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Vier Erzählungen

Ernst Weiß: Vier Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorErnst Weiß
titleVier Erzählungen
booktitleDie Erzählungen
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140227
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Atua

1

Atua, der immer lebende Gott der ozeanischen Gestade, überschwebte am Urgrund der Zeit die schwarze Welle Moa, die als Weib unter ihm, dem Manne, ohne Grenzen zwischen den Enden der Himmel wogte.

In sich trug Atua den weich ineinanderwehenden Wechsel der Jahreszeiten, in seinen gefalteten Händen hielt er Schloß und Riegel der Ewigkeit.

An seinen Wangen, den lächelnden, rauschte das Ziehen der frischen Winde. Die Zeit brach sich an ihm. Jetzt schlug er die Augen auf, von keinem geweckt. Er horchte auf.

In seinen Ohren erbrauste das tausendfach dröhnende Labyrinth, und schon wurde die Welt erfüllt vom Klang, Rauschen und Brausen, Singen, Hauchen, Flüstern, dem sanft hingebogenen Laut des Blumenstengels, der sich im Morgenwind wiegt, bis zum erzklirrenden Posaunenschrei, dem Donnergetöse der Sonnen, wenn sie zerschellen in rasend gegeneinander tanzendem Wirbel, und dem Schweigen nachher, Tröpfeln der Sternstrahlen licht über die wartende Wiese im Nebelgrau. Jeglicher Schall wurde ausgegossen aus der horchenden Muschel seiner Ohren, wie ein ewiger Fluß, strömend ins Meer.

Er blickte um sich. In den sanft gewölbten Schalen seiner großen Augen begannen die Lichter zu kreisen und sich in einem einzigen Glänze dem weitesten Kreis und dem höchsten Ring der Himmel anzuschmiegen.

Eine einzige Sonne flammte von der Schwelle bis ans Ende des mächtigen Gewölbes.

Licht über Licht, das tanzende üppige Kind, mit Feuer genährt, in Feuer gekleidet, Feuerglanz, ruhig wallenden, hauchte es aus bis in die fernsten Winkel des Alls.

Die Sterne dieser Stunde waren kleine Mücken, die Sonne dieses ersten Tags eine kleine, silberfarben matte Muschel, verloren in der brechenden Fülle des jauchzenden, rauschend berauschten Tags, da alle Sphären in einem brannten, durch keine Grenze geschieden.

Am Abend, als der flammenblitzende Gott seine rot schimmernden Lider senkte, entstand die Dämmerung, perlengrau und rosenfarben, gedeckt unter dem Dach, gut ruhend im Wind, der nachtwärts allmählich verstummte.

Wenn Atua zurück sich träumte in seinen Schlaf, wenn er sich widerspiegelte in seiner schwarz schlafenden Schwester Moa, wenn er sich tief beruhigte in ihrem Ruhen, wenn sein offen lächelnder Mund hineinschwieg in ihr gesammeltes Schweigen, da atmete er den ersten Atemzug aus, da verstummte die Labyrinthmuschel seines Ohres, da verdunkelte sich des üppigen Knaben glückseliger Glanz: da schlief Atua, da wurde es Nacht. Da lag in Schwärze vereinigt, in Schwärze gesättigt, Moa unter ihm, ein ebener Spiegel, matt geschliffen, unergründlich, unberührbar, fern zum Ahnen, unberührt.

Da flüsterte über Atuas Schlummer ein heiliges Geheimnis. Es sprach in seinen Schlaf die stumme Schwester ein fliehendes Wort. Moas Traumgestalt rührte an Atuas lebendes Herz. Er ahnte über den Stufen der herabrinnenden Zeit eine höhere Vereinigung.

Atua, der von Urbeginn Vereinte, sehnte sich danach, seinen lebenden Odem auszuhauchen, er, der Feststehende, tief innen Gegründete, wollte die Welt, Moa, jegliches Nicht-Ich, die Himmel in ihrer Glut, die Bäume in ihrer Fülle, die Tiere in ihrem Wandern und Jagen, die Menschen in ihrer Tausendfalt, die Lüfte in ihrer raumlos schwebend flatternden, glimmernden Wallung, alles wollte er im Wirbelfluge kreisen sehen um sein starkes, eigenes, grenzenloses Herz.

So erwachte Atua zum zweiten Male in der Mitte der Tage. Er sammelte sich in Freude im Strahlenpunkt der erztönenden Horizonte. Er schuf das Nicht-Ich aus seinem eigenen Blute, er schöpfte mit guten, großen, weichen, tausendfingrigen Händen die unendliche Welt aus der Unendlichkeit des ewig göttlichen Herzens.

Er beugte sich herab an sich, und die langen Wimpern seiner Jünglingsaugen streiften in holder Weichheit, zum letztenmal allein mit sich selbst, die elfenbeinfarbene Haut, die ungerunzelt, in kindlicher Glätte sich um die Herrlichkeit seines Körpers spannte. Mit seinen weißen Zähnen liebkoste er seine Handgelenke, zum letztenmal gut zu sich selbst, dann biß er, das einzig lebende, das einzig mutige Wesen, mit den Zähnen, den ersten Waffen, den ersten Messern, den ersten Schmerzen, die schweren Adern seines vollen Götterarmes auf.

Atua ließ sein goldfarbenes Blut ausströmen aus seinen Adern. Als es niederglitt auf die schwarze Welle Moa unter ihm, wurde es rot, düster und schwer. In düsterem Rot flammte unter seinen Füßen sein Spiegelbild und lebte gleich ihm. Atua ließ sein einsam blühendes Blut ausströmen aus seinen bis ins letzte gefüllten Adern. Es wallte nieder im Schleierfall der sinkenden Zeit, es wärmte lind das ruhende Spiegelbild. Lebendig wurde, Atua gleich, die außer ihm weilende Welt. Moa stieg aus dem Traum. Die Ersterschaffene hob die Brust und atmete empor aus dem sehnsüchtig gewölbten Busen, sie, die Schlafende, ihm entgegen, dem Immerwährenden. Dem Vater zu Füßen lag sie. Zu ihm, dem Lebenden, sah sie empor aus langsam eröffnetem, matt bereiften, blauen Augen, ohne Grund in der Tiefe. Zu ihr, der im Traum Lächelnden, sah er herab.

An diesem Tage, in der Mitte der Zeiten, die wie ein Berg steil getürmt waren, erblickte Atua sich selbst. Sein offen lächelnder Mund lag vor ihm, flach auf der hingebreiteten, hellblauen Fläche der Frühe, seine weißen Zähne, die am Grunde noch vom Blute seiner Adern rotgolden gefärbt waren, schimmerten auf der nebelhauchenden Ebene, die sich hob und senkte, und zum erstenmal schlug das Gottgeschaffene den gleichen Zauberschlag mit dem schaffenden, seligen Gott.

An diesem Tage, der am Ende der endlos verträumten zu tönen begann mit dem hellen Trompetenklang der windgestürmten Muschelhörner, hörte der einsame Schöpfer zuerst sich selbst.

Atua sprach, das wissende Kind, der göttliche Knabe:

Ich war der Streuende, Strahlende, Strömende.

Moa sprach, die ruhende, träumende Göttin, vom Geheimnis umkleidet, nackt und verhüllt:

Ich war.

Atua sprach:

Gewaltlos, denn ich rührte mich nicht, und die ganze Welt wehte wie der Schleierhang deiner Haare um mein tief vergessenes Gesicht.

Gestaltlos, denn ich sah mich nicht und niemand sah mich, da ich alles war und jeder.

Sprachlos, da mich niemand rief. Ich bin nicht mehr allein.

Moa sprach: Du warst.

Atua sprach: Ich war der Ungeborene, der Frühe, der Freie, der in Frieden und Freuden weit atmete. Meine Hände ruhten aneinander, gefaltet, ohne Bewegung.

Mein Kinn lag auf meiner Brust, ich selbst berührte mich ohne Schmerz, sanft und schwer und ohne Erzittern. Meine Lippen küßten einander. Mein Herz war gestillt, mein Wille kehrte zurück, wie der Rauch des ruhenden Feuers über die Flamme sich breitend.

Moa schwieg.

Mir, dem immer Leuchtenden, kommt aus deinem mattglänzenden Antlitz, rot mit gold vermählt, Licht entgegen. Mein Licht geht wie ein freudiger Jüngling vom Aufgang der Welt zum Untergang. Dein Licht, Moa, Geliebte, Stille, Schweigende, nackt Verhüllte, Mädchen du, geht wie ein trauriges Mädchen weiter vom Untergang der Welt in ein anderes, das ich nicht weiß. Mein war einst alles. Gegürtet war ich mit Herrlichkeit. Mit aller Kraft gesegnet und ohne Wunsch. Ich sehe nun dich. Meine Ferse rührt an das schwarzblaue Dickicht deiner traumesfeuchten Locken. In deine kleinen Hände, zwischen deine dunkel schweigenden Lippen gebe ich mich und die gesammelte Zeit. Ich blicke auf dich. Du blickst nicht auf mich. In Tropfen fließt die gesammelte Zeit aus meinen Händen. Du fängst sie nicht auf.

Noch tagt mein Tag. Ich, Atua, rage. Du, die schwesterliche, nahe, vertraute Gestalt, ruhst.

Ich schweige.

Der Himmel ragte in Glut und Feuerflammen. Im blau blitzenden Orkan. Im ehern donnernden Getöse. Die Heimat des freudigen Gottes, das Dach und die Hütte des tanzenden Jünglings, ein schmetterndes Gewölbe der Freude. Über Moa, die Schwester mit dem hold gewölbten Busen, schritt Atua, der herrliche Herr, den Abglanz seines goldenen Lächelns um die knabenhaften Wangen, die Spur seines verschenkten Blutes um die hohen, milchweißen, purpurn gesäumten Zähne. Er lebte in Freude. Die freudenvolle Wollust des Seins durchströmte ihn ganz.

Moa lebte. Ihre Glieder hielt sie um sich geschlungen, die schweren, üppigen Hüften schmiegten sich in die tiefsten Abgründe der Himmel, ihre hohen Brüste reichten in den höchsten Zenit der flammenstrahlenden Sterngewölbe. In grenzenlos vollendeter Rundung füllte sie Himmel und Erde, Land, Meer und Äther. Ein Ring, ruhend in Frieden und Schweigen, füllte die letzte Leere und atmete auf und nieder mit dem Wandel der Sonnen, der einträchtig versöhnten, gemeinsam Licht ausschüttenden. Moas letzte Grenzen fanden sich wieder im geschlossenen, für ewige Zeiten verlöteten Ring, innen vom Götterblute durchwärmt. Ihre kleinen Zehen, mit runden Nägeln wie Perlen ohne Spitzen silbern gerundet, tasteten bis an Moas niedere, schweigende, traumesfeuchte Stirn. Die hohle Innenseite ihrer kleinen, warmen Füße streifte die in schweren Pulsen schlagenden Adern ihres schmalen Mädchenhalses.

Moas Füße bargen sich in ihrem langen, feuchten, blauschwarzen Haupthaar. Der Abglanz des fernhin schreitenden, freudigen Gottes Atua spielte wie ein Hauch an ihrer unendlichen Erscheinung. Die Füße ruhten gut und ohne Ermüden in dem weichen Haupthaar. Sie badeten im dichten Gelock.

So schlief Moa dunkel und schweigend in der Tiefe der Weltsee.

 

2

Wie ein Segel gespannt steht im Winde zur Nacht über dem Fischer im Boot, dem schlafenden, so ragte Atuas Haupt ruhig gespannt mitten in die unendlichen Sphären des Himmels.

Die sanft gebogenen Haare seines hohen Hauptes streiften mit ihren dunklen, warmen, durchdufteten Schattenzweigen die holden Abhänge des Westens, die warmen Gefilde am Rande der Welt, die sich unter der wehenden Wolke seines Atems beugten.

Die Nägel von Atuas Zehen, noch rot von dem ewigkeitsher vergossenen Götterblut, noch feucht von Moas schmeichelnder, fliehender, stummer Welle, rührten an die vom Bittermeer getränkten Gestade des kalten Ostens. In Sand und Salz und Klippentrümmern standen sie ohne Schmerz.

In der Mitte lächelte Atuas Lächeln, wehte sein froher Hauch, ewig im Erwachen, gefüllt mit guter Kraft, wie eine Kokosnuß in jungfräulicher Schale. Vor ihm wartete die Zeit, ein See in Ruhe und Stille, im Schleierfall sich zu stürzen gestaut und gestundet: weit über den Abhang seliger Tage.

Über Atua und unter ihm lebte Moa, die Schwester, im Schweigen verborgen. Gestern und Morgen, Hier und Dort, Vergessen, Erinnern, Wissen und Freude, Atua von einst und Atua von jetzt rangen um Moa, die erste Geliebte.

