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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 19
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Der Fliederstrauch

Im Fliederstrauch war ein entsetzlicher Spektakel. Obwohl gar kein Wind sich regte, zitterten die Zweige von oben bis unten, und alle Blätter bebten, so daß einem die Augen weh taten, wenn man nur hinsah. Der Buchfink setzte sich wie gewöhnlich auf den Strauch, um sein Mittagsschläfchen zu halten; doch der Zweig, auf dem er sich niederließ, schwankte so heftig unter ihm, daß er kein Auge schließen konnte; ganz erschrocken flog er auf den Goldregenstrauch hinüber und fragte seine Frau, was in aller Welt denn in den braven Fliederstrauch gefahren sei; aber die lag auf den Eiern und hatte keine Zeit, ihm zu antworten. Da fragte der Buchfink seinen Nachbar, die Kohlmeise, und diese kraute an ihrem schwarzen Käppchen herum und schüttelte geheimnisvoll den Kopf.

»Ich verstehe die Strauchsprache nicht,« sagte sie. »Aber es muß irgend etwas nicht in Ordnung sein. Ich hab es schon heut morgen gemerkt, als ich drüben saß und sang.«

Mit diesen Worten setzte sie sich neben den Buchfink auf den Goldregen, und beide starrten zu dem seltsamen Strauche hinüber.

Mit dem Fliederstrauch war allerdings etwas nicht in Ordnung: die Wurzel war schlechter Laune.

»Da muß man hier sitzen und für die ganze Familie tätig sein!« brummte sie. »Ich verrichte alle Arbeit. Den Zweigen, Blättern und Blüten muß ich Nahrung schaffen, und obendrein muß ich sie festhalten, sonst würde der ganze Staat bald vom Winde entführt werden! ... Aber wer denkt an einen treuen Diener wie mich? Fällt es einem von den vornehmen Burschen da oben jemals ein, daß unsereinem auch ein bißchen Zerstreuung nottäte?... Ich höre sie von Frühling, Sonnenschein und ähnlichen Dingen reden; aber für mich fällt nichts von alledem ab. Ich weiß nicht einmal, was Frühling und Sonne bedeutet! Ich weiß nur, daß im Frühling alle Welt frißt, als wäre sie von Sinnen. Der Winter ist so übel nicht; dann kann man die Arbeit mit Leichtigkeit bewältigen, und es ist gemütlich und behaglich hier unten, sobald aber die Luft warm wird, ist es ein reines Hundeleben für eine Wurzel.«

»Halt dich ordentlich an der Erde fest, du alte Wurzel!« schrien die Zweige. »Es weht, es wird Sturm!«

»Schaff mehr Nahrung herbei, du schwarze Wurzel!« flüsterterten die Blätter. »Die Familie ist noch lange nicht mit dem Wachsen fertig.«

Dann fingen die Blüten an zu singen:

»Ein Regenguß
Wär Hochgenuß!
Die Sonnenglut
Versengt das Blut.
Du Wurzelwicht,
Wir sind erpicht
Auf frische Flut ...
Sei auf der Hut!«

»Ja, sage ich das nicht immer?« brummte die Wurzel. »Ich habe die ganze Last auf dem Halse. Aber das soll nun ein Ende haben! Ich will hinauf, will mich vom Regen reinwaschen und von der Sonne erwärmen lassen, damit die Leute sehen, daß ich ebenso viel wert bin wie die andern. – Hallo, ihr prahlerischen Zweige, die ihr für keinen Pfifferling Nutzen stiftet! Nun hab ich keine Lust mehr, für solche Tagediebe zu arbeiten. Ich will hinauf und mir einen guten Tag machen! Haltet euch fest, denn ich lasse jetzt los.«

»Tagediebe?« schrien die Zweige. »Du redest, wie dein Verstand es zuläßt, du dumme Wurzel! Wir bringen gewiß ebenso viel zuwege wie du!«

»Ihr?« fragte die Wurzel. »Was denn, wenn man sich erkundigen darf?«

»Wir ragen den ganzen Tag in die Lüfte, um die grünen Blätter in den Sonnenschein zu heben,« erwiderten die Zweige. »Wir müssen uns nach allen Seiten ausbreiten, damit alle gleich viel abbekommen. Könntest du hier heraufschauen, so würdest du sehen, wie einige von uns vor Anstrengung ganz krumm geworden sind. – Nein, die Blätter, die kannst du Tagediebe nennen, wenn du deine schlechte Laune denn unbedingt an jemandem auslassen willst.«

Die Wurzel dachte ein wenig über diese Worte nach und fand sie ganz vernünftig. Und da begann sie denn nun, fürchterlich über die grünen Blätter herzuziehen.

»Wie lange soll ich denn euer Diener sein?« brummte sie. »Ich kündige zum ersten meine Stellung, da habt ihr's! Dann könnt ihr selber zugreifen und arbeiten, ihr faulen Blätter!«

Nun begannen auch die Zweige zu schelten, und sie schrien den Blättern zu:

»Die Wurzel hat ganz recht! Ihr müßt euch nützlich machen, das sagen wir auch. Wir haben keine Lust mehr, euch zu tragen.«

Und sie knarrten tüchtig, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen.

