Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Ewald >

Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
Schließen

Navigation:

Die Nonnen

Groß und mächtig ragte der Tannenwald auf, höher als alle andern Wälder. Er erstreckte sich talauf talab und meinte selber, die Hälfte des Landes zu füllen.

»Wir sind die Herren des Waldes!« rauschten die Tannen, leise, aber gewaltig, wie ein Mächtiger der Welt, der da weiß, wieviel er zu sagen hat.

»Bei euch ist's gar nicht hübsch,« plauderte die Hecke, die um den Wald herumführte und in Blumen fast erstickte. »Seht, wie ich leuchte! Atmet meinen Duft ein! Ihr habt keine einzige Blume ... bloß dürre, braune Nadeln.«

»Blumen vergehn!« erwiderte der Tannenwald. »Jetzt prahlst du. In einem Monat aber liegst du kahl und häßlich da! Ich habe meine märchenhaften Pilze. Die schießen im Herbst hervor, und sie sind rot und weiß und gelb, giftig und seltsam, so daß man im Dunkeln Angst vor ihnen bekommt. Und ich habe mein feines, stilles grünes Moos!«

»Bei dir geht es zu steif her,« sagte der Buchenwald. »Alles ganz gerade ... und ein Baum wie der andre ... ein, zwei! – ein, zwei! Wie Soldaten in Reih und Glied! Schatten gibt's bei dir nicht, und wo sind deine rieselnden Bächlein? Wo sind deine Vögel?«

»Wo steckst du denn im Winter?« erwiderte der Tannenwald. »Ich bin auch dann grün wie jetzt ... bin immer ein und derselbe. Kein Lärm, kein Geschrei ertönt bei mir ... immer steh ich hoch, ruhig und feierlich da!«

»Langweilig bist du,« zankte die Wiese. »Keine Biene summt in dir herum, keinen Schmetterling sieht man zwischen deinen Stämmen leuchten.«

»Wirst du deiner Tiere denn froh?« fragte der Tannenwald. »Sie fressen deine Wurzeln, deine Blätter und deine Beeren! Ich halte mich an meine braven, fleißigen Ameisen.«

»Gott segne meinen Tannenwald!« sagte der Förster. »Der versorgt sich selber und macht einem keine Schererei, und er läßt sich in Gold umsetzen. Ich wünschte, ich hätte nur Tannen in meinen Wäldern.«

»Wir sind die Herren des Waldes!« rauschten die Tannen.


Da kam eines Tages ein Schmetterling zum Tannenwalde geflogen.

Er war weiß mit schwarzen Flecken und sah so ehrbar und unschuldig aus, daß der alten Tanne, auf deren Stamm er sich niederließ, ganz warm ums Herz wurde.

»Was für ein niedliches Dämchen du bist!« sagte die Tanne, »wie heißest du denn, wenn ich fragen darf?«

»Ich werde nie anders als die Nonne genannt,« antwortete der Schmetterling mit lieblichem Stimmchen. »Ich möchte so gern ein paar Eier auf deinen Stamm legen.«

»Warum denn nicht?« sagte die alte Tanne. »Mit dem größten Vergnügen erlaube ich dir das! so viele du willst. Sieh doch, es ist Platz genug vorhanden.«

»Es werden wohl noch ein paar hinzukommen,« bemerkte die Nonne leise und bescheiden, »wir sind eine kleine Familie.«

»Gott behüte!« meinte die Tanne. »Für die wird wohl auch noch Raum sein.«

Und es kamen allerdings noch ein paar hinzu.

An die fünfzig Nonnen suchten die alte Tanne auf, und ungefähr ebenso viele kamen zu den andern Tannen, die in der Nähe standen. Am Nachmittag erschien ein neuer Schwarm und am nächsten Tage wieder ein neuer, und so ging es weiter.

Die Tannen unterhielten sich über die Sache, und sie waren nicht wenig stolz auf ihre Einquartierung. Diejenigen Bäume, auf denen sich keine der Schmetterlinge niedergelassen hatten, wurden von den andern mit Mitleid und Verachtung betrachtet. Und alle die Nonnen waren über die Maßen bescheiden und dankbar.

»Ihr seid zu liebenswürdig zu uns!« sagten sie zu den Tannen.

»An so vornehmen Besuch sind wir nicht gewöhnt,« rauschten die Tannen mit ihren langen Zweigen.

Im übrigen sagten die Nonnen nicht viel, sie waren zu sehr mit dem Eierlegen beschäftigt.

»Es kommen wohl Larven aus den Eiern, wenn die Zeit da ist?« forschten die Tannen.

»Wahrscheinlich!« erwiderten die Nonnen.

»Wollt ihr so freundlich sein, mal zu uns herüberzugucken?« riefen die Tannen der Wiese, der Hecke und dem Buchenwald zu. »Seht ihr unsre schönen Schmetterlinge? Es sind nicht solche Prahlhänse wie die euren, sondern stille, bescheidene Frauenzimmer. Sie legen Eier auf unsre Stämme. Und später schlüpfen Larven aus.«

»Viel Glück!« sagte der Buchenwald.

