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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Die zwölf Schwestern

Es war ein Tag Ende Mai.

Der Wald war grün, und die Anemonen waren verschwunden. Die Vogelweibchen brüteten, und die Männchen hatten ihnen Nahrung zu bringen und lustige Weisen vorzusingen, damit sie ihre gute Laune nicht verlören. Der ganze Wald leuchtete und lachte, weil es Frühling war.

Aber tief zwischen den Bäumen war ein kleines Stück Feld, auf dem der Hafer des Försters stand. Und auf diesem Felde lief jemand umher, der sehr traurig war.

Es war ein niedliches, junges Maikäferfrauchen.

Sie trippelte auf ihren sechs Beinen dahin und schnupperte jeden Augenblick an der Erde. Manchmal hob sie die Flügel ein wenig, als gedächte sie zu fliegen; aber dann schüttelte sie betrübt den Kopf und trippelte weiter. Zuletzt blieb sie auf einer Stelle stehen, wo die Erde recht weich war. Dann reckte sie sich in die Höhe, so hoch sie konnte, und schaute sich um, und es standen Tränen in ihrem aus achtzehntausend Teilen zusammengesetzten Auge.

»Leb wohl, du grüner Wald!« rief sie aus. »Ich seh dich nie wieder!«

Dann trocknete sie ihre Augen und begann, sich in die Erde hinabzugraben, tief hinab; schließlich hielt sie mit der Arbeit inne und machte sich in dem schwarzen Erdreich, so gut es ging, ein Stübchen zurecht. Und in diesem Stübchen legte sie nun zwölf winzige weiße Eier.

»Ihr werdet's nicht leicht im Leben haben, und das Vergnügen wird kurz sein!« sagte sie. »Wie ich sehe, seid ihr alle Mädchen!«

In einem der Eier ließ sich ein dünnes Stimmchen vernehmen, das fragte, ob es denn so schlimm sei, als Mädchen auf die Welt zu kommen. Niemand in der ganzen Welt konnte dieses feine Stimmchen hören, außer der Maikäferfrau. Denn eine Mutter versteht immer ihr Kind.

»Ja, Maikäfermädchen sein, ist ein schweres Los!« antwortete sie. »Drei lange Jahre müßt ihr euch in der Erde abäschern. Dann gelangt ihr an die Oberfläche und verheiratet euch; aber gleich danach habt ihr die Arbeit mit den Kindern, und dann ist es aus. Die Männer haben es besser, seht zum Beispiel mal euern Vater an! Der kann noch einen ganzen Monat dort oben herumfliegen und sich sattessen, während ich hier sitzen und bald sterben muß. Das war eine wunderschöne, wenn auch kurze Zeit, als er in mich verliebt war! Wir durchschwärmten den grünen Wald und summten und fraßen; da ist es so hübsch wie nirgendwo sonst. Aber für mich ist die Herrlichkeit nun zu Ende.«

»Der garstige Vater!« sagte die Stimme in dem Ei.

Und in den andern Eiern sagten elf Stimmchen dasselbe.

»Na na,« lenkte die Maikäferfrau ein, »immer scheint die Sonne nun doch nicht für ihn. Auch er hat mit allerlei Unannehmlichkeiten zu tun. Von seinen Gewissensbissen, weil er mich im Stich gelassen hat, will ich gar nicht reden, aber die Krähen sind hinter ihm her und die kleinen Jungen, die Maikäfer einsammeln und vom Förster Geld dafür bekommen. Und noch so manchen Feind hat er!«

»Wenn ihn die Krähen nur auffressen möchten!« rief das Stimmchen in dem ersten Ei.

»Wenn ihn die Jungen nur mit einsammeln möchten!« riefen die Stimmchen in den andern Eiern.

»Wollt ihr wohl still sein!« schalt da die Maikäfermutter. »Es tut nicht gut zu krakehlen, bevor man aus dem Ei geschlüpft ist. Und im übrigen müßt ihr doch immer bedenken, daß es euer Vater ist!«

Die zwölf Stimmen verstummten.

Nach einer Weile seufzte die Maikäferfrau tief auf und sagte: »Vernehmt mein letztes Wort! Haltet euch immer frisch und dick, stemmt den Rücken gegen die Erde und schiebt mit aller Kraft! Und arbeitet euch tief in die Erde hinab, wenn ihr merkt, daß der Winter kommt! Nehmt euch in acht vor dem Maulwurf und der Spitzmaus, vor den Krähen und Möwen! Dann wird's euch so gut gehen, wie es einem Maikäferkind nur gehen kann. – – Lebt wohl! Gott sei mit euch!«

Mit diesen Worten streckte sie ihre Beine aus, faltete die Fühlhörner und war gleich tot.

