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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Die leeren Stuben

Der Kapitän mußte eine weite Fahrt antreten, und diesmal wollte er seine Frau und sein Söhnchen mitnehmen. Alles war gepackt und an Bord gebracht, der Junge saß bereits im Wagen, und Stine stand weinend an der Haustür.

»Wie lange bleiben wir fort?« fragte der kleine Junge.

»Ein halbes Jahr,« erwiderte sein Vater.

»Wer bewohnt denn in der ganzen Zeit unsre Stuben?«

»Na, niemand, du dummer Peter. Die stehn eben leer, bis wir zurückkommen!«

Dann setzten sich der Kapitän und seine Frau in den Wagen. Der Wagen fuhr zum Schiff, das Schiff glitt aus dem Hafen, und Stine ging zu ihren Verwandten.


In der Wohnung des Kapitäns war eins der Fenster am Sturmhaken befestigt und als der Wagen davongerollt war, flog eine Fliege durch den Spalt ins Zimmer hinein. Sie flog an die Decke hinauf und setzte sich dort zu den andern Fliegen. Aber kaum hatte sie sich niedergelassen, so plumpste sie auf den Tisch hinab und lag da auf dem Rücken, zappelte mit ihren sechs Beinen und konnte sich nicht halten vor Lachen.

»Was ist denn eigentlich so spaßig?« fragten die andern Fliegen.

Sie lachte aber immer weiter und konnte vor Fröhlichkeit kein Wort hervorbringen.

Da setzten sich die Fliegen rings um sie herum und betrachteten sie. Der Ohrwurm breitete seine Flügel aus – das tut der Ohrwurm nur, wenn etwas sehr Merkwürdiges geschieht – und flog auf den Tisch, wo die Fliege lag. Der Floh sprang mit einem einzigen Satz hinauf und starrte die Fliege mit recht gierigen Augen an.

»Sie hat den Verstand verloren!« erklärte der Ohrwurm.

»Eine Fliege verliert nie den Verstand,« sagten die andern Fliegen gekränkt.

»Sie kann ihn nicht verlieren, weil sie keinen hat,« warf der Floh ein.

»Vielleicht ist sie krank,« sagte die Motte, die aus der Gardine hervortanzte.

»Hi hi hi!«

Die sonderbare Fliege lachte immer noch. Nun kam die Schmeißfliege summend aus der Küche herbeigeflogen.

»Willst du wohl wieder zu dir kommen und reden!« schalt sie und flog um die Lachende herum.

Da gewann diese ihre Fassung wieder. Sie sprang auf, stand wieder auf ihren Beinen und wischte sich die Augen. Aber noch immer gluckste es in ihr.

Und sie erzählte: »Ich mußte nur über diese Menschen so lachen ... als sie abreisten ... ihr wißt, die Leute, die hier wohnen! Ich saß nämlich in der Droschke auf der Nase des Kapitäns. Und da sagte er ... hi hi hi! ... er sagte, wenn sie jetzt abreisten ... hi hi hi! ... dann wären die Stuben ganz leer ... hi hi hi!«

Der Floh sprang dreimal halb bis zur Decke hinauf und kicherte, der Ohrwurm lachte, die Fliegen lachten, die Motte lächelte – sie mußte sich in acht nehmen, daß der Staub nicht von ihren Flügeln fiel; aber die Schmeißfliege lachte, daß die Luft bebte.

»Ja, diese Menschen! Sind sie nicht spaßig!« rief die Fliege. »Hier wohnt nun eine Menge strebsamer, achtbarer Familien, die Tür an Tür mit ihnen leben, tagaus tagein, und sie denken gar nicht an uns. Ich darf wohl sagen, in dem ganzen Hause ist kein Winkel und keine Fußbodenritze, die unbewohnt wäre, und dann heißt es, sobald die Menschen selber mal eine kleine Reise unternehmen, sofort: das Haus ist leer!«

Und wieder lachten alle, mit Ausnahme der Motte.

»Das ist alles recht gut und schön!« sagte diese, »Aber die Menschen sind nicht bloß lächerlich, sie sind ...«

»Das ist eine ewige Wahrheit,« unterbrach sie der Ohrwurm. »Nicht bloß lächerlich!«

»Hört! Hört!« riefen die Fliegen im Chore.

