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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 24
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Eine neue Geschichte vom Zweifüßler

I.

Der Zweifüßler hatte sich vor vielen, vielen Jahren zum Herrn über die Tiere der Erde gemacht.

Die, die ihm nützlich sein konnten und geeignet waren, ihm zu gehorchen, zähmte er und nahm er in seine Dienste. Die, die er nicht verwenden konnte, überließ er sich selbst, wenn sie nur ihn und die Seinen nicht behelligten. Taten sie das aber, so sagte er ihnen Krieg an und ruhte nicht, bis er sie bezwungen hatte, was ihm schließlich stets gelang, da er ja der Klügste und darum auch der stärkste war.

Und die zahmen Tiere gewöhnten sich allmählich ganz daran, bei ihm zu sein, und verloren völlig die Eigenschaften, mit denen sie zuerst ausgestattet waren, als sie sich noch auf eigne Faust durchschlagen mußten; zuletzt konnten sie die Knechtschaft gar nicht mehr entbehren, wenn sie einmal flüchtig wurden und wieder wie die andern freien, wilden Tiere zu leben versuchten, dann konnten sie sich nicht zurechtfinden, sondern kamen elendiglich um.

Die wilden Tiere aber, für die der Zweifüßler keine Verwendung hatte, verbargen sich ringsum in ihren Verstecken und lästerten und murrten, ohne damit etwas ausrichten zu können.

Zu der Zeit, wo diese Geschichte anfängt, hatte der Zweifüßler sich auf einer grünen Wiese, nicht weit vom Strande, ein schönes Sommerzelt erbaut. Eines Abends saß er vor diesem Zelt. Seine ganze Familie war zur Ruhe gegangen und schlief nach den Anstrengungen des Tages. Die Tiere lagen im Grase und käuten wieder. Der Hund, des Zweifüßlers treuer Diener, hatte sich auf der Erde vor ihm ausgestreckt und spitzte die Ohren, wenn sich irgendein Geräusch vernehmen ließ; er schlief mit dem einen Auge und wachte mit dem andern.

Der Zweifüßler selber schlief nicht.

Er war jetzt alt und brauchte nicht mehr so viel Schlaf. Auch war er des Abends nicht mehr so müde wie in früheren Zeiten; denn jetzt hatte er viele Kinder und Kindeskinder, die ihm den größten Teil der Arbeit abnahmen. Er selbst liebte es, ruhig dazusitzen und nachzusinnen über das, was er erlebt hatte, und über das, was ihm wohl die Zukunft bringen würde.

Wenn er so dasaß, kam es ihm oft vor, als hörte er Stimmen aus allen möglichen Richtungen. Sie kamen aus der vorbeirieselnden Quelle, aus dem Baume, der über seinem Kopfe rauschte, und vom Abendwinde her, der seine Stirne kühlte.

»Zweifüßler – Herr der Erde – Klügster – Stärkster!« raunte ihm die Quelle ins Ohr.

»Zweifüßler – Bezwinger des Löwen – Schrecken der wilden Tiere – Beschützer der Zahmen!« rauschte der Baum.

»Zweifüßler – dem niemand widerstehen kann – dem alles gehört!« sang der Abendwind.

Der Zweifüßler saß und lauschte. So etwas hörte er gern.

Als aber der Abend weiter vorrückte, wurde der Wind heftiger und rüttelte an dem Zelt. Das sanfte Rauschen des Laubs klang nicht mehr so traulich wie vorher. Die Wellen des Bachs glucksten nicht mehr mit schmeichelndem Laut, sondern machten gehörigen Lärm, und der Schaum spritzte ihm bis auf die Füße.

»Was habt ihr denn?« fragte der Zweifüßler, den zu frösteln begann, und der sich in seinen Mantel hüllte.

»Ja, wer weiß das?« entgegnete das Laub.

»Wer kennt das Verborgene?« fragte die Quelle.

»Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als der Zweifüßler sich träumen läßt,« sagte der Wind.

Der Zweifüßler lehnte sich gegen das Zelt und schaute sich stolz um.

»Mag kommen, was da will!« sagte er.

