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Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band

Victor Hugo: Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band - Kapitel 96
Quellenangabe
typepoem
authorVictor Hugo
titleVictor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (Adolf Benedict.)
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke
volumeZwanzigster Band
printrunDritte revidirte Auflage
year1860
firstpub1822
translatorLudwig Seeger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071129
projectid17f45d6e
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III.

Die Köpfe des Serail.

Der Dichter glaubte diese Ode wieder abdrucken zu sollen in der Gestalt, wie sie im Juni 1826 gedichtet und veröffentlicht worden war, zur Zeit des Falls von Missolunghi . Man muß sich, wenn man sie jetzt liest, erinnern, daß damals alle Journale Europa's den Tod des Kanaris meldeten, der in seinem Brander vor der Stadt, der er zu Hülfe kommen wollte, durch eine türkische Bombe erschlagen worden sei. Glücklicherweise war die traurige Nachricht damals falsch und wurde widerrufen.

O horrible! O horrible! most horrible!

Shakespeare, Hamlet.

I.

Der schwarze Dom der Nacht mit seinem Sternenheere
Beschaute ruhig sich im spiegelglatten Meere,
Das schöne Stambul, mit verschleiertem Gesicht,
Schien, schlafend an dem Rand des Golfs, des funkenhellen,
Umstrahlt von Sternenglut am Himmel, in den Wellen,
  Zu ruhn in einem Meer von Licht.

Man glaubt die Stadt zu sehn, die stille, wo im Blauen
Nachtgeister lustige Paläste sich erbauen,
Schaut man die Harems, wo Langweil' und Gram nur wohnt,
Die blauen Dome, blau, dem Himmel gleich, dem reinen,
All die Halbmonde, die ein leiser Abglanz scheinen
  Des Halbmonds, der am Himmel thront.

Leicht kann das Auge die scharfkantigen Thürme sehen,
Der Häuser plattes Dach, die Spitzen der Moscheen,
Den maurischen Balkon mit blumigem Gewind,
Und hinterm Gitter wohl versteckt die Fensternischen,
die goldnen Schlösser, auf der Stirn, gleich Reiherbüschen,
  Palmbäume, wiegend sich im Wind;

Die weißen Minarets mit ihren blanken Spitzen; –
So mag von Elfenbein wohl eine Lanze blitzen, –
Bemalte Kioske, dort Leuchtthürme, strahlend, schlank,
Und dort auf dem Serail, das Mauern hoch umkränzen,
Die Kuppelreihn von Zinn, die durch das Dunkel glänzen,
  Wie Riesenhelme, spiegelblank.

II.

Ja, das Serail! ... Es schwimmt heut Nacht in wilder Freude;
Beim Klang des Tamburins, auf Teppichen von Seide,
Drehn die Sultanen sich in Sälen, flammend schier;
Wie Fürsten, deren Haupt Gold und Juwelen krönen,
So prangt es heute stolz vor des Propheten Söhnen, –
  Sechstausend Köpfe, – welche Zier!

Erloschnen Auges, bleich, schwarzlockig auf den Zinnen
Gereiht sind Köpfe rings, von welchen Tropfen rinnen
Auf Rosen und Jasmin, die blühend stehn und dicht;
Und traurig, wie ein Freund, ein Tröster, kommt gegangen
Der Mond, der Todten-Stern, auf blutig blasse Wangen
  Wirft er sein mildes blasses Licht.

Hoch vom Serail, vom Thor mit dem arabischen Bogen
Herunterschauen Drei, von schwarzen Kräh'n umflogen,
Drei Köpfe, die das Schwert des Mörders plötzlich traf,
Der Erste, scheint's, erlag in heißen Kampfesnöthen,
Der Zweite, während sich der Mund bewegt' im Beten,
  Der Dritte fiel im Todesschlaf.

Indeß die Wachen, starr, wie sie, ans Thor sich lehnen,
Mit stieren Blicken um sich schaun und schläfrig gähnen,
Thun auf die Lippen die drei Köpfe an der Wand,
Es glich ihr Wort dem Sang, den man wohl hört im Traume,
Dem Winde, dessen Hauch entschläft am Waldessaume,
  Der Flut, verhallend leis am Strand.

III.

Erste Stimme.

