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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Neuntes Kapitel: Die Seerose

»Meinst Du nicht, daß wir die Kinder bald aus dem Nest lassen können?« fragte der Rohrsänger.

»I bewahre,« erwiderte seine Frau. »Es kann nicht die Rede davon sein, daß die lieben Kleinen vor einem Monat auf eignen Füßen zu stehen vermögen.«

»Auf eignen Füßen können sie jetzt schon stehen, denn sie treten einander fast tot, wenn ich ihnen eine armselige Fliege bringe. Ich will dir was sagen: es wird mit der Zeit ein bißchen schwierig, die nötigen Nahrungsmittel herbeizuschaffen. Wir sind jetzt zu so vielen. Überall in der Umgegend sind Kinder angekommen, und alle schreien nach Futter.«

»Erkennen Sie jetzt, daß ich recht hatte, Ew. Gnaden?« fragte der Aal und streckte den Kopf aus dem Schlamm hervor.

»Schweigen Sie still und kehren Sie vor Ihrer eignen Tür, Sie widerwärtiger Fisch!« rief das Rohrsängerweibchen.

»Ihr Mann ist längst meiner Ansicht,« sagte der Aal. »Das seh ich ihm an. Er gäbe viel darum, könnte er jetzt als freier Vogel umherstreifen, anstatt sich mit einer großen Familie zu plagen.«

»Sie irren sich, Verehrtester!« erwiderte der Rohrsänger. »Wenn ich auch zugebe ...«

»Versuch es einmal, das geringste zuzugeben!« schrie seine Frau und hackte nach ihm.

»Man muß sich winden,« erklärte der Aal, und weg war er.

Zur Mittagszeit saßen die beiden Eheleute beisammen und sprachen wieder von ihren Sorgen.

»Wenn wir's bloß aushalten!« sagte der Rohrsänger. »Vorhin hab ich mich wie besessen mit meinem alten Freund, dem Fliegenschnäpper, um eine lächerliche kleine Larve herumgeprügelt. Ich habe sie bekommen, aber das verzeiht er mir nie. Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde, sagen die Menschen. Geschrei und Spektakel auf dem ganzen See wird das Ende vom Liede sein.«

»Kann es denn überhaupt noch schlimmer werden, als es ist?« zeterte seine Frau. »Mach es wie ich! Denk an all das Schöne, das die Dichter von uns gesungen haben. Damit vertreibt man die trüben Gedanken!«

»Ich wünschte, ich hätte ein paar ganz kleine Dichter am Kragen und könnte unsre Jungen mit ihnen füttern!« sagte er ärgerlich.

Und wieder saßen sie ein Weilchen schwermütig da. Die Kinder hielten inzwischen ein Mittagsschläfchen.

»Wie wunderlich verteilt doch das Glück in der Welt ist!« sagte der Rohrsänger schließlich. »Wieviel Sorgen und Mühsal wir doch haben, wir frohen, freien Vögel, denen die ganze Welt offen steht! Sieh einmal die Seerose dort an! Sie ist an ihren Platz gebunden! Viele, viele Tage lang muß sie durch das finstre Wasser emporstreben, bis sie die Oberfläche erreicht. Dann ist sie am Ziel, sie entfaltet ihre weiße Blüte und ist glücklich. Keine Sorgen hat sie mehr ... Sieh, wie sie daliegt und sich schaukelt und träumt! Gebe Gott, daß wir auch Seerosen wären!«

»Ja,« stimmte ihm sein Weibchen bei. »Und ihre Samen reifen in ihrem Schoß, gleiten ins Wasser hinab, fassen Wurzel und wachsen auf, und im nächsten Jahr blühen die Kinder rings um die Mutter. Wie reizend das sein muß!«

»Nun, denk an den Wasserschlauch! Wie hat der uns hinters Licht geführt!«

»Pah! Daran ist natürlich die garstige Wasserspinne schuld, die bei ihm wohnt. Die hat ihn auf die Verbrecherbahn gelockt. Niemand kann mir die Überzeugung rauben, daß in dem schönen Kelche der Seerose nur Frieden und Freude wohnt.«

»Pst!« sagte er. »Sie unterhält sich mit dem hübschen kleinen Froschbiß neben ihr.«

Die beiden betrübten Vogel neigten den Kopf und horchten.