Ihre Glieder hielt die junge Göttin schwer um sich geschlungen, in grenzenlos vollendeter Rundung, weiß in ihrer Nacktheit, atmend auf und nieder im Schlaf, füllte sie Himmel und Erde. Ihre kleinen Füße zitterten im Drehen und Wehen der wogenden Erde, aus dem Urgrund des unberührten Seins quoll ihre weiße, niedere Stirn, vom schwarzen weichen Gelock bis an die geschlossenen Augen gebadet.

In ihrer tiefsten Tiefe, eng in der engsten Berührung, Moa, geschmeichelt an Moa: im Traume faltete sie die Hände auseinander, sie löste die Verstrickung der mädchenhaften Glieder.

Purpurn strotzende Blüte, hineingeschmiegt in die Blätterscheide, die schwarze Hülle, die wartende Knospe, allmählich breitet sie im Glanz sich in die eröffnete Zeit.

Moa, Blut von Atuas Blut, Teppich hingebreitet zu seinen Füßen, die sich spannten vom Ost und Westen; Morgengestade bis zum sinkenden Abendgebirge; schwebender, schließender, umarmender Kreis, eng in der Stille.

So tief sich Atua hinabschmiegte zur purpurgolden strotzenden Blüte, so weit Atua tauchte in die schwarze Höhle der ewig weichenden Welle, wie flüchtig der immer Seiende der Ersterschaffenen nachjagte, er erreichte Moa nie.

So heiß sein Blut sich erhitzte, wie demütig der Stolze sich beugte, nicht mehr zu sich beugte sich der glückliche Knabe, das wissende Kind, nicht seine eigene elfenbeinerne warme Haut streiften die langen Wimpern seiner Jünglingsaugen in holdester Weichheit, an der fremden Welt, am geteilten Paradies brach sich der Fächerglanz seiner Göttlichkeit. Noch erfüllte er grenzenlos den demütigen Raum, noch schwelgte sein rundes großes Götterauge im fast ungeminderten Strahlenglanz der silbern flammenden Firmamente, noch donnerte in rasender, jubelnder, jagender Wallung der tosende Wetterorkan: So stand Atua, tiefst zu innen der Welt eingegründet, Freude zu versprühen, Wollustblitze gebündelt wie knisternde Ähren in seinem ohne Widerstand anstürmenden Herzen. Er stand still, warm und brüderlich, sanft, des scheuen Geliebten erste Berührung, so brach sein Zauberlächeln über die Verborgene, aber es stieg nicht zurück, nie auf zu ihm.

Nie mehr vereinten sich Kind und Vater, Schöpfer und Schöpfung, weichende Welle und geformte gotterfüllte Gestalt, Gestern und Morgen. Nie gingen die Göttergeschwister den seligen Weg ins Zurück.

Flucht und Vorbei. Jagd und Schweifen dahin. Ruf und Verklingen im Schweigen. Ferneher blickte sie, ihm zu Füßen gebreitet, aus langsam eröffnetem, matt bereiftem blauen Auge; der Widerschein seines seligen Einst spiegelte sich ferne auf der hingebreiteten, azurenen Fläche der Frühe, die sich hob und senkte, ein Spiegel, von seinem und ihrem Atem getrübt.

Nach Vereinigung schrie der Gott, nicht mehr allein, alleinzig nicht mehr.

 

3

Die einträchtig brennenden Himmel schlug der Herr mit Nacht, um in der Tiefe Moas zu tauchen. Der ruhevoll brausende Orkan des freudevollen Jubels strafte Atua mit Schweigen. Der Mann zerbrach den unberührten matten Spiegel des schwarzblauen Meeres und in der heimlichsten Tiefe der Flut sank er, der liebende Gott, über die schauernde, zürnende Göttin.

Aus der Leere, dem einsamen Abgrund blickte er empor, zum letztenmal Gott wie einst. Er sah über sich die Paradiese verdunkelt, die Himmelssphären fühlte er verarmt. Er horchte auf: in dem Tönen seines ruhelosen Herzens brauste von weitem das tausendfach dröhnende Labyrinth. Ferne verklang oben das Rauschen und Brausen, Singen, Hauchen und Flüstern, es ging dahin, nur zu ahnen in längst vergangener Herrlichkeit tönte der sanft hingebogene Laut des Blumenstengels, der im Nebel sich wiegt, fast stumm. Fernhin verklirrte der Posaunenschrei, das Donnergetöse der Sonnen, wie sie zerschellten in herrlich hingewehtem Wurf.

Aber Moa lag vor ihm, die erste, die liebste Tochter, das wärmste Blut, das erstvergossene, aus seinem Herzen.

Die einzige Sonne flammte nicht mehr bis ans Ende des mächtigen Gewölbes. Ermüdet beugte gegen Abend sich das Licht, Atuas Spiegelglanz, das tanzende üppige Kind. Der gemeinsam brennende Brand erlosch, es schieden sich Sonne, Mond und Sterne. Die schön geschlossene Muschel zerbrach, es zerriß der ohne Naht gewebte Mantel. In die Winkel der leeren, großen, nie mehr zu füllenden, nie mehr zu schließenden Welt, in die Grenzen, die sich nie mehr versöhnten, flohen scheu die Gestirne, wehend in ihren flammenden Gewändern, wie Edelsteine flimmernd ausgeschüttet auf staubiger Tenne, wie Vögel, verscheucht, weither sich umkreisend mit wehmütigem Ruf.

Aber vor ihm lag Moa, ihre Glieder hielt sie um sich geschlungen, die schweren üppigen Hüften wuchsen weiter in die neuen Grenzen des Alls, ihre hohen Brüste streichelten die Sterne, wie Blumenstengel am Morgen sanft sich beugen über die schlafende Erdmutter, wie Vögel im Abendflug sich streifen mit dem weichsten Hauch des Gefieders. In grenzenlos vollendeter Rundung füllte Moas Ring Himmel und Erde, Land und Äther, Ruhe und Bewegung. Noch war die Welt nicht verdunkelt, da Moa lebte. Noch war die Sphäre nicht verarmt, da Moa vor dem Gotte lag, sie, das Kommende aller Werdenden, Urmutter und Tod.

Der ruhende Schatten wehrte sich gegen das blitzfunkelnde Licht, das Feuchte kämpfte gegen das Flammende, das Weite entrann der gesammelten Kraft, die schwere Frau floh vor dem tanzenden, seligen Jüngling. Das Morgen entwich vor dem Einst und ließ keine Spur.

Aber noch lebte Atua, der immerwährende Gott, der ewige Vater. Sie lebte, die Geliebte. Keine Grenze war zwischen ihm und ihr. Von der gleichen Zeit waren beide beschüttet, zwei spielende Kinder, beide unter der strömenden Quelle, die Häupter nebeneinander gestreichelt, die Finger ineinander getastet. Noch ruhten ihre Füße gut und ohne Ermüden in ihrem weichen Haupthaar. Sie badeten im tiefen Gelock. Noch spiegelte sich der Abglanz des freudigen Gottes wie ein Hauch an ihrer unendlichen Erscheinung. Noch schloß sich der Ring, ohne Fuge gelötet. Noch schlief Moa dunkel und schweigend in der Tiefe der Weltsee, bis er sie weckte, er, den niemand geweckt hatte vom Urbeginn der Zeiten an.

Es löste sich ihr ein Glied vom anderen aus der zarten Vermählung. Ihre kleinen Füße entrannen dem dichten Gelock und flohen auf dem bitteren Boden des Meeres. Ihr Daumen, im Traume nach innen geschlagen, streckte sich aus und wehrte sich gegen den stürmenden Gott. Schweigend floh die Ersterschaffene durch Himmel und Sphären und entrann ihm nicht. Den Todesstrand, die grau versunkene Küste berührte ihr flüchtiger Fuß und faßte ihn nicht, da Atuas allgütige Hand sie an sich riß. Er raste, jagte im prasselnden Blitz, im dröhnenden Donnern. Sie stand still, zitterte, schwieg. Sie wehrte dem letzten Geheimnis, sie zerbrach die Vereinigung, sie schlug seine elfenbeinerne Brust. Aber sie zerschlug die eherne nicht. Sie schlug seine runden großen Götteraugen, allen Lichtes tanzende Quelle, und traf sie nicht. Sie schlug sein Ohr, den Anfang des Tönens, die Schwelle des Schweigens, die Sternstille grau, den Posaunenschrei der stürmenden Sonne, aber sie verwundete ihn nicht. Halb schon hingesunken, die Lippen schon verklärt von seinem goldenen Hauch, das schwere Herz schon erwärmt von seinem göttlichen, unzerstörbaren Willen, so beugte sie sich zu ihm, der unendlichen Vereinigung entgegen. Aber mit einem Flügelschlage ihrer Wimpern, die über ihrem schwarzblauen Mädchenauge wild wogten, schlug die Zürnende Atuas Wunde, an seinem Handgelenk das blutige Mal, in seinen vollen Götterarmen riß sie die niemals heilende Narbe. Mit ihren Wimpern schlug sie dagegen und zerschmetterte sein männlich jauchzendes Herz. Sie zerbrach das Siegel von Zeit und Ewigkeit in seinen Händen. Aber noch lebte der unsterbliche Herr.

Die grenzenlose Welt wurde zu eng für die kämpfenden Götter. In der kühlsten, eisigen Höhle des Urmeers, in dem tiefsten Schlund, dem finstersten Eingeweide, in der von Atuas Götterfuß gestampften Schlucht bezwang der verwundete Fürst die Göttin. In Zorn und in wollüstigem Beben starrte vor ihm ihr Haupt, ihm entgegen glosten ihre Augen, halb gebrochen, der Mund, in Wut und in Süße verkrampft, die blauschwarz umwallte, niedere Mädchenstirn, feucht vom Schweiß der Umarmung. Endlose Zeiten atmete ihn ihr heißer Mund an, es leuchtete im Finstern ihr rot glitzernder Schlund, zu einer dicken Schlange wand sich ihr Hals, von Adern umstrickt. Ihre Augensterne, zu weitem Kreis gerundet, funkelten Liebe und Haß. Ihre Hüften, auf immer voneinander gerissen, umklammerten ihn, ihn zu beglücken, ihn zu erdrücken. Wie Pranken spannten sich um ihn ihre bezwungenen Arme. In tausend und abertausend erkämpften Umarmungen vereinten sie sich nicht. In tausend und abertausend durchlittenen Umarmungen tobten die Berge, zitterten die Sterne, erschreckte Vögel, bebend in der Nebelhülle ihrer flaumigen Umfassung, es schrien die stummen Steine, zerrissen die ältesten Säulen der festgegründeten Sphären.

Stumm blieb Moa, unversöhnt.

Auf immer verfinsterte sich die Flammengewalt der alles umarmenden Sonnen, die einst die Horizonte bis an die letzten Grenzen erfüllt hatten mit brausendem Flammengetön; denn in der Stille, in matter Entlichtung, entstieg der gefallene Götterkönig der Tiefe. Es ruhte wehmütig im Nebel der gebrochene Kreis: Atua war nicht mehr. Verwundet, müde, verarmt, so hob er sich über die Welle, von seinen Handgelenken flössen Blut und die letzten Tropfen der weichenden Welle.

 

4

Verfinstert die Himmel. Zerrissen der festgewebte Mantel der Zeit. Vergossen das Blut, verloren der Samen. Vereist der Flammende, entgöttert der Gott.

Er blickte an sich herab und erkannte sich nicht. Er hörte seine Brust rauschen, sah sein Auge leuchten in die matte Dämmerung der verblühenden Nacht und erkannte sich nicht.

Mit Herrlichkeit war er einst umgürtet, in seinen tausendfingrigen Händen hatte er sanft umschlossen gehalten Siegel und Bund der Ewigkeit. Denn einst war er alle Seele allein. Leicht, wie im Frühlingswind am Abend die zarten Flaumfedern flattern, die der Sperling im Dornengebüsche verlor, so flatterten einst um ihn Farben und Töne, Licht und Blitze, Worte, und alles war nur ein Hauch, ein Traum, ohne Gewicht legte es sich ihm auf die Lippen, ohne Schwere tanzte es in dem Zuge seines Atems, da Atua allein noch lebte, er, der stille, allgewaltige Herr, in dem ruhelosen Wandel der Welten äonenlang der einzig bleibende Geist. Aber schon längst hatte er in dem ersten Tropfen Götterblutes, das seinen feinen Knöcheln entlang herabglitt aus den eröffneten Adern seiner Güte, das düster flammend die schlafende Welle belebte, das zuerst die Welt teilte zur Niewiederkehr, zur Niewiedervereinung, in dem ersten Tropfen seines Blutes hatte er seine Seele geteilt, nun suchte er sie und fand sich nicht mehr.

