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Vielliebchen

Ernst Eckstein: Vielliebchen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
titleVielliebchen
authorErnst Eckstein
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeZweiter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectid04acf981
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1.

Über dem altfränkischen Hausgarten lag die Septembersonne. Ein sechzehnjähriger Knabe, das kluge hübsche Gesicht leuchtend vor Übermut und quellender Jugendlust, schritt nach der Geißblattlaube, wo ein schlankes, wunderschönes zwanzigjähriges Mädchen auf der hellgrün gestrichenen Bank saß und ein Buch in der Hand hielt.

»Störe ich?« fragte er eintretend.

Die junge Dame sah auf. »Ach, du bist's, Feodor?«

»Ja, ich, Tante Marie! Erwartest du sonst wen?«

»Das nicht,« versetzte Marie Sanders. »Aber ich dachte, du hättest noch Schularbeiten...«

»Das eilt nicht, Tante. Erst kommt das Wichtigere. Ich lauere nämlich seit ein Paar Tagen schon auf eine gute Gelegenheit, dich einmal ganz unter vier Augen zu sprechen.«

»So? Das klingt ja beinahe feierlich.«

»Es ist auch feierlich. Aber dabei auch ein bißchen komisch. Vielleicht lachst du mich aus.«

»Du machst mich neugierig. Setz dich da einmal her und sprich frei von der Leber weg!«

»Tante, ich muß dir etwas Merkwürdiges mitteilen. Unser Professor ist sterblich in dich verliebt.«

Das schöne blonde Mädchen errötete. »Unsinn! Wie kommst du darauf?« »O, das ahnt mir schon seit geraumer Zeit. Neulich jedoch ist mir die Sache zur vollen Gewißheit geworden. Und, bei Lichte besehen, ist es ja doch wohl gerade kein Wunder. Ich bin zwar der Sohn deiner Schwester, aber ich muß dir trotzdem das ehrliche Kompliment machen: Du bist das reizendste, liebenswürdigste Mädchen, das ich mir denken kann.«

»Herr Gott, Junge, was schwatzest du da alles zusammen? Wie alt bist du jetzt?«

»Im April werde ich siebzehn. Da hab' ich wohl schon ein Urteil über dergleichen. Also Professor Lotichius liebt dich zum Närrischwerden. Du in deiner Naivität merkst das natürlich nicht. Ich aber habe ihm tief in das Herz geblickt. Selbstverständlich ohne daß er es weiß. Er in seiner Mutlosigkeit möchte das ja geheim halten. Große Gelehrte sind auf diesem Gebiet oft wie die Kinder. Und er ist doch einmal ein Archäologe ersten Ranges, trotz seiner achtundzwanzig Jahre. Das sagte erst heute noch unser Klassenführer...«

»Ich bitte dich, Feodor...«

»Tu nur nicht gleich, als ob du mich fressen wolltest! Ich bin ein Gemütsmensch. Ich halt' es für meine Pflicht, da den Mund aufzutun, wo nur ein törichter Mangel an Selbstvertrauen das Glück zweier Menschen bedroht. Lotichius in seiner blöden Bescheidenheit bildet sich ja natürlich ein, Marie Sanders, die Vielumworbene, wie Homer sagen würde, die allgefeierte blonde Schönheit, sei hundertmal zu schade für ihn.«

»O!« fuhr Marie heraus. »Ich weiß,« lächelte Feodor altklug, »du teilst diese Anschauung nicht. Würde ich denn dies Thema berührt haben, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß meine schöne Tante im stillen ebenso heiß für den Professor schwärmt wie er für sie?«

»Nun hört aber alles auf! Wenn du dich je unterstehst ....«

»Ich wiederhole dir, blondrosiges Tantchen: Du brauchst gar nicht so wild zu werden! Selbstverständlich bleibt das alles ganz unter uns. Diskretion Ehrensache! Aber die Wahrheit läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Meinst du, ich wüßte nicht, daß du vorhin geglaubt hast, es wäre Professor Lotichius, der auf die Laube zuschritt? Tantchen, Tantchen! Du hast ja keinen andern Gedanken mehr!«

