Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Ewald >

Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel: Die Reise des Krebses.

»Wie geht es meiner lieben kleinen Larve?« fragte das Rohrsängerweibchen.

»Danke!« erwiderte die Eintagsfliegenlarve.

»Ein Weißfisch wollte mich verspeisen, zwei Frühlingsfliegenlarven haben an mir herumgezerrt, und ein Taumelkäfer hat mich in das eine Bein gebissen, sonst geht es ausgezeichnet.«

»Bist du nicht bald fertig?«

»Heut oder morgen, denke ich.«

»Gib gut acht, daß du nicht vorher noch verunglückst,« sagte Frau Rohrsänger freundlich.

Die Krebsmadam kroch unruhig umher.

»Es ist recht kärglich mit der Nahrung bestellt!« sagte sie. »Ach ja, wenn man doch ein vornehmer Vogel wäre und fortfliegen könnte! Aber Sie sind ja böse auf mich, gnädige Frau, da wage ich gar nicht mit Ihnen zu reden.«

»Ich war allerdings sehr zornig auf Sie,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Aber dann habe ich so viel Entsetzliches erlebt, daß ich Ihre Schlechtigkeit beinah vergessen habe. Ich habe eine Spinne kennen gelernt, die ihre eigne Mutter aufgefressen hat!«

»I du meine Güte!« kreischte Madam Krebs auf. »Da muß ja jedes Mutterherz empört sein.«

»Nicht wahr! Und sie hat auch ihren Mann aufgefressen.«

»Ich sage nicht, daß das richtig wäre. Aber es ist entschuldbarer, denn die Männer sind Ungeheuer! Natürlich mit Ausnahme Ihres Mannes, gnädige Frau.«

»Sie haben eine recht lockre Moral, Madam Krebs,« fiel der Rohrsänger ein. »Sagen Sie mal: haben Sie denn nun wirklich Ihre Kinder aufgefressen?«

»Ich habe das Unglück gehabt, sieben zu fressen,« erwiderte die Krebsmadam mit unglücklicher Miene, »aber es geschah wahrhaftig aus reiner Liebe. Sie waren so allerliebst. Und als ich sie mit meinen Scheren streichelte, faßte ich sie aus Versehen zu hart an. Und dann mußt ich sie doch lieber selber verzehren, statt sie Fremden zu überlassen.«

»Es ist furchtbar, so etwas mitanhören zu müssen!« jammerte das Rohrsängerweibchen.

»Ja, traurig ist es,« sagte Frau Krebs. »Aber, du lieber Gott! Die armen Kleinen haben nun also ausgelitten, während ihre einhundertunddreiundneunzig Geschwister sich in der bösen Welt herumschlagen müssen. Gott weiß, wie viele von ihnen noch am Leben sind, und wie es ihnen geht.«

»Ja, die Welt ist schlecht,« klagte das Rohrsängerweibchen..

»Könnten Sie mir wohl einen Rat geben, gnädige Frau?« fragte Madam Krebs. »Glauben Sie nicht, daß man hier von diesem See wegkommen könnte?«

»Wir reisen im Herbst,« entgegnete Frau Rohrsänger. »Nach Italien. Aber Sie haben ja keine Flügel, Madam Krebs. Ich wüßte also nicht, wie Sie von der Stelle kommen könnten.«

»Das ist es eben, hätte man Flügel, so würde man bald fort sein. Aber vielleicht wären sie einem im Wasser nur hinderlich. Und es gibt übrigens doch auch Leute ohne Flügel, die Reisen unternehmen. Was meinen Sie zum Beispiel vom Aal?«

»Ja ... der Aal, der kann sich winden. Das können Sie nicht.«

»Nein,« erwiderte Frau Krebs und bewegte ihre Stielaugen betrübt. »Das kann ich nicht. Meines steifen Panzers wegen, Sie wissen ja. Im übrigen muß ich den aber durchaus loben. Hätte ich ihn nicht gehabt, so wäre ich längst dem einen oder andern zum Opfer gefallen.«

