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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Elftes Kapitel: Der schlimmste Tag.

Es war Spätsommer.

Die Buchen waren ganz gelb geworden vom Sonnenbrand, und der See war fast ganz bis zur Mitte mit Pflanzen bedeckt. Aus den Kaulquappen waren Frösche geworden, alle Jungen wuchsen heran und verlangten mehr zu essen. Die Seerose und der Froschbiß zankten sich nicht mehr, weil sie keinen Grund dazu hatten. Beide hatten ihre weißen Blumenkronen verloren, und ihre Köpfe waren voller Samen.

Die Rohrsängerkinder waren jetzt so groß, daß sie angefangen hatten, das Nest zu verlassen und im Röhricht herumzuflattern. Aber noch hatten sie kein rechtes Selbstvertrauen und richteten sich ganz nach ihren Eltern. Sie entfernten sich auch immer nur so weit, daß sie mit Leichtigkeit zum Neste zurückgelangen konnten, und jeden Abend machten sie sich die Plätze darin streitig und hackten und traten aufeinander herum, während ihre abgemagerten Eltern daneben saßen und sie zu beruhigen suchten.

»Ach, Mütterchen ... hol mir doch die Fliege da!« bat das eine Junge.

»Ich kann die garstigen Mücken nicht fangen,« sagte das zweite.

»Uhu ... uhu ... die Wasserjungfer ist mir entwischt!« rief das dritte.

»Ich getrau mich nicht an die Schnake heran!« klagte das vierte.

Das fünfte aber sagte nichts, denn es war ein schwächliches Geschöpf, das immer den Schnabel hängen ließ.

»Aus dem da wird nie ein ordentlicher Rohrsänger werden,« erklärte der Vater.

Wenn beim Exerzieren Versuche im Fliegen, Hüpfen und Klettern an den Rohrhalmen angestellt und wenn die Kinder im Gesang geprüft wurden, so blieb das fünfte immer hinter den andern zurück.

»Wir schleppen es kaum bis nach Italien mit,« sagte der Rohrsänger.

Und seine Frau seufzte.

Unten im See plätscherte die Ente mit ihren ausgewachsenen Küchlein umher.

»Es geht aufs Ende zu,« sagte sie. »Das merke ich an allem. Ich habe so böse Vorahnungen.«

»Was sollte Ihnen wohl zustoßen?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Sie verreisen ja nicht, sind also nicht solchen Gefahren ausgesetzt wie wir.«

»Man kann nie wissen,« sagte die Ente. »Ich hab es in den Gliedern.«

Dann ruderte sie weiter, lockte mit ihrer alten, ängstlichen Stimme die Kinder herbei und schaute recht bekümmert aus den Augen. – –

Eines Tages ereignete sich etwas, das den ganzen See in Aufruhr versetzte: der Hecht wurde plötzlich aus dem Wasser emporgezogen.

Der Rohrsänger sah es selbst. Der Hecht hing, entsetzlich zappelnd, an einer dünnen Schnur, sauste in einem großen Bogen durch die Luft und fiel ins Gras hinab. An dem andern Ende der Schnur war eine Stange, und an dem andern Ende der Stange ein Knabe, der einen feuerroten Kopf bekam vor Vergnügen, weil er einen so großen Fisch gefangen hatte.

»Nun hat den Räuber sein Schicksal ereilt!« sagte der Barsch.

»Gott sei Dank, daß er weg ist!« quakten die Frösche.

Und alle kleinen Plötzen und Karpfen tummelten sich erfreut im Wasser.

»Viele Freunde hat er nicht gehabt!« bemerkte der Rohrsänger.

»Keinen einzigen,« sagte der Barsch. »Er war der schlimmste Räuber im See!«

»Mir hat er nie etwas zuleide getan,« sagte die Seerose. »Er war ein vornehmer, tüchtiger Herr, der unter euch allen nicht seinesgleichen hatte. Es war mir immer ein wahres Vergnügen, wenn er an meinen Stengeln vorbeistrich.«

»Ich habe so manchen in ihn hineinspazieren sehen,« meinte der Aal. »Und Spaß hat das wohl niemandem gemacht. Aber, du lieber Gott! – ich hätte es an seiner Stelle genau so gemacht. Nun ist er fort, und ich bin vermutlich der Größte im See.«

Der Aal reckte sich in seiner ganzen Länge.

»Sie sind groß und fett geworden,« sagte der Rohrsänger.

»Es war ein recht gutes Jahr«, erwiderte der Aal. »Aber nun werd ich auch bald ins Meer wandern und dabei mein Fett wieder verlieren.«

Am Abend desselben Tages erschien ein Mann dicht an der Stelle, wo die Rohrsänger wohnten. Er trug Wasserstiefel und wetzte eine Sense, daß es durch die Luft gellte.

»Was geht denn nun vor?« rief das Rohrsängerweibchen.

»Rap! Rap!« schrie die Ente entsetzt.