»Wir müssen aber an vieles denken!« sagte die Stimme in dem einen Ei.

Und alle die zwölf Wesen in den Eiern lagen nachdenklich da.


Fast zwei Monate vergingen.

Die jungen Vögel waren schon groß, das Geißblatt duftete, und auf den Feldern standen die Heumieten. Die Mücken tanzten, und die Kinder hatten Sommerferien. Aber im ganzen Wald war kein einziger Maikäfer zu sehen.

»Diesmal sind wir mit ihnen fertig geworden,« sagte der Förster und nickte den Krähen zu, die auf den hohen Bäumen saßen und schrien. »Nun haben wir für drei Jahre Frieden, dann kommen die Maikäfer wieder, und dann verbünden wir uns abermals, ihr schwarzen Schreihälse!«

In dem unterirdischen Stübchen lagen die zwölf Maikäfermädchen und hörten dies mit an.

Sie waren eben aus den Eiern gekrochen, winzig und dünn und ganz blind; aber das letztere schadete nicht viel, denn es war ja nichts da, wonach sie hätten gucken können. Sie waren sehr verzagt und wußten nicht, wohin sie sich in der schwarzen Erde wenden sollten. Da gelobten sie einander, so lange, bis sie aus der Erde herauskämen, treu zusammenzuhalten. Und sie begannen, verfaulte Wurzeln und Blätter zu fressen.

Die Tage verstrichen, eine Woche folgte der andern, und die Maikäfer wuchsen ein klein wenig. Wie sie da nun eines Abends so saßen und von dem grünen Walde plauderten, von dem ihnen ihre Mutter erzählt hatte, bebte die Erde auf einmal ganz entsetzlich unter ihnen. Es war ihnen, als würden sie hoch emporgeworfen und als fielen sie wieder tief hinab; sie bekamen einen gehörigen Schreck.

»Wer ist das?« fragte die größte von ihnen, »Wir sind zwölf blinde Schwestern und haben weder Vater noch Mutter; und niemand darf uns etwas zuleide tun.«

»Ich bin es. Der Maulwurf!« erwiderte eine tiefe, grobe Stimme. »Ich bin blind wie ihr, aber ich kann euch riechen. In zwei Jahren komme ich wieder und fresse euch – vielleicht auch schon nach einem Jahr. Noch seid ihr zu klein. Auf Wiedersehen! Und werdet recht schön fett!«

Abermals bebte die Erde, und der Maulwurf lief weiter. Keinem der Maikäfermädchen war etwas zugestoßen, aber sie waren eine Weile ganz sprachlos vor Angst.

»Das sind ja schöne Aussichten!« sagte endlich die Größte von ihnen. »In zwei Jahren will uns der Maulwurf fressen, und in drei wollen uns die Krähen und der Förster töten. – Na, wir müssen uns wehren, wie unsere selige Mutter gesagt hat. Wir müssen den Rücken gegen die Erde stemmen!«

Und sie krümmte sich, schob sich ein kleines Stück rückwärts und fraß ein verfaultes Blatt. Die andern machten es ebenso; und als sie merkten, daß es anfing, kälter zu werden, gruben sie sich so tief hinab, daß der Frost sie nicht erreichen konnte.

Im nächsten Frühjahr waren sie ein gutes Stück gewachsen und sehr munter geworden. Als sie näher an die Oberfläche kamen, hatten sie einen Bärenhunger und machten sich daran, die frischen Wurzeln, die hinabreichten, zu fressen. Nach drei Tagen waren alle Wurzeln bis auf eine verzehrt.

»Die gehört mir!« sagte das älteste Maikäferfräulein.

»Warum solltest du mehr bekommen als wir?« schrien die elf Schwestern.

Es entspann sich ein heftiger Zank um die Wurzel, schließlich gingen sie alle wie ein Mann darauf los und fraßen sie im Handumdrehn weg.

