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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Vier feine Freunde

Auf dem Felde dicht hinter der Gartenhecke liegt die Mergelgrube.

Sie besteht aus einem großen, tiefen Loch, dessen Boden mit garstigem, hellgelbem Wasser bedeckt ist. Auf den Böschungen wächst nacktes, fahles Gras; und von den großen und kleinen Steinen, die dort liegen, löst sich von Zeit zu Zeit der eine oder andere und plumpst klatschend ins Wasser hinab.

Über den Abhang, der dem Garten zugekehrt ist, läßt ein Haselnußstrauch seine Zweige herabhängen. Sie reichen so weit über die Grube, daß die Knaben nie an die Nüsse an der Spitze der Zweige heran können, sondern sich darein finden müssen, daß die runden braunen Burschen jeden Herbst in die Mergelgrube hinabfallen.

Wenn die Sonne so recht glühend herniederbrennt, dann kommt wohl vom Felde eine durstige Kuh und hält ihren großen, gehörnten Kopf über den Rand und brummt, weil sie nicht an das Wasser gelangen und trinken kann, und dann geht sie wieder ihrer Wege. Sonst ist's immer still an der Mergelgrube.

Aber im vorigen Sommer trafen sich ganz oben auf dem Abhang unter der Haselnußhecke jeden Abend bei Sonnenuntergang vier feine Freunde.

Eine seltsame Freundschaft verband sie, denn jeden Abend waren sie nahe daran, einander aufzufressen. Und doch vertrugen sie sich schließlich immer wieder und plauderten eine halbe Stunde vernünftig zusammen.

Da war zunächst die Uferschwalbe. Sie hatte ihr Nest tief in dem Abhang. Dicht unterm Rande, mitten in dem gelben Steinschutt, war ein schwarzes Loch, das war die Tür zur Wohnung. Hatte die Schwalbe sich für den Tag fertig gemacht, so saß sie gern ein wenig draußen, ruhte ihre langen, spitzen Flügel aus und starrte in die Welt.

Der zweite der vier Freunde war der Nachtfalter, ein großer grauer Geselle mit vier weichen, wolligen Flügeln. Er schwebte in ewiger Angst vor der Schwalbe. Den ganzen Tag saß er mit zusammengelegten Flügeln tief unter einem großen Huflattichblatt versteckt. Denn seine Arbeitszeit war die Nacht; erst wenn es dunkel wurde, flog er aus, aber nie bevor die Schwalbe gute Nacht gesagt hatte und in ihr Haus gekrochen war.

Der dritte im Bunde war eine muntere kleine Waldmaus. Ganz braun war sie, und sie hatte kluge schwarze Äuglein, sie wohnte tief unten in der Hecke, wo die Wurzeln des Nutzstrauchs sich zu einem regelrechten Netz verflochten. Nacht für Nacht lief sie über die Hecke in den Garten, denn sie war ein Nachtschwärmer wie der Nachtfalter.

Die Waldmaus hatte große Angst vor dem Igel, und der war just der vierte der Gesellschaft.

Nicht weit von dem Mauseloch war ein großer Stein aus der Hecke hervorgerollt, und unter ihm hatte der Igel sich seine Höhle eingerichtet. Er schlief den ganzen Tag und wachte, wie die beiden zuletzt genannten der vier Freunde, erst auf, wenn die Dämmerung hereinbrach. Dann kroch er an der Hecke entlang bis zu dem Pförtchen hin, schlüpfte darunter her in den Garten und verschlang alles, was er erwischen konnte, – Stachelbeeren und abgefallene Äpfel, Schlangen und Kröten, Schnecken, Nüsse, Maikäfer und Mäuse.

Wenn sich nun die vier Freunde am Abend trafen, dann waren also der Igel, die Maus und der Nachtfalter im Begriff, ihre Arbeit zu beginnen, während die Schwalbe müde war und zu Bett gehn wollte.

»Eigentlich müßte ich dich fressen, Nachtfalter!« sagte die Schwalbe. »Du bist weich und vielversprechend, aber ich mag heute abend nicht mehr.«

»Auch ich könnte dich bequem verspeisen,« pfiff die Maus und guckte nach dem Nachtfalter hinauf, der wie Espenlaub zitterte und sich unter seinem Matte verkroch.

»Und mir wird es ein Vergnügen sein, euch alle drei zu fressen,« grunzte der Igel. »Mäusebraten mit Nachtfaltersalat und danach Schwalbenragout. Eine recht schöne Mahlzeit!« Er schnalzte mit der Zunge und klapperte so fürchterlich mit seinen starken Zähnen, daß die Maus und die Schwalbe wie der Blitz in ihren Behausungen verschwanden, während der Nachtfalter sich vor Angst nicht zu lassen wußte. Dem Igel machte die Furcht der drei den größten Spaß; aber bald darauf sagte er gnädig:

»Kommt nur ruhig hervor! Ich bin augenblicklich nicht zum Fressen aufgelegt. Gestern hab ich drei fette Mäuse und eine leckre junge Lerche verspeist.«

Aber er mußte ihnen lange gut zureden, bis die Schwalbe und die Maus die Köpfe wieder hervorsteckten; der Nachtfalter aber ließ sich nicht aus seinem Versteck herauslocken.

»Nun will ich euch etwas sagen,« erklärte der Igel. »Es sieht heut abend nach Regen aus, und den mag wohl niemand von uns leiden. Was meint ihr dazu, wenn jeder von uns eine Geschichte erzählte?«

»Was für eine Geschichte sollte das sein?« fragte die Schwalbe.

»Eine Geschichte vom Essen,« erwiderte der Igel. »Etwas Besseres als Essen gibt es nicht auf der Welt, und abgesehen vom Gutessen gibt es nichts so Gemütliches, wie wenn man jemanden eine gute Geschichte vom Essen erzählen hört.«

»Ach Gott!« seufzte der Nachtfalter.

»Was gibt es da zu stöhnen?« knurrte der Igel.

»Es gibt denn doch etwas höheres im Leben als das Essen!« rief die Schwalbe.

Die Maus aber saß da und nagte an einer Nuß, die vor ihr Loch gerollt war, und sie sagte gar nichts.