»Wo bin ich denn? ... Wo ist mein Brander? – Fort! – Ans Steuer!
Eilt, Missolunghi raucht, eilt, Brüder, schaut das Feuer!
Die Türken stehn am Wall, sie stürmen, dringen ein!
Zur fernen Heimath jagt die Türkenschiffe wieder,
  Und meine Fackel soll, ihr Brüder,
Ein Leuchtthurm Euch, ein Blitz, der trifft, den Feinden sein!

Stoßt ab! – Lebwohl, Korinth, du Cap, des Sturmes Wiege,
Du Meer, wo jeder Fels sich nennt nach einem Siege,
Du Archipel, besät mit Klippen, süße Pracht,
Ihr schönen Inseln, die des Frühlings Genien hüten,
Die ihr bei Tag erscheint wie Körbe, voll von Blüten,
  Wie duftge Vasen in der Nacht.

Mein stolzes Vaterland, du Sparta, neu erblühend
In Freiheit, Hydra, kühn und kühne Lieder sprühend,
Matrosenstadt, von Mast und Segeln überragt,
Lebwohl, ich liebe dich, du Hoffnung der Hellenen,
  Du grüner Strand, bethaut von Thränen,
Ihr Felsen, die der Blitz zerschlägt, die Flut benagt.

Ist Missolunghi frei, und kehr' ich in mein Eiland,
Dann eine Kirche bau' ich unserm Herrn und Heiland,
Und fall' ich, sink' ich in die schwarze Nacht hinab,
Eh, theure Heimath, ich gebrochen deine Bande,
Bringt meine Asche dann zur Ruh' im freien Lande,
  Grabt mir im Sonnenschein mein Grab.

Ha, Missolunghi! – Jagt hinaus die Türkenrotte,
Kamraden, aus den Forts, und aus der Bucht die Flotte,
Das Schiff des Admirals verbrenne, wer es trifft.
Die Brander rüstet, spitzt ihm seiner Krallen Schärfe;
  Und wenn ich auf sein Schiff mich werfe,
Dann meinen Namen schreib' ich drauf mit Flammenschrift.

Sieg, Freunde, Sieg! ... O Gott, auf meinen leichten Nachen
Fällt eine Bombe, Deck und Diel' und Balken krachen ...
Er kreist, er bricht, thut auf der salzgen Flut den Schlund!
Ich schrei umsonst, indem die Wogen mich umwinden,
Lebt wohl, mein Leichentuch werd' ich im Seegras finden,
  Mein sandiges Bett im Meeresgrund.

Doch nein! – Wach' ich denn nicht? – Vor'm Auge welch ein Nebel!
Welch grauser Traum! ... Es fehlt mein Arm dem krummen Säbel!
Welch schwarzes Grau'n um mich? Traf mich ein Donnerkeil?
Was hör' ich? ... Lieder? ... Kommt der Ton aus Frauenkehlen?
  Sind's Stimmen abgeschiedner Seelen?
Bin ich im Himmel? ... Blut? ... Was seh'ich? ... Das Serail!«

IV.

Zweite Stimme.

»Ja, Kanaris, das ist's! – Schau her nach meinem Haupte,
Das aus dem Sarg zum Fest die Wuth der Türken raubte,
Sie haben bis ins Grab verfolgt den Botzaris,
Sieh diese Knochen, die sie nahmen weg gleich Dieben,
Den Rest, der noch von ihm dem Sultan überblieben,
  Den ihm der Wurm des Grabes ließ.

Das Grab von Markos Bozzaris, dem Leonidas des modernen Griechenlands, befand sich in Missolunghi . Man sagt, die Türken hätten es geöffnet, um den Schädel des Helden dem Sultan zu schicken.
Uebrigens wird das Grab durch eine französische Hand restaurirt werden. Wir haben im Atelier unseres großen Bildhauers eine Statue von weißem Marmor gesehen, die für das Mausoleum des Markos Bozzaris bestimmt ist. Es ist ein junges Mädchen, halb liegend auf dem Grabstein, die mit dem Finger die große Inschrift entziffert: BOZZARIS. Man kann kaum etwas Schöneres sehen, als dieses Bild. Es ist großartig wie Phidias und Fleisch wie Puget . Wie mehrere andere hervorragende Männer der Zeit, Maler, Musiker, Dichter, so steht auch David an der Spitze einer Revolution in seiner Kunst. Das Werk geht allseitig seiner Vollendung entgegen

Ich schlief in meinem Grab, als mich der Ruf erweckte:
»Helft! Missolunghi fällt!« – Ich hob mich halb, ich reckte
Mein Ohr, ein wilder Lärm drang bis in meine Nacht,
Von Ferne hört' ich der Kanonen dumpfes Grollen,
  Verworrnes Rufen, Wagenrollen,
Gestampf und Waffenklang und wilden Lärm der Schlacht.