»Auch ich habe mich über etwas zu beklagen,« sagte die Schmeißfliege.

»Wollen wir uns einmal darüber aussprechen?« fragte die Motte.

»Mir soll's recht sein!« sagte der Floh. »Aber dann müssen wir's auf der Stelle tun, denn sie kommen gewiß bald zurück.«

»In einem halben Jahre erst,« verkündete die Fliege. »Ich hab es den Kapitän sagen hören.«

»Au!« rief der Floh. »Das ist schlimm für mich. Dann muß ich mich für diese Zeit nach einem Logis bei einem Hund umtun. Schade, schade! Der kleine Bub hatte so schönes, süßes Blut. Und Stine war auch nicht zu verachten!«

»Jetzt in der Helligkeit kann ich nichts sagen,« erklärte die Motte. »Wollen wir uns nicht heut abend wieder treffen?«

»Das ist auch meine Ansicht,« sagte der Ohrwurm.

»Es eilt ja nicht,« meinte die Schmeißfliege. »Diese Woche haben wir alle mit dem Eierlegen zu tun, denke ich. Heute in acht Tagen in der Dämmerung wollen wir zusammenkommen. Ich schlage als Versammlungsort die Küche vor.«

»Wir wollen hier zusammenkommen,« sagte ein feines, hübsches Stimmchen, das sich bisher noch nicht hatte vernehmen lassen.

»Wer spricht da?« fragte die Schmeißfliege.

»Das Heimchen,« war die Antwort. »Ich schlage vor, daß wir uns hier treffen, weil ich so gemütlich in meiner Spalte am Ofen sitze.«

»Komm hervor, daß man dich zu sehen kriegt!« sagte der Floh.

»Ich komme niemals hervor!« erwiderte das Heimchen. »Ich fühle mich hier in meiner Ritze sehr wohl. Ich höre euch, und ihr hört mich, und das genügt!«

»Gut,« sagte die Schmeißfliege. »Dann treffen wir uns also hier in acht Tagen!«

»Es werden sich noch mehr einfinden,« meinte das Heimchen.

»Wer denn?« fragte die Schmeißfliege. »Ich dachte, wir wären jetzt alle beisammen.«

»Nein,« erklärte das Heimchen. »Das heißt, zur Stelle sind alle. Aber ihr könnt eben nicht alle sehen. Da ist die Totenuhr und der Zuckergast und der Dieb. Und außerdem noch eine sehr merkwürdige Person, von der ich nichts weiter weiß, aber die ich des Nachts ganz deutlich in dem kleinen neuen Tisch aus Tannenholz gehört habe.«

»Ich kenne die Leute nicht,« sagte die Schmeißfliege. »Sind's anständige Wesen? Brave Gewerbetreibende wie wir? Genießen sie Bürgerrecht hier im Hause?«

»Gewiß!« erwiderte das Heimchen. »Ich kenne sie alle und bürge für sie, mit Ausnahme der geheimnisvollen Person. Darüber müssen wir uns erst noch klar werden, wes Geistes Kind die ist.«

»Schön!« sagte die Schmeißfliege. »Dann ist die Sache also in Ordnung, und die Versammlung wird stattfinden. Ich bin natürlich ihr Leiter, und von den Fliegen darf immer nur eine reden, sonst wird nichts draus!«

Damit trennte man sich, und jeder ging seiner Beschäftigung nach.


Am achten Tage darauf versammelten sich die Bewohner der leeren Stuben in der Dämmerung, wie es verabredet war.

Die Zimmerdecke war voller Fliegen, der Floh sprang umher und war bald hier, bald da zu finden, das Heimchen saß in seiner Spalte, die Motte hielt sich in einer Gardinenfalte verborgen, der Ohrwurm saß auf dem Tisch neben der Schmeißfliege, die tüchtig summte und brummte und mit wichtiger Miene den Vorsitz führte. »Die Motte hat's Wort,« verkündete sie. »Sie hat die Anregung zu dieser Versammlung gegeben.«

»Es ist noch zu hell,« meinte die Motte.