»Nur sachte, du schwarze Wurzel!« flüsterten die Blätter. »Und macht euch nicht so wichtig, ihr langen Zweige! Ihr solltet nicht so laut schreien, denn es wäre doch ärgerlich, wenn die Leute erführen, was für Dummköpfe ihr seid. – Glaubt ihr denn, wir hätten nicht auch unsre Arbeit, so gut wie ihr?«

»Laßt hören!« sagten die Zweige, indem sie sich reckten.

»Laßt hören!« sagte die Wurzel und machte sich dabei so steif, wie sie konnte.

»Wißt ihr denn nicht, daß wir die Nahrung zubereiten?« flüsterten die Blätter. »Meint ihr, ordentliche Leute könnten sie roh verzehren, so wie die Wurzel sie aus der Erde aufnimmt und durch die Zweige hinaufschickt? Nein, erst muß die Nahrung zu uns, und wenn wir sie bekommen haben, heizen wir den Ofen und kochen mit Sonnenstrahlen drauf los, bis das Ganze in Ordnung ist. – Machen wir uns also etwa nicht nützlich?«

»Ge–wiß!« erwiderten die Zweige mit verlegenem Knirschen. »Es mag ja etwas daran sein.«

Und nun erklärten sie die Sache der Wurzel, die noch nicht recht klug aus den Worten der Blätter geworden war; und die Wurzel fand auch, daß es wohl seine Richtigkeit damit hätte.

Bald darauf flüsterten die Blätter wieder:

»Wenn ihr denn unbedingt jemanden ausschelten müßt, warum geht ihr dann nicht zu den Blüten? Die sind hübscher gekleidet als wir, sie sind vornehm und der Sonne am nächsten. Und was arbeiten sie? Vielleicht wißt ihr es – denn wir wissen es wirklich nicht!«

»Richtig!« schrien die Zweige. »Da haben wir die Faulenzer!«

Und die Wurzel brummte: »Ganz recht! Wir wollen uns das nicht länger gefallen lassen! Verantwortet euch, ihr faulen, aufgeputzten Blüten! Wozu seid ihr nütze? Warum sollen wir uns für euch abäschern?«

Die Blüten wiegten sich leise hin und her und ließen ihren Duft in die Lüfte strömen. Dreimal mußten die andern fragen, ehe sie Antwort bekamen; doch dann sangen die Blüten:

»Im sonnigen Raum
Umfängt uns ein Traum ...

»Ja, das wollen wir gerne glauben!« sagten die Blätter. »Und das nennt ihr arbeiten?«

Aber die Fliederblüten sangen weiter:

»Im sonnigen Raum
Umfängt uns ein Traum
Von Liebe und Glück
Und zukünft'gem Geschick:
Wie Fliedersträucher im Reigen
Der schwarzen Erde entsteigen.«

»Dummes Zeug!« tuschelten die Blätter, »Dummes Zeug!« schrien die Zweige, und »Dummes Zeug!« brummte die Wurzel, als man ihr den Sinn der Sache erklärt hatte.

Alle waren der Meinung, daß es eine rechte Schande sei, daß man für die faulen Blumen arbeiten müsse. Und sie bebten, knarrten, flüsterten, schrien und brummten vor Ärger, daß ein fürchterlicher Spektakel entstand.

Die Blüten aber lachten die aufgeregten Leutchen aus und sangen:

»Brumme, Wurzel – tuschle, Blatt!
Die Blüte nur ihren Spaß dran hat!
Knarrt, ihr langen braunen Äste!
Die Blüte feiert doch ihre Feste!«


Der Sommer verstrich, und es wurde Herbst.

Die jungen grünen Zweige zogen ihre Winterkleider an. Die Blätter aber hatten kein Winterkleid. Das nahmen sie sich sehr zu Herzen, und vor Ärger bekamen sie die Gelbsucht. Und dann starben sie. Eins nach dem andern fiel zur Erde, und zuletzt bedeckte ein ganzer Haufen die alte, mürrische Wurzel.

Die Blüten hatten ja schon längst nicht mehr am Tanze teilgenommen. An ihrer Stelle saßen sonderbare, garstige kleine Gebilde, die im Winde raschelten. Und als der erste Wintersturm über den Fliederstrauch hinfuhr, fielen auch sie ab, und nur noch die nackten Zweige waren übrig.

»Uha!« seufzten die Zweige. »Jetzt tauschen wir gerne mit dir, du schwarze Wurzel. Du liegst jetzt warm und behaglich in der Erde.«

Die Wurzel antwortete nicht, denn sie hatte über etwas nachzudenken. Neben ihr lag nämlich ein seltsamer kleiner Gegenstand, aus dem sie nicht klug werden konnte.

»Was bist du denn für einer?« fragte die Wurzel, aber sie bekam keine Antwort von dem fremden Wesen.

