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Vier feine Freunde und andere Geschichten

Karl Ewald: Vier feine Freunde und andere Geschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
authorCarl Ewald
titleVier feine Freunde und andere Geschichten
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesGesamtausgabe
volumeDritter Band
printrunZweite Auflage
year
IllustratorWilly Planck
translatorHermann Kiy
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081020
projectida6553937
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Achtes Kapitel: Die Muschel

Am folgenden Abend schaute der Rohrsänger ins Wasser hinab.

Die Teichmuschel saß dort unten und gähnte wie gewöhnlich. Man konnte ihr nichts Besondres anmerken.

»Guten Abend!« redete der Rohrsänger sie an. »Wie befinden Sie sich nach dem unglücklichen Tode Ihres Freundes?«

»Danke!« entgegnete die Muschel. »Meine Laune hat nicht darunter gelitten. Sie leidet überhaupt unter so etwas nicht. Nur wenn man etwas zwischen meine Schalen steckt, werde ich wütend und klemme sie zu.«

»Das täte ich auch an Ihrer Stelle. Und Ihre Gemütsruhe ist ja geradezu beneidenswert. Aber ich finde doch, daß das Unglück Ihres Nächsten, Ihres vertrauten Freundes ...«

»Ich habe keinen Nächsten. Und der Karpfen war nicht mein vertrauter Freund. Wir waren bloß keine Konkurrenten, das war alles. Dann ist es nicht schwer, gut Freund miteinander zu sein. Die Redensarten des Karpfens haben mir oft Spaß gemacht. Aber ich widerspreche nie jemandem, falls man nicht etwas zwischen meine Schalen steckt. Der Karpfen hatte mit den Menschen zu tun gehabt – das ist die Sache. Davon werden die Tiere so komisch. Sie sind das übrigens auch.«

»Ich fasse das als Kompliment auf,« sagte der Rohrsänger, der sich ein wenig beleidigt fühlte, es sich aber nicht anmerken lassen wollte. »Übrigens habe ich nur insofern mit den Menschen zu tun, als sie mich meines schönen Gesanges wegen schützen und mir kein Leid zuzufügen wagen. Wenn sie vorübergehen, bleiben sie stehn und lauschen meinen Liedern. Viele Dichter haben mich in ihren Versen verherrlicht.«

»So, haben sie das! Mich haben sie auch besungen. Aber was sie sagten, war lauter Lüge.«

»Was haben sie denn gesagt?«

»Allerhand dummes Gerede von Perlen.«

»Ach, haben Sie Perlen? Frau, Frau! Die Muschel hat Perlen!«

»Ich habe ja gar keine. Schreien Sie doch nur nicht so, daß es über den ganzen Teich hin schallt. Wenn jemand Sie hört, laufe ich Gefahr, daß man nach mir fischt. Gott sei Dank, daß ich keine Perle in mir habe!«

»O–o!« rief der Rohrsänger enttäuscht.

»Gerade von den Perlen faseln die Dichter so gern. Sie singen davon, wie glücklich die Muschel über die kostbare Perle sei, die sie in sich behüte, und so weiter ... Wissen Sie, was eine Perle ist?«

»Nein.«

»Ein garstiger, zudringlicher Schmarotzer – etwas Ähnliches wie das Doppeltier, das den Karpfen peinigte. Wenn er in uns hineingelangt, peinigt er uns natürlich. Dann überziehen wir den Wicht mit Perlmutter, bis er stirbt. Und dann sitzt er auf unserer Schale und spielt Perle.«

»Herr Gott!« rief der Rohrsänger aus. »Hast Du's gehört, Frau? Alle unsre Illusionen werden zerstört. Fast nichts bleibt uns.«

»Na, vorläufig bleiben uns noch die fünf ewig hungrigen Kinder, die immer mehr haben wollen,« antwortete seine Frau.

»Heute bekommen sie nichts mehr,« sagte er verdrießlich. »Den ganzen Tag sind wir beide ihretwegen herumgerannt und herumgeflogen. Jetzt möchte ich wahrhaftig meine Ruhe haben und in Frieden ein wenig mit den Nachbarn plaudern. Zähl ihnen ein paar auf.«

Frau Rohrsänger befolgte seinen Rat. Da schrien die Kleinen noch mehr, doch dann schliefen sie ein.

»Gestern abend deuteten Sie an, daß Sie nicht von Geburt an hier im See gelebt hätten,« sagte der Rohrsänger zur Muschel. »Erzählen Sie uns doch, woher Sie stammen!«

»Mit Vergnügen,« erwiderte die Muschel. »Auch ich liebe so ein Plauderstündchen am Abend. – – – Niemand glaubt einem ja, daß man etwas erlebt hat, weil man so schlecht zu Fuß ist. – Aber warten Sie bitte einen Augenblick ... da ist ein naseweises Geschöpf, mit dem ich ein Hühnchen zu pflücken habe!«

Es war niemand anders als Madam Krebs.