»Ich bitte, nicht so zimperlich zu sein!« sagte die Schmeißfliege. »Wenn man die Menschen bekämpfen will, muß man alles Zartgefühl beiseite lassen.«

»Ich finde, erst müssen wir doch sehen, ob wir alle zur Stelle sind,« sagte das Heimchen, »vielleicht darf ich dem Herrn Vorsitzenden diejenigen Mitglieder unsres Hausstandes vorstellen, die ihm noch unbekannt sind.«

»Bitte schön!« sagte die Schmeißfliege gnädig.

»Darf ich dann alle bitten, sich ganz still zu verhalten,« begann das Heimchen.

Alle lauschten, und gleich darauf vernahmen sie ein seltsames Klopfen in dem alten Mahagonipult, einem Erbstück des Kapitäns von seinem Großvater her. »Tik ... tik!« sagte es in dem einen Ende des Pults. »Tak ... tak!« antwortete es in dem andern. So ging das eine Weile.

»Das sind die Totenuhren!« erklärte das Heimchen. »Da haben wir sie.«

In diesem Augenblick flogen zwei kleine braune Käfer aus dem alten Pult hervor. Recht sonderbar sahen sie aus; der Kopf steckte tief zwischen den Vorderbeinen, und ein Mützchen bedeckte ihn. Der eine flog gegen die Fensterscheibe und fiel tot auf die Fensterbank hinab. Der andere setzte sich auf den Tisch neben die Schmeißfliege.

»Guten Tag!« sagte die Totenuhr. »Ich höre, hier wird eine Versammlung gegen die Menschen abgehalten.«

»Ganz recht!« erwiderte die Schmeißfliege. »Aber mir scheint, Ihr Kamerad hat drüben am Fenster den Hals gebrochen.«

»Hm ... das ist bloß mein Mann!« meinte die Totenuhr, »Wenn er den Hals gebrochen hat, so ist das seine Sache. Ich habe genug damit zu tun, meine Eier zu legen, und kann auf solche Kleinigkeiten nicht auch noch achten.«

»Und wo legen Sie Ihre Eier?« fragte die Schmeißfliege.

»In dem alten Pult dort. Meine Larven fressen das Holz, graben sich tiefer und tiefer hinein und kommen dann heraus, wenn sie ausgewachsen sind. Sie werden eine Menge kleiner Löcher in dem Pult bemerken. Die rühren von meiner Familie her.«

»Sie betreiben also offenbar ein ebenso ehrliches Gewerbe wie wir andern,« sagte die Schmeißfliege. »Sie sollen Sitz und Stimme in der Generalversammlung haben. – Nun weiter, Heimchen!«

»Dieb ... lieber Dieb!« flötete das Heimchen.

Einen Augenblick war's still. Doch dann kam ein neuer kleiner Käfer mit sehr langen Fühlhörnern von dem Bücherregal herabgeflogen und setzte sich auf den Tisch.

»Zu Diensten!« sagte er, sich verneigend.

»Soso, du bist also der Dieb!« begrüßte ihn die Schmeißfliege. »Ich bin recht neugierig, was für eine Beschäftigung du denn hast. Dein Name klingt unheimlich.«

»Jedermann ist ein Dieb in seinem Gewerbe,« versicherte der kleine Käfer. »Augenblicklich denke ich mehr an meine Kinder als an mich selbst, aber während meiner Larvenzeit habe ich Bücher gefressen.«

»Eine trockne Kost!« meinte die Schmeißfliege, sich schüttelnd. »Aber, warum sollst du schlechter sein als die Totenuhr? Drum sei willkommen!«

Nun kam der Zuckergast zum Vorschein. Das war ein drolliger Kauz mit drei langen Borsten am Hinterleib; er glänzte so schön wie Silber. Nachdem er berichtet hatte, daß er auch Silberfischchen genannt werde, zur Familie der Borstenschwänze gehöre und sich schlecht und recht von Zucker und Mehl ernähre, fand er Zutritt zu der Versammlung.

»Sind mir nun alle beisammen?« fragte die Schmeißfliege.

