sie mit den armseligen Überresten ihres Besitzes aus dem verwüsteten Lande fort, das ihnen eine Heimat gewesen war. Die Frauen trugen auf dem Arme das Kindlein, das sie gerettet hatten, und beweinten ihre Toten. Die Hirten zählten die wenigen Stück Vieh, die noch übriggeblieben waren. Die Seeleute spähten vergebens aufs Meer, ob nicht ein einziges ihrer Schiffe unbeschädigt wäre.

»Komm, Vater!« sprachen sie zum Zweifüßler. »Wir wollen dieses verwünschte Land verlassen. Es gibt wohl noch einen Ort in der Welt, wo wir Frieden finden und alles, was uns zerstört wurde, wieder aufbauen können.«

Doch der Zweifüßler schüttelte den Kopf.

»Geht nur,« sagte er, »ich komme euch nach.«

Sie gingen, ohne daß er ihnen nachgeblickt hätte; er saß und starrte auf den seltsamen Berg, von dem all das Unglück herrührte. Bis spät in die helle und milde Nacht hinein saß er da und hatte niemand bei sich außer dem Hunde, der ihn nicht verlassen wollte. Der Rauch wurde hier und da vom Winde an ihm vorübergetragen, aber jetzt war es nur noch ein leichter, flüchtiger Dampf. »Wer hat das verursacht? Wer hat das verursacht?« grübelte der Zweifüßler vor sich hin.

»Ich!« sagte der Dampf.

»Du? Wer bist du? Du wogst wie ein Nebel an mir vorbei, woher hast du die Macht dazu? Wer bist du? ... Woher kommst du?«

»Ich bin der Dampf und komme aus dem Berge dort, wo ich eingesperrt war, bis ich wild und wütend wurde und mir Luft machen mußte. Da brach ich aus und verwüstete das ganze Land. Jetzt ist es vorbei, und ich habe Frieden und bin so, wie du mich siehst!«

»Du böser, böser Dampf!«

»Ich bin nicht böse.«

»Willst du, daß ich dich gut nennen soll? Du hast mein reiches Land verwüstet und fast alle meine Rinder und Kindeskinder getötet, sowie auch den größten Teil meines Viehs. Alles Gute und Kluge, das ich ausgesonnen hatte, um mir und den Meinen das Leben leicht und glücklich zu gestalten, hast du in wenigen Stunden zunichte gemacht, ohne daß ich dich jemals gekränkt hätte. Bist du also gut?«

»Ich bin nicht gut.«

»Aha, du bist weder böse noch gut. Wie mich deucht, hab ich so ein Gerede schon einmal in meinem Leben vernommen, wart ein wenig. Ja, der Wind hat es einmal zu mir gesagt, als er mich gleichfalls ins Unglück gestürzt hatte.«

»Ganz recht,« sagte der Dampf. »Ich bin weder böse noch gut. Es ist so, wie der Wind gesagt hat. Hast du das damals nicht auch eingesehn?«

»Ja,« entgegnete der Zweifüßler still.

»Hast du dir den Wind nicht dienstbar gemacht?« fragte der Dampf. »Du hast ihn eingefangen und vor dein Boot und deine Mühle gespannt. Du hast seine verschiedenen Richtungen erkannt, so daß du dich immer seiner bedienen konntest. Ist es nicht so?«

»Gewiß,« erwiderte der Zweifüßler, »ich bin Herr über den Wind geworden. Aber ich verstehe nicht, wie ich dich bezwingen soll, der du doch viel gewaltiger bist, als der Wind, und wie ich mir deine Kraft dienstbar machen soll!«

»Fang mich und gebrauch mich,« sagte der Dampf. »Ich bin der Stärkere.«

Der Zweifüßler dachte nach. Er blickte auf das vernichtete Land, auf die Sonne, die so milde schien, wie wenn nichts geschehen wäre, und auf den still dahinwogenden Dampf. Kein Haus war zu sehen, kein Baum und kein Vogel.

Als er sich umblickte, um seiner Sippe nachzuschauen, da sah er sie in weiter Ferne am Horizont verschwinden. Aber er dachte noch nicht daran, den Seinen zu folgen.

»Wer bist du?« sprach er wiederum zum Dampfe. »Erzähl mir etwas von dir.«

»Jetzt bin ich so, wie du mich hier siehst,« entgegnete der Dampf. »Blick aufs Meer, so siehst du mich auch da.«

»Da sehe ich dich nicht.«

»Du weißt es nur nicht. Ursprünglich bin ich Wasser.«

»Erzähl!«

»Das ist bald erzählt. Sieh, ich bin das Meerwasser, das durch die Erde bis zu dem Berge dort dringt. Auf tausend unterirdischen Wegen bin ich dorthin gesickert. Aber da drinnen im Berge glimmt ein ewiges Feuer, das nie erlischt, wenn das Wasser an das Feuer kommt, so wird es zu Dampf, und der Dampf sammelt sich dort unten im Berge in großen Höhlen an, solange Platz dafür da ist. Zuletzt aber entwickelt sich so viel Dampf, daß er dort nicht bleiben kann. Dann sprengt er den Berg. Felsen und Gesteine ... der ganze Bergsee da oben, der kochendheiß ist von dem Feuer in der Erde ... Schlamm und Morast, siedendes Wasser und brühendheißer Dampf stürzen hin übers Land, wie du es neulich gesehen hast. Alles sprenge ich, wenn ich allzusehr gequält werde. Keine Mauer, keine Tür bietet mir ein Hindernis dar ... begreifst du?«

Der Zweifüßler nickte.

»Hast du die Rauchsäule gesehen, die jeden Tag aus dem Berge aufsteigt? Es ist immer ein kleines Loch da, verstehst du, ein Ventil, durch das etwas von mir entweichen kann. Aber zuletzt verschlägt es nicht mehr, und dann spreng ich das Ganze. Lerne aus dem, was du heute erfahren hast, daß du dich nicht ansiedeln sollst, wo du einen Berg in der Nähe rauchen siehst; denn da bist du deines Lebens nicht sicher.«

»Ich will dir nicht das Feld allein überlassen. Ich will über dich herrschen. Du bist die stärkste Macht, die ich in der Welt kenne. Du sollst mein Diener sein, wie das Pferd und der Ochse und der Wind.«

»Fang mich und gebrauch mich, wenn du kannst!« rief der Dampf.

»Gut,« erwiderte der Zweifüßler. »Ich will's versuchen. Aber erst sag mir: was wird denn aus dir, wenn du nun durch die Luft wogst?«

»Dann kühl ich mich ab. Und wenn ich abgekühlt bin, werde ich Wasser ... Regen, Nebel ... was du willst.«

»Und dann fällst du ins Meer? Und dann dringst du in den Berg, wo das Feuer ist, und wirst wieder zu Dampf, und so geht es im Kreislauf bis in alle Ewigkeit?«

»Es ist so, wie du sagst,« bestätigte der Dampf.

Damit wogte er weiter über die Wüste und verschwand auf dem Meere. Der Zweifüßler sah ihm nach und starrte dann wieder auf den Berg, der ebenso friedlich rauchte wie zuvor.

Die ganze Nacht saß er wach und sann. Dann erhob er sich, rief den Hund zu sich und ging den Seinen nach.

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