»Hab ich den Löwen bezwungen und mir das Pferd und den Ochsen dienstbar gemacht, so werd ich auch wohl das übrige überwinden.«

Als er ausgesprochen hatte, fegte ein fürchterlicher Windstoß daher.

Der warf den Zweifüßler zu Boden, so daß er in den Bach rollte, riß drei große Tierhäute von dem Zelt los und weckte alle, die drinnen schliefen. Sie fuhren schreiend empor, ohne zu wissen, was geschah. Der Hund heulte und klemmte den Schwanz zwischen die Beine. Und der Zweifüßler kroch pudelnaß aus dem Bache heraus.

Als er sich aufrichten wollte, kam noch ein Windstoß – und noch einer – und noch einer.

Der Zweifüßler kroch auf allen Vieren über die Erde. Das ganze Zelt war umgeweht worden, und die Menschen darin liefen und fielen in wildem Durcheinander; und sie schrien und jammerten, daß es gräßlich anzuhören war.

Aber niemand hörte es; denn alle hatten genug damit zu tun, das Leben zu retten. Die Kühe, Ziegen und Schafe rannten, brüllend vor Angst, umher und traten einander nieder. Viele von ihnen fielen den Abhang hinunter und brachen das Bein. Die Pferde galoppierten über die Wiese hin und liefen so lange, bis sie in weiter Ferne vor Müdigkeit umsanken. Der große Baum über dem Zelt des Zweifüßlers wurde geknickt wie ein Grashalm.

Die ganze Nacht währte der Sturm.

Bei Tagesanbruch saß der Zweifüßler da und weinte ob all der Zerstörung um ihn her. Er überließ es der Familie, die Tiere zusammenzutreiben und das Zelt wieder aufzurichten, hüllte sich in seinen Mantel und starrte grübelnd vor sich hin.

»Du böser Wind!« rief er dann und erhob die geballte Faust nach der Richtung, aus der der Wind kam; denn es stürmte immer noch heftig genug. »Heut nacht hast du meinen Besitz vernichtet, und du hättest leicht mich selbst und die Meinen erschlagen können. Jetzt richten wir das Zelt von neuem auf und fangen die Tiere ein; aber du kannst heut oder morgen wiederkommen und abermals alles zerschmettern.«

»Das kann ich,« sagte der Wind.

»Du böser Wind!«

»Böse bin ich nicht.«

»Soll ich dich etwa gut nennen, nachdem du so an mir gehandelt hast?« rief der Zweifüßler.

»Gut bin ich nicht,« sagte der Wind.

»Also du bist weder böse noch gut?« fragte der Zweifüßler.

»Ganz recht,« erwiderte der Wind, »so ist es.«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Zweifüßler, »Aber kannst du mir sagen, was es mir nun nützt, daß ich den Löwen bezwungen und den Ochsen, das Pferd, das Kamel und den Elefanten gezähmt habe, wenn so ein bißchen Wind mir meine ganze Arbeit zu zerstören vermag? Kannst du mir sagen, wie ich dich dienstbar machen und wozu ich dich gebrauchen kann?«

»Nichts kann ich dir sagen,« entgegnete der Wind. »Fang mich, bezwinge mich, gebrauche mich!«

Er lief übers Feld hin und trug ein großes Stück Fell, das zu dem alten Zelt gehört hatte, mit sich fort, wehte es vor sich her, hob es hoch in die Luft und trug es weit übers Wasser hin. Der Zweifüßler saß da und sah dem Fell nach, bis er es aus den Augen verlor.

Da kam sein ältester Sohn. Der sagte zu ihm:

»Wir können hier nicht länger bleiben. Der Sturm hat Getreide und Gras vernichtet, und unsre Tiere haben nichts zu fressen. Ich bin meilenweit geritten, und überall ist es ebenso. Ich weiß nicht, was wir tun sollen.«

Der Zweifüßler schaute übers Wasser hin, in der Richtung, nach der der Wind das Fell entführt hatte. Ganz in der Ferne drüben lag ein großes Land. Das war so grün, so grün!

»Da drüben ist gute Weide,« sagte er.

»Was nützt uns das?« erwiderte der Sohn. »Das Wasser ist tief, und der Strom ist reißend, wir kommen niemals hinüber.«

»Von wo kommt der Wind?« fragte der Zweifüßler.