In Splittern fiel es von ihm, er lernte Frost und Kälte und Leere. Unverloren blieb der Welt die Fülle seiner Herrlichkeit. Aber in seinen Händen sammelte sie sich nicht mehr. Ungebändigt blieb die eherne Tausendkraft seines Alls, aber in seinen Gliedern fand sie sich nicht wieder zusammen. Sein Samen lebte, bestimmt, bis ans Ende aller Tage zu blühen. Aber er stand auf und wandelte fern von dem Liebenden, weit ausgehaucht aus der Brust des ewigen Vaters. Unzählbare Wesen hoben sich in weicher Schwellung, lautlos erst und schwach in ihrem ersten Zittern, aus seinem Samen.

Jedes Leben lebte von ihm, aus dem Kelch von Atuas Blut wurde das neue Leben getränkt, es schritt dahin, gestützt auf Atuas Kraft, es vergeudete in myriadenfacher Vielfalt Atuas gesammelten, gehaltenen Schatz. Atua wurde ärmer mit jedem Tag, reich aber sproß aus seinen Lenden die neue Wesenswelt, tief im mütterlichen Schoß der schauernden Moa geboren, geborgen in dem Meerabgrund, den seine Götterferse gebrochen, überblaut von Moas schwarzblauen, weiten Mutteraugen, genährt im finstersten Eingeweide, geküßt von Moas Mund, der in Süße und Wut sich verkrampfte. Ihre breiten Hüften, für immer voneinander gerissen, umklammerten das neue Leben, jedes Kind, so zart und knabenhaft am ersten Tag, um es zu erdrücken, um es zu beglücken. So wurden die neuen Kinder der Schöpfung gezeugt in Liebe, geboren in Haß, und niemand erlebte die Versöhnung, niemand aß das Brot der Sättigung, keiner sah die Himmel vereint im einträchtig flammenden Kreis, niemand fühlte die Gestalt des hohen Himmels unverwundet, niemand heilte die Wunde, niemand tröstete sein zwischen Hier und Dort verlorenes Herz.

Seine ersten Söhne und Töchter waren die sanften, die holden. Schon als der Herrliche aufstieg aus dem schwarz zischenden Wirbel der Flut, als noch von seinen Handgelenken Blut floß und die letzten Tropfen der weichenden Welle von ihm abließen, da streiften ihn unter den Achseln die ersten Kinder seiner Umarmung. In dem dichten Gelock unter den Achseln verbargen sich Seevögel, vom Abglanz seines unverlierbar goldenen Lächelns fernher übersonnt. Mit ihren lang hinzitternden, blau und zinnoberfarbenen Fittichen deckten sie seine klaffende Wunde, um sie zu heilen. Sie hielten sich fest mit ihren sanft in die größte Weite ausgespannten Fängen an seinen fröstelnden Schultern, denn Atua war verarmt. Ihr suchend hin und her gewendeter warm umflaumter Hals rührte sehr zart, wie der Liebenden tränenfeuchte Wimpern, an die schweren Augenlider Atuas. Ihrer Schnäbel elfenbeinern geglättete Krümmung glitt in stummer Güte über Atuas verstummten Mund und lächelte an seiner Statt. Sie flogen hin und wieder zwischen dem am Lande wandernden Atua und der in der Tiefe der Weltsee brütenden Moa.

Noch lebte Atua, noch entströmte ihm ohne Ende des Seins geballte Wollust. Seine ersten Geschöpfe waren die sanften, die schönen, die holden.

Aus der ersten Kraft des entkräfteten Herrn wuchsen die ersten Wälder an der Küste, in weißen Atemdunst gehüllt am Morgen. Silberfarbenes Wachs klebte an dem in tausend glatten Ringeln aufstrebenden Stamme. So glimmerten sie im letzten, hingetröpfelten Sternenglanz, im scheuen Schimmer des Morgensterns, in dem ahnenden Hauch der unberührten Frühe. Ihre großen, kühlen Blätter, keimend vom Grunde des Lebens, strotzend von seiner herrlichsten Kraft, waren fünffach gegliedert wie Moas Hände am längst verrauschten Tag, sie kühlten die Wunde an der Hand des Herrn.

Ihre großen, blauen, schwarz bereiften Blüten kochten in der zitternden Glut des wolkenlosen Mittags, purpurstrotzend ihr üppig aus dem Kelch tanzender Stempel, von süßester Feuchtigkeit geschwellt. Längst verträumter Traum.

Spät verdorrten sie. Schwarz versteinert wie Moas schwarzes Lächeln, grau entblättert im Abendtag wie Moas Lippen, aber leise wie Stücke feinen Erzes klirrten sie in himmlisch umsungener Nacht, schwarz im Grenzenlosen gebadet, sie hielten das Morgen und das gute Einst in ihrer neu gesammelten Zauberkraft. Der Gott lag unter dem wunderbaren Baum. Er spiegelte sich in ihm, und er ruhte in Frieden und Trost die erste Nacht.

In tausend westwärts funkelnde Ähren zerriß die goldene Garbe. In tausend zackigen Sternen zuckte durch weich gefiederte Zweige der einst in Eintracht verbrüderte Himmel. Aber in der Höhe des Laubes, in der gerundeten Fülle der Krone, im schweren Dickicht der nachtfeuchten Blätter ruhte, wie ein einziger Leib, ein Hauch aneinander geschmiegt das schlafselige Paar der Seevögel und ihre Schatten, weitab den tropischen Gestirnen, schwankend mit dem wehenden Baum im abendruhenden Wind, rührten so zart an Atuas verwundetes Herz.

Noch strömte aus den Adern, von Moas zürnenden Wimpern verwundet, sein Blut in tönern tropfendem Zuge. Aber am Morgen labten sich die Geschwistervögel daran, einträchtig netzten sie die safrangelben Schnäbel an der gesammelten Feuchte, sie hoben die schmalen, hoch geplusterten Köpfchen, und durch ihre Kehlen, blau und zinnoberfarben gesprenkelt, rann gurrend das Wasser, süß, labend in der erwachenden Glut des feuertrunkenen Küstentages, über den ebenen Spiegel der blau verdunkelten Ebene neigten sie ihre Häupter, die Augenlider, rosa und perlengrau, kühlten sie lange.

Schützend hielt der Gottfürst seine verwundete Hand über die Quelle und sie versiegte nicht. Auf immer hatte er süßes Wasser geschaffen zu Füßen des Nachtbaumes, unermüdet sprang es aus dem Urgrund des guten Traums, es labte die dürre Erde, der Friede und Trost der ersten Nacht. Bitterkeit kannte Atuas Herz noch nicht.

Wälder am Riff, Mangroven am Atoll, grün am kristallisch eisigen Meer, leise durchsaust vom schwellenden Monsun, wiegten sich vor seinen Schritten. Überrascht lehnte der Gott sein mildglänzendes Antlitz in den ziehenden Hauch. Sein Atem war es nicht. Aber er war lind. Seiner Brust entströmte er nicht. Aber er trug auf seinen ruhevollen Flügeln die Kühlung vom fernen Meere in den sonnenstarrenden Tag.

Mittags schrien bunt und gaukelten in kreischendem Schnörkelschwung Millionen von Tieren. Atuas Züge trugen sie nicht. Aber sie schmiegten sich aneinander, paarweise gesellt, sie suchten ihresgleichen und glitten weich mit ihren flatternden Schwingen eines vor dem andern her. Durch goldene Gitter von Sonnenglanz umfriedet waren alle.

Rotang, gekrümmt, an der schillernden Scheide von Wasser und Land, weich geschwungener, tiefbrauner Bogen, in weich geschwungener Welle schwarzblau gespiegelt, in weiten Flächen wie eine eröffnete Hand, eben entfaltete er sich in der anspringenden, weißstürmenden Flut. Mitten in der Bitternis des Urmeers wuchs die süß duftende, strotzende, purpurn gekräuselte Blüte, hineingeschmiegt in die Blätterscheide, allmählich breitete sie sich über alle Grenzen in gesättigter Fülle.

Von den großen Bäumen fielen die Samen, schon mit Wurzeln gefasert, schon mit Knospen gegliedert, lebendigen Nachwuchs gebar der hohe männliche Baum, steil in geringeltem, glattem Stamme, ragend über die andern. Zu seinen Füßen wuchs seinesgleichen, sein lebender Samen. An dem hohen Stamm streichelten in tiefer Nacht die aufgebrochenen Knospen des schüchternen Kindes.

Am süßen Wasser saugte alles, an dem warmen Himmelswind atmete alles empor. Blumen, Bäume und Tiere, ein wallender Teppich, hingebreitet zu Atuas Füßen, die wanderten vom Osten nach Westen, vom Morgengestade bis zum sinkenden Abendgebirge, schwebender, schweigender, schließender, umarmender Kreis, eng in der grenzenlosen Welt.

Noch glücklich am Gestade des Friedens, noch selig an der Smaragdküste, am ruhenden Rande des flutwärts steigenden Meeres schritt der goldene Gottesfürst.

Nelkenbaum blühte und Muskatbaum duftete.

Auf Atuas Lippen das Lächeln uralter Zeiten.

Der Kampferbaum brannte stärkstes Aroma in die azuren webende Stille.

Wie Zirpen der Gitarre, wie das gedämpfte Schnarren der siebenfach tönenden Nasenflöte klang das gezackte Geschrei der in ihrer Seligkeit atemlosen Insekten.

Atua, der selige Gottfürst, schmiegte sich tief zur purpurgolden strotzenden Blüte, er tauchte seinen heiligen, geglätteten Fuß in die schwarzblaue, weichende Welle, er nahm die Insekten, die flügelleichten, auf seine Hand und fühlte ihr Vibrieren in der flimmernden Hitze des Mittags. Weit über ihm, ein lebendes Diadem, blau und zinnoberfarben umleuchtet, kreiste am Zenit das verbrüderte Paar der Seevögel. Aber Moas gedachte der Gottherr nicht. Die zerbrochenen Himmel vermißte er nicht, die Fülle der Wesen bedrängte ihn nicht, den Frühen, den Freien.

Erinnerung war ihm nicht gegeben, nur nach außen strömte sein Licht und labte alle.

Palmenblätter, wie Leder dick, wie Moos feucht und weich geglättet, brachen nicht unter der holden Last der wippenden Paradiesvögel. Türkis, Opal, blasses Gold. Schillernd in flaumigem Mantel hoben sie sich mit dem vom feuchten Erdreich aufsteigenden Brodem. In der Mitte der sprachlosen Pflanzen, der tief dem Herzen der Welt eingewurzelten Gewächse der leisesten Seele, in dem Gewirre von Erde, Wasser und Äther, im Flimmerglanz der mittäglichen Sonne schritt der goldene Gottfürst. Noch glücklich, denn er wußte nicht. Ausgeschüttet aus ihm bauschte sich unmeßbar in verblauende Fernen sein Zelt, ausgeschöpft ruhte die Schöpfung. Er erinnert sich nicht. Er atmet, lebt, ist. Unwissend seiner Wunde, unwissend seines verlorenen Herzens, seines vergeudeten Samens, seiner am Handgelenk verwundeten, ewig ohnmächtigen Rechten lebt er, um sich zu freuen. Seine Wunde kühlten ihm ohne Befehl die Blätter der fünffach gefiederten Pflanzen an der Scheide von Wasser und Land, seine Füße salbten ihm mit reinster Kühlung die Kristalle des Kampferbaumes mit scharf brennendem Duft. Seinen Schmerz erkannte der Göttliche nicht, seine Allmacht war ihm im Traum entronnen, und er jagte ihr nicht nach. Ruhig ging er. An seiner Seite schritten in männlichem Ernst die großen, weisen Elefanten, graue, schwer schwankende Gebirge von Fleisch, Tapire mit spitz bohrendem Rüssel, Ratten, aus kleinen, blauen Augen listig zwinkernd, Hunde mit struppigem Gehänge, mit der klagenden Stimme vertriebener Geister, geschlagener Kinder, Rehe auf winzigen, schwarzgleißenden Hufen lautlos durch hohes Gestrüpp, das sich ihrer Flucht nicht schließt, ihr dreieckiger Kopf mit den schwarzen Nüstern tauchte unter den grauen Wispen und silbernen Grannen, und ihrer Augen sanftseliges, braungoldenes Leuchten schimmerte weither zu ihrem Vater, dem Gott. Tiger, feuerglänzend, die Wangen wie Monde weiß umflaumt, die federnde Flanke mit schwarzen Ketten umschmiedet, bunte Schlangen, mit eckigen Flecken auf der schillernden Windung ihrer langgestreckten, flachen, purpurn züngelnden Häupter, warfen sich wie Brücken über die Bäche süßen Gewässers. Schildkröten ruhten am Strande, den Kopf verborgen unter dem steinernen, grüngläsernen Getäfel ihrer starken Schilde. In Atuas Haar knisterte das aus Zweigen kühn zusammengeworfene Genist der zenitwärts schwärmenden Adler, das geklebte Muschelbett der zahmen Schwalbe, der gurrenden Taube, perlengrau und rosenrot. Kühlung wehte von des Albatrosses und des Kondors unbeweglich in reinster Himmelshöhe gipfelnder, horizontenweit gespannter Schwinge. An den Spitzen seiner Finger, über den milchweißen Nägeln seiner Hände bauten die in goldenen Ringeln zuckenden Bienen und die Geschlechter der kupferrot irisierenden Wespen ihr künstlich verlötetes Zelt, Termiten richteten in tausend Gewölben und Kammern ihren Bau. Die Libellen wiegten sich, türkisblitzend aus ihrem schaumig geschlagenen Wohnsitz zwischen des Gottes unbewegten, gefalteten, friedlichen Fingern.