»Ja, du bildest dir was darauf ein, daß du fliegen kannst!« meinte der Igel. »Aber ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, eine Geschichte vom Essen zu hören; und ich finde, ihr solltet euch mir fügen. Sonst ...«

Er schnalzte wieder mit der Zunge und klapperte mit den Zähnen, daß ein Schauder die drei andern überlief.

»Gut,« sagte die Schwalbe. »Dann erzählen wir also. Aber wer soll den Anfang machen?«

»Der Nachtfalter,« bestimmte der Igel.

»Gott!« rief der Falter.

»Bloß nicht zimperlich wie eine alte Jungfer!« mahnte der Igel. »Du bist dazu ausersehen zu beginnen. Und nun sträub dich nicht!«

»Ja ... das will ich auch nicht,« sagte der Nachtfalter. »Ich möchte ja gern erzählen, aber ...«

»Nun?«

»Ich esse nie,« gestand der Nachtfalter kläglich.

»Nun brat mir einer 'nen Storch!« rief der Igel.

Und die Maus hörte auf zu kauen, die Schwalbe kroch fast ganz aus ihrer Tür hervor und wollte sich den sonderbaren Gesellen ansehen, der nie aß.

»Gott behüte!« sagte die Schwalbe. »Daß das Leben nur zum Essen da wäre, habe ich nie behauptet. Aber überhaupt nicht essen – das ist denn doch wohl übertrieben!«

»Ich finde es unnatürlich,« bestätigte die Maus und machte sich wieder über ihre Nuß her.

»Und ich halte es für eine Lüge!« erklärte der Igel.

»Nein,« sagte der Nachtfalter. »Eine Lüge ist es nicht.«

»Na, dann erzähl mal, wie sich das verhält!« gebot der Igel.

Und der Nachtfalter erzählte.

Die Geschichte des Nachtfalters.

»Einst habe ich wie andere Tiere Nahrung zu mir genommen, und zwar gehörig. Ich glaube, ich habe damals nichts andres getan als gegessen. Aber das ist schon so lange her, daß ich mich kaum mehr darauf besinnen kann. Es war in meiner frühesten Kindheit; ich war damals eine Larve und sah ganz anders aus als jetzt. Eine kleine, weiche Raupe war ich; doch mit jedem Tag wurde ich größer und dicker. Ich kroch auf den Blättern der Bäume umher und fraß sie auf, so daß nur die Rippen übrig blieben.

Nach einiger Zeit verpuppte ich mich dann. Ich hatte alle meine sechs Beine wie jetzt ... und meine vier Flügel und meine Augen und Fühlhörner; aber sie waren fest an meinen Körper angekleistert, ich war ganz mit Firnis überzogen und hart und glatt, und bewegen konnte ich mich gar nicht. Ich aß und trank nicht, sondern baumelte an einem dünnen Fädchen unter einem Zweig. Das war die ruhigste Zeit meines Lebens. Ich hatte weder Sorgen noch Pflichten, hing bloß in meinem Puppengehäuse da und träumte.

Aber eines abends zersprang die Hülle, und ich merkte, daß ich meine Beine und Flügel ausstrecken konnte. Als ich eine Weile gesessen und mich gesammelt hatte, flog ich in die schöne, stille Nacht hinaus. Die Vögel rings auf den Sträuchern schliefen, drum konnte mir niemand etwas zuleide tun. Und selbst wenn einer Böses gegen mich im Schilde geführt hätte, so hätte er mich doch nicht sehen können. Denn ich bin dunkel wie die Finsternis, die ich durchfliege. Sobald die Sonne aufgeht, verstecke ich mich hier unter dem Huflattichblatt und bleibe da den ganzen Tag sitzen. Erst wenn die Sonne wieder vom Himmel verschwunden ist, die Kirchenglocke den Abend eingeläutet hat und auf den Wiesen der Fuchs braut ... erst dann fliege ich wieder aus.

Aber ich raube nicht, wie ihr es tut. Ich mache mir nichts mehr aus dem Essen ... habe kaum Mund oder Magen, um es hineinzutun. Die ganze Nacht fliege ich umher und suche nach guten Stellen, an die ich meine Eier legen kann. Es ist keine Rede davon, daß ich während der kurzen Sommerzeit zu irgend etwas anderem Zeit finde.

Da habt ihr meine Geschichte; und wenn sie nicht vom Essen handelt, so kann ich nichts dafür.«


»Nun,« sagte die Schwalbe, als der Nachtfalter verstummt war, »ich glaube, ich verstehe das. Und ich meine, der Nachtfalter ist ein edles Geschöpf, das über das erbärmliche Streben nach Nahrung und persönlichem Vorteil erhaben ist und sein Leben etwas höherem widmet.«

Aber die Maus schüttelte ihren kleinen Kopf.

»Nein,« sagte sie. »Ich bleibe bei meinem Verfahren, und das Verhalten des Nachtfalters erscheint mir unnatürlich. Daß man für seine Kinder sorgt, kann ich so gut wie kein zweiter verstehn, aber ich stamme aus einem guten Hause, wo wir Geschwister aufs beste gefüttert und verpflegt wurden, bis wir konfirmiert waren und selber unser Brot verdienen konnten. Aber sowohl mein Vater wie meine Mutter aßen doch selber, wie ordentliche Leute es zu tun pflegen, und so will ich es ebenfalls halten, mag auch mein ganzes Nest voller Jungen sein. – Soll ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen? Ich glaube, der Nachtfalter hat in jungen Jahren zu viel gegessen, und zur Strafe dafür hat der liebe Gott ihm nun den Mund verschlossen.«

»Blödsinn!« brummte der Igel verdrießlich. »Man kann nie zu viel und zu gut essen! Aber grauenhaft muß es sein, gar nichts essen zu können. Das sieht allerdings beinah wie eine Strafe aus, darin hat die Maus recht. Aber wenn die Sache so zusammenhängt, dann hat die Strafe den Nachtfalter ereilt, weil er während seiner ganzen Larvenzeit dahing und nicht den Mund auftun und zugreifen mochte.«

»Wie denkt er denn selber darüber?« fragte die Schwalbe.

Sie riefen nach ihm, aber er war verschwunden. Während sie von ihm sprachen, war er auf seinen weichen, dunkeln Flügeln in die Nacht hinausgeflogen.