»Nein,« erwiderte der Floh. »Die geheimnisvolle Person, von der das Heimchen sprach, fehlt noch, sie möge sich vorstellen. Hat der Bursche viel Mut? Ist's ein anständiger Kerl? hervor mit ihm!«

»Er sitzt dort in dem Tisch aus Tannenholz,« sagte das Heimchen. »Gesehen hab ich ihn nie, aber Nacht für Nacht höre ich ihn nagen und bohren, wenn ihr ihn herauslocken könnt, so seid so gut!«

Da fingen alle an, zu rufen und einen fürchterlichen Lärm zu veranstalten; und nach einer Weile erscholl ein dünnes, unglückliches Stimmchen aus dem Tisch:

»Ich will hinaus! ... Ich will fort! ... Ich will in meine grünen Wälder zurück! Ich habe hier gar nichts zu suchen! ... Ich bin das Opfer eines schrecklichen Verbrechens! ... Ich will hinaus! ... Ich will in meine Heimat!«

»Gott behüte!« rief die Schmeißfliege. »Was ist denn das?«

»Hab ich's nicht gesagt?« meinte das Heimchen. »Die Sache ist höchst geheimnisvoll und unheimlich!«

»Zu meiner Familie gehört dieses Wesen nicht,« erklärte die Totenuhr energisch, »wir sind stille, ordentliche Leute, die ihrer Arbeit nachgehn, solange wir in den Möbeln sind und zur rechten Zeit ans Licht kommen.«

»Ich weiß nicht, was man davon halten soll,« bemerkte die Motte. »Die fremde Person sprach von den grünen Wäldern, vielleicht ist es ein Verwandter von mir. In den grünen Wäldern lebt ein Zweig unsrer Familie ... große, prachtvolle Schmetterlinge, die im hellsten Sonnenschein, dessen bloße Erwähnung mich blind machen kann, umherfliegen.«

»Hast du blinder, grauer Mann Verwandte, die im Sonnenschein leben?« fragte der Floh höhnisch.

»Was die Motte sagt, stimmt ganz genau,« meinte der Ohrwurm. »Im Garten bin ich häufig Schmetterlingen begegnet.«

So sprachen sie hin und her, ohne ins reine zu kommen. Dann lauschten sie wieder; und weil in dem Tische alles still blieb, sagte die Schmeißfliege:

»Mag es mit diesem Gespenst sein, wie es will. Es wird ja wohl auch da drinnen bald sterben. Aber wir wollen nun unsre Versammlung eröffnen. – – Die Motte hat das Wort!«

Und die Motte sprach: »Ich möchte bloß bemerken, daß die Menschen mich auf jede erdenkliche Weise verfolgen und vernichten, sie zünden Lichter an, und wenn ich dagegen fliege, verbrenne ich mir die Flügel; oder sie fangen mich und schlagen mich tot. Wo sie mich sehn, sind sie hinter mir her. Das allerschlimmste aber ist, daß sie meine Brut vernichten. Ich lege meine Eier ins Sofa, auf die Polsterstühle und an ähnliche Orte, und meine Jungen machen sich einen kleinen Pelz aus den Bezügen und fressen sich im übrigen nach Herzenslust satt daran, die armen kleinen Wesen! Darf ich fragen, ob man sich darüber aufhalten kann? Die Menschen aber streuen allerlei giftige Mittel auf die Möbel, so daß meine Kinder sterben, bevor sie aus dem Ei schlüpfen. Zum Beispiel jetzt! Ich habe nichts anderes als ein kleines Taburett gefunden, auf das ich meine Eier legen kann. Sonst ist alles eingepfeffert, so daß ich mich gar nicht herangetraue. Und dabei beiße und steche ich doch nicht. Ich bin der beste Kerl von der Welt!«

»Du schadest ihren Möbeln doch!« sagte der Ohrwurm, »Aber was tue ich? Ich ernähre mich von lauter verfaulten Sachen, die ich finden kann, und über deren Beseitigung die Menschen froh sein müßten. Aber wenn sie einen Ohrwurm sehen, schreien sie und treten ihn tot. Sie erzählen, ich kröche in ihre Ohren, während sie schliefen, und kniffe sie mit meiner Zange. Aber an der Geschichte ist kein wahres Wort. Ich bin noch nie in die Ohren der Menschen gekrochen, und meine Zange dient mir nur dazu, meine Flügel auszubreiten, wenn ich, was selten genug vorkommt, mal ein bißchen fliegen will. Ich verlange nur, in Ruhe und Frieden das fressen zu dürfen, was andre verschmähen, und für meine armen Kleinen zu sorgen. Trotzdem bin ich eins von den Tieren, die von den Menschen am meisten gehaßt und verfolgt werden.«