Sie war näher gekrochen und betastete mit ihren Beinen die Muschel. Diese schlug ihre Schalen zu, so daß eins der Beine mitten durchgeschnitten wurde. Madam Krebs schrie wie besessen und hämmerte mit ihren Scheren auf die Muschel los. Aber die lachte nur.

»So ein Flegel! Kann Sie eine ehrbare Frau nicht ungeschoren lassen!«

»Gewiß,« sagte die Muschel. »Sie darf mir nur nicht zu nahe kommen.«

»So eine jämmerliche Muschel!« schrie Madam Krebs. »So ein Weichtier! Sie steht viel tiefer im Range als ich, und doch wagt Sie es, naseweis zu sein. Ich habe einundzwanzig Beinpaare, daß Sie's weiß! Wie viele hat Sie denn?«

»Komm nur heran mit allen einundzwanzig!« sagte die Muschel.

Madam Krebs fuhr fort zu schimpfen, und nun mischte sich der Rohrsänger ins Gespräch:

»Hören Sie auf mit Ihren Grobheiten! Es kommt nicht auf die Beine an. Ich habe nur zwei.«

»Gott behüte!« sagte Madam Krebs. »Allen Respekt vor Ihnen, Herr Rohrsänger. Ich kenne meine soziale Stellung. Ich begreife bloß nicht, daß ein so vornehmer Herr wie Sie mit so einem Weichtier reden mag.«

Scheltend und schimpfend zog sie sich in ihr Loch zurück, ließ aber den Kopf und die Scheren heraushängen. Die Muschel öffnete sich, hielt aber die ganze Zeit vier bis fünf ihrer Augen auf die Madam gerichtet. Sobald diese die geringste Bewegung machte, schloß die Muschel sich sofort wieder.

»Innen ist man weich,« sagte sie. »Aber der Welt zeigt man die harte Außenschale.«

»Erzählen Sie doch jetzt, bitte!« bat der Rohrsänger.

»Ich bin in einem andern See weit von hier geboren,« berichtete die Muschel. »Näher beschreiben kann ich ihn nicht ... Sie verstehen wohl, in meiner Stellung hat man nicht viel Gelegenheit, sich umzusehn. So vornehm wie der adlige Karpfenteich war mein Geburtsort nicht. Soll ich ganz aufrichtig sein, so scheint es mir, als wäre es dort nicht anders zugegangen als hier. Eine gefährliche Menge Gesindel von allen Sorten! Aber besonders viele Muscheln waren da. Sie saßen im Schlamm, so dicht wie Pflastersteine, und nahmen einander das Brot vom Munde fort. Trank man einen Schluck Wasser, so war's gewöhnlich schales Zeug. Irgendein andrer hatte es schon ausgesogen, verstehen Sie?«

»Was taten Sie denn?« fragte der Rohrsänger.

»Ich tat nichts,« erwiderte die Muschel. »Ich tu nie etwas, falls man nicht etwas zwischen meine Schalen steckt. Dann allerdings werde ich wütend und kneife ... Na, sind Sie wieder da, Madam Krebs? Wünschen Sie, daß ich Ihnen noch ein Beinchen amputieren soll?«

»Windbeutel!« war die Antwort des Krebses.

»Aber Sie hätten ja verhungern können,« meinte der Rohrsänger.

»So leicht stirbt man nicht,« erwiderte die Muschel. »Wenn einem kein Unglück zustößt wie dem seligen Karpfen. Ich habe einmal ein ganzes Jahr auf einem Tisch in einer Stube gelegen.«

»Gott behüte!« rief der Rohrsänger. »Wie kamen Sie denn dahin?«

»Ein Student – oder was er nun war – hatte mich gefischt. Er packte mich in ein Stück Papier ein und legte mich auf den Tisch. Er wollte sehen, wie lange ich so leben könne. Jeden Sonnabend packte er mich aus und besprengte mich mit Wasser, und ich lebte immer weiter.«

»Aber wie kamen Sie denn von ihm fort?«

»Das geschah, als er sich verlobte. Sie müssen nämlich wissen, von Zeit zu Zeit besuchten ihn allerhand Leute, und die mußten natürlich alle die merkwürdige Muschel sehen, die nicht sterben wollte. Unter ihnen war auch ein junges Mädchen, die sehr ärgerlich auf ihn war, weil er mich so quälte. Aber er lachte sie bloß aus. Als ich ein Jahr lang da gelegen hatte, verlobte er sich mit ihr – auf dem Sofa ganz in meiner Nähe. Ich war noch lebendig genug, meine Schalen ein wenig zu lüften, um mir das Ganze anzusehen. Die Menschen sind doch zu lächerlich! Aber dann fragte er sie, ob sie an diesem Freudentage keinen Wunsch habe. Doch, sagte sie, er solle mich wieder ins Wasser setzen. Er lachte über sie, aber dann gingen sie sofort mit mir an denselben See, aus dem ich herausgefischt worden war, und warfen mich hinein. Ich siedelte mich von neuem unter meinen Kameraden an und begann mein Leben von vorn.«

»Ja ... die Liebe!« sagte der Rohrsänger und sah seine Frau zärtlich dabei an.

