Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Ewald >

Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 21
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
Schließen

Navigation:

Der kleine Junge und sein Magen

Es war einmal ein kleiner Junge, der hatte einen Magen.

Wenn nun auch alle Jungen einen Magen haben, so waren dieser Junge und dieser Magen doch besonders merkwürdig.

Sie waren stets miteinander verfeindet, und zwar, obwohl der Junge ein guter Junge und der Magen ein guter Magen war. Man hat ja so etwas schon öfter gehört, selbst unter ordentlichen Menschen.

Was sie veruneinigte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Pflaume.

Der Junge liebte Pflaumen sehr und der Magen seinerseits auch – er wollte nur nicht zu viele auf einmal haben.

Er wollte sechs haben. Aber der Junge wollte sieben haben.

Daraus entstand das ganze Unglück. Denn der Magen wie der Junge waren eigensinnig, und keiner wollte nachgeben.

Wenn der Junge dasaß und Pflaumen verzehrte, so ging es bei den ersten sechs ausgezeichnet. Der Junge ließ es sich schmecken, und der Magen sagte kein Sterbenswörtchen.

Dann nahm der Junge die siebente. Und da er die Ansicht des Magens in dieser Angelegenheit kannte und ein kleiner Spaßmacher war, rief er:

»Da, bitte schön, Magen!«

Und damit schluckte er die Pflaume mit dem Stein in aller Hast hinunter.

»Bitte schön, mein Junge!« rief der Magen.

Und im selben Augenblick hatte der Junge die entsetzlichsten Magenschmerzen.

Dann gab man ihm Öl zu trinken.

Und wenn es schließlich herauskam, daß er Pflaumen gegessen hatte, erhielt er obendrein Prügel, denn er durfte ja nicht so ohne weiteres selber zulangen.

Amüsant war die Sache also nicht.

Trotzdem begann er von neuem, sobald die Geschichte überstanden war. Denn er aß nun mal so unglaublich gern Pflaumen. Und dann meinte er auch, es sei eine Schande für einen gesunden Jungen, sich von seinem Magen kujonieren zu lassen.

Eines Abends saß er auf der Treppe und dachte nach.

Er hatte seine Schularbeiten gemacht, war unten am Pflaumenbaum gewesen und hatte gezählt, daß genau noch vierzehn Pflaumen übrig waren.

»Noch zweimal werd ich mich mit dir zanken, du dummer Magen,« sagte er. »Und wenn ich dieses Jahr nicht mit dir fertig werde, dann wart nur bis zum nächsten Sommer!«

»Ja, ich laufe dir nicht fort, lieber Freund,« antwortete der Magen, »wo du bist, werde ich auch sein. Übrigens denke ich, wir sehen uns zu Weihnachten. Honigkuchen sind auch etwas Schönes ... oder hast du vergessen, wie gemütlich es im letzten Jahre war?«

»Ich habe nichts vergessen,« sagte der Junge und ballte seine Fäuste. »Du bist ein garstiger, boshafter Geselle, und ich will mich mit dir herumschlagen, so lange ich lebe.«

»Das solltest du nicht tun!« sagte der Magen ruhig. »Es gibt genug Zank hier in der Welt, und ein kluger Mann hält Frieden mit seinem Magen. Ich hätte dich für größer und vernünftiger gehalten.«

»Danke ... das kennen wir,« erwiderte der Junge. »Das sagt man immer zu einem kleinen Jungen, wenn man haben will, daß er etwas Langweiliges tut. Aber jetzt bin ich müde und will zu Bett. Dann kannst du rumoren, solange es dir Spaß macht. So ein Bursche, der immer nur die Leute ärgert!«

»Glaubst du nicht, daß ich meine Arbeit zu verrichten habe?« fragte der Magen, »hör einmal ... darf ich dir einen Vorschlag machen?«

»Handelt es sich um sechs Pflaumen dabei, so kannst du ebensogut schweigen,« erwiderte der Junge. »Ich habe sie gezählt. Es sind vierzehn. Und 14:2 = 7. Ich ergebe mich nicht.«

»Nein,« sagte der Magen. »Es handelt sich um so viele Pflaumen, wie du willst.«

»Dann handelt es sich um sehr viele,« sagte der Junge. »Laß mal hören!«

»Ich schlage dir vor, daß du für einen Tag meine Geschäfte übernimmst. Oder wir wollen sagen: für vierundzwanzig Stunden ... vom einen bis zum andern Morgen. Dann siehst du mich vielleicht mit milderen Augen an.«

Der Junge saß ein Weilchen grübelnd da. Hierauf fragte er:

»Dann bestimme ich also selbst, ob ich Magenschmerzen haben soll oder nicht?«

»Du bestimmst das alles selbst,« war die Antwort. »Du besorgst meine Geschäfte; und wie du sie besorgst, so werden sie gehen.«

»Abgemacht!« rief der Junge.