Aber der Mann spuckte in die Hände und packte die Sense an. Dann ging er ins Wasser hinaus und fing an, das Rohr zu mähen ... am Ufer und bis in den See hinein, soweit es wuchs. Mit leisem Seufzer fielen die Halme ins Wasser; und als er fertig war, stellte er sich ans Ufer und betrachtete sein Werk.

»Da haben wir eine schöne Schneise!« sagte er. »Morgen fängt die Entenjagd an.«

Und dann ging er mit seiner Sense weiter und mähte eine zweite Schneise.

Aber er hatte fürchterliches Unglück angerichtet.

Er hatte das Gespinst der Wasserspinne zerrissen und sie selber zermalmt. Mit seinen schweren Stiefeln hatte er den Wasserschlauch an der Wurzel geknickt. Und in dem gefallnen Röhricht lag das umgestürzte Nest der Rohrsänger.

Die Eltern umflatterten es mit lautem Geschrei.

»Die Kinder! Die Kinder!«

Doch die Kinder hatten sich in Sicherheit gebracht, vier von ihnen waren mit mühsamem Flügelschlägen ans Ufer gelangt und saßen nun da und schauten recht betreten aus. Das fünfte saß noch draußen im Röhricht, halb von den Halmen begraben, und konnte sich nicht bewegen.

Die beiden Alten halfen ihm mit vieler Mühe zu den andern ans Land.

»Herr Gott!« rief das Rohrsängerweibchen verzweifelt, »was sollen wir nun anfangen?«

»Es hätte schlimmer ablaufen können,« erwiderte ihr Mann. »Nimm einmal an, daß es vor einem Monat passiert wäre! Jetzt können die Kinder sich doch wenigstens selber helfen, bis auf den armseligen Tropf da!«

»Wir sind an einen schrecklichen Ort gekommen!« sagte sie. »Es war ein großes Unrecht von dir, mich hierher zu schleppen, viel lieber wäre ich in Italien geblieben, wenn ich mich auch niemals verheiratet hätte.«

»Schwatz nicht so dummes Zeug, Frau!« sagte er. »Du hast dich so gut wie ich hierher gesehnt. Hier sind wir geboren, und hier sind wir zu Hause, darum müssen wir auch hier unser Nest bauen. Das liegt uns im Blut, dagegen können wir nichts machen. Es war doch auch sehr nett hier, und wir haben Freud und Leid redlich geteilt. Jetzt wollen wir uns doch auf unsre alten Tage nicht noch zanken, sondern die Kinder lieber reisefertig machen und aufbrechen.«

Da wurde sie vernünftig, und die beiden saßen bis in die Nacht hinein wach und beratschlagten. Ihre Jungen liefen im Grase umher und fraßen Ameisen und fanden das Ganze recht lustig, denn Kinder haben ja nun mal nicht viel Verstand. Nur das fünfte saß verzagt da und ließ den Kopf hängen.

»Was sollen wir doch nur mit dem Unglückswurm beginnen?« sagte das Rohrsängerweibchen und steckte dem Kleinen einen Bissen zu.

»Nie und nimmer bringen wir ihn lebendig nach Italien,« sagte ihr Mann. –

Am nächsten Morgen in aller Frühe herrschte ungeheurer Spektakel am See.

Männer riefen, und Hunde bellten. Das Boot wurde ausgesetzt, und mit großer Mühe ruderte man durch all das grüne Pflanzengewirr hindurch. Am Ufer des Sees stand die Frau vor ihrer Hütte und schenkte Bier aus.

»In des Himmels Namen, was ist das?« rief der Rohrsänger.

»Das Ende der Welt ist da!« versicherte die Ente. »Rap! Rap! Rap!«

»Auf den Grund! Auf den Grund!« sagte der Aal. »Man muß sich winden.«

Erschrocken duckte sich die Rohrsängerfamilie ins Gras, aber die beiden Alten waren doch zu neugierig und konnten nicht ruhig sitzen bleiben. Sie ermahnten die Jungen, sich still zu verhalten, was auch immer geschehen möge, und setzten sich auf zwei Rohrwipfel neben der Schneise.

Paff! Paff! tönten die Schüsse über den See hin. Paff! paff! paff!

Und viele Enten schnatterten, und viele kleine Vögel flogen erschrocken aus ihren verstecken auf. Große, garstige Hunde, denen die Zunge aus dem Halse hing, schwammen bellend umher. Die Seerosenblätter schaukelten sich ganz unter Wasser, und der Froschbiß verschwand völlig und kam nicht wieder zum Vorschein.

Piff! Paff! Piff!

»Da liegt unsre Ente!« rief der Rohrsänger.

Und wirklich lag sie tot auf dem Rücken und wartete bloß darauf, daß der Hund sie holen würde.

Piff! Paff! Piff!

»Ich will fort, ich halte es nicht mehr aus!« wehklagte das Rohrsängerweibchen. »Laß uns zu den Kindern zurückfliegen!«

Sie erhielt keine Antwort; und als sie sich umblickte, war ihr Mann verschwunden.

Sie starrte zu dem Rohr hinüber, auf dem er gesessen hatte, starrte in die Luft hinauf und ins Wasser hinab. Dann stieß sie einen gräßlichen Schrei aus.

