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Vielliebchen

Ernst Eckstein: Vielliebchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
titleVielliebchen
authorErnst Eckstein
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeZweiter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectid04acf981
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3.

Während der nächsten Zeit war Marie eifrig damit beschäftigt, an dem Vielliebchengeschenk zu arbeiten. Große, perlengestickte Brieftaschen waren damals sehr in der Mode. Und da eine Brieftasche ihr eine ganz besonders passende Gabe für einen Gelehrten schien, so war sie gleich am folgenden Morgen in das erste Galanteriewarengeschäft von Glaustädt gewandert, um etwas recht Vornehmes und Apartes für den Mann ihrer Neigung auszuwählen.

Das Wetter war trübe und kalt geworden; aber im Herzen Mariens blühte und leuchtete es wie ein sonniger Maimorgen. Sie hatte sich nämlich nach reiflicher Überlegung für einen Plan entschieden... Die Worte, die der Professor in der Geißblattlaube gesprochen, waren ja fast ein halbes Geständnis... Lotichius glich an Scheu und Befangenheit wirklich ein bißchen dem italienischen Dichter; man mußte ihm nachhelfen, so schwer es auch hielt, mit den althergebrachten Anschauungen weiblich-strenger Zurückhaltung brechen zu sollen. Wäre nicht der Rittmeister Scholl dazu gekommen, wer weiß, ob sich nicht alles von selbst gemacht hätte? Die Situation war so günstig, und die Stimmung des liebenden Mannes schien so gehoben! Jetzt aber war dieser Augenblick unwiederbringlich versäumt. Da galt es zu handeln, eh' es zu spät ward.

Ganze Nachmittage lang saß Marie in ihrem Stübchen und stickte, bis ihr die Augen schmerzten. Es waren die kleinsten Glasperlen, die es gab, und ein sehr verwickeltes, schwieriges Muster; aber die fertige Arbeit würde auch eine köstliche Wirkung ausüben. Schlanke, lichtgrüne Vergißmeinnichtstauden, die den Vordergrund bildeten, hoben sich mit ihren blauen und blaßroten Kelchen von dem Hintergrund einer verschleierten Landschaft ab. Das Muster war allerdings nur dann vollständig erkennbar, wenn man es weit von dem Auge entfernt hielt. Aber gestickt würde das deutlicher werden. Und auf jeden Fall gab sich das Ganze als ein wunderbar abgetöntes, farbenglitzerndes Mosaik. Für die Rückseite war ein gleichfalls in Perlen zu stickender Streifen mit der Ausschrift: »Guten Morgen, Vielliebchen!« bestimmt. Unter die Aufschrift kam noch Datum und Jahreszahl. Schon die Mühsamkeit dieser großartigen Perlenarbeit mußte dem teuren Manne verraten, daß die Stickerin ihre sehnende Seele mit einstickte. So beschenkte man nur den einen, dem man mit jeder Faser des Herzens zu eigen war. Und dann...

Flammende Glut stieg ihr ins Antlitz, wenn sie sich dieses »Dann«, das ihren tollkühnen Plan bedeutete, klar ins Bewußtsein rief. Sie schreckte wohl noch für kurze Momente zurück. Aber auch nur für kurze Momente. Sie wußte ja ganz genau, daß ihr nichts anderes übrig blieb, wenn sie nicht etwa die Freundschaftsdienste Feodors in Anspruch nehmen wollte. Vor Feodor aber schämte sie sich; das wäre ihr noch hundertmal peinlicher und demütigender gewesen ... Nein, unter keiner Bedingung!

Feodor, der sich für die Brieftaschenstickerei außerordentlich interessierte, verfolgte mit Genugtuung ihren raschen Fortgang. Doch war er zugleich erstaunt und verstimmt darüber, daß der Professor, der doch sonst häufig genug im Hause vorsprach, all die Tage her nicht das mindeste von sich hören ließ.

»Was ist das nur mit unserem Lotichius?« fragte er, als er sich wieder einmal auf den gepolsterten Rundstuhl neben die Tante setzte, während das junge Mädchen, über den Stickrahmen gebeugt, Perle an Perle reihte. »Weshalb kommt er nicht mehr?«

»Wer kann das wissen!« sagte Marie.

Feodor trommelte mit der Hand auf den Tisch.

»Rätselhaft!« meinte er achselzuckend. »Früher sagte er doch wenigstens mal guten Tag, wenn er in sein Kolleg ging. Jetzt aber macht er, scheint's, absichtlich einen Umweg.«

»Er wird wohl seine Gründe haben,« versetzte Marie ruhig.