»O, die Liebe!« sagte sie und erwiderte seinen Blick.

»Ich habe nichts gegen die Liebe einzuwenden,« erklärte die Muschel. »Allerdings kenne ich sie nicht aus persönlicher Erfahrung.«

»Sie haben doch wohl eine Frau?« fragte der Rohrsänger. »Oder vielleicht sind Sie selbst eine Dame?«

»Weder das eine noch das andre trifft zu. Ich bin nur eine Muschel. Lege meine Eier, und damit basta.«

»Sorgen Sie hübsch für Ihre Kinder?« fragte der Rohrsänger.

»Das fehlte bloß,« erwiderte die Muschel. »Meine Kinder sind höchst sonderbare Personen. Es sind Seeleute.«

»Seeleute?«

»Jawohl. Sobald sie aus dem Ei geschlüpft sind, setzen sie ein großes Segel auf und segeln in Sturm und Wogendrang dahin. Erst wenn sie älter werden und nicht inzwischen gefressen worden sind, lassen sie sich als biedere Muscheln mit Schalen und der nötigen Philosophie im Leibe nieder.«

»Wir wollen lieber nicht von Kindern reden,« sagte der Rohrsänger. »Meine Frau wird immer so nervös davon. Erzählen Sie uns bitte, wie Sie in diesen See gekommen sind!«

»Das hängt mit meiner Eigenschaft zusammen, daß ich wütend werde, wenn jemand etwas zwischen meine Schalen steckt ... Ich weiß nicht, ob ich Ihnen von dieser Eigenschaft erzählt habe?«

»Mehrmals! Ich vergesse es nie und werde mich schon in acht nehmen.«

»Tun Sie das nur! Einer von Ihrer Sorte war's übrigens, der meinen Umzug besorgte.«

»Ein Rohrsänger?«

»Ich weiß nicht genau, ob es ein Rohrsänger war. Außerhalb des Wassers sehe ich nicht gut ... Guten Tag, guten Tag, Madam Krebs! Sie sehe ich die ganze Zeit ... und für mich ist ein Vogel ungefähr wie der andre. Übrigens war's doch wohl eine Möwe. Na ... ich saß also auf dem Grunde und gähnte, wie ich's gewöhnlich zu tun pflege. Dicht über mir schwamm eine kleine Plötze. Da auf einmal ... platsch! packte die Möwe die Plötze. Sie sauste so hernieder, daß sie bis auf den Boden stieß. Und dabei geriet eine ihrer kleinen Zehen zwischen meine Schalen, und ich kniff zu. Die Möwe riß und zerrte, aber ich bin stark, wenn ich zornig werde, und hielt fest. Gewissermaßen war die Möwe nun doch die Stärkere. Sie riß mich los, und nun ging's durchs Wasser hinauf und in die Luft empor.«

»Das ist ja ein richtiges Abenteuer!« sagte der Rohrsänger.

»Wir flogen ein gutes Stück,« erzählte die Muschel weiter. »Hoch dahin über Felder und Wälder ... Ich konnte ein bißchen Umschau halten, denn die Schalen standen ja etwas offen, der Zehe wegen. Den Fisch verloren wir, ich aber hielt fest, so sehr der Vogel auch zappelte und um sich trat. Ewig hängen zu bleiben, war ja nicht meine Absicht, wie Sie wohl verstehen; aber ich wollte doch mit entscheiden helfen, wo wir niedersteigen sollten. Ich nehme mal den Fall an, daß ich auf einen hohen Baum gefallen wäre und da hätte hängen und darauf warten müssen, bis wieder ein Student kam und sich verlobte ...«

»Der wäre gewiß gekommen,« sagte der Rohrsänger. »Ich bin weit gereist, aber überall habe ich einen Studenten getroffen, der sich verlobte.«

»Na, die Sache wäre jedenfalls ziemlich unsicher gewesen. Und als ich darum unter mir blaues Wasser schimmern sah, ließ ich los und fiel in diesen See hinab.«

»Und Sie sind zufrieden mit Ihrem neuen Wohnort?«

»Vorläufig, ja. Ich habe noch keine andern Muscheln gesehn, so daß es sich hier bedeutend besser leben läßt als in dem andern See.«

»Das ist ja eine sonderbare Geschichte!« meinte der Rohrsänger.

Und dann verfiel er in Nachsinnen, und es wurde Nacht.

Aber das Rohrsängerweibchen begab sich ins Röhricht hinab, guckte in das dunkle Wasser und rief:

»Bist Du noch da, meine kleine Larve?«

»Ich danke für die Nachfrage,« antwortete die Eintagsfliegenlarve.

»Ist es Dir heute gut ergangen?«

»Danke, ja. Beinah hätte der Barsch mich gefressen, und ein Entlein und eine garstige Libellenlarve und ein Wasserkäfer waren hinter mir her. Im übrigen ist es mir ausgezeichnet ergangen.«

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