Und die Wiese und die Hecke wünschten gleichfalls Glück.

Nach einiger Zeit starben die Nonnen. Mit einem leichten, ehrbaren Seufzer fielen sie auf die Erde; die Tannen ließen ihre würzigen Nadeln auf sie hinabrieseln und sangen einen Totenchoral. Dann schlüpften die Larven aus, und die Bäume hatten genug damit zu tun, sie zu betrachten.

Schön waren sie nicht, ungefähr einen Zoll lang und grüngrau wie der Stamm der Tannen. Auf beiden Seiten hatten sie steife Borsten, und der große Kopf hatte ein paar entsetzlich scharfe Kinnbacken und zwei gierige Augen.

»Was befehlen die jungen Herrschaften?« fragten die Tannen.

»Futter! – Futter! – Futter!« schrien die Raupen.

Darauf begannen sie, an den Stämmen und Zweigen entlang zu kriechen, und machten sich daran, Nadeln zu fressen.

»Sie haben einen gesegneten Appetit,« sagten die Tannen und nickten einander zu. »Aber was machen wir uns aus den paar Nadeln!«

Ein paar Nadeln gingen allerdings drauf.

Als der Sommer zu Ende war, stand es schlimm um die alte Tanne, auf der sich damals die erste Nonne niedergelassen hatte. Sie konnte die Nadeln, die ihr noch geblieben waren, zählen und sah recht mitgenommen aus. Den andern Tannen ringsum erging es nicht viel besser.

»Das war doch eine anstrengende Geschichte!« seufzte die Alte. »Ich glaube, noch einmal übersteh ich's in meinem Alter nicht!«

»Ich auch nicht ... ich auch nicht ... ich auch nicht!« rauschte es durch den Wald.

Alle Larven hatten sich jetzt verpuppt; niedliche, braune Puppen waren es, die wie Bronze und Gold glänzten, wenn die Sonne darauf schien.

»Wie hübsch sie aussehen!« sagte die alte Tanne, aber ihre Stimme war ganz matt und hatte keinen Klang mehr.

»Wie geht es mit den schönen Schmetterlingen?« rief die Wiese herüber.

»Ich finde, du bist in diesem Herbst nicht so grün wie sonst,« sagte der Buchenwald zum Tannenwald.

»Ich glaube, du bist ebenso kahl und garstig wie ich!« rief die Hecke.

Der Tannenwald erwiderte nichts, denn er wollte nicht klagen, aber recht hatten sie ja alle.

Dann kam der Winter, und es schneite und stürmte. Es fielen mehr Zweige von den Tannen als sonst, und in einer Nacht stürzte die alte Tanne um.

»Das hätte ich von dem Baum da nicht gedacht,« sagte der Förster, als er es bemerkte. »Er sah so aus, als könnte er noch lange leben.«

»Die Non...«

Mehr brachte die alte Tanne nicht hervor, denn nun war sie tot.

Der Frühling kam, die Tannen bekamen neue Triebe und waren überzeugt, daß das Versäumte sich noch einholen lassen werde. Alle Zweige hatten kleine, hellgrüne Spitzchen, und man hatte wieder Mut gefaßt.

»Wir sind doch die Herren des Waldes!« sagten die Tannen.

Aber am ersten warmen Sommertag sprangen alle die Puppen wie auf Kommando auf, und heraus flogen Tausende von niedlichen Nonnen. Sie sahen so ehrbar und unschuldig aus wie ihre Eltern; aber sie waren so zahlreich, daß die Tannen bis zu den Wurzeln hinab erbebten. »O nein! O nein!« baten sie. »Wir können nicht mehr. Ihr müßt anderswohin gehn!«

»Wir wollen doch bloß ein paar Eier auf eure Stämme legen,« sagten die Nonnen mit leiser, bescheidner Stimme.

Und während die Tannen Einspruch erhoben und ihre halbkahlen Zweige zum Himmel emporstreckten, setzten sich die Nonnen auf die Stämme und legten ihre Eier. Darauf fielen sie herab und starben, wie ihre Mütter auch, aber es rieselten keine Nadeln auf sie nieder, und kein Totenchoral ertönte, denn man trauerte ihnen nicht nach, und es waren kaum Nadeln vorhanden zum Hinabrieseln und zum Rauschen.

Als die Zeit kam, schlüpften die Larven aus, und ihrer waren so viele, daß man sie nicht zählen konnte.

»Futter! – Futter! – Futter!« schrien sie.

»Wir können euch kein Futter liefern!« sagten die Tannen verzweifelt.

Aber die Larven machten sich über die neuen Triebe her und fraßen sich dick und fett. Wenn sie mit einem Zweig fertig waren, spannen sie einen langen Faden und ließen sich an ihm auf einen andern Zweig hinab. Fielen sie auf die Erde, so krochen sie an den Stämmen wieder empor. Der ganze Wald war in heller Verzweiflung.

»Es ist aus mit uns!« seufzten die Tannen.

»Futter! – Futter! – Futter!« schrien die Larven.