»Junge, du machst mir ordentlich angst!«

»Nicht wahr? Der geborene Menschenkenner! Der zukünftige Jurist, wie er im Buche steht! Aber damit du auch siehst, wie ich bei Lotichius zu Werke gegangen bin, um gravierende Indizien zu sammeln, und damit du befähigt wirst, dir selber ein Urteil zu bilden, höre mir nur einen Augenblick zu! Willst du?«

»Was kann ich machen? Du überrumpelst mich ja ....«

»Item, es war am verflossenen Montag, als ich mit unserm Professor den Gang in den Haßwald machte. Na, da hab' ich denn also expreß von dir angefangen. Ich habe ihm vorgeschwärmt, du kannst dir nicht vorstellen wie – und dein Loblied geblasen in allen Tonarten. Da hättest du sehen sollen, wie das unwiderstehlich auf ihn einwirkte! Er ahnte ja nicht, daß mein fanatischer Hymnus Absicht war. Zunächst hat er in allen, selbst in den übertriebensten Punkten mir zugestimmt, und zwar so eigentümlich bewegt, daß man schon ganz hätte vernagelt sein müssen, um nicht das leidenschaftlich pochende Herz deutlich herauszuhören. Ich bitte dich, laß mich nur ausreden! Du denkst wieder, ich hätte dich kompromittiert? Ganz und gar nicht! Ich stellte das alles so hin, als fühlte ich selber den Drang, meiner Begeisterung für dich einmal gründlich Luft zu schaffen, als sei ich selber ein wenig in dich verknallt, wie das ja auch wirklich der Fall ist. Bei Gott, süßes Tantchen, wäre ich zehn Jahre älter, ich wüßte mir was Gescheiteres, als einem andern so voll Inbrunst das Wort zu reden...«

Er schlang ihr heftig den Arm um den Hals und drückte ihr einen sehr unerwarteten stürmischen Kuß auf die Wange.

»Du bist heute rein des Teufels?« wehrte das junge Mädchen.

»Durchaus nicht. Als Neffe hab' ich das Recht, meine Tante zu küssen. Kann ich dafür, daß du erst zwanzig zählst? Aber nun hör' mich weiter! Nachdem der Professor mir so warmherzig beigestimmt hatte, fügte er noch aus eigenem Vorrat ein Paar Sätze hinzu, die ich dir eigentlich in Goldlettern auf feinstem Velinpapier überreichen sollte. Er sagte zum Beispiel: ,Fräulein Marie ist in der Tat ein liebenswürdiges, reichbegabtes Geschöpf und vom edelsten Streben erfüllt.' – Siehst du, das kommt davon, daß du soviel Interesse für seine altgriechischen Götter bekundet hast! Dir liegt ja natürlich weit weniger an diesen Göttern als an ihm selbst ...«

»Erlaube einmal...«

»Sei nur ganz ruhig! Darin hab' ich ein sehr unbefangenes Urteil. Und ich will dir noch etwas sagen. Die auffallende Freundschaft des Professors für mich wurzelt eigentlich nur in der Tatsache, daß er bemerkt hat, wie gut wir zwei, du und ich, miteinander stehen ...«

»Da tust du ihm unrecht. Das wäre ja schnöde Berechnung.«

»Nein, das ist unbewußt. Neulich las ich im Molière, daß ein Verliebter sogar Sympathie für den Hund seiner Flamme empfindet. Da ich als Neffe doch um etliche Stufen höher stehe...«

Marie mußte trotz ihrer Aufregung lachen. Dann sagte sie ernsthaft: »Ich fürchte, du bist doch unvorsichtig gewesen. Es war nicht recht, Feodor...«