Menschen lebten noch nicht.

Dämonen, ruhelos, wie er selbst sein sollte, Atua, der zum letztenmal Selige, der Nichtwissende, nicht mehr Allmächtige, der gut Leuchtende, der Redliche, er, die voll durchleuchtete Gestalt – noch stiegen Gottesgespenster nicht aus dem Böses gebärenden Gelock Moas, genährt mit ihrem zeugenden Groll, auf blutfeuchten Treppen unsichtbar flatternd über die weichenden Grenzen von Himmel und Hölle.

Tief schwieg Moa, die zürnende Göttin, die wissende Mutter, die siegelbewahrende Alte, die samenwuchernde Fülle im Abgrund der Welt.

Aber ich, Atua, lebe. Auf meinen seligen Schultern, auf meiner faltenlos silbernen Stirn wandeln mit mir die ersten, die holden, die frohen Söhne: die blauen und zinnoberfarbenen Seevögel, genährt von Feuer, gekleidet in überschwengliches Licht. Tanzende, üppige Kinder, ohne Wehmut, ohne Schmerz. Mein Ebenbild, unwissend der Zeugung, des Todes, der Not und des Nein. Sprecht meine Sprache, schweigt mein Schweigen, heilig wie ich.

In dem flaumerwärmten Brodem, der aus eurer ewig unruhigen Achsel unter den angeschmiegten Schwingen vorströmt, wehen meine langen Wimpern, Weidenzweige, feucht im Morgenwind. In der Mitte der Tiere, auf dem dichtgewebten Teppich, über der enggeknüpften Matte der schmerzunwissenden Pflanzen, unter den Domen der hohen Bäume, in der runden Fülle des Laubes, das nur den höchsten Himmel über sich leidet, überall lächelt mein Lächeln, es weht für immer mein froher Hauch, ewig im Erwachen, mit männlicher Kraft gefüllt, eine Kokosnuß in jungfräulicher Schale.

Ich habe mich verschwendet und bin reich wie immer.

Ich bin verwundet, ich fühle den Schmerz nicht.

Vereinigt war ich. Aber selig geht mein Weg allein zwischen den freudigen Geschöpfen.

Aber in seiner Hand war nicht mehr Wissen und Freude umschlossen und gebändigt. Nicht mehr vermählten sich in eng versiegeltem Bund Gerechtigkeit und Glück.

Atua war der Jubel, der Insekten in der Sommersonne zitterndes Entzücken.

Aber das Wissen weilte ferne von ihm, mit schweren Gliedern über sich selbst gebeugt, Kommen und Gehen, Gebären und Sterben, das nie mehr zu lösende Gewebe des verstrickten, todwärts geknüpften Wandels war bei der anderen Sphäre der Welt.

Es ruhte mitten im steigenden Getümmel die uralte Göttin in der tiefsten Abgrundhöhle der Welt: die runden, geglätteten, meerblauen Knie an die niedere, faltenreiche Stirn gepreßt, den dumpfen Mutterblick verdeckt durch ihrer Locken tausendfädiges, ergrautes Gerinnsel, weich atmend über den wogenden Hüften, denn in ihr webte das Kommende stumm. Hinter ihrer niederen Mutterstirn war alle Zukunft gesammelt. Aber sie rührte sich nicht, saß da, die Glieder um sich geschlungen, und schwieg.

Ernst, in düsterem Rot, flammte der Mund. Aus ihren in vielen Reihen um den Gigantenleib gegürteten Brüsten floß Nahrung für alle künftigen Geschlechter. In ihren unbarmherzigen Händen lag Tod für alle kommenden Dinge und Seelen.

Sie wußte von Atua, aber er wußte nichts von ihr. Hier und dort. Mann und Weib. Schöpfung und Tod. Freude, strahlend im Regenbogenglanz, lächelnde Verschwendung. Hartes Brot der Wirklichkeit im sparsam zerpflückten Bissen, Ernst des Daseins, Not ohne Ende.

Atua, der herrliche Vater, zeugte in Liebe. Moa, die ewige Mutter, gebar in Haß.

 

5

Moa, die unbarmherzig zürnende Zeugerin, schuf und gebar:

Die Menschen, die bösen Ebenbilder Moas und Atuas. Die bösen Tiere, Ebenbilder der Tiere um den Herrn und ihnen feindlich. Die bösen Träume. Die bösen Lichter, Sterne und Flammen. Die fressenden Blitze. Die bösen Meere, Bäume und Bäche.

Die bösen Dämonen, die an Moas Brust, der tausendfach durchbrochenen, bittersüßen Quelle saugten, an Moas Antlitz herabglitten, um in den aufgerollten Ringen ihrer schwarzen Haarflut über den Schultern zu schlafen, zu wachen, wie Atuas holde Kinder, die Seevögel, an ihre Herrin geschmiegt. Die Dämonen horchten den Träumen in Moas Haupt, den Schlägen ihres Herzens tief, mit aufgereckten, dürren Händen stützten sie sich, ihr spitzes Kinn warfen sie lauschend in die Höhe, sie starrten, wie aus Stein gemeißelt, aus den großen, gelben Augen, mit ihren blauen, breiten Lippen lachten sie, mit Gespensterlippen höhnten sie, die federten über ihren niedrigen, wie Gräten scharfen Zähnen. Mit ihrer dreifach gespaltenen, haarfeinen Zunge murmelten sie alle Gedanken der schweigenden Mutter nach, dann sammelten sie sich in dichten Scharen wie die hagelgefüllte Wolke am Rande des schief getriebenen Weltenhimmels, in ihren aufgeplusterten, blank gespannten Backen trugen sie alle Leiden und Vergeblichkeiten der kommenden Geschlechter. Mit den langen Beinen, den dünn behaarten, metallisch glänzenden Gliedmaßen, stießen sie ab von der bewegungslosen Mutter. Nur Moas unermeßliche Brüste zitterten nach. Die Dämonen aber, uralt schon in diesen Tagen, verblichenen Gesichtes, die gelben Augen umfaßt von grauen, steinernen Ringen und Zirkeln, sie landeten auf den Schultern der Menschen, saßen still in sofort gehaltenem Gleichgewicht und wichen nicht von den Besessenen, die bitteren Tage ihres Lebens hindurch.

In ewigem Strome rann es aus der schmerzgebärenden Mutter. Ihr Blut, giftig von Trübsal, machte das ruhende Meer zur ätzenden Säure für jeden, der trank.

Atuas Blut, süß und nie zu zerstören, ewig hinträumend nach dem seligen Einst, machte das Meerwasser leuchten, gab ihm Kühlung und gute, tragende Schultern, es führte die Schiffe, lenkte die Kähne, umschmeichelte die Badenden lind.

Geboren wurden die Feinde des eigenen Blutes im schwarzen Mutterschoß. Neue, strahlende Schöpfung war dem wartenden Weibe nie gegeben, nur wechselnde Wiederkehr. Sie hatte nicht Nahrung für die unzähligen Scharen. Sie fütterte die Lebenden mit dem faulenden Abfall der Toten, sie sättigte die neuen, hoffenden Geschlechter mit der Trauer der Abgelebten. Sie aber starrte, tief in die finsterste Höhle der Welt gepreßt, umflattert von den langlebenden Dämonen, und rührte sich nicht. Aber von ferne hörte sie über sich, mit leisem Schall, mit zartem Tritt, mit schleichender Schnelle des Göttervaters ruhelosen Gang auf der Fläche der Erde, der grenzenlos geweiteten Sphäre.

 

6

Ruhig lastete Moa im tiefen Abgrund der Welt. Ihr zerrissen die ewig strömenden Wesen den Schoß. Mit ihren Krallen und Pranken, mit ihren winzigen Insektenfüßen, mit den scharf hakenden Scheren der Krebse, mit den rauhen Fittichen der großen Raubvögel zerrten sich die geborenen Tiere durch die enge, dunkel umlockte Höhle. Mit weiten, milchig überglänzten Augen bohrten sie sich durch: in der Gier des Lebens, im Hunger nach Atem. An den tausendfach durchbohrten Schächten der hoch um den ganzen Riesenleib schwellenden Brüste ruhten sie, mit dem Atem der Mutter schwankend auf dem gerundeten Bug. Sie tranken in schluchzendem Zuge und blieben voll Durst. Das Leere ihrer Kehlen schloß sich nie. Sie aßen, wurden nie satt, bis am Ende die Mutter etwas trockene Erde in ihren Rachen würgte, den letzten, den sättigenden Bissen, an dem sie starben. Sie lebten, als wären sie ewig, der erste Windhauch machte sie erstarren, sie breiteten sich aus, als wären sie allein und retteten ihr feuchtes Innere nie vor dem verdorrenden Tode. Mit den lang hinwallenden, aschengrau verfärbten Locken der Mutter deckten sie ihre Blöße, den bösen Blick nach den andern gezückt. Mit dem Golfstrom wallten sie auswärts und aufwärts, noch während der Fahrt tranken sie in unstillbarer Gier das Blut ihrer Geschwister. Tückisch ihr kleines, spitzes Gebiß hinter den kindlichen Tatzen verbergend, schlugen sie ihre Messer ins Fleisch, sie schreckte kein Schrei, der Sehnen silberne Fäden zogen sie durch ihre Kehle, zwischen ihren Kiefern knirschte das Mark der Knochen zum Ächzen der Sterbenden. Beißende und Gebissene in unzerreißbare Umarmung gespannt, Trinker und Trank, Leben und Enden, Rausch und Wein, Wesen und Spiegelbild, reißende Tiere, furchtbare Menschen mit behaarten, erbarmungslosen Gliedern, tief schielenden Augen, gewillt, bis ans Ende der Himmel zu leben, aber zwischen ihnen, im Zuge des Golfstroms, schon in dem warm kleidenden Gelock der Urmutter Moa, in ihrem wallenden Schoß und tiefer noch, in der Höhle der heimlichen, brütenden Zeugung, im unbetretenen Zauberort schon flüsterte der erste Tod, das furchtbare Später, unbarmherziger als der unbarmherzigste der Menschen, das nie zu lösende Muß, des Trinkers Mund, der ewig offene Schlund des unersättlichen Noch!, denn sie selbst, die alles zeugende Mutter, war die alles verzehrende Tödin. Ihr alles gebärender Schoß ist die alles verzehrende Unterwelt, das Theater der Toten ist ihr in grauen Falten wallendes Angesicht, das in unzähligen Zügen spielt.

Rührend in ihrem Mantel von durchsichtigem Glanz ruhten alle Wesen einst in der heimlichsten Höhle, im auferstehenden Grabe, auf der Urebene des kommenden Seins, der Geschmack der Herrlichkeit schmeichelte allen sich auf die kleine, im geschlossenen Munde eingekrümmte Zunge. Milchig beglänzt atmet der Schmelz des undurchfurchten Gesichts; die Hände gefaltet ineinander; die Pranken der Tiere übereinander lässig gekreuzt. Die Hüften aller Kinder waren aufgestützt auf die erhobenen Fersen, so wiegten sie sich. Die Keime der Käfer, die Larven der Würmer, der Schlangen zart geringelte, durchscheinende Gestalt mit dem blassen Rot in der verschlungenen Phiole: Mitten im Urgründe, dem seligen, ungelösten Chaos ergehen sie sich ohne Gewalt. In sich tragen die unmündigen Kinder den weich ineinander wehenden Wechsel der künftigen Jahreszeiten. In ihren ruhevoll gefalteten Händen bargen sie still Schloß und Riegel der Ewigkeit. An ihren Ohren, durchsichtig wie werdende Blätter, erbrauste von ferne das tausendfach dröhnende Labyrinth. An ihren Wangen, den lächelnden, rauschte das Ziehen der frischen Winde: In dieser Stunde waren sie dem freudigen Vater verwandt. In der gleitenden Frühe der Vorgeburt lehnten sie ihre Seelen an seine. Tief im Vater gegründet, überdacht vom seligen Gewässer, im Vortraum schlugen sie die Augen auf: die runden Augen der Menschen, der Insekten gestielte, bunt flimmernde Augen, der Füchse nachtblinkende grüne Lichter, aller Tiere innen gesammelter Glanz war Abglanz des großen, leuchtenden Gottes, des müden, der erlosch in weitem Wandern in den verfinsterten Wäldern, unter dem beschatteten Horizont.