»Die Geschichte hat mich hungrig gemacht,« sagte der Igel »Wir wollen uns die andern Erlebnisse für einen der nächsten Abende vorbehalten.«

Er eilte an der Hecke entlang zu dem Pförtchen und schlüpfte in den Garten hinein.

»Eine merkwürdige Geschichte!« sagte die Schwalbe. »Sie liefert Stoff zu allerlei tiefsinnigen Gedanken.«

Damit entfernte sie sich und ging zur Ruhe.

»Die Geschichte ist gut und schön,« sagte die Maus, die sich eine neue Nuß herangeholt hatte. »Aber keine Geschichte in der ganzen weiten Welt soll meine Verdauung stören.«


Am nächsten Abend war die Schwalbe an der Reihe zu erzählen. Aber sie sagte, sie sei zu müde und nicht aufgelegt, Geschichten zu erzählen. Der Igel drohte, sie zu fressen, aber die Schwalbe kroch tief in den Gang hinein, der zu ihrem Nest führte, und rief von drinnen her, so leicht gehe das denn doch nicht.

»Ich könnte dich herausgraben,« sagte der Igel. »Aber das hat Zeit bis auf ein andermal ... Dann erzählt uns also die Maus etwas.«

»Ich habe nicht das geringste zu erzählen,« pfiff die Maus und schoß in ihr Loch hinab.

»Ihr seid mir nette Kollegen!« grunzte der Igel. »Nachtfalter, kannst du noch eine Geschichte? Aber am liebsten eine, die 'n bißchen lebendiger ist.«

Der Nachtfalter antwortete nicht, sondern flog über dem Huflattichblatt dahin, dicht an des Igels Nase vorbei. Er schwebte auf den weichen, dunkeln Flügeln durch die Luft und verschwand zwischen den Nußbäumen drinnen im Garten. Der Igel knirschte mit den Zähnen und guckte ihm nach, so daß er beinah in die Mergelgrube hinabgerollt wäre.

»Wartet nur,« schalt er und trabte längs der Hecke bis zu dem Gartentörchen hin. »Ich werd euch schon erwischen, und dann erlebt ihr eine andre Geschichte, das könnt ihr mir glauben!«

Es verstrichen mehrere Abende, an denen die vier feinen Freunde fast gar nicht zusammen sprachen. Keiner traute dem andern, und besondere Angst hatten die drei vor dem Igel. Die Schwalbe saß nicht mehr vor ihrer Türe, sondern begab sich immer gleich zu Bett. Der Nachtfalter flog aus, sobald die Schwalbe in ihrer Behausung verschwunden war; und die Maus steckte nicht einmal die Nasenspitze vor ihre Wohnung, bis der Igel weit im Garten war.

Aber dann kam eine Regenzeit, Tag für Tag plätscherte es hernieder, und auch des Nachts goß es in Strömen. Die vier Freunde langweilten sich entsetzlich, und eines Abends kamen sie vor lauter Langeweile doch wieder ins Gespräch miteinander.

»Das ist eine traurige Bescherung, Kameraden,« begann der Igel. »Wenn es kein andrer tun will, so werde ich mal eine Geschichte erzählen, und zwar eine, die Hörner und Klauen hat!«

»Wovon handelt sie?« fragte die Schwalbe.

»Vom Essen,« war die Antwort. »Wie's unsrer Verabredung entspricht. Und eine lustige Geschichte ist's. Ihr Held ist ein Vetter von mir, ein Igel, der hier draußen im Garten auf der andern Seite der Hecke wohnte. Außerdem treten noch vier andre Personen in der Erzählung auf: ein Hund, eine Schnecke, eine Erdbeere und eine Kröte. – Hört zu!«

»Entschuldige,« unterbrach die Schwalbe. »Du sagst, dein Vetter habe im Garten gewohnt. Ist er vielleicht in eine andere Gegend verzogen?«

»Er ist tot,« erwiderte der Igel.

»Vermutlich aufgefressen worden?« fragte die Schwalbe wieder, und die Maus lachte laut, während der Nachtfalter unter seinem Huflattichblatt ganz leise lächelte.

Der Igel lief zu dem Erdloch der Schwalbe hin und steckte seinen Rüssel hinein. Die Schwalbe zog sich schleunigst in ihre Gemächer zurück, die Maus stolperte über ihre eigenen Beine, so schnell lief sie in das Loch hinab, und der Nachtfalter bekam so große Angst, daß er seine Flügel nicht bewegen konnte.

Kurz darauf saß der Igel wieder auf seinem Platze, er ärgerte sich jetzt über seine Heftigkeit, denn er wollte gar zu gern seine Geschichte erzählen. Nach einer Weile steckte die Schwalbe den Kopf wieder aus ihrer Tür, die Maus guckte aus dem Loch heraus, und der Nachtfalter kroch bis an den Rand des Huflattichblattes; denn es regnete immer noch, und sie waren alle gespannt auf die Geschichte.

»Nichts für ungut!« sagte die Schwalbe.

»Schön!« erwiderte der Igel, »Aber ich bitte mir von nun an ein anständiges Benehmen aus, sonst ...

»Erzähl!« bat die Maus.

Und der Igel erzählte.

Die Geschichte des Igels.

»Es war im vorigen Sommer. Und meine Mutter hat mir erzählt, daß das der heißeste Sommer war, den sie je erlebt hatte. Die Sonne schien vom Morgen bis zum Abend, von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Es fiel nicht das kleinste Regentröpfchen. Früh morgens verjagte der Wind den Nebel, doch wenn er das vollbracht hatte, war er müde und mochte in der Hitze nichts mehr tun, sondern legte sich geschwinde.

Und auch sonst mochte niemand arbeiten. Der Gärtner dehnte sein Mittagsschläfchen auf den halben Tag aus, die Vögel saßen traurig auf den Zweigen und ließen die Köpfe hängen, und der Hund streckte auf dem Weg alle Viere von sich und schnappte mit heraushängender Zunge nach Luft. Von Zeit zu Zeit schloß er das eine Auge und schielte den Weg entlang. Kam eine Fliege und setzte sich auf seine Nase, so schlug er mit dem Schwanz um sich und sagte im Schlafe ›Wuff!‹

Dicht bei der Stelle, wo der Hund lag, standen die Erdbeeren. Es waren so viele da, daß man einen großen Teller voll pflücken konnte, wenn man nur die Blätter ein wenig beiseitebog. Auf dünnen Stengeln lagen sie auf der Erde. Die Sonne hatte sie dunkelrot gefärbt, und sie waren alle sehr groß.