Dann schaffte sie weiter, während der Junge stirnrunzelnd hinaus auf die Straße sah. Das Ausbleiben des Professors verursachte ihr keinerlei Unruhe mehr. Sie wußte, in welchem Irrtum er lebte und wie bald dieser Irrtum sich aufklären würde. Sie hatte ja ihren Plan ... Wie sonderbar von Professor Lotichius, sie mit dem Rittmeister Scholl in Verbindung zu bringen, der ihr so vollständig gleichgültig war! Ach, daß einem die liebsten Menschen selbst dann nicht ins Herz sehen können, wenn so viel davon abhängt! Aber Geduld! Sie hatte ja ihren Plan ...

Als Feodor nach etlichen Tagen wieder bei Tante Marie anklopfte, fand er die Tür von innen verriegelt. Das junge Mädchen rief ihm erschreckt zu:

»Wer ist da? Du, Feodor? Ich kann niemand herein lassen, ich bin beim Anziehen.«

»So spät noch?«

»Ja. In einer halben Stunde komm wieder. Ich habe dich dann um etwas zu bitten.«

»Gut! Also in einer halben Stunde!«

Was Fräulein Marie da vom Anziehen behauptete, war eine Notlüge. Sie saß vielmehr in vollständiger Haustoilette vor dem krummfüßigen Pfeilertischchen und schrieb einen Brief ins Reine, den sie vorher mit Anstrengung all ihres Scharfsinnes und Taktgefühls aufgesetzt hatte. Nach langer Mühe war sie mit dem Entwurf zustande gekommen. Der Brief war an Professor Lotichius gerichtet und enthielt, wenn auch nicht das unmittelbare Geständnis ihrer Neigung, so doch Worte und Wendungen, die den Professor über den wahren Sachverhalt nicht im Zweifel belassen konnten. Insbesondere war sein Irrtum bezüglich des Rittmeisters in diesem, Briefe zerstört und die Bemerkung hinzugefügt, einen wie hohen Wert die Briefschreiberin darauf lege, daß gerade er, Professor Lotichius, sich in diesem Punkte nicht täusche. Lotichius mußte, wenn er dies Schreiben las, sofort die Überzeugung gewinnen, seine Werbung würde mit überquellender Herzensfreude angenommen und durch die Liebe eines ganzen Lebens belohnt werden. Und doch hatte Marie es fertig gebracht, dieser Enthüllung jeden Stachel der Unweiblichkeit zu nehmen und das Ganze mehr in dem Licht eines unfreiwilligen Sichverratens, als in dem einer berechneten Kundgebung erscheinen zu lassen.

Nachdem sie die Reinschrift beendet hatte, steckte sie den Brief in ein schmales Kuvert, verschloß es und schob es in die versteckteste Falte der gestern fertig gewordenen Brieftasche.

»Also doch wie die Frau Anselmo Colombis!« dachte sie lächelnd. »Nun denn, in Gottesnamen! Ich konnte nicht anders!«

Nach Verlauf einer halben Stunde kam Feodor.

»Du hast dich ja heute besonders schön gemacht,« sagte er mit einem zärtlichen Blick auf das lichte Alpakakleid. In Wahrheit jedoch war es nicht das Alpakakleid, was diesen Eindruck hervorrief, sondern der unbeschreibliche Hauch banger Glückseligkeit, der auf dem Antlitz des jungen Mädchens wie ein goldrosiger Schein lag.

»Feodor,« sprach Marie ein wenig unsicher, »die Brieftasche ist vollendet. Willst du mir nun den großen Gefallen tun, sie dem Professor Persönlich in seine Wohnung zu bringen?«

»Gern! Was täte ich nicht für meine bildhübsche Tante! Aber laß nun erst einmal sehen, wie sich das Ding macht!«

Er griff danach. Fräulein Marie wehrte ihm ängstlich.

»Ja nicht so anfassen! Das hellgraue Leder ist so furchtbar empfindlich.«

»Na, na, na!« lachte Feodor. »Ich bin doch kein Kind, das mit Obst- oder Honigfingern herumläuft. Aber ganz wie du willst. Ich respektiere dein Heiligtum. Rück es mir selber zurecht! Ich beschaue es mir dann in hochachtungsvollster Entfernung.«

Marie Sanders schob ihm die Tasche hin. Sie hatte rosenfarbiges Seidenpapier daruntergelegt und tat jetzt wirklich, als ob sie selber sich scheute, das Kunstwerk anzutasten.