Sie verabredeten, daß sie am nächsten Morgen beginnen wollten. Der Junge ging zu Bett und träumte die ganze Nacht davon, wie schön das sein werde.

Er stand früh auf; und das erste, was er tat, war, daß er in den Garten hinunterschlich, die vierzehn Pflaumen abpflückte und an einem sicheren Orte verwahrte, den nur er kannte. Darauf trank er seine warme Milch und aß wie gewöhnlich seine drei Zwiebäcke, nahm sein Buch und begab sich auf den Weg zur Schule. Als er kaum zur Tür hinaus war, begann der Magen, ganz fürchterlich zu schreien.

»Bist du denn nicht recht gescheit, Junge ... so zu rennen?«

»Guten Morgen, Magen,« sagte der Junge. »wir müssen uns sputen, sonst kommen wir zu spät in die Schule.«

»Und an die Milch und die drei Zwiebäcke denkst du gar nicht?« fragte der Magen.

»Was ist mit ihnen? Sie haben mir recht gut gemundet.«

»Ja ... danke schön. Das ist dein Anteil am Geschäft, dir das Essen schmecken zu lassen. Aber heute hast du außerdem auch den meinen übernommen: das Essen zu verdauen.«

»Na,« meinte der Junge. »Mit so ein paar Zwiebäcken kann's wohl nicht allzu gefährlich sein. – wie lange dauert das?«

»Bis zum Frühstück,« antwortete der Magen.

»Dann muß damit gewartet werden,« sagte der Junge.

»Ich glaube, du bist nicht recht bei Trost,« sagte der Magen. »Glaubst du, ich könnte warten?«

»Du mußt,« erwiderte der Junge; »denn ich muß zur Schule. Vater sagt, wenn ich die Schule vernachlässige, werde ich niemals ein tüchtiger Mann werden. Also verwahren wir die Zwiebäcke bis 1 Uhr. Punktum.«

»Unsinn! Dein Vater redet, soweit sein Verstand reicht. Du hast ihm ja auch noch nichts von unsrer Übereinkunft erzählt. Ein Junge ist ein Junge, und ein Wort ist ein Wort.«

»Können wir denn nicht bis zur Pause warten?« fragte der Junge wehleidig.

»Ich will dir was sagen, mein Freund,« entgegnete der Magen. »Es mag sein, daß du kein tüchtiger Mensch wirst, wenn du die Schule vernachlässigst. Aber wenn du die Zwiebäcke vernachlässigst, dann stirbst du. Gekaut hast du sie schon oberflächlich genug ... es ist ein Stück dabei, auf das du verflixt gut acht geben mußt; das will ich dir nur sagen.«

»Nun hab ich Morgen für Morgen, soweit ich zurückdenken kann, Zwieback gegessen!« rief der Junge, im Begriff, in Tränen auszubrechen. »Und noch nie hat es solchen Spektakel deshalb gegeben.«

»Nein,« sagte der Magen. »Denn ich habe für die Zwiebäcke und für alles gesorgt. Heute hast du die Ehre und das Vergnügen. – Aber jetzt setz dich vorsichtig hier auf die Bank, dann will ich dir das Ganze erklären.«

Das tat der Junge. Aber er war ganz verzweifelt.

»Siehst du,« sagte der Magen. »Meine Arbeit, die du heute übernommen hast, ist die Verdauung. Du ißt, um groß und stark zu werden, damit du selber einmal einen Jungen bekommen und durchprügeln kannst, wenn er Pflaumen aus deinem Garten nimmt.«

»Na, er kann sich auf etwas gefaßt machen! Er wird nette Prügel kriegen.«

»Aber damit, daß man das Essen in den Mund steckt, ist es nicht getan. Das ist sogar das allerwenigste dabei. Wäre sonst nichts nötig, so brauchtest du gar keinen Magen.«

»Hätte ich doch bloß keinen!« seufzte der Junge.