Aber eine der Beeren war die beste. Die war so rund und so rot, so saftig und so süß wie keine der andern; und sie selber wußte recht gut, wie lecker sie war. An ihrem langen Stengel hatte sie sich bis auf den Weg vorgewagt, und da lag sie nun und leuchtete im Sonnenschein.

›Puh! Es ist zum schmelzen!‹ sagte die Erdbeere zu sich selbst. ›Mir ist gar nicht wohl, wenn doch der Gärtner nur bald käme und mich pflückte! wie gut würde so ein kleines Bad in schöner, fetter Sahne tun!‹

In diesem Augenblick kam eine große braune, schleimige Kröte auf dem Weg herbeigekrochen, sie machte vor der Erdbeere Halt und starrte sie mit ihren feuchten Augen an.

›Uff!‹ sagte die Erdbeere. ›Du bist ja ein unangenehmer Bursche. Was hast du denn da zu gaffen?‹

›Nichts, Ew. Gnaden,‹ sagte die Kröte demütig. ›Haben sie nur keine Angst vor mir! Mein Magen ist leider nicht auf Erdbeeren eingerichtet. Ich habe mir bloß die Freiheit genommen, sie mir ein bißchen zu betrachten, sie sehen so wunderschön saftig aus, das ist bei dieser Dürre ein so erfreulicher Anblick. – Gestatten sie, daß ich mich unter Ihren Blättern ein wenig ausruhe?‹

Die Erdbeere antwortete nicht; aber die Kröte faßte ihr Schweigen als Zustimmung auf und machte es sich unter den Blättern bequem.

›Sie haben wohl nicht zufällig eine kleine Fliege oder eine Schnecke gesehen?‹ fragte sie kurz darauf. ›Soso, nicht? Entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, aber ich bin sehr hungrig.‹

›Dummes, garstiges Tier!‹ sagte die Erdbeere.

›Ganz recht, ganz recht!‹ erwiderte die Kröte sanft. ›Schön bin ich gewiß nicht, und großer Klugheit kann ich mich auch nicht rühmen. Aber im übrigen bin ich ganz brav und nett und tu keiner Katze etwas zuleide, obwohl alle auf mir herumtreten und mich schelten. – – Aber hören Sie einmal, Ew. Gnaden: hier auf den Wegen treibt sich ein Igel herum. Sonst braucht man ihn am Tage nicht zu fürchten, aber heut habe ich ihn deutlich gehört, er muß also auf den Beinen sein, vielleicht hat ihn jemand aus seiner Höhle vertrieben. So ist es mir nämlich ergangen; ich saß unter einem Stein und schlief, da kam der Gärtner und stieß den Stein mit dem Fuß beiseite, und ich mußte fort. Sollte der Igel kommen, so verraten Sie mich bitte nicht! Seine Zähne sind so scharf, und meine arme Haut ist so weich.‹

Die Kröte kroch noch tiefer unter die Blätter hinab, und die Erdbeere hatte keine Zeit zu antworten, denn der Igel kam herbeigetrabt.

›Ei, was für eine allerliebste Erdbeere da steht!‹ sagte er und schnalzte vergnügt mit der Zunge. ›Ein rechter Bissen für mich!‹

›Pah!‹ rief die Erdbeere. ›Für Leute deines Schlages bin ich nicht bestimmt. Ich soll auf den Tisch der Herrschaft kommen und mit Zucker und Sahne verspeist und mit dem feinsten Sherry hinuntergespült werden. Merk dir das, und mach einen weiten Umweg um mich! Gleich wird der Gärtner kommen und mich pflücken – ich merke es an meinem Stengel; beinah rolle ich von selbst auf die Erde.‹

›Ja – guten Morgen!‹ sagte der Igel. ›Das wollen wir erst mal sehen! Nur nicht zu großsprecherisch sein, liebe Jungfer! Aber vorläufig brauchst du keine Angst zu haben. Ich habe doch auch Lebensart und esse keine Erdbeeren auf nüchternen Magen. Erst muß ich mir einen Braten suchen. – Auf Wiedersehen zum Nachtisch!‹

Damit ging der Igel.

Kaum war er fort, so kam eine große schwarze Schnecke ganz langsam mit ihrem Hause auf dem Rücken herbeigeglitten. Ihre Stielaugen traten hervor, und sie schaute sich neugierig um.

›Ach, welch wunderschöne Erdbeere!‹ sagte sie, fächelte mit den Fühlern und kroch näher heran.

›Sieh dich um, du schwarze Schnecke! Du verlierst dein Haus!‹ sagte die Erdbeere.

›Das will ich nicht hoffen,‹ erwiderte die Schnecke, ›denn ich habe meinen ganzen Magen darin, und ich habe gerade Verwendung für ihn.‹

Sie biß in die Erdbeere hinein, und diese schrie laut:

›Ach, du mein Gott, du mein Gott! Soll ich denn wirklich von einer garstigen, gewöhnlichen Schnecke gefressen werden! Ich, die beste aller Beeren auf dem ganzen Beet! Hätte mich doch wenigstens der Igel verzehrt!‹

›Ich werde behilflich sein, Ew. Gnaden,‹ sagte die Kröte. ›Sie waren vorhin zwar nicht besonders höflich, aber Sie haben mich doch dem Igel nicht verraten. Eine Liebe ist der andern wert, und außerdem bin ich hungrig.‹

Sie bemächtigte sich der Schnecke und begann, sie zu fressen.

›Au!‹ schrie die Schnecke.

›Au! Au! Au!‹ schrie die Erdbeere. ›Es ist zu spät! Es ist aus mit mir! selbst wenn die Schnecke noch etwas von mir übrig läßt, werde ich doch verworfen oder höchstens von der Frau, die mich pflückt, gegessen werden. Au! Au!‹

Die Erdbeere schrie, weil die Schnecke sie aß, und die Schnecke schrie, weil die Kröte sie verzehrte. In dem Erdbeerbeet herrschte ein Höllenlärm.