»Hört mal,« erklärte die älteste, »wir müssen uns trennen, wenn wir nicht verhungern wollen. Eine jede grabe ihren Gang und fresse sich satt, bis sie platzt! Wenn wir aber im Winter in den Keller hinabsteigen, wollen wir darauf achten, daß wir möglichst nahe zusammen sind, damit wir uns von unsern Erlebnissen unterhalten können.«

Und so machten sie es auch. Sie stemmten den Rücken gegen die Erde und gruben mit den Füßen, und so schoben sie sich durch das weiche Erdreich weiter. Alle die Wurzeln, die so klein waren, daß die Maikäfer sie durchbeißen konnten, wurden gefressen; und die zwölf wuchsen so sehr, daß der Maulwurf sie auf der Stelle gefressen hätte, wenn er gerade da gewesen wäre.

Das größte der Maikäfermädchen hatte natürlich auch den größten Appetit, und eines Tages war ihr, als sollte sie in Stücke zerspringen.

»Herr Gott!« rief sie aus. »Nun werde ich für meine leichtsinnigen Worte bestraft. Ich habe gesagt, ich wolle fressen, bis ich platze, und nun platze ich.«

In ihrem Schrecken grub sie sich tiefer hinab, so schnell sie konnte, wie die Maikäferkinder es immer tun, wenn sie in Gefahr sind; und dann platzte sie und fiel dabei in Ohnmacht.

Aber daran war eben nur der Schreck schuld. Denn bald kam sie wieder zum Bewußtsein und fühlte sich nun viel wohler als zuvor, sie hatte eine neue, saubere, weiche Haut unter der alten bekommen, die lose um sie herum lag.

»Aha!« rief sie und stieß die alten Kleider ab. »Nun geht's wieder zu den schönen Wurzeln hinauf! Ich sterbe vor Hunger in meinem neuen Kleid!«

Sie grub sich in die Höhe und fraß. Und als der Winter kam, stieg sie in den Keller hinab und rief ihre Schwestern. Sie rief und rief; aber niemand antwortete.

»Der Maulwurf hat sie gefressen!« sagte sie betrübt.

Doch weinen konnte sie nicht, denn sie hatte ja keine Augen.


Im Frühjahr gelangte sie ganz in die Nähe der Erdoberfläche.

Sie war über einen Zoll lang und fast so dick wie der kleine Finger des Försters. Sie konnte mit den größten Wurzeln fertig werden, und sie fraß und fraß, stieg in die Erde hinab und platzte und kam in einem neuen Kleide wieder herauf und fraß weiter.

Als sie sich eines Tages durch das Erdreich arbeitete, rannte sie mit dem Rücken gegen ein anderes Wesen, das auch sehr beschäftigt war.

»Wer da?« rief sie.

»Ich bin ein Maikäferkind!« erwiderte das fremde Wesen.

»Das ist ja hübsch. Denn ich bin's auch, vielleicht kannst du mir etwas von meinen Schwestern erzählen? Wir waren zu zwölfen, aber wir sind auseinandergekommen. Wir hatten zwar verabredet, uns zu treffen; aber ich bin keiner von ihnen wieder begegnet; darum fürchte ich, daß sie verunglückt sind.«

»Soso, gehörst du zu der Familie?« sagte die Fremde. »Gewiß, ich bin auf vier deiner Schwestern gestoßen! Es ging ihnen gut, und sie baten mich, Grüße zu bestellen, wenn ich einer von den Schwestern begegnen würde.«

»Grüße sie wieder!« sagte die Larve. »Und bestell, daß es mir ausgezeichnet geht! Ich bin dreimal geplatzt.«

»Ich auch. In der Beziehung kann ich nicht klagen. Aber meiner Familie ist es nicht so gut ergangen, wie der deinen, wir waren ursprünglich sieben, und jetzt bin ich allein übriggeblieben. Die Spitzmaus aß einen von uns, die Krähe zwei und die Möwe einen. Die beiden letzten fielen dem Maulwurf zum Opfer.«

»Herr Gott! Aber ich bin hungrig und muß weiter!«

Sie reckten beide ihren krummen Rücken ein wenig, was bei den Maikäferlarven ebenso höflich ist, wie wenn die Menschen den Hut voreinander abnehmen und sich verbeugen, und schoben sich dann weiter durchs Erdreich vorwärts, nach verschiedenen Richtungen hin.

In diesem Sommer begegnete das Maikäferfräulein noch vielen andern, die ihr Nachricht von der Familie brachten, und zuletzt traf sie eine der Schwestern selber, so daß sie wieder neue Hoffnung schöpfte, daß die andern auch noch lebten.

Aber oben auf der Erde stand der Förster und ärgerte sich.

