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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 22
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Die Mistel

Draußen vor der Gartenhecke des Försters stand ein wilder Apfelbaum mit knorrigen Ästen und essigsauren Früchten. Früher war er rings von Dornengestrüpp umgeben gewesen. Aber die Dornbüsche waren abgestorben und verfault, und nun stand der Apfelbaum ganz allein auf einer kleinen grünen Waldwiese.

Alt war er, häßlich und klein. Er konnte gerade über die Haselnußhecke in den Garten zu dem Gravensteiner Apfelbaum und dem Goldrenettenbaum hinübergucken, deren große, rote und gelbe Früchte in der Herbstsonne leuchteten, und die viel, viel vornehmer aussahen als der Holzapfelbaum.

Jeden Morgen lief der alte Hund des Försters um die Gartenhecke herum, um ein bißchen frische Luft zu schöpfen und sich ein wenig Bewegung zu machen. Er hatte alle Zähne verloren und konnte nur mit dem einen Auge sehen. Bei dem wilden Apfelbaum blieb er immer ein Weilchen stehn und rieb sich an dem Stamm.

»Ich tu's der Flöhe wegen!« sagte der Hund.

»Bitte schön!« erwiderte der Apfelbaum freundlich. »Laß dich nur gar nicht stören, wir kennen uns ja, seitdem du ein junges Hündchen warst und mit der Peitsche des Försters Bekanntschaft machtest, wenn du nicht gehorchen wolltest. Es ist mir immer ein Vergnügen, einem alten Freund einen Dienst zu erweisen. Übrigens hast du ja genug Apfelbäume näher bei der Hand ... da drinnen im Garten, meine ich. Warum reibst du dich nicht an denen?«

»Ehre, wem Ehre gebührt!« sagte der Hund. »Die richtigen Apfelbäume mögen recht gut sein für ihre Zwecke, aber du bist so schön knorrig!«

»Ich bin der richtige Apfelbaum!« entgegnete jener gekränkt. »Die da drinnen sind verkrüppelte Geschöpfe, die die Menschen sich aufgezogen haben. Sie wachsen an den Stellen, an die der Förster sie setzt, und lassen sich ihrer Früchte berauben, sobald es ihm paßt. Ich bin wild gewachsen und mein eigner Herr!«

Der Hund rieb sich und schüttelte den klugen, alten Kopf.

»Du hättest lieber auch in den Dienst des Menschen treten sollen, lieber Freund,« sagte er. »Da ist man gut aufgehoben. Und was soll denn sonst aus so alten Gesellen wie dir und mir werden? Natürlich muß man tun, was von einem verlangt wird, aber zur Entschädigung kriegt man auch, was man braucht.«

»Daher hast du vielleicht deine Flöhe gekriegt?« fragte der Apfelbaum spöttisch.

Aber der Hund war schon wieder auf den Hof zurückgetrabt und hörte es darum nicht mehr.

Gleich darauf kam eine Amsel geflogen und setzte sich auf einen der dicksten Äste des Baums.

Sie schlug mit den Flügeln um sich und strich den Schnabel an dem Zweige ab.

»Gesegnete Mahlzeit!« sagte der Apfelbaum. Er wußte ja, daß die Amsel es nach dem Essen immer so machte, und er war ein höflicher Baum, solange man ihm nicht zu nahe trat.

»Danke!« erwiderte die Amsel und strich ihren Schnabel weiter.

»Du hast heut aber viel Arbeit!« meinte der Baum.