»Unterlaß deine Ungezogenheiten,« sagte der Magen. »Und hör zu. Da sind nun also die Zwiebäcke, wenn du sie gekaut und in deinem Munde mit Speichel vermischt hast, schluckst du sie hinunter, und dann gelangen sie in mich hinab, damit ich sie in Behandlung nehmen kann. Je schlechter du sie gekaut hast, desto mehr Mühe habe ich. Ringsum in mir befinden sich kleine Fabriken, worin ich etwas herstelle, das Magensaft heißt; hiermit müssen die Zwiebäcke und die Milch sorgfältig vermengt werden.«

»Bist du bald fertig?« fragte der Junge. »Du bist noch langweiliger als der Lehrer.«

»Ich habe kaum angefangen,« entgegnete der Magen, »wenn die Zwiebäcke mit dem Magen fertig sind, gelangen sie in den Darm. Dort befinden sich viele Fabriken, die Darmsaft herstellen, und damit sollen sie nun vermischt werden, wenn das geschehen ist, kommen wir an neue Fabriken, die Amylopsin herstellen, andere, die Trypsin verfertigen, und wieder andre, die Steapsin fabrizieren ...«

»Halt einmal,« sagte der Junge. »Das sind viel zu schwere Worte für einen kleinen Jungen. Ich verstehe keine Silbe davon.«

»Das ist schlimm für dich,« erklärte der Magen. »Da du doch das Geschäft übernommen hast! – Danach kommt die Galle an die Reihe ... und dann ...«

Doch da brach der Junge in Tränen aus, als ob er gepeitscht würde.

»Nicht heulen,« sagte der Magen. »Das verzögert nur die Verdauung.«

Und jetzt hielt der Magen noch einen langen Vortrag darüber, wie der kleine Junge es am besten anfange, zuerst ein wenig auf dem Rücken zu liegen und sich zu strecken und zu recken und den Körper auf die merkwürdigste Art zu verrenken, damit alles ordentlich zugehen könne.

Als die Sache mit den Zwiebäcken endlich in Ordnung war, war die Frühstückszeit weit überschritten und der Junge war ganz erschöpft.

»Iß jetzt dein Frühstück,« sagte der Magen. »Dann wirst du dich schon erholen.«

Der Junge tat es, und es schien auch zu helfen.

Aber da fiel ihm die Schule ein, und er geriet ganz außer sich vor Schreck.

»Was soll ich nur machen, was soll ich nur machen!« rief er und trippelte von einem Bein auf das andre. »Ich bekomme einen Tadel, und was soll ich dann zu Hause sagen!«

Er nahm seine Bücher und sprang auf. Doch da schrie der Magen:

»Junge, Junge! Hast du deinen Verstand verloren?«

»Was ist denn los?« fragte der Junge.

»Willst du nicht an das Frühstück denken?« sagte der Magen, »willst du jetzt wieder wegrennen? Du bist der ungelehrigste Junge, den ich in meinem Leben getroffen habe.«

Und nun fing die Geschichte von vorne an.

Der Magen hielt wieder seinen Vortrag, und der Junge gab sich die größte Mühe, daß alles ging, wie es gehen sollte.

Und doch ging es nicht gut.

»Wie lange dauert die Geschichte?« fragte er.

»Natürlich bis zum Mittagessen,« antwortete der Magen.

Der Junge saß im Gebüsch und schalt und weinte abwechselnd, aber es half ihm nichts. Hervorzukommen, bevor die Schule aus war, wagte er nicht; und da er keine Uhr hatte, konnte er nicht wissen, wie spät es war; drum kam er gerade erst zu Tisch nach Hause.

»Warum bist du nicht gleich aus der Schule nach Hause gekommen?« fragte die Mutter.

Nun mußte er eine Geschichte erfinden.

»Wie ist es heute in der Schule gegangen?« fragte der Vater.

Da mußte er noch eine Geschichte erfinden.

Er war ärgerlich, daß er so lügen mußte. Denn im Grunde war er ein ehrlicher Junge, der nicht log, außer wenn es unbedingt notwendig war.

Als sie nun beim Mittagessen saßen, war er so todmüde und elend, daß er nichts essen konnte. Zu allem Unglück gab es an dem Tage Kartoffelbrei und Speck, ein Gericht, das er nicht leiden mochte. Natürlich glaubten alle, er wolle nichts essen, weil er wählerisch und eigensinnig sei. Er bekam Schelte und wurde an den Ohren gezogen, daß es zum Verzweifeln war.