»Was wollen Sie also anfangen?«

Der Krebs kroch ganz nah unter die Rohrhalme, an denen das Nest hing, und fragte sehr leise:

»Wie denken Sie über die Muschel, gnädige Frau?«

»Die Muschel?«

»Jawohl. Sehen Sie, wenn ich hier so im Schlamm sitze, höre ich allerlei mit an und denke mir das meine dabei. So hab ich auch die Geschichte zu hören gekriegt, mit der die Muschel den Herrschaften neulich aufgewartet hat. Glauben Sie, daß die Sache sich wirklich so zugetragen hat?«

»Natürlich glaube ich das.«

»Ja, ich halte freilich nichts von der Muschel. So ein Weichtier! Und obendrein hat sie mich beleidigt. Aber ich habe sie ja gefressen, und ich möchte dem, den ich selber verspeist habe, nichts Böses nachreden. Und wenn die Geschichte wahr ist, so könnte unsereiner sich ja ebenso zu helfen wissen.«

»Sie haben ja keine Schalen, die Sie zukneifen könnten, Madam Krebs.«

»Nein, aber ich habe meine Scheren. Und kneifen können die auch, glauben Sie mir nur!«

Der Rohrsänger kam von der Jagd nach Hause, und seine Frau erzählte ihm von den Plänen des Krebses. Beide lachten nicht schlecht darüber, aber Madam Krebs ließ sich von ihrer Absicht nicht abbringen.

Den ganzen Vormittag kehrte sie nicht in ihr Loch zurück, sondern kroch umher und schwamm oben auf dem Wasser, um eine geeignete Gelegenheit zu erspähen.

Zur Mittagszeit kam eine kleine Plötze vorbei.

»Nimm Dich in acht, Larve!« schrie das Rohrsängerweibchen.

»Ich habe mich unter einem Blatt versteckt, und es geht mir gut,« gab die Eintagsfliegenlarve zur Antwort.

»Der Fisch wäre da,« meinte Madam Krebs. »Nun fehlt bloß noch die Möwe.«

Sie blieb dicht unter der Plötze und hielt mit ihren langen Augen nach allen Seiten hin eifrig Ausschau.

»Was willst du, du ekliger Krebs?« rief die Plötze und schlug mit dem Schwanze um sich.

»Gott, Herr Fisch, ich tu Ihnen ja gar nichts,« sagte Frau Krebs. »Der See ist doch wohl für alle da, sollte ich meinen! Man wird sich doch wohl vor seiner eignen Tür ein bißchen ergehen dürfen!«

In diesem Augenblick streckte der Aal den Kopf aus dem Schlamm hervor:

»So ist's recht, Madam Krebs, seien Sie nur recht fleißig! Man muß sich winden.«

Und die Rohrsängerleutchen lachten und guckten hinab, was wohl daraus werden würde, und auch den Jungen wurde die Sache erklärt, soweit sie sie verstehen konnten, und auch sie guckten mit hinunter. Die Wasserspinne kam herbeigelaufen und sah zu, und auch die Eintagsfliegenlarve sprengte fast ihr Puppengehäuse vor Neugier. Der Wasserschlauch vergaß, Tiere einzusaugen, Seerose und Froschbiß hörten auf, sich zu zanken – sie alle starrten den Krebs und die Plötze an. Denn sie alle hatten etwas von dem bevorstehenden Ereignis gehört, einer hatte es dem andern gesagt. Aber jetzt sprach keiner von ihnen ein Wort, um die Plötze nicht zu verscheuchen – sie war die einzige, die nicht das geringste ahnte. Nur das Röhricht flüsterte leise. Aber das tut es immer, so daß niemand darauf achtet.

Auf einmal stieß eine Möwe herab und packte die Plötze.