»An meinem Schnabel sitzt ein Stein,« sagte die Amsel. »Er sitzt da, als wäre er angeleimt; und ich kann ihn nicht herunterbekommen, soviel ich auch streichen mag.«

»Was hast du denn gefressen?«

»Wunderschöne weiße Beeren! Ich hab noch nie etwas so Feines gekostet – und auf Beeren verstehe ich mich, wie du weißt. Es war weit, weit von hier, und nun bin ich anderthalb Tage mit dem dummen Stein geflogen. Fortwährend hab ich versucht, ihn abzustoßen ... So, Gott sei Dank! ... nun ist er herunter. Jetzt sitzt er an dir, du alter wilder Apfelbaum. Du wirst sehn, du wirst ihn nie wieder los!«

»Laß ihn ruhig sitzen!« sagte der Apfelbaum vergnügt. »Und mach dir deshalb keine Sorgen! wenn es anfängt zu regnen und zu wehen, dann wird er sich schon bald empfehlen.«

Die Amsel flog davon, und der wilde Apfelbaum stand nachdenklich da, mit dem Stein auf seinem Ast. Am Abend regnete es in Strömen, und der Stein glitt langsam an dem nassen Ast hinab, bis er auf der untern Seite lag.

»Jetzt plumpst er hinunter!« dachte der Baum.

Aber der Stein plumpste durchaus nicht. In der Nacht brach ein fürchterlicher Sturm los, und alle Bäume bogen sich krachend. In dem Garten des Försters fielen die Gravensteiner und die Goldrenetten und Taubenäpfel scheffelweis zur Erde. Aber der Stein blieb fest sitzen, wo er saß.

»Das ist doch sonderbar!« dachte der wilde Apfelbaum. Und als der Hund am Morgen herangetrabt kam, erzählte ihm der Baum von dem merkwürdigen Gegenstand.

»Was mag das für ein Bursche sein?« fragte er.

»Sicherlich ist's ein Floh!« sagte der Hund und rieb sich. »Die wird man nie los. – – – Hüpft er auf dir herum? Beißt er?«

»Das nicht!« erwiderte der Apfelbaum, »heut nacht ist er ganz sacht auf die untere Seite meines Asts hinabgeglitten, und er ist mir ja nicht weiter hinderlich.«

»Dann ist es bestimmt kein Floh!« erklärte der Hund.


Der Herbst rückte vor, und alle die guten Äpfel im Garten wurden gepflückt und gegessen oder auf dem Speicher aufbewahrt. Um den wilden Apfelbaum kümmerte sich niemand. Seine Früchte ließ man auf den Zweigen, bis sie von selbst zur Erde fielen; da lagen sie und verfaulten, Aber dem Baum war es ganz recht so. Er wußte, daß lauter kleine wilde Apfelbäume daraus entstehen würden, und darum hatte er ja diese Früchte an sich wachsen lassen.

Dann kam der Winter mit Frost und Schnee. Der alte Hund lag den ganzen Tag in der Stube unterm Ofen. Der wilde Apfelbaum aber stand draußen im Schnee, und unter seinem Ast saß immer noch der sonderbare Stein.

Als es wieder Frühling wurde, kam der Hund eines Tages um die Hecke getrabt.

Er bewegte sich langsamer vorwärts als im vorigen Jahr, und jetzt war er auch auf dem andern Auge fast ganz blind. Aber er fand doch den Weg zu dem Apfelbaum und rieb sich so heftig an ihm, daß man merken konnte, daß er immer noch Flöhe hatte.

»Alles beim alten, Hund?«

»Jawohl, Apfelbaum ... auch bei dir?«

»Nun sollst du hören,« sagte der Baum. »Du entsinnst dich doch noch des Steins, den die Amsel mir gebracht hat, nicht wahr? Sieh mal ... vor kurzer Zeit merkte ich an der Stelle, wo er saß, ein ganz merkwürdiges Stechen, Jucken und Brennen.«

»Dann ist es doch ein Floh,« sagte der Hund.

»Hör weiter! Es war also ein höchst unangenehmes Gefühl. Und dann schwoll mein Ast an der Stelle an ...«

»Es ist ein Floh, es ist ein Floh!« rief der Hund. »Daran ist gar kein Zweifel. Reib dich bloß an mir, du alter Apfelbaum! Das ist das einzige, was ein bißchen lindert; und es ist nur recht und billig, daß ich mich erkenntlich zeige.«

»Wie sieht ein Floh aus?« fragte der Apfelbaum.