Er hatte auf seinem Feld in diesem Jahr den schönsten Weizen gesät, und Sonne und Regen waren ihm hold gewesen, so daß das Getreide gut gewachsen war und er eine prächtige Ernte erwarten konnte, aber jetzt war das ganze Feld gelb und welk. Die Halme saßen nur locker im Erdboden; denn die Wurzeln waren abgenagt.

»Diese verfluchten Larven!« rief der Förster und stampfte auf die Erde. »Kann ich die denn nie ausrotten!«

Das Maikäferfräulein lag dicht unter seinen Füßen und hörte recht gut, was er sagte.

»Wir führen Krieg miteinander!« sagte sie vor sich hin und fraß dabei ein großes Stück Wurzel fort, »wir vernichten dein Getreide und deine Bäume und verderben dir deine gute Laune, und du tötest uns, wenn du uns in die Finger bekommst. Die Krähen und die Möwe, der Maulwurf und die Spitzmaus und andre unsrer Feinde helfen dir, und du gibst den Kindern Geld dafür, daß sie möglichst viele von uns einsammeln. Du bist der Klügere; aber wir sind in der Mehrzahl, und wir haben ein ebenso gutes Recht, zu essen und uns zu sättigen, wie du!«

Es verstrich noch ein Winter, und das Maikäferfräulein kam aus dem Keller herauf und fraß und platzte und fraß wieder und war jetzt fast zwei Zoll lang.

Sie konnte keinen Schritt tun, ohne auf andere Maikäferlarven zu stoßen, und der Wurzelvorrat wurde knapper und knapper. Sie hatte übrigens auch nicht mehr so viel Appetit wie früher und erinnerte sich zuweilen, daß es etwas Höheres im Leben gebe als Fressen und immer nur Fressen.

»Man kann des ewigen Fressens wirklich überdrüssig werden!« sagte sie eines schönen Tages im Juni. »Ich möchte wohl in den grünen Wald hinauf, von dem Mutter so schön zu erzählen wußte, dann würde ich mich einmal davon überzeugen, ob die Männer wirklich so schlimm sind, wie sie meinte!«

Sie beschloß, in Ruhe ein wenig über die Dinge nachzudenken; und um sicher zu sein, nicht gestört zu werden, grub sie sich ganz tief in die Erde hinab.

So tief war sie noch nie gewesen. Unten drehte sie sich viele, viele Male herum, puffte mit dem Rücken die Erde beiseite und machte sich ein hübsches Kämmerchen zurecht. Dann überzog sie Decke und Wände mit Speichel, statt der Tapeten, und legte sich zur Ruhe.

Und wieder begann sie aufzuplatzen, denn so fängt es bei den Maikäfern immer an. Aber diesmal sah das neue Kleid ganz anders aus als das alte. Es glich mehr dem, das ihre Mutter beim Tode angehabt hatte. Es war ganz steif, so daß sie sich gar nicht darin rühren konnte.

So lag sie zwei Monate da. Dann platzte sie wieder, und nun sah sie genau so aus wie einst ihre Mutter.

Sie hatte dieselben braunen Flügel mit dem kleinen schwarzen Brusttuch und dem schwarzen Bauch mit weißen Flecken an den Zeiten. Dieselben sechs schlanken Beine mit den hohen Lackstiefelchen. Dieselben niedlichen Fühlhörner und die achtzehntausend blanken Augen!

»Nun will ich hinauf an die Luft, und zwar im Ernst!« sagte sie sich.

Und sie hatte ganz recht. Denn was hat man tief unten in der schwarzen Erde von Flügeln und Beinen und blanken Augen!

Doch dann wurde sie wieder nachdenklich.

Das Vernünftigste war doch, noch ein wenig zu warten, wenn nun die Blätter von den Bäumen abgefallen waren! Und wenn alle Maikäfermänner von den Krähen gefressen oder von den garstigen Rindern eingesammelt waren! Oder wenn der Frost die Erde so fest gemacht hatte, daß sie gar nicht an die Oberfläche gelangen konnte, sondern auf halbem Wege stecken blieb und erfror.

Sie legte sich also hin und wartete geduldig, bis der ganze lange Winter zu Ende war. Und sie vertrieb sich die Zeit mit dem Gedanken daran, ob ihre elf Schwestern wohl noch alle lebten, ob die nun auch in ihren Kämmerchen lägen und warteten wie sie selbst, oder ob sie vielleicht erst noch einmal aufplatzen müßten – und ob sie sich wohl ebenso vornehm ausnähmen wie sie selbst.


Wieder war es Mai, und der Wald war grün.

Blumenduft und Vogelgesang verschönten das Leben, die Mädchen banden Kränze, und die Dichter schrieben Verse, als ob sie's bezahlt kriegten.