Das Wasser plätscherte so hoch auf, daß niemand richtig sehen konnte, was geschah. Aber die Plötze war verschwunden. Und gleich darauf riefen die Rohrsänger:

»Seht, seht ... da fliegt die Möwe mit der Plötze ... und der Krebs hängt an ihrer hintern Kralle!«

Die Seerose und der Froschbiß riefen dasselbe, und das Schilf flüsterte es weiter, so daß bald nicht eine Mückenlarve in dem See war, der das merkwürdige Ereignis unbekannt blieb.

»Es ist ihr also geglückt!« sagten die Rohrsänger.

Und man unterhielt sich eine ganze Stunde darüber, wo die Madam Krebs wohl gelandet wäre. Aber das konnte man ja nicht ausfindig machen, und keiner in dem See hat es jemals erfahren.

Nur die Frau, die an dem See wohnte, wußte Bescheid. Denn als die Möwe sich gerade über dem Schornstein der kleinen Hütte befand, strampelte sie so heftig mit den Leinen, daß der Krebs losließ. Er fiel durch den Schornstein der Frau bis in die Küche hinab, in einen Kessel mit kochendem Wasser hinein, der auf dem Herde stand. »Au!« schrie der Krebs. »Das ist ja eine schöne Bescherung.«

Vor Ärger wurde er feuerrot am ganzen Körper und hauchte sein Leben aus. Als aber die Frau ihren Kessel vom Feuer nahm und Kaffee aufbrühen wollte, starrte sie verblüfft auf den großen, prächtigen Krebs.

»Das laß ich mir gefallen!« sagte sie und aß den Krebs. – – –

An demselben Abend durchbrach die Eintagsfliege ihre Puppenhülle.

Auf winzigen, zarten, durchsichtigen Flügeln und mit drei langen Fäden am Hinterleib stieg sie in die Luft empor.

»Nein, wie schön es hier ist!« rief sie aus. »wie herrlich ist doch das Leben! Man kann recht gut viele, viele Tage als arme Larve leben, wenn man bloß eine einzige Stunde all diese Herrlichkeit erblicken darf.«

»Aha, da bist Du ja!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Du siehst recht gut aus.«

»Nun fliege ich bloß noch um den See herum und lege meine Eier. Dann komme ich zurück und setze mich ins Röhricht und sterbe, und dann können Sie mich verspeisen. Tausend Dank dafür, daß Sie mein Leben damals geschont und mich gewarnt haben, wenn ich mich in Gefahr befand. Hätten Sie das nicht getan, so hätte ich nie all diese Schönheit zu sehen bekommen.«

»Überiß Dich nur nirgendwo, und vergiß Dein Versprechen nicht!«

»Seien Sie unbesorgt! Ich habe gegessen, was ich essen muß ... ich habe nicht einmal einen Mund. Bloß ein paar Stunden will ich mich des herrlichen Lebens erfreuen und dann meine Eier legen. Das ist mein Los, und ich beklage mich nicht.«

»Das Leben ist nicht so schön, wie Du denkst. Wenn ich Dein aufrichtiger Freund sein wollte, so würde ich es Dir ersparen, daß Du alle Deine Illusionen verfliegen siehst.«

»Wie können Sie sagen, daß das Leben nicht wunderschön sei? Sehen Sie doch ... dort ... und dort ...«

»Ich will Dein aufrichtiger Freund sein! Du sollst vor Enttäuschungen bewahrt werden ... Ich fresse Dich auf der Stelle.«

Mit diesen Worten erwischte das Rohrsängerweibchen die Fliege und verspeiste sie.

»Guten Abend, Ew. Gnaden!« rief der Aal.

»Betrachten Sie die poetische Natur? Wie ich sah, haben Sie soeben ein Stück von ihr in Ihren Magen befördert ... Denn eine Eintagsfliege ... das ist die Poesie! wie hat sie übrigens gemundet?«

»Sie sind ein ganz gemeiner, ekelhafter Bursche!« beteuerte das Rohrsängerweibchen.

»Sie reden wie jemand, dessen Hals voller Poesie steckt,« erwiderte der Aal. »Es freut mich, daß Sie so gute Fortschritte im Räubergewerbe machen. Anfangs waren Sie so fürchterlich feinfühlig.«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.