»Iß!« befahl der Magen. »Sonst wirst du es bereuen. Du kannst Stärkung gebrauchen.«

»Nein,« sagte der Junge und biß die Zähne zusammen.

Niemand hörte das Gespräch zwischen den beiden. Es kommt selten vor und ist gar nicht schön, wenn einer hört, was der Magen eines kleinen Jungen sagt.

Am Nachmittag ging es ihm ein ganz Teil besser. Aber er war in schlechter Laune, weil er gelogen hatte. Und sie waren alle böse auf ihn, weil sie glaubten, er wolle eben nur nicht alles essen.

Er ging hinunter und sah nach den vierzehn Pflaumen, zählte sie, hatte aber seltsamerweise keine Lust, sie zu essen.

»Willst du nicht eine kleine Pflaume nehmen?« fragte der Magen freundlich.

»Wart du nur!« rief der Junge wütend und ballte die Hände in der Tasche.

Er war überzeugt, daß der Igel sie in der Nacht essen würde, wenn er es nicht täte. Und doch meinte er, nicht daran denken zu können, sie herunterzukriegen.

Leim Abendessen wurde ihm der Brei vorgesetzt. Denn er mußte natürlich essen, was er mittags übriggelassen hatte. Da er sehr hungrig war, tat er's und verzehrte obendrein noch zwei große Schmalzschnitten.

Dann ging er in den Garten und aß alle vierzehn Pflaumen.

»So,« sagte er zum Magen. »Ich weiß recht gut, daß ich jetzt wieder Beschwerden mit dir haben werde. Aber das mag sein, wie es will. Ich gehe jetzt zu Bett und werde bald einschlafen. Dann magst du predigen, soviel du Lust hast.«

»Ich fürchte, mit dem Schlaf wird es nichts werden,« erwiderte der Magen, »wir müssen den Brei und die beiden Schmalzschnitten verarbeiten. Wie es mit den vierzehn Pflaumen gehen soll, daran wage ich nicht zu denken. Du weißt, daß es für mich schon zu viel war, wenn es sieben waren. Und ich war doch geübt darin. Der liebe Gott mag wissen, wie es dir mit den vierzehn ergehen wird.«

Nie hatte der Junge eine solche Nacht erlebt. Es rumorte und wütete in ihm, und das Zerren und Reißen wollte nicht aufhören. Er seufzte und stöhnte und weinte, drehte sich im Bette herum, setzte sich aufrecht und legte sich nieder, ging mit bloßen Beinen durchs Zimmer und erkältete sich fürchterlich. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und so oft er versuchte, die Augen zuzumachen, rief der Magen ihn an:

»Haben wir Zeit zu schlafen?«

Als seine Mutter am nächsten Morgen zu ihm ins Zimmer trat, bekam sie einen tüchtigen Schreck.

»Gott erbarme sich, Junge, wie siehst du aus!« rief sie. »Du hast sicherlich nicht an deinen Magen gedacht.«

»Doch, Mütterchen, das habe ich,« sagte er und weinte gottsjämmerlich.

Sie verließ das Zimmer wieder, um den Arzt holen zu lassen.

»Na, lieber Freund,« sagte der Magen. »Die vierundzwanzig Stunden sind jetzt vorbei, sollen wir den Kontrakt erneuern?«

»Nein!« schrie der Junge.

»Du meinst, das beste ist, ich übernehme meine Geschäfte wieder selber?«

»Ja,« sagte der Junge.

»Und nun hast du gelernt, daß der Magen genug zu tun hat und unmöglich Zeit findet, alle die Pflaumen zu verdauen, die ein kleiner Junge in ihn hineinstecken möchte?«

»Ja,« sagte der Junge.

»Und nun willst du dich in Zukunft hübsch mit sechs begnügen?«

»Die Pflaumenzeit ist vorbei,« brummte der Junge verdrießlich. »Also brauchst du keine Angst mehr zu haben.«

»Die Pflaumenzeit kommt wieder,« sagte der Magen. »Aber wenn du dir deinen Magen von Grund aus verdorben hast, dann hast du immer daran zu schleppen.«

Von dem Tage an waren sie gute Freunde. Und damit ist die Geschichte von dem kleinen Jungen und seinem Magen aus.

Man denkt ja auch nur an seinen Magen, wenn er nicht in Ordnung ist.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.