Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Ewald >

Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
Schließen

Navigation:

Der Aal

Überm Meer flogen Möwen dahin, soweit ihre Flügel sie tragen konnten; und den Schiffen wiesen die Menschen den Kurs. Bald war es windstill, bald tobte der Sturm. Es kam vor, daß ein Matrose über Bord fiel und ertrank, oder daß ein Schiff mit Mann und Maus zugrunde ging und man nie wieder Kunde von ihm erhielt.

In der Tiefe, weit unter den Möwen und den Schiffen, schwamm der Goldbutt mit schiefem Maul umher und langweilte sich gründlich.

»So ein bißchen Veränderung wäre recht schön!« sagte er vor sich hin. »Es ist ja ganz nett hier im Tangwald, und kühl ist's hier auch und friedlich, und man ist keinen Gefahren ausgesetzt. Aber manchmal packt mich die Sehnsucht, und ich möchte etwas mehr von der Welt kennen lernen.«

»Die Welt ist überall gleich,« fiel der Hering ein. »Wasser und Tang, Tang und Wasser, Muscheln, Schnecken und schiefmäulige Flundern. Jacke wie Hose! Ich weiß Bescheid, denn ich unternehme jedes Jahr eine Reise durch den kleinen Belt und zurück durch den großen.«

»Nennst du das eine Reise?« rief der Dorsch höhnisch. »Nein ... ich besuche jährlich den Atlantischen Ozean. Das ist ganz was andres. Im übrigen hast du recht: die Welt ist überall gleich.«

»Ich glaube das nicht!« meinte der Goldbutt. »Eine innere Stimme sagt mir, daß ihr euch irrt.«

»Du solltest zunächst mal deine Augen richtig drehn,« bemerkte der Dorsch. »Jetzt siehst du ja nur halb so viel wie ein gewöhnlicher Dorsch. Deshalb bist du wohl auch so unzufrieden.«

»Du meine Güte, was schwatzt ihr da!« rief die Auster. »Geht's uns denn nicht ganz gut? Was kümmert uns die Welt? In meiner Jugend bin ich wie ihr herumkutschiert, aber das machte gar keinen Spaß. Jetzt bin ich vernünftig geworden und sitze hier fest und danke Gott jeden Tag für das frische Wasser, das gute Essen und die friedlichen Tage.«

Nun wußte man über diese Sache nichts mehr zu sagen, und darum schwiegen alle.

Da kam der Aal herbei.

»Da ist der Aal!« rief der Dorsch. »Es wird Herbst.«

»Wo warst du im Sommer?« fragte der Goldbutt.

»Guten Tag, alle miteinander!« sagte der Aal. »Ich war im Esromer See.«

»Kruzitürken noch mal!« rief der Dorsch. »Wie hast du in dem Wasser Luft gekriegt? Wenn ich bloß an den Strand zur Flußmündung komme, bin ich dem Ersticken nahe.«

»Ja,« erwiderte der Aal, »man darf nicht zu hohe Anforderungen stellen. Man muß sich winden!«

»Könnte ich das nur!« klagte der Goldbutt mit einem Seufzer.

»Ich kann nicht verstehen, wie die Leute so herumjagen mögen,« erklärte die Auster. »Was willst du denn eigentlich hier?«

»Hier draußen bekomme ich meine Jungen,« war die Antwort des Aals. »Und das Meer habe ich im Winter auch am liebsten. Es ist tiefer und nicht so kalt und hat nicht so viel Eis. Aber sobald es Frühling wird, nehme ich wieder Reißaus.«

»Nimmst du dann deine Kinder mit?« fragte der Dorsch. »Ich entsinne mich nicht, jemals einen jungen Aal gesehn zu haben.«

»Meine Jungen sind auch nicht so leicht zu sehn. Anfangs sind sie nur ein Stück Faden, aber flink sind sie. Sie schwimmen von selbst nach dem See hinüber. Ich gebe ihnen nur eine einzige Lebensregel mit.«

»Darf man fragen, was für eine das ist?« erkundigte sich der Hering.

»Ich sage ihnen: Man muß sich winden!«

Damit schwamm der Aal davon.

»Das ist sehr leichtsinnig gesprochen von einem Vater,« bemerkte die Auster. »Meine Kinder winden sich auch. Aber wenn ich könnte, würde ich sie lehren, sich gleich festzusetzen.«

Als das Frühjahr kam, erschien der Aal drüben im See.