Aber auf einmal begann die Kröte, noch lauter als die beiden andern zu schreien. Es biß sie jemand in die Hinterbeine; und als sie sich umdrehte, schaute sie in die runden, schwarzen Augen des Igels hinein.

›Das gefällt mir,‹ sagte er, während er die Beine der Kröte zwischen seinen starken Zähnen zermalmte. ›So soll es sein! Alles muß auf dem Tisch stehn, wenn man kommt: Braten, Zwischengericht, Nachtisch.‹

Nachdem er die Kröte verspeist hatte, fraß er die Hälfte der Schnecke, die die Kröte übriggelassen. Und dann fraß er die halbe Erdbeere, die die Schnecke übriggelassen hatte.

›Das ist der rechte Lohn für deine Einbildung!‹ meinte der Igel, indem er vergnügt an der leckeren Beere schmatzte. ›Diesmal winkt dir weder Zucker noch Sahne noch Sherry. Mit einem ganz gewöhnlichen Igelmagen mußt du vorliebnehmen.‹

Nach dieser Mahlzeit streckte er sich bequem unter den Erdbeerblättern aus und schickte sich an, ein Mittagsschläfchen zu halten.

›Ach Gott ja!‹ sagte er. ›Das Leben ist hell und glücklich.‹

Und dann schlief er ein.«

Als der Igel schwieg, waren von der Maus nur noch die Haarspitzen um ihr Maul herum zu sehen, von der Schwalbe nur noch ihr Schnabel, und von dem Nachtfalter gar nichts.

»Das war eine Geschichte – was!« sagte der Igel vergnügt.

»Entsetzlich!« sagte der Nachtfalter.

»Eine richtige Igelgeschichte!« sagte die Maus.

Die Schwalbe dagegen sagte gar nichts, sondern pfiff ganz leise vor sich hin.

»Na, Schwalbe?« fragte der Igel, »was meinst du denn dazu?«

»Die Geschichte hat ja keinen Schluß,« erwiderte die Schwalbe.

»Wie?« rief der Igel, keinen Schluß?«

»Wo ist der Hund geblieben?« fragte die Schwalbe.

»Der Hund? Der Hund? Es war ja gar kein Hund da!«

»Gewiß. Du hast selber gesagt, es komme ein Hund in der Geschichte vor. Er lag draußen auf dem Wege und schlief mit dem einen Auge.«

»Das ist richtig,« sagte die Maus. »Ein Hund war dabei.«

»Bestimmt,« versicherte der Nachtfalter.

Der Igel schwieg und knirschte greulich mit den Zähnen.

»Ja ...« sagte er schließlich. »Allerdings kommt ein Hund in der Geschichte vor. Und ihr könnt sie zu hören kriegen, wenn ihr Lust habt. Aber ich sage euch im voraus, daß ich es nicht recht vertragen kann, von diesem Hund zu reden. Beim bloßen Gedanken an ihn gerate ich in Wut; und ich verliere meine Selbstbeherrschung, wenn ich wütend bin.«

»Ich mache mir nicht das allergeringste aus dem Hund!« sagte der Nachtfalter erschrocken.

Die Maus äußerte sich nicht weiter; die Schwalbe aber kroch ein Ende in ihren Gang hinein und rief von drinnen her:

»Heraus mit dem Hund!«

»Schön!« sagte der Igel. Und er erzählte:

»Der Lärm auf dem Erdbeerbeet war so groß, daß der Hund auf dem Wege draußen erwachte. Er schüttelte den Kopf und spitzte die Ohren. Und eins zwei drei! war er auf den Beinen.

Kaum hatte der Igel die Augen geschlossen, so sagte ihm jemand ›Wuff!‹ ins Ohr. Und da stand der große Hund mit gehobenem Schwanz und aufgerichteten Ohrlappen. Alle die garstigen weißen Zähne grinsten dem zu Tode erschrockenen Igel ins Gesicht.

›Wuff!‹ bellte der Hund wieder. ›Endlich hab ich dich Räuber, der meinem Herrn die Erdbeeren stiehlt! Nun beiß ich dir den Kopf ab. Wuff! Wuff!‹

Der Igel rollte sich zu einer Kugel zusammen, so daß alle Borsten emporstarrten. Als der Hund hinzusprang und biß, heulte er laut auf, das Blut tropfte von seinem Maul hinab. Der Igel sagte nichts, sondern lag still da und zeigte seine Stacheln.

›Warte du nur!‹ brummte der Hund. ›Ich werd dir doch schon beikommen!‹

Und nun fing er an, den Igel mit seinen Pfoten den Weg entlang vorwärtszurollen, von Zeit zu Zeit heulte er dabei auf, denn seine Pfoten wurden übel zugerichtet. Aber er fuhr fort, den Igel wie eine Kugel vor sich her zu puffen.

Schließlich erreichten sie das Ende des langen Ganges, wo sich ein Wasserloch befand. Tief war es nicht, und der Hund konnte bequem darin stehen, der Igel aber nicht. Dahinein rollte der Hund den Igel; und als der Ärmste im Begriff zu ertrinken den Kopf hervorstreckte, um Luft zu schnappen, sprang der Hund hinzu und biß ihn tot.«

Kaum hatte der Igel das letzte Wort ausgesprochen, als er wie ein besessener hinter der Schwalbe herjagte. Doch die war schon tief in ihrem Neste; und die Maus schoß in die Hecke hinein, so schnell sie auf ihren flinken Beinchen vorwärtskam, während der Nachtfalter geschwind ins Dunkel hinausflog.


Eines Abends, kurze Zeit nachdem der Igel seine Geschichte erzählt hatte, waren die vier feinen Freunde sämtlich sehr schlechter Laune. Ein jeder saß vor seiner Behausung und schaute mißvergnügt über den Rand der Mergelgrube hin. Keinem von ihnen war wohl zumute, und der Nachtfalter konnte sich kaum auf dem Huflattichblatt festhalten.

