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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Die Kohlraupe

Der ganze Gemüsegarten war voller Kohlraupen. Die größte von ihnen kroch tagaus tagein auf einem Kohlkopf dicht an dem Gartenwege umher, sie war so dick und fett und grün, daß einem die Augen weh taten, wenn man sie ansah. Sie fraß und fraß; eine andre Beschäftigung kannte sie nicht.

»Dummes Tier!« sagte der Gärtner. »Du und deine Geschwister fressen mir den halben Kohl fort, wäret ihr nicht so zahlreich, so schlüge ich euch tot.«

»Dummes Tier!« sang die Nachtigall, die auf dem Jasminstrauch saß. »Diese Raupe macht sich nichts aus Blumen, Gesang und Musik. Nur fressen, fressen, fressen will sie!«

»Dummes Tier!« pfiff die Schwalbe, die auf ihren langen, spitzen Flügeln über den Kohlgarten dahinstrich. »So ein Wesen hat nicht den geringsten Sinn für Poesie ... es denkt niemals an Sonnenschein und Sommerluft. Nicht ein bißchen Munterkeit! Bloß immer fressen, fressen, fressen! Obendrein ist sie noch mit garstigen, giftigen Haaren bedeckt, daß man sie nicht einmal selber verzehren kann.«

»Dummes Tier!« zeterte die Ameise, die mit einem Korn im Munde vorbeilief. »Denkt sie jemals an Haus und Heim? An die Kinder? An Vorrat für den Winter? Sie kennt nichts als fressen, fressen, fressen!«

»Herr Gott!« rief die Kohlraupe aus. Mehr hörte man sie vorläufig nichts sagen, so überwältigt war sie von all dem Geschelte.

Aber während sie von dem saftigen grünen Kohl fraß, grübelte sie über das Gehörte nach und vor allem über das, was die Ameise gesagt hatte. Und als die Ameise das nächstemal vorüberkam, hatte die Kohlraupe einen Entschluß gefaßt.

»Heda, Ameise!« rief sie. »Wart einmal und erkläre mir das, was du vorhin von den Kindern sagtest, weißt du denn nicht, daß ich selber ein Kind bin? ... Ich muß bloß Zeit haben, um groß und schön zu werden.«

Die Ameise blieb vor Erstaunen stehen und ließ das Korn, das sie im Munde hatte, fallen.

»Du willst ein Kind sein?« sagte sie. »Ein nettes Kind! Du bist ja ein reiner Elefant ... fünfzigmal so groß wie ich. Und du solltest ein Kind sein? Der liebe Gott mag wissen, wie du aussehen wirst, wenn du erwachsen bist.«

»Das weiß ich selber allerdings nicht recht,« meinte die Kohlraupe geheimnisvoll, »Aber ich habe eine Ahnung. Könnte ich dir doch bloß erzählen, was ich manchmal in mir spüre! Ich bin fest überzeugt, daß ich einmal etwas recht Großes werde, wenn ihr mir nur Zeit zu wachsen laßt. Ich werde auf schönen Flügeln über dem Garten dahinfliegen ... ich werde ein Schmetterling werden ... gib nur acht, dann wirst du's sehen! Ich weiß es aus meinen Träumen, daß ich verwandt mit euch und ebenso viel wert bin wie ihr.«

»Uff!« rief die Ameise und spuckte aus. »Es widert einen an, einen solchen Blödsinn mitanzuhören! Träume ... Ahnungen? Nein, es gibt etwas, das Familie und Ameisenhügel heißt; daran halte ich mich. Adieu, du dumme Kohlraupe!«

Damit lief sie fort. Aber nachdem sie ein kleines Ende gelaufen war, blieb sie stehen und sagte noch einmal »Uff!«

Und die Sonne brannte, und die Kohlraupe ließ sich von ihren Strahlen braten, während sie den grünen Kohl fraß.