Mitten auf einem kleinen Weg, den die Menschen am Felde entlang ausgetreten hatten, saß das Maikäferfräulein.

Mit dem halben Körper war sie aus der Erde heraus, und nun arbeitete sie sich mit ihren Beinen völlig an die Oberfläche empor. Der Pfad war steinhart, drum war's nicht leicht gewesen durchzukommen. Jede Schnecke vermag auf einer Bandstraße drei Meter weit zu kriechen, jeder Vogel kann drei Meilen weit durch die Luft fliegen. Aber sich tief in die Erde hinabgraben, das bringt nur ein Maikäfer fertig. Es war auch wirklich kein Spaß, in dieser Situation, während man noch halb im Erdboden steckte, von einer hungrigen Krähe erwischt oder vom Stiefel des Försters zermalmt zu werden!

Unser Maikäferfräulein fürchtete sich denn auch ebenso sehr wie damals, als sie noch ganz klein war und der Maulwurf in der Nähe wühlte. Aber hervor kam sie, und dann stand sie da und ruhte sich ein wenig aus und schaute mit ihren vielen, vielen blanken Augen um sich in dem schönen, grünen Wald.

Doch nun trieb es sie vom Boden weg.

Sie lüftete ihre braunen Flügeldecken ein wenig, streckte den Kopf vor und atmete so tief und so lange, bis ihre langen, durchsichtigen Flügel mit Luft gefüllt waren. Dann breitete sie sie aus und flog summend vor Glück in den Wald hinein.

Dort, wo sie aus der Erde hervorgekommen war, sah man ein kleines rundes Loch, und rings im Walde waren viele Tausende solch kleiner Löcher auf dem Erdboden. Unaufhörlich kamen neue Maikäfer an die Oberfläche und summten zwischen all dem Grün umher.

Das Maikäferfräulein traf alle elf Schwestern wohlbehalten im Walde wieder.

Unter den diesjährigen Maikäfern sprach man viel von dieser Familie von zwölf Köpfen: lauter Mädchen, die sämtlich Maulwurf und Krähe, Möwe und Spitzmaus entgangen waren. Und da die Schwestern sehr schön gewachsen waren, wurde beschlossen, daß alle heiratsfähigen Maikäferherren darum losen sollten, wer sie heimführen dürfe.

Die zwölf Glücklichen hielten um die Hand der Schönen an und wurden erhört. Aber zunächst ließen sich die Schwestern, die das Schicksal ihrer armen Mutter nicht vergessen hatten, von ihren Freiern versprechen, daß diese sie nie verlassen und namentlich nicht im Walde bleiben und sich an den grünen Blättern gütlich tun würden, während die Frauen in der Erde säßen und mit tränenden Augen Eier legten. Die Herren versprachen das bereitwillig, weil sie so sehr verliebt waren; und am selben Abend fand die Hochzeit statt. Das war ein Summen und Brummen zwischen den hohen Buchen, während die Krähen schliefen! Alle Brautführer und sieben von den Brautjungfern wurden von zufällig vorüberkommenden Fledermäusen gefressen. Doch sonst verlief das Fest nach Wunsch.


Am Abend gingen die Tochter des Försters und der Forstkandidat, der sich soeben mit ihr verlobt hatte, Arm in Arm durch den Wald.

Zwei Maikäfer flogen herbei und setzten sich dem Mädchen ins Haar. Der Kandidat wollte die Tiere nehmen und tottreten. »Laß sie doch leben!« sagte sie und wehrte ihm.

»Es sind böse Tiere,« erwiderte er. »Sie schaden dem Wald und dem Feld und dem Garten. Morgen fängt das Einsammeln an, dann werden sie hoffentlich sowieso getötet, wenn die flinken Krähen sie nicht vorher schon erwischt haben.«

»Heute sollen sie mit dem Leben davonkommen,« sagte sie und ließ die beiden Maikäfer fliegen. »Kein Tier ist schlecht, wenn es uns auch Schaden bringt und wir es bekämpfen müssen. Vielleicht war es ein Liebespaar wie du und ich. Auch wir können morgen tot sein, und wir freuen uns doch unsres Lebens.«

Da küßte der Kandidat seine Braut und vergaß die Maikäfer. Und diese schwirrten summend in der wunderschönen Nacht umher und vergaßen den Förster und die Krähen.

Aber der Mond wanderte an dem klaren Himmel dahin und lachte sie alle aus.

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