»Nun wird's Frühling!« sagte der Barsch. »Da haben wir den Aal!«

»Willkommen zur Rückkehr!« sagte die Plötze, »Wo warst du im Winter?«

»Guten Tag miteinander!« rief der Aal. »Ist der Hecht in der Nähe?«

»Der ist drüben am andern Ende des Sees,« erwiderte die Plötze, »aber er kann jeden Augenblick hier sein, und dann ist's mit der Herrlichkeit zu Ende.«

»Ach was,« meinte der Aal, »man muß sich winden. – Im übrigen komm ich vom Meere her – ich bin da draußen gewesen, um meine Kinder auf die Welt zu setzen.«

»Sooo?« sagte der Barsch. »Ich bilde mir ein, daß ich ein paar von ihnen zum Frühstück gegessen habe – ja, du mußt entschuldigen, daß ich es so offen zugebe.«

»O, bitte, bitte!« entgegnete der Aal. »Die Familie ist doch noch groß genug.«

»Wie in aller Welt sind die Kleinen denn vom Meer hierher gekommen?« fragte die Plötze.

»Genau so wie ich, denke ich,« erwiderte der Aal. »Zuerst schwamm ich den Fluß hinauf, soweit er reichte, und dann fuhr ich einen Bach entlang.«

»Und was dann?« fragte der Barsch.

»Tja, dann schlängelte ich mich durch eine wunderschöne, feuchte Wiese, ganz auf dem Grunde des Grases, wo die Sonne mich nicht erreichen konnte, und wo es recht naß war. Schön war die Sache ja nicht, aber es ging.«

»Welches Leben für einen Fisch!« sagte der Barsch.

»Pst! Da ist der Hecht!« rief die Plötze.

Sie breitete ihre Flossen aus und schwamm fort, so schnell sie es gelernt hatte, und der Barsch desgleichen.

»Man muß sich winden!« verkündigte der Aal.

Und eins, zwei, drei! war er tief unten im Schlamm. – – –

Sobald der Herbst herankam, machte der Aal sich wieder auf den Weg nach dem Meere.

Er war gerade im Begriff, sich über die Wiese zu schlängeln, aber das Gras stand nicht so hoch wie im vorigen Jahr, und wie er sich da so vorwärtswand, bemerkten ihn zwei große Knaben.

»Sieh mal die garstige Schlange da!« sagte der eine und schlug den Aal mit dem Stock über den Rücken.

»Au!« schrie der Aal.

Beide Jungen stürzten sich auf ihn und packten ihn. So sehr er sich auch drehte und wand, es half ihm nichts, sie hielten ihn mit beiden Händen fest und hoben ihn auf. »So ein Bursche!« sagte der eine Junge.

Vorsichtig marschierten sie vorwärts; aber als sie ein kleines Ende gegangen waren, entschlüpfte ihnen der Aal.

»Da läuft der heimtückische Kerl!« rief der eine der Knaben.

Man muß sich winden!« schrie der Aal.

»Ihm nach!« rief der zweite Junge.

Bald hatten sie ihn wieder gefangen, und nun steckten sie ihn in die Mütze des einen Jungen und gaben scharf acht.

»Das ist ja ein wunderschöner Aal!« sagte ihre Mutter, als sie mit ihm zu Hause ankamen.

Dann rief sie das Mädchen.

»Das beste ist, du schlachtest ihn sofort, Anna,« sagte sie. »So ein Aal ist zu lebendig; er bewegt sich ebensogut zu Lande wie zu Wasser.«

Anna packte den Aal mit ihrer rauhen Linken. In die rechte Hand nahm sie ein scharfes Messer.

Und ratsch! machte sie einen langen Schnitt in den Bauch des Fisches. Der Aal krümmte sich so heftig, daß sie ihn erschrocken losließ, schnell wie der Blitz schlängelte er sich auf den Fußboden der Küche hinab.

»Du widerwärtiges Ungetüm!« rief Anna und lief ihm mit dem Messer in der Hand nach.

»Man muß sich winden!« schrie der Aal.

»Wir wollen ihn gleich in die Pfanne tun,« sagte die Hausfrau. »Sonst werden wir nie mit ihm fertig.«

Sie setzte die Pfanne aufs Feuer und tat Butter hinein. Anna fing den Aal, zog ihm die Haut herunter, schnitt den Kopf ab und tauchte den Aal in Mehl.

Dann legte sie ihn in die Pfanne. Das Feuer knisterte, und die Butter brutzelte.

»Ich glaube wahrhaftig, der Bursche zappelt immer noch,« sagte Anna.

»Man muß sich wi – –«

Mehr vermochte der Aal nicht zu sagen, denn nun war er tot.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.