Ich hör' im Kampf, der tobt um Wall und Kasematten,
In allen Straßen schrein: »Erschein', o edler Schatten
Des Botzaris und steh' den armen Griechen bei!«
Um zu entkommen, hab' ich meine armen Knochen
An meinem Leichenstein vergebens mir zerbrochen,
  Und dennoch rang ich mich nicht frei.

Da glühte plötzlich, ein Vulkan, der Grund und bebte ...
Dann Alles still ... Vor'm Aug', ins Jenseits schauend, schwebte
Mir sichtbar, was noch nie lebendige Augen sahn;
Aus Erd' und Meer und Glut in Schwärmen, nicht zu zählen,
  Entflohn auf einmal arme Seelen,
Und stürzten tief hinab und flogen himmelan.

Die Türken plünderten mein Grab, ihr Haß gesellte
Zu Euren Häuptern auch das meine, das entstellte,
In des Tartaren Sack warf man sie ohne Wahl.
Und mein geköpfter Leib empfand ein süßes Beben,
Ich glaubte für das Kreuz und Griechenland mein Leben
  Zu opfern noch ein zweites Mal.

Verlassen nun einmal hat uns das Glück der Waffen!
Des Schwertes Ernte will der Türke sich begaffen,
Der feige Sklav, drum rührt ganz Stambul sich und kreist.
Und unsre Köpfe, hier verhöhnt am ekeln Hause
  Der Sünde, dienen nur zum Schmause
Dem Sultan ohne Scham, der mit den Raben speist.

Sieh unsre Helden all: Kostas, den Palikaren;
Christo, vom Berg Olymp; Hellas mit seinen Schaaren;
Kitzos, einst Byron's Freund, der sang so kühn, so hell;
Der Sohn des Hochgebirgs, der unsres Volkes Stöhnen
Vernommen, Mayer, der des Thrasybulos' Söhnen
  Gebracht den Pfeil des Wilhelm Tell .Ein Freiwilliger aus der Schweiz, Redakteur der »Hellenischen Chronik,« gestorben in Missolunghi .

Doch diese Todten hier, die Niemand kennt, die rohen
Plattschädel, angereiht den Stirnen der Heroen,
Sind Türken, sind der Brut des Eblis zugezählt,
Gesindel, das vorm Schwert sich bückt, und dem das Leben,
  Das hündische, man nimmt, wenn eben
Noch an der blut'gen Zahl ein Kopf dem Sultan fehlt.

Dem Minotaurus gleich in unsern alten Sagen
Ist nur ein Einz'ger, der sich läßt das Mahl behagen,
Das Mahl, vom Volk begafft, – von uns die Reste hier;
Die andern Zeugen, die das Gräuelfest besuchen,
Die stummen Henker dort, die häßlichen Eunuchen, –
  Die, Freunde, die sind todt wie wir.

Welch ein Geschrei? ... Es ist die Stunde, wo, – o Grauen! –
Er unsre Töchter raubt, die Schwestern und die Frauen,
Die frische Blüthe welkt, weht sie sein Gifthauch an;
Der Kaisertiger brüllt vor Lust, und seine Beute,
  Dort unsre Jungfrau'n zählt er heute, –
Nachts, – unsre Köpfe zählt am Tag er morgen dann.«

V.

Dritte Stimme.

Joseph, der Bischof, grüßt Euch, meine lieben Brüder!Joseph, Bischof von Rogus, gestorben in Missolunghi wie ein Priester und wie ein Krieger.
Ja, Missolunghi fiel! Durch Hunger wollt' es nieder
Nicht sinken, fallen nicht entwürdigt und geschwächt;
Und fiel es, sollten auch die Türken nicht entlaufen,
Die Fackel legt' es selbst an seinen Scheiterhaufen,
  Und sterbend hat es sich gerächt.

