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Vielliebchen

Ernst Eckstein: Vielliebchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
titleVielliebchen
authorErnst Eckstein
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeZweiter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectid04acf981
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4.

Vierzig Jahre waren ins Land gegangen. Marie Sanders war unvermählt geblieben, ebenso wie Professor Lotichius, der mehr und mehr der äußeren Welt abstarb, sich ganz in die Tiefen seiner archäologischen Forschung vergrub und nur noch eins pflegte: die merkwürdige Freundschaft zu Feodor. Feodor selbst hatte vor drei Dezennien sich in Glaustädt als Rechtsanwalt niedergelassen, ein hübsches, liebenswürdiges Mädchen geheiratet und etliche Zeit danach die schon lebhaft blühende Praxis durch die seines allzu frühe verstorbenen Vaters vergrößert. Er bewohnte am Nördlinger Tor ein schönes, geräumiges Haus, wo auch die alte Justizrätin, die sich mit ihrer Schwiegertochter genau so kameradschaftlich nett gestellt hatte wie einst mit ihrem lustigen Unterprimaner, ein stilles, beschauliches Heim gefunden. Tante Marie aber war schon bald nach dem Wegzuge des Professors als Gesellschafterin einer entfernten Verwandten auf Reisen gegangen und hatte sich später, um ihrem Tätigkeitsdrang Genüge zu leisten, eine Stellung als Vorsteherin eines Dienstbotenheims geschaffen. Sie schrieb nur selten; dann aber strömte aus ihren Briefen stets der Hauch einer seltsamen Schwermut, die zu der scheinbaren Freudigkeit, mit der sie sich ihrem Beruf widmete, nicht recht passen wollte. Feodor hatte die Angelegenheit mit dem Professor niemals wieder erwähnt. Er kam sich wohl selber dabei etwas beschämt vor. Schließlich, wenn der Professor nicht wollte, zwingen konnte man ihn ja nicht; und es gab ja ganz merkwürdige Menschenkinder, die sich trotz aller Neigung und Sympathie zu keinem Entschlusse aufraffen können, weil sie gleichsam für ein ewiges Junggesellentum prädestiniert sind. Jedenfalls hielt es der ehemalige Liebesvermittler für zweckmäßig, den unangenehmen Zwischenfall totzuschweigen.

Da eines Tages, als Feodor, dessen Bart hier und da schon ergraut war, beim Frühkaffee saß und sich mit seiner gutherzigen Frau über die Schulstreiche seines ältesten Enkels besprach, kam ein Brief aus Bonn, dessen Adresse nicht von Lotichius herrührte. Lorenz, der langjährige Famulus des Professors, machte in diesem Schreiben die traurige Mitteilung, sein teurer Herr sei infolge eines Gehirnschlages plötzlich verstorben. In Anbetracht der ihm bekannten freundschaftlichen Beziehungen des Herrn Rechtsanwalts zu dem Verblichenen habe Lorenz geglaubt, dies ohne Verzug melden zu sollen. Er fügte noch die Bemerkung hinzu, daß der Herr Rechtsanwalt Feodor Merck, wie er, Lorenz, dies aus dem Munde des Verewigten wisse, schon vor Jahren durch letztwillige Verfügung des Herrn Professors zum Haupterben ernannt sei.

Feodor Merck war aufs tiefste erschüttert. Er dankte dem Famulus telegraphisch. Zum Begräbnis konnte er leider nicht abkommen. Doch schickte er einen prachtvollen Kranz aus Efeu, Lorbeer und Immergrün.

Nach Verlauf einiger Wochen begab sich Feodor Merck behufs Antritts der Erbschaft nach Bonn. Er wußte, Lotichius war nicht reich, kaum wohlhabend gewesen. Das hinterbliebene Vermögen mit Einschluß des Mobiliars konnte nur von geringem Wert sein. Auch der literarische Nachlaß hatte wohl nur wissenschaftliche, nicht materielle Bedeutung. Feodor nahm sich vor, mit der Sichtung und Bearbeitung dieser archäologischen Ausbeute einen befreundeten jungen Gelehrten zu beauftragen, falls Lotichius hier nicht anders verfügt hätte. Von den Möbelstücken wollte er einiges zur Erinnerung an sich nehmen, anderes dem Famulus schenken, den Rest aber unter der Hand verkaufen lassen.

Von Wehmut erfüllt, betrat er das Arbeitszimmer des großen Gelehrten und ging hier sofort ans Werk, die Manuskripte und Briefschaften, die wohlverwahrt in den Fächern des alten Schreibtisches lagen, einigermaßen zu registrieren und in Pakete zu schnüren. Er fand da zunächst eine Unmasse von kleinen aufgeklebten Notizen, Exzerpten und fragmentarischen Aufsätzen, alles Vorarbeiten zu dem großartigen Buch »Griechische Plastik«, mit dem Lotichius sich seit Jahren beschäftigt hatte. Außerdem noch fünf oder sechs Monographien, zum Teil beinahe fertig und nur noch einer letzten feilenden Hand bedürftig, zum Teil doch in ihren Grundzügen feststehend, klare, scharf umrissene Entwürfe, die sich dem Meister während der Arbeit an seinem Hauptwerk abgesplittert, zu deren Förderung er indessen nicht Zeit gefunden. Links oben, in einem besonderen Schubfach, ziemlich bunt durcheinander, lagen die Korrespondenzen vieler Jahrzehnte, meist Zuschriften hervorragender Berufsgenossen, dazwischen auch hier und da ein Familien- und Freundesbrief. Feodor nahm diese Briefschaften stoßweise heraus, umschnürte sie und ließ sie dann von dem Famulus einpacken. Zu Hause in aller Ruhe wollte er zusehen, was von diesen meist schon vergilbten Blättern des Aufhebens wert sei, das übrige aber verbrennen. Hier in Bonn, angesichts der verschiedenartigen sonstigen Obliegenheiten, fehlte ihm Zeit und Stimmung.