»Weshalb nicht? Ich wollte mir doch Gewißheit verschaffen. Ich bin ein Gemütsmensch; ich kann zwei liebende Herzen nicht so trostlos verschmachten sehen. Und, wie gesagt: alles mit diplomatischer Feinheit! Am Schluß hab' ich denn recht heimtückisch vor mich hingemurmelt: ,Ja, ja, der Mann, der Tante Marie mal heiratet, wird's gut bekommen.' Da ist er ganz blaß geworden – ich sage dir, blaß wie hier deine Batistbluse – und hat beinahe kläglich durch die zuckenden Lippen gehaucht: ,Unzweifelhaft!' Hiernach lenkte er mit aller Gewalt das Gespräch auf ein anderes Thema. Aber die Blässe seines guten, treuen Gesichts und der klägliche Ton seiner Stimme hat eine Weile noch vorgehalten. Ich merkte sehr wohl: er hatte im Geist einen blendenden Kavalier erblickt, der dich glückstrahlend zum Altar führte. Etwa den Rittmeister Scholl. Kurz, die Sache ist klar und der Indizienbeweis vollständig erbracht. Die Geschworenenbank erklärt Herrn Professor Lotichius der leidenschaftlichsten Liebe zu Fräulein Marie Sanders einstimmig für schuldig.«

Marie holte tief Atem. »Ja, mein Gott,« sagte sie stirnrunzelnd, »ich verstehe noch immer nicht recht, was du denn eigentlich willst.«

»Nicht? Bist du schwer von Begriff! Als zukünftiger Rechtsanwalt möchte ich jetzt schon den achtungswerten Beruf üben, das Verworrene zu schlichten und alles recht hübsch ins Gleiche zu bringen. Ich sehe doch, wie meine Worte dein zwanzigjähriges Herz aufgewühlt haben. Und da du nun gar keinen besseren, lieberen, edleren Mann kriegen kannst als den Professor, so will ich durch meinen verwandtschaftlichen Rat darauf hinwirken, daß du ihm deine Liebe ein wenig zeigst und seinem schwachen Mut auf die Beine hilfst.«

Marie blickte zu Boden.

»Ich weiß nicht, wie ich mir vorkomme,« sprach sie in banger Verlegenheit. »Du halbwüchsiger Junge mischest dich da in Dinge, die doch meilenweit über deinen Gesichtskreis hinausgehen. Warum bleibst du nicht bei deinem Sophokles...«

»Auch im Sophokles kommt was von Liebe vor. Und ich kann ja doch nun einmal nichts dafür, daß mein Herz für euch beide in so bewundernder Sympathie und Freundschaft entbrannt ist. Es lebt was in mir, das mir unausgesetzt zuruft: ›Ebne den zweien den Weg!‹ Und sag mal selbst: der Professor als Onkel – wäre das nicht eine großartig schöne Errungenschaft für die Familie? Lotichius steht bereits im Konversations-Lexikon.«

Marie zog plötzlich ihr Taschentuch und fing an zu weinen.

»Was hast du nur, Tantchen?«

»Ich schäme mich, daß ich so etwas von dir anhören muß.«

»Ach, das glaube ich nicht! Du weinst nur vor Glückseligkeit, weil ich dir eine so frohe Botschaft gebracht habe.«

»Feodor,« hub sie nach einer Weile an und ergriff seine Hand, »du bist wirklich älter als deine Jahre – und leider besitze ich nicht das Talent, zu heucheln. Wenn du's denn weißt – gut! Ich gebe dir's zu: Professor Lotichius ist mir nicht gleichgültig. Aber noch weniger gleichgültig ist mir mein Ruf und mein weiblicher Stolz. Du gibst mir dein Ehrenwort, daß du von dem, was ich jetzt eben gesagt habe, nie das geringste verlauten läßt! Das sähe doch aus ... Wahrhaftig, der Gedanke wäre mir furchtbar. Also die Hand darauf, daß du mich nie wieder bei dem Professor erwähnst, geschweige denn gar von dem redest, was du so aus mir herausgefragt hast. Versprich mir das, oder, bei Gott, es geschieht ein Unglück!«

Feodor blickte ihr staunend in das erregte Antlitz.