Es wurde Mittag, und die Nachtigall im Jasminstrauch konnte nicht mehr singen, weil es ihr zu warm war. Sie schwieg und hielt ein Mittagschläfchen. Die Schwalbe flog empor, um ein wenig frische Luft zu schöpfen. Die Ameise trug ihre kleinen weißen Eier in den Sonnenschein, und der Gärtner aß mit seiner Frau und seinen Kindern unter dem großen Walnußbaum zu Mittag.

Aber die Kohlraupe fraß unverdrossen weiter.

Da erschienen plötzlich viele, viele schwarze Pünktchen in der Luft über dem Garten. Sie tanzten auf und nieder, auf und nieder. Schließlich befanden sie sich dicht über der Kohlraupe; und diese sah, daß es niedliche Tierchen mit feinen, durchsichtigen Flügeln waren.

»Wer seid ihr? ... Was wollt ihr?« fragte die Kohlraupe.

»Wir sind Mütter!« erwiderten die kleinen Tiere. »Und wir sind hier, um einen Platz für unsre Kinder zu suchen.«

»Das klingt ja recht gut und schön,« sagte die Kohlraupe, die an die Worte der Ameise dachte. »Aber ich kann euch trotzdem nicht leiden.«

»Wie schade!« riefen die Tierchen da. »Denn wir haben gerade dich in unser Herz geschlossen.«

Und schon ließ sich eine große Anzahl der Tierchen auf dem Rücken der Kohlraupe nieder.

»Au! Au!« schrie diese. »Mord! Hilfe! Polizei!«

Die Tierchen flogen wieder auf, blieben aber auf ihren klaren Flügeln in der Luft über der Kohlraupe stehen.

»Wer seid ihr denn nur?« fragte diese, indem sie sich vor Schmerzen wand. »Was habe ich euch getan, daß ihr so schlecht zu mir seid?«

»Ein jeder sorgt für sich und die Seinen,« erwiderten die Tiere, »und wir haben soeben für unsre Kinder gesorgt, wir werden Schlupfwespen genannt – ein schöner Name ist es nicht, aber wir haben nun einmal keinen bessern. Übrigens sind wir mit den Ameisen verwandt, wenn du die kennen solltest.«

»Dann gehört ihr ja zu einer recht anständigen Familie,« sagte die Kohlraupe seufzend. »Aber ich weiß nicht, warum alle Leute mich schelten und stechen und verhöhnen. – Was habt ihr denn mit mir gemacht?«

»Das erfährst du noch früh genug,« entgegneten die Schlupfwespen. »Leb wohl und vielen Dank!«

Mit diesen Worten schwangen sie sich in die Höhe, wurden wieder zu schwarzen Pünktchen und verschwanden zuletzt ganz.

Aber die Kohlraupe seufzte tief und lange und fraß doppelt so viel Kohl, um sich zu trösten. Und doch mußte sie immer wieder an den unheimlichen Besuch denken, den sie gehabt hatte.

»Ich habe Ahnungen!« sagte sie zu sich selbst. »Böse Ahnungen! wenn ich nur klug daraus werden könnte!«

Aber nach einiger Zeit fing sie an, die Sache zu verstehen.

Sie konnte gar nicht mehr satt werden. Je mehr sie fraß, desto hungriger wurde sie. Sie verzehrte ein Kohlblatt nach dem andern, und trotzdem hatte sie vor Hunger geradezu Schmerzen.

»Was ist denn das wieder?« knurrte sie mißmutig.

»Wir sind es!« antwortete jemand in ihrem Innern.

»Was?« rief die Kohlraupe und rollte sich erschrocken auf die andre Seite. »Spukt es in mir, oder habe ich den Verstand verloren?«

»Wir sind es – die jungen Schlupfwespen!« sagte wieder eine Stimme aus dem Innern der Kohlraupe.

Der Kohlraupe war zumut, als drehte sich alles vor ihr im Kreise. Doch als sie sich ein wenig erholt hatte, wußte sie Bescheid.