»Tja,« erwiderte der Hund und rieb sich. »Man hat eigentlich nie richtig Zeit, sich die Burschen anzusehn.«

»Hat er grüne Blätter?«

»Nicht daß ich wüßte!«

»Guck mal hierher!« sagte der Baum. »Da ... auf meinem untersten Ast ... gleich über deinem Kopf ... ist das ein Floh?«

Der alte Hund stellte sich auf die Hinterbeine und schaute blinzelnd mit seinen blinden Augen hinauf.

»Ich kann nicht so weit sehen,« rief er. »Aber ich habe auch nie die Flöhe auf meinem eignen Schwanz sehen können, also das hat nichts zu sagen.«

Damit schlich er weiter.

Aber nach einer Weile ließ sich eine dünne Stimme auf dem Ast des Apfelbaums vernehmen:

»Ich bin kein Floh. Ich bin die Mistel.«

»Nun bin ich ebenso klug wie zuvor,« meinte der Apfelbaum.

»Ich bin eine Pflanze wie du,« erklärte die Stimme. »Ich werde zu einem Busch ... mit Wurzeln, Zweigen, Blüten und Blättern.«

»Warum wächst du dann nicht in der Erde wie wir andern?« fragte der wilde Apfelbaum.

»Das wäre gegen meine Natur,« erwiderte die Mistel.

»Dann hast du eine schlechte Natur,« sagte der Apfelbaum und schüttelte sich wütend, daß seine weißen Blüten zur Erde rieselten. »Denn so viel begreife ich nun, daß ich dich Faulpelz ernähren soll.«

»Danke sehr ... wenn du so gut sein willst! Meine Wurzeln sitzen schon ganz fest in dir und wachsen täglich. Bald treibe ich kleine grüne Blüten ... An denen ist allerdings nicht viel, aber dann kommen die Beeren, wunderschöne, saftige, weiße Beeren ... Die Amsel ist ganz versessen auf sie.«

»Die Amsel ist ein sehr netter Vogel,« entgegnete der Apfelbaum, »aber wenn sie bei mir etwas zu essen wünscht, so stehen ihr meine eignen Äpfel zur Verfügung.«

»Glaube nicht, daß ich die Beeren der Amsel wegen habe,« bemerkte die Mistel. »In der Beere ist ein Stein, und in diesem Stein liegt mein Same. Der Stein ist so klebrig, daß er am Schnabel der Amsel hängen bleibt, bis sie ihn an irgendeinem schönen alten Apfelbaum abstreift, der Pflegemutter für mein Kind sein will, wie du für mich.«

»Das ist ja eine saubere Familie!« rief der Apfelbaum. »schämst du dich nicht, auf Kosten andrer Leute zu leben? Und kannst du deinen Samen nicht auf die Erde werfen, wie unsereins es tut, und ihn sich selber überlassen?«

»Nein,« sagte die Mistel. »Das kann ich nicht. Aber es hat keinen Zweck, dir das auseinanderzusetzen. Es haftet mir etwas Dunkles, Vornehmes an, das mich über die andern Pflanzen erhebt. Die Menschen verstehen es. Sie haben schöne, seltsame Sagen und Lieder von mir gedichtet ... denk einmal, in England können sie nicht Weihnachten ohne mich feiern. Sie hängen einen meiner Zweige unter der Decke auf. Und wenn sie dann tanzen und dabei unter den Zweig kommen, dürfen sie einander küssen.«

»Pah!« brummte der wilde Apfelbaum. »Das ist gerade der Rede wert! Es gibt wohl kein Brautpaar hier in der Gegend, das nicht in meinem Schatten gesessen und Küsse getauscht hat!«

»Du verstehst immer noch nicht, worin das Vornehme besteht, lieber Freund,« erwiderte die Mistel. »Brautleute können einander natürlich küssen, wo sie wollen, wer aber unter dem Mistelzweig tanzt, muß dem andern einen Kuß geben ... auch wenn es kein Brautpaar ist.«