»Willst du wohl antworten, wenn ordentliche Leute dich ansprechen!« sagte die Wurzel wieder. »Wir sind ja Nachbarn; da ist es doch natürlich, daß wir Bekanntschaft miteinander schließen!«

Aber das wunderliche Wesen sagte andauernd nichts, und die Wurzel sann den ganzen Winter darüber nach, wer es wohl sein könne.

Zum Frühjahr hin schwoll das Ding an, und eines Tages wuchs ein kleiner grüner Keim daraus hervor.

»Guten Tag!« sagte die Wurzel. »Ein vergnügtes Frühjahr wünsche ich! Vielleicht paßt es dir jetzt, meine Frage vom Herbst her zu beantworten. Mit wem habe ich die Ehre?«

»Ich bin der Traum der Fliederblüte,« erwiderte das Wesen. »Ich bin ein Samenkorn, und du bist ein Dummrian!«

Die Wurzel grübelte ein wenig nach. Daß man sie Dummrian nannte, war ihr gleichgültig; denn als Wurzel muß man sich darein finden, gescholten zu werden. Aber das mit dem Traum der Blüte konnte sie nicht recht begreifen, und darum bat sie um eine nähere Erklärung.

»Ich merke, daß der Erdboden doch noch zu hart ist, so daß ich nicht hindurchkommen kann,« sagte das Samenkorn, »darum kann ich ja ein bißchen mit dir plaudern. – – Sieh mal, ich lag in einer der Blüten, als ihr sie im vorigen Sommer ausschaltet, und hörte alles mit an. Ich hab euch gehörig ausgelacht, aber mitzureden wagte ich nicht, dazu war ich noch zu grün.«

»Soso ... aber nun bist du groß und darfst mitreden?« fragte die Wurzel.

»Groß genug, dir eine Nase zu drehen,« erwiderte das Samenkorn und entsandte im selben Augenblick eine niedliche kleine Wurzel in die Erde hinab. »Nun hab ich meine eigne Wurzel und brauche mir deine Unverschämtheit nicht mehr gefallen zu lassen.«

Die alte Wurzel machte große Augen, sagte aber nichts.

»Im übrigen will ich dich doch lieber höflich behandeln,« fuhr das Samenkorn fort. »Du bist ja sozusagen mein Vater.«

»Wirklich?« erwiderte die Wurzel und sah so wichtig aus, wie sie nur konnte.

»Natürlich,« erklärte das Samenkorn. »Ihr alle seid meine Eltern. Du hast in der Erde Nahrung für mich gesammelt, und die Blätter haben sie im Sonnenlichte gekocht. Die Zweige haben mich an Licht und Luft emporgetragen, aber die Blüte hat mich in ihrem Kelche gewiegt. Sie hat geträumt und ihren Traum den Hummeln ins Ohr geflüstert, damit die ihn den andern Fliedersträuchern erzählen sollten. Ein jeder von euch hat mir etwas gegeben – euch allen verdanke ich mein Leben!«

Da hatte die Wurzel nun genügend Stoff zum Nachdenken. Es war fast schon Hochsommer, ehe sie der Sache auf den Grund kam. Als ihr dummer Kopf aber alles richtig verstanden hatte, fragte sie in ungewöhnlich höflichem Tone die Zweige, ob nicht ein hübscher kleiner Fliederstrauch nebenan stehe.

»Gewiß! Gewiß!« antworteten die Zweige. »Aber besorg du nur deine Geschäfte, und halt tüchtig fest! Es weht so stark, daß wir fürchten müssen, umgeworfen zu werden.«

»Seid nur ganz ruhig!« sagte die Wurzel. »Ich halte schon fest. Ich will euch bloß erzählen, daß der kleine Fliederstrauch mein Kind ist.«

»Haha!« lachten die Zweige. »Glaubst du, so eine alte schwarze Wurzel wie du könnte solch allerliebstes Kindlein kriegen? Es ist so fein und frisch und grün, daß du dir gar keinen Begriff davon machen kannst.«

»Es ist aber doch mein Kind!« sagte die Wurzel stolz.

Und nun erzählte sie den Zweigen, was sie von dem Samenkorn gehört hatte, und die Zweige erzählten es den Blättern wieder.

»Ach so! Ach so!« riefen da alle, und jetzt verstanden sie, daß sie miteinander einen großen Hausstand bildeten, in dem einem jeden seine Tätigkeit zugewiesen war.

»Pst!« sagten sie zueinander. »Gebt acht, daß wir die Blüten in ihren Träumen nicht stören!«

Und die alte Wurzel rackerte sich ab, als ob sie's bezahlt kriegte, wenn sie recht viel Nahrung einsammelte; und die Zweige reckten sich und streckten sich und krümmten sich ganz grauenhaft, um zu Licht und Luft zu gelangen; und die Blätter fächelten in dem lauen Sommerwind und sahen aus, als ob sie gar keine Arbeit verrichteten; aber in ihnen kochte und brutzelte es in tausend ganz, ganz kleinen Küchen.

Und oben im Wipfel saßen die Blüten und träumten und sangen:

»Blätter fallen und verderben.
Nach dem grimmen Wintersterben
Sprießt der Same, wird zum Strauch,
Treibt nun Blatt und Blüte auch!«

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