Nachdem er die Briefe sämtlich herausgenommen, fand er im Hintergrund des Gefaches, von braunem Papier umhüllt, ein etwa handhohes Paket. Er öffnete dieses Paket. Es waren dünne, meist unscheinbar gebundene Notizbücher. Er klappte das oberste auf und las in den festen, klaren Schriftzügen des Professors: »Tagebuch meiner griechischen Reise.« Auf dem Deckel des zweiten stand: »Pompejanische Studien.« Dann auf dem dritten: »Einnahme- und Ausgabeverzeichnis« ...

Mit einem Male glaubte sich Feodor wieder in die Zeit seiner Primanertage versetzt, jener glücklichen Zeit, da Professor Lotichius im Elternhause des Knaben als häufiger Gast verkehrte. Er sah sich wieder in der besonnten Geißblattlaube neben der jugendlich schönen Tante sitzen und dann droben in ihrem traulichen Stübchen, wo sie mit freudeglühenden Wangen ihr liebes Gesicht über den Stickrahmen beugte. Unter dem »Einnahme- und Ausgabeverzeichnis« des Heimgegangenen lag nämlich die Brieftasche, die ihm Tante Marie vor jetzt nahezu einundvierzig Jahren zum Vielliebchen geschenkt hatte. Gleich auf den ersten Blick erkannte Feodor das sehr eigenartige Perlenbild, das er ja damals in der Entstehung mit so großer Aufmerksamkeit verfolgt und sich genau eingeprägt hatte. Das waren die hellgrünen Vergißmeinnichtstauden mit den bläulichen und rötlichen Blumenkelchen, und die seltsam verschleierte Mosaiklandschaft im Hintergrunde. Zu allem Überfluß stellte er auch das Vorhandensein des Perlenstreifens auf der Rückseite mit Datum und Jahreszahl fest. Welch eine mühsame Arbeit war das gewesen! Und wie hübsch und sorgfältig ausgeführt! Noch heute riß sie ihn zur Bewunderung hin, obschon sie ihm ganz eigentümlich altmodisch vorkam und gleichsam verschossen. Aber die zierlichen Perlen hatten doch ganz gewiß nichts an ihrer Farbenpracht eingebüßt. Das Ganze wirkte nur jetzt so fremdartig, so verjährt..

Schwermutsvoll über die Flucht der Zeit nachdenkend, drehte Feodor Merck die Brieftasche langsam zwischen den Fingern. Ein wunderbares Verhängnis, daß diese beiden Menschen so einsam durchs Leben gegangen waren, ohne sich gegenseitig zu finden! Wie Feodor all die Einzelheiten sich ins Gedächtnis zurückrief, mußte er trotzdem seine Auffassung von damals für richtig halten. Der gereifte Mann bestätigte aus innigster Überzeugung die Ansicht des Knaben: Professor Lotichius war von dem Zauber Mariens aufs tiefste berührt worden. Er hatte sie wahrhaft geliebt. Und dennoch war er ohne ein Wort der Erklärung von Glaustädt weggegangen und hatte auch später geschwiegen, bis das verwundete Herz Mariens sich nach und nach auf sich selber zurückzog und endlich dem Leben abstarb ...

Nun, jetzt wohnte ja längst eine selbstgenügsame Ruhe in dem Gemüt der Gealterten. Sie war still und tapfer ihren lichtlosen Weg gegangen und hatte sich allgemach mit diesem Schicksal ausgesöhnt.

Da zuckte ihm plötzlich der Gedanke durchs Hirn: Diese Brieftasche bekommt Tante Marie! Vielleicht gewährt es ihr doch eine Art von Genugtuung, wenn ich ihr sage, wie sorgfältig der Verewigte ihr Geschenk aufgehoben und wie er es gleichsam für sie, die Geberin, hier zwischen den wertvollen Tagebüchern aus seiner Jugendzeit hinterlegt hat.

Er klappte die Brieftasche auf, um zu sehen, ob die mit hellroter Schnur eingehefteten Blätter irgend etwas enthielten, was für ihn von Belang sei. Aber das Ganze schien vollständig unberührt. Wie er die Blätter so zwischen Daumen und Zeigefinger auf- und abgleiten ließ, sah er auch nicht den Schimmer einer Notiz. So wickelte er die Tasche denn sorgfältig ein und schob sie in seinen Rock.

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