»Was sind das für garstige ausländische Unsitten! Aber wo du mit dabei bist, da kann man ja nichts Bessres erwarten. Na, hoffentlich erfrierst du in Grund und Boden, wenn's Winter wird.«

»Das tu ich ganz sicher nicht! Wenn deine Blätter verwelken und zur Erde fallen und du mit nackten Zweigen im Schnee stehst, dann sind die meinen so frisch und grün wie immer. Ich grüne Sommer und Winter, mußt du wissen.«

Der wilde Apfelbaum war so erbost, daß er gar nicht wußte, was er antworten sollte. Doch als der Hund sich am nächsten Tage einfand, erzählte der Baum ihm das Ganze.

»Dann ist es also doch ein Floh,« meinte der alte Hund. »So gewissermaßen wenigstens. Du mußt ihn durch Reiben loszuwerden suchen. Das ist das einzige, was da helfen kann.«

»Ich bin kein Hund und kann nicht herumrennen und mich reiben,« sagte der Apfelbaum. »Aber für einen anständigen Baum ist es in so hohem Alter recht hart, sich so etwas gefallen lassen zu müssen.«

»Verlier nur die Ruhe nicht!« ermahnte die Mistel, »Wer weiß, ob du nicht doch noch einmal Freude an mir erleben wirst!«


Im nächsten Sommer kam ein alter Professor mit einer Brille auf der Nase und einer gewaltigen grünen Botanisiertrommel auf dem Rücken durch den Wald gewandert.

Er ließ sich unter dem wilden Apfelbaum nieder, um zu frühstücken; dabei versank er in Gedanken, lehnte den Kopf gegen den Stamm und blickte ins Laub hinauf.

Plötzlich sprang er in die Höhe, das Butterbrot glitt aus seiner Hand, und scharf betrachtete er die Mistel. Er nahm die Brille ab, wischte mit dem Rockzipfel über die Gläser, setzte sie wieder auf die Nase und starrte von neuem hinauf.

Dann lief er in das Forsthaus hinein und holte den alten Förster.

»Sehen Sie sich den Baum da mal an!« rief er begeistert. »Das ist der merkwürdigste Baum im ganzen Walde.«

»Der da?« meinte der Förster. »Das ist ja nur ein alter wilder Apfelbaum. Da sollten Sie mal die Apfelbäume in meinem Garten sehen!«

»Die sind mir ganz gleichgültig!« sagte der Professor. »Dieser Baum aber interessiert mich, weil eine Mistel darauf wächst, sie müssen wissen, daß die Mistel eine Seltenheit für unser Land ist. Der Baum muß sofort eingezäunt werden, damit er nicht beschädigt wird. Denn wenn der Baum abstirbt, stirbt auch die Mistel.«

Und so geschah es. Der alte Apfelbaum wurde eingezäunt. Der Professor schrieb in der Zeitung einen Artikel über seine Entdeckung; und alle Leute, die in die Gegend kamen, suchten den Apfelbaum und die Mistel auf. –

»Nun?« fragte die Mistel.

»Mein liebes, liebes Pflegekind!« sagte der Baum. »Wenn du irgendeinen Wunsch haben solltest, so sag es nur ja!«

Und als der alte Hund des Försters herauskam und sich an dem Baum wie gewöhnlich reiben wollte, blieb er erstaunt stehen und starrte mit seinem einen halbblinden Auge auf die Einzäunung.

»Geh in den Garten und reib dich an den richtigen Apfelbäumen!« sagte der wilde Apfelbaum vornehm. »Ich trage eine Mistel auf meinem Ast und muß mit der größten Vorsicht behandelt werden, wenn ich absterbe, stirbt auch die Mistel ab, verstehst du. Ich hab in der Zeitung gestanden! Ich bin der wichtigste Baum im ganzen Walde!«

»Ja, wichtig bist du!« brummte der Hund und trabte wieder nach Hause.

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