»Du boshaftes Geschöpf!« schalt die Seerose. »Du hast heute zwei Hummeln von mir fortgelockt. Und dabei ist in deinem welken Becher nicht mehr Honig als auf der Rückseite meiner Hand!«

»Schimpf du nur!« sagte der Froschbiß. »All deine feinen Kleider nützen dir nicht das geringste. Es geht doch nach dem wahren Verdienst! Eine ordentliche Hummel kümmert sich nicht um so eine eingebildete Person wie dich. Du kannst überzeugt davon sein, daß ich mehr Honig in einer meiner Blüten habe, als du in deinem ganzen Körper!«

»Hier stehe ich mit all meinem reifen Blütenstaub,« erwiderte die Seerose, »und kann ihn nicht los werden. Daß jemand so einen armen Schlucker wie dich ansehn mag! Aber ich werde mich schon rächen. Du bist mir schon längst lästig gewesen, als wir durchs Wasser emporwuchsen. Deine garstigen dünnen Stengel kletterten über mich her und hätten mich am liebsten erstickt, wenn sie gekonnt hätten. So ein armseliger Staat! Im Herbst ist kein Fäserchen von dir übrig. Es ist eine Schande, daß du ordentlichen Leuten im Wege stehen darfst.«

»Im Herbst sind meine Samen reif und ausgesät, liebe Seerose,« erwiderte der Froschbiß. »Und im nächsten Frühjahr wachsen sie und halten dich zum Besten, wie ich es jetzt tue. Verlaß dich darauf!«

»Falls man nicht vorher kommt und den See reinigt,« sagte die Seerose. »Denn dann nimmt man dich fort, mich aber läßt man um meiner Schönheit willen stehen.«

Darauf konnte der Froschbiß nichts erwidern, weil es seine Richtigkeit damit hatte.

»Hast du's gehört?« flüsterte das Rohrsängerweibchen.

»Pst!« mahnte ihr Mann. »Da kommt eine Hummel.«

Und eine große, summende Hummel schwirrte herbei und blieb in der Luft über den beiden Blumen stehen. »Bitte schön, liebste Hummel!« schrie die Seerose und entfaltete ihre weißen Blätter, so gut sie konnte. »Hier bei mir wird der frischeste Honig in der ganzen Gegend serviert. Seien Sie so gut, näher zu treten! Ich habe ganze Gruben voller Vorräte. Und hier ist Blütenstaub in der feinsten Verpackung. Meine großen weißen Blätter habe ich auf dem Wasser ausgebreitet, damit Sie sich auf ihnen ausruhen können, wenn Sie müde sind. Wollen Sie sich überzeugen, hier ist es ganz trocken ... Bitte schön!«

»Hören Sie nicht auf den Humbugmacher!« sagte der Froschbiß. »Hier ist der richtige alte Honigladen! Ich verschmähe die dumme Reklame mit großen weißen Blättern und all dem Staat. Ich setze alles, was ich habe, für Honig und Blütenstaub ein. Habe nur eine kleine weiße Blüte, damit Sie mich finden können.«

»Sie werden doch wohl nicht in die Trödelbude dort gehen!« schrie die Seerose. »Ihre geehrten Kinderchen werden sich geradezu vergiften an den Waren, die da geführt werden. Falls überhaupt noch etwas vorhanden ist. Denn es waren heute schon zwei große Hummeln da, und die sahen recht mißvergnügt aus, als sie fortflogen.«

»Glauben Sie ihr nicht!« rief der Froschbiß. »Der reine Neid spricht aus ihr. Die Hummeln waren außerordentlich vergnügt und haben eine Menge Honig mitgenommen. Der Honig der Seerosenmadam ist von gestern, keiner mag ihn anrühren ... Ich möchte wetten, daß er total verdorben ist.«

»Bum–sum–dum!« sagte die Hummel und flog ihrer Wege.

»So ein einfältiger Tropf!« rief die Seerose.

»So ein Dummkopf!« pflichtete der Froschbiß ihr bei.

»Das kommt davon, wenn man in schlechter Gesellschaft lebt,« erklärte die Seerose.

»Es kommt natürlich von deiner Marktschreierei,« sagte der Froschbiß.

»Dadurch werden die ordentlichen Leute vom See verscheucht.«

Dann wußten sie nichts mehr zu sagen, lagen auf dem Wasser und schielten boshaft zueinander hinüber.

»Gott behüte mich!« rief das Rohrsängerweibchen aus. »Wo in aller Welt findet sich noch Poesie?«

»Wo soll man eine Fliege erwischen?« setzte ihr Mann hinzu.

»Man muß das Leben nehmen, wie es ist,« sagte die Muschel. »Und sich so wenig wie möglich hineinmischen. So halte ich es, und ich kann hier sitzen und hundert Jahre alt werden.«

Am Ufer des Sees stand ein Knabe, der einen großen Stein in der Hand hatte, plötzlich warf er ihn mit aller Kraft ins Wasser und ging dann fort, ohne sich besondre Gedanken zu machen.

Aber der Stein hatte die Muschel getroffen und ganz zerschmettert.

»Sieh da!« sagte die Muschel. »Nun ist die Geschichte aus. Beide Schalen sind zerschmettert – da ist nichts mehr zu machen. Leben Sie wohl! Und schönen Dank für angenehme Gesellschaft!« Alle ihre Augen brachen, eins nach dem andern, und dann war sie tot.

»Gott mag wissen, wer nun an die Reihe kommen wird,« sagte der Rohrsänger.

Aber die Krebsmadam kam langsam herangekrochen und nahm die tote Muschel zwischen ihre Scheren.

»Jetzt krieg ich mein Bein mit Zinsen zurück!« sagte sie vergnügt.

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