»Ach, ich arme, verlassene Witwe! was soll ich machen! Was soll ich nur machen!«

Der Rohrsänger lag, von einem Streifschuß getroffen, tot im Wasser.

»Kinder! Kinder! Euer Vater ist tot!«

Die vier kräftigen Jungen sahen sie erschrocken an, als sie ihnen die Nachricht brachte, während das fünfte wie gewöhnlich schlaff und dumm dreinschaute.

Draußen auf dem See wütete der Lärm weiter. Die sechs Rohrsänger saßen in einer Reihe am Ufer und wußten sich keinen Rat.

Dann wurde es endlich wieder still.

Der Pulverdampf verzog sich, und das Wasser kam zur Ruhe. Die Jäger saßen im Walde beim Frühstück, und die Frau in der Hütte zählte das Geld, das sie verdient hatte.

»Das war ja eine schreckliche Geschichte!« sagte die Seerose.

»Mein Mann ist tot!« wehklagte Frau Rohrsänger und stimmte einen Trauergesang an, der einen Stein hätte rühren können.

»Meiner aufrichtigsten Teilnahme können Sie sicher sein!« sagte der Aal, der aus dem Schlamm emportauchte. »Aber wollen Sie mir nun nicht zugeben, Ew. Gnaden, daß ich recht gehabt habe? Bedenken sie, wieviel Sorgen und Kummer einem erspart bleiben, wenn man sich von all dem Familienunsinn fernhält. Ich kenne meine Frau nicht, wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen zu erzählen. Habe sie nie gesehn. Es würde mir nicht einfallen, eine Träne zu vergießen, wenn jemand mir erzählte, daß sie gestorben wäre.«

»Sie garstiger, herzloser Patron! Wie können Sie so zu einer Witwe mit fünf unmündigen Kindern sprechen, von denen das eine obendrein ein halber Krüppel ist!«

»Sie ... Frauenzimmer!« rief der Aal und verschwand.

Am Abend dachte das Rohrsängerweibchen über die Dinge nach.

»Wir müssen fort!« sagte sie. »Noch in dieser Nacht. Es bleibt uns nichts andres übrig, wir fliegen und wir hüpfen, so gut wie wir können, wenn wir recht fleißig und artig sind, wird es schon gehen.«

»Ich kann nicht mitkommen,« erklärte das gebrechliche Kind.

»Dich hab ich ganz vergessen gehabt,« sagte die Mutter.

Sie betrachtete das arme Wesen, und dann schüttelte sie ihre Flügel und faßte einen raschen Entschluß.

»Nein, du kannst allerdings nicht mitfliegen,« sagte sie. »Und wir können nicht deinetwegen hier bleiben und zugrunde gehn. Lasse ich dich zurück, so wirst du von einem Fuchs oder einer Ratze oder den gefräßigen Ameisen aufgefressen. Es wäre schade, wenn du so gequält werden solltest, du armes Geschöpf! Da will ich dich lieber gleich totschlagen.«

Und sie fuhr auf das Junge los und hackte auf seinen Kopf, so daß es tot umfiel.

»Nun fort mit uns andern!« befahl sie.

»Ew. Gnaden,« sagte der Aal. »sie dürfen nicht abreisen, bevor ich Ihnen adieu gesagt habe, Sie sind eine hübsche Dame, und sie verstehen es, sich in die Verhältnisse zu schicken. Sie waren von Erbitterung erfüllt gegen die garstigen Räuber hier im See, und Sie selber aßen vom Morgen bis zum Abend unschuldige Fliegen, sie liebten die Poesie, aber Sie verspeisten die arme Eintagsfliege, obwohl sie ihr versprochen hatten, daß sie das poetische Leben einer Stunde leben dürfe. Sie waren ergrimmt auf die Spinne, die ihre Mutter aß, und auf den Krebs, der seine Kinder verzehrte, und nun haben Sie höchst eigenhändig Ihr krankes Kind totgehackt, damit Sie nach Italien reisen können!«

»Gott sei Dank, daß ich Sie nicht mehr zu sehen bekomme, Sie widerwärtiger, boshafter Bursche!« schrie das Rohrsängerweibchen. »Übrigens kann ich Ihnen mitteilen, daß ich mein Kind aus Mitleid getötet habe.«

»Und die Spinne hat ihre Mutter aus Hunger gegessen, und der Krebs seine Kinder aus Liebe,« erwiderte der Aal, »während ich die meinen aus Vernunftgründen sich selber überlasse.«

»Liebe Kinder!« belehrte das Rohrsängerweibchen ihre Jungen. »Dieser Aal ist wie geschaffen dazu, sein Leben in diesem häßlichen See zu verbringen!«

Und dann flogen die Rohrsänger fort.

»Ich glaube doch, ich bleibe lieber nicht hier!« sagte der Aal. »Ich sehne mich nach dem Meere.« Er sah sich vorsichtig um, kroch dann ins Gras hinauf und schlängelte sich geschwind zum nächsten Graben hin.

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