»Er weht in der Richtung auf die Insel zu,« antwortete sein Sohn. »Meinst du, er solle uns hinübertragen?«

»Ganz recht,« erwiderte der Zweifüßler, warf seinen Mantel ab und erhob sich. »Ich habe beschlossen, mir den Wind dienstbar zu machen.«

Verständnislos starrte der Sohn ihn an. Doch der Zweifüßler rief die ganze Familie zusammen und befahl allen, die Arbeit zu unterbrechen, die sie gerade unter den Händen hatten. Er ließ die Seinen Planken hauen, hieß sie, die Planken hinabschleppen und zu einem großen Holzfloß zusammenbinden. Dann gebot er den Männern, einen hohen Mast aus jungem Eichenholz aufzurichten, während die Frauen Häute zusammennähten, um ein großes Segel herzustellen. Dies Segel wurde bis an die Spitze des Mastes emporgehißt, und die Enden wurden unten an dem Floße festgebunden. Der Wind füllte das Segel, aber noch war das Floß mit starken Tauen am Ufer befestigt.

Dann ließ der Zweifüßler seine ganze Familie und alle seine Tiere das Floß besteigen. Als der letzte an Bord gekommen war, löste er das Floß. Im Winde straffte sich das große Segel, und schnell wurde man über das Wasser dahingetragen. Gegen Abend landete man vergnügt an dem grünen Lande.

Unter den Söhnen des Zweifüßlers war einer, der sich von nun an um nichts andres kümmerte als um das Floß. Er baute es um und verbesserte es, ersann neue Arten, das Segel aufzusetzen, und erfand ein Ruder zum Steuern. Vorn machte er das Floß spitz, damit es leichter das Wasser durchschnitte. Auf den Boden legte er Ballast, damit ein plötzlicher Windstoß das Fahrzeug nicht so leicht umwerfen könnte. Er lernte den Wind verwenden, auch wenn der nicht gerade nach der Richtung wehte, nach der man fahren wollte. Nach und nach wagte der junge Zweifüßler es, weit aufs Meer hinauszufahren; und er fing Fische und kehrte wohlbehalten nach Hause zurück.

Doch der Zweifüßler saß wiederum vor seinem Zelt und sann.

»Also habe ich dich mir doch dienstbar gemacht,« sagte er zum Winde, der seine Wange umwehte. »Aber noch sind wir nicht zu Ende, warte nur. Du sollst für mich arbeiten wie die Ochsen und Pferde.«

»Meinetwegen,« rief der Wind. »Ich bin, wie ich bin, und tue, was ich muß. Fang mich, bezwing mich, gebrauch mich!«

Der Zweifüßler saß da und sah zu, wie die Seinen das Getreide in der Mühle zermalmten, damit sich Brot daraus backen ließe.

Vor vielen Jahren hatte er einmal einen Stein ausgehöhlt und die Frauen gelehrt, darin mittels eines andern Steins das Getreide zu zermalmen, später war er darauf verfallen, zwei Steine gegeneinander mahlen zu lassen, Er hatte eine Stange daran angebracht und spannte einen Ochsen vor, der im Kreise ging und den Mahlgang drehte. Damals war er sehr stolz auf seine Erfindung gewesen.

Auch jetzt ging der Ochse geduldig im Kreise. Doch da kam einer der Söhne, und fragte, ob man mit dem Mahlen nicht warten könne; er hätte alle Tiere auf dem Felde nötig. Die Frauen aber sagten, das sei unmöglich; es fehle ihnen Mehl zum Backen. Der Zweifüßler ließ sie zanken und saß sinnend da bis gegen Abend.

»Woran denkst du?« fragte der Wind, der wie gewöhnlich über seine Stirn strich.

»Top!« rief der Zweifüßler und sprang auf. »Nun hab ich's. Ich habe dich vor das Floß gespannt, und du hast mich und die Meinen zu diesem grünen Lande hergetragen, warum sollte ich dich nicht auch meine Mühlsteine treiben lassen?«

»Fang mich, wenn du kannst!« sagte der Wind.

Am nächsten Morgen machte sich der Zweifüßler an die Arbeit.