Aber kaum daß die Geschöpfe von Moas unbarmherziger, millionenfingriger Hand ausgeschöpft wurden aus der atmenden Gruft, dem hoffend begrabenen Sein, da zerriß ihrer Seele wie eine Baumkrone gerundeter Frieden in Hunger und Haß. Denn nach den Vergehenden gierte die unersättliche Mutter schon zur Stunde der Geburt, ihr glitzernder, rot geschliffener Mund saugte alles Geborene wieder ein, ihre Haare, in nie zu bezähmender Wildheit geschüttelt, entlaubten das fahle, flehende, fliehende, windwärts gebeugte Laub der lebenden, sterbenden Wälder. Ihr Atem, Seuchen aushauchend aus der Gruft ihres Innern, machte die Felsen erzittern, zermalmte die Berge zu Staub.

Sie hörte die rauschende Welt und schwieg.

Alles verging, nie konnte das Lebende den Tod fassen.

Das Tier legte sich hinab in die kaum wie eine Hand gehöhlte Mulde. Ungewohnt, auf dem Rücken zu lagern, spannte es seine abgezehrten Glieder weit auf dem knisternden Todessand. Der Baum über dem sterbenden Tier saugte mit der letzten Kraft den süßen Saft aus dem milden Erdreich und konnte ihn nicht erreichen. In den Lüften klirrten leise die brechenden Blätter, in der Mitte spaltete sich der herrlich geringelte Stamm, der einsame, weit entfernt von seinesgleichen. Die Wurzeln wanden sich wie gierige Schlangen, aber der Quell begegnete ihnen nie. Im trocken flüsternden Nachtwind fiel wie ein eiterndes Glied der Baum aus der lebenden Welt, wie ein müder Liebender löste er sich mit dem Zittern der Ohnmacht aus der Umschlingung der weichenden Wollust. Er deckte, wie ein Mantel in vielen Falten sich niederbreitend, wie ein Liebender in Scham und Verhüllen das unter ihm sterbende Tier. Kühl an Kühl, Flanke an Flanke gepreßt, Schweigen mündete in Schweigen. Der Himmel über den weichenden Wesen senkte im Nebel sich tief. Ein Stern zersplitterte über den Wolken inmitten der verfinsterten Welt. Der Mensch ging unter Keuchen den letzten Weg. Noch hatte er sich, noch fühlte er, unbezwingbar in seinem heimlichsten Herzen, die freudige Melodie, Atuas frischen Hauch, Atuas seliges Lächeln, das Erbe uralter Zeiten. Aber Moas Gewalt band ihn und würgte die jagende Brust, er schrie nach Luft, preßte seine Blut ausquellende Hand an den Baum, der unter ihm wich, das Haupt wühlte er in zitternder Ohnmacht auf des sterbenden Tieres erkaltetes Bett. In seinen Augen den in tausend flatternden Funken verrinnenden Stern, gierte er nach dem Glanz der einst vereinten, brüderlich umfaßten Sphären. Noch hing sein vergehender Mund am Erinnern, er labte sich mit dem letzten Blick am Zurück, am Einst, am Fern, am Weit, am Nie-wieder-Mehr: Geliebte Schwester! Gefährtin dunkler Umarmung! Große, blaue, schwarz bereifte Blüte, kochend im Mittagsglanz in der zitternden Glut des wolkenlosen Mittags, purpurstrotzend dein üppig aus dem Kelch tanzender Stempel, von süßester Feuchtigkeit geschwellt, längst verträumter Traum. Zurück noch weiter, zurück die vorwärts wirbelnde Zeit, zurück das todwärts rollende Rad der zeugenden Tödin Gewalt: Der Sterbende schwieg. Der Himmel ragte über ihm in Feuer und in Flammen. Im blau blitzenden Orkan. Im ehern donnernden Getöse: Heimat des frühen Gottessohnes, das Dach und die wärmende Hütte des tanzenden Jünglings, ein schmetterndes Gewölbe der Freude. Über das erste Mädchen, den ersten Keim der schwebenden Wollust schritt er, über die Schwester mit dem hold gewölbten Busen hob er sich hoch, frei flog der herrliche Herr, den Abglanz seines goldenen Lächelns um die knabenhaften, nie verblühenden Wangen. Die freudenvolle Wollust des Seins durchströmte den sterbenden Menschen im letzten Funkenblick seines Tages.

Er fühlte nicht die Wunde, die der feindliche Bruder ihm in die weißen Beugesehnen der Rechten gerissen hatte, denn Atua war bei ihm, der verwundete Gott. Er sah nicht den brüderlichen Feind, den schief grinsenden Mund in Bosheit gezückt, durch die wogenden Büsche tauchen, denn Atuas Hand deckte ihm das Auge. Der strotzende, schwer schwangere Leib der Schwester schwankte auf den muskelharten Armen des anderen Mannes, ihre Haare, in Wirbeln gewellt, streiften den Boden, rannen dahin mit der rinnenden Quelle, in den Dornen fingen sie sich: Aber ihr Leib, blinkend in metallischem Glanz, hoch erhoben im Gestrüpp ihrer Scham, spiegelte sich in dem aufgehenden Gestirn der starrenden Sonne.

Blaß, müde, verarmt saß der verstoßene Vater aller Wesen dem sterbenden Kinde zu Häupten. Auf seinen Götterknien, den edel gerundeten, die nie Schwielen trugen, noch auch Male der Mühe, hielt er den Kopf des Kindes, mit seinen elfenbeinernen Fingern tastete er in die mageren Höhlen, er strich in die zuckenden Schluchten. In seiner Hand, wie eine offene Muschel gehöhlt, hielt der schweigende Urvater das Blut des verstummten Mannes.

Unseliger Mittler zwischen Himmel, Hölle und mir.

Tröste dich, du längst verströmtes Herz. Sammle dich, du weit verstreute Seele.

Zum erstenmal begegnet mir mein Ebenbild, Moas Gespenst, mein Schatten, verdunkelt unter den Bäumen.

Entwehender Hauch. Müde Gestalt. Ich decke dich mit Zweigen, ich bestreue dich mit Sternen, mit funkelndem Morgenwind hauche ich dich an. Deine mageren Wangen mit Traumwasser waschen. Mit verblühenden Feuern kosen das liebe Leben, das holde Herz. Ich halte meine Hand über dich, du sollst nie verdorren.

Durch den Willen des göttlichen Vaters gestärkt, kehrte der Tote zurück in das untere Reich. Er wich zurück in Moas Weichen, in das blasse Getümmel der Wartenden mischte er sich. Auf den Gespensterbahnen glitt er abwärts, auf den blutfeuchten Treppen stieg er unsicher, der erste, zum niedern Land. In Moas Schoße sammelte sich das Vergehende, auf der leeren Bühne der Toten irrte der Schatten umher, an den Wänden und Bänken des Theaters der Toten stieß er sich. Es beschattete ihn der ausgedorrte Baum mit seinen entnervten Wurzeln, es überrieselte ihn der zerronnene Stern, es tränkte ihn das still murmelnde Abbild der Quelle, die seinen Füßen folgte, der guten Nacht des Traumes entsprungen. Er sprach mit sich, da er allein war. Er stützte sein Haupt in die Hände und lauschte nach oben. Ohne Grenzen, lautlos im Schweigen, von lauer Wärme erfüllt, breitete sich Moas leere Höhle um den ruhelos Gleitenden. Sein Samen aber, in neue Gestalt gepreßt, wandert über ihm über die ruhelos rollende Erde, der Erbe, der Sohn, der säende Samen.

 

7

Nur zwei Wesen lebten: Urvater Atua, der das Sterben seiner Kinder sah und es nicht wußte. Der das Leiden der Welt mitfühlte und sich dessen nicht erinnerte, der glücklich lebte, im Gleichgewicht sich wiegend, da er Gerechtigkeit nicht kannte.

Die Urmutter Moa, die immer neues Blut ausbrütete, damit es lebe und sterbe.

Die Menschen bauten sich Hütten, siedelten unter Palmenblattdächern, in braunem Schatten behütet, sie segelten zur See in weit ausliegendem, auf doppeltem Kiel ruhig das Smaragdwasser schneidendem Boot, mit gewebter, fünffach zusammengeraffter, sonnenbrauner Matte fingen sie den Wind. Sie angelten mit zackigen Geräten Fische mit blau schillernden, weiß bereiften Schuppen aus der Tiefe, mit den Zähnen bissen sie den salzigen, kühlen, glatt emporschnellenden Kopf der Fische und warfen ihn ihren Hunden zum Fräße, sie aßen das milchige Fleisch, sie webten und wirkten, brachen gelbe Früchte vom windschwankenden Baum, eilten über die Wege, wurden müde, keuchten im Winkel.

Die Tiere wandelten frei, in hämmerndem Galopp stürmten sie die blumigen Prärien, sie krochen als Würmer unter die feuchten Steine, sie hockten als Kröten im Schilf und unter den Kletten, sie blähten die Kehlen zum langgezogenen Schrei am Abend im Regen, perlengrau. In die Weite verstreut blinkten die Sterne, über dem zerfransten, in weichem Gefieder zergehenden Gewölk. Die Lichter am Himmel winkten sich zu, durch unendliche kalte Räume geschieden, sie glitzerten sich an, ihrer geglätteten Fläche baumlose Ebene erglänzte mild im Abendrot der verrinnenden Zeit.

Moas Zorn war nie befriedet. Ihre Weichen wichen nicht aus der Urfeste. Ihre Fülle warf neue Geschöpfe wirbelnd aus der Tiefe, und die weite Welt wurde zu eng für diese Brut. Ein Geschlecht nur konnte bleiben. Bäume und Blumen kämpften miteinander in mondlosen Nächten. Das alte Geschlecht, Atuas erster, herznaher, holder Sproß, kämpfte gegen die neue, aus dem Innern wallende, unbezwingbar quellende Fülle. Weit wie ihr Schatten wurzelten Kokospalmen, in dem Geflechte ihrer faserigen Wurzeln hatten sie Erde und den splitternden Stein des Korallenriffes umklammert, nun mußten sie sich knisternd aus dem Boden heben, aufstehen und kämpfen. Sie schlugen nach dem feindlichen Bruder mit fünffach gefiederten Wedeln, mit straff geripptem Blatt. Sie hauchten aus den mattgelben Kelchen den andern an mit giftigem Brodem. Der Spätgeborene blieb, er senkte sich nieder in das vom Erstgeborenen verlassene Bett, in die Korallenriffe inmitten des grünblitzenden Meeres tauchte er seine Fäden, da stand er, als wäre er auf ewig gegründet, sein Schatten schwankte weich über den stummen Boden, seine Früchte schimmerten mild in den Achseln der Zweige, in hoher geringelter Säule stieg er auf, ein Wahrzeichen, das die Fischer bei der Heimfahrt erkannten. Der erstgeborene Bruder aber sank tief, er lauschte nach der verhallenden Stimme, er fühlte das Pochen von untenher. Aus der Unterwelt rief es ihn, das Gespensterrauschen der Toten flüsterte ihn an mit angehaltenem Atem. Mit eng an den Stamm gebundenen Zweigen, in müdem Entgleiten fand er den Weg zu Atuas seliger Höhle, zu Moas alles verzehrendem, alles umschlingendem Schoße, dem Theater der Toten.

Als der tote Baum über die Schwelle der Unterwelt trat, breiteten sich, wie wenn der Morgenwind das gefaltete Zelt der geschlossenen Nachtblüte untenher mit lauem Atem umfaßt und öffnet, seine an den Stamm gepreßten Blätter: Zu einem weit ausgebreiteten Dom entfaltete er sich, unter seiner in Windstille ruhenden Krone war Lagerraum für die Abgeschiedenen, mit seinen Zweigen konnten sie sich fächeln, unter seinem grauen Schatten jagen und wandern.

Atua, guter Geist, du beschenkst die Redlichen, die Armen ernährst du. Alles wird getröstet. Nichts vergeht für immer. Du legst die Hand unter die Wurzeln, du breitest die Schultern unter die Füße der Lebenden, Leidenden, Fliehenden, Flehenden. Du bist die gute Wiederkehr, du stillst das Blut und beschwichtigst die Wunde.