»Es ist irgend etwas Unangenehmes in der Luft,« sagte der Igel. »Die Stachelbeeren sind fort, und die schlechten Menschen haben angefangen, die Äpfel zu pflücken, anstatt sie von selber herabfallen zu lassen, so daß ich sie essen könnte.«

»Ob nicht das im Anzuge ist, was die Menschen Winter nennen?« fragte die Maus.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte der Igel. »Ich bin am letzten Mai dieses Jahres geboren, darum hab ich das noch nie erlebt.«

»Ja, ich bin im Juni geboren,« sagte die Maus, »darum weiß ich auch nichts. – Vielleicht kann der Nachtfalter uns Bescheid geben?«

»Ganz und gar nicht!« war dessen Antwort.

»Aber ich weiß es!« rief die Schwalbe. »Denn ich bin nicht aus diesem Jahr, müßt ihr wissen. Ich selber hab es freilich nicht gesehn, denn im vorigen Jahr bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach dem Süden gereist, bevor der Winter kam. Aber der Sperling hat's mir erzählt.«

»Was hat der Sperling erzählt?« fragte der Igel verdrießlich.

»Vom Winter hat er mir erzählt,« sagte die Schwalbe. »Wenn alle Blätter von den Bäumen abgefallen und alle Blumen verwelkt sind, dann kommt der Winter. Dann sind keine Fliegen in der Luft und keine Mücken, es gibt weder Blumen noch Bienen, keine Frösche auf der Wiese, keine Nüsse ... nichts. Die Sonne scheint nur selten und wärmt nicht. Auf dem Wasser liegt eine harte Rinde, Eis genannt; sie ist so dick, daß der Schnabel keines Vogels sie durchschlagen kann. Und über Wiesen und Felder und über die Bäume im Walde wird eine große Decke gebreitet, die so weich ist, so weich, aber bitterkalt. Das ist der Schnee. So ist der Winter, nun wißt ihr's!«

»Gott behüte!« meinte der Igel. »Was soll man während der Zeit denn essen?«

»Man kriegt gar nichts zu essen,« war die Antwort der Schwalbe.

»Dann ist es das beste, sich gut zu versorgen, solange noch etwas da ist,« erklärte der Igel und lief in den Garten hinein.

»Ich will doch wirklich heut nacht ein paar Nüsse in meine Speisekammer hinabschaffen,« sagte die Maus. »Es ist immer gut, wenn man Proviant hat.«

Sie begann auf der Stelle mit der Arbeit. Die Schwalbe saß vor ihrem Nestgang und sah zu.

»Du handelst sehr vernünftig, Maus!« sagte sie. »Ich würde es ebenso machen, habe es aber glücklicherweise nicht nötig. Bald reise ich mit meiner ganzen Familie und allen meinen Freunden weit nach Süden, nach Afrika, wo ewiger Sommer ist. Für mich ist das das Einfachste. Aber was wird der Nachtfalter anfangen?«

»Ich?« sagte der Angeredete mit matter Stimme. »Ich werde nichts anfangen. Ich verstehe gar nicht, wovon ihr sprecht. Ich habe nichts mit dem Winter zu schaffen.«

Nach diesen Worten flog der Nachtfalter ins Dunkel hinaus. Aber er war so müde, daß er beinah seine Flügel nicht heben konnte.

Die Nacht verstrich, und auch der nächste Tag. Der Wind rüttelte an den Zweigen, die Blätter rieselten auf die Mergelgrube hinab und wiegten sich auf dem gelben Wasser wie winzige Boote. Die Glockenblumen läuteten des Sommers Ende ein und verwelkten sofort. Der Bauer fuhr das letzte Fuder Getreide in die Scheune, und die Dreschmaschine klapperte, so daß es in der ganzen Gegend zu hören war.

»Uff!« sagte der Igel am Abend. »Was meint ihr dazu?«

Die Maus und die Schwalbe riefen gleichfalls Uff! Nur der Nachtfalter sagte nichts, denn er war gar nicht dabei.

»Vielleicht ist er abgereist,« meinte die Maus. »Dahin, wo ewiger Sommer herrscht, wie die Schwalbe erzählt hat.«

»Der Bursche kommt sicher nicht weit,« erwiderte die Schwalbe höhnisch. »Dazu sind denn doch andre Flügel nötig, das könnt ihr mir glauben! Aber morgen reise ich!«

»Dann bleiben wir zwei ja allein übrig,« sagte der Igel und warf der Maus einen grimmigen Blick zu. »Das kann heiter werden. Ich glaube, ich fresse dich einfach auf.«

Die Maus verschwand wie der Blitz, und die Schwalbe desgleichen.

»Gott mag wissen, wie die Sache endigen wird,« meinte der Igel zu sich selbst, während er in den Garten hineintrabte. »Na ... dick und fett bin ich wenigstens, drum werd ich es wohl überstehen.«

Am nächsten Abend war die Schwalbe nicht mehr da.

Die Maus seufzte: »Wer doch mit der Schwalbe reisen könnte! Ich sterbe vor Angst, wenn ich an all das Eis und den Schnee denke. Und wie es wohl dem armen Nachtfalter ergangen sein mag?«

»Wer weg ist, der ist weg,« sagte der Igel. »Es hat keinen Zweck, darüber zu trauern. Und du bist die Aller-, Allerniedlichste von allen, mußt du wissen. Komm heraus, und tanz ein bißchen mit mir, du nettes Waldmäuschen! Mich friert. Und nachher können wir zusammen einen Spaziergang in den Garten machen. Ich spendiere Nüsse.«

»Vielen Dank für die freundliche Einladung!« sagte die Maus zu ihrem Loch hinaus. »Ich fürchte, es würde mir bei dir zu warm werden. Lieber will ich mich in meinem Loch einmauern, bis der Winter vorbei ist. Nüsse hab ich selber genug.«

»Schade, daß du so mißtrauisch bist,« sagte der Igel. »Aber dann will ich unter die große Strohmiete hinter der Scheune kriechen. Will versuchen zu schlafen.«

Am nächsten Abend flog das letzte gelbe Blatt von der Haselnußhecke auf die Mergelgrube hinab. Die Maus saß vor ihrem Loch und schaute ihm nach.