Er baute ein großes Gerüst, das hoch in die Luft ragte. Oben brachte er vier breite Flügel an, die mit Fellen bekleidet waren und auf einer Achse saßen, damit sie sich leicht drehen konnten. Das war die Mühlenhaube. Unten auf dem Boden war der Mahlgang; durch Stangen und Tauwerk wurde eine Verbindung mit den Flügeln hergestellt, so daß sich der Mahlgang in Bewegung setzte, sobald die Flügel sich zu drehen begannen.

Verwundert standen die Kinder des Zweifüßlers da.

»Noch sind wir nicht fertig!« sagte der Zweifüßler.

Und er richtete die Haube so ein, daß sie sich drehen ließ, damit die Mühlenflügel stets den Wind auffangen konnten, aus welcher Richtung er auch kommen mochte.

»Jetzt mahlen wir!« rief der Zweifüßler. Und der Wind wehte und drehte die Mühlenflügel; und die Mühle mahlte, daß es eine Lust war. Man schüttete das Getreide oben in den Mahlgang hinein, und unten rieselte das feine, weiße Mehl in den Sack, den man angebunden hatte.

»Da habe ich dich wieder gefangen, lieber Wind,« sagte der Zweifüßler.

»Morgen komme ich aus der entgegengesetzten Richtung,« rief der Wind.

»Ich habe auch das bedacht, und ich grolle dir deswegen nicht.«

Als es Abend wurde, drehte der Zweifüßler die Haube herum. Und als der Wind am nächsten Morgen aus der entgegengesetzten Richtung wehte, mußte er genau so schön mahlen wie am Tage vorher.

»Morgen lege ich mich,« sagte der Wind.

»Es ist nicht mehr als billig, daß du zwischendurch einmal ausruhst,« sagte der Zweifüßler freundlich. »Das müssen das Pferd und der Ochse und die andern Zugtiere, die in meinen Diensten stehen, ja auch tun. Du wirst dich schon wieder erheben, wenn du sollst.«

»Wer sagt, daß ich soll?« schrie der Wind.

»Ich weiß nicht,« entgegnete der Zweifüßler. »Noch weiß ich's nicht. Aber ich denke darüber nach, und ich werde es schließlich schon herausfinden. Man denkt sich ja gar mancherlei aus, wenn man so sitzt und die Dinge betrachtet. So viel weiß ich jedenfalls schon, daß die Sonne dich unter ihrem Kommando hat.«

»Woher weißt du das?« fragte der Wind.

»Ich habe es bemerkt,« versetzte der Zweifüßler. »Sooft die Kälte sich in Wärme wandelt und umgekehrt, kommst du aus einer neuen Richtung.«

»Wie klug du bist!« meinte der Wind, »aber es fehlt dir noch manches. Denn wenn du mich auch vor dein Schiff und deine Mühle zu spannen vermagst, so kann ich trotzdem heranstürmen wie damals, du weißt ja... und die Mühle umwerfen, dein Schiff zerschmettern und alle deine Tiere übers ganze Land hin zerstreuen.«

»Das kannst du allerdings,« sagte der Zweifüßler. »Und ich kann dir obendrein nicht einmal darob zürnen, denn du bist ja weder böse noch gut, wie du sagtest.«

»Ja, ja, nun lege ich mich,« rauschte der Wind. »Und ich gedenke, viele, viele Tage zu ruhen. Dann steht deine Mühle still.«

»Allerdings,« sagte der Zweifüßler. »Aber ich hab auch daran gedacht. Komm her, dann wirst du sehen.«

Er ging an den Bach hinab und zeigte dem Winde eine andre Mühle, die er erbaut hatte. Die hatte keine Flügel, sondern ein großes Rad mit breiten Schaufeln, die ins Wasser gingen. Das Rad war ebenso wie die Flügel mit einem Mahlgang in Verbindung gebracht; und wenn das Wasser lief, drehte sich das Rad, und der Mahlgang mahlte.

»Das ist meine Wassermühle,« sagte der Zweifüßler stolz.

Dann ging er in sein Zelt und legte sich schlafen; denn es war spät, und alle die andern waren zur Ruhe gegangen.

Und auch der Wind legte sich, wie er angekündigt hatte.

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