»Das Leben ist eine Kette von Ungerechtigkeiten,« erklärte der Floh, »Seht mich an! Bin ich nicht wirklich ein netter, muntrer Gesell? Ich springe hundertmal so hoch, wie ich groß bin, und ich bin immer obenauf, immer guter Laune. Und doch machen die Menschen geradezu Jagd auf mich, bloß weil ich ihnen das bißchen Blut abzapfe. Sie wollen nicht einmal öffentlich mit mir zu tun haben, sondern gehen beiseite und fangen mich in der Stille – ganz, als wäre ich etwas Entehrendes und kein braver, kleiner Krieger, der sich genau wie sie selber durchs Leben schlagen muß. Uha ... ich hab mich einmal zwischen zwei Nägeln befunden ... das war eine abscheuliche Geschichte!«

»Du stichst sie wenigstens,« sagte die Fliege. »Aber was tue ich? Ich habe keinen Stachel, so daß ich nicht einmal könnte, wenn ich wollte. Ich habe nur zwei weiche Lippen auf meinem Rüssel. Und ich setze mich Ihnen nur auf die Stirn und sauge ihren Schweiß ein, den sie sowieso abwischen. Und wenn ich es forttragen kann, nasche ich ein bißchen Zucker. Herr Gott, ist das der Rede wert? Aber sie stellen mir mit giftigen Pflastern nach, mit Fliegenklappen, Pulvern und Taschentüchern, daß man gar nicht weiß, wo man bleiben soll. Obendrein beschuldigen sie mich zu Unrecht, daß ich sie stäche. Dabei bin ich das durchaus nicht ... mein grauer Vetter ist's, aber mir gibt man die Schuld. Bei alledem kann einem übel werden, wenn man im Winter sieht, wie gerührt sie sind, und wie sie sich anstellen, sobald sie eine von uns Fliegen bemerken, die sich in einen Winkel gedrückt hat und sich von der Ofenwärme hervorlocken läßt. Dann schmeicheln sie uns und lassen uns über ihre Hand kriechen und tun so, als wären sie uns wer weiß wie gut. Nach meiner Ansicht sind die Menschen recht falsche, boshafte Geschöpfe.«

»Wie denkt das Heimchen darüber?« fragte die Schmeißfliege.

»Ich denke gar nichts,« erwiderte das Heimchen. »Ich halte mich hier in meiner Ritze auf und spiele auf meiner Geige. Niemand tut mir etwas, und ich tue auch niemandem etwas. Im Sommer fliege ich von Zeit zu Zeit mit meiner Frau auf den Misthaufen oder bis aufs Feld hinaus. Im Winter fühle ich mich hier am wohlsten. Die Menschen hören mich gern geigen, der Dichter schreibt Geschichten über mich, und niemand stellt mir nach.«

»Nun will ich euch mal was sagen,« begann da die Schmeißfliege selber. »Und weil ich ein praktischer Kerl bin, will ich nicht um die Sache herumreden. Was von der Verfolgung der Menschen geschwatzt wird, ist der reine Blödsinn. Natürlich verfolgen sie uns, wenn wir ihnen schaden. Das ist ganz selbstverständlich, so ist nun einmal das Leben! Doch ich muß von der entsetzlichen Reinlichkeit sprechen, die in der letzten Zeit immer mehr um sich greift, und die viel schlimmer ist als alles andre. Mögen sie uns töten, wenn sie uns kriegen können, dagegen läßt sich nichts sagen, höchstens der arme Ohrwurm kann einem leid tun, weil er nichts Böses getan hat und nur so unheimlich aussieht. Wenn das aber so weitergeht mit dieser Reinlichkeit, dann ist es bald mit uns allen aus.«

»Hört!« schrien die Fliegen im Chore. Und »Hört!« riefen der Floh, der Dieb und der Zuckergast.

»Jeden Sonnabend klopft man den Staub aus den Büchern,« sagte der Dieb. »Meine Eier und Jungen fliegen mit heraus. Es ist nicht auszuhalten!«

»Man firnißt den Fußboden, so daß ein ehrliches Wesen keine Ritze hat, in die es seine Eier legen kann,« sagte der Floh.