»Ach, Herr Gott!« sagte sie betrübt. »Nun muß ich also den gestrengen Herrn ganz allein in Empfang nehmen.«

Das kleine Mäuseherz klopfte vor Kummer, und es sehnte sich geradezu nach dem Igel. Aber der kam nicht wieder zum Vorschein; da setzte sich die Maus in ihre Vorratskammer und fing an, ihre Nüsse zu zählen.

 

Und dann kam der Winter.

Er kam nicht anders wie sonst; und die, die ihn erwarteten und kannten, nahmen ihn ruhig und vernünftig entgegen. Der Gärtner band Stroh um seine Rosen und legte Matten auf seine Mistbeete. Die Menschen siedelten aus ihren Landhäusern in die warme Stadt über, sie setzten Doppelfenster ein, legten Teppiche auf die Fußböden, heizten tüchtig und zogen im Freien einen dicken Überrock an. Manche saßen auch fröstelnd in ihren Stuben und starrten den kalten Ofen an, in dem sie kein Feuer anmachen konnten, weil sie kein Brennmaterial hatten, oder sie gingen auf die Straße hinaus, und es fror sie bitterlich, weil sie kein Geld hatten, sich Winterkleider zu kaufen.

Aber auf dem großen Kastanienbaum auf dem Hügel tief im Garten saß der Sperling und sang sein trauriges Winterliedlein:

»Weg sind nun die Sänger all,
weg die lieben Mücken!
Drossel, Mönch und Nachtigall
Drehten uns den Rücken.
Weg ist Storch, und weg ist Star,
wie's geschieht in jedem Jahr.
Weg, weg, weg,
Weg, weg, weg!
Spatz, den Armen,
Friert's zum Erbarmen!«

Der Buchfink, der daneben saß, die Kohlmeise, die im Haselnußgang umherhüpfte, und die Krähen draußen auf dem Felde, sie alle stimmten mit ein und sangen:

»Weg, weg, weg,
Weg, weg, weg!«

Für denjenigen, der den Winter nicht aus Erfahrung kannte, mochte er ja besonders schlimm sein.

Welch eine Menge Schnee! Er lag auf Feld und Wiese, auf dem Dach des Gehöfts und auf den Zweigen des Haselnußstrauchs, auf dem alten Steinwall und dem Abhang dahinter. Ja, sogar die eine Seite der Fahnenstange war mit Schnee bedeckt, der festfror und sitzen blieb. Und das Wasser gefror zu Eis – das Wasser im Meere und das Wasser im Graben und in der Mergelgrube. Auf dem Abhang, wo sich einst die vier feinen Freunde getroffen hatten, lag nichts als Schnee; nur hier und dort ragte ein welker Grashalm hervor.

Und so verging der Winter.

Als seine Zeit um war, schlich er nicht etwa still fort wie ein Mann, der in dieser Gegend nichts mehr zu suchen hat und ebenso gut jetzt wie später gehen kann. Er veranstaltete vielmehr einen grauenhaften Lärm mit Sturm und Regen und Brausen und Tosen. Und als alles bereits überstanden war und ein jeder sehen konnte, daß der Winter fort war, kam er doch aus lauter Bosheit in der Nacht zuweilen gelaufen und biß in die grünen Blätter, die in ihrer Leichtgläubigkeit schon aufgesprungen waren.

Auf diese Weise brachte er so mancher Anemone den Tod und verschiedenen kleinen Jungen und Mädchen einen gehörigen Schnupfen. Schließlich aber getraute er sich doch nicht mehr wiederzukommen.

Eines Morgens steckte die Waldmaus die Nase aus ihrem Loch hinaus und schaute sich um.

Frisch und schön wuchs das Gras auf dem Wege. Die grünen Huflattichblätter waren gar nicht mehr so klein, und der Löwenzahn leuchtete so gelb, daß es ein Vergnügen war, ihn anzusehen. Die Glockenblumen standen in der Knospe, während die Haselnußsträucher schon aufgesprungen waren. Es war alles in der schönsten Ordnung.

Am Rande des Abhangs erscholl ein lustiges »Titeretit!«

»Guten Tag, Schwalbe!« rief die Maus. »willkommen daheim! Und einen schönen Sommer wünsch ich! Gibt's was Neues in Afrika? wie ist's dir im Winter ergangen?«

»Guten Tag, Maus!« erwiderte die Schwalbe. »schönen Sommer wünsch auch ich! Vom Winter habe ich nichts bemerkt, wo ich war, gab es keinen Winter. Ich habe mich auf Palmenzweigen gewiegt, habe schwarzen Menschen etwas vorgesungen und mich Tag für Tag im Sonnenschein getummelt. – Aber wie bist du denn durchgekommen?«

»O, ich danke für die Nachfrage. Es ging so einigermaßen.«

»Wo warst du denn?«

»In meinem Loch. Da unten war's ja allerdings ein bißchen langweilig, aber sonst warm und gemütlich. Zum Schluß gingen meine Nußvorräte zwar auf die Neige. Aber in diesem Jahr werd ich klüger sein. Ich fange früh an, für den Winter Proviant zu sammeln, und dann will ich mich doch nach einem netten kleinen Mäusefrauchen umsehen. Natürlich ist's immer teurer, wenn man zu zweien ist; aber es ist auch gemütlicher. Es kommen Kinder, und die Zeit vergeht, ohne daß man weiß, wo sie bleibt.«

»Das mag schon richtig sein, was du da sagst,« meinte die Schwalbe nachdenklich. »Und das ist ja nun einmal das Gebot der Natur und die Bestimmung aller Geschöpfe. Und doch ist's gar nicht so einfach, eine Familie zu begründen. Nun bin ich da in Afrika ein halbes Jahr frei von allem Kindergetümmel gewesen, und ich bin gar nicht versessen darauf, daß die Sache von neuem anfängt. Aber was ist dabei zu machen? Das liebe Frauchen hat bereits die Eier gelegt, drum nützt es nichts, aufzumucken.«

»Ach! Muß das schön sein!« sagte die Maus und schaute träumerisch auf das frische grüne Gras.

In diesem Augenblick raschelte es in dem welken Laube neben ihnen, und der Igel stand da.

»Jesses!« schrie die Maus und war im Nu in ihrem Loch.

Aber dann schämte sie sich, machte kehrt und steckte vorsichtig die Nase wieder in die Luft.