»Dann haben die Schlupfwespen also ihre Eier in meinen Körper gelegt!« schrie sie erbost. »Und nun soll ich wohl ihre gefräßigen Jungen großfüttern?«

»Ganz recht!« sagten die Jungen. »Du hast es getroffen. Nun vorwärts, du dumme, faule Kohlraupe! Friß, bis du platzest ... sonst fressen wir dich.«

Und dabei zwickten und zwackten sie gehörig an dem Fleisch ihrer Wirtin.

»Au! Au!« schrie die Kohlraupe. »Ich will ... ich will alles tun, was ihr verlangt!«

»Aber beeile dich!« sagten die Jungen, »wir sind fürchterlich hungrig!«

Und die Kohlraupe fraß noch mehr als vorher, aber es half nichts. Sie konnte nicht satt werden, und die jungen Schlupfwespen schrien immer nach mehr Nahrung. Die Ameise, die Schwalbe und die Nachtigall verhöhnten die Raupe, und der Gärtner schlug mit seiner Harke auf den Kohl; so ärgerlich war er darüber, daß so viel draufging.

Aber die Kohlraupe schluckte das alles hinunter und meinte, es gebe in der Welt kein unglücklicheres Wesen als sie.

»Verspottet mich nur!« dachte sie. »Ihr habt gut reden! Ihr solltet bloß wissen, daß ich selber gar keinen Nutzen von dem habe, was ich fresse ... sondern daß die jungen Schlupfwespen alles für sich gebrauchen.«

Verzweifelt fraß sie weiter, schließlich konnte sie es nicht länger ertragen. Den ganzen Tag hatte sie die Schlupfwespen in ihrem Innern rumoren hören. Nun wälzte sie sich auf dem Kohlblatt herum und wand und krümmte sich und schrie um Hilfe.

»Freßt mich lieber mit Haut und Haaren!« rief sie. »Laßt mich lieber auf der Stelle sterben ... ich kann dies Leben nicht mehr aushalten!«

»Pah!« sagten lachend die Jungen in ihr, und sie glucksten dabei vor Vergnügen. »So leicht geht das nicht, wenn deine Zeit kommt, werden wir dich schon ganz auffressen. Hab nur keine Angst! Aber vorläufig hast du hübsch den Mund zu halten und zu fressen.«

Mit jedem Tag wurden die Jungen größer und verlangten mehr Nahrung.

Als das, was die Kohlraupe fraß, sie nicht mehr sättigen konnte, begannen sie, zwei große Fettklumpen zu verzehren, die die Raupe während ihrer glücklichen Zeit, bevor die Schlupfwespen kamen, zusammengespart hatte. Die sollten ihr zu Flügeln und Beinen dienen, wenn sie einmal ein Schmetterling wurde; und als sie merkte, daß die Fettklumpen verschwunden waren, vergoß sie heiße Tränen.

»Ach, meine schönen Träume!« rief sie aus. »Nun werde ich kein Schmetterling werden und werde nie im Sonnenschein über dem Garten hinfliegen.«

»Ich hab es dir ja immer gesagt, daß das mit dem Schmetterlingsdasein Unsinn ist!« rief die Ameise, die gerade vorüberrannte.

»Hör mal, liebe Ameise!« klagte die Kohlraupe, »Wenn du ein Herz im Leibe hast, so hilf mir!«

Und dann erzählte sie der Ameise ihr Unglück, Schwalbe und Nachtigall kamen herbei und hörten zu, und die Kohlraupe bat sie flehentlich, ihr doch mit Rat und Tat beizustehen.