»Die Tabaksdose und der Spucknapf werden täglich reingemacht,« sagte die Fliege. »In alten Zeiten konnte ich da in Ruhe und Frieden meine Eier legen.«

»In alten Zeiten!« meinte die Schmeißfliege. »Das ist es ja eben. Die alten Zeiten waren viel besser. Da waren die Menschen nicht so verteufelt reinlich.«

»Sie wuschen sich nicht so viel,« warf der Floh ein. »Sie wechselten auch nicht so oft die Wäsche. Jetzt läuft man immer Gefahr, mit einem Strumpf in den Wäschebeutel zu wandern.«

»So ist es,« bestätigte die Schmeißfliege. »Und jetzt, wo die Leute verreist sind, ist alles wie weggeblasen. In der Speisekammer ist kein Stückchen Fleisch zu entdecken.«

»Auch kein Mehl und Zucker und keine Stärke,« berichtete der Zuckergast.

»Die Käsemilben sind gestern sämtlich gestorben,« erzählte die Fliege.

»Heut morgen hat der letzte Speckkäfer den Geist aufgegeben,« sagte der Floh.

Und die Schmeißfliege erklärte: »Da seht ihr's! Und nun will ich euch sagen, wer schuld an alledem ist: Stine. Unter dem vorigen Dienstmädchen war es viel besser. Aber Stine ist ein richtiges Ungeheuer mit ihrem ewigen Putzen und Scheuern. Sie bohnt die Fußböden. Sie hat die Möbel eingepfeffert. Sie staubt jeden Sonnabend die Bücher ab. Sie hält die Tabaksdose und den Spucknapf rein und wäscht jeden Teller sauber in Küche und Speisekammer, so daß eine ehrliche Schmeißfliege vor Hunger und Zorn umkommt.«

»Ich lege meine Eier in ihren Mantel,« versicherte die Motte.

»Die meinen leg ich in ihr Gesangbuch,« versprach der Dieb.

»Ich steche sie gehörig,« sagte der Floh.

»Ich necke sie, daß sie nicht einschlafen kann,« erklärte die Fliege.

Da schrie auf einmal eine grobe Stimme von der Zimmerdecke herab:

»Stine ist ein Scheusal! Nieder mit Stine!«

Alle blickten hinauf, und im selben Augenblick stoben sie mit unglaublicher Geschwindigkeit auseinander.

Von der Decke glitt an einem Faden eine große graue Spinne herab.

Nun stand sie auf dem Tisch und schaute erstaunt um sich. Keine Katze war zu sehen. Das Heimchen spielte leise und vergnügt Violine.

»Wo ist Stine?« fragte die Spinne.

»Sie ist fort,« erwiderte das Heimchen.

»Wer hat hier von Stine gesprochen?« schalt die Spinne.

»Sie sind weg,« antwortete das Heimchen.

»Wer bist du?«

»Das Heimchen.«

»Warum sind die andern weggelaufen?«

»Sie hatten Angst, du würdest sie auffressen.«

»Komm hervor! Laß du dich wenigstens fressen!«

»Ich danke. Übrigens bin ich dir gewiß zu groß.«

»Schon gut. Ich wollte auch bloß sagen, daß das seine Richtigkeit mit Stine hat. Sie ist ein wahrer Satan. Siebenmal hat sie mit ihrer ekligen Eule mein Gewebe entzweigefegt. Will jemand ein Strafgericht über sie abhalten, so bin ich mit dabei. Das ist alles, was ich sagen wollte. Gut Nacht!«

Damit kletterte sie an ihrem Faden wieder in die Höhe. Das Heimchen geigte weiter, sonst war's ganz still in der Stube. Von den andern ließ sich keiner mehr sehen.

Da begann die Stimme in dem Tannentisch wieder zu jammern:

»Herr Gott! Kann mir denn niemand helfen? ... Es ist doch wirklich eine Schande!«

»Ist's wieder so arg, liebes Gespenst?« fragte das Heimchen freundlich.

Dann aber sagte es nichts mehr, sondern starrte bloß mit großen Augen auf den Tisch und kam halb aus seiner Spalte hervor, um besser zu sehen.

An dem einen der viereckigen Tischbeine entstand ein kleines rundes Loch, das größer und größer wurde. Nun kam ein Kopf zum Vorschein ... ein Vorderleib ... und nun kroch ein großes, schwarz und gelb gestreiftes Tier heraus, das Flügel, Beine, Fühler und alles Notwendige hatte.