»Gut,« sagte er zögernd. »Wenn du's denn absolut haben willst. Aber im Grunde seh' ich nicht ein...«

»Dein Ehrenwort!«

»Ja, ja, mein Ehrenwort! Du hast es in aller Form! Aber du wirst mir gestatten, daß ich zu deiner Forderung nachträglich eine Bemerkung mache. Ich sehe nämlich durchaus nicht ein, inwieweit es dich kompromittieren könnte, wenn er's erführe, daß du ihn lieb hast. Sieh mal, er ist in gewisser Beziehung ein Unikum. Er bildet sich ein, daß er der unscheinbarste, häßlichste Mensch unter der Sonne ist...«

»Das ist ja unmöglich!«

»Doch. Es ist so! Und das macht ihn so über die Maßen schüchtern, so ungewandt – wie soll ich nur sagen? Ich wette, Lotichius hat in Herzensangelegenheiten nicht einmal die Erfahrungen eines Primaners. Jedenfalls hält er es für undenkbar, daß ein Geschöpf wie du, so schön, so gefeiert, so vornehm, sich auch nur im entferntesten für seine Persönlichkeit interessieren könne. Vielleicht ein wenig für seine Forschungen, aber doch niemals für ihn selbst. Da fände ich es nun ganz in der Ordnung, wenn man ihm diese Tatfache, die er nicht zu erhoffen wagt, irgendwie zu Gemüte führte. Neulich hab' ich erst noch gelesen, wie der berühmte italienische Dichter Anselmo Colombi zu seiner Frau kam...«

»Wie denn?«

»Nun, der war auch so ein schüchterner Herr. Monatelang hat er geschmachtet, und jedesmal, wenn die Gelegenheit da war, an seine Flamme das entscheidende Wort zu richten, war er wie auf den Mund geschlagen. Bis dann einmal das kluge junge Mädchen, das später Frau Dichterin werden sollte, ihm bei einem solchen Tête-a-tête mütterlich sanft in die Augen sah und ihn fragte: ›Nicht wahr, Herr Doktor, Sie möchten mich heiraten?‹ Und Anselmo Colombi sank der freimütigen Jungfrau mit einem aufjauchzenden Ja in die Arme. Siehst du, aus dieser später sehr glücklichen Ehe wäre nie was geworden, wenn sich das junge Mädchen auf den Standpunkt gestellt hätte: Es ist unweiblich, in solchen Dingen die Initiative zu ergreifen. Es handelt sich ja gar nicht um die Initiative – denn die hat er ja längst innerlich selbst ergriffen –, sondern nur um das erlösende Wort, Na, du weißt nun, wie du daran bist! Leb wohl und überlege dir, was du zu tun hast! Ich denke nicht daran, gegen deine Erlaubnis Schritte zu tun. Aber wenn du zur Einsicht gelangst, daß die Vermittlung eines geistvollen Jünglings ihre Vorzüge hat, dann, liebes Tantchen, steh' ich dir jederzeit zur Verfügung.«

Er lachte, strich ihr zärtlich über das blonde Haar und trat in den Garten hinaus, wo rechts und links unter den halb gefärbten Bäumen die Astern und Georginen leuchteten. Dann verschwand er im Hause.

Marie Sanders blieb nachdenklich bei ihrem Buche zurück. Sie konnte nicht weiter lesen. Ja, sie liebte den ernsten, klugen, dabei so weichen und gütigen Mann mit der ganzen Unwiderstehlichkeit einer ersten Leidenschaft. Und was Feodor ihr erzählt hatte, war in der Tat eine frohe Botschaft für sie; denn bis jetzt hatte sie immer noch heimlich daran gezweifelt, daß ihre Liebe erwidert sei. Die neue glückverheißende Lage flößte ihr aber zugleich eine wühlende Unruhe ein. Sie fühlte, daß Feodor den Professor nur zu richtig beurteilte. Dieser scheue, zaghafte Mann würde ohne Aufmunterung die entscheidende Frage niemals über die Lippen bringen. Diese Aufmunterung jedoch, gleichviel in welcher Form, widerstrebte ihr. Die Anekdote von dem Dichter Colombi klang in ihr nach. Sie rief sich jedes Wort Feodors ins Gedächtnis zurück. Nein! Bei aller Glut ihres Herzens würde sie doch niemals imstande sein, ihr weibliches Zartgefühl so sehr zu vergessen. Das war völlig undenkbar.

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