Aus Moas bösem Schoß wurden neu ausgeboren Bäche und Ströme. Die Bäche, kämpfend um ihr Sein, stiegen in die Luft. Wie lodernde Flammen brachen sie steil aneinander in die Höhe. Mit Zischen wollten sie einer den andern verschlingen, denn nur einer konnte zwischen den grasbewachsenen, geschlängelten Ufern ruhen und schmeicheln, nur einer auf der Oberwelt weilen, den Fischen zur Heimat, den Vögeln zur Labsal, in der Nacht mit leisem Murmeln die Schlaflosen labend. Des besiegten Baches Spiegelbild sickerte in die Höhle, es mußte die Toten tränken. Die gestorbenen Kinder badeten darin ihre abgezehrten, wachsgelben Arme, ihre gedörrten, holzbraunen Füßchen netzten sie unten, an ihren knorrig hervorstehenden fleischlosen Knien ließen sie der Bäche Wirbel spielen. Sie beugten ihr blasses Gesicht über den Bach, viele in einer Reihe, die eckigen Schultern aneinandergestreichelt. In dem Wasser suchten sie ihr Spiegelbild. Aber in dem Wasser der Unterwelt spiegelt sich nichts.

Das Meer blieb nicht ruhig in seinen Gestaden. Von der neuen Flut bedrängt, stellte es sich steil auf, mit metallischem Dröhnen riß es sich los vom Grunde, schamlos entblößte es den noch nie enthüllten Schlund, nackt das schwarz überdeckte Eingeweide. Übereinander türmten sich die zusammengeballten Massen mit ihrer letzten Gewalt, in rasendem Zorn wetterten sie gegeneinander her, in die höchsten Wolken die Fahne ihres Kampfes reißend, bis in die reinsten Himmel schäumten sie den weißgrünen Schaum ihrer Wut. Wie Erz donnerte das gepreßte Gewühl der aufgebäumten Gewässer, und die Fliesen der Erde zitterten unter ihren Tritten. Das frühe Meer, der ältere Bruder, Atuas geliebte Wiege, sein oft betretener Teppich fiel unter den Schlägen des aus Moas Weichen neu gezeugten Meeres. Der Besiegte jagte rauschend herab durch selbst gegrabenen Trichter in die Unterwelt, dort ruderten die toten Fischer auf seinen gestillten Wellen, dort senkten sie ihr Netz und ließen die knöcherne Angel an härenem Faden durch sein Inneres gleiten und zogen ihn leer heraus, da die toten Tiere Gier und Hunger nicht kannten.

Die heiligen Sterne, Fleisch von Atuas Fleisch, waren zu schwach gegen Moas Sterne, gegen die Brut, die dem ins Ungemessene geweiteten Schoße der zürnenden Göttin entsprang. Schüchtern zitterten die Menschen in ihren Hütten, es bebte das Meer, es wehte der Baum, das Tier verbarg seinen Kopf zwischen den zusammengerollten Gliedern, die Pflanzen, unfähig, sich zu schützen, standen in ihrer Stille. Atua, der machtlose Gott, blickte auf aus seinen großen, sanft gerundeten Götteraugen und schwieg. Den unnennbaren Kampf trugen die Sterne aus auf den grenzenlosen Firmamenten. Bis in die letzten Winkel der Himmelsfernen flohen die ersten Gestirne, es rauschten dahin die Fetzen von Atuas ohne Naht gewebtem Mantel, aber sie retteten sich nicht. In milchigen Strahlen umglimmert fielen sie dahin, die Gejagten, Gehetzten, die von einst, die froh Wandelnden, einträchtig Singenden, die ruhevoll Ziehenden, die brüderlich Vereinten. Sie stiegen herab, die geschlagenen, vertriebenen Gestirne, lange Spuren an der dunkelblauen Wange der Nacht ziehend, letztes Lächeln der tränenfeuchten Wimpern, weit den Weg hinab. Die Kinder der Unterwelt, gebückt über den trüben, blinden Spiegel der Unterweltsbäche, sahen sie im Gewässer wie silberne Schuppen von Fischen flimmern. Sie blickten auf, sie lockten die Sterne mit zwitscherndem Ruf, wie das Pfeifen, mit dem die Ratten aus ihren Löchern sich locken. Sie zeigten den Sternen ihr Spielzeug, die braunen ledernen Puppen, die rotweißen, geschnitzten Stäbe, sie wiesen von ferne ihre Nahrung, das süß-bittere Brot, das man ihnen ins Grab geschoben hatte. Sie bauten den gestorbenen Sternen kleine Stufen am Rande, damit sie weicher herabsteigen könnten, sie gründeten niedrige Dämme, eine warme trockene Schwelle, sie breiteten ihre Matten, dicht geflochten, dort, wo sich der Himmel mit dem Tode berührt. Ohne Laut glitten die Sterne herab in die Höhle. Dort blieben sie stehen. Sie schimmerten, immer an einer Stelle des Himmels verweilend, über den abgelebten Geschlechtern. Sie wichen nicht von ihrem Ruheort am niedern Firmamente. Den erstaunten und beglückten Kindern nickten sie zu, streichelten mit ihren veilchenblauen Strahlen die mageren Arme der Kleinen, sie brannten mild über ihren enthaarten, sanft glimmenden Scheiteln und gössen das Licht der Gespenster über alles.

Die Spiegelbilder der ganzen lebenden Sphäre waren im zweiten Reich, in Moas wartendem Schoße versammelt, schweigend zogen sie dahin. In Stille standen die Sterne, sich selbst erkannten die Kinder nicht im Geriesel des Totenbaches, aber des Daseins kärgliches Brot war allen zugeteilt, und die Schatten setzten sich in der immer mehr sich füllenden Höhle ohne Ende.

Fern schwebte Atuas greise Gestalt, des machtlosen Fürsten Rechte wankte an der Seite des gewaltigen, verblaßten Körpers, die verwundete Fläche nach innen gekehrt. Der große Hirschenblick verdunkelt. Ganz beschattet das Lächeln seines vollen Mundes. Er war einsam auf der Oberwelt.

Unten, im matten Sternengeriesel, breiteten sich waldige Täler, sinkende, gleitende Flüsse. Eine Arena, unabsehbar, eine flache Vertiefung, ein niedriger Himmel, gebettet in Grau. Die Tiere wandern und schweigen. Die Kinder drängen sich am Ufer des Wassers, sie greifen in den blinden Spiegel, wo wie Schuppen tief schwimmender Fische die Gestirne flimmern, in Blättchen gezackt. Die Weiber hocken im Winkel, sie weben die Matten, Segelmatten, weiß und blau, Schlafmatten, dicke Teppiche unter das Kreuz, leichtere, als Decke um die ausladenden Hüften zu schmeicheln. Es knistert der Webstuhl in der Dämmerung, nie endet der Bund, der Einschlag zerreißt nicht. Die Türen der Hütten haben sie verhängt. Von weitem gleißt der Totensee. Vor dem Hause bücken sich die Mütter: sie pflanzen Kürbis, sie suchen Kokosnüsse, doch der Totenwind schüttelt sie nie vom unbewegten Stamm. Die Männer schlagen mit hölzernen Schlägeln die Rinde in faserigem, goldbraunem Bast vom zitternden Baum. Sie sammeln Muscheln, lichtgrün und safranfarben, am Strand des ruhenden Gewässers. Mit schnell kreisendem, rauschendem Stabe durchbohren sie das splitternde Email. In dickem Kranz aufgereiht, blendet auf ihrer schon lange atemlosen Brust das klirrende Muschelgeld. Aus gespaltenem Bambus schärfen sie Waffen, sie heben Scharlachfedern unter den Bäumen auf, Federdecken daraus zu flechten, hoffend, sie um der Mädchen braune Traumhüften zu schlingen. Sie spähen nach dem goldenen Haar unter dem Ohr des fliegenden Fuchses. Sie wollen tanzen, sich schmücken und drehen. Sie sprechen nicht, durch den Wald winken sie sich von ferne zu.

In der Mitte des großen Reiches unter der Erde liegt der See der Toten, hier ist die Bühne der Abgeschiedenen.

Der Kahn, aus zwei Bäumen gezimmert, wiegt sich, die Welle schlägt an, aber sie klingt nicht. Sie senken das Netz und heben es, das Wasser trieft aus den immer leeren Maschen, es plätschert nicht im ewigen Abend. Am Stern liegt der Anker aus kantigem Stein, am Bug liegt der hell geflochtene Korb. Auf der hölzernen Schöpfkelle haben sie ihr Gesicht gezeichnet, wie einen Spiegel halten sie das schimmernde Gerät vor die sandfarbenen Augen, sie sehnen sich nach Erinnerung, sie hungern nach Erkennen.

Die Sternbilder schwanken nicht über ihren Gedanken. Die Gebilde des Südkreuzes tönen nicht.

Es ist nicht Tag, nicht Nacht.

Die Lampen, aus Blöcken von Lava mit Steinen geschnitzt, brennen immer, ihr Dunst zieht in blauen Schwaden vor die Türen der Hütten unter die Wedel der Palmen. Nie ist es Licht. Die Mütter wandern am Ufer der Bäche, sie suchen ihre Kinder, sie befühlen prüfend ihre Schultern und finden sie nicht. Sie nehmen ihre kleinen Daumen in ihren saugenden Mund und finden den Geschmack ihres Blutes nicht wieder, sie heben die gewichtlosen Leiber an die Höhe ihrer großen mütterlichen Antlitze, lassen die Wimpern der Kinder ihre Mutterwangen streicheln. Unerkannt gleiten die Kinder, wie Steine namenlos, zur Erde herab, gesellen sich den andern zu.

Die Wunden aus den Tagen des einstigen Lebens heilen nicht, die Tränen der Traurigen rinnen herab in die wie Muscheln gehöhlten Hände und füllen sie nicht. Nichts zerreißt die Totenluft. Die Segel der Schiffe stehen still über der Welt.

Unten treffen sich die großen, weisen Elefanten, bergehoch schwankende Gebirge von Fleisch, Tapire mit spitz bohrendem Rüssel, Ratten, aus kleinen, blauen Augen listig zwinkernd, Hunde mit struppigem Gehänge, mit der klagenden Stimme vertriebener Geister, geschlagener Kinder, Rehe auf winzigen, schwarz gleißenden Hufen eilen lautlos durch das hohe Gestrüpp, das sich ihrer Flucht nicht verschließt, ihr dreieckiger Kopf mit den teerfarbenen Nüstern wie geschliffener Stein taucht unter die grauen Wispen und silbernen Grannen. Ihres Auges sanftseliges Leuchten schimmert braungolden von der Tiefe empor, dem fernen Vater, dem unseligen Gotte zugewandt. Tiger, feuerglänzend, die Wangen wie Monde weiß umflaumt, die federnde Flanke mit dunklen Ketten umschmiedet, schritten über den knisternden Sand an dem Gestade des Totenstromes, aber sie rissen nicht das wehende Rudel der braunen Rehe, der grauen, gesprenkelten Antilopen, nebeneinander legten sie ihre scharlachfarbenen Zungen in den ziehenden Strom, einzig in der Welt, da sie sich nicht in seiner blanken Wasserfläche spiegelten. Im ruhenden Sternenlicht raschelten durch Gänge und schmale Schneisen die rot bebuschten Füchse. Es schwebte, den perlenfarbenen niedrigen Totenwolken nahe, im ewigen Nachmittag der schwalbenschwänzige Falke, im Spiralenfluge, die entfalteten Achseln im Nebel gestreichelt. Der vom Monde besessene, hoch heulende Wolf sehnte sich nach dem großen, grünen Gestirn. Die Libelle, flatterblau, ohne Weg verirrt in der bleichen Geisterwolke, der Löwe mit dem bezauberten Herzen, Fische, die nahe der Oberfläche im Sonnenflusse schlafen, schillernd purpurrot und silberschwarz, der Leguan, der sich mit seinen breiten, grobkralligen Pranken selbst ein lebendes Grab gräbt im heißen Uferschlamm, an der Scheide von Wasser und Land, die Schildkröte mit ihrem schweren Panzer von dickem Glas, der Obstwurm in der rosa angehauchten Kirschenblüte, die Mangrove im Dickicht, die Blume mit der kochenden Blüte, der Kampferbaum mit dem brennenden Duft, alle lagen im Schatten, zitterten in der Kühle, ersehnten die Sonne, das Lächeln des schwankenden, wild verschwendenden Gottes. In den Winkeln der grenzenlosen Höhle duckten sich, um sich selbst gekrümmt, gelabt an der eigenen Wärme: die langhaarige Katze mit den traumblauen Augen, die glattfellige Bisamratte, die aus geschlossenem, weiß umhaartem Munde hoch quiekt. Alle wachten und schliefen, tranken nicht, aßen nicht, ruhten in traurigem Frieden. Ruhelos schwirrten nur an den höchsten Höhen empor die brüderlich vereinten Fregattenvögel, die Geliebten des Herrn. An den Sternen zerrissen sie ihre Schnäbel, zwischen den Büschen und Dornen ließen sie ihre Federn, zinnoberrot und türkisblau, zerspleißen, mit weiten Fittichwolken atmeten sie auf in Hoffnung und nieder in Wehmut, und ihr tonloses Gurgeln, ihr scharfgeschnittenes Zischen durchbrach das Schweigen der toten Kreaturen im stillestehenden grauen Licht der Gespenster.

