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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Zwölftes Kapitel: Das Ende

Der November kam und war nicht anders als sonst.

Die Bäume waren entlaubt. Die Blätter raschelten auf der Erde oder schwammen auf dem See. Die Rohrhalme waren abgehauen, die Blätter der Seerose waren mit den Stengeln und allem verwelkt. Tief unten schlief sie den Winterschlaf und träumte von ihrem weißen Frühlingsgewande.

Und auf dem Grunde lagen die Frösche, tief in den Schlamm eingegraben, so daß nur das Maul hervorragte. Es sah aus, als sei der See mit Froschmäulern gepflastert. Der Wald im See war entblättert wie der Wald am Rande, versteckt zwischen den Stengeln und welken Blättern, unter Steinen und im Schlamme lagen die Tiere und schliefen, und die Eier harrten des Frühlings, der sie ausbrüten sollte.

Alle Vögel waren fortgeflogen, außer dem Buchfink und noch einigen, die umherhüpften und sich durchschlugen, so gut sie konnten. Alle Fliegen waren verschwunden, ebenso Libellen, Spinnen, Mücken und Schmetterlinge. Im See regten sich nur ein paar verdrossene Fische.

Und der Sturm rüttelte an den Bäumen, daß sie knarrten, und peitschte den See auf zu hohen, schäumenden Wellen.

»Hier ist's im Winter recht ungemütlich,« sagte die Frau in der Hütte am See und verdichtete ihre Fenster mit Moos. »Das heult im Schornstein, und das kracht und knarrt im Walde, und das saust und braust im See. Wäre es doch erst wieder Sommer! Der Sommer ist so schön und friedlich, dann wohnt es sich gut hier am Ufer des Sees.«

Auf dem Wege, der um den See herumführte, ging ein Dichter mit sieben Damen spazieren.

Er trug einen warmen Mantel und hatte den Kragen bis über die Ohren aufgeschlagen, und auch die Damen waren so gut eingepackt, daß man nur ihre Nasenspitzen sah. Denn kalt war es ja allerdings.

»Meine Damen,« sagte der Dichter, »wenn Sie jetzt diesen wilden, tobenden See betrachten, so können Sie sich gar keine Vorstellung davon machen, wie wunderschön er im Sommer ist. Jetzt sind alle Elemente entfesselt. Welle rast gegen Welle, der Sturm wütet, und die Bäume stehen trostlos kahl. Das ist so recht ein Bild des Unfriedens, des Kummers und grimmigen Zornes. Aber gehen Sie einmal an einem Sommertag hierher, meine Damen, dann werden Sie ein anderes Bild sehen. Dann wächst das Rohr so hübsch am Ufer, Seerose und Froschbiß schwimmen Seite an Seite auf dem Wasser und nicken einander mit ihren weißen Kelchen lächelnd zu. Die Mücken tanzen in der Luft, die Frösche quaken, und fröhlich singen die Vögel. In der Tiefe schwimmen schöne Fische umher und spielen vergnügt mit ihren Flossen. Die Muschel träumt im Schlamm von herrlichen Perlen, und die Krebse krabbeln langsam umher und genießen das Leben und das Glück. Meine Damen, Sie können sich gar nicht denken, was für ein Bild des Friedens der See im Sommer darbietet. Die ganze wunderbare, harmonische Natur scheint hier vereint zu sein, und ihr Anblick tröstet uns arme Menschenkinder, die vom Morgen bis zum Abend miteinander kämpfen und streiten, die einander beneiden, verleumden und verfolgen. Vergessen Sie nicht, hierher zu gehen, meine Damen, wenn der Sommer kommt! Für den Menschen in seinem bittern Kampf ist es ein Halt und eine Stärkung, den Frieden und die Freude zu sehen, darin die niederen Geschöpfe Gottes leben ... die, denen nicht so große Gaben des Geistes zuteil wurden, aber ein reineres und tieferes Glück.«

So sprach der Dichter. Und die sieben Damen hörten ihm ehrerbietig zu, und keine widersprach ihm.

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