»Ich gehöre doch zu euerm Geschlecht,« sagte sie schließlich. »Glaubt mir, ich habe das im Gefühl! wenn man mir nur Zeit und Ruhe gönnt, wird etwas Schönes aus mir ... ein Wesen, das fliegen kann wie die Vögel. Ich hab das schon seit meiner frühesten Jugend gefühlt.«

Die Schwalbe und die Nachtigall blickten einander an und schüttelten die Köpfe. Aber die Ameise, die die klügste von den dreien war, nickte nachdenklich und sagte dann:

»Das mit der Verwandtschaft mag ja seine Richtigkeit haben. So auf eine Art. Denn wir sind doch alle Menschen, wie der Gärtner sagt. Aber das mit dem Fliegen ist bestimmt bloß Einbildung. Du tust mir leid, Kohlraupe, wirklich. Aber helfen kann ich dir nicht. Du mußt dein Geschick mit Geduld ertragen!«

»Ich kann es nicht ertragen!« schrie die Kohlraupe. »Ich gehe daran zugrunde. Denkt an die Schmetterlinge ... sind das nicht wunderschöne Geschöpfe? Macht es euch nicht Vergnügen, sie anzusehen? Helft mir, hört ihr! Wenn ich sterbe, stirbt ein Schmetterling. Stellt euch bloß einmal vor, wenn es eines Tages keine Schmetterlinge mehr gäbe!«

»Na,« erwiderte die Ameise ruhig, »was das betrifft, so bleibt die Welt doch bestehen, wenn du auch recht haben solltest, hier im Garten gibt's Kohlraupen genug; und seid ihr wirklich Schmetterlingskinder, dann bleiben doch genug übrig, wenn auch ein paar draufgehen sollten. – – – Übrigens habe ich keine Zeit, über solche Narrenpossen nachzudenken. Willst du meine Ansicht klipp und klar hören, so wisse denn: deine Mutter hat schlecht für dich gesorgt, da du in die Gewalt der Schlupfwespen geraten bist! Und nun will ich nach Hause und für meine Kinder sorgen. Adieu! Der Herr sei mit dir!« Damit lief die Ameise fort. Die Nachtigall flog auf den Strauch und sang ihre Lieder in den lauen Abend hinaus, so daß alle bewundernd lauschten. Und die Schwalbe stieg hoch in die Lüfte und verkündigte gut Wetter für den folgenden Tag.

Die Raupe aber krümmte sich demütig auf ihrem Kohlblatt und fraß und fraß.

»Mir scheint, wir sind zu zahlreich hier drinnen,« sagte eine der jungen Wespen am nächsten Morgen. »Ich kann keine Luft kriegen.«

»Dafür kann Rat geschafft werden,« meinte eine der andern, »wir beißen einfach die Luftröhren unsrer Hauswirtin durch, dann können wir besser atmen. Aber gebt acht, daß sie nicht zu früh erstickt!«

Gesagt, getan. Aber die Kohlraupe schrie lauter als je.

»Luft! Luft! Soll ich denn elend ersticken?«

»Nein, das nicht,« erwiderten die Jungen, »Aber es ist gut für dich, wenn du dich mit wenigem begnügen lernst. Mach dich nur wieder über den Kohl her!« –

»Nun kann ich wirklich nicht mehr!« rief die Raupe eines Morgens.

»Nun mag es auch genug sein,« sagten die jungen Schlupfwespen.

Am Abend fraßen sie den letzten Rest ihrer Wirtin. Nur die Haut war noch von der toten Raupe übrig, sie vertrocknete und schrumpfte zusammen, und die Jungen hüllten sich hinein wie in einen warmen Pelz.

Eines schönen Tages flogen sie aus. Hübsche Tierchen waren es, mit leichten, durchsichtigen Flügeln, wie auch ihre Eltern sie gehabt hatten.

»Hurra!« schrien sie. »Nun kommt es bloß darauf an, eine Kohlraupe für unsere Jungen ausfindig zu machen. Ein jeder sorgt für die Seinen, so gut er kann; so will es die Ordnung der Natur, was tut's, wenn dieser oder jener dabei zugrunde geht! Wir verkörpern die Polizeigewalt der Natur; wir passen auf, daß die Dinge im Gleichgewicht bleiben, wäre es nicht garstig, wenn die ganze Welt voller Kohlraupen wäre?«

»Oder voller Schlupfwespen!« pfiff die Schwalbe und verschlang im selben Augenblick mehrere von ihnen.

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