»Großartig!« sagte Feodor. »Und eine Arbeit...! Na, wenn unser Professor jetzt noch immer nichts merkt...«

»Also du findest mein Geschenk nicht zu geringfügig?«

»Hör mal! Geringfügig! Ein Prachtstück ist's! Geradezu ersten Ranges!« »Nun, das freut mich! Sei jetzt so gut und zünde mir dort mal das Licht an!«

»Ach, du willst es wohl einsiegeln?«

»Natürlich, das schickt sich doch so.«

Sie wickelte nun das Seidenpapier um die Tasche herum und verpackte das Ganze in einen weißen Konzeptbogen, den sie mit etlichen Siegeln und der Adresse versah. Links unten vermerkte sie: »Absenderin – Marie Sanders.«

Mit diesem Paketchen beladen, schritt Feodor nach der Wohnung seines gelehrten Freundes. Da Professor Lotichius abwesend war, nahm die Wärterin, sichere Bestellung verheißend, das Geschenk in Empfang. Noch an dem nämlichen Abend traf ein Kuvert mit einer Visitenkarte von Professor Lotichius ein. Auf der Visitenkarte stand unter dem Namen: – »dankt herzlich für das ausgezeichnet schöne Vielliebchen.«

Dann verstrichen wieder acht Tage, ohne daß Professor Lotichius was von sich hören ließ.

Am neunten erschien er zur landesüblichen Besuchsstunde im schwarzen Gehrock, um sich von der Familie Merck zu verabschieden. Seine Übersiedlung nach Bonn sollte noch um ein paar Wochen früher erfolgen als er vorausgesetzt hatte. Er dankte der Frau Justizrätin – ihr Gemahl war verreist – mit stammelnden Worten für die freundschaftliche Aufnahme, die er in ihrem gastfreien Hause genossen habe, und bat um die Erlaubnis, ihr und ihrer Schwester zum Andenken je eine griechische Gemme überreichen zu dürfen. Dann zog er zwei kleine Olivenholzschächtelchen aus der Tasche, in denen die beiden Gemmen auf lichtblauer Watte lagen, stellte die Schächtelchen halb zugeklappt auf den Tisch und überließ das Weitere, auch die Führung der Konversation, den Damen.

Marie, die seit der Absendung ihrer Brieftasche unausgesetzt zwischen Hoffnung und Trostlosigkeit hin und her geschwankt hatte, glaubte die sonderbar zurückhaltende Art des Professors nicht mehr mißdeuten zu dürfen. Während Frau Merck die sehr kunstvollen Gemmen bewunderte und ihr tiefstes Bedauern über den Weggang eines so werten Freundes aussprach, rief sich Marie mit fiebernder Bangigkeit jedes Wort ihres Schreibens ins Gedächtnis zurück. So streng sie auch richtete: ihr Brief enthielt nichts, was das Feingefühl eines wahrhaft liebenden Mannes hätte verletzen können. Es war also nur eins möglich: Feodor und sie selber hatten sich in der Beurteilung des Professors schmählich getäuscht. Er liebte sie nicht, verstand daher auch nicht ihre Motive und mußte nun diese Zeilen für die empörendste Aufdringlichkeit halten!

Es fiel ihr unendlich schwer, die Viertelstunde, die der Besuch dauerte, in gebührender Selbstbeherrschung zu überstehen. Als Professor Lutichius endlich mit einem traurigen Blick von ihr Abschied genommen, mit einem Blick, den sie als den unwillkürlichen Ausdruck seines Mißvergnügens darüber ansah, daß er sich in der Schätzung ihres Charakters so stark verrechnet hatte, da eilte sie hinauf in ihr Stübchen, warf sich langwegs auf das Bett und weinte zum Herzbrechen. Das Bitterste war ihr vielleicht in diesem Augenblicke der Umstand, daß sie auf Gottes Welt niemand in ihren Gram einweihen konnte. Selbst Feodor, der doch in anderer Beziehung ihr Mitwisser war, durfte von diesem Brief nichts erfahren. O, wie sie in ihrer hellen Verzweiflung den Knaben haßte, der ihr die unsinnige Anekdote von Anselmo Colombi erzählt hatte! Ihr erster Instinkt hatte doch recht behalten! Jede Unweiblichkeit, selbst wenn sie sich in das zarteste Kleid hüllte, strafte sich selbst. Ohne diesen abscheulichen Brief wäre ihr Leben zwar lichtlos und arm geblieben, aber doch nicht so im innersten Kern gebrochen! Jetzt, so schien es, fehlte ihr jeder Halt, jegliche Fähigkeit, ihr elendes Dasein noch weiter zu schleppen. Sie entbehrte jetzt nicht nur der Liebe, sondern sie hatte bei all ihrer Qual auch noch die Achtung des Mannes verloren, des einzigen Mannes, an dessen Achtung ihr wahrhaft gelegen war.

Und sie weinte, weinte, bis ihr in bleiernem Schlafe die Sinne schwanden. – – –

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