»Guten Tag, Igel!« sagte sie freundlich, »schönen Sommer wünsche ich!«

»Schöner Blödsinn!« entgegnete der Igel mürrisch. »Mir war so, als hätte ich die Stimme der Schwalbe gehört.«

»Ja, ich bin hier,« sagte die Schwalbe. »Wie ist es dir ergangen? Es hapert wohl mit der guten Laune, was? Du siehst mir auch recht schlottrig aus!«

»Wohl möglich,« erwiderte der Igel. »Ich habe auch keinen Grund, guter Laune zu sein.«

»Ach was!« meinte die Schwalbe. »Nun ist es ja Sommer. Wo hast du denn übrigens gesteckt?«

»Ich habe unter der Strohdieme gelegen,« sagte der Igel.

»Den ganzen Winter?«

»Allerdings, ich habe meinen Winterschlaf gehalten, weißt du! habe von meinem eigenen Fett gelebt. Anfangs war's recht schön, so immer zu schlafen. Ich träumte von prächtigem Frühstück mit den leckersten Mäusepasteten, grünen Äpfeln, Stachelbeerkompott und lebendigen Maikäfern. Allmählich aber hörten die schönen Träume auf, und schließlich hatte ich fortwährend das Gefühl, als ob mich jemand in meinen Eingeweiden zwickte und zwackte. Jetzt sehne ich mich von Herzen nach einer recht, recht guten Mahlzeit.«

Der Igel setzte sich. Er zitterte an allen Gliedern. Die Haut hing lose um seinen Körper, seine Augen waren ganz matt; und er sah so erschöpft aus, daß die Waldmaus vor Mitleid ihre Angst vergaß und ganz aus ihrem Loch hervorkroch.

»Wo ist der Nachtfalter?« fragte der Igel.

Keiner der beiden andern wußte es.

»Der ist tot,« sagte ein schwaches Stimmchen unter dem Huflattichblatt.

»Herr Gott! wirklich?« sagte die Schwalbe. Ja, wir müssen ja alle einmal sterben. – – Aber wer bist du denn? Und woher hast du diese Nachricht?«

»Ich bin die Tochter des Nachtfalters,« erwiderte die Stimme. »Als Mutter starb, lag ich im Ei. Aber sie flüsterte mir zu, daß ich hierhin fliegen solle, wenn ich erwachsen sei, um ihren drei Freunden zu erzählen, wie es ihr ergangen. Darum hatte sie keine Angst vor dem Winter. Sie wußte, daß sie sterben würde, wenn sie für ihre Eier gesorgt hätte. Sie bat mich, euch auch das zu berichten.«

»Das war schön von ihr, an uns zu denken,« sagte die Schwalbe und guckte gerührt unter das Huflattichblatt.

Die Maus aber lief ganz auf den Weg hinaus und schaute mit glänzenden Augen vom einen zum andern.

»Ist das nicht wunderbar?« schrie sie.

»Was ist denn so wunderbar, liebes, hübsches Mäuslein?« fragte der Igel freundlich und rückte der Maus ein wenig näher.

»Es ist wunderbar, wie für uns alle gesorgt ist,« erklärte die Maus. »Denkt doch einmal daran, wie wir alle vier untergebracht wurden, als der Winter kam. Der Nachtfalter mußte sterben und war so aller Sorgen ledig. Der Igel lag im Halbschlaf unter der Strohdieme und zehrte von seinem Fett. Die Schwalbe floh vor Eis und Schnee und flog in die Ferne, und ich saß warm und behaglich in meinem Nest und lebte von den Nüssen, die ich mir gesammelt hatte. – Ist nicht alles in der Welt äußerst vernünftig eingerichtet?«

Die Schwalbe nickte, und die Tochter des Nachtfalters stimmte der Maus zu.

»Gewiß,« sagte auch der Igel und rückte ganz langsam noch näher an die Maus heran. »Gewiß ist das vernünftig eingerichtet. Außerordentlich vernünftig. Das war eine sehr richtige Bemerkung, liebstes Mäuslein. Aber solche Gedanken hat man eben nur im Herbst, wenn man fett und satt ist. In der jetzigen Jahreszeit kommt es darauf an, sich für den Winter zu kräftigen, verstehst du... und das will ich nun tun!« Dabei packte er das unvorsichtige Mäuslein am Nacken und zermalmte es schnell zwischen seinen starken Zähnen. Die Maus schrie jämmerlich, und der Nachtfalter unter dem Huflattichblatt verging schier vor Angst.

Aber die Schwalbe flog mit lautem Geschrei empor. Der eine Flügel traf den Igel, so daß er das Gleichgewicht verlor und den Abhang hinabrollte. Plumps! Das Wasser spritzte auf, und Maus und Igel waren verschwunden.

Die Schwalbe saß ganz verwirrt da und starrte in die Grube hinunter, wo sich große, runde Ringe um die Stelle herum bildeten, wo der Igel ertrunken war.

»Gott erbarme sich! Wer hätte das gedacht, daß die Freundschaft ein solches Ende nehmen würde!« sagte die Schwalbe. »Wie gemütlich hatten wir's doch im vorigen Jahr! Und nun sind drei von uns tot!«

Der Nachtfalter sagte nichts, denn er war von sehr zartem Körperbau, und das, was er gesehn, hatte ihn fürchterlich erschüttert. »Ja, – nun bin ich allein übrig von uns vier Freunden,« sagte die Schwalbe wieder und schaute unter das Huflattichblatt. Gleich darauf hob sie ihre langen Flügel und flog einmal über die Mergelgrube hin. Doch dann kam sie wieder zurück, schoß wie ein Pfeil unter das Huflattichblatt und schnappte den Falter.

»Entschuldige!« sagte sie höflich, »wärest du deine Mutter gewesen, so wäre es mir nie eingefallen, dich zu fangen. Ich weiß, was man der Freundschaft schuldig ist. Und doch ist etwas wahres an dem, was der Igel gepredigt hat, daß jeder für sich selber sorgen müsse. Und meine Frau liegt leider auf fünf Eiern und schimpft mich aus, wenn ich ihr kein ordentliches Frühstück bringe.«

Damit schlüpfte die Schwalbe in ihr Haus hinein. Und die Geschichte von den vier feinen Freunden ist aus.

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