 

8

Ich aber spreche in der totenstillen Wildnis, Atua. Ich breite mich aus, ich tanze, bis der Morgen kommt, rosarot und perlengrau. Ich male meine Bäume bis an den Himmel, ich schreibe meinen Namen in den Stein. Meine Hand reicht bis an die andere Seite der Wolke, an die erdabgewandte, sonnenumschmeichelte Wange der Welt. In meinem Antlitz sind Falten, und die Ströme rinnen in meinen Gestaden. Es schweigt der regengrüne Tropenwald. In meinen Augen spiegelt sich die entblätterte Kreatur. Blätter, sanft gefaltet, breit in Flächen, im Abendwinde gefächelt. Die wilden Tiere füttern ihre Jungen, sie speisen die zahnlosen Rachen mit den Bissen des eigenen Hungers. Irgendwo lächelt ein Herz.

Ich aber vergehe, der beschattete Gott. Du verstummst, längst vergeßner Wunsch. Die Kinder sind ruhig beim Tode der Eltern. Die milchig durchleuchtete Straße am Firmament, der große Hai mit den milchweißen Schuppen zieht ohne Kümmernis, an seinen Kiemen rauscht es empor, sein Kiel ragt über die Fläche, sein Schwanz steuert in ruhiger Beugung. Südkreuz, in Regenbogenfarben wehend, in vielen Stufen am Rande des Himmels, jeder Stern singt in höherem Ton, ihr klingt ineinander, aus atemgesättigter Kehle wogt ohne Ende euer Gesang, Schwebung für Schwebung, ohne Ermatten.

Ich höre die Toten aus der Höhle unter mir dröhnen. Dicht gedrängt, Ellbogen an Schultern, Fleisch an Fleisch, in nicht mehr zu fassender Fülle, pochen sie an die Wände, die Schatten werfen sich an die Tür, die Gespenster hauchen an die Schwelle. Zu den Gefilden unter der Welt locken mich die Abgelebten, die Sprachlosen flüstern, die kleinen Kinder lallen, andere schleudern ihre aus Blättern geflochtenen Bälle an das Dach und treffen mich, den Fernen; die Tiger schwirren, es zittert das weiße Gehänge ihrer Wangen, sie rufen mich und schmeicheln mit ihrer rauhen Zunge an meiner rechten Hand empor.

Meine Hand ist verdorrt, meine Finger, zahllos, gegliedert, sind ohne Kraft, ich fühle nicht Schmerz und nicht Freude, aus meiner Entfaltung ist alles Lebende geglitten. Wo ist der Gott? Wo der Wille? Wo die Welt? Wo der Wunsch?

Ich lehne mich an die niedrigen Berge, ich sinke hin über die Insel. Wo mein Haupt ruht, da hebt sich das Wasser, es vergeudet die rote Koralle ihr purpurnes Leben in der Tiefe, an ihresgleichen geschmiegt, die Schwester umfassend, im Bau der unzählbaren Stufen still demütig niedergekniet, von der grün blitzenden Woge im blendenden Brand überrauscht. Da tanzen die Bäume im Glanz, die Menschen ruhen und atmen weit in dem bebenden, lebenden Grün.

Wo meine Füße ruhen, die vertrockneten Knöchel frieren, da ist düsteres Rot begraben, verstreut trauert das vergossene Blut.

In der Mitte schweige ich: der greise, graue Fürst. Der vertriebene Gatte, der namenlose, unerkannte Vater, der beschattete Gott, das längst vergessene Herz. Es friert auf den Höhen, die Tiere flüchten in die Höhlen, sanfte und wilde vereint, Tiger und Tauben, die Menschen halten das arme Fleisch ihrer Ellenbogenbeuge über den erstarrenden Mund, und die Mutter wärmt das jammernde Kind, sie nimmt die Finger der winzigen, lichten, leichten, lockeren Hände in ihren Mund, sie bettet die kleinen blauen Füße zwischen ihre Brüste, badet die mageren Knöchel in dem wogenden Fleisch.

Schnee fällt in die großen, blaubereiften Blüten des Mittags. Es ermüdet die Quelle in der Kälte zu Füßen des Nachtbaumes, ohne Kraft schleicht sie umher, sie erklirrt in dem Brechen des Eises, sie ist getränkt mit dem bitteren Frost.

Der Tropikvogel mit dem brennenden Gefieder stürzt erstarrt über den nachtblauen Himmel; an seinem Flaum blitzen Kristalle von Schnee. Er zieht eine Spur, eine goldene Spur: ein Funkeln im Vergehen, eine Freude im Vergessen.

Über die heilige Stätte, über die weiß bereiften Mauern, durch den vereisten Tropenwald, die atemlos verstummte Ebene in hohem Schnee, schritt ein Mädchen. Über Atuas unendliche Wölbung senkte sich ihr lautloser Gang. An ihrem sanften dunklen Körper rieselte es silbern. Schwarzes Weib. Wartendes Kind. Horchendes Herz. Nackt stand das Mädchen im sinkenden Schnee. Wie zwei Blätter fielen ihre Füße in den eisigen Staub, in den scharfen Kies, sie trat auf des liegenden Gottes Augenlider, die tausendfach gerunzelten, und weckte ihn nicht. Sie umschritt den milde geflügelten Erdgrund, sie maß seine weiß behaarte Winterbrust in weitem Umkreis, wanderte entlang der geschweiften Küste, am Rande von Wasser und Land, wo die Mangrovenbäume im Frostgehänge splitterten. Das Meer war weiß, unbewegt in der Tiefe, in ihre Matten gehüllt, unbeweglich, die Hände geklammert an die spitzen, harten Köpfe der gefangenen Fische, atmeten die Fischer ihren letzten Atem aus.

Wie das Mädchen den Gott umkettete mit immer engerem Band, so schwand er dahin. Immer kleiner wurde sein Umfangen, immer kühler sein einst flammendes Herz, immer starrer sein freudiger Mund. Es traten nach innen seine einst nach außen schwellenden, gütigen Lippen, immer mehr dem Menschlichen ähnlich, enger dem Sterblichen verwandt. Im eisigen Meer ein eisiger Stein.

Als das Mädchen seine Wanderung begann: ihre winzigen Brüste waren damals wie Schneeflocken, die an der fein gekörnten Haut schmelzen. Als sie aber Atuas Leib in tausendfach gewundenem Erdpfad rings umschritten hatte, war es eine Greisin. Noch stand von den Tagen ihrer Kindheit an über den Wogen ein Eisberg in brennendem Blau, noch beugte er sich in zackigen Zinnen über der krachenden Fläche des Meeres, an seine Gipfel spielten über den Gespenstern der toten Palmen die kalten Flammen des Nordlichts, in der Nacht glimmerte er in knisterndem Feuer, im Mantel des Schweigens, unberührt. Er aber, der sterbende Gott, war in der Mitte ihres Weges, es streiften ihre aschenfarbenen wirren Greisinnenlocken die nie vergehende Fülle seines knabenhaften Hauptes, ihre dürren, struppig geäderten Füße schlichen auf seinen einst blühenden Schultern, näher dem entfliehenden Herzen. Er, der Vater ohne Söhne, der Herr ohne Freude, der Gott ohne Wissen, die Seele im Schlaf, ruhte in Menschengröße, in Menschengestalt gewandet. Schlief. Ein begrabener Stern.

Es schmolz der blaue Glanz des Eisberges, die niedrige Scholle brach sich am starren Riff, am purpurnen Atoll.

Das junge, jungfräuliche Mädchen, die alternde verdorrende Gestalt wiegte sich im Tanz um seine verblichene Erscheinung.

Über Atuas kleinem lockenumströmten Haupte ruhte der Abend. Atua wird leben; ein Baum, der bis an den Himmelsbogen reicht. Zu seinen kleinen Füßen, zwischen seinen edlen Knöcheln, in seine milden Nägel, die milchweißen, verstrickt das wirre, aschenfarbene Gesträhn ihrer Haare, schläft die Nacht, eine Dienerin, treu.

Sie erwacht nicht. Stumm auf der großen schwarzen Erde. Ferne funkelt der eisige Mondberg, es glänzt in lautlosem Feuer das Gletschergebirge.

Tief im Inneren lebt Atua. Wie Sterne aufgehen, wie Sonnen sich senken, hebt und senkt sich sein einst in rasendem Jubel schwingendes Herz. Einst tanzte es, ein üppiges Kind, durch die Kette der Nächte, bis der Morgen begann.

Jetzt: ein Fels. Heute: versteinert, eingegründet in den schweigenden Mund der verblühenden Erde. Es haucht um ihn der Dunst der in eisgepanzerten Schluchten und Hügeln gespaltenen Weltsee. Ein erloschener Feuerberg, ein im Froste eingekrümmtes Blatt. Der Morgenwind auf perlengrauen Nebeln, leicht hebt er es auf, er wird es ohne Schwanken tragen, an die Schwelle der Unterwelt will sein Finger rascheln.

In der toten Schöpfung der Schöpfer im Traum. Die Nacht zu seinen Füßen, das riesige Steinbild. Die Mondstrahlen, weiß und flirrend im Glanz, hängen als Haare um ihr verblichenes, umfriedetes Gesicht.

 

9

Mich trägt es zu den Toten, zwischen seine Lippen nimmt mich, das vergilbende Blatt, der müde Todeswind. Der Eisberg ruht in gläsernem Zauber, die Wälder sind schwarz verdorrt, die Tiere tot, die Gestirne verglommen längst. In der Unterwelt weilt alles, ein Kreis, immer enger geschmiegt, immer höher gedrängt in der unmeßbaren Arena, in Moas mütterlichem Schoß.

Ich bin am Grunde des Seins. Am Fuß des Traumberges, hingestreckt, flach ausgebreitet. Es regnet die Zeit, der schlummernde Schleierfall, über meine Glieder. Mit einem Bissen toter Erde macht Moa die Stimmen der Lebenden heiser. Hold sind die Toten anzusehen.

Grenzenloses Leben! In einem Bissen toter Erde keimt mein kommender Samen, es wächst, ein roter Dom, mein heimlichstes Herz.

Aufgehender Stern der Hochzeit!

In der Tiefe liege ich, auf dem schwarzen See schaukle ich, in der Mitte der totenstillen Arena.

Moa, beugst du dich über mich? Aufgehender Stern der Hochzeit, dein Licht zwischen meinen Augenwimpern, den blaß vereisten? Du bist die junge Mutter, zurück die fallende Zeit! Die freudenstrahlende nach der ersten Geburt, zurück die fliehende Zeit, die jauchzende bei der blutigen ersten Empfängnis, die hold horchende, wartende weilende, beim ersten Blick. Ich schwebe mitten in ihr, nicht nach vorwärts, nicht nach rückwärts strecke ich mich, ich bin eins mit ihr.

Über alles Seiende stürzt, entschwebend dem irdischen Gewicht, der Schleierfall der Zeit, der mich umwölkt, ein Nebel, rosarot und perlengrau.

Wir tanzen ohne Wissen und Willen. Du trägst eine bunt tönende Maske vor dem Gesicht, ein Federdiadem mit Schwingen, blau und zinnoberrot. Du hebst das Kleid aus trockenen Blättern, mit den gefiederten Fransen. Die Stengel streifen den Boden und rascheln wie fliehende Ratten, fernher strömt die Musik, der Tanzstab dröhnt auf dem Estrich im wallenden, sonnenwirbelnden Staub. Die Toten horchen auf, sie schleichen aus den hohen Gewölben, steigen von den meergrauen Terrassen herab, sie lassen ihre Arbeit, das Wasser rinnt aus ihren Netzen; die dunklen Gesichter geblendet von blendenden weißen Kränzen.

Ich habe mich verschwendet. Zum andern Male entfaltet sich mir grenzenlos die Welt.

Ich war der Gott. Ich habe die Welt auf meinen Schultern getragen und spürte ihre Schwere nicht. Nie hat Bitterkeit meine Zunge giftig verkrümmt.

Die andern fragt das Totengericht, alle schwanken auf der Waage, sie zittern als Schatten. Mir war alles Leben nur wie ein Hauch. In das untere Reich trete ich mit blühenden Wangen, ein tanzendes Kind, ein vergilbtes Blatt zwischen den vollen Lippen. Alles ein Spiel, ein Schritt im Takt, im Dröhnen des Tanzstabes ein flimmerndes Korn auf der weiten Tenne. Es klirren die Schellen aus Kupfer.