»Mein wunderschöner Wald ist von Ungeziefer angefallen worden,« sagte der Förster, »was soll ich nur dagegen tun?«

Als der Herbst kam, wurden die Larven zu Puppen; und im Winter stürzten so viele Bäume wie noch nie zuvor. Aber als es wieder Sommer wurde, da war des Jammers kein Ende.

Die Hälfte des Waldes war abgestorben, und man sah so viele Nonnen, daß die Tannen wie verschneit aussahen. Der Wind trug die Tiere übers Land hin, und auf dem Waldsee lag eine zolldicke Schicht von Nonnen.

Dann gab es so viele Larven, daß die Zweige sich unter ihrem Gewicht zur Erde bogen. Sie wimmelten hervor, traten aufeinander, und die Bäume waren wie ein Gewirr lebendigen Gewürms. Die Tannen sagten nichts. Sie hatten längst alle Hoffnung aufgegeben und warteten ruhig und schweigend auf den Tod. Stündlich stürzte ein Baum zu Boden, und alle Wege waren durch Stämme und Zweige versperrt.

Der alte Förster konnte beinah nicht vorwärtskommen. Da rang er die Hände, während die Tränen ihm über die Backen liefen.

»Mein Wald ... mein Wald ... mein wunderschöner Wald!« sagte er. »Es steht nicht in der Menschen Hand, dich zu retten!«

Und noch während er das sagte, – aber sehen konnte er das nicht, denn er war alt, und selbst jungen Augen wäre es leicht entgangen – war schon jemand am Werk, dem Tannenwalde zu helfen.

Wie schwarze Pünktchen sah es aus, die in Unmengen über den Bäumen in der Luft schwebten. Flinke Schlupfwespen waren es, die ihren Legebohrer in die fetten Nonnenlarven steckten und ihre Eier hineinlegten. Aus den Eiern schlüpften Junge aus, und während die Nonnenkinder die Tannen fraßen, fraßen die Schlupfwespen die jungen Nonnen.

Als der Sommer vorbei war, gab es fast gar keine Nonnenpuppen. Die Haut der Larven lag dürr und geborsten auf den Zweigen, und darin fanden die Puppen der Schlupfwespen ein warmes Obdach für den Winter.

Im nächsten Frühjahr waren nur wenige Nonnen, aber desto mehr Schlupfwespen vorhanden.

Der Förster ging durch den Wald. Neben ihm schritt ein Mann mit einer Brille und einer Botanisiertrommel. Der verstand von Tieren und Pflanzen mehr als von den Menschen, und er war gekommen, um sich dieses garstige Werk der Zerstörung anzusehen. Der Förster erzählte ihm, wie groß und schön der Wald früher gewesen sei, und zeigte, wie die Bäume jetzt umgestürzt waren und wie zwischen den gefallenen Stämmen Himbeeren und Farne wuchsen. In dem Tannenwald herrschte Grabesstille, und die Sonne brannte auf die verdorrten Zweige herab.

»Nun ist's vorbei,« sagte der Förster, »Aber der größte Teil des Waldes ist vernichtet. Im vorigen Jahr war es um diese Zeit schneeweiß von Nonnen. Dieses Jahr sind fast gar keine da. Ich begreife nicht, wie das zugegangen ist.«

»Das haben die Schlupfwespen getan,« sagte der Mann mit der Brille; und dann erklärte er dem Förster, wie das zugegangen sei.

»Dann segne der liebe Gott die Schlupfwespen,« sagte der Förster. »Das sind die reizendsten Tiere, die er erschaffen hat.«

»Sie sind ganz und gar nicht reizender als die Nonnen,« erwiderte der Mann mit der Brille.

»Wollen Sie sich über mich lustig machen?« meinte der Förster.

»Und die Tannen sind nicht besser als die Nonnen,« sagte der Mann. »Sie haben alle das Recht zu leben.«

»Ich habe noch nie so verdrehtes Zeug gehört!« rief der Förster ärgerlich.

Aber der Mann mit der Brille und der Botanisiertrommel setzte sich ruhig auf einen umgestürzten Tannenstamm und schaute über den toten Wald hin.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« erklärte er. »Es waren zu viele Tannen hier. Da kamen die Nonnen und vernichteten sie. Dann waren zu viele Nonnen vorhanden, und da kamen die Schlupfwespen und machten den Nonnen den Garaus. Das nennt man die Polizeigewalt der Natur. Schauen Sie in die Luft hinauf. Dann sehen Sie eine ungeheure Menge Schlupfwespen. Die müssen sterben, ohne ihre Eier loszuwerden, denn sie wissen nicht, wohin sie sie legen sollen. Glauben Sie mir, die Schlupfwespen wünschen, der Wald wäre voll Nonnenlarven.«

»Und ich wünschte, er wäre voll Tannen!« sagte der Förster.

»Die kommen wieder,« meinte der Mann, »und dann finden sich die Nonnen ein, und dann die Schlupfwespen. Und so geht es weiter, solange die Welt besteht. Sonst gäbe es ja schließlich nur noch Tannen.«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.