»Puh!« sagte das fremde Wesen. »Das war eine böse Sache. Wüßte man doch wenigstens, wo man sich befindet!«

»Sie sind in der Stube des Kapitäns,« erklärte das Heimchen höflich. »Sie sind vor einem Augenblick aus jenem Tischbein dort gekrochen, wie Sie hineingekommen waren, was Sie da wollten, und wer Sie sind, müssen Sie selber am besten wissen. Ich bin das Heimchen, zu dienen.«

»Können Sie mir nicht den Weg zum grünen Walde sagen?« fragte das Tier.

»Leider nicht,« antwortete das Heimchen. »Ich bin nie weiter als bis zum Misthaufen und zum Felde gelangt. Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre?«

»Ich bin die Holzwespe. Und ich muß wohl bald sterben. Ich ahne nicht, wie ich aus diesem Kasten entkommen soll. Außerdem bin ich so müde, so müde.«

»Ruhen Sie sich ein wenig aus,« sagte das Heimchen, »wollen Sie mir Ihre Geschichte erzählen, so will ich Ihnen zeigen, wie Sie ins Freie gelangen können.«

»Wirklich? Gott segne Sie!« rief die Holzwespe aus.

»Aber zuerst die Geschichte. Ich liebe so eine gute, gruselige Geschichte, wenn es dunkel ist; und die Ihre ist sicherlich nicht schlecht. Fangen Sie an! Ich werde Sie mit meinem Spiel begleiten.«

»Sie können es mir glauben, ich habe gräßliche Dinge erlebt, aber am schlimmsten war es doch zuletzt im Tische. Ich hätte nie gedacht, daß ich wieder hinausgelangen würde.«

»Wir haben Sie stöhnen hören,« versicherte das Heimchen, »Weiter im Text!«

»Sehen Sie,« erzählte die Holzwespe, »als ich noch ein Ei war, legte meine Mutter mich in eine große, schöne Tanne draußen im Walde, wissen Sie, was eine Tanne ist?«

»Ein Weihnachtsbaum mit Kerzen daran. Und die Menschen fassen einander bei der Hand und singen und tanzen um den Baum herum.«

»Davon habe ich nie etwas gehört, meine Tanne war groß und schlank – viel, viel höher als diese Stube. Und grün. Es saßen Vögel darin. Und zu ihren Füßen krochen die Ameisen umher. Und auf den Zweigen lag Sonnenschein.«

»Davon weiß ich nichts. Was weiter?«

»Meine Mutter steckte ihren Legestachel in die Rinde des Baumes und legte mich tief hinein. Gleich nachdem sie das getan hatte, kam ein Vogel und fraß sie.«

»Gott behüte!«

»Es kommt noch viel ärger. Neben mich hatte sie vorher meine Schwester gelegt ... gleichfalls als Ei, natürlich. In demselben Augenblick, als sie den Stachel herauszog, um mich zu legen, bohrte eine abscheuliche Schlupfwespe ihren Legestachel in meine Schwester und legte ihr Ei in sie hinein. Das Schlupfwespenkind kroch gleichzeitig mit meiner Schwester aus und fraß sie, verstehen Sie. Ich hörte sie jammern.«

»Es geht doch wirklich schrecklich zu bei den wilden Tieren.«

»Das ist noch gar nichts!« verkündigte die Holzwespe. »Da drinnen lag ich also und schlüpfte aus dem Ei und fing an, Holz zu fressen. Denn das war meine Bestimmung. Ich fraß mich immer tiefer in den Raum hinein. Im Innern war das Holz nämlich am besten, außerdem wollte ich natürlich gern von dem Ort fort, wo der Legestachel meiner seligen Mutter noch tief in der Rinde steckte. Dieser Anblick war zu traurig für mich, wissen Sie! Ich war noch zu jung, die Schrecken des Todes beständig vor Augen zu haben. Eines Tages verspürte ich einen entsetzlichen Stoß. Ich ahnte nicht, was es war. Erst später begriff ich, daß man den Baum gefällt hatte.«

»So etwas hab ich noch nie ...« rief das Heimchen.