Moa, ich entführe dich in die dampfenden Wälder im Mittagsregen.

Unser Kahn segelt im Himmel, die Ausleger rühren an die Enden der Horizonte, an die Pole der Umkehr.

Ich hebe den kleinen Finger, ich öffne den Mund, ich drehe den Fuß. Ich will mächtig sein und die Welt wild bewegen. Ich will reich sein, die leere Tenne hoch füllen, die unter meinen Schritten leise erbebt. Es ist nur ein Nebel, ein Wehen, ein Seufzer der Mutter vor der Geburt. Moa, ich kämme dein Haar. Dein kleiner Kopf mit den straffen Locken liegt in meinem männlichen Schoße, deine dunkel glühenden Augen, verzaubert in Liebe und Haß, glimmen zwischen meinen ruhigen, runden göttlichen Knien. Wir sind Götter. Niemand außer uns.

Ich ging den Weg ins Zurück, nun kommt die Vereinigung. Um meine Schultern, unvergänglich in ihrer brüderlichen Bindung, schmeicheln meine lieben Söhne, die Fregattenvögel, mit verschränkten Fittichen ineinander gebadet.

Der Jaguar, das feuerfarbene Tier, springt an steilen, hoch gebäumten Stämmen empor. Im dichten Grün wiegt er sich oben, zwischen platzenden, Süße triefenden Früchten funkelt sein Blick unbezähmbar und freudig. Es klingt sein Herz wie Erz in tollkühnem Mute.

Ich, der feuerfarbene Gott, springe empor an dem Fels der Zeit, ich war Gespenst, ich schattete als wandernde Trauer, meine Seele zog dahin vom Abend zum Morgen. Aus den geisterbleichen Wolkenballen lugte ich. Ich war ein Mensch. Ein vertriebener Vater. Meine Kinder starben alle dahin.

Nun bin ich Atua, Herr.

Ich nehme die Macht, ich fasse die Gewalt, meine tausendfingrigen Hände umringen dich, Moa, ein Ring, ohne Anfang und ohne Ende, aus reinem Golde gelötet. Du birgst dich in meiner Hand, du schlingst dich um meinen Willen, in Schweigen nackt Verhüllte, Mädchen, du. Blauschwarz schimmern deine Haare, ohne Krümmung, ein ebenes Segel, im Abendfrieden auf dem purpurnen Meer. Dein weiches Kinn streift in Scham die harten Spitzen deiner kleinen, eben erblühenden Brüste. Du bist Mädchen. Deine Schenkel ruhen nebeneinander, in keuscher Liebkosung.

Ich habe die Zeit gewendet, das Steuer gedreht, die Segel gerafft mit dem Seil aus unzerreißbarem Bast. Was hinter uns war, alles fließt zurück. Die Gewesenen erheben sich wie Rauch von brennenden Hölzern, sie vergehen wie der Duft von glimmendem Zimt.

Ich bin die Gewißheit des Daseins.

Wie das heimliche Glucksen gedörrter Kokosnüsse, die ein müdes Kind in regenfeuchter Sommerhütte schlägt, im Takt zu dem Tanz der alten Geschwister, so tropfen die Sternstrahlen sanft auf den wartenden Nebel des Morgens. Es ist Stille. Die freudenvolle Wollust des Seins bezaubert mich ganz.

Ich bin die Gewißheit des Daseins. Ich treibe die Sterne mit einem Stabe, ich scheuche die Wolken mit einem grünen Zweige. Es hebt sich alles. Du hast getan, daß ich um mein Leben kämpfen mußte. Nun ist uns hohe, goldene Hochzeit bestimmt.

Ich springe über meinen Schatten. Ich verzehre die Zeit. Alles stürzt ineinander, das Unvergängliche küßt mit langem festen Abschiedskuß das Vergängliche.

In holder Lösung regnet es milde aus den geisterbleichen Wolkenballen, frei schwebt die schwarze Seeschwalbe über goldene Nebel, das Gefieder ihres schlanken Leibes gewärmt an der Sonnenwange der neu gewölbten Welt.

Moa liegt vor mir. Die Glieder um sich geschlungen, die schweren, üppig geschweiften Hüften wachsen in die neuen Grenzen. Es schmilzt die Wand, es hebt sich das Dach über den unteren Sphären, die Eisberge knistern in zackigem Bruch, die Gespenster breiten ihren Mantel und fliegen, es dreht sich in langsamem Wirbel die unermeßliche Arena, die Kinder sehen ihr Gesicht im Bache gespiegelt in blühendem Braun, in flammendem Rot, ihre lockig sprießenden Haare sind umflüstert von den erwachten Sternen, ihre mageren Schultern glänzen gerundet, ihre knorrigen Knie sind wie Kugeln aus Elfenbein, ohne Runzeln die Falten der Haut, wie eben entknospende Blätter, der weichen Blätterscheide entquellend, die Greise schreiten verjüngt, das vergilbte Laub sammelt sich, es reift in entfalteter Spirale, es kleidet rings den kahlen Stamm, eine dicht gefügte Krone. Die Wunden verheilen, niemand sieht die alte Spur, die Alten lachen wie Knaben, die Bäume blühen zurück, alles vereint, zurückgefaltet, denn ich führe das All mit meinem Finger, ich lenke es mit meinem Hauch, ich ziehe den Hauch zurück, ich atme die Schöpfung zurück, in glückseligem Seufzer füllt sich mir bis oben die erstarkte Brust, bis in den Grund die überschwengliche Seele.

Moa, deine hohen Brüste streicheln die Doppelsterne des Zenits, denn es ist Mittag. Wie Blumenstengel sanft sich beugen über die ruhende Erdmutter, wie Vögel im Abendflug aneinander rühren, zwitschernd vor Übermut, im Vibrieren des Daseins, so lebt alles ein umfriedetes Leben. Denn das Leben wende ich zurück den guten Weg, das Unwiderrufliche leite ich zum Widerruf. Bin ich nicht Gott, allmächtig, wenn ich alles will? Alles ist wie ein Hauch, wie ein Takt zur Musik getanzt: Der erste Takt ging vom Leben zum Tode. Der zweite zurück, vom Tode zum Leben. Die Fregattenvögel schwirren um meinen lächelnden Mund. Mit ihrem weichen, safranfarbenen Schnabel zeichnen sie mein Lächeln nach, in atemlosem Rufe stürzen sie empor. Es zittert das Leben in unnennbarer Freude. Alles bebt in Erwartung, es webt der Nebel der Frühe, es ist Vormittag.

Ich bin der Überlebende, der Starke, der über alle Grenzen ist. Ein tanzendes Kind; daß ich schwieg, war meine Wehmut, daß ich litt, war mein böser Zauber, nun drehe ich den Ring zurück. Nun bin ich der selige Gott. Ich war der Streuende, Strahlende, Strömende, nun sammle ich mich, es lacht mein Herz.

Moa, Geliebte, Stille, Schweigende. Einst zürnende Mutter, einst schmerzzerrissene Braut, nackt Verhüllte, nun fühle ich dich bei mir. Nach Myriaden zählten deine Brüste, geschmiedet als tausendmal umschlingender Gürtel um die von unzählbaren Geburten erschlafften, faltigen Weichen. Nun krönen zwei blühende Blumen, eröffnet zum erstenmal, deine Hügel, die in der Morgendämmerung schimmern.

War ich es, dessen Füße rührten an das schwarzblaue Dickicht deiner traumesfeuchten Locken? Jetzt stürmen deine Locken in rasendem Sonnenwind neben den meinen, dein Herz glüht vor mir. Der blaue Glanz der Eisberge ist vergoldet mit grünem zarten Gold bei Tagesbeginn. Es schneit nicht mehr im Tropenwalde, der Frost verging über den Klippen und Bergen. Der eisige Mondberg funkelt nicht mehr im lautlosen Glanz des starrenden Nordlichtes. Der Sommer wird nie mehr vergehen. Die Tiere kehrten zurück in den dunklen Zwinger deiner Scham. Die vereinten Seelen der Menschen sprechen aus dem See deiner Blicke. Es schließen sich die Himmel. Unterwelt und Oberwelt werden eins. Jetzt und Einst, Hier und Dort, Zeit und Dauer, Gehen und Schweben, Sterben und Erwachen, Vor und Zurück. Es klingen die kupfernen Schellen unter den Bäumen, sie glänzen rot im Schatten der Palmen. Ich bin die Freude. Wir sind eins. Ich bin die Welt. Du weißt die Welt, in deinem stummen Munde liegt ihre Bitternis, aber meine Zunge schmeichelt sie fort. Deine ausgefalteten Hände, gleich groß, gleich goldfarben, ruhen in meiner Umschlingung, wir beide ohne Gewalt. Deine Wange, dein Ohr, deine Füße, ich bin es selbst. Dein Alter, meine Jugend, Aschenfarbe und Feuerfarbe, wir wollen schweigen, es rauscht die Welt in herrlichem Strom. Jugend und Alter, Schwere und Heiterkeit, Wandern und Bleiben, Weinen und Lächeln, Zeugen und Gebären: ein einziger Ring, ohne Fuge gelötet, ein Mantel, ohne Naht gewebt. Das Südkreuz singt in immer höherem Ton, gespannt vor Freude, wie ein Insekt in der stärksten Sonne schillernd von Jubel, jetzt schweigt es, ins Unhörbare hinauf, ins Grenzenlose lacht es ohne Ton. Meinen lebenden Odem hauche ich ein. Ich habe tausendfach gelebt.

Ich war Mann und Weib, nun Gott.

War Ich und Nicht-Ich, nun König.

War Himmel in Glut, Baum in grüner, belebender Fülle, das Tier im Wandern und Jagen, der Mensch in seiner Tausendfalt, Liebe und Mord, Gut und Blut, ich war die Luft, das namenlos Schwebende, Flatternde, Glimmernde, die Wallung, die Welle in eisigem Grün, nun bin ich bei dir, dein Wort, ohne Worte in die Muschel meines Ohrs gehaucht, mein Geschlecht, ohne Gewalt in die Muschel deiner schauernden Scham getaucht, wir sind zum Ring geschlossen, Namen nennen uns nicht mehr.

Deine kleinen Zehen, mit runden Nägeln ohne Spitze silbern gerundet, tasten an deine niedere Stirn. Deine schmalen Füße streifen licht die in schweren Pulsen schlagenden Adern deines Mädchenhalses. Du wendest dich nach innen, ich brenne nach außen, ich glühe im goldenen Geschlecht, nach außen rase ich in jauchzendem Entzücken.

Wir sind zwei spielende Kinder, wir sind berauscht von Übermut, denn wir sind Gott.

Du sinkst nieder an mir. Mit einem hauchenden Flügelschlage deiner langen Wimpern verfängst du dich an meinen runden großen Augen. Klirrten sie einst im Eisgehänge der erkalteten Erde? Nun glüht alles in weißer Flamme. Die Himmel sind geschlossen, die Horizonte vereint, die Schar der Sterne weidet an einem kleineren Raum, die Sonnen sind in ein einziges Stück weißes Erz verschmolzen.

Du sinkst nieder an mir: einzig noch Lebende. Dein Ohr horcht an mein Herz. Deine Lippen, unberührt bis zum heutigen Morgen, küssen die Wunde an meiner rechten Hand, sie heilen das zerrissene Mal.

Ich bin jenseits aller Zeit.

Es gibt ein Dach, eine Hütte, ein schweigendes Zurück. Niemand weint. Es ist unser einziges Leben.

Ich warf mich mit Mut in die Trennung. Der Übermut heißt Gott. Ich vergaß mich, ich legte meine Macht dahin. Es war nur ein Traum, ein Wirbel im Meer, ein Vorhang vor der Bühne der Toten, schwankend im Zeitwind, von Vergessen umwölkt. Nun ruhen die Falten. Glückselige Insel.

Unendliche Freude. Wehmut dahin. Verklungenes Wort.

In meinem Ohr verrinnt das tausendfach dröhnende Labyrinth.

Einziger Glanz der einträchtig gesammelten Gestirne, dahin, Dämmerung grau und rosenrot. Meine Lider sind geschlossen, auf meinen Wangen ruhen in Weichheit die Wimpern vor dem Erwachen.

Ich stehe, ich ruhe, ich gründe mich fest.

In meinen gefalteten Händen Schloß und Riegel der Ewigkeit.

Die Jahreszeiten wehen vor meinem blinden Lächeln ineinander und rühren nicht an mich.

Ich, der immer lebende Gott der ozeanischen Gestade, überschwebe am Urgrund der Zeit die schwarze Welle. Moa, das Weib, wogt ohne Grenzen, zwischen den Enden der Himmel.

Ich bin Atua.

 

Erstdruck: »Berliner Börsen-Courier« vom 16. 4. 1922.
1923 im gleichnamigen Erzählungsband im Kurt Wolff Verlag, München.

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