Schon zwanzig Tage war die Stadt in schweren Nöthen,
Ich rief: »Kommt Alle, Volk und Heer, und laßt uns beten,
Wir sagen uns Lebwohl beim Brot, das Gott bescheert,
Empfangt aus meiner Hand die höchste aller Gaben,
  Die einz'ge Kost, die wir noch haben,
Die unsre Seelen speist und heiligt und verklärt.

O welch ein Abendmahl! Da kamen sie, die Blassen,
Und suchten mit dem Mund die Hostie zu erfassen,
Soldaten, muthig noch, doch abgezehrt, gebeugt,
Frau'n, Greise, Mädchen, die zum letzten Mal sich grüßten,
Und Mütter, wund und siech, mit Kindern an den Brüsten,
  Mit Blut, ach, statt mit Milch gesäugt.

So kam die Nacht. Man ging. Doch drangen bei dem Schimmer
Des Monds die Türken ein auf Leichen und auf Trümmer,
Und meine Kirche that sich aus dem wilden Zug;
An dem Altar, den sie zertrümmert, abgeschlagen
  Ward mir das Haupt ... ich kann nicht sagen,
Wer mit dem Schwert, indem ich betete, mich schlug.

O Brüder, Mahmud, – schenkt ihm eine Mitleidszähre! –
Ist Gott und Menschen Feind durch seine blutge Lehre,
Verschlossen ist sein Blick dem milden Himmelslicht.
Mit blut'gen Schädeln ist umkränzt des Sultans Krone,
Und sicher darum sitzt er doch nicht auf dem Throne: –
  Vielleicht er ist so grausam nicht.

Der Unglückselge! – Stets von Schrecken rings umgeben,
Zum Fluche macht er sich sein ödes Erdenleben,
Kaum, daß der Abend sich für ihn vom Morgen trennt;
Langweile kennt er nur! ... Als Götzen auf der Erde
  Verehrt ihn seine Sklavenheerde,
Des Spahi's Peitsche sorgt, daß stets der Weihrauch brennt.

Euch blüht die höchste Lust, Ihr strahlt im hellsten Lichte,
Besiegt hienieden nennt Euch Sieger die Geschichte,
Gott sieht auch am Serail auf Euch mit Huld herab,
Nie, selbst in fernster Zeit, wird Euer Ruhm erbleichen,
Ein Siegesmonument, ein Denkmal ohne Gleichen
  Sind Eure Häupter ohne Grab.

Beneiden müssen uns die Apostaten! – Schande
Dem Christen, der zerriß der Taufe heilge Bande,
Vergeblich schrieb man einst ihn in das Lebensbuch.
Er darf zum Himmel nicht, in dem wir wohnen, ziehen,
  Ein Gift ist, aus dem Mund gespieen,
Sein Name, und man nennt ihn nur mit einem Fluch.

Und du, o christliches Europa, unsre Klagen
Erhöre! Haben nicht für uns sich einst geschlagen
Der heilge Ludwig und der Ritter tapfre Reihn? –
Wähl' endlich, wem die Welt sich soll zu Füßen legen,
Dem Heiland und dem Kreuz, – dem Omar und dem Degen,
  Dem Turban oder Heilgenschein?«

VI.

Ja, Bozaris, Joseph und Kanaris, vernehmen
Wird Eure Stimme sie, ihr tapfern, heilgen Schemen,
Sie wird das Zeichen sehn, das an der Stirn Euch glänzt.
Anstimmend einen Sang des Sieges und der Reue
Zur Laut' und Harfe singt Hellas, das alt' und neue,
Von Eurem Doppelruhm, der Euer Haupt umkränzt:

»Ja, Ihr seid Heilige, Halbgötter und Bekenner,
Erhabne Dulder und die Tapfersten der Männer,
Vor Allen glänztet Ihr im Kampf durch hohen Muth.
Geschändet haben sie Euch noch im Todtenbette!
Einst bei Thermopylä, dann auf der Schädelstätte, –
Ja Euer Blut, so oft es floß, war Opferblut.

Ha, wenn Europa nicht, anstatt zu wimmern, handelt,
Bis zum Serail den Pfad, den Ihr ihm zeigt, nicht wandelt,
Nur Fluch und Unheil ist's, was sie sich selbst dann sät.
Du Seemann, Priester und Soldat, ihr Tapfern, Frommen,
Im Himmel seid Ihr, im Olymp seid Ihr willkommen,
Du Helden-Dreigestirn, Märtyrer-Trinität!

Juni, 1826.

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