»Das ist nur der Anfang!« sagte die Holzwespe. »Man hatte den Baum umgehauen, und nun sollte er zersägt werden. Ich hörte die Säge ganz in meiner Nähe und war jeden Augenblick darauf gefaßt, in zwei Teile geschnitten zu werden.«

»Was haben Sie alles durchgemacht!«

»Dann kam ich unter den Hobel. Sie können sich denken, daß es sehr interessant war, im Holze zu liegen und den Hobel zischen zu hören und dabei immer zu denken, daß es nun Matthäi am letzten sei.«

»Na ... aber Sie sind mit heiler Haut davongekommen!«

»Ich lag mitten im Bein ... im Tischbein, verstehen Sie. Ich wohnte in dem Tischbein, aus dem ich vorhin ausgekrochen bin. Der Tisch wurde geleimt und angestrichen und im Laden aufgestellt. Ich konnte hören, wie der Schreiner den Tisch anpries. Er sei besonders gut und solide, sagte er, und werde hundert Jahre halten. Er wußte ja nicht, daß ich das eine Bein kreuz und quer durchnagt hatte. Denn ich fraß ja in einem fort. Man muß sich doch ernähren, wenn man auch fortwährend in der größten Gefahr schwebt. Und ich war jetzt groß und dick und fett geworden ... Dann verpuppte ich mich.«

»Im Laden?« fragte das Heimchen.

»Nein, hier,« erwiderte die Holzwespe. »Ich habe wohl vergessen zu erzählen, daß der Tisch verkauft und hierher gebracht wurde. Und dann schlüpfte ich aus dem Puppengehäuse aus und wollte weiter, konnte mich aber nicht durch den verflixten Anstrich durchbeißen. Damals haben Sie mich stöhnen hören.«

»Ich verstehe das alles sehr gut!« sagte das Heimchen. »Und ich habe schon lange keine so interessante Geschichte gehört! Sie läßt sich in Musik setzen!«

»Das mag sein,« erwiderte die Holzwespe. »Aber Sie denken doch auch an Ihr Versprechen, mir zu zeigen, wie ich ins Freie kommen kann?«

»Sie sollten lieber hier bleiben,« schlug das Heimchen vor und geigte so hübsch, wie es konnte, »Was wollen Sie draußen in dem grünen Wald, wo es so grauenhaft wild zugeht? Legen Sie doch Ihre Eier in das Bücherregal oder in den Tisch, aus dem Sie gekommen sind, oder in das alte Pult! Hier gibt es keine Schlupfwespen, sondern nur gute, angenehme Leute, wie die Schmeißfliege, die Totenuhr, den Floh und mich. Und dann wohnt hier natürlich auch noch der Kapitän mit seiner Familie, aber die sind augenblicklich verreist, darum kann ich sie Ihnen nicht vorstellen.«

»Sie sind recht freundlich,« sagte die Holzwespe. »Aber ich muß in den Wald hinaus. Da bin ich geboren, und da fühle ich mich zu Hause, wenn ich nicht all das Mißgeschick erlebt hätte, flöge ich ja auch jetzt dort herum.«

»Wollen Sie denn nicht wenigstens bis morgen früh warten?« fragte das Heimchen. »Ich hätte so gern, daß Sie meinen Hausgenossen guten Tag sagten. Sie haben uns vorhin, als wir unsre Generalversammlung gegen die Menschen abhielten, einen Totenschreck eingejagt. Die andern werden sich freuen, Sie zu sehen, denn auch Sie haben sich ja über die Menschen zu beklagen.«

»Ich will ins Freie!« schrie die Holzwespe.

»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!« meinte das Heimchen. »Da drüben ist ein Fenster ein wenig geöffnet. Für das übrige müssen Sie selber sorgen. Leben Sie wohl! Und schönen Dank für die Geschichte! Ich werde mich freuen, wenn ich mal eins Ihrer Kinder oder Kindeskinder in einem Stuhl oder Tisch treffen sollte.«

Und die Holzwespe flog ins Freie.

Das Heimchen zirpte und geigte noch lange in seiner Spalte. Auf dem Tisch aber lag die muntre Fliege und wälzte sich auf dem Rücken und wußte sich vor Lachen nicht zu lassen. Sie hatte sich, während die andern vor der Spinne Reißaus nahmen, hinter einer Glasschale versteckt und das Ganze mitangehört.

»Hi hi hi! Das sind nun die leeren Stuben des Kapitäns!« krähte sie vergnügt.

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